
Allein
von SvenK
Nur eine Woche hatten wir. Eine Woche nur für uns. Eine Woche, die zu finanzieren wir unsere letzten Ersparnisse zusammengekratzt hatten. Und dies war schon der zweite Tag. Unsere Wunden waren tief, wir brauchten dringend Erholung. Waren wir noch ein Paar? War der, mit dem du gewesen warst eine Episode oder war er die Imago eines Fehlens gewesen? Und wenn wir uns neu finden müssten - würden wir es schaffen? Würden wir unsere Zärtlichkeit wiederfinden? Wir brauchten diesen Abstand, wir brauchten diesen ganz anderen Ort. Wir brauchten diese flirrende Hitze, diese karstige Vulkanlandschaft, wir brauchten diese sieben Tage in dem spätsommerlichen Hotel auf Lanzarote. Ohne unser Umfeld, ungestört.
Und jetzt dieses Weinen, das durch Türen kroch. Dieses klägliche Wimmern. Wer immer unser Nachbar war, er war allein. Hatte niemanden. Nicht einmal jemand zum wiederfinden.
Wir waren gerade ins Bett gekrochen. Die Gin Tonics von der Bar sackten und bewirkten das vertraute, das ersehnte Glühen unter sonnensatter Haut. Die Tür zur Veranda stand weit offen, die kanarische Nacht war mild und wir hörten die Wellen an den Strand branden.
Nach der überfälligen Dusche roch deine Haut wunderbar und meine sicher auch. Zudem war ich an unserem ersten Tag unter der afrikanischen Sonne hummerrot über die Insel gelaufen aber schon jetzt, am zweiten Tag hatte mein Fell diese dunkelbraune Farbe angenommen, die auf jeder Insel der Welt macht, dass mich die Einheimischen schon nach kurzer Zeit wie selbstverständlich in der Landessprache ansprechen. "So wie du möchte ich braun werden", hattest du gefrozzelt, nachdem wir uns hingelegt hatten. "Es ist, als ob man auf einen Schalter drückt. Klick. Dunkelbraun. Du Arsch." - "Hey, pass auf, ich hab Sonnenbrand!" - "Ich hab dir doch gesagt: crem' dich ein!" - "Papperlapapp!" Und da war es wieder, dein Kleinemädchenlachen, dieses Kieksen, das in Kissenschlachten und Kitzelorgien münden kann und dann in etwas ganz anderes. Dieses Lachen, das wir beide so lange vermisst hatten. Eine Unbeschwertheit, wie aus französischen Filmen aus den frühen Sechzigern, kurz bevor Belmondo die Puste ausgeht, und Jean Seberg weiß, dass er gerade stirbt, mitten auf dem Kopfsteinpflaster, mit der Fluppe im Gesicht. Als hätten wir beide denselben Gedanken, hörtest du auf zu lachen, und wir schauten einander nur an.
Wir waren wieder schön in dieser Nacht und wir waren es füreinander.
"Ich kann das nicht mehr mitanhören", hattest Du geseufzt. Dann warst Du schon aufgesprungen, hattet dieses Seidentuch um Deinen nackten Körper geschlungen und warst zur Tür. Dort drehtest du dich noch einmal zu mir um: "Ach, Mann, stimmt doch - das kann man doch nicht einfach so mitanhören, oder? Kann man? Kann man doch nicht! Also, ich kann nicht. Kannst du?" Dein Blick traf meinen, der mindestens genauso hin- und hergerissen war. "Et merde", dachte ich laut, und es klang eher wie ein Seufzer. "Müssen eigentlich immer wir springen, wenn in der Nachbarschaft jemand heult?" sagte ich, und still gab ich mir die Antwort selbst: "Ja." Dann sah ich deinen Blick und gab die Antwort für uns beide: "Scheiße, nu geh schon!"
Du gingst raus. Nach wenigen Minuten verstummte das Klagen von draußen. Dann kamst Du zurück. "Seine Eltern sind tot, seit letzter Woche." - "Du Scheiße", antwortete ich. "Unfall" ergänztest du. "Du Scheiße", konterte ich wenig originell, öffnete eine Flasche Weißen aus der Minibar und goss uns ein. Da ging sie hin, unsere gemeinsame Nacht, die erste seit Ewigkeiten. Aber angesichts dieser Geschichte? Perlend weiß kondensierte das Wasser an der Außenseite der Gläser. "Solche wie er zählen hier auf der Insel nichts, hat der Portier gesagt", sagte die Liebste, leerte ihr Glas in einem Zug und reichte es mir zum Nachfüllen. "Die kommen hier, zynisch gesagt, noch vor den Ratten" hätte der Portier gesagt. Der Portier war ein deutschstämmiger, aknenarbiger Glatzkopf, der, laut eigener Angabe, nach seiner Zeit als Schleifer bei der Fremdenlegion als Portier arbeitete, seit er im Casino irgendeiner Mittelmeerinsel als Croupier gefeuert worden sei. "Solchen wie denen hilft hier auf den Kanaren niemand", hatte er geknurrt. "Die sind froh, wenn sie krepieren."
Sie hatte den Kleinen mitgebracht. Er kauerte in dem Tuch vor ihrem Bauch und weinte nicht mehr.
Der kleine Kater war kaum sechs Wochen alt.
Keine fünf Minuten später fütterten wir das winzige Tier, das halb so groß war wie eine Hand und erst seit kurzem die Augen öffnen konnte. Der Kleine ließ sich mit Kondensmilch füttern, die wir vorsichtig in den Deckel einer Mineralwasserflasche füllten. Schon waren wir adoptiert. Und so schnarchte der kleine schwarze Kater während unserer ganzen Urlaubswoche zufrieden und manchmal schnurrend in der Tuchfalte vor dem Bauch der Liebsten, wo immer wir auf der Insel waren. Unser verwaister Nachbar war fest bei uns eingezogen, und er schlief in unserer Mitte, in unserem Bett.
Die Tür zur Veranda stand weit offen, die kanarische Nacht war mild und wir hörten die Wellen an den Strand branden.
Den kleinen Kater brachten wir, als unsere Woche zuende war, schweren Herzens in die Pension einer lokalen Tiernärrin. Wir verdrückten darüber viele Tränen und dann flogen wir heim. Die Tiernärrin hatte uns halbherzig versprochen, den Kleinen nach den vom Zoll geforderten Untersuchungen zu uns nach Deutschland zu schicken. Was sie nie tat.
Die Meine und ich waren lange traurig. Und immer noch urlaubsreif. Und wenn wir uns neu finden müssten - würden wir es schaffen?
Zurück in der rheinischen Heimat und ohne Neuigkeiten von der Tiernärrin, die sich am Telefon verleugnen ließ, fühlten wir uns wider besseres Wissen als Verräter. Von Zollbestimmungen konnte der kleine Kater nun wirklich nicht die geringste Ahnung haben. Außerdem hatte das kleine Fellchen ja genauso wenig wie wir wissen können, dass sein vermeintliches Refugium nur das Heim einer welken Sodomitin war, die ihre verflossene Liebschaften und das Schwinden der körperlichen Attraktivität nach dem Vorbild von Brigitte Bardot, dem faltigen Groupie der französischen Rechten, durch angebliche Tierliebe kompensierte.
Die Kölner Nacht war kalt und klamm und wir hörten die Taxis durch die Straße rasen. Wir lagen im Bett und starrten an die Decke.
Und wenn wir uns neu finden müssten - würden wir es schaffen? Und warum haben wir keinen Kater?
In der Nachbarschaft schrie jemand. Er war besoffen.
Et merde.
Und jetzt dieses Weinen, das durch Türen kroch. Dieses klägliche Wimmern. Wer immer unser Nachbar war, er war allein. Hatte niemanden. Nicht einmal jemand zum wiederfinden.
Wir waren gerade ins Bett gekrochen. Die Gin Tonics von der Bar sackten und bewirkten das vertraute, das ersehnte Glühen unter sonnensatter Haut. Die Tür zur Veranda stand weit offen, die kanarische Nacht war mild und wir hörten die Wellen an den Strand branden.
Nach der überfälligen Dusche roch deine Haut wunderbar und meine sicher auch. Zudem war ich an unserem ersten Tag unter der afrikanischen Sonne hummerrot über die Insel gelaufen aber schon jetzt, am zweiten Tag hatte mein Fell diese dunkelbraune Farbe angenommen, die auf jeder Insel der Welt macht, dass mich die Einheimischen schon nach kurzer Zeit wie selbstverständlich in der Landessprache ansprechen. "So wie du möchte ich braun werden", hattest du gefrozzelt, nachdem wir uns hingelegt hatten. "Es ist, als ob man auf einen Schalter drückt. Klick. Dunkelbraun. Du Arsch." - "Hey, pass auf, ich hab Sonnenbrand!" - "Ich hab dir doch gesagt: crem' dich ein!" - "Papperlapapp!" Und da war es wieder, dein Kleinemädchenlachen, dieses Kieksen, das in Kissenschlachten und Kitzelorgien münden kann und dann in etwas ganz anderes. Dieses Lachen, das wir beide so lange vermisst hatten. Eine Unbeschwertheit, wie aus französischen Filmen aus den frühen Sechzigern, kurz bevor Belmondo die Puste ausgeht, und Jean Seberg weiß, dass er gerade stirbt, mitten auf dem Kopfsteinpflaster, mit der Fluppe im Gesicht. Als hätten wir beide denselben Gedanken, hörtest du auf zu lachen, und wir schauten einander nur an.
Wir waren wieder schön in dieser Nacht und wir waren es füreinander.
"Ich kann das nicht mehr mitanhören", hattest Du geseufzt. Dann warst Du schon aufgesprungen, hattet dieses Seidentuch um Deinen nackten Körper geschlungen und warst zur Tür. Dort drehtest du dich noch einmal zu mir um: "Ach, Mann, stimmt doch - das kann man doch nicht einfach so mitanhören, oder? Kann man? Kann man doch nicht! Also, ich kann nicht. Kannst du?" Dein Blick traf meinen, der mindestens genauso hin- und hergerissen war. "Et merde", dachte ich laut, und es klang eher wie ein Seufzer. "Müssen eigentlich immer wir springen, wenn in der Nachbarschaft jemand heult?" sagte ich, und still gab ich mir die Antwort selbst: "Ja." Dann sah ich deinen Blick und gab die Antwort für uns beide: "Scheiße, nu geh schon!"
Du gingst raus. Nach wenigen Minuten verstummte das Klagen von draußen. Dann kamst Du zurück. "Seine Eltern sind tot, seit letzter Woche." - "Du Scheiße", antwortete ich. "Unfall" ergänztest du. "Du Scheiße", konterte ich wenig originell, öffnete eine Flasche Weißen aus der Minibar und goss uns ein. Da ging sie hin, unsere gemeinsame Nacht, die erste seit Ewigkeiten. Aber angesichts dieser Geschichte? Perlend weiß kondensierte das Wasser an der Außenseite der Gläser. "Solche wie er zählen hier auf der Insel nichts, hat der Portier gesagt", sagte die Liebste, leerte ihr Glas in einem Zug und reichte es mir zum Nachfüllen. "Die kommen hier, zynisch gesagt, noch vor den Ratten" hätte der Portier gesagt. Der Portier war ein deutschstämmiger, aknenarbiger Glatzkopf, der, laut eigener Angabe, nach seiner Zeit als Schleifer bei der Fremdenlegion als Portier arbeitete, seit er im Casino irgendeiner Mittelmeerinsel als Croupier gefeuert worden sei. "Solchen wie denen hilft hier auf den Kanaren niemand", hatte er geknurrt. "Die sind froh, wenn sie krepieren."
Sie hatte den Kleinen mitgebracht. Er kauerte in dem Tuch vor ihrem Bauch und weinte nicht mehr.
Der kleine Kater war kaum sechs Wochen alt.
Keine fünf Minuten später fütterten wir das winzige Tier, das halb so groß war wie eine Hand und erst seit kurzem die Augen öffnen konnte. Der Kleine ließ sich mit Kondensmilch füttern, die wir vorsichtig in den Deckel einer Mineralwasserflasche füllten. Schon waren wir adoptiert. Und so schnarchte der kleine schwarze Kater während unserer ganzen Urlaubswoche zufrieden und manchmal schnurrend in der Tuchfalte vor dem Bauch der Liebsten, wo immer wir auf der Insel waren. Unser verwaister Nachbar war fest bei uns eingezogen, und er schlief in unserer Mitte, in unserem Bett.
Die Tür zur Veranda stand weit offen, die kanarische Nacht war mild und wir hörten die Wellen an den Strand branden.
Den kleinen Kater brachten wir, als unsere Woche zuende war, schweren Herzens in die Pension einer lokalen Tiernärrin. Wir verdrückten darüber viele Tränen und dann flogen wir heim. Die Tiernärrin hatte uns halbherzig versprochen, den Kleinen nach den vom Zoll geforderten Untersuchungen zu uns nach Deutschland zu schicken. Was sie nie tat.
Die Meine und ich waren lange traurig. Und immer noch urlaubsreif. Und wenn wir uns neu finden müssten - würden wir es schaffen?
Zurück in der rheinischen Heimat und ohne Neuigkeiten von der Tiernärrin, die sich am Telefon verleugnen ließ, fühlten wir uns wider besseres Wissen als Verräter. Von Zollbestimmungen konnte der kleine Kater nun wirklich nicht die geringste Ahnung haben. Außerdem hatte das kleine Fellchen ja genauso wenig wie wir wissen können, dass sein vermeintliches Refugium nur das Heim einer welken Sodomitin war, die ihre verflossene Liebschaften und das Schwinden der körperlichen Attraktivität nach dem Vorbild von Brigitte Bardot, dem faltigen Groupie der französischen Rechten, durch angebliche Tierliebe kompensierte.
Die Kölner Nacht war kalt und klamm und wir hörten die Taxis durch die Straße rasen. Wir lagen im Bett und starrten an die Decke.
Und wenn wir uns neu finden müssten - würden wir es schaffen? Und warum haben wir keinen Kater?
In der Nachbarschaft schrie jemand. Er war besoffen.
Et merde.
Kommentar posten

