
Puff-Nachbarn
von Herr Shhhh
Und man weiß zwar, dass es Menschen gibt, die Lotto-Millionäre oder Puff-Nachbarn sind, aber wirklich kennen tut man weder noch. Ich wäre lieber Lotto-Millionär. Dann könnte ich mir ein schönes Haus, mit einem schönen Eingang leisten. Leider bin ich nur Mieter. Und Puff-Nachbar. Und mein Eingang, den ich mir mit dem Puff teilen muss, ist hässlich.
Betritt man den Eingang zu mir und meinen neuen Nachbarn, findet man ein winziges Innenhöfchen vor, höchstens 2 qm groß, fast schon französisch, düster und ein bisschen muffig ? könnte also auch Paris sein, ist aber leider nur Siegen Zentrum, irgendwo im Süden NRWs. Vom Innenhof abzweigend findet man rechts die Tür zum Treppenhaus, das zu meiner Dach-Wohnung führt, und links die Tür zum Puff, der eigentlich kein Puff ist, sondern ein stinknormales Wohnhaus, aber eben jetzt in der Nutzung von asiatischen Nachbarn mit recht hohem Besucheraufkommen. Und um in diesen Innenhof zu gelangen, muß man durch eine dicke, schwere Eingangstür. Da gibt's dann Klingeln, so wie das eben üblich ist, bei Siegener und Pariser Wohnhäusern. Mein Name steht ganz oben in der Klingel-Klingel-Leiste, dazwischen ist nichts, dann meine 85jährige, schwerhörige Nachbarin, dann wieder nichts, und ganz unten, mehr als offensichtlich, "THAI MASSAGE", in so krakelig blauen Kugelschreiber-Lettern, vielleicht sogar mit Bindestrich, das weiß ich gerade nicht mehr. Und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, ob 50 Prozent aller Puff-Besucher Analphabeten sind, oder ob dass dann am Testosteron oder am billigen Parfüm liegt, dass man plötzlich eine Leseschwäche hat, wenn man in den Puff will ? aber die klingeln bei mir, und eben nicht bei der Thai Massage. Und das immer öfter. Und das regt mich, obwohl ich ein eher ruhiger Zeitgenosse bin, unglaublich auf.
Manchmal, wenn es klingelt, weiß ich, dass es sich wieder um einen blind-blöden Freier handeln muss. Dann geh ich gar nicht erst an die Türsprechanlage. Zum Beispiel um 2 Uhr Morgens, da kommt ja normalerweise kein Besuch, der lecker Mohn-Kuchen mitbringt, das kann
ja dann nur jemand sein, der ficken will. Kürzlich hat auch mal jemand um 6.30 Uhr Morgens geklingelt, da hab ich mich zuerst erschrocken ?
zum einen, weil meine Klingel nicht "BingBong" macht, sondern mehr so ein "Bzzzzzzzzzzzzt!" ? das aber in einer Lautstärke, die extrem
gesundheitsgefährdend ist. Also mehr so ein Starkstrom-Moulinex-"BZZZZZZZZT"! Da hat man natürlich fast einen Herzinfarkt, morgens um halb Sieben, weil man denkt, es könnte der Liebsten was passiert sein. Und weil die Klingel auch nicht gerade warm und herzlich klingelt, sondern eher so ein spontanes, ungewolltes Eisduschen-Feeling vermittelt. Dieses eine Mal da, um 6.30 Uhr, das war das erste Mal, wo ich wirklich sauer geworden bin. Anfangs fand ich die Nummer mit dem Verklingeln noch erträglich, aber an dem Tag war ich wirklich, wirlklich sickig. Weil diese nächtlichen Klingel-Attacken nun mal irgendwann stark an die Nerven gehen, vor allem wenn sie chronisch werden. Gerade die Wochenenden am Monatsanfang sind besonders schlimm, denn dann klingelt es durchaus ein paar mal am Tag bei mir. Wahrscheinlich, weil die Freier dann wieder Geld haben, das sie verjücken können. Dieses eine Mal war dann der Auslöser bei mir, von wegen schluss mit lustig. Ich bin um 6.30 Uhr an die Türsprechanlage
gepoltert, schlaftrunken, völlig mit den Nerven am Ende, und hab aufgeregt das gefragt, was ich immer frage, wenn ich an die Türsprechanlage gehe, nur lauter und entnervter: "WER IST DA!?". "Oh, Ähschuldigunge!" tönte es dann aus dem Lautsprecher, und für jemanden, der 3 Mal an der falschen Klingel klingelt, weil er ficken will, fand ich das ein bisschen armseelig, also hab ich wutenbrannt in die Gegensprechanlage geschrieen: "WIE KANN MAN UM 6.30 UHR SCHON FICKEN WOLLEN, UND SICH DANN AUCH NOCH VERKLINGELN??? NOCH EIN MAL, UND ICH RUF DIE BULLEN!".
Das war natürlich so ein Affekt-Geschrei, ich bin sonst nicht so, aber ich war nun mal völlig entnervt. Es war ja auch früh, und ich am Ende. Meine Geduld auch. Mittlerweile mach ich das anders. Zum einen neige ich dazu, jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, die schwere Eingangstür abzuschliessen, sodass die Freier, wenn die Tür dann via Türsprechanlage "aufgedrückt" wird, gar nicht rein kommen, und die Damen in ihren lilafarbenen Satin-Bademänteln (mit nix drunter) ganze drei Stockwerke nach unten müssen, um die Tür wieder aufzuschliessen. Manchmal, wenn ich besonders sauer bin, klingele ich dann sogar selber bei den Damen, und schliesse vorher ab. Das ist natürlich irgendwie gemein, aber wenn man ständig geweckt wird, wird man auch leicht spröde und böse im Kopf ? und reden bringt bei denen nichts, denn die verstehen kein Wort, das ist auch nicht rassistisch gemeint, aber es sind halt Asiatinnen, die wahrscheinlich völlig unfreiwillig im Siegener Zentrum gelandet sind ? vielleicht, weil ihnen eine Hochzeit oder sowas versprochen worden ist, ich weiß es nicht, ich will es auch nicht wissen. Ich traf mal eine im Flur, die bat ich dann darum, dass sie doch mal die Freier darauf hinweisen sollte, dass meine Klingel nicht ihre Klingel sei, aber das hat die nur mit "Du nicht sliesse Tül
ab!" kommentiert. Soviel zu den Klischees. Daraufhin hab ich dann die Tür sogar tagsüber abgeschlossen, also zu den "Stosszeiten", weil ich
mir dachte, dass die ja wohl kaum die Polizei rufen werden, wenn die Stress mit den Nachbarn, also mit mir, haben. Die Nummer ist natürlich auch mühsam, mit der Tür, aber ich mache das nur, wenn sich mal wieder jemand verklingelt. Letzten Samstag war einer besonders dreist, der klingelte bestimmt zehn Mal. Ich wusste, dass der eigentlich nur ficken wollte, und sich garantiert verlesen hatte. Ich war gerade am Telefon, stand unter starken Schmerzmitteln, und mein Gesprächspartner munkelte nach dem dritten Klingeln auch schon: "Aha, Puff wieder, oder?". Ich bin dann also benebelt an die Anlage, und dachte mir, OK, lass mal mit Schreien, versuch's mal lieber freundlich:
Ich: "Wer ist da?"
Mann an der Tür: "Oh, ähhh, nix richtig?"
Ich: "Wollten sie ficken?"
Mann an der Tür, verdutzt: "Äh, ja?"
Ich: "Warum klingeln sie dann bei mir, und nicht bei Thai Massage?"
Mann an der Tür: "Oh, äh, äntschuldigunge! Tute leid!"
Ich: "Nix da, sie können doch lesen, oder?"
Mann an der Tür: "Oh, äh, ja, äh, äntschuldigunge!"
Ich: "Wenn sie sich noch ein mal verklingeln, dann sag ich ihrer Frau, was sie hier machen!"
Schritte vom Eingang weg?
Das war natürlich ein voller Erfolg, und ich halte den offenen Dialog mit den Verklinglern mittlerweile für die bessere Methode, um der Sache Herr zu werden. Denn die Abschliesserei bringt ja auch nur unnötigen Ärger. Ich hab ja auch nicht wirklich was gegen die Damen von der Thai Massage. Das sind ja schliesslich auch nur arme Kerle. Aber keine guten Nachbarn. Und überhaupt, ich wäre im Moment wirklich lieber Lotto-Millionär als Puff-Nachbar. Oder zumindest in Paris, und nicht in Siegen.
Betritt man den Eingang zu mir und meinen neuen Nachbarn, findet man ein winziges Innenhöfchen vor, höchstens 2 qm groß, fast schon französisch, düster und ein bisschen muffig ? könnte also auch Paris sein, ist aber leider nur Siegen Zentrum, irgendwo im Süden NRWs. Vom Innenhof abzweigend findet man rechts die Tür zum Treppenhaus, das zu meiner Dach-Wohnung führt, und links die Tür zum Puff, der eigentlich kein Puff ist, sondern ein stinknormales Wohnhaus, aber eben jetzt in der Nutzung von asiatischen Nachbarn mit recht hohem Besucheraufkommen. Und um in diesen Innenhof zu gelangen, muß man durch eine dicke, schwere Eingangstür. Da gibt's dann Klingeln, so wie das eben üblich ist, bei Siegener und Pariser Wohnhäusern. Mein Name steht ganz oben in der Klingel-Klingel-Leiste, dazwischen ist nichts, dann meine 85jährige, schwerhörige Nachbarin, dann wieder nichts, und ganz unten, mehr als offensichtlich, "THAI MASSAGE", in so krakelig blauen Kugelschreiber-Lettern, vielleicht sogar mit Bindestrich, das weiß ich gerade nicht mehr. Und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, ob 50 Prozent aller Puff-Besucher Analphabeten sind, oder ob dass dann am Testosteron oder am billigen Parfüm liegt, dass man plötzlich eine Leseschwäche hat, wenn man in den Puff will ? aber die klingeln bei mir, und eben nicht bei der Thai Massage. Und das immer öfter. Und das regt mich, obwohl ich ein eher ruhiger Zeitgenosse bin, unglaublich auf.
Manchmal, wenn es klingelt, weiß ich, dass es sich wieder um einen blind-blöden Freier handeln muss. Dann geh ich gar nicht erst an die Türsprechanlage. Zum Beispiel um 2 Uhr Morgens, da kommt ja normalerweise kein Besuch, der lecker Mohn-Kuchen mitbringt, das kann
ja dann nur jemand sein, der ficken will. Kürzlich hat auch mal jemand um 6.30 Uhr Morgens geklingelt, da hab ich mich zuerst erschrocken ?
zum einen, weil meine Klingel nicht "BingBong" macht, sondern mehr so ein "Bzzzzzzzzzzzzt!" ? das aber in einer Lautstärke, die extrem
gesundheitsgefährdend ist. Also mehr so ein Starkstrom-Moulinex-"BZZZZZZZZT"! Da hat man natürlich fast einen Herzinfarkt, morgens um halb Sieben, weil man denkt, es könnte der Liebsten was passiert sein. Und weil die Klingel auch nicht gerade warm und herzlich klingelt, sondern eher so ein spontanes, ungewolltes Eisduschen-Feeling vermittelt. Dieses eine Mal da, um 6.30 Uhr, das war das erste Mal, wo ich wirklich sauer geworden bin. Anfangs fand ich die Nummer mit dem Verklingeln noch erträglich, aber an dem Tag war ich wirklich, wirlklich sickig. Weil diese nächtlichen Klingel-Attacken nun mal irgendwann stark an die Nerven gehen, vor allem wenn sie chronisch werden. Gerade die Wochenenden am Monatsanfang sind besonders schlimm, denn dann klingelt es durchaus ein paar mal am Tag bei mir. Wahrscheinlich, weil die Freier dann wieder Geld haben, das sie verjücken können. Dieses eine Mal war dann der Auslöser bei mir, von wegen schluss mit lustig. Ich bin um 6.30 Uhr an die Türsprechanlage
gepoltert, schlaftrunken, völlig mit den Nerven am Ende, und hab aufgeregt das gefragt, was ich immer frage, wenn ich an die Türsprechanlage gehe, nur lauter und entnervter: "WER IST DA!?". "Oh, Ähschuldigunge!" tönte es dann aus dem Lautsprecher, und für jemanden, der 3 Mal an der falschen Klingel klingelt, weil er ficken will, fand ich das ein bisschen armseelig, also hab ich wutenbrannt in die Gegensprechanlage geschrieen: "WIE KANN MAN UM 6.30 UHR SCHON FICKEN WOLLEN, UND SICH DANN AUCH NOCH VERKLINGELN??? NOCH EIN MAL, UND ICH RUF DIE BULLEN!".
Das war natürlich so ein Affekt-Geschrei, ich bin sonst nicht so, aber ich war nun mal völlig entnervt. Es war ja auch früh, und ich am Ende. Meine Geduld auch. Mittlerweile mach ich das anders. Zum einen neige ich dazu, jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, die schwere Eingangstür abzuschliessen, sodass die Freier, wenn die Tür dann via Türsprechanlage "aufgedrückt" wird, gar nicht rein kommen, und die Damen in ihren lilafarbenen Satin-Bademänteln (mit nix drunter) ganze drei Stockwerke nach unten müssen, um die Tür wieder aufzuschliessen. Manchmal, wenn ich besonders sauer bin, klingele ich dann sogar selber bei den Damen, und schliesse vorher ab. Das ist natürlich irgendwie gemein, aber wenn man ständig geweckt wird, wird man auch leicht spröde und böse im Kopf ? und reden bringt bei denen nichts, denn die verstehen kein Wort, das ist auch nicht rassistisch gemeint, aber es sind halt Asiatinnen, die wahrscheinlich völlig unfreiwillig im Siegener Zentrum gelandet sind ? vielleicht, weil ihnen eine Hochzeit oder sowas versprochen worden ist, ich weiß es nicht, ich will es auch nicht wissen. Ich traf mal eine im Flur, die bat ich dann darum, dass sie doch mal die Freier darauf hinweisen sollte, dass meine Klingel nicht ihre Klingel sei, aber das hat die nur mit "Du nicht sliesse Tül
ab!" kommentiert. Soviel zu den Klischees. Daraufhin hab ich dann die Tür sogar tagsüber abgeschlossen, also zu den "Stosszeiten", weil ich
mir dachte, dass die ja wohl kaum die Polizei rufen werden, wenn die Stress mit den Nachbarn, also mit mir, haben. Die Nummer ist natürlich auch mühsam, mit der Tür, aber ich mache das nur, wenn sich mal wieder jemand verklingelt. Letzten Samstag war einer besonders dreist, der klingelte bestimmt zehn Mal. Ich wusste, dass der eigentlich nur ficken wollte, und sich garantiert verlesen hatte. Ich war gerade am Telefon, stand unter starken Schmerzmitteln, und mein Gesprächspartner munkelte nach dem dritten Klingeln auch schon: "Aha, Puff wieder, oder?". Ich bin dann also benebelt an die Anlage, und dachte mir, OK, lass mal mit Schreien, versuch's mal lieber freundlich:
Ich: "Wer ist da?"
Mann an der Tür: "Oh, ähhh, nix richtig?"
Ich: "Wollten sie ficken?"
Mann an der Tür, verdutzt: "Äh, ja?"
Ich: "Warum klingeln sie dann bei mir, und nicht bei Thai Massage?"
Mann an der Tür: "Oh, äh, äntschuldigunge! Tute leid!"
Ich: "Nix da, sie können doch lesen, oder?"
Mann an der Tür: "Oh, äh, ja, äh, äntschuldigunge!"
Ich: "Wenn sie sich noch ein mal verklingeln, dann sag ich ihrer Frau, was sie hier machen!"
Schritte vom Eingang weg?
Das war natürlich ein voller Erfolg, und ich halte den offenen Dialog mit den Verklinglern mittlerweile für die bessere Methode, um der Sache Herr zu werden. Denn die Abschliesserei bringt ja auch nur unnötigen Ärger. Ich hab ja auch nicht wirklich was gegen die Damen von der Thai Massage. Das sind ja schliesslich auch nur arme Kerle. Aber keine guten Nachbarn. Und überhaupt, ich wäre im Moment wirklich lieber Lotto-Millionär als Puff-Nachbar. Oder zumindest in Paris, und nicht in Siegen.


hmw
am 20. Aug, 09:19
wir gruebeln schon laenger, wo Ihre Gechichte wohl stattgefunden haben koennte. Schon am Anfang erschien vor meinem inneren Auge eine Hauptverkehrsstrasse und ein grosses Holztor. Die raeumliche Naehe zu Dessous-Laeden und Etablissements des Dienstleistungsgewerbes erzeugt diese Assoziation wohl nicht. Vielleicht liegt es daran, dass das einer der wenigen Hinterhoefe ist, die ich bewusst wahrnahm. Aber dort spielt Ihre Geschichte nicht. Aber wo? Geben Sie sich einen Ruck und uns die Moeglichkeit, unsere Gedanken wieder wertschoepfend einzusetzen.
Gruesse
hmw
PS: Eine kleine Anekdote soll nicht unerzaehlt bleiben. Zu einer Zeit, als mich das Schicksal in Form eines laengeren Aufenthaltes in der Provinz voll Leben noetigte, fuhr ich eines Abends mit dem Bus ueber den Giersberg. Der Blick liess sich fesseln von den kleinen Lichtpunkten und den flutlichterleuchteten Industrieanlagen im Tal. Die Idylle wurde gestoert, als eine unsensible Pensionaerin zwei Sitzbaenke weiter ein 'Och guck mal Herta. Wie Klein-Paris' hauchte.