
Der alte Mann
von René Walter
Alles, was ich von ihm wusste war, dass täglich eine Fuhre Essen auf Rädern vor seinem Haus hielt, dass er eine süße Altenpflegerin beschäftigte, die mir morgens ab und zu auf meinem Weg zum Zuge fröhlich entgegengrienste und dass er recht selten Besuch bekam, aber wenn, dann in Massen. Mindestens 15 Menschen versammelten sich dann vor seinem Haus, begleiteten ihn auf einem seiner Spaziergänge und kleine Kinder tollten um den Trippelschritt des alten Mannes.
Er hat Glück gehabt, der alte Mann. Seine Familie besuchte ihn immer noch ab und zu, er hatte eine geile Blondine zum anschauen täglich um sich, er besaß ein eigenes Haus und das Essen wurde ihm täglich geliefert.
Die Mutter meines Vaters starb bei uns im Haus, meine Eltern pflegten Sie bis zu ihrem Ende im Nebenzimmer meines Zimmers, nachdem sie bei einem Schlaganfall zum Pflegefall wurde. Selbstverständlich konnte ich als Kind nicht allzuviel mit einer sterbenden Frau im Nebenzimmer anfangen und damals empfing ich kaum Besuch zu Hause und war auch sonst ein ziemlicher Sonderling, was mich nicht gerade zum beliebtesten Typen der siebten Klasse machte. Eine schwere Zeit musste da überwunden werden und die lag dann auch nach zwei Jahren, einer wiederholten Klasse, meiner ersten Freundin und einer toten Großmutter endlich hinter mir. Ob ich diese Oma liebte? Sagen wir es so: sie beschimpfte meine Mutter als ?Schlampe? und mästete meinen Vater und wollte meine Zuneigung mit Geldscheinen erkaufen, die ich nur zu gerne annahm. Gegeben habe ich ihr nichts dafür.
Meine Oma mütterlicherseits starb mit 93 Jahren. Sie schlief ein und wachte nicht mehr auf, was sie insgesamt rund eine Woche im Krankenhaus und das Leben kostete und als ich sie dort, sah ich nicht meine Oma - die noch 10 Jahre zuvor 20 Kilometer zu unserem Zuhause gelaufen war, einfach weil ihr danach war - im Sterbebett, sondern eine Tote, die mich ansah und genau wusste, dass das der letzte Moment war, der letzte Blick, die letzte Berührung. Ich liebte meine Oma, sie machte die allerbesten Schinkennudeln der Welt und las mir vor, als ich klein war. Sie nannte mich Stinkbock. Wenn das mal kein Kosename ist, dann weiß ich auch nicht.
Spaziergänge machen alte Leute gerne und oft, sie laufen dann durch die Gegend und freuen sich an der Welt, wie diese kleine Frau, die mir sehr oft in unserem Neubaugebiet begegnete, in dem ich wohne, fast täglich begegnete mir sie, nur fällt mir gerade auf, dass ich sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen habe und gestern abend stand ein Leichenwagen vor dem Haus des alten Mannes, der bis vor kurzem in meiner Nachbarschaft lebte und ein paar Verwandte standen auf der Straße, als ich vorbeilief und dachte: ?Scheiße, es wird wieder Herbst.?
Er hat Glück gehabt, der alte Mann. Seine Familie besuchte ihn immer noch ab und zu, er hatte eine geile Blondine zum anschauen täglich um sich, er besaß ein eigenes Haus und das Essen wurde ihm täglich geliefert.
Die Mutter meines Vaters starb bei uns im Haus, meine Eltern pflegten Sie bis zu ihrem Ende im Nebenzimmer meines Zimmers, nachdem sie bei einem Schlaganfall zum Pflegefall wurde. Selbstverständlich konnte ich als Kind nicht allzuviel mit einer sterbenden Frau im Nebenzimmer anfangen und damals empfing ich kaum Besuch zu Hause und war auch sonst ein ziemlicher Sonderling, was mich nicht gerade zum beliebtesten Typen der siebten Klasse machte. Eine schwere Zeit musste da überwunden werden und die lag dann auch nach zwei Jahren, einer wiederholten Klasse, meiner ersten Freundin und einer toten Großmutter endlich hinter mir. Ob ich diese Oma liebte? Sagen wir es so: sie beschimpfte meine Mutter als ?Schlampe? und mästete meinen Vater und wollte meine Zuneigung mit Geldscheinen erkaufen, die ich nur zu gerne annahm. Gegeben habe ich ihr nichts dafür.
Meine Oma mütterlicherseits starb mit 93 Jahren. Sie schlief ein und wachte nicht mehr auf, was sie insgesamt rund eine Woche im Krankenhaus und das Leben kostete und als ich sie dort, sah ich nicht meine Oma - die noch 10 Jahre zuvor 20 Kilometer zu unserem Zuhause gelaufen war, einfach weil ihr danach war - im Sterbebett, sondern eine Tote, die mich ansah und genau wusste, dass das der letzte Moment war, der letzte Blick, die letzte Berührung. Ich liebte meine Oma, sie machte die allerbesten Schinkennudeln der Welt und las mir vor, als ich klein war. Sie nannte mich Stinkbock. Wenn das mal kein Kosename ist, dann weiß ich auch nicht.
Spaziergänge machen alte Leute gerne und oft, sie laufen dann durch die Gegend und freuen sich an der Welt, wie diese kleine Frau, die mir sehr oft in unserem Neubaugebiet begegnete, in dem ich wohne, fast täglich begegnete mir sie, nur fällt mir gerade auf, dass ich sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen habe und gestern abend stand ein Leichenwagen vor dem Haus des alten Mannes, der bis vor kurzem in meiner Nachbarschaft lebte und ein paar Verwandte standen auf der Straße, als ich vorbeilief und dachte: ?Scheiße, es wird wieder Herbst.?


omega
am 24. Jul, 05:25
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