Bilder aus dem Familienalbum

von Susanne Englmayer
Gegen acht ungefähr, im Sommer etwas später, im Winter viel früher. Doch auch dann noch kann ich ihr Leben verfolgen, ihren allabendlichen Alltag, das Licht, die schemenhaften Bewegungen in den verschiedenen Räumen. Ich weiß genau, wann sie ins Bad gehen, wann ins Bett, ziemlich früh, und daß sie bei offenem Fenster schlafen. Das sind fremde Menschen, die Tag für Tag dieselbe Straße entlanggehen, die in denselben Geschäften einkaufen wie ich, die dieselben Straßengeräusche hören, dieselben Vogelschreie und denselben nächtlichen Katzenjammer ertragen müssen, die auch dieselben Nachbarn haben wie ich. Die Kinder sind längst aus dem Haus, allerhöchstens zwei- oder dreimal pro Jahr taucht Besuch auf, zu Weihnachten natürlich, zu Ostern und manchmal auch im Hochsommer, irgendein Geburtstag vermutlich, ein Hochzeitstag oder die Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft vor vierzig, fünfundvierzig, achtundvierzig Jahren. Man hat sich einen kleinen Hund angeschafft, noch bevor ich in die Straße gezogen bin, einen Pudel oder Dackel oder irgendwie beides in einem, der Frauchen und Herrchen vom Alter her schnell einzuholen weiß. Ist er anfangs noch lebhaft an der Leine getrabt, läßt er sich bald gerne tragen, von der Haustür bis zur Garage, vom Auto bis hoch in die Wohnung. Oder es ist die Angst, daß dem armen Tier etwas passieren könnte, wenn es frei durch die Straßen liefe, die Herrchen den Hund immer öfter mitsamt Körbchen aus dem Haus tragen läßt. Irgendwann ist er dann tatsächlich einfach verschwunden, ohne daß ich sagen könnte, was mit ihm passiert ist, ob er sich befreit hat aus seiner getragenen Rolle, oder ob er alt und grau in Ruhe und Frieden im Kreise seiner Lieben verschieden ist.

Auch die Frau wird immer weniger mit den Jahren, kann schließlich kaum noch laufen, hält sich auf dem Weg zum Auto zunächst Schritt für Schritt an der Wand fest, klammert sich dann an ihren Mann, muß sich beim Einsteigen ebenso helfen lassen, wie später auf dem Rückweg bei der einen großen Stufe vor der Haustür. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie die Treppen bis hinauf in den dritten Stock schafft. Am Ende verläßt sie die Wohnung monatelang nicht mehr. Und dann steht jeden dritten, vierten Abend der Notarztwagen vor der Tür.

Die Haare des Mannes werden von Jahr zu Jahr immer weißer, wie meine auch, doch das ist nicht wirklich von Bedeutung. Er verliert an Gewicht und sein Rücken beugt sich unter der Last, aber immer noch trägt er schicke Schirmmützen, eine sportliche Lederjacke und Cordhosen, jeden Tag. Umständlich, mit laut dröhnendem Motor rangiert er morgens das flotte neue Auto aus der Garage, es ist klein und blau, genau wie das davor, und macht seine Wege, kümmert sich um alles, so unbeholfen wie zuverlässig. Er ist der einzige aus der Straße, der hemmungslos auch mit mir spricht, denn er spricht mit allen, erzählt vom Krieg und entrüstet sich über den durchaus noch brauchbaren Inhalt der Mülltonnen. Einmal bewundert er von seinem Fenster aus Lisa, die in Todesangst aber brennend vor Neugier und Abenteuerlust über das Baugerüst, das für eine Weile direkt vor meinem Fenster hängt, robbt, um den Nachbarn ins Schlafzimmer zu gucken, mit den Krallen das Fensterglas zu bearbeiten. Er ruft mir über die Straße hinweg etwas zu, das ich nicht verstehe.

Keine zwei Wochen nach dem Tod seiner Frau, kurz nach der Beerdigung, alle waren da, alle Kinder und Enkel, die ganze Verwandtschaft, die Wohnung überfüllt wie nie zuvor, klettert er, müder als ich ihn jemals zuvor gesehen habe, mit Schirmmütze und Lederjacke und Cordhose, alles ganz in schwarz, in einen Transportwagen der Malteser oder des roten Kreuzes oder ich weiß nicht was. Zwei oder drei Angehörige begleiten ihn, Söhne und Töchter vielleicht, weisen ihm den Weg zur weit geöffneten Seitentür des Autos, die keinen Meter von ihm entfernt ist, und ich bin sicher, daß er mich nicht mehr erkennt, daß er nichts mehr erkennt und daß ich ihn nie wiedersehen werde.

Die Wohnung bleibt lange wie sie war, nichts verändert sich, doch es findet kein Alltag mehr statt. Abends gibt es kein Licht mehr, keine Bewegungen, kein Leben. Erst nach und nach wird sie leergeräumt. Die Kinder lassen sich Zeit, tauchen nur manchmal auf, spät abends und ziehen systematisch Schubladen auf und öffnen Schranktüren. Es dauert Monate, bis sie anfangen Möbel, Teppiche und große blaue Müllbeutel vor die Tür zu stellen, damit alles zusammen am nächsten Morgen unter lautem Getöse in den Sperrmüllwagen gepreßt werden kann. An dem Abend möchte ich nach unten laufen und mir etwas davon nehmen, was ist egal, nur irgend etwas, damit es nicht geschreddert wird, damit es bleiben kann, bei mir bleiben. Und ich will das Schild lesen, den Namen wissen, der ganz sicher noch neben der Klingel geschrieben steht.

Aber ich tue beides nicht. Wohl weil man mich dabei sehen könnte.

Dann erscheinen die Handwerker. Eine ganze Weile wird umgebaut und renoviert, schließlich findet sich eine Horde junger Leute ein, die tapeziert, alles weiß streicht, Teppich verlegt und zu guter Letzt einzieht. Zwei junge Frauen kristallisieren sich aus der Menge heraus, packen Kartons und Kisten aus, rücken Möbel zurecht, hängen Jalousien vor die Fenster und wissen von nichts. Nicht von dem Mann und seiner Frau, und nichts von mir, obwohl ich durch die Fenster in die Wohnung sehe kann wie eh und je, ob die Jalousien nun heruntergelassen sind oder nicht.

Da ist Licht.

Ich weiß, daß der Mann tot ist, selbst wenn er noch leben sollte, irgendwo vielleicht. Er war tot in dem Moment, als er die Wohnung verlassen hat, als er gehen mußte.

Ich weiß, es hilft nichts zu wissen und zu schweigen. Aber es gibt nichts zu sagen.

Wenn ich nur eine Tür weitergehe, einen Schritt in die Nachbarwohnung mache, Wand an Wand leben wir, kennen uns gut, ist alles verflogen, kann ich nicht mehr sagen, was ich weiß, nicht die Geschichte erzählen, von dem Mann und der Frau, die man doch beide beinah noch sehen kann, wenn man aus dem Fenster sieht, in das Haus gegenüber hinein. Einen Schritt weiter, drei Meter vielleicht, höchstens fünf, hat sich die Sicht bereits geändert, der Blickwinkel verschoben, sogar die Himmelsrichtung ist eine andere. Meine Nachbarn blicken nach Nordost, beobachten die Kinder aus der Tagesstätte, die Jugendlichen auf ihren Rollern und Bikes und die Trommler nachts auf dem Hügel hinter dem Spielplatz, die ich nur hören kann, manchmal, nicht aber sehen.
dümpelt seit Jahren durchs Netz. Derzeit kann man ihr in den Blogs engl@absurdum und over the bones auf den Fersen bleiben. Sie hat aber auch einen Roman veröffentlicht.
mindestens haltbar August/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 08
ISSN 1816-8159
Autor: Susanne Englmayer
Titel: Bilder aus dem Familienalbum
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am 29. Aug, 23:35

wow. sehr fein beobachtet und geschrieben. blieb was hängen ...