0308 - Nachabarn

Nachbarn

DonDahlmann
Es gibt so einige Dinge im Leben, denen kann man nicht ausweichen. Dazu gehören auch Nachbarn, wenn man nicht gerade in Kanada oder Sibiren lebt. Nachbarn können ganz wundervoll sein.
Man kann sich Salz bei ihnen leihen. Oder Butter. Oder mal die CD, die man sonst nur mäßig gedämpft durch die Wand hört, damit dann endlich mal Ruhe ist. Manchmal hat man mit seinem Nachbarn oder der Nachbarin oder beiden Sex. Sehr viel häufiger hat man aber Nachbarn, die man nicht mit auf eine einsame Insel nehmen möchte. Man würde sich vielleicht dorthin schicken, aber mitkommen möchte man auf gar keinen Fall. Ob das nun der knurrige, nach Schnaps stinkende Hausmeister ist, die nervige Nachbarsfrau, die einen dauernd daran erinnert, dass man beim letzten Mal die Treppe nicht sauber genug gewischt hat oder der unter Schreianfällen lebende Drogensüchtige, der ab und an liebevoll seine Freundin gegen die Wand wirft. In den meisten Fällen ist man einfach froh, wenn man selber oder die Nachbarn endlich ausziehen.

In der Augustausgabe geht es also um Nachbarn. Nervige, stille, unheimliche oder schöne Nachbarn. Es gibt viel zu lesen. Kleiner Tipp: Man kann sich die ganze Ausgabe auch hübsch ausdrucken und mit an den Strand oder den Park nehmen.

Mein Dank an alle Autorinnen und Autoren, die auch in dieser Ausgabe wunderschöne, lustige und auch traurige Geschichten beigesteuert haben. Die Fotos stammen zum Teil (Editorial, Kolumne, Hackfresse, Familienalbum, Millenium) von der Fotografin Cassandra, die sie uns zur Verfügung gestellt hat. Danke auch hierfür.

Jetzt viel Spaß beim Lesen!
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein Blog.

Wolle Sie e Biä habe?

Jochen
Ich saß in Frankfurt (Stadtteil Enkheim) neben Karl Liesegang, 82, Schreinermeister in Rente, auf dem Sofa, in seiner engagiert und eigenhändig aus heterogenen Teilen zusammengehämmerten Wohnung, bei grob geschätzten 31° Celsius Innentemperatur.
Mir gegenüber zum einen ein aggressiv bollernder Ölofen, welcher für genannte Temperatur verantwortlich, daneben tief in ein Fauteuil gesunken, Karl Liesegangs Gattin, sicherlich auch jenseits der 75, eine unablässig lächelnde, nickende und schnaufende, außer einem gelegentlichen ?Och joh? zu keiner weiteren Artikulation fähige Person. Da saß ich und wusste nicht, ob das angebotene Bier annehmen oder ablehnen. Denn es war erst 16 Uhr. Es hätte ja eine Prüfung sein können, das mit dem Bier. Und es ging um ziemlich viel.

Es war ein klarer Februarsamstag vor ziemlich genau zehn Jahren, verzweifelt war ich ein hässliches Frankfurter Industriegebiet entlang gestapft, in welchem die Straßen Wattstraße, Voltastraße, Nobelstraße oder Bessemerstraße heißen. Das hier war meine letzte Chance. Ich brauchte eine Wohnung. Mal wieder hatte ich alles verbummelt, verschusselt, auf den letzten Tag rausgezögert, nun war der Tag gekommen, ich musste HEUTE einen Mietvertrag unterschreiben, am Folgetag umziehen und am Montag mein Studium beginnen. Alle anderen Angebote, die der Anzeigenteil der Frankfurter Rundschau hergegeben hatte, waren zu teuer, zu weit weg von meiner Bildungsstätte oder schlicht und ergreifend nur über eine Warteliste zu haben.

Also. Ein Bier? Ich sagte, ?Ja, gerne?.

Ein Lächeln ging über das hagere sonnengegerbte Gesicht von Herrn Liesegang. Er polterte in die Küche und kam mit einer gut vorgewärmten Flasche Henninger zurück, die er in ein kleines, nach Pril riechendes Glas ausgoss. "Prousd, Herrrrrrrroinigge!" (Prost, Herr Reinecke)

Bevor wir zum Gegenstand unserer Unterredung ? das von ihm zu vermietende Zimmer ? kamen, referierte er kurz sein bisheriges Curriculum Vitae. Bis 70 hatte er in seiner eigenen Schreinerei geschuftet, als die ?Wende? kam, beschloss er sein komplettes Schreinerinstrumentarium einem maroden Zwickauer Betrieb zu vermachen. Fortan widmete er sich der Heimatdichtung und dem Leserbriefschreiben (Bild-Zeitung). Er verfügte über eine umfangreiche Pressemappe, in der er alle Erwähnungen seines Querulantentums peinlich genau mit Datum versehen aufbewahrte; den überwiegenden Teil davon las er mir auch vor. Währenddessen schenkte er mir gelegentlich nach, seine Frau reichte gegen 18 Uhr auch einige Schnittchen.

Erst als es dunkel geworden war, gingen wir in medias res. Er begann in sehr extremem Hessisch die Details der zu vermietenden Wohnung aufzuzählen: Separater Eingang, viel Stauraum, alle Möbel handgefertigt, eigene Zweierkochplatte, eigene Spüle mit fließendem (Klartext: ohne warmes) Wasser, Kühlschrankmitbenutzung, Bad und Toilette auf dem Flur. Und das tollste: Ein eigener Telefonanschluss. 400 Mark warm. Zwei Monatsmieten Kaution.

?Abä, Herroooooinigge, erzähle kann isch viel, gell??, juxte er und zog sich jeckig am Augenlid, ?jetzt schau mer uns mal das Zimmä an, gell?? Ich sah zu seiner Frau rüber, sie nickte aufgeregt, meinte fröhlich ?och joh? und machte ansonsten mit ihren Händen repetitive Gesten, wie sie islamische Frauen aus Verzweiflung machen, wenn jemand gestorben ist.

Ich latschte Herrn Liesegang hinterher. Sein Gang war der eines Untoten. Sein linkes Bein war völlig funktionstüchtig, sein rechtes hingegen schlug bei jedem Schritt bizarr nach rechts aus. Es war eine Unwucht in ihm. Hinter Karl Liesegangs Haus befand sich eine ebenfalls eigenhändig zusammengebaute Gelderzeugungsanstalt, ein zu mehr als 50% in die Erde eingelassenes längliches Gebäude, welches verblüffend stark an ein satt im Kanal liegendes Frachtschiff erinnerte. Man ging vier Treppen hinunter und betrat einen zwölf Meter langen völlig dunklen Flur. Zur Linken und zur Rechten gingen Türen ab, die zu ?denne Studendezimmä? führten. An den Wänden des Flurs hing aus mir unbekannten Gründen Korrespondenz von benachbarten Unternehmen der Leichtindustrie, welche die Wohnanlage von Herrn Liesegang offenbar häufiger als Quartier für ihre niedrigeren Chargen benutzten. Die Schreiben waren alt und verblichen, die Postleitzahlen waren vierstellig. Am Ende des Flurs eine Toilette von den Ausmaßen einer Flugzeugtoilette (Boeing), eine rudimentäre Nasszelle, genauer eigentlich ein 1,5 qm großer gekachelter leerer Raum mit einem Gestänge und einem Duschkopf und einem Loch im Boden. Und einem Handtuchhalter.

Mein Zimmer hatte Nummer 4. Herr Liesegang schloss auf. ?Bidde, Herrrrrroinigge! Drede Sie oin!?

Er ließ mir den Vortritt. Mir traten sofort Tränen der Frustration in die Augen. Das Zimmer war, und hier übertreibe ich ausnahmsweise mal nicht, weniger als 8m² groß, bestand aus einem Bett (dunkelbraun), gigantischen Hängeschränken (schwarz), einem Nierentisch, einem Teppich (beigebraun) und einer improvisierten Puppenküche mit bereits erwähnter Zweierkochplatte. Ein Fenster gab es auch, man blickte (weil Souterrain) auf das untere Ende des Jägerzauns, der Liesegangs Grundstück umjagte.

?Tipptopp, was??, freute sich Herr Liesegang, drehte die Kochplatte auf, die beschwingt zu Summen begann, und demonstrierte die Hängeschränke, deren Scharniere tatsächlich kaum quietschten.

Klar, ich zog ein.

Was sollte ich sonst machen?

Nach der Wohnungsbesichtigung ging es zurück in Liesegangs Wohnung, welche mir inzwischen noch viel heißer schien, ich saß inzwischen in T-Shirt da, das Wurstwasser tropfte mir aus den Hosenbeinen. Karl Liesegang fragte nach den Berufen meiner Eltern. Das war der einfache Teil der Übung, Mutter Lehrerin, Vater Richter. Beamte!!! Als Liesegang hörte, mein Vater sei Richter, wurde er allerdings etwas nervös, denn der von ihm persönlich gestaltete Mietvertrag war von rührender Schlichtheit und enthielt mehrere Punkte, die Anwälte womöglich sittenwidrig finden könnten, unter anderem den Paragraphen Damenbesuch sei vorher anzumelden. Karl Liesegang konnte zu jenem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass ich regelmäßig schriftlich Damenbesuch anmelden würde. Aber ich greife vor.

Ich beruhigte Liesegang, mein Vater sei ja Richter und nicht Anwalt, also am SCHLICHTEN und nicht am VERNICHTEN interessiert, das ginge schon in Ordnung mit dem Mietvertrag. Unter Rücksicht auf meinen um 22.01 Uhr den Bahnhof Frankfurt verlassenden LETZTEN Zug nach Aachen kamen wir nun überraschend zügig zur feierlichen Vertragsunterzeichnung (Füllfederhalter, Löschpapier). Ich erhielt sogar eine kleine lederne Dokumentenmappe geschenkt. Herr Liesegangentkorkte umständlich eine Enzianflasche und schenkte uns randvoll ein. Er verabschiedete sich mit den Worten:

?Herrrrrrrrrrroinigge?, und dann kam er mit seinem Gesicht ganz nah an mich ran, ?mir habe im Kriesch vor Lappland geleesche.? (Herr Reinecke, wir haben im Krieg vor Lappland gelegen). Dann drückte er mir die Hand so fest, dass ich erneut kurz Tränen herunterschlucken musste und entließ mich durch eine kleine Öffnung in seinem Jägerzaun. Er winkte mir lange hinterher, während ich die verrotzte Borsigallee entlanglief, hin zur Endstation der U7, Enkheim. Enkheim. Herrrrrrroinigge in Enkheim. Der Enzian gärte in mir.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit einem geliehenen MB208 um 6 Uhr früh aus Aachen weg, war um halb zehn in Frankfurt und lud meinen ganzen Kack unter fachkundigen Kommentaren von Herrn Liesegang aus. Das Zimmer war so klein, dass die Umzugskartons gestapelt bündig mit der Decke des Zimmers abschlossen. Ich hatte ein ernstes Problem. Das Zimmer war VOLL mit Kartons, ich würde also das Auspacken selber auf dem Flur machen müssen. Doch erst mal hieß es nach einer kurzen Vesper den Transporter zurück nach Aachen bringen. Um 17 Uhr war ich wieder in Aachen, trank ein Entspannungsbier, latschte schwitzend zum Bahnhof, bestieg wieder den Zug nach Frankfurt und winkte zum Fenster raus. Tschüs Aachen.

Meine erste Nacht.

Ich schaffte es tatsächlich, alle Kartons auszupacken und den Inhalt in sämtlichen Schränken zu verstauen. Liesegang hatte nicht gelogen, es war in seinen Schränken außergewöhnlich viel Stauraum vorhanden, was andererseits auch nicht verwundern konnte, denn die Schränke nahmen einen Großteil des Zimmers ein, die wirklich begehbare Fläche maß unter 2m². Das Bett war eine Frechheit. Es bestand aus einem Bettkasten, der gefüllt mit mühsam zusammengeleimten Holzplatten war, offensichtlich Zuschnittreste aus der Liesegangschen Schreinerei. Ganz zuoberst eine dünne Matratze, die man heute Futon nennen würde, die aber damals, 1950, bei der Herstellung bestimmt noch anders hieß. Das Bett war steinhart, schräg und knirschte bei jeder Bewegung. Man konnte nicht mal guten Gewissens wichsen, so stark knirschte das Bett. Todmüde und frustriert rauchte ich ein paar Zigaretten, putzte mir die Zähne, legte mich auf das Bett und schlief subito ein.

Und wurde um drei Uhr morgens wieder wach. Aus dem ?Studendezimmä? nebenan piepte es in unregelmäßigen Abständen. Kein Weckerpiepen, sondern das klassische, die Soundkarte ersetzende Piepen eines betagten 386ers. Auf etwa zehn Piepen kam ein leises Rülpsen. Das nervte ein wenig. Ich klopfte leis an die Wand. Als Antwort kam ein gebrülltes ?Schnauze, doo!?. Und es piepte weiter. Ich schlief wieder ein. Und wachte um 7 Uhr wieder auf. Nun hörte ich ein Schnaufen. Von draußen. Und ein Plätschern. Ich schlief ja im Souterrain. Es klang, als würde ein sehr großer Igel pissen. Ich war hellwach und plinste durch das Fenster. Frau Liesegang stand draußen und goss Blumen, direkt neben meinem Fenster. Das war das Schnaufen und Plätschern. Sie goss und goss und goss und entfernte sich dann ganz langsam wieder. Ich schlief wieder ein. Die Einführungsveranstaltung der Bildungsstätte war philantrop auf 13 Uhr terminiert. Der Wecker stand auf 12. Ich hatte noch 5 Stunden.

Um acht wachte ich wieder auf. Herr Liesegang stand nun am Gartentor, 80 cm Luftlinie von meinem Souterrainfenster entfernt, und führte Selbstgespräche. ?Ei ei ei ei ei, was e Sonneschein. Hällisch.? Ich schlief wieder ein. Wenig später Klirren. Neben meinem Fenster war nämlich auch die Mülltonne. Liesegang zertrümmerte mit einem stumpfen Gegenstand die vorgestrige Enzianflasche direkt in die Mülltonne hinein. Ich gab das Schlafen auf und ging duschen.

Die Dusche war so klein, dass mein Handtuch nach dem Duschvorgang nass war.

An der Wand hing, mit Tesafilm lackiert, ein handgeschriebener Zettel: ?Bitte Körperhaare entfernen?. Ich musste einen Moment lang überlegen um zu verstehen, dass es hier nicht um regelmäßige Rasur ging, sondern darum, beim Duschen entstandene bzw. abgefallene Sackhaare nicht in der Duschwanne liegen zu lassen. Ich zog meine Brille an, bückte mich, suchte nach Sackhaaren, fand aber keine. Das würde ja ein geiler Tag werden. Ich nahm mir für den Abend vor, den Verursacher des Piepens ausfindig zu machen.


Als ich abends nach Hause kam, stand meine Zimmertür offen. Herr Liesegang stand in meinem Zimmer, mit einem ausgeschalteten Staubsauger. Als er mich kommen hörte, machte er schnell den Staubsauger an und täuschte Staubsaugen vor. Ich teilte ihm mit, dass ich selber in der Lage sei, das Zimmer sauber zu halten, machte den Staubsauger wieder aus und bat unter Berufung auf das deutsche Mietrecht darum, künftige Vermieterbesuche in dem von mir angemieteten Zimmer vorher schriftlich anzumelden. Liesegang antwortete beleidigt, ?Herrrrrrrrrroinigge, mir sind alles Menscher. Mir mache Fehler, es ist alles menschlisch?, dann brabbelte er kopfschüttelnd und beinrechtsausschlagend davon, den Staubsauger polternd hinter sich herziehend.

Beim Nachbarn piepte es wieder. Ich klopfte. Es machte mir ein Mittdreißiger mit versoffener Visage auf. Das erste, was ich sah, waren mehrere grell getigerte Tanga-Unterhosen, die auf dem Heizkörper lagen. Zwei leere Kästen Binding Lager sprachen eine deutliche Sprache. Und richtig, ein 386er. Auf dem Bildschirm befand sich eine Skat-Software (DOS-Version). Ich stellte mich als neuer Mieter vor, was mit einem Nicken quittiert wurde, und fragte nach dem Piepen. Ja, das würde ihn auch nerven. Er spiele nachts gerne Skat mit dem Rechner, aber jeder Tastendruck (Mischen, Austeilen, Reizen, Stock aufnehmen, drücken, Karte ziehen, etc.) habe ein Piepsen zur Folge. Da könne man leider nichts machen. Wir schraubten seinen Rechner auf, ich entfernte das Kabel vom Motherboard zum Lautsprecher, und dann war Ruhe. Die Frage, was er denn ?sonst so mache?, beantwortete er diffus und ausweichend.

Als ich gerade unter artistischen Verrenkungen Miracoli kochte, klopfte es. Herr Liesegang wollte mir seine Tochter vorstellen. Sie bewohnte ebenfalls eines der Souterrainzimmer. Sie war Mitte vierzig, pummelig, insgesamt von schlichter aber gutmütiger Natur. Sie mache gerade eine Umschulung, außerdem sei sie frisch geschieden von einem Italiener, einem ?egelhafden Suffkopf?. Als Starthilfe für die soeben aus Italien zurückgekehrte hatte Herr Liesegang ihr zum Sonderpreis eines seiner kommoden Appartements zur Verfügung gestellt. Ob ich eigentlich einen Computer hätte?

Ja, hatte ich.

Seine Tochter, Irene hieß sie, beginne einen Computerkurs, Excel, ob sie da gelegentlich bei mir üben könne.

Ja, konnte sie.

Nachts piepte es wieder. Der Nachbar war sturzbesoffen, er rülpste laut und prügelte dann und wann auf die Tastatur ein. Wahrscheinlich ein verrissener Grand Hand.

Ich weiß, dass es sehr konstruiert klingt, aber vier Tage später erfuhr ich von Herrn Liesegang, dass mein Skat spielender Nachbar in einem Waldstück tot aufgefunden worden war. Ich konnte keine Trauer empfinden. Es kamen nun öfter am Tag Menschen vorbei, die, Herrn Liesegang im Schlepptau, das Nachbarzimmer besichtigten. Die meisten rannten hektisch lachend gleich wieder davon. Nach einwöchigem Auswahlverfahren blieb ein baumlanger Däne mit Vollmondgesicht übrig, der nun mein Nachbar wurde. Er radebrechte ein wenig Deutsch, ich erfuhr, dass er in einer benachbarten Firma als Konstrukteur arbeitete. Ein Akademiker!

Er war der einzige Ausländer, und von nun an hatte Herr Liesegang ihn auf dem Kieker. Jeden Morgen das gleiche Ritual: Der Däne ging duschen, tapste zurück in sein Zimmer. 120 Sekunden später Auftritt Karl Liesegang. Kontrollgang durch die Dusche. Sackhaar entdeckt. Lautstarkes Bumpern an die Nachbartür. Wortgefecht. Nachreinigen der Dusche durch den Dänen. Später: Weinender Däne nebenan. Das Skat-Piepsen war irgendwie besser gewesen, dachte ich traurig.

Es wurde schlimmer. Der Däne wollte Dänenfernsehen kucken und bat um die Genehmigung eine Satellitenschüssel zu installieren. Karl Liesegangverweigerte diese Genehmigung. Der Däne ging zu einem Anwalt und erfuhr dass es sein Grundrecht sei, Dänenfernsehen zu kucken, er müsse allerdings die Satellitenschüssel selber anbringen lassen. Da der Däne handwerklich halbwegs geschickt war, stolperte er einfach am folgenden Wochenende auf das Dach und fing an zu basteln. Ohne Karl Liesegang vorher zu informieren.

Es dauerte weniger als eine Minute, bis Liesegang bemerkte, dass der Däne sich am Dach seines Hauses zu schaffen machte. Er fing an zu zittern und kriegte einen Tobsuchtsanfall und brüllte, bis cremige Speichelflecken in seinen Mundwinkeln klebten. Dann rief er die Polizei. Man kannte Liesegang schon, bei der Polizei. Sie nahmen ihn zu Begrüßung in den Arm, "Na, Karle, was hast denn nu scho wiedä?", alles Weitere bekam ich nicht mit, weil ich zur Bildungsstätte musste. Ich weiß nur, dass von nun an eine Satellitenschüssel auf dem Dach war und der Däne täglich von 18-24 Uhr Dänenfernsehen kuckte und dabei Dänenbier von der Tankstelle (Faxe) trank. Jeden Abend genau 2 Liter. Ich war inzwischen auch beim abendlichen Biertrinken (Veltins, 1,5 Liter) angekommen, spielte auf meinem PC Tetris bis alles viereckig war und ich von herabfallenden farbigen Blöcken träumte und so wuchs mir eine gemütliche Wampe.

Irenchen kam jeden Sonntag zum Excel üben und Kaffee trinken auf meine "BUDE".

Ja, einige Monate lang herrschte eine Art Friede bei den Liesegangs

Mein erster Damenbesuch.
Ja, ich hatte damals eine Freundin. Die lebte aber in Berlin. Meist fuhr ich sie besuchen, es war die Zeit des Guten-Abend-Tickets. Man konnte für 59 Mack von Frankfurt nach Berlin fahren, der Zug fuhr 19.01 ab und war kurz nach Mitternacht in Berlin.

Eines Tages jedoch musste sie dienstlich nach Frankfurt, so ergab es sich, dass sie mich besuchen kam. Ich schob Herrn Liesegang einen kleinen Zettel unter der Tür durch und meldete eine Woche im Voraus formlos den Damenbesuch an. Zum Termin des Besuchs hin intensivierte sich die Besuchsfrequenz von Herrn Liesegang in unserer Hütte. Zuletzt, nachdem vorgenannter Frieden eingetreten war, war Herr Liesegang nämlich nur noch 1x wöchentlich in unser Souterrain-Paradies gewackelt gekommen, um den dortigen Kühlschrank mit Essig auszuwischen (?des is appedidlischä, wenn man des oimal prou Worre dorschreinigt! Aach weeschen die Bagdérier?). Nun jedoch schaute er immer wieder mal nach dem Rechten, überprüfte den Duschkopf, machte regelmäßige Funktionsprüfungen des Toilettenspülkastens, reinigte mir einer alten Drahtbürste die Teppichleisten des Flures, schraubte sogar hie und da neue Glühbirnen ein, war ergo insgesamt geschäftig; eine gewisse positive Grundspannung lag in der Luft.

Die Freundin nahte. Zufällig war Herr Liesegang am Gartentor zugegen, als sie eintraf. ER begrüßte sie mit einem herzlichen Liesegangschen Händedruck, nicht ohne ihr Haar (dunkelblond, Naturlocken), ihre Brüste (Cup B, Birnenform), ihr Becken (schlank) und ihre Beine (klassisch) genauer zu mustern. Bevor er ihr mit seinem fauligen Atem und dem knackenden Gebiss näher kommen konnte, dirigierte ich sie in mein unterirdisches Gemach. Als sie es zum ersten Mal sah, schwieg sie länger; es war apathisches an ihr. Ich führte sie zum Bergen-Enkheimer Italiener aus, der einzige Italiener weltweit, in dem man den Parmesankäse extra bezahlen muss (Kellner: ?Ische musse de schließelich auche bessale, eh??

Als wir wiederkamen, standen die Zeichen auf Erotik. Doch was tun? Nebenan saß der Däne und schaute das erste Mal in seinem Leben kein Dänenfernsehen, sondern las ein Buch, man hörte das Umblättern durch die papierdünnen Wände. Draußen patrouillierte schnaufend Frau Liesegang, auch sie goss erstmalig nachts die Blumen. Schwach genervt schloss ich das bis daher gekippte Fenster und ließ schmetternd die Jalousien runter. Wir mussten es auf dem Boden machen, aber wie ich schon sagte, auch die begehbare Fläche war sehr klein, außerdem war sie L-förmig. Die einzige Möglichkeit, anatomisch vertretbaren Geschlechtsverkehr zu vollziehen bestand darin, mit den Köpfen unter dem Ess- bzw. Schreibtisch zu liegen, und den Rest des Körpers seitlich durchzubiegen. Der Tisch hatte allerdings eine Schublade, somit war die Kopffreiheit gering. Aber ein junges Paar im Feuer frischer Leidenschaft kann auch das ?händeln?, wie wir Unternehmensberater gerne sagen. Schwerer händelbar war allerdings, dass inzwischen auch Herr Liesegang im Flur eingetroffen war, wahrscheinlich für eine außerplanmäßige Kühlschrankinnenraumreinigung; es war dies durch leise brabbelnde Selbstgespräche klar erkennbar.

Wir taten das einzig richtige. Anstatt nun völlig zu verzweifeln und Rücksicht wie die Doofen zu nehmen, taten wir das Gegenteil und fickten laut und lange auf dem Bett. Wir fickten die gesamte Bagage aus dem Haus, so, da hatten sie's nämlich, die Ärsche.

Sprit
Es war an einem Samstag, als ich gegen 10 Uhr das Haus verließ und meinen Fiat Uno erklomm, um zur Bildungsstätte zu fahren. Gerade hatte ich unters Lenkrad gefasst und den Choke bis zum Hals rausgezogen; der drehfreudige Motor sprang bei der ersten Umdrehung des Anlassers an und röhrte sofort satt auf 3 Zylindern in Richtung eines vitalen Standgases von 2400 Touren, da sah ich Irene die Straße entlangwatscheln, Richtung Gartentor der Liesegangschen Wohnung. Sie wirkte leicht gangunsicher. Ich schaute ein wenig zu, wie sie das Gartentor aufschloss, bzw. es versuchte. Es dauerte lange. Nach einer guten Minute hatte sie das Tor offen, sie fiel in Richtung des Tores und blieb dann einfach so auf dem Boden liegen, wie ein Maikäfer, der nicht hochkommt, nur andersrum.

Gerade als ich aussteigen und assistieren wollte, sah ich wie Karl Liesegang voller Panik sein Haus verließ, auf das Gartentor zueilte und seine Tochter mittels eines Sanitäter-Rettungsgriffes blitzartig in das Souterrain-Wunder verfrachtete. Ich fuhr los und vergaß den Vorfall zunächst.

Abends, als ich wiederkam, war irgendetwas anders geworden. Schriftsteller reden immer gerne von einer veränderten Molekülstruktur der Luft, wenn sie andeuten wollen, das etwas Bedeutungsvolles geschehen ist, was natürlich sowohl literarisch als auch physikalisch völliger Blödsinn ist. Hier war die Sache wesentlich profaner. Es stank im Flur. Nach süßem Sprit. Vielleicht Kirschwasser, vielleicht Amaretto. Es stank sehr stark. Irene musste sich am Vorabend schlimm die Kugel gegeben haben.Ich ging erst mal in mein Zimmer und kochte Miracoli (ich ernährte mich etwa 12 Monate lang von Miracoli, Apfelwein und Veltins, und es hat mir nicht geschadet). Während ich so an meinem Tisch saß und aß, hörte ich Karl Liesegang wieder an seinem Gartentor Selbstgespräche führen. Das ging so.

||: Ei, ei, ei, ei, ei.. [...] Irrrene (mit rollendem ?r?) Irrrrrene, Irrrrrene, ei ei ei ei ei. Was machst mit dei Eldern? Ei, ei, ei, ei, ei. :||

Ein nicht enden wollendes Lamento, im rüstigen Liesegangschen Bariton vorgetragen, monomanisch, zyklisch, vielleicht sogar ein großes Stück Kunst. Es dauerte eine knappe Stunde, dann zog Herr Liesegang seinen Hut, grüßte einen vorbei gehenden Nachbarn und zitterte in sein Haus zurück. Da war was fällig.

Am nächsten Tag klopfte Polizei am Gartentor. Gesucht: Frau Irene Liesegang. Es folgte lautstarkes Rumpumpel, erkennungsdienstliche Maßnahmen, Unterredung wegen Zechprellerei und ähnliche Unerfreulichkeiten. Gerade als sich auf dem Flur Herr Liesegang einschaltete, kam meine späte Rache, endlich wollte ich ihn mal so richtig erniedrigen. Ich ging auf den Flur und sagte, ?Was ist denn hier für ein Lärm?. Herr Liesegang blickte zu Boden. Er hatte versagt, als Vater. Jetzt war es klar.

Des Abends nahm er mich beiseite. Seine Tochter sei alkoholkrank. Sie sei über zwei Jahre trocken gewesen und nun ein Rückfall. Er weinte bitterlich. In der Liesegangschen Behausung NICHT alkoholkrank zu werden, war jedoch menschenunmöglich. Ich traute mich aber nicht ihm das so zu sagen. Hätte ich besser mal.

Es wurde ungemütlich. Irene bekam väterlicherseits Hausarrest, den sie aber natürlich austrickste. Sie stieg nachts aus dem Fenster, keine besondere Leistung in einer Souterrain-Wohnung, eh klar. Sie richtete im Schutze der Dunkelheit im Garten klirrende Flaschendepots ein. Mehr als einmal kletterte sie irgendwann morgens gegen sechs Uhr würgend über das Gartentor, auch verfasste sie Zettel mit legasthenischen Botschaften, die sie nach einem unvorhersehbaren Schema mal hier, mal dort unter der Tür durchschob. Einen dieser Zettel habe ich heute noch, es steht darauf:

?RURE JETZT! IH WILL SLAFEN.?

Ein Zettel, den ich ihr oft genug selber unter der Tür durchgeschoben hätte.

Nach einigen Wochen hatte sie sich wieder gefangen.

Eines Tages betrat Günther die Szenerie, er hatte einen ansonsten weitgehend teilnahmslosen Menschen aus einem der hinteren Zimmer abgelöst, der sein Studium vorschriftsmäßig beendet hatte und still und heimlich ausgezogen war.

Günther war völlig wahnsinnig. Er reichte mir bis zur Schulter, hatte eine neckische blonde Kurzhaarfrisur, kam überdies aus Wien und fuhr ein hochkalibriges Motorrad. Die Strecke Wien-Frankfurt hatte er bei strömendem Regen nonstop mit besagtem Motorrad zurückgelegt.

Er war wie auf Koks, es war kaum zu ertragen. Wenige Minuten nach seinem Einzug (sein Hab und Gut hatte er mit UPS verschickt, eine Idee, die bis heute für mich nichts von ihrem Charme verloren hat, angeblich hatte der ganze Umzug nicht mehr als 900 Schilling (heute ca. 65 EUR) gekostet)) bumperte er bereits an meine Tür und wollte mit mir was SAUFEN gehen, aber RICHTIG. Permanent erzählte er von seinen überlaufenden Girokonten, er wolle Banker werden, und zwar so richtig und vollständig, und wenn er erst mal käme, dann würden sie aber alle mal KUCKEN, da wäre aber RAMBAZAMBA und überhaupt.

Ich ließ ihn labern, immerhin zahlte er immer alle Getränke, wenn man saufen war. Irgendwann waren alle einschlägigen Kneipen zu, sogar der Dreikönigskeller, und wir erwarben an einem sog. "Wasserhäuschen" einige ambulante Dosenbiere und machten uns auf den Heimweg. Günther warf ausgetrunkene Dosen einfach so in die Gegend, völlig widerwärtig, kaputt.

Als wir heimkamen, traf zeitgleich mit uns Irene ein, auch sie kam offensichtlich von einer Erfrischungstour zurück, Günther hakte sie unter, sie muss später mit ihm noch Beerenschaumwein entkorkt haben, genaues weiß ich nicht, weil ich irgendwann Ohrenstopfen reintat um schlafen zu können.

Was ich weiß ist, dass Bad und Toilette einen Tag nicht benutzbar war, dass Irene danach in eine Klinik kam und Günther gekündigt wurde. Karl Liesegang hatte da gewisse Prinzipien, und erstmalig mochte ich ihn dafür.

Musste UPS halt nochmal kommen.

Wie zu reynigen sey
Karl Liesegang hatte sein Leben der Effizienz und Vernunft gewidmet. Wie schon erwähnt, "roinischde" er wöchentlich den Kühlschrank. Der Kühlschrank verfügte über vier Etagen, für jeden Mitbewohner eine. Die Etagen waren mit kleinen Zettelchen nummeriert, auf dass ein jeder seine Lebensmittel akkurat ausrichten konnte.

Lehrreich war der Flur, er enthielt außer der o.g. Korrespondenz (die wohl aufgrund der Briefköpfe der Firmen, die Liesegangs Bude für ihre Mitarbeiter anmietete eine Art Seriosität Herrn Liesegangs beweisen sollte) auch Zeitungssausschnitte. Einen davon hatte er sogar mal im Kopierladen von A4 auf A3 hochkopiert, er trug in gewaltigen Lettern die Überschrift "Lieber kurz und gründlich lüften". Man lernte, warum das besser sei, ich habe es allerdings trotzdem bis heute vergessen.

Liesegang liebte Sachen, die nützlich und kostenlos waren. Ich staunte gar nicht mal so übel, als ich eines Tages, inzwischen war Winter eingekehrt, Herrn Liesegang vorfand, als er von draußen Schnee (ja, Schnee) in den Flur schaufelte. Bevor ich fragen konnte, belehrte er mich:

"Schnee isd saubä. Dodemit konn isch dä Fluä saubä roinische, ohne Budsmittel."

Er schaufelte also erst den Schnee in den Flur, dann verrieb er diesen mit einem Schrubber gleichmäßig in die düstere Auslegeware, um wenig später, als die Wintersonne herausgekuckt kam, mittels aller im Haus befindlichen Fenster und Türen einen sibirischen Durchzug veranstaltete. Dieser Durchzug sollte den Schnee trocknen, es klappte aber nicht völlig super. Zwei, drei Tage lang machte der Flur unter meinen Adiletten eine Art "quatschel quatschel"-Geräusch, dann trocknete er tatsächlich.

Mit dem Winter begann die Heizperiode. Liesegang klärte mich auf. "HErrrrrrrrrroinigge, es kann sein, dass die Hoidsköbbä heute a bissi knagge, isch hab die Heizanlahre angeschdelld". Etwa eine Stunde später kamen aus der Heizung und den daran befindlichen Rohren Geräusche, als wenn irgendwo mit einer Kreissäge Metall durchgesägt würde. Es klang wirklich außerordentlich gefährlich. Also tapste ich in Liesegangs Haupthaus und vermeldete ungewöhnliche Geräusche.

"Koine Angsd, isch habe Ihnär doch gesagt, des knaggt ä bissi, des muss sisch alles erschd wieder einfinde". Liesegang wirkte sehr zuversichtlich, das rührte vielleicht aber auch von seiner Schwerhörigkeit. Ich wartete zwei Stunden, doch der Lärm war unerträglich geworden. Inzwischen waren sogar Menschen vom Nachbargrundstück eingetroffen, die sich nach der Lärmursache erkundigten. Liesegang ging murrend in den Heizungskeller, wo das Epizentrum der Geräusche lag. Und nun geschah etwas. Seine Augen weiteten sich, er schraubte panikartig überall Sicherungen raus (Porzellansicherungen, rund) und begann einen unkontrollierten Veitstanz und brüllte uns an:

"WARUM HABE SIE NIGGS GESAGT? DES KÖNNT ALLES IN DIE LUFT FLIESCHE HIÄ, WARUM SAGE SIE DENN NIGGS?"

Er hatte vergessen, irgendwo Wasser reinzupumpen oder abzulassen, verstanden habe ich es bis heute nicht, jedenfalls war die Heizung ernsthaft kaputt und ein externer GasWasserScheiße-Spezialist musste anrücken. Eine Schande für Karl Liesegang.

De GWS-Mann polterte in den Heizungskeller, kam düster murmelnd und kopfschüttelnd wieder heraus und verbrachte die folgenden drei Tage im Keller. Hämmernd und schweißend, bohrend und klopfend. Es muss nicht erwähnt werden, dass all diese Geräusche aus dem Epizentrum über Schallwellenfortpflanzung nahezu ungemindert mein Zimmer, in erster Linie jedoch meinen am Heizungsrohr entlang geparkten Schreibtisch erreichten. Es war relativ schwer, so zu arbeiten.


Mehl
Auch wenn ich Herrn Liesegang untersagt hatte, mein Zimmer während meiner Abwesenheit zu betreten, hatte ich trotzdem das Gefühl, er schleiche dann und wann mit prüfendem Blick in meiner Kemenate herum, wenn ich tagsüber in der Bildungsstätte oder des Nachts im Wirtshaus herumbastelte. Mal war, als ich abends heimkam, die Zimmertür doppelt abgeschlossen, auch wenn ich sie beim Weggehen nur einfach verriegelt hatte, mal roch es schlicht und einfach nach Heizöl (Karl Liesegang roch immer etwas nach Heizöl, keine Ahnung warum).

Ich stellte ihm eine Falle. Dazu präparierte ich die beiden das Zimmer dominierenden Hauptschränke folgendermaßen: In die Schrankinnentüren hämmerte ich je eine Reißzwecke. An diese knotete ich je ein Stück Zwirn. Die Zwirne wiederum band ich an je einer Tüte Mehl fest. An einer OFFENEN Mehltüte, versteht sich. Sodann hieß es, die Mehltüte vorsichtig in den Schrank zu stellen und mittels eines Knotens den Zwirn so lang zu dimensionieren, dass er bei langsamem vorsichtigen Öffnen des Schrankes lang genug war, die Mehltüte unfallfrei von Hand aus dem Schrank herauszubugsieren. Ein Unwissender, der mit Schmackes die Schranktür öffnen würde, tja, der....

Ich wartete, und wartete, und wartete, und wartete. Und einen Tag geschah es. Ich kam wie gewohnt Freitags um 15 Uhr nach Hause, da fing mich Herr Liesegang am Gartentor ab. Sein Overall war mehlbestäubt.

"Herrrrrrroinigge, sie könne ned in Ihr Zimmer, es hat..." - er zitterte - "oinen Wassäschade gegäbe. Oin Rrrrrrrrrohbrrrruch. Isch muss des ersd alles in Ordnung bringe."

Er schluckte aufgeregt, ich hatte einen Moment wirklich Angst ein Herzinfarkt oder Schlaganfall stünde unmittelbar bevor. Mein ursprünglicher Plan ihn ein wenig weiter zu quälen, konnte nicht durchgeführt werden, ich hatte ehrlich Angst um ihn. Er war völlig aufgelöst und lief hospitalistisch zwischen Gartentor und der Eingangstür des unterirdischen Wohnbunkers hin und her, dabei staubte er sehr stark.

"Herr Liesegang, ich gehe erst mal einen Kaffee trinken. Machen Sie den Wasserschaden in Ruhe weg."

Ich trollte mich, ging nach gegenüber, ins so genannte "Hessen-Center", einen der schrecklichsten Orte der Welt überhaupt, ein Einkaufszentrum der Güteklasse E, dort wiederum gab es einen Metzger namens "ZEISS", der pures Fett und sehr schlechten Kaffee verkaufte. Da ging ich hin und setzte mich auf viele viele Tassen Kaffee. Ich wollte ihm Zeit geben.

Nach wenigen Minuten kam Liesegangs Frau angewackelt. Sie erkannte mich glücklicherweise nicht, trabte mit angstgeweiteten Augen zu Aldi und kam mit zwei Packungen Mehl wieder heraus.

Ich fühlte mich enorm scheiße. Blieb da sitzen bis das Hessen-Center zumachte. Dann wieder zurück in meine Butze.

Vorsichtig lugte ich über den Gartenzaun. Liesegang war nicht zu sehen. Ich schloss meine Zimmertür auf. Er hatte nicht nur superordentlich gesaugt, er hatte sogar die Mehlbeutel inklusive des Zwirns wieder in den Schrank gefummelt (wenn auch falsch herum gestellt, das "DIAMANT"-Logo nach hinten, aber das konnte er nun wirklich nicht wissen). Ja, er hatte sogar ein bisschen Wasser auf den Boden gespritzt, um einen Wasserschaden zu simulieren.

Ich denke, es war ihm eine Lehre. Und mir auch so ein bisschen.


Die Mehl-Episode war ein tiefer Einschnitt für alle Parteien, sorgte aber letztlich (wie es ja bei tiefen Einschnitten oft ist) für eine gewisse Professionalisierung der Beziehung Vermieter/Mieter. Anders formuliert: Früher war ich dem Vermieter ausgewichen, zum Einen wegen des von ihm ausgehenden diabolischen Heizölgeruchs, zum Anderen weil man schon nach kurzem Sichtkontakt mit sofortigem Andocken und Privatgesprächen nicht unter 45 Minuten Länge bestraft wurde. Nun war es umgekehrt, Herr Liesegang mied mich. Einziger als solcher zu bezeichnender persönlicher Kontaktpunkt war die monatliche Bar-Übergabe des Mietzinses (Herr Liesegang hatte es nicht so mit Überweisungen, das böse Finanzamt!), und selbst diese delegierte er kurzerhand an seine Gattin. Es ging dabei geradezu verschwörerisch zu. Zunächst bettelte ich zum Monatsersten in der DEUTSCHEN BANK - Filiale des Hessen-Centers um Ausweitung meiner persönlichen Dispositionslinie, dann ließ ich mir 400 DM auszahlen, wackelte rüber vor die Liesegangsche Haustür und klingelte. Herr Liesegang schlurfte an, ich sah sein Auge durch den Türspion gnickern, dann entfernte er sich wieder. Laut schnaufend näherte sich dann seine Frau, sie öffnete die Tür, ließ ein herzliches "Och joh" fahren, nahm mit tremolierenden Fingern das Bargeld entgegen und reichte mir im Gegenzug eine bereits vorher kalligraphierte, auf der Fensterbank liegende Quittung. "Auf Wiedersehen, Frau Liesegang" - "Och joh!"

So ging das.

Irgendwann hatte ich eine andere Wohnung gefunden. Ich kündigte meinen Mietvertrag schriftlich, man weiß ja nie, und erhielt auch prompt am gleichen Tag eine Bestätigung der Kündigung unter meiner Tür durchgeschoben. Ich packte wieder alles in Kisten, ließ den UPS-Mann kommen, und irgendwann war es soweit: Ich übergab Herrn Liesegang seine Schlüssel und tapste in die Freiheit. Die letzten Worte, die ich aus Herrn Liesegangs Mund vernahm, waren:

"Herrrrrrroinigge, isch ziehe där Hut vor Ihne", dann zog er seinen umfangreichen Cordhut und winkte mir damit hinterher, aus seiner kleinen Öffnung des Jägerzauns. Ich wüsste gerne, ob mein Kündigungsschreiben jetzt auch in diesem düsteren Flur an der Wand hängt. Irgendwann, das habe ich mir geschworen, gehe ich da nochmal vorbei.

Endet hier.

Jochen

ist 34 Jahre alt und schreibt hier und da, u.a. für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Zeit Wissen und die Riesenmaschine

Das erste Erwachen

Patricia Cammarata
Im Laufe einer Beziehung gibt es bestimmte neuralgische Augenblicke. Einer davon ist das erste gemeinsame Erwachen.
Als ich sechszehn war, hat mir ein etwas älterer Mann seine Erlebnisse mit nächtlichen Eroberungen geschildert. Besser gesagt mit dem Morgen danach. Seine Schilderungen haben sich tief in meine Psyche eingegraben. Von Make-up-Resten im Damenbart war da die Rede.
So war mir seitdem klar, wer auch immer neben mir aufwacht, soll ein solch traumatisches Erlebnis nicht haben.

Ich erinnere mich beispielsweise an die erste Nacht mit meinem später langjährigen Freund.
Am Morgen darauf wurde ich von Vogelgezwitscher geweckt. Die Uhr zeigte 5.30 Uhr. Genau die richtige Uhrzeit schnell aufzuspringen und sich ein wenig frisch zu machen.
Ich schlich also ins Bad, putzte mir die Zähne, kämmte meine Haare, nahm eilig eine Dusche, rasierte mir noch schnell die Beine, frischte die Mani- und Pediküre des Vortags auf, trug rasch ein wenig Make-up auf, Wimperntusche, einen Hauch Lidschatten, der farblich perfekt auf meine Unterwäsche abgestimmt war und schon konnte ich wieder ins warme Bettchen zurück kriechen.
Da drapierte ich mich möglichst ästhetisch aussehend mit einem Lächeln neben ihn. Natürlich nicht ohne die Decke kunstvoll über meinen Körper zu drapieren. Dann stellte ich mich schlafend und wartete auf sein Erwachen, während ich seinem regelmäßigen Atem lauschte.

Sechs Stunden später wurde er wach und ich blinzelte ihn, möglichst niedlich wirkend an und hauchte ihm einen Gutenmorgengruß entgegen.

So war das als wir frisch verliebt waren.

Nur wenige Jahre später hat sich das Bild geändert.

Gerädert vom Alltag, der anstrengenden Arbeit, vom zunehmenden Alter, fällt man Abends ächzend ins Bett und es dauert keine zehn Sekunden bis man in das Reich der Träume übergleitet. Gerade mal Zähneputzen hat man geschafft. Abschminken war nicht drin.
Wenn dann um 6.30 Uhr der Wecker klingelt, weil der Partner aufstehen muss, wälzt man sich missmutig hin und her und grunzt ihm bestenfalls ein GUTNMORGN entgegen. Wird man dann eine halbe Stunde später mit einem frisch gebrühten Kaffee geweckt, raunzt man ihm erneut an und rollt sich missmutig aus der Schlafkuhle.
Von dort geht es an den Frühstückstisch. Die Wimperntusche klebt mittlerweile unter den Augen, dass man aussieht, als wäre man am Vorabend gefeierter Star einer Gruftiparty gewesen. Die Haare hängen strähnig ins Gesicht. Nur der Pony, der steht komischerweise grundsätzlich kreuz und quer nach oben. Vom Atmen wollen wir nicht sprechen. Man trägt ein uraltes, ausgeleiertes T-Shirt und eine an den Knien ausgebeulte Jogginghose. In der Regel prangt an einer gut einsehbaren Stelle ein kartografierungswürdiger Pickel mit stolzer Eiterkuppe .

Im vollen Bewusstsein darüber dass man aussieht wie ein Monster hat man sich nach mehreren glücklichen Beziehungsjahren eingeredet, es ginge gar nicht ums Aussehen. ?Mein Freund liebt mich wie ich bin?, denkt man, während man kaffeeschlürfend die Hühneraugen an den Füßen begutachtet.

Bis eines Morgens etwas Schreckliches passiert.

Der Freund verabschiedet sich zur Arbeit und öffnet die Eingangstür. Er gibt so den Blick frei zur nachbarlichen, direkt gegenüber liegenden Eingangstür, wo just der Nachbar hervor tritt und ebenfalls von seiner Freundin verabschiedet wird. Die letzten beiden Jahre hat man sie nur akustisch wahrgenommen, gesehen hat man die noch nie.

Und oh Schreck!

Oh Unglück!

Über die Schulter des eigenen Freundes ergibt die Musterung einen Horrorbefund.

Einen Meter sechzig ist sie maximal. Wiegt kaum fünfzig Kilo. Ihr Haar, glänzend und ordentlich zu einem Zopf zusammengebunden. Ihr Pfefferminzatem weht zum anderen Flurende. Ich rümpfe die Nase. Sie trägt ein enges, türkis-blau geringeltes Oberteil, dazu passend ein keckes Höschen.
Ihr Teint strahlt, dass meine Augen sich nach einer Sonnenbrille sehen. Als ich auf ihre gepflegten Füßchen, maximal Schuhgröße 36 schaue, verstehe ich plötzlich das Phänomen des Fußfetischismus.

Derweil stellt sie sich auf die Zehenspitzen und gibt ihrem Partner einen langen sanften Kuss.
Der Nachbar und mein Freund treffen sich in der Mitte des Gangs, grüßen sich und blicken noch einmal auf die geöffneten Wohnungstüren zurück, wo wir Frauen stehen.
Ich zische durch den Gang: ?Blöde Kuh! Frauen wie Du machen den ganzen Markt kaputt? und knalle die Tür zu, dass sie beinahe aus den Angeln fällt.
Wie eine alte cardassianische Weisheit sagt: Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters. Daran hält sich das nuf, die ihre Erzählkunst von ihrer sizilianischen Nonna erbte. Als diplomierte Psychologin hat sie ein scharfes Auge für den Alltag, über den sie gerne theatralisch schreibt. Sie hat Angst vor Fledermausarmen, Haaren und Obst und ist eine der größten Paint-Künstlerinnen der Gegenwart.

Der Rosenkrieg

Nilz Bokelberg
Ich habe in so einem Hinterhof gewohnt, in Köln. Ein wahres Idyll, mit Efeu überwachsen und so, aber trotzdem noch Zentral genug um in 5 Minuten in der Innenstadt zu sein. Mein Bruder und ich, wir haben uns da eine Lagerhalle ausgebaut. Grossartig!
Neben unserer Halle waren so eine Art Bungalows. Man könnte wohl eher Büros sagen. Ganz klein, Flachdach und immer nur ein Raum. Ein etwas grösserer (15 qm) und zwei halb so grosse. Und da haben Leute drin gewohnt. Eine Horde Inder. Ich kann nicht genau sagen wieviele, das kann wohl niemand so genau, aber ich schätze es waren so um die 15 Mann. Und alle hatten den gleichen Job: Rosenverkäufer.
Jeden Abend sah man wie sie sich fertig gemacht haben und dann, peu a peu, nacheinander losgingen. Jeder mit einem riesen Blumenstrauss bewaffnet.
Einer von ihnen war ein jüngerer Typ, seinen Namen hab ich leider vergessen. Ich glaube Raschid, oder so. Er war der einzige der zumindest ein wenig englisch konnte und so haben wir uns immer mit ihm unterhalten. Er hat uns auch immer Zigaretten von sich angeboten, die schmeckten aber nicht so wahnsinnig gut. Unser Hof roch jeden Abend nach ziemlich vielen Gewürzen. Die haben sich da immer ordentlich was gekocht. Raschid ist dann auch öfters bei uns vorbei gekommen und hat sich zu uns gesetzt und ein bischen erzählt. Wie schön er Indien fände und so. Ausserdem mussten wir ihm immer mit dem Übersetzen irgendwelcher Amtsbriefe helfen, die bei den Jungs so eintrudelten. Dafür haben wir dann wieder Zigaretten angeboten bekommen, die wir aber dankend ablehnten. Nett war auch das wir abends, wenn wir Damenbesuch hatten und die Jungs zurückkamen und nicht alles verkauft hatten, die Rosen auf Kosten des Hauses an die Frauenzimmer gingen. Die haben sich gefreut, wir haben uns gefreut
Eines Abends, ich glaube mein Bruder und ich sassen gerade beim zocken, da hörten wir einen tierischen Lärm von draussen. Auf dem Hof standen sich zwei Parteien der Ansässigen Inder gegenüber und schrien sich an. Es war chaotisch und natürlich verstand niemand um was es ging. Raschid war auch nicht in der Nähe um uns übersetzen zu können. Wir riefen äusserst sinnvolle, friedensstiftende Kommentare, wie zum Beispiel ?Hey!? oder ?Naaa!? oder ?Öh!?, in die Menge, aber sie hörten irgendwie nicht so richtig auf uns. Das wurde unter anderem auch daran sichtbar, das plötzlich der junge Anführer der einen Gruppe dem alten Anführer der anderen ins Gesicht schlug. Wir wollten gerade dahin gehen, da hatte Raschid sich schon zwischen die Parteien gestellt und alle gingen zurück in ihre Kabüffs.

Danach war irgendwie alles anders. Nach und nach verschwanden die Jungs. Zogen aus. Trennten sich voneinander. Eines Tages stand Raschid in unserer Tür. Er würde jetzt gehen. Sehen wo er unterkommt, sehen was es noch so zu tun gibt. Herzlich verabschiedeten wir uns. Es war schon irgendwie traurig. Nicht das wir dicke Kumpels oder so gewesen wären, aber wir hatten uns alle aneinander gewöhnt. Und er zog wieder von dannen. Würde irgendwo anders landen. Und wir würden es nie erfahren. Klar lächelte er, als wir sagten, er solle sich mal zwischendurch melden und natürlich beteuerte er auch, dies zu tun. Aber uns war allen klar, das wir nie wieder voneinander hören würden. Wir winkten ihm noch hinterher als der den Hof verliess. Dann war er weg.

In den Wochen danach habe ich mir so ziemlich jeden Rosenverkäufer in der Stadt genau angeguckt. Vielleicht war er dabei, vielleicht aber auch einer seiner Kollegen und ich würde ihn wiedererkennen, oder er mich! Aber Fehlanzeige. Es musste irgendwo in dieser Stadt noch ein Hinterhofbüro geben in dem ganz viele der Jungs wohnen, denn jeder, dem ich begegnete, hatte ich noch nie zuvor gesehen. Hoffentlich ging es Raschid gut.

Es muss so ca. 4 Monate später gewesen sein. Ein alter Bürobewohner schlenderte über den Hof. Wir begrüssten ihn, er setzte sich zu uns. Erzählte ein bischen gebrochen, wo sie jetzt alle seien. Wir haben nicht alles verstanden. Dann aber fragten wir ihn nach Raschid und er erzählte, das Raschid jetzt Koch sei, irgendwo im Pott.
Da konnte ich es auch locker verschmerzen, das er nicht mehr neben uns wohnte.

Der Nachbar

Frau Frank
der mann hatte schon seit jahren im 3. stock des hauses gewohnt. er war nils nachbar, der mit seiner freundin auf dem gleichen stockwerk in der wohnung gegenüber lebte.
der etwa 55 jährige nachbar war eher unauffällig gewesen, hatte selten das haus verlassen und wenn man ihn mal im hausflur getroffen hatte, war er nach einem unhörbaren gruss mit gesenktem blick vorbeigehuscht.
er war ein sonderling gewesen. ab und zu sah man ihn mit einer plastiktüte vor dem lebensmittelgeschäft um die ecke stehen. auch sonst hatte er die tüte immer mit sich herumgetragen, begleitet von einem hellen klirren aneinanderstossender flaschenhälse.
im haus wusste man darüber bescheid, dass der mann alkoholiker war. arbeitslos, unverheiratet, keine freunde, keine kinder oder zumindest kam nie jemand vorbei.

im allgemeinen war die hausgemeinschaft gut, so gut sogar, dass man in lauen sommernächten zusammen im hof sass, lamm und schwein grillte , und dem zirpen der grossstadtgrillen in der mittelblauen grossstadtnacht lauschte.
anfangs hatten nils und die anderen hausbewohner den mann eingeladen zum grillen in den hof zu kommen, aber der war nur scheu zurückgeschreckt, hatte den kahlen kopf geschüttelt. seine plastiktütet klirrte verdächtig nach bruchglas, während er fluchtartig die stufen zu seiner wohnung emporstapfte.

irgendwann bemerkte nils dann diesen merkwürdigen geruch, wenn er durchs treppenhaus ging.
zuerst nahm er an, dass der geruch von den mülltonnen im hof stammte. im sommer kam das manchmal vor, dass ihr übler geruch durchs treppenhaus zog und sich schliesslich in den oberen etagen verlor. aber nach einer woche, die mülltonnen waren geleert, hatte der gestank mehr und mehr zugenommen und schien sich vor allem in den oberen etagen zu stauen.
schliesslich war der ursprung des übels gefunden: die nachbarwohnung des sonderlings im 3. stock.

nils rief die feuerwehr und die geschichte nahm ihr trauriges ende.
der mann mit der klappernden plastiktüte war, nach einem plötzlichen herzstillstand in seiner wohnung verstorben und hatte 2 wochen tot auf dem fussboden seines wohnzimmerbodens gelegen.
als die feuerwehr die wohnungstüre aufbrach, erbrach sich der geruch verfaulenden menschenfleisches in jeder ritze des hauses und nils freundin erbrach sich mitleidvoll in die toilette. es dauerte wochen, bis der eindringliche geruch sich im hausflur verflüchtigt hatte. noch heute, meinte nils, ginge ihm dieser geruch nicht mehr aus dem kopf und allein der gedanke riefe in ihm brechreiz hervor.

ein paar tage nachdem die leiche abtransportiert worden war tauchten in nils wohnung plötzlich millionen von fliegen auf, die durch die ritzen im dielenboden in die wohnung gekrochen kamen. er musste einen kammerjäger rufen, um dem problem schliesslich herr zu werden.

Frau Frank

Um nicht ein weiteres Tagebuch zu beginnen, das nicht zum Ende gebracht wird, fing sie vor 3 Jahren an ein Online-Tagebuch zu führen. Inzwischen bloggt sie allerdings mehr zum Thema Design als bei Frau Frank

Frau Dahlberg

Maximilian "Merlix" Buddenbohm
Vor vielen Jahren wohnte ich am Rand einer kleinen Stadt östlich von Hamburg, einer sehr langweiligen, gar nicht schönen, unspektakulären Stadt hinter dem Sachsenwald.
Dort hatte ich eine Wohnung in einem Mietblock aus den dreißiger Jahren, einem langgestreckten Gebäude mit nur zwei Etagen, dunkelroter Backstein, Haus gewordene Ödnis. In den Gängen im Keller gab es noch Mengen von leeren Einweckgläsern und viel verrostetes Gartengerät, der Rasen vor dem Haus war früher jahrelang als Gemüsegarten genutzt worden, wie mir erzählt wurde. Die üblichen Hinweisschilder in den Treppenhäusern, man möge bitte die Türen verschlossen halten, das Licht wieder löschen und die richtige Wäscheleine benutzen waren noch mit schwarzer Schrift auf weißer Emaille ausgeführt. Als ich einzog und meine Sachen hochtrug, öffnete sich die Tür der Nachbarwohnung einen Spalt breit und ich sah undeutlich, wie jemand mich durch den Spalt beobachtete. Ich grüßte, die Tür wurde sofort energisch wieder geschlossen. In den folgenden Tagen sah ich die Nachbarin aus dieser Wohnung gelegentlich im Treppenhaus und grüßte jedesmal, was aber nur sehr kurz angebunden und unwillig beantwortet wurde. Eine kleine alte Frau mit kurzen grauen Haaren, die immer sehr adrett saßen, mit Unmengen von Haarspray in Form und Wellen gebracht. Im Haus trug sie stets bunte Kittelschürzen und Hausschuhe und war in erstaunlicher Häufigkeit zwischen ihrer Wohnung, dem Dachboden und dem Keller unterwegs. Ihr Kinn stand ein wenig schief, wodurch der Ausdruck permanenter Mißbilligung in ihrem Gesicht festgefroren war. Sie sah einen immer erst eine Weile prüfenden Blickes an, bevor sie auf etwas antwortete, wobei sie das Kinn noch etwas schiefer zog.
Nach den ersten beiden Wochen wurde sie etwas freundlicher, sie hatte, wie mir später klar wurde, erst ergründen wollen, ob ich nachts nicht vielleicht wilde Partys feiern, Drogen im Hausflur verstreuen oder leere Flaschen vom Balkon werfen würde, denn das Chaos lauerte überall. Sie war sehr ernst und etwas ruppig, ihre Sätze waren gerade eben noch freundlich in der Wortwahl. Ich habe sie niemals mit einem Lächeln im Gesicht gesehen. Am dritten Sonnabend nach meinem Einzug klingelte sie morgens bei mir: ?Wollte sie nur erinnern. Sie haben Treppenhausdienst, junger Mann. Nicht vergessen!? Ich war etwas entgeistert und fragte nach: ?Ich habe was??. ?Sie haben Treppenhausdienst. Sie müssen das hier saubermachen, von da unten bis zum Dachboden. Ich habe letzte Woche, davor die von unten, jetzt sind sie dran, sie machen hier jetzt mal klar Schiff. Man los!? ?Aha?, sagte ich, ?wie denn genau??
Sie sah mich mißtrauisch an, ob ich sie nicht vielleicht auf den Arm nehmen wolle und erst als ich nachfragte, ob es vielleicht mit Fegen getan wäre, dämmerte ihr, daß ich wirklich wissen wollte, was genau zu tun wäre. Daraufhin bekam ich eine längere Einweisung in das Dahlbergsche Prinzip der Treppenhausreinigung, eine umständliche Prozedur, zu der man Handfeger und Schaufel, einen großen Besen, einen Schrubber, einen Lappen, zwei Eimer und diverse Putzmittel brauchte. Da ich nichts davon hatte, fragte ich sie, in welchem Laden der Stadt man so etwas denn wohl am besten erstehen würde. Fortan war ich ihr sympathisch, soweit man überhaupt davon sprechen konnte, es äußerte sich vor allem darin, daß sie nach dem Grüssen jeweils noch einen Kommentar zum Wetter abgab. Ich habe stets auf meinen Treppenhausdienst geachtet und immer reichlich Lärm dabei gemacht, mit dem Schrubber gegen die Türen gehauen und die Eimer hörbar über den Boden geschoben, damit Frau Dahlberg hören konnte, daß ich bei der Arbeit war. Wenn ich fertig war und hinter mir meine Wohnungstür schloß, dauerte es ein paar Minuten, dann kam Frau Dahlberg aus ihrer Wohnung, ging im Treppenhaus umher, einmal bis zum Keller, einmal bis zum Dachboden und inspizierte das Ergebnis meiner Bemühungen. Sie hat sich nie beschwert, obwohl meine Art der Treppenhausreinigung hauptsächlich auf Geräuschentwicklung abgestellt war.
Frau Dahlberg war den ganzen Tag beschäftigt, sie putzte ihre Wohnung unermüdlich, kochte, buk, pflegte die Büsche vor dem Haus, streute im Winter die Wege und machte sich in ihrem Keller zu schaffen. Diesen Lattenverschlag hatte sie von innen komplett mit Zeitungspapier und Folie verklebt, so daß man nicht hineinsehen konnte. Sie öffnete die Tür dazu nur, wenn kein anderer Bewohner in der Nähe war. Sie bekam nie Besuch und es schien keine Verwandten zu geben, aber auf ihrer täglichen Einkaufsrunde in der Stadt, die den ganzen Vormittag in Anspruch nahm, führte sie lange Gespräche mit den älteren Verkäuferinnen beim Schlachter oder Bäcker, den Frauen an den Marktständen und den Hausmeistern der Wohnblöcke, an denen sie vorbeikam. Der Weg in die Stadt dauerte zu Fuß etwa eine halbe Stunde, sie ging ihn jeden Tag und bei jedem Wetter. Wenn in den umliegenden Wohnungen jemand aus der älteren Generation krank war, brachte sie Essen und Einkäufe vorbei. Ihre Geselligkeit bezog sich strikt auf Menschen ihres Alters. Ein jüngerer Nachbar, der in dem Block aufgewachsen war, erzählte, daß die Kinder früher schreckliche Angst vor ihr gehabt hätten, denn wenn man zu laut spielte oder zur falschen Zeit Lärm machte, gab es unvorstellbaren Ärger mit Frau Dahlberg. Auf dem Rasen genau vor ihrem Fenster stand noch eine Schaukel, die schon lange verrottet war, es gab zu meiner Zeit keine Kinder mehr in dem Block.
Ich wohnte sieben Jahre in der Wohnung neben ihr und im letzten Jahr kam es vor, daß Frau Dahlberg versuchte, meine Tür aufzuschließen, weil sie sich in der Wohnung irrte. Wenn ich dann von innen öffnete, hat sie sich jeweils fürchterlich erschreckt, weil sie mich für einen Einbrecher in ihrer eigenen Wohnung hielt. In ihrem Blick Entsetzen und panische Angst, ich redete dann beruhigend auf sie ein. Nach einer Weile fing sie sich wieder und entschuldigte sich grummelnd, schloß ihre eigene Wohnung auf und verschwand grußlos darin. Meine Treppenhausreinigung entfiel, weil Frau Dahlberg die Treppe jeden Sonnabend machte, wahrscheinlich wußte sie nicht mehr, wann sie an der Reihe war. Sie wurde etwas wunderlich, sprach häufig mit sich selbst oder stand mit nachdenklichem Gesicht im Treppenhaus, von irgend etwas abgekommen und nun hoffnungslos verloren zwischen zwei Handlungen, zwischen Dachboden und Keller.
Das Finale von Frau Dahlberg habe ich nicht selbst miterlebt, aber es wurde mir von meinen Nachbarn hinterher berichtet. Sie war wesentlich wunderlicher geworden, als wir ahnen konnten. Eines Nachts trug sie einen Stapel Altpapier in das Treppenhaus und zündete diesen an. Ein größerer Hausbrand wurde nur verhindert, weil der junge Nachbar aus dem Erdgeschoß zu sehr später Stunde nach Hause kam, als sie gerade mit dem Zündeln begonnen hatte. Sie wollte sich von dem brennenden Papier durchaus nicht trennen lassen, verwies vielmehr vehement auf den Kohlenmangel und daß man jetzt Licht und Wärme brauche, ganz dringend, wobei sie ihre Hände an dem Feuerchen wärmte. Sie wurde in der Nacht noch abgeholt und wir haben sie nie wieder gesehen. Noch im selben Jahr ist sie gestorben, wie wir von den älteren Nachbarinnen aus dem Block hörten.
In ihrem Keller war nichts außer wandfüllenden Regalen voller Gläser mit selbstgemachter Marmelade. Unmengen davon, es hätte wahrscheinlich für die ganze Stadt gereicht.

Maximilian Buddenbohm

Jahrgang 1966, bloggt seit 2004 als "Merlix" über seine Herzdame und anderes. Lebt in Hamburg und arbeitet als Controller. Um sich auch mit vernünftigen und logischen Dingen zu beschäftigen, ist er nebenbei freiberuflicher Astrologe.

Frau M. ist bekloppt geworden

Viktor Haase
Ich mochte Frau M. richtig gerne. Frau M. lebte wie ich auf 36 genossenschaftlich verwalteter Quadratmeter. Ihre Wohnung lag direkt unter meiner im dritten Stock. Zwei Zimmer: Wohnküche, Schlafzimmer, Bad.
Ich war gerade 20 geworden und genoss mein erstes eigenes Appartement. Selbstständigkeit ist schön, vor allem dann, wenn Muttern einmal die Woche kommt, aufräumt und die Wäsche macht. Alte Mutterschule. Dank den Pappwänden und dem Gasboiler durch dessen schlecht abgeschirmte Wasserleitungen ich glasklar in Frau Ms Wohnung lauschen konnte, fühlte ich mich nie einsam. Wenn ich mich morgens im Bad aufhielt, und das Haus noch still war, konnte ich Frau M. und ihre Schlagerplatten aus meinem Boiler dröhnen hören. Abends allerdings füllte das Geschrei aus ihrer Wohnung auch auf jedem herkömmlichen Weg das komplette Haus. Es war immer laut bei ihr. Einige Mietparteien hatten sich bereits zusammengeschlossen und sich beim Bauverein über ihre Musik und die lautstarken Streitereien beschwert. Vergeblich. Es ist schwer jemanden aus seiner Sozialwohnung zu drängen.

Frau M. war ungefähr 40 Jahre alt. Ich mochte sie vor allem deshalb, weil sie mir mit ihren engen Tops die Möglichkeit bot, an den jeweiligen Ausbaustufen ihres Busens teilzuhaben. Frau M. verschönerte sich gerne radikal. Das galt nicht nur für ihre Körperformen, sondern schlug sich auch in der Auswahl ihres Parfums, ihrer Schminke und ihrer Frisur nieder. Alles gewaltig und nicht zu knapp bemessen. Ich war damals noch naiver als heutzutage und da Brustvergrößerungen noch nicht alltäglich waren, dachte ich, dass das späte Wachstum ihrer Brüste auf ein hormonelles Problem schließen lasse, welches Frau M. mit stoischer, bewundernswerter Ruhe ertrug. Wie auch immer. Ihr Busen war mir in jedem Fall ein angenehmerer Blickfang als der auch ständig wachsende Brustumfang des im Keller bodybuildenden Nachbarn zu meiner Rechten.

Frau M. war höflich, oft betrunken und bediente sich häufig wechselnder Partner, die nicht höflich dafür aber noch öfter als Frau M. betrunken waren. Ob sie Geld von ihren Bekanntschaften erhielt, weiß ich nicht. Ich vermutete es aber, denn Arbeiten ging sie nicht. Früher erzählte sie mir einmal, als wir im Licht des Sommers auf der Treppe vor dem Haus saßen, trockenen Weißwein tranken und billigen Käse dazu aßen, den sie ungeschickt in Würfel zu schneiden versucht hatte, dass sie in einem früheren Leben mal Rechtsanwaltsgehilfin und glücklicher gewesen sei. Irgendwann verlor ihr Mann dann seinen Job, und mit dem Verlust des Arbeitsplatzes verschwand auch sein Rest an Respekt vor sich Selbst und seine Zurückhaltung. Er trank und schlug sie. Sie versuchte von ihm loszukommen, was ihr aber erst gelang, als es auch für sie zu spät war. Sie nahm Tabletten und trank zuviel Jägermeister mit Cola. Vier mittlere Granaten täglich. Was immer das auch in cl bedeutet. Nach einem vergeblichen Versuch clean und wieder selbständig zu werden, landete sie für kurze Zeit in der Klapse. Von dort schaffte sie es immerhin noch bis in unser Haus, in ihr jetziges Leben, dass ich in der Wanne liegend belauschte. Sie erzählte mir noch von ihrer Tochter, die sie nie besuchte und von der sie kein Photo mehr besaß, weil sie immer alles verlieren würde. Nachdem wir die zweite Flasche gemeinsam geleert hatten, fragte ich Frau M. nach dem Namen ihrer Tochter. Ich war in Heldenstimmung. Ich würde für sie ihre Tochter ausfindig machen! Ich stellte mir eine großartige Versöhnung vor, nachdem alles sofort gut werden würde. Und ich mittendrin. Ein Held und unauslöschbarer Bestandteil der wiedervereinten Familie. Der gute Geist mit Heldenstatus. Frau M. zögerte einen Moment, bevor sie antwortete. Annegret. Sie hieß Annegret? Der Name gefiel mir nicht. Annegret. Kam mir geschwindelt vor. Aber egal. Ein Versuch war es allemal Wert. Erst weit nach Mitternacht ging ich hoch in meine Wohnung und legte mich mit dem guten Gefühl ins Bett, Frau M. bald eine fantastische Überraschung zu präsentieren. Tränen inklusive. Vielleicht würde sie sogar mit dem Saufen aufhören. Ganz bestimmt.

Am nächsten Morgen, es war Gott sei Dank Sonntag, hatte ich einen Kater und ich konnte den ganzen Tag im Bett liegen bleiben. Abwechselnd glotzte ich TV oder sah mir einen Videofilm an. Unter anderem auch Hannah und ihre Schwestern von Woody Allen, den ich damals sehr mochte, und ich weiß noch genau, wie ich still das einander Finden und Gefundenwerden genoss.

Es war Spätsommer und ich hatte alle Hände voll zu tun. Pünktlich am Montag begannen die Lesungen wieder. Mindestens 6 mehr oder weniger aufwendige veranstaltete die Buchhandlung, in der ich arbeitete, pro Monat. Dann noch die Proben der Theatergruppe, die Freunde. Mein Terminkalender war voll, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Sobald ich etwas Luft hätte, würde ich mich sofort und ausschließlich der Familienzusammenführung widmen.

Rund vier Wochen nach unserem besagten Samstag klingelte es spät nachts an meiner Tür. Frau M. stand davor und verlangte nach Zigaretten. Sie war nackt wie Gott und der örtliche Chirurg sie schuf. Sie sagte, dass sie Zigaretten brauche, um sie gegen eine Fahrkarte nach Hause zu tauschen. Ich gab ihr welche. Sie verließ das Haus und ich alarmierte die Polizei.

Sie kam nie wieder. Ein paar Tage später standen ein Mensch des Bauvereins und eine junge Frau vor ihrer Tür. Sie sah traurig aus. Der Bauvereinsmensch stellte sie mir als ihre Tochter Annegret vor. Er schloss die Tür zu ihrer Wohnung auf und schob Annegret sacht hinein. Ein intensiver Geruch nach Schnaps und Tabak strömte ins Treppenhaus. Der Verwalter drehte sich noch einmal kurz zu mir um und begann einen Kreis mit dem Zeigefinger in Höhe seiner Schläfe in die Luft zu zeichnen. Die kommt nicht mehr. Bekloppt geworden. Endgültig.
Viktor Haase lebt, arbeitet und leidet in Köln unter seinen Allergien und anderen schlimmen und eingebildeten Krankheiten. Wer wissen will, wie schlecht es gerade um ihn und seine Laune steht, sollte mal bei Mein Name ist Haase vorbeischauen.

Halbe Stunde

Maike
Er steht im Treppenhaus vor ihrer Wohnung. Seine rechte Hand bewegt sich immer wieder zaghaft auf die Klingel zu, um kurz vor Auslösen des alarmierenden Geräuschs nervös in der Hosentasche zu verschwinden.
'Ich bin?s!', würde er ihr sagen, hörte sie sein Klingeln, öffnete sie ihm die Türe. Davon, wie es dann weiterginge, hat er noch keine genaue Vorstellung.

Seit der ersten Begegnung fühlt er sich zu ihr hingezogen, gefällt sie ihm. Vergangenen Sommer hatten ihr ein paar Freunde beim Einzug geholfen und er hatte vom Fenster aus beobachtet, wie Gegenstand um Gegenstand aus dem Bauch des Transporters hinauf in die Wohnung über ihm getragen wurde. Sie war ihm später im Treppenhaus entgegen gekommen, einen schweren Karton schleppend, schwitzend. Lächelnd.
Seither liegt er oft mitten in seiner Wohnung auf dem Fussboden und starrt an die Decke. Alle Fenster sind dann verschlossen, jedes Elektrogerät, welches Geräusche verursachen könnte, ist sorgsam ausgeschaltet und er hört ihr zu, folgt mit Ohren und Gedanken ihren Schritten, konzentriert sich auf die Musik, die er mehr wie die Ahnung einer Melodie durch die Decke hindurch wahrnehmen kann. Wenn sie telefoniert, kann er bisweilen ihre Stimme hören und ihr Lachen.
Manchmal schläft er dabei ein, fühlt er sich durch ihre Anwesenheit gar sonderbar geborgen, dem Alleinsein geflohen.
So auch vorhin.
Und nun, vor ihrer Türe, tragen Courage, Hand, Furcht und Klingel einen eigenartigen, lang anhaltenden Kampf aus.

Dingdong.

Als sei es nicht sein Finger gewesen, der dieses Geräusch per Knopfdruck verursacht hat, starrt er ihn an und wartet, um ihre Schritte zu hören, die sich langsam der Wohnungstüre nähern.
Jedoch, es bleibt ruhig und vorsichtig legt er ein Ohr an das alte Holz, versucht, sie zu erlauschen, hält ernst den Atem an und hört doch nur Stille. Sie muss die Wohnung verlassen haben, während er eingeschlafen war.
Erleichtert, aber auch enttäuscht betrachtet er die Türe, beinahe so, als könne er durch sie hindurch blicken und sähe weichgezeichnete Bilder, welche zu den Geräuschen passten, die er seit Monaten in seinem Gedächtnis verwahrt.
Eine seiner Hände drückt fordernd den Türknauf und sein Verlangen, die Wohnung zu betreten ist nun sehr stark.
Natürlich fällt ihm ein, wie er sich letztes Jahr ausgesperrt und erfolgreich den Kreditkartentrick angewandt hatte, von dem er bis dahin immer dachte, dass dieser gar nicht funktionierte.
Er zögert nur kurz, bevor er, mehrere Stufen auf einmal nehmend und hastig atmend, hinab in seine Wohnung eilt, um mit seiner Krankenversicherungskarte in der Hand zurückzukehren. Ihm ist klar, dass es nur funktionieren würde, wenn lediglich zugezogen, nicht abgeschlossen worden war.
Nervös schiebt er die Karte in den Spalt zwischen Rahmen und Türe und diese springt schon beim ersten Versuch auf.

Er atmet jetzt noch unruhiger und schleicht erhitzt den Flur entlang. Seine Hände berühren ein paar Kleidungsstücke an der Garderobe - raue Mäntel, Jeansstoff, weiches Leder - sie streichen über das leicht erhabene Muster der Tapete, fahren Bilderrahmen entlang, die auf einer kleinen Kommode stehen: Sie beim Skifahren, sie am Strand mit Freunden, ein älteres Ehepaar ? bestimmt ihre Eltern. Sie mit einem Mann an der Seite, welcher sie an sich drückt und beide lachen glücklich in die Kamera. Ihm wird schlecht.
Die Übelkeit überwindend betritt er vorsichtig das Schlafzimmer. Der Raum ist ganz hell, die Wände kahl, Federbett und Kissen sind mit weisser Wäsche bezogen, ein Himmel aus lichtdurchlässigen Stoffbahnen wölbt sich darüber. Er beugt sich ganz dicht über das Kopfkissen, berührt es fast, sein Hauchen setzt sich im Gewebe fest. Er atmet ihren Duft ein und streicht zitternd über die baumwollene Bettdecke. Seine andere Hand greift hastig unter das Kopfkissen, in der Hoffnung, dort ein Nachthemd vorzufinden, aber er fasst ins Leere.
Neben dem Bett liegen gestapelt Kriminalromane und Bücher der Philosophie; eines von Kierkegaard ist geöffnet und mit einem Eselsohr markiert. Er liest wenige Sätze und freut sich darüber, nun etwas mit ihr gemein zu haben, wenngleich es lediglich ein paar Worte sind, deren Zusammenhang er nicht versteht.
Er öffnet den Kleiderschrank, die laminierte Türe fühlt sich kalt an. Sehr ordentlich hängen die Sachen auf Bügeln oder sind penibel gefaltet übereinander gestapelt. Er zieht ein gepunktetes Kleid hervor, das ihm besonders gut gefällt und drückt es gierig an sich wie eine seit langer Zeit nicht umarmte Geliebte. Seine Wangen schmiegen sich an den samtenen Stoff, er nimmt einen schwachen Duft von Parfum wahr. Das bringt ihn auf die Idee, nach einem Stück mit stärkerem Geruch zu suchen und er öffnet ein paar Schubladen. Seine Handflächen berühren zuerst ganz behutsam Unterwäsche, streifen zusammengerollte Socken, glänzende Perlonstrumpfhosen, greifen nach Schals und Tüchern, um einzelnen Teile zur Nase zu führen, etwas von ihr zu inhalieren. Seine Suche wird fordernder und ein seidenes schwarzes Tuch duftet besonders stark. Er spürt einen Teil von ihr in seinen Lungenflügeln kreisen und gierig steckt er das Tuch in eine seiner ausgebeulten Hosentaschen. Er empfindet ein rares Hochgefühl.

Ermutigt eilt er ins Badezimmer, öffnet Schränke und Schubladen, wühlt in der zu säubernden Wäsche und kann sich kaum zurückhalten, ein weiteres Stück Stoff an sich zu nehmen. Er beschaut sich Flakons, Lippenstifte, Gesichtscremes, Tampons, Haarpflegeprodukte und staunt über eine Ansammlung unterschiedlichster schwarzer Wimperntuschen, die akribisch nebeneinander aufgereiht in einem hölzernen Kistchen liegen. Mit den Fingerspitzen rollt er sie hin und her, hin und her. Bis er die angebrochene Pillenpackung auf der Ablage über dem Waschbecken sieht. Erneut wird ihm übel und schnell drückt er eine der kleinen Tabletten aus dem Blister, steckt sie zu dem Tuch in seine Tasche. Anschliessend legt er sich schwitzend in die Badewanne, versucht, sich ihre Nacktheit vorzustellen, ihren blanken Rücken zu erfühlen, ihr Gesäss, und reibt sich an der kalten Keramik. Gerne würde er sich ausziehen, er will so dicht als möglich dran sein an ihr und auch an der Realität; indes die Furcht vor dem Entdecktwerden treibt ihn in die noch nicht inspizierte Küche.

Eine alte Uhr tickt hinein in die Stille und er starrt auf die am Kühlschrank klebenden Postkarten. 'Willst du leben, musst du brennen' steht auf einer. Er reisst den Kühlschrank auf. Magerjoghurts, Beerenobst, ein paar Eier und Käse findet er vor, ansonsten Leere. Er ist enttäuscht und das Ticken der Uhr macht ihn nervös. Er schwitzt nun sehr stark, immer wieder muss er sich mit dem Ärmel seines Pullovers die Stirn trocknen.
Auf einem Regal stehen etliche Kaffeetassen. Jede einzelne setzt er sich an den Mund und imitiert schlürfend ein Trinken, seine Lippen nehmen die unterschiedlich beschaffenen Ränder aus Steingut oder Porzellan wahr. Er öffnet die Besteckschublade und küsst vorsichtig ein paar metallene Löffelbäuche und Messerschneiden. Sie kühlen kaum seinen erhitzten Mund. Die Uhr tickt ihm zu laut und schnell taucht er seinen Zeigefinger in die Nussnougatcreme, die auf dem Tisch steht. Er geniesst die zähe Süsse, will mehr, aber das ständige Ticken gemahnt ihn zu gehen. Es hallt nach in seinem Kopf, jagt ihn regelrecht hinfort, schürt seine Angst und er eilt zur Wohnungstüre, hastet hinaus und zieht sie hinter sich zu.
Starr steht er im Treppenhaus, seine gewölbte Hand über der Hosentasche, sich seiner Trophäe vergewissernd, denn Klarheit tritt ein. Erschrockenheit macht sich breit und lähmt. Selbst der Rest Nussnougatcreme wird schal im Mund, schmeckt bitter. Schwach fühlt er sich und verdorben, unzumutbar.
Zornig betritt er seine Wohnung, legt sich auf den Fussboden, weint vor Wut, sein Gesicht ganz rot. Er presst das gestohlene Tuch an Mund und Nase und starrt hinauf an die Decke, hält den Geruch nicht mehr aus und erbricht sich.
Er weiss, dass er mit der letzten halben Stunde alles zerstört hat.
bloggt seit Dezember 2002 zwischen Leben und Verstand. In der Tiefe pocht das Herz und seit Dezember 2005 der Ruhepuls. Ausserdem war sie im BLOGS!-Buch vertreten und arbeitet für Geld mit Grafikprogrammen, damit das Internet schöner wird.

Der alte Mann

René Walter
Dieser alte Mann sah gar nicht so alt aus, wie er wohl war. Er lebte alleine 3 Häuser weiter und man sah ihn ab und an, wie er seine vier Wände verließ, um einen Spaziergang zu machen, so wie es alte Menschen oft tun.
Alles, was ich von ihm wusste war, dass täglich eine Fuhre Essen auf Rädern vor seinem Haus hielt, dass er eine süße Altenpflegerin beschäftigte, die mir morgens ab und zu auf meinem Weg zum Zuge fröhlich entgegengrienste und dass er recht selten Besuch bekam, aber wenn, dann in Massen. Mindestens 15 Menschen versammelten sich dann vor seinem Haus, begleiteten ihn auf einem seiner Spaziergänge und kleine Kinder tollten um den Trippelschritt des alten Mannes.

Er hat Glück gehabt, der alte Mann. Seine Familie besuchte ihn immer noch ab und zu, er hatte eine geile Blondine zum anschauen täglich um sich, er besaß ein eigenes Haus und das Essen wurde ihm täglich geliefert.

Die Mutter meines Vaters starb bei uns im Haus, meine Eltern pflegten Sie bis zu ihrem Ende im Nebenzimmer meines Zimmers, nachdem sie bei einem Schlaganfall zum Pflegefall wurde. Selbstverständlich konnte ich als Kind nicht allzuviel mit einer sterbenden Frau im Nebenzimmer anfangen und damals empfing ich kaum Besuch zu Hause und war auch sonst ein ziemlicher Sonderling, was mich nicht gerade zum beliebtesten Typen der siebten Klasse machte. Eine schwere Zeit musste da überwunden werden und die lag dann auch nach zwei Jahren, einer wiederholten Klasse, meiner ersten Freundin und einer toten Großmutter endlich hinter mir. Ob ich diese Oma liebte? Sagen wir es so: sie beschimpfte meine Mutter als ?Schlampe? und mästete meinen Vater und wollte meine Zuneigung mit Geldscheinen erkaufen, die ich nur zu gerne annahm. Gegeben habe ich ihr nichts dafür.

Meine Oma mütterlicherseits starb mit 93 Jahren. Sie schlief ein und wachte nicht mehr auf, was sie insgesamt rund eine Woche im Krankenhaus und das Leben kostete und als ich sie dort, sah ich nicht meine Oma - die noch 10 Jahre zuvor 20 Kilometer zu unserem Zuhause gelaufen war, einfach weil ihr danach war - im Sterbebett, sondern eine Tote, die mich ansah und genau wusste, dass das der letzte Moment war, der letzte Blick, die letzte Berührung. Ich liebte meine Oma, sie machte die allerbesten Schinkennudeln der Welt und las mir vor, als ich klein war. Sie nannte mich Stinkbock. Wenn das mal kein Kosename ist, dann weiß ich auch nicht.

Spaziergänge machen alte Leute gerne und oft, sie laufen dann durch die Gegend und freuen sich an der Welt, wie diese kleine Frau, die mir sehr oft in unserem Neubaugebiet begegnete, in dem ich wohne, fast täglich begegnete mir sie, nur fällt mir gerade auf, dass ich sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen habe und gestern abend stand ein Leichenwagen vor dem Haus des alten Mannes, der bis vor kurzem in meiner Nachbarschaft lebte und ein paar Verwandte standen auf der Straße, als ich vorbeilief und dachte: ?Scheiße, es wird wieder Herbst.?

Rene Walter

René Walter blogt bei Nerdcore, Spreeblick und
Fuenf-Filmfreunde
, ist nebenbei noch Webdesigner und Grafiker. Er hat eine popkulturelle Bandbreite von Mashups bis Metall, von B-Film bis Dokumentation, von den 50er Jahren bis 2057.
Kernkompetenzen liegen bei Musik, Film und Design, am liebsten gepoppten Punk oder gepunkteten Pop. Und Reggea ist eine Seifenmarke auf Norderney, oder nicht?

Millenium

Marcus Hammerschmitt
Dingdong, es klingelt an der Tür. Mein Nachbar, der manchmal in seiner Freizeit das T-Shirt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft trägt, aber viel öfter die Firmenkluft der Fabrik hier um die Ecke.
An diesem Abend völlig in Zivil. "Kennen Sie sich aus mit Computern?" "Ein bisschen." "Ich suche die CD-Roms." "Brauchen Sie CD-Rohlinge?" "Nein. Die CD-Roms sind weg. Kann sie nicht mehr finden." "Sie meinen die Laufwerke?" "Ja, genau. Weg." "Welches Betriebssystem?" "Windows Millenium." Ich seufze innerlich laut auf. Jedes Mal, wenn ich mit Windows Millenium in Kontakt gekommen bin, war ein Problem die Ursache. Aber ein Freund mit dem Computer-Arztköfferchen war erst am Morgen bei mir, wegen meiner eigenen Computerprobleme. Nach der Rettung meiner Festplatte haben wir beschlossen, die ambulante Behandlung in einen stationären Aufenthalt umzuwandeln, die Prognose ist sehr gut. Ich will jetzt nicht geizig sein und übertrage ein wenig von meinem Optimismus auf meinen Nachbarn. Zehn Minuten, denke ich. Seine Wohnung ist sparsam möbliert, aber der Fernseher ist halb so groß wie das Zimmer, in dem auch der Computer steht. Röhrt die ganze Wohnung voll, dieser große, große Fernseher. Der Rechner fährt fein hoch, in der Geräte-Verwaltung sind die Laufwerke problemlos zu finden. Aber die Grafikkarte ist rot durchkreuzt. So als gäb's da ein Problem. "Also, das ist wohl ein Problem mit der Grafikkarte." "Was für eine Grafik?" "Na die ... die im Rechner." Wir schauen uns an. "Grafik ist ok", sagt er. "Ich weiß nicht", meine ich unsicher. Die Zeit läuft. Ich will nicht hier sein. "Machen Sie doch mal den Rechner auf." Eine klassische Übersprungshandlung, dieser Vorschlag. Er schraubt die Kiste auf und behandelt sie dabei wie einen Pappkarton voller Schrott. Ram! Bamm! Ich traue meinen Augen kaum: Der Prozessorlüfter baumelt lose vor sich hin, fröhlich lüftend. "Schalten sie den Rechner doch mal ab", meine ich leichthin. Er tut es. "Also das ist unschön", sage ich, auf den Lüfter zeigend. "Da kann der Prozessor überhitzen usw. usf. Haben Sie noch Garantie für den Rechner? Dann würde ich das sofort reklamieren." "Hab ich, Garantie", sagt er. "Heilbronn". Ich nehme an, dass er dort den Rechner gekauft hat. Er nimmt den Lüfter in die Hand und sagt: "Kann man das kaufen?" "Sicher kann man. Aber ich würde da sofort ..." Er dreht den Lüfter um. Die abgebrochenen Verbindungsstücke zum Board sehen aus wie schlecht geklebt, auch Reste eines Gummibands sind vorhanden. "Haben Sie das selbst gemacht?" Eine saudumme Frage, ich weiß, aber mir fällt nichts anderes ein. "Ja, klar. Ist runtergefallen." "Der Rechner?" "Ja." "Wann denn?" "Weiß nicht. Paar Wochen." Ich stehe auf. "Ja dann ... wird das natürlich auch schwierig mit der Garantie." Ich komme mir vor wie der Kundenberater bei der Verbraucherzentrale. "Ich geh dann mal", sage ich. "Schlafen Sie gut". "Ja, ja", entgegnet er, ratlos seinen kaputten Computer anstarrend. "Sie auch." In meiner Wohnung denke ich überflüssige Gedanken. Dass ab und zu nicht einmal Windows Millenium das Hauptproblem ist. Dass er keine Garantie mehr hat, weil Rechner mit Windows Millenium dafür zu alt sind. Dass das alles so seltsam ist. Immerhin war ich nach zehn Minuten wieder draußen.
- (MH) ist jetzt älter als man eigentlich sein darf, wohnt coolnesstechnisch gesehen in der falschen Stadt und geht öfter zum Zahnarzt als ihm lieb ist. Zum Ausgleich hat er gerade sein zehntes Buch veröffentlicht ("Der Fürst der Skorpione", Patmos/Sauerländer).

Sommer, Sonne, Sexgeschrei

Pia Januszek
Es war im letzten Sommer. Mein Kerl und ich waren grade in die neue Wohnung eingezogen und genossen noch all ihre Vorzüge, die man in den ersten Tagen und Wochen vor sämtliche Nachteile schiebt...
... und somit erfolgreich verdrängt. Es war in der Wohnung relativ kühl, denn die direkte Sonneneinstrahlung belief sich auf die ganz frühen Morgenstunden, welche nicht ausreichten um unsere 3 Zimmer, Küche, Diele, Bad bis ins unerträgliche aufzuheizen. Die Zimmer waren entweder gefliest oder mit Laminat ausgelegt, was bei diesen heißen Außentemperaturen für ein angenehmes Fußbodenklima, begleitet von erhöhtem Blasenentzündungsrisiko sorgte. Abends saßen wir in unserem Arbeitszimmer, welches sich nach hinten zum Hof erstreckte. Da wir uns in unserem jugendlichen Leichtsinn (?Parterre ist doch super - keine Treppen!?) für eine Erdgeschosswohnung entschieden hatten, hatten wir innerhalb der ersten 3 Wochen eine Rollo-Gardinen-Licht-Lösung montiert, welche es uns ermöglichte, möglichst viel Licht in unser Arbeitszimmer zu lassen, ohne dabei auch nur einem Nachbarn Einblicke in unser heiligstes - eben das Arbeitszimmer - zu gewähren.
Die Konversation zwischen uns belief sich an diesem Abend auf einen Grunz-Stöhner, den jeder von uns im fünf Minuten Takt ausstieß, um seine Erschöpfung durch die Hitze zum Ausdruck zu bringen. Es hätte eine ganze Truppe Tutti-Frutti Erdbeeren durch die Wohnung marschieren können, oder gar ein leicht bekleideter Orlando Bloom mit harten Nippeln die diebisch unter einem halbtransparenten Stofffetzen hervorblitzen. Das hätte uns beide nicht im Geringsten interessiert. Sex und körperliche Nähe gehörten an diesen Tagen für uns zu dem absoluten "No Go's", an die zu Denken schon einen Hitzschlag zur Folge gehabt hätten.
Plötzlich durchriss ein gellender Schrei unsere Lethargie: "Ja, ja, nimm mich! Mach's mir!" Wir sahen uns verdutzt an. War das jetzt schon die erste Halluzination oder wollte da jemand einen Spaß mit uns treiben? Es folgten eine Reihe "Uh, uh, oh's" und "Oh, oh, uh, jaaa's", dann ein spitzer Schrei, ähnlich dem Schrei bei einer Presswehe - dann wurde es schlagartig still. Mein Kerl sah mich Stirn runzelnd an und meinte:
"Wie kann man sich bei dem Wetter bloß 'nen Porno reinziehen?" Auf die Idee, dass unser neuer Nachbar sich grade ordentlich die Gurke schrubbte, wäre ich gar nicht gekommen. Aus diversen "Heimat- und Liebesfilmen in denen zum Schluss doch nie geheiratet wird" wusste ich, dass die Vertonung des soeben miterlebten Liebesspiels einfach zu realistisch war, um bei einer schlechten Videorama-Produktion in Hintertupfingen einen Höhepunkt zu simulieren. Noch dazu hatten die meisten Frauen in solchen Filmen eh nie einen guten Orgasmus, zumindest war klar, dass wenn sie ihren Partnern einen Höhepunkt so vorspielen würden, wie sie es in entsprechenden Filmen taten, dieser ihnen das nie und nimmer abnehmen würde. Aber zurück zu unserem Nachbarn.
Es vergingen rund 3 Stunden und inzwischen lagen wir auf unserem Bett, schauten irgend ein schlechtes Freitagnacht-Programm und philosophierten darüber, in welchem Winkel unser Ventilator wohl am effektivsten für uns beide arbeiten würde. Plötzlich hörten wir, wie etwas im Takt anfing zu klacken bzw. klopfen. Erst hörte es sich an, als ob jemand an unsere Schlafzimmerwand klopfen würde, dann als ob jemand den Bass seiner Anlage zu hoch gedreht hatte, dann kamen quietschende Höhen hinzu und schließlich schwoll das ganze in einem Stampfen an. "Boah, kann der da oben mal diesen schrecklichen Techno ausmachen! Affenmusik!" Ich sah meinen Kerl grinsend und gleichzeitig verblüfft an. "Was ist denn mit Dir?" Er antwortete entrüstet: "Na, ist doch wahr. Es sind 2 Uhr und nur weil der Typ wegen der Hitze nicht schlafen kann, muss der uns ja noch lang nicht so beschallen." - "Hör doch mal genau hin, was glaubst Du sind diese unregelmäßigen Aussetzer im Takt? Mensch, da hat wer ganz ordinären und dreckigen Sex!" - "Nee, meinst Du?" Seine Frage wurde umgehend durch einen weiblichen grellen Schrei, der einen grandiosen Höhepunkt einzuleiten schien und sich 10 Sekunden zog, beantwortet. Wir nickten uns anerkennend zu - der Mann hatte es wohl ziemlich drauf und man konnte sich nun sicher sein, dass der Gute nicht nur mit einem Stapel Schmuddelvideos auf dem Sofa saß.
Am folgenden Wochenende wurde unser Haus zu einer wahren Lusthöhle für alle Nachbarn im Umkreis von 100 Metern, wenn es spät abends war und keine Autos mehr fuhren auch bis zu 500 Metern. Unser Nachbar legte einen wahren Leistungsmarathon ein und zeitweise rätselten wir, ob er vielleicht einer Nymphomanin zum Opfer gefallen war, da man von ihm nichts sah und hörte, aber permanent spitze Schreie und Anfeuerungen seiner Freundin vernahm. Auch wenn wir jedes Mal gespannt lauschten, wie lang es diesmal wohl dauern würde, welche schmutzigen Wörter der Guten noch alles einfallen würden und ob man doch noch ein Geräusch von ihm wahrnahm, wirklich erregend waren diese Intermezzi nicht. Einmal erntete ich böse Blicke von meinem Kerl, als ich nach erneutem lautstarkem Höhepunkt ihrerseits klatschte und laut "Bravo!" rief. Sein Groll verschwand aber, als er einen unserer nicht-nymphomanischen Nachbarn im Hof stehen sah, mit offenem Mund, dem Geschrei und Gebrüll folgend zum ersten Obergeschoss hoch starrte. Als sie "fertig war", zwinkerte der vor unserem Fenster erstarrte Nachbar zweimal - wahrscheinlich um zu prüfen, ob er träumte - dann hörte man von etwas weiter weg eine piepsige Kinderstimme: "Papa? Was war das? Tut da jemandem etwas weh?" - "Ja Lisa, da hat sich bestimmt jemand gestoßen." Wie recht er doch hatte, auf die ein oder andere Weise.
An einem dieser Samstage, als es gerade mal wieder heiß her ging, rannten wir sogar auf die Strasse und wühlten völlig ohne Grund in unserem Auto rum, um den Nachbarn durch die Blume mitzuteilen, dass wir es nicht waren, die Sie um die Mittagszeit ihren Kindern gegenüber in Erklärungsnot brachten.
Es waren inzwischen gut 3 Wochen vergangen und das Sexpensum unseres Nachbarn hatte sich auf 4-5 Mal am Tag eingependelt. Einmal gegen 10 Uhr, dann gegen Mittag, also um die 12 Uhr. Gegen 13 Uhr verließen sie beide in der Regel das Haus. Wann sie wiederkamen bekamen wir nie mit, aber spätestens um 17 Uhr ging's in die nächste Runde, welche ihren letzten Abschluss gegen 22 Uhr fand. Ab und an folgte dann noch der 3 Uhr-Fick, dieser jedoch - Gott sei Dank - nicht täglich, denn ein normaler Mensch muss ja auch mal schlafen, was uns seit einigen Tagen, auf Grund des anschwellenden Lautstärkepegels zu nächtlicher Zeit, schwer fiel. Es war kurz vor 22 Uhr und mein Kerl machte sich noch schnell auf zur Tankstelle, Zigaretten besorgen. Gerade als er die Haustür hinter sich ins Schloss fallen lässt und ich noch in der geöffneten Wohnungstür stehe, setzte eine Stöhn-, Schrei-, Anfeuerungswelle ein.
4 mal Sex täglich an 5 Wochentagen, an den Wochenenden 5 Mal täglich, 3 Wochen lang - das sind gut und gerne 90 Mal Sex, jedes Mal lautstark, bei denen wir gelacht, geschmunzelt, mit den Augen gerollt, die Augen verdreht und genervt geguckt haben. Und eben jetzt, bei diesem neunzigsten Mal, machte es in meinem Kopf *zosch* - die humoristische und akustisch-voyeuristische Überreizung setze ein und ich verkündete mit einem lauten Brüll quer durchs Treppenhaus: "Meine Fresse, es ist jetzt gut. Wenn ihr ficken wollt, wie die Kaninchen, dann such Euch 'nen anderen Fickstall!" - meine Güte, so ordinär und aggressiv hatte ich mich noch nie erlebt. Ich schlug die Hand vor den Mund und schloss übereilig die Tür, die auch noch mit einem lauten Knall ins Schloss fiel. Totenstille im ganzen Haus.
Seither haben wir unseren Nachbarn und seine Freundin nie wieder gehört. Ob er sich nach meinem moralischen und nicht minder lautstarkem Kurzstatement von ihr getrennt hat, oder sie nur noch außer Haus ?richtig hart ran nimmt? weiß ich nicht und ehrlich gesagt, es ist mir auch egal.
Fakt jedoch ist, dass bei uns, seitdem wieder Ruhe eingekehrt ist, richtig die Post abgeht, denn das akustische Kopulieren anderer wirkt bei übermäßigem Konsum wie ein Antiserum für den eigenen Sexualtrieb. Lassen Sie sich vergleichsweise mal den ganzen Tag - also vom Aufstehen bis zum Zubettgehen - von einem Hardcore-Porno berieseln. Nach zwei Tagen haben Sie vielleicht "noch" Schwielen, aber nach 4 Tagen sind sie um jeden Anruf Ihrer Schwiegermutter froh, weil sie zumindest während dessen den Ton ausstellen müssen.
- auch in Köln geborene und arbeitende Marketing Managerin, Baujahr 80. Ihrem Blog Daily Me ? bis einer heult ist sie seit 2002 verfallen und befriedigt dort ihre tägliche Schreibsucht. Jedes geschriebene Wort ist für sie wie ein Herzschlag, weshalb sie oft ziemliches Herzrasen hat.

Bilder aus dem Familienalbum

Susanne Englmayer
Ein altes Ehepaar, namenlos für mich, Leute eben, Nachbarn, denen ich Jahr um Jahr wenn es dunkel ist durchs Fenster in die Wohnung sehen kann, bis sie das Rollo herunterlassen, die Vorhänge zuziehen.
Gegen acht ungefähr, im Sommer etwas später, im Winter viel früher. Doch auch dann noch kann ich ihr Leben verfolgen, ihren allabendlichen Alltag, das Licht, die schemenhaften Bewegungen in den verschiedenen Räumen. Ich weiß genau, wann sie ins Bad gehen, wann ins Bett, ziemlich früh, und daß sie bei offenem Fenster schlafen. Das sind fremde Menschen, die Tag für Tag dieselbe Straße entlanggehen, die in denselben Geschäften einkaufen wie ich, die dieselben Straßengeräusche hören, dieselben Vogelschreie und denselben nächtlichen Katzenjammer ertragen müssen, die auch dieselben Nachbarn haben wie ich. Die Kinder sind längst aus dem Haus, allerhöchstens zwei- oder dreimal pro Jahr taucht Besuch auf, zu Weihnachten natürlich, zu Ostern und manchmal auch im Hochsommer, irgendein Geburtstag vermutlich, ein Hochzeitstag oder die Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft vor vierzig, fünfundvierzig, achtundvierzig Jahren. Man hat sich einen kleinen Hund angeschafft, noch bevor ich in die Straße gezogen bin, einen Pudel oder Dackel oder irgendwie beides in einem, der Frauchen und Herrchen vom Alter her schnell einzuholen weiß. Ist er anfangs noch lebhaft an der Leine getrabt, läßt er sich bald gerne tragen, von der Haustür bis zur Garage, vom Auto bis hoch in die Wohnung. Oder es ist die Angst, daß dem armen Tier etwas passieren könnte, wenn es frei durch die Straßen liefe, die Herrchen den Hund immer öfter mitsamt Körbchen aus dem Haus tragen läßt. Irgendwann ist er dann tatsächlich einfach verschwunden, ohne daß ich sagen könnte, was mit ihm passiert ist, ob er sich befreit hat aus seiner getragenen Rolle, oder ob er alt und grau in Ruhe und Frieden im Kreise seiner Lieben verschieden ist.

Auch die Frau wird immer weniger mit den Jahren, kann schließlich kaum noch laufen, hält sich auf dem Weg zum Auto zunächst Schritt für Schritt an der Wand fest, klammert sich dann an ihren Mann, muß sich beim Einsteigen ebenso helfen lassen, wie später auf dem Rückweg bei der einen großen Stufe vor der Haustür. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie die Treppen bis hinauf in den dritten Stock schafft. Am Ende verläßt sie die Wohnung monatelang nicht mehr. Und dann steht jeden dritten, vierten Abend der Notarztwagen vor der Tür.

Die Haare des Mannes werden von Jahr zu Jahr immer weißer, wie meine auch, doch das ist nicht wirklich von Bedeutung. Er verliert an Gewicht und sein Rücken beugt sich unter der Last, aber immer noch trägt er schicke Schirmmützen, eine sportliche Lederjacke und Cordhosen, jeden Tag. Umständlich, mit laut dröhnendem Motor rangiert er morgens das flotte neue Auto aus der Garage, es ist klein und blau, genau wie das davor, und macht seine Wege, kümmert sich um alles, so unbeholfen wie zuverlässig. Er ist der einzige aus der Straße, der hemmungslos auch mit mir spricht, denn er spricht mit allen, erzählt vom Krieg und entrüstet sich über den durchaus noch brauchbaren Inhalt der Mülltonnen. Einmal bewundert er von seinem Fenster aus Lisa, die in Todesangst aber brennend vor Neugier und Abenteuerlust über das Baugerüst, das für eine Weile direkt vor meinem Fenster hängt, robbt, um den Nachbarn ins Schlafzimmer zu gucken, mit den Krallen das Fensterglas zu bearbeiten. Er ruft mir über die Straße hinweg etwas zu, das ich nicht verstehe.

Keine zwei Wochen nach dem Tod seiner Frau, kurz nach der Beerdigung, alle waren da, alle Kinder und Enkel, die ganze Verwandtschaft, die Wohnung überfüllt wie nie zuvor, klettert er, müder als ich ihn jemals zuvor gesehen habe, mit Schirmmütze und Lederjacke und Cordhose, alles ganz in schwarz, in einen Transportwagen der Malteser oder des roten Kreuzes oder ich weiß nicht was. Zwei oder drei Angehörige begleiten ihn, Söhne und Töchter vielleicht, weisen ihm den Weg zur weit geöffneten Seitentür des Autos, die keinen Meter von ihm entfernt ist, und ich bin sicher, daß er mich nicht mehr erkennt, daß er nichts mehr erkennt und daß ich ihn nie wiedersehen werde.

Die Wohnung bleibt lange wie sie war, nichts verändert sich, doch es findet kein Alltag mehr statt. Abends gibt es kein Licht mehr, keine Bewegungen, kein Leben. Erst nach und nach wird sie leergeräumt. Die Kinder lassen sich Zeit, tauchen nur manchmal auf, spät abends und ziehen systematisch Schubladen auf und öffnen Schranktüren. Es dauert Monate, bis sie anfangen Möbel, Teppiche und große blaue Müllbeutel vor die Tür zu stellen, damit alles zusammen am nächsten Morgen unter lautem Getöse in den Sperrmüllwagen gepreßt werden kann. An dem Abend möchte ich nach unten laufen und mir etwas davon nehmen, was ist egal, nur irgend etwas, damit es nicht geschreddert wird, damit es bleiben kann, bei mir bleiben. Und ich will das Schild lesen, den Namen wissen, der ganz sicher noch neben der Klingel geschrieben steht.

Aber ich tue beides nicht. Wohl weil man mich dabei sehen könnte.

Dann erscheinen die Handwerker. Eine ganze Weile wird umgebaut und renoviert, schließlich findet sich eine Horde junger Leute ein, die tapeziert, alles weiß streicht, Teppich verlegt und zu guter Letzt einzieht. Zwei junge Frauen kristallisieren sich aus der Menge heraus, packen Kartons und Kisten aus, rücken Möbel zurecht, hängen Jalousien vor die Fenster und wissen von nichts. Nicht von dem Mann und seiner Frau, und nichts von mir, obwohl ich durch die Fenster in die Wohnung sehe kann wie eh und je, ob die Jalousien nun heruntergelassen sind oder nicht.

Da ist Licht.

Ich weiß, daß der Mann tot ist, selbst wenn er noch leben sollte, irgendwo vielleicht. Er war tot in dem Moment, als er die Wohnung verlassen hat, als er gehen mußte.

Ich weiß, es hilft nichts zu wissen und zu schweigen. Aber es gibt nichts zu sagen.

Wenn ich nur eine Tür weitergehe, einen Schritt in die Nachbarwohnung mache, Wand an Wand leben wir, kennen uns gut, ist alles verflogen, kann ich nicht mehr sagen, was ich weiß, nicht die Geschichte erzählen, von dem Mann und der Frau, die man doch beide beinah noch sehen kann, wenn man aus dem Fenster sieht, in das Haus gegenüber hinein. Einen Schritt weiter, drei Meter vielleicht, höchstens fünf, hat sich die Sicht bereits geändert, der Blickwinkel verschoben, sogar die Himmelsrichtung ist eine andere. Meine Nachbarn blicken nach Nordost, beobachten die Kinder aus der Tagesstätte, die Jugendlichen auf ihren Rollern und Bikes und die Trommler nachts auf dem Hügel hinter dem Spielplatz, die ich nur hören kann, manchmal, nicht aber sehen.
dümpelt seit Jahren durchs Netz. Derzeit kann man ihr in den Blogs engl@absurdum und over the bones auf den Fersen bleiben. Sie hat aber auch einen Roman veröffentlicht.

Puff-Nachbarn

Herr Shhhh
Plötzlich Puff-Nachbar sein. Das ist wie "plötzlich Lotto-Millionär" sein, nur eben umgekehrt. So oder so, man rechnet sein ganzes Leben lang nicht damit.
Und man weiß zwar, dass es Menschen gibt, die Lotto-Millionäre oder Puff-Nachbarn sind, aber wirklich kennen tut man weder noch. Ich wäre lieber Lotto-Millionär. Dann könnte ich mir ein schönes Haus, mit einem schönen Eingang leisten. Leider bin ich nur Mieter. Und Puff-Nachbar. Und mein Eingang, den ich mir mit dem Puff teilen muss, ist hässlich.

Betritt man den Eingang zu mir und meinen neuen Nachbarn, findet man ein winziges Innenhöfchen vor, höchstens 2 qm groß, fast schon französisch, düster und ein bisschen muffig ? könnte also auch Paris sein, ist aber leider nur Siegen Zentrum, irgendwo im Süden NRWs. Vom Innenhof abzweigend findet man rechts die Tür zum Treppenhaus, das zu meiner Dach-Wohnung führt, und links die Tür zum Puff, der eigentlich kein Puff ist, sondern ein stinknormales Wohnhaus, aber eben jetzt in der Nutzung von asiatischen Nachbarn mit recht hohem Besucheraufkommen. Und um in diesen Innenhof zu gelangen, muß man durch eine dicke, schwere Eingangstür. Da gibt's dann Klingeln, so wie das eben üblich ist, bei Siegener und Pariser Wohnhäusern. Mein Name steht ganz oben in der Klingel-Klingel-Leiste, dazwischen ist nichts, dann meine 85jährige, schwerhörige Nachbarin, dann wieder nichts, und ganz unten, mehr als offensichtlich, "THAI MASSAGE", in so krakelig blauen Kugelschreiber-Lettern, vielleicht sogar mit Bindestrich, das weiß ich gerade nicht mehr. Und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, ob 50 Prozent aller Puff-Besucher Analphabeten sind, oder ob dass dann am Testosteron oder am billigen Parfüm liegt, dass man plötzlich eine Leseschwäche hat, wenn man in den Puff will ? aber die klingeln bei mir, und eben nicht bei der Thai Massage. Und das immer öfter. Und das regt mich, obwohl ich ein eher ruhiger Zeitgenosse bin, unglaublich auf.

Manchmal, wenn es klingelt, weiß ich, dass es sich wieder um einen blind-blöden Freier handeln muss. Dann geh ich gar nicht erst an die Türsprechanlage. Zum Beispiel um 2 Uhr Morgens, da kommt ja normalerweise kein Besuch, der lecker Mohn-Kuchen mitbringt, das kann
ja dann nur jemand sein, der ficken will. Kürzlich hat auch mal jemand um 6.30 Uhr Morgens geklingelt, da hab ich mich zuerst erschrocken ?
zum einen, weil meine Klingel nicht "BingBong" macht, sondern mehr so ein "Bzzzzzzzzzzzzt!" ? das aber in einer Lautstärke, die extrem
gesundheitsgefährdend ist. Also mehr so ein Starkstrom-Moulinex-"BZZZZZZZZT"! Da hat man natürlich fast einen Herzinfarkt, morgens um halb Sieben, weil man denkt, es könnte der Liebsten was passiert sein. Und weil die Klingel auch nicht gerade warm und herzlich klingelt, sondern eher so ein spontanes, ungewolltes Eisduschen-Feeling vermittelt. Dieses eine Mal da, um 6.30 Uhr, das war das erste Mal, wo ich wirklich sauer geworden bin. Anfangs fand ich die Nummer mit dem Verklingeln noch erträglich, aber an dem Tag war ich wirklich, wirlklich sickig. Weil diese nächtlichen Klingel-Attacken nun mal irgendwann stark an die Nerven gehen, vor allem wenn sie chronisch werden. Gerade die Wochenenden am Monatsanfang sind besonders schlimm, denn dann klingelt es durchaus ein paar mal am Tag bei mir. Wahrscheinlich, weil die Freier dann wieder Geld haben, das sie verjücken können. Dieses eine Mal war dann der Auslöser bei mir, von wegen schluss mit lustig. Ich bin um 6.30 Uhr an die Türsprechanlage
gepoltert, schlaftrunken, völlig mit den Nerven am Ende, und hab aufgeregt das gefragt, was ich immer frage, wenn ich an die Türsprechanlage gehe, nur lauter und entnervter: "WER IST DA!?". "Oh, Ähschuldigunge!" tönte es dann aus dem Lautsprecher, und für jemanden, der 3 Mal an der falschen Klingel klingelt, weil er ficken will, fand ich das ein bisschen armseelig, also hab ich wutenbrannt in die Gegensprechanlage geschrieen: "WIE KANN MAN UM 6.30 UHR SCHON FICKEN WOLLEN, UND SICH DANN AUCH NOCH VERKLINGELN??? NOCH EIN MAL, UND ICH RUF DIE BULLEN!".

Das war natürlich so ein Affekt-Geschrei, ich bin sonst nicht so, aber ich war nun mal völlig entnervt. Es war ja auch früh, und ich am Ende. Meine Geduld auch. Mittlerweile mach ich das anders. Zum einen neige ich dazu, jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, die schwere Eingangstür abzuschliessen, sodass die Freier, wenn die Tür dann via Türsprechanlage "aufgedrückt" wird, gar nicht rein kommen, und die Damen in ihren lilafarbenen Satin-Bademänteln (mit nix drunter) ganze drei Stockwerke nach unten müssen, um die Tür wieder aufzuschliessen. Manchmal, wenn ich besonders sauer bin, klingele ich dann sogar selber bei den Damen, und schliesse vorher ab. Das ist natürlich irgendwie gemein, aber wenn man ständig geweckt wird, wird man auch leicht spröde und böse im Kopf ? und reden bringt bei denen nichts, denn die verstehen kein Wort, das ist auch nicht rassistisch gemeint, aber es sind halt Asiatinnen, die wahrscheinlich völlig unfreiwillig im Siegener Zentrum gelandet sind ? vielleicht, weil ihnen eine Hochzeit oder sowas versprochen worden ist, ich weiß es nicht, ich will es auch nicht wissen. Ich traf mal eine im Flur, die bat ich dann darum, dass sie doch mal die Freier darauf hinweisen sollte, dass meine Klingel nicht ihre Klingel sei, aber das hat die nur mit "Du nicht sliesse Tül
ab!" kommentiert. Soviel zu den Klischees. Daraufhin hab ich dann die Tür sogar tagsüber abgeschlossen, also zu den "Stosszeiten", weil ich
mir dachte, dass die ja wohl kaum die Polizei rufen werden, wenn die Stress mit den Nachbarn, also mit mir, haben. Die Nummer ist natürlich auch mühsam, mit der Tür, aber ich mache das nur, wenn sich mal wieder jemand verklingelt. Letzten Samstag war einer besonders dreist, der klingelte bestimmt zehn Mal. Ich wusste, dass der eigentlich nur ficken wollte, und sich garantiert verlesen hatte. Ich war gerade am Telefon, stand unter starken Schmerzmitteln, und mein Gesprächspartner munkelte nach dem dritten Klingeln auch schon: "Aha, Puff wieder, oder?". Ich bin dann also benebelt an die Anlage, und dachte mir, OK, lass mal mit Schreien, versuch's mal lieber freundlich:

Ich: "Wer ist da?"
Mann an der Tür: "Oh, ähhh, nix richtig?"
Ich: "Wollten sie ficken?"
Mann an der Tür, verdutzt: "Äh, ja?"
Ich: "Warum klingeln sie dann bei mir, und nicht bei Thai Massage?"
Mann an der Tür: "Oh, äh, äntschuldigunge! Tute leid!"
Ich: "Nix da, sie können doch lesen, oder?"
Mann an der Tür: "Oh, äh, ja, äh, äntschuldigunge!"
Ich: "Wenn sie sich noch ein mal verklingeln, dann sag ich ihrer Frau, was sie hier machen!"
Schritte vom Eingang weg?

Das war natürlich ein voller Erfolg, und ich halte den offenen Dialog mit den Verklinglern mittlerweile für die bessere Methode, um der Sache Herr zu werden. Denn die Abschliesserei bringt ja auch nur unnötigen Ärger. Ich hab ja auch nicht wirklich was gegen die Damen von der Thai Massage. Das sind ja schliesslich auch nur arme Kerle. Aber keine guten Nachbarn. Und überhaupt, ich wäre im Moment wirklich lieber Lotto-Millionär als Puff-Nachbar. Oder zumindest in Paris, und nicht in Siegen.
Verdaut als Exil-Düsseldorfer seit über 10 Jahren immer noch erfolglos den Umzug in die unwirtliche Vollprovinz Siegen. Die Steifheit seiner
Umgebung macht sich mittlerweile auch in den Fingern bemerkbar. Aber ab und an passiert dann noch noch mal was in seinem Blog.

Hackfresse

Grete
Die beliebteste Hausbauform im Osten Ostdeutschlands ist das Reihenhaus. Es gibt dafür nur zwei mögliche Gründe.
Der erste wäre, dass es die einzige finanzierbare Form des Wohneigentums ist, denn die allenthalben ausgewiesenen Preise für ein solches Fleckchen Eigentum nähren in mir den Verdacht, dass die Kapitaldienstberechnungen der Bank für Frau Verkäuferin und Herrn
Ingenieur Unterbezahlt mit zwei Kindern die Tilgung in den ersten zehn Jahren der Zinsbindung irgendwie vergessen haben. Für so viel monatliche Entbehrung könnte man am Stadtrand allerhand Wohnfläche mieten, Altbau hübsch saniert, gerade jetzt, da die
Wohnungsbauförderung der Nachwendejahre saure Früchte trägt. Aber nein: man kauft ein Häuslein um den gängigsten Statussymbolen eines hinzuzufügen. Ein Häusleinchen mit Grundstücklein. Oder kann es einen anderen Grund geben, sich auf Hör- und Sichtweite mit zankenden Fremdmenschen zu umgeben?

Der zweite denkbare Grund wäre Voyeurismus. Im weitergefassten Sprachsinn. Es ist nicht unangenehm, dem röchelnden Atem hinter der Thujahecke oder dem aussichtslosen verbal bis handgreiflichen Erziehungsversuch der pubertierenden Kinder des Nachbarn zuzuhören, die Essensgerüche aus der offen stehenden Balkontür einzusaugen oder einen Streit über die Schwiegereltern anzuhören - es ist spannend! Spannender als die große Schlagzeile der allmorgendlich beim Bäcker erworbenen Lieblingzeitung, spannender als das Getuschel am
Arbeitsplatz über die neue Mitarbeiterin und sogar interessanter, als der Seitensprung des entfernten Bekannten. Es ist näher! Realer!

Anfangs denkt man, sie seien nett, die Nachbarn, helfen mit Salz aus und laden zum Grillen ein, bis man besprochene Details in starker Variation aus einer anderen Ecke wieder vernimmt und begreift, dass mit den Vertrautheiten der Habenichtse im Wohnblock ein für allemal Schluss ist.

Als Liebhaberin besonnener Formulierungen lehne ich die Benutzung derber Begrifflichkeiten ab. Möglicherweise zeigen auch die Erziehungsversuche meines Vaters, die immer in dem stark
anspornstiftenden Satz "Aus dir wird nie eine Dame." mündeten, späte Ergebnisse. Aber nicht umsonst sind unsere Gedanken unhörbar gemacht und wann immer ich an das Zusammenwohnen in der Reihenhaussiedlung denke, formuliert meine Erinnerung einen sehr, sehr hässlichen Begriff.
- lebt und arbeitet sehr gerne, sehr anonym in Dresden, lässt die Menschen aber manchmal ein Stückchen in ihr Leben schauen

Allein

SvenK
In der Nachbarschaft schrie jemand. Der Nachbar weinte schon lange und jetzt schien es, als ob er schrie. Es klang ganz beklagenswert und wir schauten einander an.
Nur eine Woche hatten wir. Eine Woche nur für uns. Eine Woche, die zu finanzieren wir unsere letzten Ersparnisse zusammengekratzt hatten. Und dies war schon der zweite Tag. Unsere Wunden waren tief, wir brauchten dringend Erholung. Waren wir noch ein Paar? War der, mit dem du gewesen warst eine Episode oder war er die Imago eines Fehlens gewesen? Und wenn wir uns neu finden müssten - würden wir es schaffen? Würden wir unsere Zärtlichkeit wiederfinden? Wir brauchten diesen Abstand, wir brauchten diesen ganz anderen Ort. Wir brauchten diese flirrende Hitze, diese karstige Vulkanlandschaft, wir brauchten diese sieben Tage in dem spätsommerlichen Hotel auf Lanzarote. Ohne unser Umfeld, ungestört.

Und jetzt dieses Weinen, das durch Türen kroch. Dieses klägliche Wimmern. Wer immer unser Nachbar war, er war allein. Hatte niemanden. Nicht einmal jemand zum wiederfinden.

Wir waren gerade ins Bett gekrochen. Die Gin Tonics von der Bar sackten und bewirkten das vertraute, das ersehnte Glühen unter sonnensatter Haut. Die Tür zur Veranda stand weit offen, die kanarische Nacht war mild und wir hörten die Wellen an den Strand branden.

Nach der überfälligen Dusche roch deine Haut wunderbar und meine sicher auch. Zudem war ich an unserem ersten Tag unter der afrikanischen Sonne hummerrot über die Insel gelaufen aber schon jetzt, am zweiten Tag hatte mein Fell diese dunkelbraune Farbe angenommen, die auf jeder Insel der Welt macht, dass mich die Einheimischen schon nach kurzer Zeit wie selbstverständlich in der Landessprache ansprechen. "So wie du möchte ich braun werden", hattest du gefrozzelt, nachdem wir uns hingelegt hatten. "Es ist, als ob man auf einen Schalter drückt. Klick. Dunkelbraun. Du Arsch." - "Hey, pass auf, ich hab Sonnenbrand!" - "Ich hab dir doch gesagt: crem' dich ein!" - "Papperlapapp!" Und da war es wieder, dein Kleinemädchenlachen, dieses Kieksen, das in Kissenschlachten und Kitzelorgien münden kann und dann in etwas ganz anderes. Dieses Lachen, das wir beide so lange vermisst hatten. Eine Unbeschwertheit, wie aus französischen Filmen aus den frühen Sechzigern, kurz bevor Belmondo die Puste ausgeht, und Jean Seberg weiß, dass er gerade stirbt, mitten auf dem Kopfsteinpflaster, mit der Fluppe im Gesicht. Als hätten wir beide denselben Gedanken, hörtest du auf zu lachen, und wir schauten einander nur an.

Wir waren wieder schön in dieser Nacht und wir waren es füreinander.
"Ich kann das nicht mehr mitanhören", hattest Du geseufzt. Dann warst Du schon aufgesprungen, hattet dieses Seidentuch um Deinen nackten Körper geschlungen und warst zur Tür. Dort drehtest du dich noch einmal zu mir um: "Ach, Mann, stimmt doch - das kann man doch nicht einfach so mitanhören, oder? Kann man? Kann man doch nicht! Also, ich kann nicht. Kannst du?" Dein Blick traf meinen, der mindestens genauso hin- und hergerissen war. "Et merde", dachte ich laut, und es klang eher wie ein Seufzer. "Müssen eigentlich immer wir springen, wenn in der Nachbarschaft jemand heult?" sagte ich, und still gab ich mir die Antwort selbst: "Ja." Dann sah ich deinen Blick und gab die Antwort für uns beide: "Scheiße, nu geh schon!"

Du gingst raus. Nach wenigen Minuten verstummte das Klagen von draußen. Dann kamst Du zurück. "Seine Eltern sind tot, seit letzter Woche." - "Du Scheiße", antwortete ich. "Unfall" ergänztest du. "Du Scheiße", konterte ich wenig originell, öffnete eine Flasche Weißen aus der Minibar und goss uns ein. Da ging sie hin, unsere gemeinsame Nacht, die erste seit Ewigkeiten. Aber angesichts dieser Geschichte? Perlend weiß kondensierte das Wasser an der Außenseite der Gläser. "Solche wie er zählen hier auf der Insel nichts, hat der Portier gesagt", sagte die Liebste, leerte ihr Glas in einem Zug und reichte es mir zum Nachfüllen. "Die kommen hier, zynisch gesagt, noch vor den Ratten" hätte der Portier gesagt. Der Portier war ein deutschstämmiger, aknenarbiger Glatzkopf, der, laut eigener Angabe, nach seiner Zeit als Schleifer bei der Fremdenlegion als Portier arbeitete, seit er im Casino irgendeiner Mittelmeerinsel als Croupier gefeuert worden sei. "Solchen wie denen hilft hier auf den Kanaren niemand", hatte er geknurrt. "Die sind froh, wenn sie krepieren."

Sie hatte den Kleinen mitgebracht. Er kauerte in dem Tuch vor ihrem Bauch und weinte nicht mehr.

Der kleine Kater war kaum sechs Wochen alt.

Keine fünf Minuten später fütterten wir das winzige Tier, das halb so groß war wie eine Hand und erst seit kurzem die Augen öffnen konnte. Der Kleine ließ sich mit Kondensmilch füttern, die wir vorsichtig in den Deckel einer Mineralwasserflasche füllten. Schon waren wir adoptiert. Und so schnarchte der kleine schwarze Kater während unserer ganzen Urlaubswoche zufrieden und manchmal schnurrend in der Tuchfalte vor dem Bauch der Liebsten, wo immer wir auf der Insel waren. Unser verwaister Nachbar war fest bei uns eingezogen, und er schlief in unserer Mitte, in unserem Bett.

Die Tür zur Veranda stand weit offen, die kanarische Nacht war mild und wir hörten die Wellen an den Strand branden.

Den kleinen Kater brachten wir, als unsere Woche zuende war, schweren Herzens in die Pension einer lokalen Tiernärrin. Wir verdrückten darüber viele Tränen und dann flogen wir heim. Die Tiernärrin hatte uns halbherzig versprochen, den Kleinen nach den vom Zoll geforderten Untersuchungen zu uns nach Deutschland zu schicken. Was sie nie tat.

Die Meine und ich waren lange traurig. Und immer noch urlaubsreif. Und wenn wir uns neu finden müssten - würden wir es schaffen?

Zurück in der rheinischen Heimat und ohne Neuigkeiten von der Tiernärrin, die sich am Telefon verleugnen ließ, fühlten wir uns wider besseres Wissen als Verräter. Von Zollbestimmungen konnte der kleine Kater nun wirklich nicht die geringste Ahnung haben. Außerdem hatte das kleine Fellchen ja genauso wenig wie wir wissen können, dass sein vermeintliches Refugium nur das Heim einer welken Sodomitin war, die ihre verflossene Liebschaften und das Schwinden der körperlichen Attraktivität nach dem Vorbild von Brigitte Bardot, dem faltigen Groupie der französischen Rechten, durch angebliche Tierliebe kompensierte.

Die Kölner Nacht war kalt und klamm und wir hörten die Taxis durch die Straße rasen. Wir lagen im Bett und starrten an die Decke.

Und wenn wir uns neu finden müssten - würden wir es schaffen? Und warum haben wir keinen Kater?

In der Nachbarschaft schrie jemand. Er war besoffen.

Et merde.
Nach Jahren des Umherziehens lebt und amüsiert sich Sven K. seit vier Jahren in Berlin. Seine Alltags- und Sonntagsgeschichten veröffentlicht er unter Mühen in seinem Blog.

Altöl

DonDahlmann
Die erste Wohnung, die man alleine bezieht, ist immer etwas besonderes. Endlich schafft man es, aus seinem Kinderzimmer auszuziehen, das mit leichtabwaschbaren Pressspanmöbel voll gestellt ist, und die mit den ersten kreativen Malversuchen aus knapp zwei Jahrzehnten verziert waren.
Das ist natürlich irgendwann peinlich und außerdem will man ja endlich selbstständig sein. Nachts lange aufbleiben, ohne das die Eltern einen ermahnen, dass "es nun aber genug ist, morgen ist ja auch noch ein Tag" oder die kleine Schwester gerade dann reinplatzt, wenn es nach stundenlanger, mühsamer Kleinstarbeit es endlich geschafft, drei Finger unter die unfassbar enge Jeans der Freundin zu bugsieren, die währenddessen gelangweilt die Kinderzeichnungen studierte. Ein Auszug zu Hause bedeutet also Freiheit, endlich Eigenverantwortung, tolle Nachbarn, wilde Partys die ganze Nacht und keine kleine Schwester mit Benjamin Blümchen Kassetten. Törrrröööö.

Meine allererste Wohnung war in Bonn, in der Argelanderstrasse. Ich war stolz wie sonst was, als es mir gelang, den Wohnungsverwalter von meiner Geschäftsfähigkeit zu überzeugen. Der Wohnungsverwalter seinerseits muss sehr froh gewesen sein, dass er jemanden gefunden hatte, der keine Ahnung von einem Mietspiegel hatte und dachte, dass 350 Mark kalt für eine 12qm Wohnung mit Dachschrägen, einem winzigen Fenster, keinem Balkon, Badezimmer und Toiletten auf den Zwischenetagen, an einer der meist befahrenen Ausfallstrassen in Bonn ein super Angebot sei, für das man gerne eine Vermittlungsprovision bereit war zu zahlen.
Das Zimmer war wirklich winzig und man konnte auf 6 der 12 qm aufrecht stehen. Ich bekam ein Bett, ein halbes "Ivar" Regal und einen winzigen Schreibtisch rein, an dem man sehr bequem saß, weil man sich beim arbeiten mit dem Kopf an die Dachschräge lehnen konnte. Ich war sehr glücklich. Jedenfalls acht Wochen lang.

In dieser Zeit verließ den Verwalter wohl die Geduld. Die anderen Zimmer im Haus wollten sich nicht vermieten lassen, was auch daran gelegen haben könnte, dass er für knapp 30qm rund 500 Mark haben wollte. Damals eine unfassbar hohe Miete. Der Verwalter hatte aber viel zu tun, also vermietete der die restlichen Zimmer an Freigänger einer Irrenanstalt und die eines Gefängnisses. So lernte ich zum einen "Werner" kennen und vor allem "Altöl".

Werner sah man eigentlich nie. Wenn man ihn mal durch einen Spalt seiner Tür erblicken konnte, dann sah man einen riesigen, unfassbar fetten Menschen, der offenbar den ganzen Tag in Unterhosen Marke Feinripp durch seine Wohnung flanierte. Viel eher konnte man seine Existenz aber Nachts ableiten, wenn er langanhaltende Schreianfälle bekam, oder etwas gegen die Wand warf und seine Tür eintrat. Danach war es dann immer etwas ruhiger, weil Werner wieder kurz in der Klinik war. Auseinandersetzungen mit Werner fanden nur per Brief statt. So beschwerte er sich regelmäßig bei allen anderen Mitbenutzern des Bades im dritten Stock, dass dies "sein" Bad sei, und wir gefälligst in das Bad im ersten Stock gehen sollten. Seine Schrift sah aus, als hätte man ihm während des Schreibens immer mal wieder unter Strom gesetzt und war deswegen etwas unleserlich, was ihm wohl auch klar war, weswegen er seinen Wunsch an die Mitbewohner mit einem in Druckschrift geschriebenen "Wek ihr Arschlöscher" ein wenig mehr Ausdruck verlieh. Als das immer noch nicht half und andere Menschen sein Bad benutzen, griff er dann zu einer, vor allem im Tierreich erfolgreich erprobten Maßnahme: er markierte sein Revier in dem er auf der Tür einen blutigen Handabdruck hinterließ und im Bad alles voll mit seinen feststofflichen Ausscheidungen beschmierte. Das kann man jetzt eklig finden, aber man muss doch sagen, dass er damit einen durchschlagenden Erfolg erzielte. Von dem er allerdings nicht lange zehren konnte, denn Werner verließ uns aber bald danach wieder und wurde noch selten gesehen.

Doch die Freude Werner und seinen nächtlichen, stundenlang andauernden Schreikrämpfe endlich los zu sein, währte nicht allzu lang, denn der Verwalter hatte für eine weitere, leerstehende Wohnung einen Herren aufgetan, dessen Klingelschild ihn als "Ältöl" identifizierte. Altöl war offenbar bekennender Hardrocker, rund 2 Meter groß, hatte dauernd 5 Leute in seiner Wohnung im Erdgeschoss die sich aus Spaß gegenseitig verprügelten und hörte gerne seine bevorzugte Musik in ohrenbetäubender Lautstärke. Da klopft man nicht so gerne an Tür und sagt "Hallo Herr Altöl, ich würde gerne schlafen, könnten sie das 'Napalm Death' Album etwas leiser hören?"
Recherchen in der Bonner Kneipenszene brachten zudem zu Tage, dass Altöl gerade auf Bewährung raus war, nachdem er drei Jahre wegen schwerer Körperverletzung anderweitig einquartiert war. Gut, da lässt man ihm eben seinen Spaß und freut sich, dass man im obersten Stock wohnt, zu dem er das Bad nur vollpisste und nicht mit Kacke einschmierte. Das war doch schon mal ein echter Fortschritt.

Mittlerweile hatten mich echte Zweifel an der Wahl meiner Wohnung befallen. Sollte ich einen Fehler gemacht haben? Etwa vielleicht auch zuviel Geld bezahlen? Ach, man will doch auch keinen Ärger mit dem Vermieter, also mal lieber ruhig sein, dachte ich. Kurz. Dann passierten nacheinander ein paar merkwürdige Dinge.
Mein Schlafrhythmus war dank Altöl eh schon ziemlich hinüber, als plötzlich das Zimmer neben mir, das nie vermietet werden sollte, weil es nur eine Art Zugangskammer zum Dach war, doch vermietet wurde. Ich weiß leider nicht an wen genau, aber es war eine Frau, soviel war sehr schnell sicher. Ihr Zimmer war nur durch eine dünne Holztür von meinem getrennt, und unsere Betten standen offenbar Kopf an Kopf. Jedenfalls erschrak ich eines Nachts sehr, als ich plötzlich von drüben der Satz gebrüllt wurde "Fick mein feines Döschen" Da war ich dann doch etwas überrascht, immerhin kannte ich die Frau nicht. Schnell stellte ich fest, dass jedoch nicht ich gemeint war, sondern ihr Liebhaber, ein Mensch ausländischer Herkunft, der, wenn ich ihn auf der Treppe auf dem Weg nach oben traf, immer ein wenig traurig schaute und mir irgendwie ein bisschen leid tat. Die Frau habe ich nie in meinem Leben gesehen, dennoch weiß ich bis heute, dass sie sehr, sehr gerne "ihr Döschen" gefickt sah, dass sie es mochte, wenn man ihre "Tittchen" fest anfasste und der Mann, rund eine Stunde später "die verdammte Sauerei" wegmachen sollte. Das weiß ich deswegen bis heute, weil sie es jede verdammte Nacht wollte.

Das war aber noch nicht der Tag, an dem ich auszog. Der kam dann später, als ich erst einen Brief des Vermieters bekam, in dem er ankündigte die Miete wegen hoher Instandsetzungskosten im Sanitärbereich um 30 Mark pro Monat zu erhöhen, meine Nachbarin herausgefunden hatte dass sie ihr Döschen mehrfach pro Nacht gegen Bares anderen Döschenliebhabern zur Verfügung stellen konnte, und Altöl den Kopf seiner Freundin durch die Milchglasscheibe des Bades (was hatten die nur immer alle gegen das Bad) gedrückt hatte, und diese eine meterlange Blutspur quer durchs ganze Haus gezogen hatte. Als diese wimmernd und blutüberströmt vor meiner Tür lag, Altöl mit drei Freunden dann fünf Minuten später meine Tür eintrat, mir drohte er würde mich ?platt machen?, dann seine Freundin die vier Etagen nach unten prügelte und erst durch den Einsatz von einer rund 10 Polizisten ruhig gestellt werden konnte, dachte ich ?Don, ich glaube, Du solltest einmal darüber nachdenken, Dir eine neue Wohnung zu suchen.? Meine Kaution hab ich natürlich auch nie wieder gesehen.
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein Blog.

puddingfrau und lumpenkind

Monique Chantal Huber
Fäden geschmolzenen Käses hängen mir aus dem Mund. "Möchten sie eine Zeitung kaufen?" fragt mich der blasse, pummelige Junge und hält mir zerfledderte Blätter unter die Nase.
Im trüben Licht der Laterne kann ich "Gratisausgabe" entziffern. "Nein" schmatze ich "Möchtest du ein Stück Pizza?" Er nickt und setzt sich neben mich auf die Bank.

"Ziemlich spät" stelle ich kauend fest und reiche ihm die Hälfte des Teigfladens. Tonno mit extra Ananas. Spezialanfertigung vom Pizzamann meines Vertrauens. Hastig schlingt er die Mahlzeit hinunter, dann steht er auf, wühlt in den Taschen seiner Jean, die ihm um mindestens zwei Nummern zu groß ist, zieht ein zerknülltes Päckchen Zigaretten hervor und steckt sich eine an. "Wie alt bist du?" frage ich ihn. "Vierzehn" sagt er trotzig. "Gut gehalten, ich hätte dich auf höchstens elf geschätzt," entgegne ich.

Wir mustern uns. "Monika" sag ich und strecke ihm meine fettige, mehlige Hand entgegen, ziehe sie kurz zurück, um mir die Reste von den Fingern zu lecken, mich mit der Serviette abzutrocknen. "Rene" antwortet er und schüttelt meine nunmehr saubere Hand. Seine Bewegungen sind ungelenk wie die eines Kindes, aber die Art und Weise wie er seine Zigarette hält, ist bereits beeindruckend lässig.

Die letzte Straßenbahn rattert ums Eck. "Gute Nacht Rene!". Er folgt mir.

Nachts wirken die Straßenbahngarnituren noch verwahrloster als tagsüber. Unser Abteil ist leer, nur ein paar Glasflaschen rollen klirrend am Boden, als sich die Bahn in Bewegung setzt. "Was machst du jetzt?" fragt er mich und ich höre, was er nicht ausspricht. "Junger Mann, die Frage lautet wohl eher, was du jetzt machst? Um ein Uhr morgens durch die Stadt zu laufen und Leute um Geld anschnorren ist ein ziemlich dämlicher Plan. Hast du denn kein Zuhause?" Ich bemühe mich oberlehrerhaft zu klingen, dabei stelle mir vor, ich würde Brille tragen und hätte mein Haar streng nach hinten gekämmt. "Vielleicht schlafe ich bei einem Freund." sagt der Junge kleinlaut. "Weiß der von seinem Glück?" frage ich. "Warum fährst du nicht heim?"

Nun wirkt er noch jünger als er vermutlich ist und erzählt wirre Geschichten von seinem Vater und der toten Mutter. Das wenige, das ich glaube, macht mich traurig genug. Ich muss an der nächsten Haltestelle raus. "Na gut," beantworte ich seine stille Bitte "dieses eine Mal. Nur heute. Das muss dir klar sein! Einmal und nie wieder!"

Er hat etwas hündisches an sich, als er hinter mir hertrottet. Die Wohnanlage ist modern, viel zu nobel, als dass ich es mir wirklich leisten könnte, hier zu leben. Meine Vermieterin kann es sich auch nicht leisten, deshalb teilen wir uns die Wohnung. An den Wochenenden ist sie meist am Land, die Katze nimmt sie mit. Zumindest fließend Wasser und Strom haben wir, alles andere ist Baustelle. Ich weiß nicht ob sie es jemals schaffen wird, sich wirklich häuslich einzurichten, meine Tage hier sind gezählt, ich werde fortgehen, nur gesagt hab ich ihr das noch nicht. Ich zeige Rene mein Zimmer. Ich erzähle ihm von der Katze, die nur auf das Wort "Fisch" hört.

"Ich geb dir ein paar frische Sachen zum Anziehen, aber vorher solltest du baden gehen" schlage ich ihm vor. "Du stinkst." Ich lasse ihm ein Schaumbad ein, lege ihm saubere Kleidung und ein Handtuch hin, dann lass ich ihn allein. Ich würde gerne Musik hören, aber Grete hat nur Kassetten mit klassischer Musik. Davon werde ich nervös. Ich höre Rene plantschen. Seine ausgetreten, alten Schuhe kann ich bis in die Küche rieche, also besprühe ich sie mit Deo. Größe 42, die können nicht ihm gehören, genausowenig wie die überlange Hose und der Pullover in dem er fast verloren geht.

"Kann ich kurz ins Bad, deine Sachen holen, die müssen dringend gewaschen werden," ruf ich ihm zu, er öffnet mir die Tür, trägt bereits mein T-Shirt und die Boxershort. Wir haben keine eigene Waschmaschine, aber es gibt einen Waschsalon im Hof, dort kann ich auch nachts meine Wäsche waschen. Er möchte mitgehen. Ich leihe ihm meinen Mantel und eine Haube, wegen der nassen Haare, mir nehm ich ein Bier mit.

Während seine dreckigen Socken, die Jeans und der ausgeleierte Pullover ihre Runden drehen, hocken wir auf den beiden übrigen Maschinen. "Was machst du sonst so, wenn du nicht grad von daheim abhaust?" frage ich ihn und öffne mein Getränk. "Wie sieht`s aus mit Schule?". "Ich gehe nicht mehr zur Schule." "Natürlich, mit elf ist man ja schon praktisch erwachsen und braucht dort nicht mehr hinzugehen." erwidere ich spöttisch. Er wird zornig: "Ich bin vierzehn, hab ich doch gesagt." "Und ich bin hundert." Ich grinse.

Eine zeitlang sitzen wir schweigend da, lassen die Beine baumeln, ich trinke Bier. "Hast du einen Freund?" fragt er mich unvermittelt. "Nein", sage ich der Einfachheit halber, mir ist nicht danach Definitionen zu suchen, komplexe Sachverhalte zu erklären. "Und du, hast du eine Freundin?". Natürlich lügt er mich an. Sex hätte er auch schon gehabt, erzählt er. "Echt? Sex hatte ich noch nie." Diesmal bin ich es, die lügt. Sein erstaunter Blick belustigt mich. "Aber," stammelt er "du bist doch schon alt." "Naja, hundert bin ich in Wirklichkeit nicht, erst zwanzig, zwanzig ist noch nicht alt." Aus Kinderaugen starrt er mich an. "Weißt du, ich hab doch noch nie Sex gehabt," murmelt er. "Es gibt wichtigeres im Leben." Die altkluge Rolle fängt an mir zu gefallen. "Zum Beispiel, ob du noch Hunger hast?" Rene nickt zaghaft. Er wirkt müde.

Ich packe die nasse Wäsche in einen Sack und wir gehen wieder nach oben. Nachdem ich die Sachen zum Trocknen aufgehängt habe, inspiziere ich den Kühlschrank. "Brot oder Pudding? Mehr hab ich leider nicht hier." "Pudding," murmelt Rene, der nun am Balkon sitzt. Also rühre ich Puddingpulver mir etwas Zucker und kalter Milch an, erhitze die restliche Milch, die sonst nur die Katze trinkt, im Topf. Wenige Minuten später steht dampfende Vanillecreme am Tisch. "Magst du etwas Himbeersirup dazu?" Rene nickt wieder und schaufelt Pudding in sich hinein.

In der Zwischenzeit durchstöbere ich oberflächlich Gretes Zimmer, irgendwo muss sie eine Menge Kinderbücher lagern. Ich finde nur "Wo geht?s hier nach Panama" von Janosch. Das mochte ich früher selber gerne.

Rene wankt vor Müdigkeit als ich ihm die Gästematratze vorbereite. Er kuschelt sich an das geblümte Kissen und lauscht mit kindlicher Hingabe der Geschichte, die ich ihm vorlese. Bereits nach drei Seiten ist er eingeschlafen.

Er träumt unruhig, dreht und wendet sich, schlägt um sich, einmal ruft er "Mama". Ich finde noch lange keinen Schlaf.

Am späten Vormittag muss ich zur Arbeit, Rene nehme ich bis zur letzten Haltestelle mit. Dort wo wir uns gestern getroffen haben. "Nochmal kannst du nicht bei mir bleiben, aber wenn du mal in Schwierigkeiten steckst, ruf mich an." Zumindest das kann ich ihm anbieten. Er schenkt mir zum Abschied ein Feuerzeug, das aussieht wie eine Pistole.

Ich erzähle meiner Arbeitskollegin von der vergangenen Nacht. Sie schreit mich an. Ob ich komplett den Verstand verloren hätte. "Die können dich wegen Verführung Minderjähriger drankriegen," brüllt sie. "Dass du dich überhaupt mit solchem Gesindel abgibst. Aus dem wird doch nie was."
"Natürlich nicht. Weil solchen Kindern keiner eine Chance gibt. Aber vielleicht hat er nun wenigstens eine schöne Erinnerung." Die Kollegin zetert und schimpft und ist den Rest der Woche nicht gut auf mich zu sprechen. Es ist ohnehin meine letzte Woche hier.

Ich erzähle niemandem mehr von dem Jungen oder davon, dass ich glaube, seinen Vater gesehen zu haben, einen alten, dicken, schäbigen Mann, mit unzähligen geplatzten Äderchen auf der Nase, wie es bei Säufern oft vorkommt, der das Lokal betrat und mich beobachtete. Er trug den selben Pullover wie Rene.

Die Kollegin erzählt mir später, als ich bereits die Stadt verlassen habe, Rene sei immer wieder an die Bar gekommen und habe nach mir gefragt, anfangs hätte er jedesmal eine Rose dabeigehabt. Irgenwann reisse ich die Brücken hinter mir vollends ab, zuviele Erinnerungen die ich nicht haben möchte.

Es dauert fünf Jahre bis ich zurückkehre, beruflich, kurz nur. Ich spaziere abends am Fluss entlang, als mich ein junger Bursche anspricht. Das Übliche. Ob ich Drogen kaufen möchte. Ich erstarre. "Rene..." sage ich mit einer Bestimmtheit, die mich überrascht, ich hatte nicht gewusst, dass ich nach all den Jahren seinen Namen noch kenne. "Du bist die Puddingfrau!" antwortet er verwundert, doch ohne Zögern. Nun ist er ehrliche sechzehn.

Ich gehe weiter, betrete das erstbeste Lokal und betrinke mich.
kosmopolitische landpomeranze. nervöse phlegmatikerin. beherrschte furie. unsensible mimose. eiskalter gefühlsmensch. selbstlose egoistin. gesellige eremitin. menschenscheue philantropin. schwermütige frohnatur. introvertierte selbstdarstellerin. blogautorin