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    <title>mindestenshaltbar 0308 (Nachbarn)</title>
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    <description>Nachbarn</description>
    <dc:publisher>DonDahlmann</dc:publisher>
    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
    <dc:date>2007-11-15T23:04:48Z</dc:date>
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    <title>mindestenshaltbar 0308</title>
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  <item rdf:about="http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1945/">
    <title>Nachbarn</title> 
    <link>http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1945/</link>
    <description>Man kann sich Salz bei ihnen leihen. Oder Butter. Oder mal die CD, die man sonst nur m&amp;auml;&amp;szlig;ig ged&amp;auml;mpft durch die Wand h&amp;ouml;rt, damit dann endlich mal Ruhe ist. Manchmal hat man mit seinem Nachbarn oder der Nachbarin oder beiden Sex. Sehr viel h&amp;auml;ufiger hat man aber Nachbarn, die man nicht mit auf eine einsame Insel nehmen m&amp;ouml;chte. Man w&amp;uuml;rde sich vielleicht dorthin schicken, aber mitkommen m&amp;ouml;chte man auf gar keinen Fall. Ob das nun der knurrige, nach Schnaps stinkende Hausmeister ist, die nervige Nachbarsfrau, die einen dauernd daran erinnert, dass man beim letzten Mal die Treppe nicht sauber genug gewischt hat oder der unter Schreianf&amp;auml;llen lebende Drogens&amp;uuml;chtige, der ab und an liebevoll seine Freundin gegen die Wand wirft. In den meisten F&amp;auml;llen ist man einfach froh, wenn man selber oder die Nachbarn endlich ausziehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Augustausgabe geht es also um Nachbarn. Nervige, stille, unheimliche oder sch&amp;ouml;ne Nachbarn. Es gibt viel zu lesen. Kleiner Tipp: Man kann sich die ganze Ausgabe auch h&amp;uuml;bsch &lt;a href=&quot;http://www.mindestenshaltbar.net/0308/print&quot;&gt;ausdrucken&lt;/a&gt; und mit an den Strand oder den Park nehmen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Dank an alle Autorinnen und Autoren, die auch in dieser Ausgabe wundersch&amp;ouml;ne, lustige und auch traurige Geschichten beigesteuert haben. Die Fotos stammen zum Teil (Editorial, Kolumne, Hackfresse, Familienalbum, Millenium) von der Fotografin &lt;a href=&quot;http://www.flickr.com/photos/66702289@N00/&quot;&gt;Cassandra&lt;/a&gt;, die sie uns zur Verf&amp;uuml;gung gestellt hat. Danke auch hierf&amp;uuml;r.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt viel Spa&amp;szlig; beim Lesen!</description>
    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 DonDahlmann</dc:rights>
    <dc:date>2007-08-08T14:18:00Z</dc:date>
  </item> 
  <item rdf:about="http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1929/">
    <title>puddingfrau und lumpenkind</title> 
    <link>http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1929/</link>
    <description>Im tr&amp;uuml;ben Licht der Laterne kann ich &quot;Gratisausgabe&quot; entziffern. &quot;Nein&quot; schmatze ich &quot;M&amp;ouml;chtest du ein St&amp;uuml;ck Pizza?&quot; Er nickt und setzt sich neben mich auf die Bank.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Ziemlich sp&amp;auml;t&quot; stelle ich kauend fest und reiche ihm die H&amp;auml;lfte des Teigfladens. Tonno mit extra Ananas. Spezialanfertigung vom Pizzamann meines Vertrauens. Hastig schlingt er die Mahlzeit hinunter, dann steht er auf, w&amp;uuml;hlt in den Taschen seiner Jean, die ihm um mindestens zwei Nummern zu gro&amp;szlig; ist, zieht ein zerkn&amp;uuml;lltes P&amp;auml;ckchen Zigaretten hervor und steckt sich eine an. &quot;Wie alt bist du?&quot; frage ich ihn. &quot;Vierzehn&quot; sagt er trotzig. &quot;Gut gehalten, ich h&amp;auml;tte dich auf h&amp;ouml;chstens elf gesch&amp;auml;tzt,&quot; entgegne ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mustern uns. &quot;Monika&quot; sag ich und strecke ihm meine fettige, mehlige Hand entgegen, ziehe sie kurz zur&amp;uuml;ck, um mir die Reste von den Fingern zu lecken, mich mit der Serviette abzutrocknen. &quot;Rene&quot; antwortet er und sch&amp;uuml;ttelt meine nunmehr saubere Hand. Seine Bewegungen sind ungelenk wie die eines Kindes, aber die Art und Weise wie er seine Zigarette h&amp;auml;lt, ist bereits beeindruckend l&amp;auml;ssig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die letzte Stra&amp;szlig;enbahn rattert ums Eck. &quot;Gute Nacht Rene!&quot;. Er folgt mir.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachts wirken die Stra&amp;szlig;enbahngarnituren noch verwahrloster als tags&amp;uuml;ber. Unser Abteil ist leer, nur ein paar Glasflaschen rollen klirrend am Boden, als sich die Bahn in Bewegung setzt. &quot;Was machst du jetzt?&quot; fragt er mich und ich h&amp;ouml;re, was er nicht ausspricht. &quot;Junger Mann, die Frage lautet wohl eher, was du jetzt machst? Um ein Uhr morgens durch die Stadt zu laufen und Leute um Geld anschnorren ist ein ziemlich d&amp;auml;mlicher Plan. Hast du denn kein Zuhause?&quot; Ich bem&amp;uuml;he mich oberlehrerhaft zu klingen, dabei stelle mir vor, ich w&amp;uuml;rde Brille tragen und h&amp;auml;tte mein Haar streng nach hinten gek&amp;auml;mmt. &quot;Vielleicht schlafe ich bei einem Freund.&quot; sagt der Junge kleinlaut. &quot;Wei&amp;szlig; der von seinem Gl&amp;uuml;ck?&quot; frage ich. &quot;Warum f&amp;auml;hrst du nicht heim?&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun wirkt er noch j&amp;uuml;nger als er vermutlich ist und erz&amp;auml;hlt wirre Geschichten von seinem Vater und der toten Mutter. Das wenige, das ich glaube, macht mich traurig genug. Ich muss an der n&amp;auml;chsten Haltestelle raus. &quot;Na gut,&quot; beantworte ich seine stille Bitte &quot;dieses eine Mal. Nur heute. Das muss dir klar sein! Einmal und nie wieder!&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hat etwas h&amp;uuml;ndisches an sich, als er hinter mir hertrottet. Die Wohnanlage ist modern, viel zu nobel, als dass ich es mir wirklich leisten k&amp;ouml;nnte, hier zu leben. Meine Vermieterin kann es sich auch nicht leisten, deshalb teilen wir uns die Wohnung. An den Wochenenden ist sie meist am Land, die Katze nimmt sie mit. Zumindest flie&amp;szlig;end Wasser und Strom haben wir, alles andere ist Baustelle. Ich wei&amp;szlig; nicht ob sie es jemals schaffen wird, sich wirklich h&amp;auml;uslich einzurichten, meine Tage hier sind gez&amp;auml;hlt, ich werde fortgehen, nur gesagt hab ich ihr das noch nicht. Ich zeige Rene mein Zimmer. Ich erz&amp;auml;hle ihm von der Katze, die nur auf das Wort &quot;Fisch&quot; h&amp;ouml;rt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Ich geb dir ein paar frische Sachen zum Anziehen, aber vorher solltest du baden gehen&quot; schlage ich ihm vor. &quot;Du stinkst.&quot; Ich lasse ihm ein Schaumbad ein, lege ihm saubere Kleidung und ein Handtuch hin, dann lass ich ihn allein. Ich w&amp;uuml;rde gerne Musik h&amp;ouml;ren, aber Grete hat nur Kassetten mit klassischer Musik. Davon werde ich nerv&amp;ouml;s. Ich h&amp;ouml;re Rene plantschen. Seine ausgetreten, alten Schuhe kann ich bis in die K&amp;uuml;che rieche, also bespr&amp;uuml;he ich sie mit Deo. Gr&amp;ouml;&amp;szlig;e 42, die k&amp;ouml;nnen nicht ihm geh&amp;ouml;ren, genausowenig wie die &amp;uuml;berlange Hose und der Pullover in dem er fast verloren geht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Kann ich kurz ins Bad, deine Sachen holen, die m&amp;uuml;ssen dringend gewaschen werden,&quot; ruf ich ihm zu, er &amp;ouml;ffnet mir die T&amp;uuml;r, tr&amp;auml;gt bereits mein T-Shirt und die Boxershort. Wir haben keine eigene Waschmaschine, aber es gibt einen Waschsalon im Hof, dort kann ich auch nachts meine W&amp;auml;sche waschen. Er m&amp;ouml;chte mitgehen. Ich leihe ihm meinen Mantel und eine Haube, wegen der nassen Haare, mir nehm ich ein Bier mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
W&amp;auml;hrend seine dreckigen Socken, die Jeans und der ausgeleierte Pullover ihre Runden drehen, hocken wir auf den beiden &amp;uuml;brigen Maschinen. &quot;Was machst du sonst so, wenn du nicht grad von daheim abhaust?&quot; frage ich ihn und &amp;ouml;ffne mein Getr&amp;auml;nk. &quot;Wie sieht`s aus mit Schule?&quot;. &quot;Ich gehe nicht mehr zur Schule.&quot; &quot;Nat&amp;uuml;rlich, mit elf ist man ja schon praktisch erwachsen und braucht dort nicht mehr hinzugehen.&quot; erwidere ich sp&amp;ouml;ttisch. Er wird zornig: &quot;Ich bin vierzehn, hab ich doch gesagt.&quot; &quot;Und ich bin hundert.&quot; Ich grinse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine zeitlang sitzen wir schweigend da, lassen die Beine baumeln, ich trinke Bier. &quot;Hast du einen Freund?&quot; fragt er mich unvermittelt. &quot;Nein&quot;, sage ich der Einfachheit halber, mir ist nicht danach Definitionen zu suchen, komplexe Sachverhalte zu erkl&amp;auml;ren. &quot;Und du, hast du eine Freundin?&quot;. Nat&amp;uuml;rlich l&amp;uuml;gt er mich an. Sex h&amp;auml;tte er auch schon gehabt, erz&amp;auml;hlt er. &quot;Echt? Sex hatte ich noch nie.&quot; Diesmal bin ich es, die l&amp;uuml;gt. Sein erstaunter Blick belustigt mich. &quot;Aber,&quot; stammelt er &quot;du bist doch schon alt.&quot; &quot;Naja, hundert bin ich in Wirklichkeit nicht, erst zwanzig, zwanzig ist noch nicht alt.&quot; Aus Kinderaugen starrt er mich an. &quot;Wei&amp;szlig;t du, ich hab doch noch nie Sex gehabt,&quot; murmelt er. &quot;Es gibt wichtigeres im Leben.&quot; Die altkluge Rolle f&amp;auml;ngt an mir zu gefallen. &quot;Zum Beispiel, ob du noch Hunger hast?&quot; Rene nickt zaghaft. Er wirkt m&amp;uuml;de.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich packe die nasse W&amp;auml;sche in einen Sack und wir gehen wieder nach oben. Nachdem ich die Sachen zum Trocknen aufgeh&amp;auml;ngt habe, inspiziere ich den K&amp;uuml;hlschrank. &quot;Brot oder Pudding? Mehr hab ich leider nicht hier.&quot; &quot;Pudding,&quot; murmelt Rene, der nun am Balkon sitzt. Also r&amp;uuml;hre ich Puddingpulver mir etwas Zucker und kalter Milch an, erhitze die restliche Milch, die sonst nur die Katze trinkt, im Topf. Wenige Minuten sp&amp;auml;ter steht dampfende Vanillecreme am Tisch. &quot;Magst du etwas Himbeersirup dazu?&quot; Rene nickt wieder und schaufelt Pudding in sich hinein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Zwischenzeit durchst&amp;ouml;bere ich oberfl&amp;auml;chlich Gretes Zimmer, irgendwo muss sie eine Menge Kinderb&amp;uuml;cher lagern. Ich finde nur &quot;Wo geht?s hier nach Panama&quot; von Janosch. Das mochte ich fr&amp;uuml;her selber gerne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rene wankt vor M&amp;uuml;digkeit als ich ihm die G&amp;auml;stematratze vorbereite. Er kuschelt sich an das gebl&amp;uuml;mte Kissen und lauscht mit kindlicher Hingabe der Geschichte, die ich ihm vorlese. Bereits nach drei Seiten ist er eingeschlafen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er tr&amp;auml;umt unruhig, dreht und wendet sich, schl&amp;auml;gt um sich, einmal ruft er &quot;Mama&quot;. Ich finde noch lange keinen Schlaf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am sp&amp;auml;ten Vormittag muss ich zur Arbeit, Rene nehme ich bis zur letzten Haltestelle mit. Dort wo wir uns gestern getroffen haben. &quot;Nochmal kannst du nicht bei mir bleiben, aber wenn du mal in Schwierigkeiten steckst, ruf mich an.&quot; Zumindest das kann ich ihm anbieten. Er schenkt mir zum Abschied ein Feuerzeug, das aussieht wie eine Pistole.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erz&amp;auml;hle meiner Arbeitskollegin von der vergangenen Nacht. Sie schreit mich an. Ob ich komplett den Verstand verloren h&amp;auml;tte. &quot;Die k&amp;ouml;nnen dich wegen Verf&amp;uuml;hrung Minderj&amp;auml;hriger drankriegen,&quot; br&amp;uuml;llt sie. &quot;Dass du dich &amp;uuml;berhaupt mit solchem Gesindel abgibst. Aus dem wird doch nie was.&quot;&lt;br /&gt;
&quot;Nat&amp;uuml;rlich nicht. Weil solchen Kindern keiner eine Chance gibt. Aber vielleicht hat er nun wenigstens eine sch&amp;ouml;ne Erinnerung.&quot; Die Kollegin zetert und schimpft und ist den Rest der Woche nicht gut auf mich zu sprechen. Es ist ohnehin meine letzte Woche hier.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erz&amp;auml;hle niemandem mehr von dem Jungen oder davon, dass ich glaube, seinen Vater gesehen zu haben, einen alten, dicken, sch&amp;auml;bigen Mann, mit unz&amp;auml;hligen geplatzten &amp;Auml;derchen auf der Nase, wie es bei S&amp;auml;ufern oft vorkommt, der das Lokal betrat und mich beobachtete. Er trug den selben Pullover wie Rene.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kollegin erz&amp;auml;hlt mir sp&amp;auml;ter, als ich bereits die Stadt verlassen habe, Rene sei immer wieder an die Bar gekommen und habe nach mir gefragt, anfangs h&amp;auml;tte er jedesmal eine Rose dabeigehabt. Irgenwann reisse ich die Br&amp;uuml;cken hinter mir vollends ab, zuviele Erinnerungen die ich nicht haben m&amp;ouml;chte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es dauert f&amp;uuml;nf Jahre bis ich zur&amp;uuml;ckkehre, beruflich, kurz nur. Ich spaziere abends am Fluss entlang, als mich ein junger Bursche anspricht. Das &amp;Uuml;bliche. Ob ich Drogen kaufen m&amp;ouml;chte. Ich erstarre. &quot;Rene...&quot; sage ich mit einer Bestimmtheit, die mich &amp;uuml;berrascht, ich hatte nicht gewusst, dass ich nach all den Jahren seinen Namen noch kenne. &quot;Du bist die Puddingfrau!&quot; antwortet er verwundert, doch ohne Z&amp;ouml;gern. Nun ist er ehrliche sechzehn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich gehe weiter, betrete das erstbeste Lokal und betrinke mich.</description>
    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
    <dc:subject>Blogville</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 DonDahlmann</dc:rights>
    <dc:date>2007-08-08T12:52:00Z</dc:date>
  </item> 
  <item rdf:about="http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1933/">
    <title>Puff-Nachbarn</title> 
    <link>http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1933/</link>
    <description>Und man wei&amp;szlig; zwar, dass es Menschen gibt, die Lotto-Million&amp;auml;re oder Puff-Nachbarn sind, aber wirklich kennen tut man weder noch. Ich w&amp;auml;re lieber Lotto-Million&amp;auml;r. Dann k&amp;ouml;nnte ich mir ein sch&amp;ouml;nes Haus, mit einem sch&amp;ouml;nen Eingang leisten. Leider bin ich nur Mieter. Und Puff-Nachbar. Und mein Eingang, den ich mir mit dem Puff teilen muss, ist h&amp;auml;sslich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Betritt man den Eingang zu mir und meinen neuen Nachbarn, findet man ein winziges Innenh&amp;ouml;fchen vor, h&amp;ouml;chstens 2 qm gro&amp;szlig;, fast schon franz&amp;ouml;sisch, d&amp;uuml;ster und ein bisschen muffig ? k&amp;ouml;nnte also auch Paris sein, ist aber leider nur Siegen Zentrum, irgendwo im S&amp;uuml;den NRWs. Vom Innenhof abzweigend findet man rechts die T&amp;uuml;r zum Treppenhaus, das zu meiner Dach-Wohnung f&amp;uuml;hrt, und links die T&amp;uuml;r zum Puff, der eigentlich kein Puff ist, sondern ein stinknormales Wohnhaus, aber eben jetzt in der Nutzung von asiatischen Nachbarn mit recht hohem Besucheraufkommen. Und um in diesen Innenhof zu gelangen, mu&amp;szlig; man durch eine dicke, schwere Eingangst&amp;uuml;r. Da gibt&apos;s dann Klingeln, so wie  das eben &amp;uuml;blich ist, bei Siegener und Pariser Wohnh&amp;auml;usern. Mein Name steht ganz oben in der Klingel-Klingel-Leiste, dazwischen ist nichts, dann meine 85j&amp;auml;hrige, schwerh&amp;ouml;rige  Nachbarin, dann wieder nichts, und ganz unten, mehr als offensichtlich, &quot;THAI MASSAGE&quot;, in so krakelig blauen Kugelschreiber-Lettern, vielleicht sogar mit Bindestrich, das wei&amp;szlig; ich gerade nicht mehr. Und ich wei&amp;szlig; ehrlich gesagt auch nicht, ob 50 Prozent aller Puff-Besucher Analphabeten sind, oder ob dass dann am Testosteron oder am billigen Parf&amp;uuml;m liegt, dass man pl&amp;ouml;tzlich eine Leseschw&amp;auml;che hat, wenn man in den Puff will ? aber die klingeln bei mir, und eben nicht bei der Thai Massage. Und das immer &amp;ouml;fter. Und das regt mich, obwohl ich ein eher ruhiger Zeitgenosse bin,  unglaublich auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manchmal, wenn es klingelt, wei&amp;szlig; ich, dass es sich wieder um einen blind-bl&amp;ouml;den Freier handeln muss. Dann geh ich gar nicht erst an die T&amp;uuml;rsprechanlage. Zum Beispiel um 2 Uhr Morgens, da kommt ja normalerweise kein Besuch, der lecker Mohn-Kuchen mitbringt, das kann&lt;br /&gt;
ja dann nur jemand sein, der ficken will. K&amp;uuml;rzlich hat auch mal jemand um 6.30 Uhr Morgens geklingelt, da hab ich mich zuerst erschrocken ?&lt;br /&gt;
zum einen, weil meine Klingel nicht &quot;BingBong&quot; macht, sondern mehr so ein &quot;Bzzzzzzzzzzzzt!&quot; ? das aber in einer Lautst&amp;auml;rke, die extrem&lt;br /&gt;
gesundheitsgef&amp;auml;hrdend ist. Also mehr so ein Starkstrom-Moulinex-&quot;BZZZZZZZZT&quot;! Da hat man nat&amp;uuml;rlich fast einen Herzinfarkt, morgens um halb Sieben, weil man denkt, es k&amp;ouml;nnte der Liebsten was passiert sein. Und weil die Klingel auch nicht gerade warm und herzlich klingelt, sondern eher so ein spontanes, ungewolltes Eisduschen-Feeling vermittelt. Dieses eine Mal da, um 6.30 Uhr, das war das erste Mal, wo ich wirklich sauer geworden bin. Anfangs fand ich die Nummer mit dem Verklingeln noch ertr&amp;auml;glich, aber an dem Tag war ich wirklich, wirlklich sickig. Weil diese n&amp;auml;chtlichen Klingel-Attacken nun mal irgendwann stark an die Nerven gehen, vor allem wenn sie chronisch werden. Gerade die Wochenenden am Monatsanfang sind besonders schlimm, denn dann klingelt es durchaus ein paar mal am Tag bei mir. Wahrscheinlich, weil die Freier dann wieder Geld haben, das sie verj&amp;uuml;cken k&amp;ouml;nnen. Dieses eine Mal war dann der Ausl&amp;ouml;ser bei mir, von wegen schluss mit lustig. Ich bin um 6.30 Uhr an die T&amp;uuml;rsprechanlage&lt;br /&gt;
gepoltert, schlaftrunken, v&amp;ouml;llig mit den Nerven am Ende, und hab aufgeregt das gefragt, was ich immer frage, wenn ich an die T&amp;uuml;rsprechanlage gehe, nur lauter und entnervter: &quot;WER IST DA!?&quot;. &quot;Oh, &amp;Auml;hschuldigunge!&quot; t&amp;ouml;nte es dann aus dem Lautsprecher, und f&amp;uuml;r jemanden, der 3 Mal an der falschen Klingel klingelt, weil er ficken will, fand ich das ein bisschen armseelig, also hab ich wutenbrannt in die Gegensprechanlage geschrieen: &quot;WIE KANN MAN UM 6.30 UHR SCHON FICKEN WOLLEN, UND SICH DANN AUCH NOCH VERKLINGELN??? NOCH EIN MAL, UND ICH RUF DIE BULLEN!&quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war nat&amp;uuml;rlich so ein Affekt-Geschrei, ich bin sonst nicht so, aber ich war nun mal v&amp;ouml;llig entnervt. Es war ja auch fr&amp;uuml;h, und ich am Ende. Meine Geduld auch. Mittlerweile mach ich das anders. Zum einen neige ich dazu, jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, die schwere Eingangst&amp;uuml;r abzuschliessen, sodass die Freier, wenn die T&amp;uuml;r dann via T&amp;uuml;rsprechanlage &quot;aufgedr&amp;uuml;ckt&quot; wird, gar nicht rein kommen, und die Damen in ihren lilafarbenen Satin-Badem&amp;auml;nteln (mit nix drunter) ganze drei Stockwerke nach unten m&amp;uuml;ssen, um die T&amp;uuml;r wieder aufzuschliessen.  Manchmal, wenn ich besonders sauer bin, klingele ich dann sogar selber bei den Damen, und schliesse vorher ab. Das ist nat&amp;uuml;rlich irgendwie gemein, aber wenn man st&amp;auml;ndig geweckt wird, wird man auch leicht spr&amp;ouml;de und b&amp;ouml;se im Kopf ? und reden bringt bei denen nichts, denn die verstehen kein Wort, das ist auch nicht rassistisch gemeint, aber es sind halt Asiatinnen, die wahrscheinlich v&amp;ouml;llig unfreiwillig im Siegener Zentrum gelandet sind ? vielleicht, weil ihnen eine Hochzeit oder sowas versprochen worden ist, ich wei&amp;szlig; es nicht, ich will es auch nicht wissen. Ich traf mal eine im Flur, die bat ich dann darum, dass sie doch mal die Freier darauf hinweisen sollte, dass meine Klingel nicht ihre Klingel sei, aber das hat die nur mit &quot;Du nicht sliesse T&amp;uuml;l&lt;br /&gt;
ab!&quot; kommentiert. Soviel zu den Klischees. Daraufhin hab ich dann die T&amp;uuml;r sogar tags&amp;uuml;ber abgeschlossen, also zu den &quot;Stosszeiten&quot;, weil ich&lt;br /&gt;
mir dachte, dass die ja wohl kaum die Polizei rufen werden, wenn die Stress mit den Nachbarn, also mit mir, haben. Die Nummer ist nat&amp;uuml;rlich auch m&amp;uuml;hsam, mit der T&amp;uuml;r, aber ich mache das nur, wenn sich mal wieder jemand verklingelt. Letzten Samstag war einer besonders dreist, der klingelte bestimmt zehn Mal. Ich wusste, dass der eigentlich nur ficken wollte, und sich garantiert verlesen hatte. Ich war gerade am Telefon, stand unter starken Schmerzmitteln, und mein Gespr&amp;auml;chspartner munkelte nach dem dritten Klingeln auch schon: &quot;Aha, Puff wieder, oder?&quot;. Ich bin dann also benebelt an die Anlage, und dachte mir, OK, lass mal mit Schreien, versuch&apos;s mal lieber freundlich:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich: &quot;Wer ist da?&quot;&lt;br /&gt;
Mann an der T&amp;uuml;r: &quot;Oh, &amp;auml;hhh, nix richtig?&quot;&lt;br /&gt;
Ich: &quot;Wollten sie ficken?&quot;&lt;br /&gt;
Mann an der T&amp;uuml;r, verdutzt: &quot;&amp;Auml;h, ja?&quot;&lt;br /&gt;
Ich: &quot;Warum klingeln sie dann bei mir, und nicht bei Thai Massage?&quot;&lt;br /&gt;
Mann an der T&amp;uuml;r: &quot;Oh, &amp;auml;h, &amp;auml;ntschuldigunge! Tute leid!&quot;&lt;br /&gt;
Ich: &quot;Nix da, sie k&amp;ouml;nnen doch lesen, oder?&quot;&lt;br /&gt;
Mann an der T&amp;uuml;r: &quot;Oh, &amp;auml;h, ja, &amp;auml;h, &amp;auml;ntschuldigunge!&quot;&lt;br /&gt;
Ich: &quot;Wenn sie sich noch ein mal verklingeln, dann sag ich ihrer Frau, was sie hier machen!&quot;&lt;br /&gt;
Schritte vom Eingang weg?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war nat&amp;uuml;rlich ein voller Erfolg, und ich halte den offenen Dialog mit den Verklinglern mittlerweile f&amp;uuml;r die bessere Methode, um der Sache Herr zu werden. Denn die Abschliesserei bringt ja auch nur unn&amp;ouml;tigen &amp;Auml;rger. Ich hab ja auch nicht wirklich was gegen die Damen von der Thai Massage. Das sind ja schliesslich auch nur arme Kerle. Aber keine guten Nachbarn. Und &amp;uuml;berhaupt, ich w&amp;auml;re im Moment wirklich lieber Lotto-Million&amp;auml;r als Puff-Nachbar. Oder zumindest in Paris, und nicht in Siegen.</description>
    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
    <dc:subject>Cosmopolis</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 DonDahlmann</dc:rights>
    <dc:date>2007-08-08T13:27:00Z</dc:date>
  </item> 
  <item rdf:about="http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1934/">
    <title>Bilder aus dem Familienalbum</title> 
    <link>http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1934/</link>
    <description>Gegen acht ungef&amp;auml;hr, im Sommer etwas sp&amp;auml;ter, im Winter viel fr&amp;uuml;her. Doch auch dann noch kann ich ihr Leben verfolgen, ihren allabendlichen Alltag, das Licht, die schemenhaften Bewegungen in den verschiedenen R&amp;auml;umen. Ich wei&amp;szlig; genau, wann sie ins Bad gehen, wann ins Bett, ziemlich fr&amp;uuml;h, und da&amp;szlig; sie bei offenem Fenster schlafen. Das sind fremde Menschen, die Tag f&amp;uuml;r Tag dieselbe Stra&amp;szlig;e entlanggehen, die in denselben Gesch&amp;auml;ften einkaufen wie ich, die dieselben Stra&amp;szlig;enger&amp;auml;usche h&amp;ouml;ren, dieselben Vogelschreie und denselben n&amp;auml;chtlichen Katzenjammer ertragen m&amp;uuml;ssen, die auch dieselben Nachbarn haben wie ich. Die Kinder sind l&amp;auml;ngst aus dem Haus, allerh&amp;ouml;chstens zwei- oder dreimal pro Jahr taucht Besuch auf, zu Weihnachten nat&amp;uuml;rlich, zu Ostern und manchmal auch im Hochsommer, irgendein Geburtstag vermutlich, ein Hochzeitstag oder die R&amp;uuml;ckkehr aus der Kriegsgefangenschaft vor vierzig, f&amp;uuml;nfundvierzig, achtundvierzig Jahren. Man hat sich einen kleinen Hund angeschafft, noch bevor ich in die Stra&amp;szlig;e gezogen bin, einen Pudel oder Dackel oder irgendwie beides in einem, der Frauchen und Herrchen vom Alter her schnell einzuholen wei&amp;szlig;. Ist er anfangs noch lebhaft an der Leine getrabt, l&amp;auml;&amp;szlig;t er sich bald gerne tragen, von der Haust&amp;uuml;r bis zur Garage, vom Auto bis hoch in die Wohnung. Oder es ist die Angst, da&amp;szlig; dem armen Tier etwas passieren k&amp;ouml;nnte, wenn es frei durch die Stra&amp;szlig;en liefe, die Herrchen den Hund immer &amp;ouml;fter mitsamt K&amp;ouml;rbchen aus dem Haus tragen l&amp;auml;&amp;szlig;t. Irgendwann ist er dann tats&amp;auml;chlich einfach verschwunden, ohne da&amp;szlig; ich sagen k&amp;ouml;nnte, was mit ihm passiert ist, ob er sich befreit hat aus seiner getragenen Rolle, oder ob er alt und grau in Ruhe und Frieden im Kreise seiner Lieben verschieden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Frau wird immer weniger mit den Jahren, kann schlie&amp;szlig;lich kaum noch laufen, h&amp;auml;lt sich auf dem Weg zum Auto zun&amp;auml;chst Schritt f&amp;uuml;r Schritt an der Wand fest, klammert sich dann an ihren Mann, mu&amp;szlig; sich beim Einsteigen ebenso helfen lassen, wie sp&amp;auml;ter auf dem R&amp;uuml;ckweg bei der einen gro&amp;szlig;en Stufe vor der Haust&amp;uuml;r. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie die Treppen bis hinauf in den dritten Stock schafft. Am Ende verl&amp;auml;&amp;szlig;t sie die Wohnung monatelang nicht mehr. Und dann steht jeden dritten, vierten Abend der Notarztwagen vor der T&amp;uuml;r. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Haare des Mannes werden von Jahr zu Jahr immer wei&amp;szlig;er, wie meine auch, doch das ist nicht wirklich von Bedeutung. Er verliert an Gewicht und sein R&amp;uuml;cken beugt sich unter der Last, aber immer noch tr&amp;auml;gt er schicke Schirmm&amp;uuml;tzen, eine sportliche Lederjacke und Cordhosen, jeden Tag. Umst&amp;auml;ndlich, mit laut dr&amp;ouml;hnendem Motor rangiert er morgens das flotte neue Auto aus der Garage, es ist klein und blau, genau wie das davor, und macht seine Wege, k&amp;uuml;mmert sich um alles, so unbeholfen wie zuverl&amp;auml;ssig. Er ist der einzige aus der Stra&amp;szlig;e, der hemmungslos auch mit mir spricht, denn er spricht mit allen, erz&amp;auml;hlt vom Krieg und entr&amp;uuml;stet sich &amp;uuml;ber den durchaus noch brauchbaren Inhalt der M&amp;uuml;lltonnen. Einmal bewundert er von seinem Fenster aus Lisa, die in Todesangst aber brennend vor Neugier und Abenteuerlust &amp;uuml;ber das Bauger&amp;uuml;st, das f&amp;uuml;r eine Weile direkt vor meinem Fenster h&amp;auml;ngt, robbt, um den Nachbarn ins Schlafzimmer zu gucken, mit den Krallen das Fensterglas zu bearbeiten. Er ruft mir &amp;uuml;ber die Stra&amp;szlig;e hinweg etwas zu, das ich nicht verstehe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keine zwei Wochen nach dem Tod seiner Frau, kurz nach der Beerdigung, alle waren da, alle Kinder und Enkel, die ganze Verwandtschaft, die Wohnung &amp;uuml;berf&amp;uuml;llt wie nie zuvor, klettert er, m&amp;uuml;der als ich ihn jemals zuvor gesehen habe, mit Schirmm&amp;uuml;tze und Lederjacke und Cordhose, alles ganz in schwarz, in einen Transportwagen der Malteser oder des roten Kreuzes oder ich wei&amp;szlig; nicht was. Zwei oder drei Angeh&amp;ouml;rige begleiten ihn, S&amp;ouml;hne und T&amp;ouml;chter vielleicht, weisen ihm den Weg zur weit ge&amp;ouml;ffneten Seitent&amp;uuml;r des Autos, die keinen Meter von ihm entfernt ist, und ich bin sicher, da&amp;szlig; er mich nicht mehr erkennt, da&amp;szlig; er nichts mehr erkennt und da&amp;szlig; ich ihn nie wiedersehen werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wohnung bleibt lange wie sie war, nichts ver&amp;auml;ndert sich, doch es findet kein Alltag mehr statt. Abends gibt es kein Licht mehr, keine Bewegungen, kein Leben. Erst nach und nach wird sie leerger&amp;auml;umt. Die Kinder lassen sich Zeit, tauchen nur manchmal auf, sp&amp;auml;t abends und ziehen systematisch Schubladen auf und &amp;ouml;ffnen Schrankt&amp;uuml;ren. Es dauert Monate, bis sie anfangen M&amp;ouml;bel, Teppiche und gro&amp;szlig;e blaue M&amp;uuml;llbeutel vor die T&amp;uuml;r zu stellen, damit alles zusammen am n&amp;auml;chsten Morgen unter lautem Get&amp;ouml;se in den Sperrm&amp;uuml;llwagen gepre&amp;szlig;t werden kann. An dem Abend m&amp;ouml;chte ich nach unten laufen und mir etwas davon nehmen, was ist egal, nur irgend etwas, damit es nicht geschreddert wird, damit es bleiben kann, bei mir bleiben. Und ich will das Schild lesen, den Namen wissen, der ganz sicher noch neben der Klingel geschrieben steht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ich tue beides nicht. Wohl weil man mich dabei sehen k&amp;ouml;nnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann erscheinen die Handwerker. Eine ganze Weile wird umgebaut und renoviert, schlie&amp;szlig;lich findet sich eine Horde junger Leute ein, die tapeziert, alles wei&amp;szlig; streicht, Teppich verlegt und zu guter Letzt einzieht. Zwei junge Frauen kristallisieren sich aus der Menge heraus, packen Kartons und Kisten aus, r&amp;uuml;cken M&amp;ouml;bel zurecht, h&amp;auml;ngen Jalousien vor die Fenster und wissen von nichts. Nicht von dem Mann und seiner Frau, und nichts von mir, obwohl ich durch die Fenster in die Wohnung sehe kann wie eh und je, ob die Jalousien nun heruntergelassen sind oder nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da ist Licht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wei&amp;szlig;, da&amp;szlig; der Mann tot ist, selbst wenn er noch leben sollte, irgendwo vielleicht. Er war tot in dem Moment, als er die Wohnung verlassen hat, als er gehen mu&amp;szlig;te.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wei&amp;szlig;, es hilft nichts zu wissen und zu schweigen. Aber es gibt nichts zu sagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn ich nur eine T&amp;uuml;r weitergehe, einen Schritt in die Nachbarwohnung mache, Wand an Wand leben wir, kennen uns gut, ist alles verflogen, kann ich nicht mehr sagen, was ich wei&amp;szlig;, nicht die Geschichte erz&amp;auml;hlen, von dem Mann und der Frau, die man doch beide beinah noch sehen kann, wenn man aus dem Fenster sieht, in das Haus gegen&amp;uuml;ber hinein. Einen Schritt weiter, drei Meter vielleicht, h&amp;ouml;chstens f&amp;uuml;nf, hat sich die Sicht bereits ge&amp;auml;ndert, der Blickwinkel verschoben, sogar die Himmelsrichtung ist eine andere. Meine Nachbarn blicken nach Nordost, beobachten die Kinder aus der Tagesst&amp;auml;tte, die Jugendlichen auf ihren Rollern und Bikes und die Trommler nachts auf dem H&amp;uuml;gel hinter dem Spielplatz, die ich nur h&amp;ouml;ren kann, manchmal, nicht aber sehen.</description>
    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
    <dc:subject>Cosmopolis</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 DonDahlmann</dc:rights>
    <dc:date>2007-08-08T13:30:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1935/">
    <title>Sommer, Sonne, Sexgeschrei</title> 
    <link>http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1935/</link>
    <description>... und somit erfolgreich verdr&amp;auml;ngt. Es war in der Wohnung relativ k&amp;uuml;hl, denn die direkte Sonneneinstrahlung belief sich auf die ganz fr&amp;uuml;hen Morgenstunden, welche nicht ausreichten um unsere 3 Zimmer, K&amp;uuml;che, Diele, Bad bis ins unertr&amp;auml;gliche aufzuheizen. Die Zimmer waren entweder gefliest oder mit Laminat ausgelegt, was bei diesen hei&amp;szlig;en Au&amp;szlig;entemperaturen f&amp;uuml;r ein angenehmes Fu&amp;szlig;bodenklima, begleitet von erh&amp;ouml;htem Blasenentz&amp;uuml;ndungsrisiko sorgte. Abends sa&amp;szlig;en wir in unserem Arbeitszimmer, welches sich nach hinten zum Hof erstreckte. Da wir uns in unserem jugendlichen Leichtsinn (?Parterre ist doch super - keine Treppen!?) f&amp;uuml;r eine Erdgeschosswohnung entschieden hatten, hatten wir innerhalb der ersten 3 Wochen eine Rollo-Gardinen-Licht-L&amp;ouml;sung montiert, welche es uns erm&amp;ouml;glichte, m&amp;ouml;glichst viel Licht in unser Arbeitszimmer zu lassen, ohne dabei auch nur einem Nachbarn Einblicke in unser heiligstes - eben das Arbeitszimmer - zu gew&amp;auml;hren.&lt;br /&gt;
Die Konversation zwischen uns belief sich an diesem Abend auf einen Grunz-St&amp;ouml;hner, den jeder von uns im f&amp;uuml;nf Minuten Takt ausstie&amp;szlig;, um seine Ersch&amp;ouml;pfung durch die Hitze zum Ausdruck zu bringen. Es h&amp;auml;tte eine ganze Truppe Tutti-Frutti Erdbeeren durch die Wohnung marschieren k&amp;ouml;nnen, oder gar ein leicht bekleideter Orlando Bloom mit harten Nippeln die diebisch unter einem halbtransparenten Stofffetzen hervorblitzen. Das h&amp;auml;tte uns beide nicht im Geringsten interessiert. Sex und k&amp;ouml;rperliche N&amp;auml;he geh&amp;ouml;rten an diesen Tagen f&amp;uuml;r uns zu dem absoluten &quot;No Go&apos;s&quot;, an die zu Denken schon einen Hitzschlag zur Folge gehabt h&amp;auml;tten.&lt;br /&gt;
Pl&amp;ouml;tzlich durchriss ein gellender Schrei unsere Lethargie: &quot;Ja, ja, nimm mich! Mach&apos;s mir!&quot; Wir sahen uns verdutzt an. War das jetzt schon die erste Halluzination oder wollte da jemand einen Spa&amp;szlig; mit uns treiben? Es folgten eine Reihe &quot;Uh, uh, oh&apos;s&quot; und &quot;Oh, oh, uh, jaaa&apos;s&quot;, dann ein spitzer Schrei, &amp;auml;hnlich dem Schrei bei einer Presswehe - dann wurde es schlagartig still. Mein Kerl sah mich Stirn runzelnd an und meinte:&lt;br /&gt;
&quot;Wie kann man sich bei dem Wetter blo&amp;szlig; &apos;nen Porno reinziehen?&quot; Auf die Idee, dass unser neuer Nachbar sich grade ordentlich die Gurke schrubbte, w&amp;auml;re ich gar nicht gekommen. Aus diversen &quot;Heimat- und Liebesfilmen in denen zum Schluss doch nie geheiratet wird&quot; wusste ich, dass die Vertonung des soeben miterlebten Liebesspiels einfach zu realistisch war, um bei einer schlechten Videorama-Produktion in Hintertupfingen einen H&amp;ouml;hepunkt zu simulieren. Noch dazu hatten die meisten Frauen in solchen Filmen eh nie einen guten Orgasmus, zumindest war klar, dass wenn sie ihren Partnern einen H&amp;ouml;hepunkt so vorspielen w&amp;uuml;rden, wie sie es in entsprechenden Filmen taten, dieser ihnen das nie und nimmer abnehmen w&amp;uuml;rde. Aber zur&amp;uuml;ck zu unserem Nachbarn.&lt;br /&gt;
Es vergingen rund 3 Stunden und inzwischen lagen wir auf unserem Bett, schauten irgend ein schlechtes Freitagnacht-Programm und philosophierten dar&amp;uuml;ber, in welchem Winkel unser Ventilator wohl am effektivsten f&amp;uuml;r uns beide arbeiten w&amp;uuml;rde. Pl&amp;ouml;tzlich h&amp;ouml;rten wir, wie etwas im Takt anfing zu klacken bzw. klopfen. Erst h&amp;ouml;rte es sich an, als ob jemand an unsere Schlafzimmerwand klopfen w&amp;uuml;rde, dann als ob jemand den Bass seiner Anlage zu hoch gedreht hatte, dann kamen quietschende H&amp;ouml;hen hinzu und schlie&amp;szlig;lich schwoll das ganze in einem Stampfen an. &quot;Boah, kann der da oben mal diesen schrecklichen Techno ausmachen! Affenmusik!&quot; Ich sah meinen Kerl grinsend und gleichzeitig verbl&amp;uuml;fft an. &quot;Was ist denn mit Dir?&quot; Er antwortete entr&amp;uuml;stet: &quot;Na, ist doch wahr. Es sind 2 Uhr und nur weil der Typ wegen der Hitze nicht schlafen kann, muss der uns ja noch lang nicht so beschallen.&quot; - &quot;H&amp;ouml;r doch mal genau hin, was glaubst Du sind diese unregelm&amp;auml;&amp;szlig;igen Aussetzer im Takt? Mensch, da hat wer ganz ordin&amp;auml;ren und dreckigen Sex!&quot; - &quot;Nee, meinst Du?&quot; Seine Frage wurde umgehend durch einen weiblichen grellen Schrei, der einen grandiosen H&amp;ouml;hepunkt einzuleiten schien und sich 10 Sekunden zog, beantwortet. Wir nickten uns anerkennend zu - der Mann hatte es wohl ziemlich drauf und man konnte sich nun sicher sein, dass der Gute nicht nur mit einem Stapel Schmuddelvideos auf dem Sofa sa&amp;szlig;.&lt;br /&gt;
Am folgenden Wochenende wurde unser Haus zu einer wahren Lusth&amp;ouml;hle f&amp;uuml;r alle Nachbarn im Umkreis von 100 Metern, wenn es sp&amp;auml;t abends war und keine Autos mehr fuhren auch bis zu 500 Metern. Unser Nachbar legte einen wahren Leistungsmarathon ein und zeitweise r&amp;auml;tselten wir, ob er vielleicht einer Nymphomanin zum Opfer gefallen war, da man von ihm nichts sah und h&amp;ouml;rte, aber permanent spitze Schreie und Anfeuerungen seiner Freundin vernahm. Auch wenn wir jedes Mal gespannt lauschten, wie lang es diesmal wohl dauern w&amp;uuml;rde, welche schmutzigen W&amp;ouml;rter der Guten noch alles einfallen w&amp;uuml;rden und ob man doch noch ein Ger&amp;auml;usch von ihm wahrnahm, wirklich erregend waren diese Intermezzi nicht. Einmal erntete ich b&amp;ouml;se Blicke von meinem Kerl, als ich nach erneutem lautstarkem H&amp;ouml;hepunkt ihrerseits klatschte und laut &quot;Bravo!&quot; rief. Sein Groll verschwand aber, als er einen unserer nicht-nymphomanischen Nachbarn im Hof stehen sah, mit offenem Mund, dem Geschrei und Gebr&amp;uuml;ll folgend zum ersten Obergeschoss hoch starrte. Als sie &quot;fertig war&quot;, zwinkerte der vor unserem Fenster erstarrte Nachbar zweimal - wahrscheinlich um zu pr&amp;uuml;fen, ob er tr&amp;auml;umte - dann h&amp;ouml;rte man von etwas weiter weg eine piepsige Kinderstimme: &quot;Papa? Was war das? Tut da jemandem etwas weh?&quot; - &quot;Ja Lisa, da hat sich bestimmt jemand gesto&amp;szlig;en.&quot; Wie recht er doch hatte, auf die ein oder andere Weise.&lt;br /&gt;
An einem dieser Samstage, als es gerade mal wieder hei&amp;szlig; her ging, rannten wir sogar auf die Strasse und w&amp;uuml;hlten v&amp;ouml;llig ohne Grund in unserem Auto rum, um den Nachbarn durch die Blume mitzuteilen, dass wir es nicht waren, die Sie um die Mittagszeit ihren Kindern gegen&amp;uuml;ber in Erkl&amp;auml;rungsnot brachten.&lt;br /&gt;
Es waren inzwischen gut 3 Wochen vergangen und das Sexpensum unseres Nachbarn hatte sich auf 4-5 Mal am Tag eingependelt. Einmal gegen 10 Uhr, dann gegen Mittag, also um die 12 Uhr. Gegen 13 Uhr verlie&amp;szlig;en sie beide in der Regel das Haus. Wann sie wiederkamen bekamen wir nie mit, aber sp&amp;auml;testens um 17 Uhr ging&apos;s in die n&amp;auml;chste Runde, welche ihren letzten Abschluss gegen 22 Uhr fand. Ab und an folgte dann noch der 3 Uhr-Fick, dieser jedoch - Gott sei Dank - nicht t&amp;auml;glich, denn ein normaler Mensch muss ja auch mal schlafen, was uns seit einigen Tagen, auf Grund des anschwellenden Lautst&amp;auml;rkepegels zu n&amp;auml;chtlicher Zeit, schwer fiel. Es war kurz vor 22 Uhr und mein Kerl machte sich noch schnell auf zur Tankstelle, Zigaretten besorgen. Gerade als er die Haust&amp;uuml;r hinter sich ins Schloss fallen l&amp;auml;sst und ich noch in der ge&amp;ouml;ffneten Wohnungst&amp;uuml;r stehe, setzte eine St&amp;ouml;hn-, Schrei-, Anfeuerungswelle ein. &lt;br /&gt;
4 mal Sex t&amp;auml;glich an 5 Wochentagen, an den Wochenenden 5 Mal t&amp;auml;glich, 3 Wochen lang - das sind gut und gerne 90 Mal Sex, jedes Mal lautstark, bei denen wir gelacht, geschmunzelt, mit den Augen gerollt, die Augen verdreht und genervt geguckt haben. Und eben jetzt, bei diesem neunzigsten Mal, machte es in meinem Kopf *zosch* - die humoristische und akustisch-voyeuristische &amp;Uuml;berreizung setze ein und ich verk&amp;uuml;ndete mit einem lauten Br&amp;uuml;ll quer durchs Treppenhaus: &quot;Meine Fresse, es ist jetzt gut. Wenn ihr ficken wollt, wie die Kaninchen, dann such Euch &apos;nen anderen Fickstall!&quot; - meine G&amp;uuml;te, so ordin&amp;auml;r und aggressiv hatte ich mich noch nie erlebt. Ich schlug die Hand vor den Mund und schloss &amp;uuml;bereilig die T&amp;uuml;r, die auch noch mit einem lauten Knall ins Schloss fiel. Totenstille im ganzen Haus.&lt;br /&gt;
Seither haben wir unseren Nachbarn und seine Freundin nie wieder geh&amp;ouml;rt. Ob er sich nach meinem moralischen und nicht minder lautstarkem Kurzstatement von ihr getrennt hat, oder sie nur noch au&amp;szlig;er Haus ?richtig hart ran nimmt? wei&amp;szlig; ich nicht und ehrlich gesagt, es ist mir auch egal.&lt;br /&gt;
Fakt jedoch ist, dass bei uns, seitdem wieder Ruhe eingekehrt ist, richtig die Post abgeht, denn das akustische Kopulieren anderer wirkt bei &amp;uuml;berm&amp;auml;&amp;szlig;igem Konsum wie ein Antiserum f&amp;uuml;r den eigenen Sexualtrieb. Lassen Sie sich vergleichsweise mal den ganzen Tag - also vom Aufstehen bis zum Zubettgehen - von einem Hardcore-Porno berieseln. Nach zwei Tagen haben Sie vielleicht &quot;noch&quot; Schwielen, aber nach 4 Tagen sind sie um jeden Anruf Ihrer Schwiegermutter froh, weil sie zumindest w&amp;auml;hrend dessen den Ton ausstellen m&amp;uuml;ssen.</description>
    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
    <dc:subject>Cosmopolis</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 DonDahlmann</dc:rights>
    <dc:date>2007-08-08T13:32:00Z</dc:date>
  </item> 
  <item rdf:about="http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1940/">
    <title>Frau Dahlberg</title> 
    <link>http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1940/</link>
    <description>Dort hatte ich eine Wohnung in einem Mietblock aus den drei&amp;szlig;iger Jahren, einem langgestreckten Geb&amp;auml;ude mit nur zwei Etagen, dunkelroter Backstein, Haus gewordene &amp;Ouml;dnis. In den G&amp;auml;ngen im Keller gab es noch Mengen von leeren Einweckgl&amp;auml;sern und viel verrostetes Gartenger&amp;auml;t, der Rasen vor dem Haus war fr&amp;uuml;her jahrelang als Gem&amp;uuml;segarten genutzt worden, wie mir erz&amp;auml;hlt wurde. Die &amp;uuml;blichen Hinweisschilder in den Treppenh&amp;auml;usern, man m&amp;ouml;ge bitte die T&amp;uuml;ren verschlossen halten, das Licht wieder l&amp;ouml;schen und die richtige W&amp;auml;scheleine benutzen waren noch mit schwarzer Schrift auf wei&amp;szlig;er Emaille ausgef&amp;uuml;hrt. Als ich einzog und meine Sachen hochtrug, &amp;ouml;ffnete sich die T&amp;uuml;r der Nachbarwohnung einen Spalt breit und ich sah undeutlich, wie jemand mich durch den Spalt beobachtete. Ich gr&amp;uuml;&amp;szlig;te, die T&amp;uuml;r wurde sofort energisch wieder geschlossen. In den folgenden Tagen sah ich die Nachbarin aus dieser Wohnung gelegentlich im Treppenhaus und gr&amp;uuml;&amp;szlig;te jedesmal, was aber nur sehr kurz angebunden und unwillig beantwortet wurde. Eine kleine alte Frau mit kurzen grauen Haaren, die immer sehr adrett sa&amp;szlig;en, mit Unmengen von Haarspray in Form und Wellen gebracht. Im Haus trug sie stets bunte Kittelsch&amp;uuml;rzen und Hausschuhe und war in erstaunlicher H&amp;auml;ufigkeit zwischen ihrer Wohnung, dem Dachboden und dem Keller unterwegs. Ihr Kinn stand ein wenig schief, wodurch der Ausdruck permanenter Mi&amp;szlig;billigung in ihrem Gesicht festgefroren war. Sie sah einen immer erst eine Weile pr&amp;uuml;fenden Blickes an, bevor sie auf etwas antwortete, wobei sie das Kinn noch etwas schiefer zog.&lt;br /&gt;
Nach den ersten beiden Wochen wurde sie etwas freundlicher, sie hatte, wie mir sp&amp;auml;ter klar wurde, erst ergr&amp;uuml;nden wollen, ob ich nachts nicht vielleicht wilde Partys feiern, Drogen im Hausflur verstreuen oder leere Flaschen vom Balkon werfen w&amp;uuml;rde, denn das Chaos lauerte &amp;uuml;berall. Sie war sehr ernst und etwas ruppig, ihre S&amp;auml;tze waren gerade eben noch freundlich in der Wortwahl. Ich habe sie niemals mit einem L&amp;auml;cheln im Gesicht gesehen. Am dritten Sonnabend nach meinem Einzug klingelte sie morgens bei mir: ?Wollte sie nur erinnern. Sie haben Treppenhausdienst, junger Mann. Nicht vergessen!? Ich war etwas entgeistert und fragte nach: ?Ich habe was??. ?Sie haben Treppenhausdienst. Sie m&amp;uuml;ssen das hier saubermachen, von da unten bis zum Dachboden. Ich habe letzte Woche, davor die von unten, jetzt sind sie dran, sie machen hier jetzt mal klar Schiff. Man los!? ?Aha?, sagte ich, ?wie denn genau??&lt;br /&gt;
Sie sah mich mi&amp;szlig;trauisch an, ob ich sie nicht vielleicht auf den Arm nehmen wolle und erst als ich nachfragte, ob es vielleicht mit Fegen getan w&amp;auml;re, d&amp;auml;mmerte ihr, da&amp;szlig; ich wirklich wissen wollte, was genau zu tun w&amp;auml;re. Daraufhin bekam ich eine l&amp;auml;ngere Einweisung in das Dahlbergsche Prinzip der Treppenhausreinigung, eine umst&amp;auml;ndliche Prozedur, zu der man Handfeger und Schaufel, einen gro&amp;szlig;en Besen, einen Schrubber, einen Lappen, zwei Eimer und diverse Putzmittel brauchte. Da ich nichts davon hatte, fragte ich sie, in welchem Laden der Stadt man so etwas denn wohl am besten erstehen w&amp;uuml;rde. Fortan war ich ihr sympathisch, soweit man &amp;uuml;berhaupt davon sprechen konnte, es &amp;auml;u&amp;szlig;erte sich vor allem darin, da&amp;szlig; sie nach dem Gr&amp;uuml;ssen jeweils noch einen Kommentar zum Wetter abgab. Ich habe stets auf meinen Treppenhausdienst geachtet und immer reichlich L&amp;auml;rm dabei gemacht, mit dem Schrubber gegen die T&amp;uuml;ren gehauen und die Eimer h&amp;ouml;rbar &amp;uuml;ber den Boden geschoben, damit Frau Dahlberg h&amp;ouml;ren konnte, da&amp;szlig; ich bei der Arbeit war. Wenn ich fertig war und hinter mir meine Wohnungst&amp;uuml;r schlo&amp;szlig;, dauerte es ein paar Minuten, dann kam Frau Dahlberg aus ihrer Wohnung, ging im Treppenhaus umher, einmal bis zum Keller, einmal bis zum Dachboden und inspizierte das Ergebnis meiner Bem&amp;uuml;hungen. Sie hat sich nie beschwert, obwohl meine Art der Treppenhausreinigung haupts&amp;auml;chlich auf Ger&amp;auml;uschentwicklung abgestellt war.&lt;br /&gt;
Frau Dahlberg war den ganzen Tag besch&amp;auml;ftigt, sie putzte ihre Wohnung unerm&amp;uuml;dlich, kochte, buk, pflegte die B&amp;uuml;sche vor dem Haus, streute im Winter die Wege und machte sich in ihrem Keller zu schaffen. Diesen Lattenverschlag hatte sie von innen komplett mit Zeitungspapier und Folie verklebt, so da&amp;szlig; man nicht hineinsehen konnte. Sie &amp;ouml;ffnete die T&amp;uuml;r dazu nur, wenn kein anderer Bewohner in der N&amp;auml;he war. Sie bekam nie Besuch und es schien keine Verwandten zu geben, aber auf ihrer t&amp;auml;glichen Einkaufsrunde in der Stadt, die den ganzen Vormittag in Anspruch nahm, f&amp;uuml;hrte sie lange Gespr&amp;auml;che mit den &amp;auml;lteren Verk&amp;auml;uferinnen beim Schlachter oder B&amp;auml;cker, den Frauen an den Marktst&amp;auml;nden und den Hausmeistern der Wohnbl&amp;ouml;cke, an denen sie vorbeikam. Der Weg in die Stadt dauerte zu Fu&amp;szlig; etwa eine halbe Stunde, sie ging ihn jeden Tag und bei jedem Wetter. Wenn in den umliegenden Wohnungen jemand aus der &amp;auml;lteren Generation krank war, brachte sie Essen und Eink&amp;auml;ufe vorbei. Ihre Geselligkeit bezog sich strikt auf Menschen ihres Alters. Ein j&amp;uuml;ngerer Nachbar, der in dem Block aufgewachsen war, erz&amp;auml;hlte, da&amp;szlig; die Kinder fr&amp;uuml;her schreckliche Angst vor ihr gehabt h&amp;auml;tten, denn wenn man zu laut spielte oder zur falschen Zeit L&amp;auml;rm machte, gab es unvorstellbaren &amp;Auml;rger mit Frau Dahlberg. Auf dem Rasen genau vor ihrem Fenster stand noch eine Schaukel, die schon lange verrottet war, es gab zu meiner Zeit keine Kinder mehr in dem Block.&lt;br /&gt;
Ich wohnte sieben Jahre in der Wohnung neben ihr und im letzten Jahr kam es vor, da&amp;szlig; Frau Dahlberg versuchte, meine T&amp;uuml;r aufzuschlie&amp;szlig;en, weil sie sich in der Wohnung irrte. Wenn ich dann von innen &amp;ouml;ffnete, hat sie sich jeweils f&amp;uuml;rchterlich erschreckt, weil sie mich f&amp;uuml;r einen Einbrecher in ihrer eigenen Wohnung hielt. In ihrem Blick Entsetzen und panische Angst, ich redete dann beruhigend auf sie ein. Nach einer Weile fing sie sich wieder und entschuldigte sich grummelnd, schlo&amp;szlig; ihre eigene Wohnung auf und verschwand gru&amp;szlig;los darin. Meine Treppenhausreinigung entfiel, weil Frau Dahlberg die Treppe jeden Sonnabend machte, wahrscheinlich wu&amp;szlig;te sie nicht mehr, wann sie an der Reihe war. Sie wurde etwas wunderlich, sprach h&amp;auml;ufig mit sich selbst oder stand mit nachdenklichem Gesicht im Treppenhaus, von irgend etwas abgekommen und nun hoffnungslos verloren zwischen zwei Handlungen, zwischen Dachboden und Keller.&lt;br /&gt;
Das Finale von Frau Dahlberg habe ich nicht selbst miterlebt, aber es wurde mir von meinen Nachbarn hinterher berichtet. Sie war wesentlich wunderlicher geworden, als wir ahnen konnten. Eines Nachts trug sie einen Stapel Altpapier in das Treppenhaus und z&amp;uuml;ndete diesen an. Ein gr&amp;ouml;&amp;szlig;erer Hausbrand wurde nur verhindert, weil der junge Nachbar aus dem Erdgescho&amp;szlig; zu sehr sp&amp;auml;ter Stunde nach Hause kam, als sie gerade mit dem Z&amp;uuml;ndeln begonnen hatte. Sie wollte sich von dem brennenden Papier durchaus nicht trennen lassen, verwies vielmehr vehement auf den Kohlenmangel und da&amp;szlig; man jetzt Licht und W&amp;auml;rme brauche, ganz dringend, wobei sie ihre H&amp;auml;nde an dem Feuerchen w&amp;auml;rmte. Sie wurde in der Nacht noch abgeholt und wir haben sie nie wieder gesehen. Noch im selben Jahr ist sie gestorben, wie wir von den &amp;auml;lteren Nachbarinnen aus dem Block h&amp;ouml;rten.&lt;br /&gt;
In ihrem Keller war nichts au&amp;szlig;er wandf&amp;uuml;llenden Regalen voller Gl&amp;auml;ser mit selbstgemachter Marmelade. Unmengen davon, es h&amp;auml;tte wahrscheinlich f&amp;uuml;r die ganze Stadt gereicht.</description>
    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
    <dc:subject>Cosmopolis</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 DonDahlmann</dc:rights>
    <dc:date>2007-08-08T13:48:00Z</dc:date>
  </item> 
  <item rdf:about="http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1930/">
    <title>Alt&amp;ouml;l</title> 
    <link>http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1930/</link>
    <description>Das ist nat&amp;uuml;rlich irgendwann peinlich und au&amp;szlig;erdem will man ja endlich selbstst&amp;auml;ndig sein. Nachts lange aufbleiben, ohne das die Eltern einen ermahnen, dass &quot;es nun aber genug ist, morgen ist ja auch noch ein Tag&quot; oder die kleine Schwester gerade dann reinplatzt, wenn es nach stundenlanger, m&amp;uuml;hsamer Kleinstarbeit es endlich geschafft, drei Finger unter die unfassbar enge Jeans der Freundin zu bugsieren, die w&amp;auml;hrenddessen gelangweilt die Kinderzeichnungen studierte. Ein Auszug zu Hause bedeutet also Freiheit, endlich Eigenverantwortung, tolle Nachbarn, wilde Partys die ganze Nacht und keine kleine Schwester mit Benjamin Bl&amp;uuml;mchen Kassetten. T&amp;ouml;rrrr&amp;ouml;&amp;ouml;&amp;ouml;&amp;ouml;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine allererste Wohnung war in Bonn, in der Argelanderstrasse. Ich war stolz wie sonst was, als es mir gelang, den Wohnungsverwalter von meiner Gesch&amp;auml;ftsf&amp;auml;higkeit zu &amp;uuml;berzeugen. Der Wohnungsverwalter seinerseits muss sehr froh gewesen sein, dass er jemanden gefunden hatte, der keine Ahnung von einem Mietspiegel hatte und dachte, dass 350 Mark kalt f&amp;uuml;r eine 12qm Wohnung mit Dachschr&amp;auml;gen, einem winzigen Fenster, keinem Balkon, Badezimmer und Toiletten auf den Zwischenetagen, an einer der meist befahrenen Ausfallstrassen in Bonn ein super Angebot sei, f&amp;uuml;r das man gerne eine Vermittlungsprovision bereit war zu zahlen.&lt;br /&gt;
Das Zimmer war wirklich winzig und man konnte auf 6 der 12 qm aufrecht stehen. Ich bekam ein Bett, ein halbes &quot;Ivar&quot; Regal und einen winzigen Schreibtisch rein, an dem man sehr bequem sa&amp;szlig;, weil man sich beim arbeiten mit dem Kopf an die Dachschr&amp;auml;ge lehnen konnte. Ich war sehr gl&amp;uuml;cklich. Jedenfalls acht Wochen lang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dieser Zeit verlie&amp;szlig; den Verwalter wohl die Geduld. Die anderen Zimmer im Haus wollten sich nicht vermieten lassen, was auch daran gelegen haben k&amp;ouml;nnte, dass er f&amp;uuml;r knapp 30qm rund 500 Mark haben wollte. Damals eine unfassbar hohe Miete. Der Verwalter hatte aber viel zu tun, also vermietete der die restlichen Zimmer an Freig&amp;auml;nger einer Irrenanstalt und die eines Gef&amp;auml;ngnisses. So lernte ich zum einen &quot;Werner&quot; kennen und vor allem &quot;Alt&amp;ouml;l&quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Werner sah man eigentlich nie. Wenn man ihn mal durch einen Spalt seiner T&amp;uuml;r erblicken konnte, dann sah man einen riesigen, unfassbar fetten Menschen, der offenbar den ganzen Tag in Unterhosen Marke Feinripp durch seine Wohnung flanierte. Viel eher konnte man seine Existenz aber Nachts ableiten, wenn er langanhaltende Schreianf&amp;auml;lle bekam, oder etwas gegen die Wand warf und seine T&amp;uuml;r eintrat. Danach war es dann immer etwas ruhiger, weil Werner wieder kurz in der Klinik war. Auseinandersetzungen mit Werner fanden nur per Brief statt. So beschwerte er sich regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig bei allen anderen Mitbenutzern des Bades im dritten Stock, dass dies &quot;sein&quot; Bad sei, und wir gef&amp;auml;lligst in das Bad im ersten Stock gehen sollten. Seine Schrift sah aus, als h&amp;auml;tte man ihm w&amp;auml;hrend des Schreibens immer mal wieder unter Strom gesetzt und war deswegen etwas unleserlich, was ihm wohl auch klar war, weswegen er seinen Wunsch an die Mitbewohner mit einem in Druckschrift geschriebenen &quot;Wek ihr Arschl&amp;ouml;scher&quot; ein wenig mehr Ausdruck verlieh. Als das immer noch nicht half und andere Menschen sein Bad benutzen, griff er dann zu einer, vor allem im Tierreich erfolgreich erprobten Ma&amp;szlig;nahme: er markierte sein Revier in dem er auf der T&amp;uuml;r einen blutigen Handabdruck hinterlie&amp;szlig; und im Bad alles voll mit seinen feststofflichen Ausscheidungen beschmierte. Das kann man jetzt eklig finden, aber man muss doch sagen, dass er damit einen durchschlagenden Erfolg erzielte. Von dem er allerdings nicht lange zehren konnte, denn Werner verlie&amp;szlig; uns aber bald danach wieder und wurde noch selten gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Freude Werner und seinen n&amp;auml;chtlichen, stundenlang andauernden Schreikr&amp;auml;mpfe endlich los zu sein, w&amp;auml;hrte nicht allzu lang, denn der Verwalter hatte f&amp;uuml;r eine weitere, leerstehende Wohnung einen Herren aufgetan, dessen Klingelschild ihn als &quot;&amp;Auml;lt&amp;ouml;l&quot; identifizierte. Alt&amp;ouml;l war offenbar bekennender Hardrocker, rund 2 Meter gro&amp;szlig;, hatte dauernd 5 Leute in seiner Wohnung im Erdgeschoss die sich aus Spa&amp;szlig; gegenseitig verpr&amp;uuml;gelten und h&amp;ouml;rte gerne seine bevorzugte Musik in ohrenbet&amp;auml;ubender Lautst&amp;auml;rke. Da klopft man nicht so gerne an T&amp;uuml;r und sagt &quot;Hallo Herr Alt&amp;ouml;l, ich w&amp;uuml;rde gerne schlafen, k&amp;ouml;nnten sie das &apos;Napalm Death&apos; Album etwas leiser h&amp;ouml;ren?&quot;&lt;br /&gt;
Recherchen in der Bonner Kneipenszene brachten zudem zu Tage, dass Alt&amp;ouml;l gerade auf Bew&amp;auml;hrung raus war, nachdem er drei Jahre wegen schwerer K&amp;ouml;rperverletzung anderweitig einquartiert war. Gut, da l&amp;auml;sst man ihm eben seinen Spa&amp;szlig; und freut sich, dass man im obersten Stock wohnt, zu dem er das Bad nur vollpisste und nicht mit Kacke einschmierte. Das war doch schon mal ein echter Fortschritt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mittlerweile hatten mich echte Zweifel an der Wahl meiner Wohnung befallen. Sollte ich einen Fehler gemacht haben? Etwa vielleicht auch zuviel Geld bezahlen? Ach, man will doch auch keinen &amp;Auml;rger mit dem Vermieter, also mal lieber ruhig sein, dachte ich. Kurz. Dann passierten nacheinander ein paar merkw&amp;uuml;rdige Dinge.&lt;br /&gt;
Mein Schlafrhythmus war dank Alt&amp;ouml;l eh schon ziemlich hin&amp;uuml;ber, als pl&amp;ouml;tzlich das Zimmer neben mir, das nie vermietet werden sollte, weil es nur eine Art Zugangskammer zum Dach war, doch vermietet wurde. Ich wei&amp;szlig; leider nicht an wen genau, aber es war eine Frau, soviel war sehr schnell sicher. Ihr Zimmer war nur durch eine d&amp;uuml;nne Holzt&amp;uuml;r von meinem getrennt, und unsere Betten standen offenbar Kopf an Kopf. Jedenfalls erschrak ich eines Nachts sehr, als ich pl&amp;ouml;tzlich von dr&amp;uuml;ben der Satz gebr&amp;uuml;llt wurde &quot;Fick mein feines D&amp;ouml;schen&quot; Da war ich dann doch etwas &amp;uuml;berrascht, immerhin kannte ich die Frau nicht. Schnell stellte ich fest, dass jedoch nicht ich gemeint war, sondern ihr Liebhaber, ein Mensch ausl&amp;auml;ndischer Herkunft, der, wenn ich ihn auf der Treppe auf dem Weg nach oben traf, immer ein wenig traurig schaute und mir irgendwie ein bisschen leid tat. Die Frau habe ich nie in meinem Leben gesehen, dennoch wei&amp;szlig; ich bis heute, dass sie sehr, sehr gerne &quot;ihr D&amp;ouml;schen&quot; gefickt sah, dass sie es mochte, wenn man ihre &quot;Tittchen&quot; fest anfasste und der Mann, rund eine Stunde sp&amp;auml;ter &quot;die verdammte Sauerei&quot; wegmachen sollte. Das wei&amp;szlig; ich deswegen bis heute, weil sie es jede verdammte Nacht wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war aber noch nicht der Tag, an dem ich auszog. Der kam dann sp&amp;auml;ter, als ich erst einen Brief des Vermieters bekam, in dem er ank&amp;uuml;ndigte die Miete wegen hoher Instandsetzungskosten im Sanit&amp;auml;rbereich um 30 Mark pro Monat zu erh&amp;ouml;hen, meine Nachbarin herausgefunden hatte dass sie ihr D&amp;ouml;schen mehrfach pro Nacht gegen Bares anderen D&amp;ouml;schenliebhabern zur Verf&amp;uuml;gung stellen konnte, und Alt&amp;ouml;l den Kopf seiner Freundin durch die Milchglasscheibe des Bades (was hatten die nur immer alle gegen das Bad) gedr&amp;uuml;ckt hatte, und diese eine meterlange Blutspur quer durchs ganze Haus gezogen hatte. Als diese wimmernd und blut&amp;uuml;berstr&amp;ouml;mt vor meiner T&amp;uuml;r lag, Alt&amp;ouml;l mit drei Freunden dann f&amp;uuml;nf Minuten sp&amp;auml;ter meine T&amp;uuml;r eintrat, mir drohte er w&amp;uuml;rde mich ?platt machen?, dann seine Freundin die vier Etagen nach unten pr&amp;uuml;gelte und erst durch den Einsatz von einer rund 10 Polizisten ruhig gestellt werden konnte, dachte ich ?Don, ich glaube, Du solltest einmal dar&amp;uuml;ber nachdenken, Dir eine neue Wohnung zu suchen.? Meine Kaution hab ich nat&amp;uuml;rlich auch nie wieder gesehen.</description>
    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
    
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 DonDahlmann</dc:rights>
    <dc:date>2007-08-08T13:05:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1944/">
    <title>Wolle Sie e Bi&amp;auml; habe?</title> 
    <link>http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1944/</link>
    <description>Mir gegen&amp;uuml;ber zum einen ein aggressiv bollernder &amp;Ouml;lofen, welcher f&amp;uuml;r genannte Temperatur verantwortlich, daneben tief in ein Fauteuil gesunken, Karl Liesegangs Gattin, sicherlich auch jenseits der 75, eine unabl&amp;auml;ssig l&amp;auml;chelnde, nickende und schnaufende, au&amp;szlig;er einem gelegentlichen ?Och joh? zu keiner weiteren Artikulation f&amp;auml;hige Person. Da sa&amp;szlig; ich und wusste nicht, ob das angebotene Bier annehmen oder ablehnen. Denn es war erst 16 Uhr. Es h&amp;auml;tte ja eine Pr&amp;uuml;fung sein k&amp;ouml;nnen, das mit dem Bier. Und es ging um ziemlich viel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein klarer Februarsamstag vor ziemlich genau zehn Jahren, verzweifelt war ich ein h&amp;auml;ssliches Frankfurter Industriegebiet entlang gestapft, in welchem die Stra&amp;szlig;en Wattstra&amp;szlig;e, Voltastra&amp;szlig;e, Nobelstra&amp;szlig;e oder Bessemerstra&amp;szlig;e hei&amp;szlig;en. Das hier war meine letzte Chance. Ich brauchte eine Wohnung. Mal wieder hatte ich alles verbummelt, verschusselt, auf den letzten Tag rausgez&amp;ouml;gert, nun war der Tag gekommen, ich musste HEUTE einen Mietvertrag unterschreiben, am Folgetag umziehen und am Montag mein Studium beginnen. Alle anderen Angebote, die der Anzeigenteil der Frankfurter Rundschau hergegeben hatte, waren zu teuer, zu weit weg von meiner Bildungsst&amp;auml;tte oder schlicht und ergreifend nur &amp;uuml;ber eine Warteliste zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also. Ein Bier? Ich sagte, ?Ja, gerne?.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein L&amp;auml;cheln ging &amp;uuml;ber das hagere sonnengegerbte Gesicht von Herrn Liesegang. Er polterte in die K&amp;uuml;che und kam mit einer gut vorgew&amp;auml;rmten Flasche Henninger zur&amp;uuml;ck, die er in ein kleines, nach Pril riechendes Glas ausgoss. &quot;Prousd, Herrrrrrrroinigge!&quot; (Prost, Herr Reinecke)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bevor wir zum Gegenstand unserer Unterredung ? das von ihm zu vermietende Zimmer ? kamen, referierte er kurz sein bisheriges Curriculum Vitae. Bis 70 hatte er in seiner eigenen Schreinerei geschuftet, als die ?Wende? kam, beschloss er sein komplettes Schreinerinstrumentarium einem maroden Zwickauer Betrieb zu vermachen. Fortan widmete er sich der Heimatdichtung und dem Leserbriefschreiben (Bild-Zeitung). Er verf&amp;uuml;gte &amp;uuml;ber eine umfangreiche Pressemappe, in der er alle Erw&amp;auml;hnungen seines Querulantentums peinlich genau mit Datum versehen aufbewahrte; den &amp;uuml;berwiegenden Teil davon las er mir auch vor. W&amp;auml;hrenddessen schenkte er mir gelegentlich nach, seine Frau reichte gegen 18 Uhr auch einige Schnittchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst als es dunkel geworden war, gingen wir in medias res. Er begann in sehr extremem Hessisch die Details der zu vermietenden Wohnung aufzuz&amp;auml;hlen: Separater Eingang, viel Stauraum, alle M&amp;ouml;bel handgefertigt, eigene Zweierkochplatte, eigene Sp&amp;uuml;le mit flie&amp;szlig;endem (Klartext: ohne warmes) Wasser, K&amp;uuml;hlschrankmitbenutzung, Bad und Toilette auf dem Flur. Und das tollste: Ein eigener Telefonanschluss. 400 Mark warm. Zwei Monatsmieten Kaution.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
?Ab&amp;auml;, Herroooooinigge, erz&amp;auml;hle kann isch viel, gell??, juxte er und zog sich jeckig am Augenlid, ?jetzt schau mer uns mal das Zimm&amp;auml; an, gell?? Ich sah zu seiner Frau r&amp;uuml;ber, sie nickte aufgeregt, meinte fr&amp;ouml;hlich ?och joh? und machte ansonsten mit ihren H&amp;auml;nden repetitive Gesten, wie sie islamische Frauen aus Verzweiflung machen, wenn jemand gestorben ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich latschte Herrn Liesegang hinterher. Sein Gang war der eines Untoten. Sein linkes Bein war v&amp;ouml;llig funktionst&amp;uuml;chtig, sein rechtes hingegen schlug bei jedem Schritt bizarr nach rechts aus. Es war eine Unwucht in ihm. Hinter Karl Liesegangs Haus befand sich eine ebenfalls eigenh&amp;auml;ndig zusammengebaute Gelderzeugungsanstalt, ein zu mehr als 50% in die Erde eingelassenes l&amp;auml;ngliches Geb&amp;auml;ude, welches verbl&amp;uuml;ffend stark an ein satt im Kanal liegendes Frachtschiff erinnerte. Man ging vier Treppen hinunter und betrat einen zw&amp;ouml;lf Meter langen v&amp;ouml;llig dunklen Flur. Zur Linken und zur Rechten gingen T&amp;uuml;ren ab, die zu ?denne Studendezimm&amp;auml;? f&amp;uuml;hrten. An den W&amp;auml;nden des Flurs hing aus mir unbekannten Gr&amp;uuml;nden Korrespondenz von benachbarten Unternehmen der Leichtindustrie, welche die Wohnanlage von Herrn Liesegang offenbar h&amp;auml;ufiger als Quartier f&amp;uuml;r ihre niedrigeren Chargen benutzten. Die Schreiben waren alt und verblichen, die Postleitzahlen waren vierstellig. Am Ende des Flurs eine Toilette von den Ausma&amp;szlig;en einer Flugzeugtoilette (Boeing), eine rudiment&amp;auml;re Nasszelle, genauer eigentlich ein 1,5 qm gro&amp;szlig;er gekachelter leerer Raum mit einem Gest&amp;auml;nge und einem Duschkopf und einem Loch im Boden. Und einem Handtuchhalter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Zimmer hatte Nummer 4. Herr Liesegang schloss auf. ?Bidde, Herrrrrroinigge! Drede Sie oin!?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er lie&amp;szlig; mir den Vortritt. Mir traten sofort Tr&amp;auml;nen der Frustration in die Augen. Das Zimmer war, und hier &amp;uuml;bertreibe ich ausnahmsweise mal nicht, weniger als 8m&amp;sup2; gro&amp;szlig;, bestand aus einem Bett (dunkelbraun), gigantischen H&amp;auml;ngeschr&amp;auml;nken (schwarz), einem Nierentisch, einem Teppich (beigebraun) und einer improvisierten Puppenk&amp;uuml;che mit bereits erw&amp;auml;hnter Zweierkochplatte. Ein Fenster gab es auch, man blickte (weil Souterrain) auf das untere Ende des J&amp;auml;gerzauns, der Liesegangs Grundst&amp;uuml;ck umjagte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
?Tipptopp, was??, freute sich Herr Liesegang, drehte die Kochplatte auf, die beschwingt zu Summen begann, und demonstrierte die H&amp;auml;ngeschr&amp;auml;nke, deren Scharniere tats&amp;auml;chlich kaum quietschten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Klar, ich zog ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sollte ich sonst machen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Wohnungsbesichtigung ging es zur&amp;uuml;ck in Liesegangs Wohnung, welche mir inzwischen noch viel hei&amp;szlig;er schien, ich sa&amp;szlig; inzwischen in T-Shirt da, das Wurstwasser tropfte mir aus den Hosenbeinen. Karl Liesegang fragte nach den Berufen meiner Eltern. Das war der einfache Teil der &amp;Uuml;bung, Mutter Lehrerin, Vater Richter. Beamte!!! Als Liesegang h&amp;ouml;rte, mein Vater sei Richter, wurde er allerdings etwas nerv&amp;ouml;s, denn der von ihm pers&amp;ouml;nlich gestaltete Mietvertrag war von r&amp;uuml;hrender Schlichtheit und enthielt mehrere Punkte, die Anw&amp;auml;lte wom&amp;ouml;glich sittenwidrig finden k&amp;ouml;nnten, unter anderem den Paragraphen Damenbesuch sei vorher anzumelden. Karl Liesegang konnte zu jenem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass ich regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig schriftlich Damenbesuch anmelden w&amp;uuml;rde. Aber ich greife vor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich beruhigte Liesegang, mein Vater sei ja Richter und nicht Anwalt, also am SCHLICHTEN und nicht am VERNICHTEN interessiert, das ginge schon in Ordnung mit dem Mietvertrag. Unter R&amp;uuml;cksicht auf meinen um 22.01 Uhr den Bahnhof Frankfurt verlassenden LETZTEN Zug nach Aachen kamen wir nun &amp;uuml;berraschend z&amp;uuml;gig zur feierlichen Vertragsunterzeichnung (F&amp;uuml;llfederhalter, L&amp;ouml;schpapier). Ich erhielt sogar eine kleine lederne Dokumentenmappe geschenkt. Herr Liesegangentkorkte umst&amp;auml;ndlich eine Enzianflasche und schenkte uns randvoll ein. Er verabschiedete sich mit den Worten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
?Herrrrrrrrrrroinigge?, und dann kam er mit seinem Gesicht ganz nah an mich ran, ?mir habe im Kriesch vor Lappland geleesche.? (Herr Reinecke, wir haben im Krieg vor Lappland gelegen). Dann dr&amp;uuml;ckte er mir die Hand so fest, dass ich erneut kurz Tr&amp;auml;nen herunterschlucken musste und entlie&amp;szlig; mich durch eine kleine &amp;Ouml;ffnung in seinem J&amp;auml;gerzaun. Er winkte mir lange hinterher, w&amp;auml;hrend ich die verrotzte Borsigallee entlanglief, hin zur Endstation der U7, Enkheim. Enkheim. Herrrrrrroinigge in Enkheim. Der Enzian g&amp;auml;rte in mir.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am n&amp;auml;chsten Morgen fuhr ich mit einem geliehenen MB208 um 6 Uhr fr&amp;uuml;h aus Aachen weg, war um halb zehn in Frankfurt und lud meinen ganzen Kack unter fachkundigen Kommentaren von Herrn Liesegang aus. Das Zimmer war so klein, dass die Umzugskartons gestapelt b&amp;uuml;ndig mit der Decke des Zimmers abschlossen. Ich hatte ein ernstes Problem. Das Zimmer war VOLL mit Kartons, ich w&amp;uuml;rde also das Auspacken selber auf dem Flur machen m&amp;uuml;ssen. Doch erst mal hie&amp;szlig; es nach einer kurzen Vesper den Transporter zur&amp;uuml;ck nach Aachen bringen. Um 17 Uhr war ich wieder in Aachen, trank ein Entspannungsbier, latschte schwitzend zum Bahnhof, bestieg wieder den Zug nach Frankfurt und winkte zum Fenster raus. Tsch&amp;uuml;s Aachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine erste Nacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich schaffte es tats&amp;auml;chlich, alle Kartons auszupacken und den Inhalt in s&amp;auml;mtlichen Schr&amp;auml;nken zu verstauen. Liesegang hatte nicht gelogen, es war in seinen Schr&amp;auml;nken au&amp;szlig;ergew&amp;ouml;hnlich viel Stauraum vorhanden, was andererseits auch nicht verwundern konnte, denn die Schr&amp;auml;nke nahmen einen Gro&amp;szlig;teil des Zimmers ein, die wirklich begehbare Fl&amp;auml;che ma&amp;szlig; unter 2m&amp;sup2;. Das Bett war eine Frechheit. Es bestand aus einem Bettkasten, der gef&amp;uuml;llt mit m&amp;uuml;hsam zusammengeleimten Holzplatten war, offensichtlich Zuschnittreste aus der Liesegangschen Schreinerei. Ganz zuoberst eine d&amp;uuml;nne Matratze, die man heute Futon nennen w&amp;uuml;rde, die aber damals, 1950, bei der Herstellung bestimmt noch anders hie&amp;szlig;. Das Bett war steinhart, schr&amp;auml;g und knirschte bei jeder Bewegung. Man konnte nicht mal guten Gewissens wichsen, so stark knirschte das Bett. Todm&amp;uuml;de und frustriert rauchte ich ein paar Zigaretten, putzte mir die Z&amp;auml;hne, legte mich auf das Bett und schlief subito ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wurde um drei Uhr morgens wieder wach. Aus dem ?Studendezimm&amp;auml;? nebenan piepte es in unregelm&amp;auml;&amp;szlig;igen Abst&amp;auml;nden. Kein Weckerpiepen, sondern das klassische, die Soundkarte ersetzende Piepen eines betagten 386ers. Auf etwa zehn Piepen kam ein leises R&amp;uuml;lpsen. Das nervte ein wenig. Ich klopfte leis an die Wand. Als Antwort kam ein gebr&amp;uuml;lltes ?Schnauze, doo!?. Und es piepte weiter. Ich schlief wieder ein. Und wachte um 7 Uhr wieder auf. Nun h&amp;ouml;rte ich ein Schnaufen. Von drau&amp;szlig;en. Und ein Pl&amp;auml;tschern. Ich schlief ja im Souterrain. Es klang, als w&amp;uuml;rde ein sehr gro&amp;szlig;er Igel pissen. Ich war hellwach und plinste durch das Fenster. Frau Liesegang stand drau&amp;szlig;en und goss Blumen, direkt neben meinem Fenster. Das war das Schnaufen und Pl&amp;auml;tschern. Sie goss und goss und goss und entfernte sich dann ganz langsam wieder. Ich schlief wieder ein. Die Einf&amp;uuml;hrungsveranstaltung der Bildungsst&amp;auml;tte war philantrop auf 13 Uhr terminiert. Der Wecker stand auf 12. Ich hatte noch 5 Stunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um acht wachte ich wieder auf. Herr Liesegang stand nun am Gartentor, 80 cm Luftlinie von meinem Souterrainfenster entfernt, und f&amp;uuml;hrte Selbstgespr&amp;auml;che. ?Ei ei ei ei ei, was e Sonneschein. H&amp;auml;llisch.? Ich schlief wieder ein. Wenig sp&amp;auml;ter Klirren. Neben meinem Fenster war n&amp;auml;mlich auch die M&amp;uuml;lltonne. Liesegang zertr&amp;uuml;mmerte mit einem stumpfen Gegenstand die vorgestrige Enzianflasche direkt in die M&amp;uuml;lltonne hinein. Ich gab das Schlafen auf und ging duschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dusche war so klein, dass mein Handtuch nach dem Duschvorgang nass war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der Wand hing, mit Tesafilm lackiert, ein handgeschriebener Zettel: ?Bitte K&amp;ouml;rperhaare entfernen?. Ich musste einen Moment lang &amp;uuml;berlegen um zu verstehen, dass es hier nicht um regelm&amp;auml;&amp;szlig;ige Rasur ging, sondern darum, beim Duschen entstandene bzw. abgefallene Sackhaare nicht in der Duschwanne liegen zu lassen. Ich zog meine Brille an, b&amp;uuml;ckte mich, suchte nach Sackhaaren, fand aber keine. Das w&amp;uuml;rde ja ein geiler Tag werden. Ich nahm mir f&amp;uuml;r den Abend vor, den Verursacher des Piepens ausfindig zu machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich abends nach Hause kam, stand meine Zimmert&amp;uuml;r offen. Herr Liesegang stand in meinem Zimmer, mit einem ausgeschalteten Staubsauger. Als er mich kommen h&amp;ouml;rte, machte er schnell den Staubsauger an und t&amp;auml;uschte Staubsaugen vor. Ich teilte ihm mit, dass ich selber in der Lage sei, das Zimmer sauber zu halten, machte den Staubsauger wieder aus und bat unter Berufung auf das deutsche Mietrecht darum, k&amp;uuml;nftige Vermieterbesuche in dem von mir angemieteten Zimmer vorher schriftlich anzumelden. Liesegang antwortete beleidigt, ?Herrrrrrrrrroinigge, mir sind alles Menscher. Mir mache Fehler, es ist alles menschlisch?, dann brabbelte er kopfsch&amp;uuml;ttelnd und beinrechtsausschlagend davon, den Staubsauger polternd hinter sich herziehend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Nachbarn piepte es wieder. Ich klopfte. Es machte mir ein Mittdrei&amp;szlig;iger mit versoffener Visage auf. Das erste, was ich sah, waren mehrere grell getigerte Tanga-Unterhosen, die auf dem Heizk&amp;ouml;rper lagen. Zwei leere K&amp;auml;sten Binding Lager sprachen eine deutliche Sprache. Und richtig, ein 386er. Auf dem Bildschirm befand sich eine Skat-Software (DOS-Version). Ich stellte mich als neuer Mieter vor, was mit einem Nicken quittiert wurde, und fragte nach dem Piepen. Ja, das w&amp;uuml;rde ihn auch nerven. Er spiele nachts gerne Skat mit dem Rechner, aber jeder Tastendruck (Mischen, Austeilen, Reizen, Stock aufnehmen, dr&amp;uuml;cken, Karte ziehen, etc.) habe ein Piepsen zur Folge. Da k&amp;ouml;nne man leider nichts machen. Wir schraubten seinen Rechner auf, ich entfernte das Kabel vom Motherboard zum Lautsprecher, und dann war Ruhe. Die Frage, was er denn ?sonst so mache?, beantwortete er diffus und ausweichend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich gerade unter artistischen Verrenkungen Miracoli kochte, klopfte es. Herr Liesegang wollte mir seine Tochter vorstellen. Sie bewohnte ebenfalls eines der Souterrainzimmer. Sie war Mitte vierzig, pummelig, insgesamt von schlichter aber gutm&amp;uuml;tiger Natur. Sie mache gerade eine Umschulung, au&amp;szlig;erdem sei sie frisch geschieden von einem Italiener, einem ?egelhafden Suffkopf?. Als Starthilfe f&amp;uuml;r die soeben aus Italien zur&amp;uuml;ckgekehrte hatte Herr Liesegang ihr zum Sonderpreis eines seiner kommoden Appartements zur Verf&amp;uuml;gung gestellt. Ob ich eigentlich einen Computer h&amp;auml;tte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, hatte ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Tochter, Irene hie&amp;szlig; sie, beginne einen Computerkurs, Excel, ob sie da gelegentlich bei mir &amp;uuml;ben k&amp;ouml;nne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, konnte sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachts piepte es wieder. Der Nachbar war sturzbesoffen, er r&amp;uuml;lpste laut und pr&amp;uuml;gelte dann und wann auf die Tastatur ein. Wahrscheinlich ein verrissener Grand Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wei&amp;szlig;, dass es sehr konstruiert klingt, aber vier Tage sp&amp;auml;ter erfuhr ich von Herrn Liesegang, dass mein Skat spielender Nachbar in einem Waldst&amp;uuml;ck tot aufgefunden worden war. Ich konnte keine Trauer empfinden. Es kamen nun &amp;ouml;fter am Tag Menschen vorbei, die, Herrn Liesegang im Schlepptau, das Nachbarzimmer besichtigten. Die meisten rannten hektisch lachend gleich wieder davon. Nach einw&amp;ouml;chigem Auswahlverfahren blieb ein baumlanger D&amp;auml;ne mit Vollmondgesicht &amp;uuml;brig, der nun mein Nachbar wurde. Er radebrechte ein wenig Deutsch, ich erfuhr, dass er in einer benachbarten Firma als Konstrukteur arbeitete. Ein Akademiker!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war der einzige Ausl&amp;auml;nder, und von nun an hatte Herr Liesegang ihn auf dem Kieker. Jeden Morgen das gleiche Ritual: Der D&amp;auml;ne ging duschen, tapste zur&amp;uuml;ck in sein Zimmer. 120 Sekunden sp&amp;auml;ter Auftritt Karl Liesegang. Kontrollgang durch die Dusche. Sackhaar entdeckt. Lautstarkes Bumpern an die Nachbart&amp;uuml;r. Wortgefecht. Nachreinigen der Dusche durch den D&amp;auml;nen. Sp&amp;auml;ter: Weinender D&amp;auml;ne nebenan. Das Skat-Piepsen war irgendwie besser gewesen, dachte ich traurig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wurde schlimmer. Der D&amp;auml;ne wollte D&amp;auml;nenfernsehen kucken und bat um die Genehmigung eine Satellitensch&amp;uuml;ssel zu installieren. Karl Liesegangverweigerte diese Genehmigung. Der D&amp;auml;ne ging zu einem Anwalt und erfuhr dass es sein Grundrecht sei, D&amp;auml;nenfernsehen zu kucken, er m&amp;uuml;sse allerdings die Satellitensch&amp;uuml;ssel selber anbringen lassen. Da der D&amp;auml;ne handwerklich halbwegs geschickt war, stolperte er einfach am folgenden Wochenende auf das Dach und fing an zu basteln. Ohne Karl Liesegang vorher zu informieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es dauerte weniger als eine Minute, bis Liesegang bemerkte, dass der D&amp;auml;ne sich am Dach seines Hauses zu schaffen machte. Er fing an zu zittern und kriegte einen Tobsuchtsanfall und br&amp;uuml;llte, bis cremige Speichelflecken in seinen Mundwinkeln klebten. Dann rief er die Polizei. Man kannte Liesegang schon, bei der Polizei. Sie nahmen ihn zu Begr&amp;uuml;&amp;szlig;ung in den Arm, &quot;Na, Karle, was hast denn nu scho wied&amp;auml;?&quot;, alles Weitere bekam ich nicht mit, weil ich zur Bildungsst&amp;auml;tte musste. Ich wei&amp;szlig; nur, dass von nun an eine Satellitensch&amp;uuml;ssel auf dem Dach war und der D&amp;auml;ne t&amp;auml;glich von 18-24 Uhr D&amp;auml;nenfernsehen kuckte und dabei D&amp;auml;nenbier von der Tankstelle (Faxe) trank. Jeden Abend genau 2 Liter. Ich war inzwischen auch beim abendlichen Biertrinken (Veltins, 1,5 Liter) angekommen, spielte auf meinem PC Tetris bis alles viereckig war und ich von herabfallenden farbigen Bl&amp;ouml;cken tr&amp;auml;umte und so wuchs mir eine gem&amp;uuml;tliche Wampe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Irenchen kam jeden Sonntag zum Excel &amp;uuml;ben und Kaffee trinken auf meine &quot;BUDE&quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, einige Monate lang herrschte eine Art Friede bei den Liesegangs&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein erster Damenbesuch.&lt;br /&gt;
Ja, ich hatte damals eine Freundin. Die lebte aber in Berlin. Meist fuhr ich sie besuchen, es war die Zeit des Guten-Abend-Tickets. Man konnte f&amp;uuml;r 59 Mack von Frankfurt nach Berlin fahren, der Zug fuhr 19.01 ab und war kurz nach Mitternacht in Berlin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Tages jedoch musste sie dienstlich nach Frankfurt, so ergab es sich, dass sie mich besuchen kam. Ich schob Herrn Liesegang einen kleinen Zettel unter der T&amp;uuml;r durch und meldete eine Woche im Voraus formlos den Damenbesuch an. Zum Termin des Besuchs hin intensivierte sich die Besuchsfrequenz von Herrn Liesegang in unserer H&amp;uuml;tte. Zuletzt, nachdem vorgenannter Frieden eingetreten war, war Herr Liesegang n&amp;auml;mlich nur noch 1x w&amp;ouml;chentlich in unser Souterrain-Paradies gewackelt gekommen, um den dortigen K&amp;uuml;hlschrank mit Essig auszuwischen (?des is appedidlisch&amp;auml;, wenn man des oimal prou Worre dorschreinigt! Aach weeschen die Bagd&amp;eacute;rier?). Nun jedoch schaute er immer wieder mal nach dem Rechten, &amp;uuml;berpr&amp;uuml;fte den Duschkopf, machte regelm&amp;auml;&amp;szlig;ige Funktionspr&amp;uuml;fungen des Toilettensp&amp;uuml;lkastens, reinigte mir einer alten Drahtb&amp;uuml;rste die Teppichleisten des Flures, schraubte sogar hie und da neue Gl&amp;uuml;hbirnen ein, war ergo insgesamt gesch&amp;auml;ftig; eine gewisse positive Grundspannung lag in der Luft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Freundin nahte. Zuf&amp;auml;llig war Herr Liesegang am Gartentor zugegen, als sie eintraf. ER begr&amp;uuml;&amp;szlig;te sie mit einem herzlichen Liesegangschen H&amp;auml;ndedruck, nicht ohne ihr Haar (dunkelblond, Naturlocken), ihre Br&amp;uuml;ste (Cup B, Birnenform), ihr Becken (schlank) und ihre Beine (klassisch) genauer zu mustern. Bevor er ihr mit seinem fauligen Atem und dem knackenden Gebiss n&amp;auml;her kommen konnte, dirigierte ich sie in mein unterirdisches Gemach. Als sie es zum ersten Mal sah, schwieg sie l&amp;auml;nger; es war apathisches an ihr. Ich f&amp;uuml;hrte sie zum Bergen-Enkheimer Italiener aus, der einzige Italiener weltweit, in dem man den Parmesank&amp;auml;se extra bezahlen muss (Kellner: ?Ische musse de schlie&amp;szlig;elich auche bessale, eh??&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als wir wiederkamen, standen die Zeichen auf Erotik. Doch was tun? Nebenan sa&amp;szlig; der D&amp;auml;ne und schaute das erste Mal in seinem Leben kein D&amp;auml;nenfernsehen, sondern las ein Buch, man h&amp;ouml;rte das Umbl&amp;auml;ttern durch die papierd&amp;uuml;nnen W&amp;auml;nde. Drau&amp;szlig;en patrouillierte schnaufend Frau Liesegang, auch sie goss erstmalig nachts die Blumen. Schwach genervt schloss ich das bis daher gekippte Fenster und lie&amp;szlig; schmetternd die Jalousien runter. Wir mussten es auf dem Boden machen, aber wie ich schon sagte, auch die begehbare Fl&amp;auml;che war sehr klein, au&amp;szlig;erdem war sie L-f&amp;ouml;rmig. Die einzige M&amp;ouml;glichkeit, anatomisch vertretbaren Geschlechtsverkehr zu vollziehen bestand darin, mit den K&amp;ouml;pfen unter dem Ess- bzw. Schreibtisch zu liegen, und den Rest des K&amp;ouml;rpers seitlich durchzubiegen. Der Tisch hatte allerdings eine Schublade, somit war die Kopffreiheit gering. Aber ein junges Paar im Feuer frischer Leidenschaft kann auch das ?h&amp;auml;ndeln?, wie wir Unternehmensberater gerne sagen. Schwerer h&amp;auml;ndelbar war allerdings, dass inzwischen auch Herr Liesegang im Flur eingetroffen war, wahrscheinlich f&amp;uuml;r eine au&amp;szlig;erplanm&amp;auml;&amp;szlig;ige K&amp;uuml;hlschrankinnenraumreinigung; es war dies durch leise brabbelnde Selbstgespr&amp;auml;che klar erkennbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir taten das einzig richtige. Anstatt nun v&amp;ouml;llig zu verzweifeln und R&amp;uuml;cksicht wie die Doofen zu nehmen, taten wir das Gegenteil und fickten laut und lange auf dem Bett. Wir fickten die gesamte Bagage aus dem Haus, so, da hatten sie&apos;s n&amp;auml;mlich, die &amp;Auml;rsche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sprit&lt;br /&gt;
Es war an einem Samstag, als ich gegen 10 Uhr das Haus verlie&amp;szlig; und meinen Fiat Uno erklomm, um zur Bildungsst&amp;auml;tte zu fahren. Gerade hatte ich unters Lenkrad gefasst und den Choke bis zum Hals rausgezogen; der drehfreudige Motor sprang bei der ersten Umdrehung des Anlassers an und r&amp;ouml;hrte sofort satt auf 3 Zylindern in Richtung eines vitalen Standgases von 2400 Touren, da sah ich Irene die Stra&amp;szlig;e entlangwatscheln, Richtung Gartentor der Liesegangschen Wohnung. Sie wirkte leicht gangunsicher. Ich schaute ein wenig zu, wie sie das Gartentor aufschloss, bzw. es versuchte. Es dauerte lange. Nach einer guten Minute hatte sie das Tor offen, sie fiel in Richtung des Tores und blieb dann einfach so auf dem Boden liegen, wie ein Maik&amp;auml;fer, der nicht hochkommt, nur andersrum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade als ich aussteigen und assistieren wollte, sah ich wie Karl Liesegang voller Panik sein Haus verlie&amp;szlig;, auf das Gartentor zueilte und seine Tochter mittels eines Sanit&amp;auml;ter-Rettungsgriffes blitzartig in das Souterrain-Wunder verfrachtete. Ich fuhr los und verga&amp;szlig; den Vorfall zun&amp;auml;chst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends, als ich wiederkam, war irgendetwas anders geworden. Schriftsteller reden immer gerne von einer ver&amp;auml;nderten Molek&amp;uuml;lstruktur der Luft, wenn sie andeuten wollen, das etwas Bedeutungsvolles geschehen ist, was nat&amp;uuml;rlich sowohl literarisch als auch physikalisch v&amp;ouml;lliger Bl&amp;ouml;dsinn ist. Hier war die Sache wesentlich profaner. Es stank im Flur. Nach s&amp;uuml;&amp;szlig;em Sprit. Vielleicht Kirschwasser, vielleicht Amaretto. Es stank sehr stark. Irene musste sich am Vorabend schlimm die Kugel gegeben haben.Ich ging erst mal in mein Zimmer und kochte Miracoli (ich ern&amp;auml;hrte mich etwa 12 Monate lang von Miracoli, Apfelwein und Veltins, und es hat mir nicht geschadet). W&amp;auml;hrend ich so an meinem Tisch sa&amp;szlig; und a&amp;szlig;, h&amp;ouml;rte ich Karl Liesegang wieder an seinem Gartentor Selbstgespr&amp;auml;che f&amp;uuml;hren. Das ging so.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
||: Ei, ei, ei, ei, ei.. [...] Irrrene (mit rollendem ?r?) Irrrrrene, Irrrrrene, ei ei ei ei ei. Was machst mit dei Eldern? Ei, ei, ei, ei, ei. :||&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein nicht enden wollendes Lamento, im r&amp;uuml;stigen Liesegangschen Bariton vorgetragen, monomanisch, zyklisch, vielleicht sogar ein gro&amp;szlig;es St&amp;uuml;ck Kunst. Es dauerte eine knappe Stunde, dann zog Herr Liesegang seinen Hut, gr&amp;uuml;&amp;szlig;te einen vorbei gehenden Nachbarn und zitterte in sein Haus zur&amp;uuml;ck. Da war was f&amp;auml;llig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am n&amp;auml;chsten Tag klopfte Polizei am Gartentor. Gesucht: Frau Irene Liesegang. Es folgte lautstarkes Rumpumpel, erkennungsdienstliche Ma&amp;szlig;nahmen, Unterredung wegen Zechprellerei und &amp;auml;hnliche Unerfreulichkeiten. Gerade als sich auf dem Flur Herr Liesegang einschaltete, kam meine sp&amp;auml;te Rache, endlich wollte ich ihn mal so richtig erniedrigen. Ich ging auf den Flur und sagte, ?Was ist denn hier f&amp;uuml;r ein L&amp;auml;rm?. Herr Liesegang blickte zu Boden. Er hatte versagt, als Vater. Jetzt war es klar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Des Abends nahm er mich beiseite. Seine Tochter sei alkoholkrank. Sie sei &amp;uuml;ber zwei Jahre trocken gewesen und nun ein R&amp;uuml;ckfall. Er weinte bitterlich. In der Liesegangschen Behausung NICHT alkoholkrank zu werden, war jedoch menschenunm&amp;ouml;glich. Ich traute mich aber nicht ihm das so zu sagen. H&amp;auml;tte ich besser mal.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wurde ungem&amp;uuml;tlich. Irene bekam v&amp;auml;terlicherseits Hausarrest, den sie aber nat&amp;uuml;rlich austrickste. Sie stieg nachts aus dem Fenster, keine besondere Leistung in einer Souterrain-Wohnung, eh klar. Sie richtete im Schutze der Dunkelheit im Garten klirrende Flaschendepots ein. Mehr als einmal kletterte sie irgendwann morgens gegen sechs Uhr w&amp;uuml;rgend &amp;uuml;ber das Gartentor, auch verfasste sie Zettel mit legasthenischen Botschaften, die sie nach einem unvorhersehbaren Schema mal hier, mal dort unter der T&amp;uuml;r durchschob. Einen dieser Zettel habe ich heute noch, es steht darauf:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
?RURE JETZT! IH WILL SLAFEN.?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Zettel, den ich ihr oft genug selber unter der T&amp;uuml;r durchgeschoben h&amp;auml;tte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einigen Wochen hatte sie sich wieder gefangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Tages betrat G&amp;uuml;nther die Szenerie, er hatte einen ansonsten weitgehend teilnahmslosen Menschen aus einem der hinteren Zimmer abgel&amp;ouml;st, der sein Studium vorschriftsm&amp;auml;&amp;szlig;ig beendet hatte und still und heimlich ausgezogen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
G&amp;uuml;nther war v&amp;ouml;llig wahnsinnig. Er reichte mir bis zur Schulter, hatte eine neckische blonde Kurzhaarfrisur, kam &amp;uuml;berdies aus Wien und fuhr ein hochkalibriges Motorrad. Die Strecke Wien-Frankfurt hatte er bei str&amp;ouml;mendem Regen nonstop mit besagtem Motorrad zur&amp;uuml;ckgelegt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war wie auf Koks, es war kaum zu ertragen. Wenige Minuten nach seinem Einzug (sein Hab und Gut hatte er mit UPS verschickt, eine Idee, die bis heute f&amp;uuml;r mich nichts von ihrem Charme verloren hat, angeblich hatte der ganze Umzug nicht mehr als 900 Schilling (heute ca. 65 EUR) gekostet)) bumperte er bereits an meine T&amp;uuml;r und wollte mit mir was SAUFEN gehen, aber RICHTIG. Permanent erz&amp;auml;hlte er von seinen &amp;uuml;berlaufenden Girokonten, er wolle Banker werden, und zwar so richtig und vollst&amp;auml;ndig, und wenn er erst mal k&amp;auml;me, dann w&amp;uuml;rden sie aber alle mal KUCKEN, da w&amp;auml;re aber RAMBAZAMBA und &amp;uuml;berhaupt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich lie&amp;szlig; ihn labern, immerhin zahlte er immer alle Getr&amp;auml;nke, wenn man saufen war. Irgendwann waren alle einschl&amp;auml;gigen Kneipen zu, sogar der Dreik&amp;ouml;nigskeller, und wir erwarben an einem sog. &quot;Wasserh&amp;auml;uschen&quot; einige ambulante Dosenbiere und machten uns auf den Heimweg. G&amp;uuml;nther warf ausgetrunkene Dosen einfach so in die Gegend, v&amp;ouml;llig widerw&amp;auml;rtig, kaputt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als wir heimkamen, traf zeitgleich mit uns Irene ein, auch sie kam offensichtlich von einer Erfrischungstour zur&amp;uuml;ck, G&amp;uuml;nther hakte sie unter, sie muss sp&amp;auml;ter mit ihm noch Beerenschaumwein entkorkt haben, genaues wei&amp;szlig; ich nicht, weil ich irgendwann Ohrenstopfen reintat um schlafen zu k&amp;ouml;nnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ich wei&amp;szlig; ist, dass Bad und Toilette einen Tag nicht benutzbar war, dass Irene danach in eine Klinik kam und G&amp;uuml;nther gek&amp;uuml;ndigt wurde. Karl Liesegang hatte da gewisse Prinzipien, und erstmalig mochte ich ihn daf&amp;uuml;r.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Musste UPS halt nochmal kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie zu reynigen sey&lt;br /&gt;
Karl Liesegang hatte sein Leben der Effizienz und Vernunft gewidmet. Wie schon erw&amp;auml;hnt, &quot;roinischde&quot; er w&amp;ouml;chentlich den K&amp;uuml;hlschrank. Der K&amp;uuml;hlschrank verf&amp;uuml;gte &amp;uuml;ber vier Etagen, f&amp;uuml;r jeden Mitbewohner eine. Die Etagen waren mit kleinen Zettelchen nummeriert, auf dass ein jeder seine Lebensmittel akkurat ausrichten konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lehrreich war der Flur, er enthielt au&amp;szlig;er der o.g. Korrespondenz (die wohl aufgrund der Briefk&amp;ouml;pfe der Firmen, die Liesegangs Bude f&amp;uuml;r ihre Mitarbeiter anmietete eine Art Seriosit&amp;auml;t Herrn Liesegangs beweisen sollte) auch Zeitungssausschnitte. Einen davon hatte er sogar mal im Kopierladen von A4 auf A3 hochkopiert, er trug in gewaltigen Lettern die &amp;Uuml;berschrift &quot;Lieber kurz und gr&amp;uuml;ndlich l&amp;uuml;ften&quot;. Man lernte, warum das besser sei, ich habe es allerdings trotzdem bis heute vergessen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Liesegang liebte Sachen, die n&amp;uuml;tzlich und kostenlos waren. Ich staunte gar nicht mal so &amp;uuml;bel, als ich eines Tages, inzwischen war Winter eingekehrt, Herrn Liesegang vorfand, als er von drau&amp;szlig;en Schnee (ja, Schnee) in den Flur schaufelte. Bevor ich fragen konnte, belehrte er mich:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Schnee isd saub&amp;auml;. Dodemit konn isch d&amp;auml; Flu&amp;auml; saub&amp;auml; roinische, ohne Budsmittel.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schaufelte also erst den Schnee in den Flur, dann verrieb er diesen mit einem Schrubber gleichm&amp;auml;&amp;szlig;ig in die d&amp;uuml;stere Auslegeware, um wenig sp&amp;auml;ter, als die Wintersonne herausgekuckt kam, mittels aller im Haus befindlichen Fenster und T&amp;uuml;ren einen sibirischen Durchzug veranstaltete. Dieser Durchzug sollte den Schnee trocknen, es klappte aber nicht v&amp;ouml;llig super. Zwei, drei Tage lang machte der Flur unter meinen Adiletten eine Art &quot;quatschel quatschel&quot;-Ger&amp;auml;usch, dann trocknete er tats&amp;auml;chlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem Winter begann die Heizperiode. Liesegang kl&amp;auml;rte mich auf. &quot;HErrrrrrrrrroinigge, es kann sein, dass die Hoidsk&amp;ouml;bb&amp;auml; heute a bissi knagge, isch hab die Heizanlahre angeschdelld&quot;. Etwa eine Stunde sp&amp;auml;ter kamen aus der Heizung und den daran befindlichen Rohren Ger&amp;auml;usche, als wenn irgendwo mit einer Kreiss&amp;auml;ge Metall durchges&amp;auml;gt w&amp;uuml;rde. Es klang wirklich au&amp;szlig;erordentlich gef&amp;auml;hrlich. Also tapste ich in Liesegangs Haupthaus und vermeldete ungew&amp;ouml;hnliche Ger&amp;auml;usche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Koine Angsd, isch habe Ihn&amp;auml;r doch gesagt, des knaggt &amp;auml; bissi, des muss sisch alles erschd wieder einfinde&quot;. Liesegang wirkte sehr zuversichtlich, das r&amp;uuml;hrte vielleicht aber auch von seiner Schwerh&amp;ouml;rigkeit. Ich wartete zwei Stunden, doch der L&amp;auml;rm war unertr&amp;auml;glich geworden. Inzwischen waren sogar Menschen vom Nachbargrundst&amp;uuml;ck eingetroffen, die sich nach der L&amp;auml;rmursache erkundigten. Liesegang ging murrend in den Heizungskeller, wo das Epizentrum der Ger&amp;auml;usche lag. Und nun geschah etwas. Seine Augen weiteten sich, er schraubte panikartig &amp;uuml;berall Sicherungen raus (Porzellansicherungen, rund) und begann einen unkontrollierten Veitstanz und br&amp;uuml;llte uns an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;WARUM HABE SIE NIGGS GESAGT? DES K&amp;Ouml;NNT ALLES IN DIE LUFT FLIESCHE HI&amp;Auml;, WARUM SAGE SIE DENN NIGGS?&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hatte vergessen, irgendwo Wasser reinzupumpen oder abzulassen, verstanden habe ich es bis heute nicht, jedenfalls war die Heizung ernsthaft kaputt und ein externer GasWasserSchei&amp;szlig;e-Spezialist musste anr&amp;uuml;cken. Eine Schande f&amp;uuml;r Karl Liesegang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De GWS-Mann polterte in den Heizungskeller, kam d&amp;uuml;ster murmelnd und kopfsch&amp;uuml;ttelnd wieder heraus und verbrachte die folgenden drei Tage im Keller. H&amp;auml;mmernd und schwei&amp;szlig;end, bohrend und klopfend. Es muss nicht erw&amp;auml;hnt werden, dass all diese Ger&amp;auml;usche aus dem Epizentrum &amp;uuml;ber Schallwellenfortpflanzung nahezu ungemindert mein Zimmer, in erster Linie jedoch meinen am Heizungsrohr entlang geparkten Schreibtisch erreichten. Es war relativ schwer, so zu arbeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mehl&lt;br /&gt;
Auch wenn ich Herrn Liesegang untersagt hatte, mein Zimmer w&amp;auml;hrend meiner Abwesenheit zu betreten, hatte ich trotzdem das Gef&amp;uuml;hl, er schleiche dann und wann mit pr&amp;uuml;fendem Blick in meiner Kemenate herum, wenn ich tags&amp;uuml;ber in der Bildungsst&amp;auml;tte oder des Nachts im Wirtshaus herumbastelte. Mal war, als ich abends heimkam, die Zimmert&amp;uuml;r doppelt abgeschlossen, auch wenn ich sie beim Weggehen nur einfach verriegelt hatte, mal roch es schlicht und einfach nach Heiz&amp;ouml;l (Karl Liesegang roch immer etwas nach Heiz&amp;ouml;l, keine Ahnung warum).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich stellte ihm eine Falle. Dazu pr&amp;auml;parierte ich die beiden das Zimmer dominierenden Hauptschr&amp;auml;nke folgenderma&amp;szlig;en: In die Schrankinnent&amp;uuml;ren h&amp;auml;mmerte ich je eine Rei&amp;szlig;zwecke. An diese knotete ich je ein St&amp;uuml;ck Zwirn. Die Zwirne wiederum band ich an je einer T&amp;uuml;te Mehl fest. An einer OFFENEN Mehlt&amp;uuml;te, versteht sich. Sodann hie&amp;szlig; es, die Mehlt&amp;uuml;te vorsichtig in den Schrank zu stellen und mittels eines Knotens den Zwirn so lang zu dimensionieren, dass er bei langsamem vorsichtigen &amp;Ouml;ffnen des Schrankes lang genug war, die Mehlt&amp;uuml;te unfallfrei von Hand aus dem Schrank herauszubugsieren. Ein Unwissender, der mit Schmackes die Schrankt&amp;uuml;r &amp;ouml;ffnen w&amp;uuml;rde, tja, der....&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wartete, und wartete, und wartete, und wartete. Und einen Tag geschah es. Ich kam wie gewohnt Freitags um 15 Uhr nach Hause, da fing mich Herr Liesegang am Gartentor ab. Sein Overall war mehlbest&amp;auml;ubt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Herrrrrrroinigge, sie k&amp;ouml;nne ned in Ihr Zimmer, es hat...&quot; - er zitterte - &quot;oinen Wass&amp;auml;schade geg&amp;auml;be. Oin Rrrrrrrrrohbrrrruch. Isch muss des ersd alles in Ordnung bringe.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schluckte aufgeregt, ich hatte einen Moment wirklich Angst ein Herzinfarkt oder Schlaganfall st&amp;uuml;nde unmittelbar bevor. Mein urspr&amp;uuml;nglicher Plan ihn ein wenig weiter zu qu&amp;auml;len, konnte nicht durchgef&amp;uuml;hrt werden, ich hatte ehrlich Angst um ihn. Er war v&amp;ouml;llig aufgel&amp;ouml;st und lief hospitalistisch zwischen Gartentor und der Eingangst&amp;uuml;r des unterirdischen Wohnbunkers hin und her, dabei staubte er sehr stark.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Herr Liesegang, ich gehe erst mal einen Kaffee trinken. Machen Sie den Wasserschaden in Ruhe weg.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich trollte mich, ging nach gegen&amp;uuml;ber, ins so genannte &quot;Hessen-Center&quot;, einen der schrecklichsten Orte der Welt &amp;uuml;berhaupt, ein Einkaufszentrum der G&amp;uuml;teklasse E, dort wiederum gab es einen Metzger namens &quot;ZEISS&quot;, der pures Fett und sehr schlechten Kaffee verkaufte. Da ging ich hin und setzte mich auf viele viele Tassen Kaffee. Ich wollte ihm Zeit geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach wenigen Minuten kam Liesegangs Frau angewackelt. Sie erkannte mich gl&amp;uuml;cklicherweise nicht, trabte mit angstgeweiteten Augen zu Aldi und kam mit zwei Packungen Mehl wieder heraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich f&amp;uuml;hlte mich enorm schei&amp;szlig;e. Blieb da sitzen bis das Hessen-Center zumachte. Dann wieder zur&amp;uuml;ck in meine Butze.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vorsichtig lugte ich &amp;uuml;ber den Gartenzaun. Liesegang war nicht zu sehen. Ich schloss meine Zimmert&amp;uuml;r auf. Er hatte nicht nur superordentlich gesaugt, er hatte sogar die Mehlbeutel inklusive des Zwirns wieder in den Schrank gefummelt (wenn auch falsch herum gestellt, das &quot;DIAMANT&quot;-Logo nach hinten, aber das konnte er nun wirklich nicht wissen). Ja, er hatte sogar ein bisschen Wasser auf den Boden gespritzt, um einen Wasserschaden zu simulieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich denke, es war ihm eine Lehre. Und mir auch so ein bisschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mehl-Episode war ein tiefer Einschnitt f&amp;uuml;r alle Parteien, sorgte aber letztlich (wie es ja bei tiefen Einschnitten oft ist) f&amp;uuml;r eine gewisse Professionalisierung der Beziehung Vermieter/Mieter. Anders formuliert: Fr&amp;uuml;her war ich dem Vermieter ausgewichen, zum Einen wegen des von ihm ausgehenden diabolischen Heiz&amp;ouml;lgeruchs, zum Anderen weil man schon nach kurzem Sichtkontakt mit sofortigem Andocken und Privatgespr&amp;auml;chen nicht unter 45 Minuten L&amp;auml;nge bestraft wurde. Nun war es umgekehrt, Herr Liesegang mied mich. Einziger als solcher zu bezeichnender pers&amp;ouml;nlicher Kontaktpunkt war die monatliche Bar-&amp;Uuml;bergabe des Mietzinses (Herr Liesegang hatte es nicht so mit &amp;Uuml;berweisungen, das b&amp;ouml;se Finanzamt!), und selbst diese delegierte er kurzerhand an seine Gattin. Es ging dabei geradezu verschw&amp;ouml;rerisch zu. Zun&amp;auml;chst bettelte ich zum Monatsersten in der DEUTSCHEN BANK - Filiale des Hessen-Centers um Ausweitung meiner pers&amp;ouml;nlichen Dispositionslinie, dann lie&amp;szlig; ich mir 400 DM auszahlen, wackelte r&amp;uuml;ber vor die Liesegangsche Haust&amp;uuml;r und klingelte. Herr Liesegang schlurfte an, ich sah sein Auge durch den T&amp;uuml;rspion gnickern, dann entfernte er sich wieder. Laut schnaufend n&amp;auml;herte sich dann seine Frau, sie &amp;ouml;ffnete die T&amp;uuml;r, lie&amp;szlig; ein herzliches &quot;Och joh&quot; fahren, nahm mit tremolierenden Fingern das Bargeld entgegen und reichte mir im Gegenzug eine bereits vorher kalligraphierte, auf der Fensterbank liegende Quittung. &quot;Auf Wiedersehen, Frau Liesegang&quot; - &quot;Och joh!&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ging das.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Irgendwann hatte ich eine andere Wohnung gefunden. Ich k&amp;uuml;ndigte meinen Mietvertrag schriftlich, man wei&amp;szlig; ja nie, und erhielt auch prompt am gleichen Tag eine Best&amp;auml;tigung der K&amp;uuml;ndigung unter meiner T&amp;uuml;r durchgeschoben. Ich packte wieder alles in Kisten, lie&amp;szlig; den UPS-Mann kommen, und irgendwann war es soweit: Ich &amp;uuml;bergab Herrn Liesegang seine Schl&amp;uuml;ssel und tapste in die Freiheit. Die letzten Worte, die ich aus Herrn Liesegangs Mund vernahm, waren:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&quot;Herrrrrrroinigge, isch ziehe d&amp;auml;r Hut vor Ihne&quot;, dann zog er seinen umfangreichen Cordhut und winkte mir damit hinterher, aus seiner kleinen &amp;Ouml;ffnung des J&amp;auml;gerzauns. Ich w&amp;uuml;sste gerne, ob mein K&amp;uuml;ndigungsschreiben jetzt auch in diesem d&amp;uuml;steren Flur an der Wand h&amp;auml;ngt. Irgendwann, das habe ich mir geschworen, gehe ich da nochmal vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endet hier.</description>
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    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 DonDahlmann</dc:rights>
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    <title>Das erste Erwachen</title> 
    <link>http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1943/</link>
    <description>Als ich sechszehn war, hat mir ein etwas &amp;auml;lterer Mann seine Erlebnisse mit n&amp;auml;chtlichen Eroberungen geschildert. Besser gesagt mit dem Morgen danach. Seine Schilderungen haben sich tief in meine Psyche eingegraben. Von Make-up-Resten im Damenbart war da die Rede. &lt;br /&gt;
So war mir seitdem klar, wer auch immer neben mir aufwacht, soll ein solch traumatisches Erlebnis nicht haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich beispielsweise an die erste Nacht mit meinem sp&amp;auml;ter langj&amp;auml;hrigen Freund. &lt;br /&gt;
Am Morgen darauf wurde ich von Vogelgezwitscher geweckt. Die Uhr zeigte 5.30 Uhr. Genau die richtige Uhrzeit schnell aufzuspringen und sich ein wenig frisch zu machen. &lt;br /&gt;
Ich schlich also ins Bad, putzte mir die Z&amp;auml;hne, k&amp;auml;mmte meine Haare, nahm eilig eine Dusche, rasierte mir noch schnell die Beine, frischte die Mani- und Pedik&amp;uuml;re des Vortags auf, trug rasch ein wenig Make-up auf, Wimperntusche, einen Hauch Lidschatten, der farblich perfekt auf meine Unterw&amp;auml;sche abgestimmt war und schon konnte ich wieder ins warme Bettchen zur&amp;uuml;ck kriechen. &lt;br /&gt;
Da drapierte ich mich m&amp;ouml;glichst &amp;auml;sthetisch aussehend mit einem L&amp;auml;cheln neben ihn. Nat&amp;uuml;rlich nicht ohne die Decke kunstvoll &amp;uuml;ber meinen K&amp;ouml;rper zu drapieren. Dann stellte ich mich schlafend und wartete auf sein Erwachen, w&amp;auml;hrend ich seinem regelm&amp;auml;&amp;szlig;igen Atem lauschte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sechs Stunden sp&amp;auml;ter wurde er wach und ich blinzelte ihn, m&amp;ouml;glichst niedlich wirkend an und hauchte ihm einen Gutenmorgengru&amp;szlig; entgegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So war das als wir frisch verliebt waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur wenige Jahre sp&amp;auml;ter hat sich das Bild ge&amp;auml;ndert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ger&amp;auml;dert vom Alltag, der anstrengenden Arbeit, vom zunehmenden Alter, f&amp;auml;llt man Abends &amp;auml;chzend ins Bett und es dauert keine zehn Sekunden bis man in das Reich der Tr&amp;auml;ume &amp;uuml;bergleitet. Gerade mal Z&amp;auml;hneputzen hat man geschafft. Abschminken war nicht drin.&lt;br /&gt;
Wenn dann um 6.30 Uhr der Wecker klingelt, weil der Partner aufstehen muss, w&amp;auml;lzt man sich missmutig hin und her und grunzt ihm bestenfalls ein GUTNMORGN entgegen. Wird man dann eine halbe Stunde sp&amp;auml;ter mit einem frisch gebr&amp;uuml;hten Kaffee geweckt, raunzt man ihm erneut an und rollt sich missmutig aus der Schlafkuhle. &lt;br /&gt;
Von dort geht es an den Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ckstisch. Die Wimperntusche klebt mittlerweile unter den Augen, dass man aussieht, als w&amp;auml;re man am Vorabend gefeierter Star einer Gruftiparty gewesen. Die Haare h&amp;auml;ngen str&amp;auml;hnig ins Gesicht. Nur der Pony, der steht komischerweise grunds&amp;auml;tzlich kreuz und quer nach oben. Vom Atmen wollen wir nicht sprechen. Man tr&amp;auml;gt ein uraltes, ausgeleiertes T-Shirt und eine an den Knien ausgebeulte Jogginghose. In der Regel prangt an einer gut einsehbaren Stelle ein kartografierungsw&amp;uuml;rdiger Pickel mit stolzer Eiterkuppe .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im vollen Bewusstsein dar&amp;uuml;ber dass man aussieht wie ein Monster hat man sich nach mehreren gl&amp;uuml;cklichen Beziehungsjahren eingeredet, es ginge gar nicht ums Aussehen. ?Mein Freund liebt mich wie ich bin?, denkt man, w&amp;auml;hrend man kaffeeschl&amp;uuml;rfend die H&amp;uuml;hneraugen an den F&amp;uuml;&amp;szlig;en begutachtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis eines Morgens etwas Schreckliches passiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Freund verabschiedet sich zur Arbeit und &amp;ouml;ffnet die Eingangst&amp;uuml;r. Er gibt so den Blick frei zur nachbarlichen, direkt gegen&amp;uuml;ber liegenden Eingangst&amp;uuml;r, wo just der Nachbar hervor tritt und ebenfalls von seiner Freundin verabschiedet wird. Die letzten beiden Jahre hat man sie nur akustisch wahrgenommen, gesehen hat man die noch nie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und oh Schreck!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oh Ungl&amp;uuml;ck!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;Uuml;ber die Schulter des eigenen Freundes ergibt die Musterung einen Horrorbefund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen Meter sechzig ist sie maximal. Wiegt kaum f&amp;uuml;nfzig Kilo. Ihr Haar, gl&amp;auml;nzend und ordentlich zu einem Zopf zusammengebunden. Ihr Pfefferminzatem weht zum anderen Flurende. Ich r&amp;uuml;mpfe die Nase. Sie tr&amp;auml;gt ein enges, t&amp;uuml;rkis-blau geringeltes Oberteil, dazu passend ein keckes H&amp;ouml;schen.&lt;br /&gt;
Ihr Teint strahlt, dass meine Augen sich nach einer Sonnenbrille sehen. Als ich auf ihre gepflegten F&amp;uuml;&amp;szlig;chen, maximal Schuhgr&amp;ouml;&amp;szlig;e 36 schaue, verstehe ich pl&amp;ouml;tzlich das Ph&amp;auml;nomen des Fu&amp;szlig;fetischismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derweil stellt sie sich auf die Zehenspitzen und gibt ihrem Partner einen langen sanften Kuss. &lt;br /&gt;
Der Nachbar und mein Freund treffen sich in der Mitte des Gangs, gr&amp;uuml;&amp;szlig;en sich und blicken noch einmal auf die ge&amp;ouml;ffneten Wohnungst&amp;uuml;ren zur&amp;uuml;ck, wo wir Frauen stehen. &lt;br /&gt;
Ich zische durch den Gang: ?Bl&amp;ouml;de Kuh! Frauen wie Du machen den ganzen Markt kaputt? und knalle die T&amp;uuml;r zu, dass sie beinahe aus den Angeln f&amp;auml;llt.</description>
    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
    <dc:subject>Cosmopolis</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 DonDahlmann</dc:rights>
    <dc:date>2007-08-08T13:58:00Z</dc:date>
  </item> 
  <item rdf:about="http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1942/">
    <title>Der Rosenkrieg</title> 
    <link>http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1942/</link>
    <description>Neben unserer Halle waren so eine Art Bungalows. Man k&amp;ouml;nnte wohl eher B&amp;uuml;ros sagen. Ganz klein, Flachdach und immer nur ein Raum. Ein etwas gr&amp;ouml;sserer (15 qm) und zwei halb so grosse. Und da haben Leute drin gewohnt. Eine Horde Inder. Ich kann nicht genau sagen wieviele, das kann wohl niemand so genau, aber ich sch&amp;auml;tze es waren so um die 15 Mann. Und alle hatten den gleichen Job: Rosenverk&amp;auml;ufer.&lt;br /&gt;
Jeden Abend sah man wie sie sich fertig gemacht haben und dann, peu a peu, nacheinander losgingen. Jeder mit einem riesen Blumenstrauss bewaffnet.&lt;br /&gt;
Einer von ihnen war ein j&amp;uuml;ngerer Typ, seinen Namen hab ich leider vergessen. Ich glaube Raschid, oder so. Er war der einzige der zumindest ein wenig englisch konnte und so haben wir uns immer mit ihm unterhalten. Er hat uns auch immer Zigaretten von sich angeboten, die schmeckten aber nicht so wahnsinnig gut. Unser Hof roch jeden Abend nach ziemlich vielen Gew&amp;uuml;rzen. Die haben sich da immer ordentlich was gekocht. Raschid ist dann auch &amp;ouml;fters bei uns vorbei gekommen und hat sich zu uns gesetzt und ein bischen erz&amp;auml;hlt. Wie sch&amp;ouml;n er Indien f&amp;auml;nde und so. Ausserdem mussten wir ihm immer mit dem &amp;Uuml;bersetzen irgendwelcher Amtsbriefe helfen, die bei den Jungs so eintrudelten. Daf&amp;uuml;r haben wir dann wieder Zigaretten angeboten bekommen, die wir aber dankend ablehnten. Nett war auch das wir abends, wenn wir Damenbesuch hatten und die Jungs zur&amp;uuml;ckkamen und nicht alles verkauft hatten, die Rosen auf Kosten des Hauses an die Frauenzimmer gingen. Die haben sich gefreut, wir haben uns gefreut&lt;br /&gt;
Eines Abends, ich glaube mein Bruder und ich sassen gerade beim zocken, da h&amp;ouml;rten wir einen tierischen L&amp;auml;rm von draussen. Auf dem Hof standen sich zwei Parteien der Ans&amp;auml;ssigen Inder gegen&amp;uuml;ber und schrien sich an. Es war chaotisch und nat&amp;uuml;rlich verstand niemand um was es ging. Raschid war auch nicht in der N&amp;auml;he um uns &amp;uuml;bersetzen zu k&amp;ouml;nnen. Wir riefen &amp;auml;usserst sinnvolle, friedensstiftende Kommentare, wie zum Beispiel ?Hey!? oder ?Naaa!? oder ?&amp;Ouml;h!?, in die Menge, aber sie h&amp;ouml;rten irgendwie nicht so richtig auf uns. Das wurde unter anderem auch daran sichtbar, das pl&amp;ouml;tzlich der junge Anf&amp;uuml;hrer der einen Gruppe dem alten Anf&amp;uuml;hrer der anderen ins Gesicht schlug. Wir wollten gerade dahin gehen, da hatte Raschid sich schon zwischen die Parteien gestellt und alle gingen zur&amp;uuml;ck in ihre Kab&amp;uuml;ffs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danach war irgendwie alles anders. Nach und nach verschwanden die Jungs. Zogen aus. Trennten sich voneinander. Eines Tages stand Raschid in unserer T&amp;uuml;r. Er w&amp;uuml;rde jetzt gehen. Sehen wo er unterkommt, sehen was es noch so zu tun gibt. Herzlich verabschiedeten wir uns. Es war schon irgendwie traurig. Nicht das wir dicke Kumpels oder so gewesen w&amp;auml;ren, aber wir hatten uns alle aneinander gew&amp;ouml;hnt. Und er zog wieder von dannen. W&amp;uuml;rde irgendwo anders landen. Und wir w&amp;uuml;rden es nie erfahren. Klar l&amp;auml;chelte er, als wir sagten, er solle sich mal zwischendurch melden und nat&amp;uuml;rlich beteuerte er auch, dies zu tun. Aber uns war allen klar, das wir nie wieder voneinander h&amp;ouml;ren w&amp;uuml;rden. Wir winkten ihm noch hinterher als der den Hof verliess. Dann war er weg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Wochen danach habe ich mir so ziemlich jeden Rosenverk&amp;auml;ufer in der Stadt genau angeguckt. Vielleicht war er dabei, vielleicht aber auch einer seiner Kollegen und ich w&amp;uuml;rde ihn wiedererkennen, oder er mich! Aber Fehlanzeige. Es musste irgendwo in dieser Stadt noch ein Hinterhofb&amp;uuml;ro geben in dem ganz viele der Jungs wohnen, denn jeder, dem ich begegnete, hatte ich noch nie zuvor gesehen.  Hoffentlich ging es Raschid gut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es muss so ca. 4 Monate sp&amp;auml;ter gewesen sein. Ein alter B&amp;uuml;robewohner schlenderte &amp;uuml;ber den Hof. Wir begr&amp;uuml;ssten ihn, er setzte sich zu uns. Erz&amp;auml;hlte ein bischen gebrochen, wo sie jetzt alle seien. Wir haben nicht alles verstanden. Dann aber fragten wir ihn nach Raschid und er erz&amp;auml;hlte, das Raschid jetzt Koch sei, irgendwo im Pott.&lt;br /&gt;
Da konnte ich es auch locker verschmerzen, das er nicht mehr neben uns wohnte. 
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    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
    <dc:subject>Cosmopolis</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 DonDahlmann</dc:rights>
    <dc:date>2007-08-08T13:55:00Z</dc:date>
  </item> 
  <item rdf:about="http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1941/">
    <title>Der Nachbar</title> 
    <link>http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1941/</link>
    <description>der etwa 55 j&amp;auml;hrige nachbar war eher unauff&amp;auml;llig gewesen, hatte selten das haus verlassen und wenn man ihn mal im hausflur getroffen hatte, war er nach einem unh&amp;ouml;rbaren gruss mit gesenktem blick vorbeigehuscht.&lt;br /&gt;
er war ein sonderling gewesen. ab und zu sah man ihn mit einer plastikt&amp;uuml;te vor dem lebensmittelgesch&amp;auml;ft um die ecke stehen. auch sonst hatte er die t&amp;uuml;te immer mit sich herumgetragen, begleitet von einem hellen klirren aneinanderstossender flaschenh&amp;auml;lse.&lt;br /&gt;
im haus wusste man dar&amp;uuml;ber bescheid, dass der mann alkoholiker war. arbeitslos, unverheiratet, keine freunde, keine kinder oder zumindest kam nie jemand vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
im allgemeinen war die hausgemeinschaft gut, so gut sogar, dass man in lauen sommern&amp;auml;chten zusammen im hof sass, lamm und schwein grillte , und dem zirpen der grossstadtgrillen in der mittelblauen grossstadtnacht lauschte.&lt;br /&gt;
anfangs hatten nils und die anderen hausbewohner den mann eingeladen zum grillen in den hof zu kommen, aber der war nur scheu zur&amp;uuml;ckgeschreckt, hatte den kahlen kopf gesch&amp;uuml;ttelt. seine plastikt&amp;uuml;tet klirrte verd&amp;auml;chtig nach bruchglas, w&amp;auml;hrend er fluchtartig die stufen zu seiner wohnung emporstapfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
irgendwann bemerkte nils dann diesen merkw&amp;uuml;rdigen geruch, wenn er durchs treppenhaus ging.&lt;br /&gt;
zuerst nahm er an, dass der geruch von den m&amp;uuml;lltonnen im hof stammte. im sommer kam das manchmal vor, dass ihr &amp;uuml;bler geruch durchs treppenhaus zog und sich schliesslich in den oberen etagen verlor. aber nach einer woche, die m&amp;uuml;lltonnen waren geleert, hatte der gestank mehr und mehr zugenommen und schien sich vor allem in den oberen etagen zu stauen.&lt;br /&gt;
schliesslich war der ursprung des &amp;uuml;bels gefunden: die nachbarwohnung des sonderlings im 3. stock.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
nils rief die feuerwehr und die geschichte nahm ihr trauriges ende.&lt;br /&gt;
der mann mit der klappernden plastikt&amp;uuml;te war, nach einem pl&amp;ouml;tzlichen herzstillstand in seiner wohnung verstorben und hatte 2 wochen tot auf dem fussboden seines wohnzimmerbodens gelegen.&lt;br /&gt;
als die feuerwehr die wohnungst&amp;uuml;re aufbrach, erbrach sich der geruch verfaulenden menschenfleisches in jeder ritze des hauses und nils freundin erbrach sich mitleidvoll in die toilette. es dauerte wochen, bis der eindringliche geruch sich im hausflur verfl&amp;uuml;chtigt hatte. noch heute, meinte nils, ginge ihm dieser geruch nicht mehr aus dem kopf und allein der gedanke riefe in ihm brechreiz hervor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ein paar tage nachdem die leiche abtransportiert worden war tauchten in nils wohnung pl&amp;ouml;tzlich millionen von fliegen auf, die durch die ritzen im dielenboden in die wohnung gekrochen kamen. er musste einen kammerj&amp;auml;ger rufen, um dem problem schliesslich herr zu werden.</description>
    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
    <dc:subject>Cosmopolis</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 DonDahlmann</dc:rights>
    <dc:date>2007-08-08T13:52:00Z</dc:date>
  </item> 
  <item rdf:about="http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1939/">
    <title>Frau M. ist bekloppt geworden</title> 
    <link>http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1939/</link>
    <description>Ich war gerade 20 geworden und genoss mein erstes eigenes Appartement. Selbstst&amp;auml;ndigkeit ist sch&amp;ouml;n, vor allem dann, wenn Muttern einmal die Woche kommt, aufr&amp;auml;umt und die W&amp;auml;sche macht. Alte Mutterschule. Dank den Pappw&amp;auml;nden und dem Gasboiler durch dessen schlecht abgeschirmte Wasserleitungen ich glasklar in Frau Ms Wohnung lauschen konnte, f&amp;uuml;hlte ich mich nie einsam. Wenn ich mich morgens im Bad aufhielt, und das Haus noch still war, konnte ich Frau M. und ihre Schlagerplatten aus meinem Boiler dr&amp;ouml;hnen h&amp;ouml;ren. Abends allerdings f&amp;uuml;llte das Geschrei aus ihrer Wohnung auch auf jedem herk&amp;ouml;mmlichen Weg das komplette Haus. Es war immer laut bei ihr. Einige Mietparteien hatten sich bereits zusammengeschlossen und sich beim Bauverein &amp;uuml;ber ihre Musik und die lautstarken Streitereien beschwert. Vergeblich. Es ist schwer jemanden aus seiner Sozialwohnung zu dr&amp;auml;ngen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau M. war ungef&amp;auml;hr 40 Jahre alt. Ich mochte sie vor allem deshalb, weil sie mir mit ihren engen Tops die M&amp;ouml;glichkeit bot, an den jeweiligen Ausbaustufen ihres Busens teilzuhaben. Frau M. versch&amp;ouml;nerte sich gerne radikal. Das galt nicht nur f&amp;uuml;r ihre K&amp;ouml;rperformen, sondern schlug sich auch in der Auswahl ihres Parfums, ihrer Schminke und ihrer Frisur nieder. Alles gewaltig und nicht zu knapp bemessen. Ich war damals noch naiver als heutzutage und da Brustvergr&amp;ouml;&amp;szlig;erungen noch nicht allt&amp;auml;glich waren, dachte ich, dass das sp&amp;auml;te Wachstum ihrer Br&amp;uuml;ste auf ein hormonelles Problem schlie&amp;szlig;en lasse, welches Frau M. mit stoischer, bewundernswerter Ruhe ertrug. Wie auch immer. Ihr Busen war mir in jedem Fall ein angenehmerer Blickfang als der auch st&amp;auml;ndig wachsende Brustumfang des im Keller bodybuildenden Nachbarn zu meiner Rechten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau M. war h&amp;ouml;flich, oft betrunken und bediente sich h&amp;auml;ufig wechselnder Partner, die nicht h&amp;ouml;flich daf&amp;uuml;r aber noch &amp;ouml;fter als Frau M. betrunken waren. Ob sie Geld von ihren Bekanntschaften erhielt, wei&amp;szlig; ich nicht. Ich vermutete es aber, denn Arbeiten ging sie nicht. Fr&amp;uuml;her erz&amp;auml;hlte sie mir einmal, als wir im Licht des Sommers auf der Treppe vor dem Haus sa&amp;szlig;en, trockenen Wei&amp;szlig;wein tranken und billigen K&amp;auml;se dazu a&amp;szlig;en, den sie ungeschickt in W&amp;uuml;rfel zu schneiden versucht hatte, dass sie in einem fr&amp;uuml;heren Leben mal Rechtsanwaltsgehilfin und gl&amp;uuml;cklicher gewesen sei. Irgendwann verlor ihr Mann dann seinen Job, und mit dem Verlust des Arbeitsplatzes verschwand auch sein Rest an Respekt vor sich Selbst und seine Zur&amp;uuml;ckhaltung. Er trank und schlug sie. Sie versuchte von ihm loszukommen, was ihr aber erst gelang, als es auch f&amp;uuml;r sie zu sp&amp;auml;t war. Sie nahm Tabletten und trank zuviel J&amp;auml;germeister mit Cola. Vier mittlere Granaten t&amp;auml;glich. Was immer das auch in cl bedeutet. Nach einem vergeblichen Versuch clean und wieder selbst&amp;auml;ndig zu werden, landete sie f&amp;uuml;r kurze Zeit in der Klapse. Von dort schaffte sie es immerhin noch bis in unser Haus, in ihr jetziges Leben, dass ich in der Wanne liegend belauschte. Sie erz&amp;auml;hlte mir noch von ihrer Tochter, die sie nie besuchte und von der sie kein Photo mehr besa&amp;szlig;, weil sie immer alles verlieren w&amp;uuml;rde. Nachdem wir die zweite Flasche gemeinsam geleert hatten, fragte ich Frau M. nach dem Namen ihrer Tochter. Ich war in Heldenstimmung. Ich w&amp;uuml;rde f&amp;uuml;r sie ihre Tochter ausfindig machen! Ich stellte mir eine gro&amp;szlig;artige Vers&amp;ouml;hnung vor, nachdem alles sofort gut werden w&amp;uuml;rde. Und ich mittendrin. Ein Held und unausl&amp;ouml;schbarer Bestandteil der wiedervereinten Familie. Der gute Geist mit Heldenstatus. Frau M. z&amp;ouml;gerte einen Moment, bevor sie antwortete. Annegret. Sie hie&amp;szlig; Annegret? Der Name gefiel mir nicht. Annegret. Kam mir geschwindelt vor. Aber egal. Ein Versuch war es allemal Wert. Erst weit nach Mitternacht ging ich hoch in meine Wohnung und legte mich mit dem guten Gef&amp;uuml;hl ins Bett, Frau M. bald eine fantastische &amp;Uuml;berraschung zu pr&amp;auml;sentieren. Tr&amp;auml;nen inklusive. Vielleicht w&amp;uuml;rde sie sogar mit dem Saufen aufh&amp;ouml;ren. Ganz bestimmt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am n&amp;auml;chsten Morgen, es war Gott sei Dank Sonntag, hatte ich einen Kater und ich konnte den ganzen Tag im Bett liegen bleiben. Abwechselnd glotzte ich TV oder sah mir einen Videofilm an. Unter anderem auch Hannah und ihre Schwestern von Woody Allen, den ich damals sehr mochte, und ich wei&amp;szlig; noch genau, wie ich still das einander Finden und Gefundenwerden genoss. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war Sp&amp;auml;tsommer und ich hatte alle H&amp;auml;nde voll zu tun. P&amp;uuml;nktlich am Montag begannen die Lesungen wieder. Mindestens 6 mehr oder weniger aufwendige veranstaltete die Buchhandlung, in der ich arbeitete, pro Monat. Dann noch die Proben der Theatergruppe, die Freunde. Mein Terminkalender war voll, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Sobald ich etwas Luft h&amp;auml;tte, w&amp;uuml;rde ich mich sofort und ausschlie&amp;szlig;lich der Familienzusammenf&amp;uuml;hrung widmen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rund vier Wochen nach unserem besagten Samstag klingelte es sp&amp;auml;t nachts an meiner T&amp;uuml;r. Frau M. stand davor und verlangte nach Zigaretten. Sie war nackt wie Gott und der &amp;ouml;rtliche Chirurg sie schuf. Sie sagte, dass sie Zigaretten brauche, um sie gegen eine Fahrkarte nach Hause zu tauschen. Ich gab ihr welche. Sie verlie&amp;szlig; das Haus und ich alarmierte die Polizei. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie kam nie wieder. Ein paar Tage sp&amp;auml;ter standen ein Mensch des Bauvereins und eine junge Frau vor ihrer T&amp;uuml;r. Sie sah traurig aus. Der Bauvereinsmensch stellte sie mir als ihre Tochter Annegret vor. Er schloss die T&amp;uuml;r zu ihrer Wohnung auf und schob Annegret sacht hinein. Ein intensiver Geruch nach Schnaps und Tabak str&amp;ouml;mte ins Treppenhaus. Der Verwalter drehte sich noch einmal kurz zu mir um und begann einen Kreis mit dem Zeigefinger in H&amp;ouml;he seiner Schl&amp;auml;fe in die Luft zu zeichnen. Die kommt nicht mehr. Bekloppt geworden. Endg&amp;uuml;ltig.</description>
    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
    <dc:subject>Cosmopolis</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 DonDahlmann</dc:rights>
    <dc:date>2007-08-08T13:44:00Z</dc:date>
  </item> 
  <item rdf:about="http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1938/">
    <title>Halbe Stunde</title> 
    <link>http://www.mindestenshaltbar.net/0308/stories/1938/</link>
    <description>&apos;Ich bin?s!&apos;, w&amp;uuml;rde er ihr sagen, h&amp;ouml;rte sie sein Klingeln, &amp;ouml;ffnete sie ihm die T&amp;uuml;re. Davon, wie es dann weiterginge, hat er noch keine genaue Vorstellung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit der ersten Begegnung f&amp;uuml;hlt er sich zu ihr hingezogen, gef&amp;auml;llt sie ihm. Vergangenen Sommer hatten ihr ein paar Freunde beim Einzug geholfen und er hatte vom Fenster aus beobachtet, wie Gegenstand um Gegenstand aus dem Bauch des Transporters hinauf in die Wohnung &amp;uuml;ber ihm getragen wurde. Sie war ihm sp&amp;auml;ter im Treppenhaus entgegen gekommen, einen schweren Karton schleppend, schwitzend. L&amp;auml;chelnd.&lt;br /&gt;
Seither liegt er oft mitten in seiner Wohnung auf dem Fussboden und starrt an die Decke. Alle Fenster sind dann verschlossen, jedes Elektroger&amp;auml;t, welches Ger&amp;auml;usche verursachen k&amp;ouml;nnte, ist sorgsam ausgeschaltet und er h&amp;ouml;rt ihr zu, folgt mit Ohren und Gedanken ihren Schritten, konzentriert sich auf die Musik, die er mehr wie die Ahnung einer Melodie durch die Decke hindurch wahrnehmen kann. Wenn sie telefoniert, kann er bisweilen ihre Stimme h&amp;ouml;ren und ihr Lachen.&lt;br /&gt;
Manchmal schl&amp;auml;ft er dabei ein, f&amp;uuml;hlt er sich durch ihre Anwesenheit gar sonderbar geborgen, dem Alleinsein geflohen. &lt;br /&gt;
So auch vorhin. &lt;br /&gt;
Und nun, vor ihrer T&amp;uuml;re, tragen Courage, Hand, Furcht und Klingel einen eigenartigen, lang anhaltenden Kampf aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dingdong.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sei es nicht sein Finger gewesen, der dieses Ger&amp;auml;usch per Knopfdruck verursacht hat, starrt er ihn an und wartet, um ihre Schritte zu h&amp;ouml;ren, die sich langsam der Wohnungst&amp;uuml;re n&amp;auml;hern.&lt;br /&gt;
Jedoch, es bleibt ruhig und vorsichtig legt er ein Ohr an das alte Holz, versucht, sie zu erlauschen, h&amp;auml;lt ernst den Atem an und h&amp;ouml;rt doch nur Stille.  Sie muss die Wohnung verlassen haben, w&amp;auml;hrend er eingeschlafen war.&lt;br /&gt;
Erleichtert, aber auch entt&amp;auml;uscht betrachtet er die T&amp;uuml;re, beinahe so, als k&amp;ouml;nne er durch sie hindurch blicken und s&amp;auml;he weichgezeichnete Bilder, welche zu den Ger&amp;auml;uschen passten, die er seit Monaten in seinem Ged&amp;auml;chtnis verwahrt.&lt;br /&gt;
Eine seiner H&amp;auml;nde dr&amp;uuml;ckt fordernd den T&amp;uuml;rknauf und sein Verlangen, die Wohnung zu betreten ist nun sehr stark. &lt;br /&gt;
Nat&amp;uuml;rlich f&amp;auml;llt ihm ein, wie er sich letztes Jahr ausgesperrt und erfolgreich den Kreditkartentrick angewandt hatte, von dem er bis dahin immer dachte, dass dieser gar nicht funktionierte. &lt;br /&gt;
Er z&amp;ouml;gert nur kurz, bevor er, mehrere Stufen auf einmal nehmend und hastig atmend, hinab in seine Wohnung eilt, um mit seiner Krankenversicherungskarte in der Hand zur&amp;uuml;ckzukehren. Ihm ist klar, dass es nur funktionieren w&amp;uuml;rde, wenn lediglich zugezogen, nicht abgeschlossen worden war.&lt;br /&gt;
Nerv&amp;ouml;s schiebt er die Karte in den Spalt zwischen Rahmen und T&amp;uuml;re und diese springt schon beim ersten Versuch auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er atmet jetzt noch unruhiger und schleicht erhitzt den Flur entlang. Seine H&amp;auml;nde ber&amp;uuml;hren ein paar Kleidungsst&amp;uuml;cke an der Garderobe - raue M&amp;auml;ntel, Jeansstoff, weiches Leder -  sie streichen &amp;uuml;ber das leicht erhabene Muster der Tapete, fahren Bilderrahmen entlang, die auf einer kleinen Kommode stehen: Sie beim Skifahren, sie am Strand mit Freunden, ein &amp;auml;lteres Ehepaar ? bestimmt ihre Eltern. Sie mit einem Mann an der Seite, welcher sie an sich dr&amp;uuml;ckt und beide lachen gl&amp;uuml;cklich in die Kamera. Ihm wird schlecht.&lt;br /&gt;
Die &amp;Uuml;belkeit &amp;uuml;berwindend betritt er vorsichtig das Schlafzimmer. Der Raum ist ganz hell, die W&amp;auml;nde kahl, Federbett und Kissen sind mit weisser W&amp;auml;sche bezogen, ein Himmel aus lichtdurchl&amp;auml;ssigen Stoffbahnen w&amp;ouml;lbt sich dar&amp;uuml;ber. Er beugt sich ganz dicht &amp;uuml;ber das Kopfkissen, ber&amp;uuml;hrt es fast, sein Hauchen setzt sich im Gewebe fest. Er atmet ihren Duft ein und streicht zitternd &amp;uuml;ber die baumwollene Bettdecke. Seine andere Hand greift hastig unter das Kopfkissen, in der Hoffnung, dort ein Nachthemd vorzufinden, aber er fasst ins Leere. &lt;br /&gt;
Neben dem Bett liegen gestapelt Kriminalromane und B&amp;uuml;cher der Philosophie; eines von Kierkegaard ist ge&amp;ouml;ffnet und mit einem Eselsohr markiert. Er liest wenige S&amp;auml;tze und freut sich dar&amp;uuml;ber, nun etwas mit ihr gemein zu haben, wenngleich es lediglich ein paar Worte sind, deren Zusammenhang er nicht versteht.&lt;br /&gt;
Er &amp;ouml;ffnet den Kleiderschrank, die laminierte T&amp;uuml;re f&amp;uuml;hlt sich kalt an. Sehr ordentlich h&amp;auml;ngen die Sachen auf B&amp;uuml;geln oder sind penibel gefaltet &amp;uuml;bereinander gestapelt. Er zieht ein gepunktetes Kleid hervor, das ihm besonders gut gef&amp;auml;llt und dr&amp;uuml;ckt es gierig an sich wie eine seit langer Zeit nicht umarmte Geliebte. Seine Wangen schmiegen sich an den samtenen Stoff, er nimmt einen schwachen Duft von Parfum wahr. Das bringt ihn auf die Idee, nach einem St&amp;uuml;ck mit st&amp;auml;rkerem Geruch zu suchen und er &amp;ouml;ffnet ein paar Schubladen. Seine Handfl&amp;auml;chen ber&amp;uuml;hren zuerst ganz behutsam Unterw&amp;auml;sche, streifen zusammengerollte Socken, gl&amp;auml;nzende Perlonstrumpfhosen, greifen nach Schals und T&amp;uuml;chern, um einzelnen Teile zur Nase zu f&amp;uuml;hren, etwas von ihr zu inhalieren. Seine Suche wird fordernder und ein seidenes schwarzes Tuch duftet besonders stark. Er sp&amp;uuml;rt einen Teil von ihr in seinen Lungenfl&amp;uuml;geln kreisen und gierig steckt er das Tuch in eine seiner ausgebeulten Hosentaschen. Er empfindet ein rares Hochgef&amp;uuml;hl.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ermutigt eilt er ins Badezimmer, &amp;ouml;ffnet Schr&amp;auml;nke und Schubladen, w&amp;uuml;hlt in der zu s&amp;auml;ubernden W&amp;auml;sche und kann sich kaum zur&amp;uuml;ckhalten, ein weiteres St&amp;uuml;ck Stoff an sich zu nehmen. Er beschaut sich Flakons, Lippenstifte, Gesichtscremes, Tampons, Haarpflegeprodukte und staunt &amp;uuml;ber eine Ansammlung unterschiedlichster schwarzer Wimperntuschen, die akribisch nebeneinander aufgereiht in einem h&amp;ouml;lzernen Kistchen liegen. Mit den Fingerspitzen rollt er sie hin und her, hin und her. Bis er die angebrochene Pillenpackung auf der Ablage &amp;uuml;ber dem Waschbecken sieht. Erneut wird ihm &amp;uuml;bel und schnell dr&amp;uuml;ckt er eine der kleinen Tabletten aus dem Blister, steckt sie zu dem Tuch in seine Tasche. Anschliessend legt er sich schwitzend in die Badewanne, versucht, sich ihre Nacktheit vorzustellen, ihren blanken R&amp;uuml;cken zu erf&amp;uuml;hlen, ihr Ges&amp;auml;ss, und reibt sich an der kalten Keramik. Gerne w&amp;uuml;rde er sich ausziehen, er will so dicht als m&amp;ouml;glich dran sein an ihr und auch an der Realit&amp;auml;t; indes die Furcht vor dem Entdecktwerden treibt ihn in die noch nicht inspizierte K&amp;uuml;che. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine alte Uhr tickt hinein in die Stille und er starrt auf die am K&amp;uuml;hlschrank klebenden Postkarten. &apos;Willst du leben, musst du brennen&apos; steht auf einer. Er  reisst den K&amp;uuml;hlschrank auf. Magerjoghurts, Beerenobst, ein paar Eier und K&amp;auml;se findet er vor, ansonsten Leere. Er ist entt&amp;auml;uscht und das Ticken der Uhr macht ihn nerv&amp;ouml;s. Er schwitzt nun sehr stark, immer wieder muss er sich mit dem &amp;Auml;rmel seines Pullovers die Stirn trocknen. &lt;br /&gt;
Auf einem Regal stehen etliche Kaffeetassen. Jede einzelne setzt er sich an den Mund und imitiert schl&amp;uuml;rfend ein Trinken, seine Lippen nehmen die unterschiedlich beschaffenen R&amp;auml;nder aus Steingut oder Porzellan wahr. Er &amp;ouml;ffnet die Besteckschublade und k&amp;uuml;sst vorsichtig ein paar metallene L&amp;ouml;ffelb&amp;auml;uche und Messerschneiden. Sie k&amp;uuml;hlen kaum seinen erhitzten Mund. Die Uhr tickt ihm zu laut und schnell taucht er seinen Zeigefinger in die Nussnougatcreme, die auf dem Tisch steht. Er geniesst die z&amp;auml;he S&amp;uuml;sse, will mehr, aber das st&amp;auml;ndige Ticken gemahnt ihn zu gehen. Es hallt nach in seinem Kopf, jagt ihn regelrecht hinfort, sch&amp;uuml;rt seine Angst und er eilt zur Wohnungst&amp;uuml;re, hastet hinaus und zieht sie hinter sich zu. &lt;br /&gt;
Starr steht er im Treppenhaus, seine gew&amp;ouml;lbte Hand &amp;uuml;ber der Hosentasche, sich seiner Troph&amp;auml;e vergewissernd, denn Klarheit tritt ein. Erschrockenheit macht sich breit und l&amp;auml;hmt. Selbst der Rest Nussnougatcreme wird schal im Mund, schmeckt bitter. Schwach f&amp;uuml;hlt er sich und verdorben, unzumutbar. &lt;br /&gt;
Zornig betritt er seine Wohnung, legt sich auf den Fussboden, weint vor Wut, sein Gesicht ganz rot. Er presst das gestohlene Tuch an Mund und Nase und starrt hinauf an die Decke, h&amp;auml;lt den Geruch nicht mehr aus und erbricht sich.&lt;br /&gt;
Er weiss, dass er mit der letzten halben Stunde alles zerst&amp;ouml;rt hat.</description>
    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
    <dc:subject>Cosmopolis</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 DonDahlmann</dc:rights>
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    <title>Der alte Mann</title> 
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    <description>Alles, was ich von ihm wusste war, dass t&amp;auml;glich eine Fuhre Essen auf R&amp;auml;dern vor seinem Haus hielt, dass er eine s&amp;uuml;&amp;szlig;e Altenpflegerin besch&amp;auml;ftigte, die mir morgens ab und zu auf meinem Weg zum Zuge fr&amp;ouml;hlich entgegengrienste und dass er recht selten Besuch bekam, aber wenn, dann in Massen. Mindestens 15 Menschen versammelten sich dann vor seinem Haus, begleiteten ihn auf einem seiner Spazierg&amp;auml;nge und kleine Kinder tollten um den Trippelschritt des alten Mannes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hat Gl&amp;uuml;ck gehabt, der alte Mann. Seine Familie besuchte ihn immer noch ab und zu, er hatte eine geile Blondine zum anschauen t&amp;auml;glich um sich, er besa&amp;szlig; ein eigenes Haus und das Essen wurde ihm t&amp;auml;glich geliefert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mutter meines Vaters starb bei uns im Haus, meine Eltern pflegten Sie bis zu ihrem Ende im Nebenzimmer meines Zimmers, nachdem sie bei einem Schlaganfall zum Pflegefall wurde. Selbstverst&amp;auml;ndlich konnte ich als Kind nicht allzuviel mit einer sterbenden Frau im Nebenzimmer anfangen und damals empfing ich kaum Besuch zu Hause und war auch sonst ein ziemlicher Sonderling, was mich nicht gerade zum beliebtesten Typen der siebten Klasse machte. Eine schwere Zeit musste da &amp;uuml;berwunden werden und die lag dann auch nach zwei Jahren, einer wiederholten Klasse, meiner ersten Freundin und einer toten Gro&amp;szlig;mutter endlich hinter mir. Ob ich diese Oma liebte? Sagen wir es so: sie beschimpfte meine Mutter als ?Schlampe? und m&amp;auml;stete meinen Vater und wollte meine Zuneigung mit Geldscheinen erkaufen, die ich nur zu gerne annahm. Gegeben habe ich ihr nichts daf&amp;uuml;r.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Oma m&amp;uuml;tterlicherseits starb mit 93 Jahren. Sie schlief ein und wachte nicht mehr auf, was sie insgesamt rund eine Woche im Krankenhaus und das Leben kostete und als ich sie dort, sah ich nicht meine Oma - die noch 10 Jahre zuvor 20 Kilometer zu unserem Zuhause gelaufen war, einfach weil ihr danach war - im Sterbebett, sondern eine Tote, die mich ansah und genau wusste, dass das der letzte Moment war, der letzte Blick, die letzte Ber&amp;uuml;hrung. Ich liebte meine Oma, sie machte die allerbesten Schinkennudeln der Welt und las mir vor, als ich klein war. Sie nannte mich Stinkbock. Wenn das mal kein Kosename ist, dann wei&amp;szlig; ich auch nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Spazierg&amp;auml;nge machen alte Leute gerne und oft, sie laufen dann durch die Gegend und freuen sich an der Welt, wie diese kleine Frau, die mir sehr oft in unserem Neubaugebiet begegnete, in dem ich wohne, fast t&amp;auml;glich begegnete mir sie, nur f&amp;auml;llt mir gerade auf, dass ich sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen habe und gestern abend stand ein Leichenwagen vor dem Haus des alten Mannes, der bis vor kurzem in meiner Nachbarschaft lebte und ein paar Verwandte standen auf der Stra&amp;szlig;e, als ich vorbeilief und dachte: ?Schei&amp;szlig;e, es wird wieder Herbst.?</description>
    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
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    <title>Millenium</title> 
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    <description>An diesem Abend v&amp;ouml;llig in Zivil. &quot;Kennen Sie sich aus mit Computern?&quot; &quot;Ein bisschen.&quot; &quot;Ich suche die CD-Roms.&quot; &quot;Brauchen Sie CD-Rohlinge?&quot; &quot;Nein. Die CD-Roms sind weg. Kann sie nicht mehr finden.&quot; &quot;Sie meinen die Laufwerke?&quot; &quot;Ja, genau. Weg.&quot; &quot;Welches Betriebssystem?&quot; &quot;Windows Millenium.&quot; Ich seufze innerlich laut auf. Jedes Mal, wenn ich mit Windows Millenium in Kontakt gekommen bin, war ein Problem die Ursache. Aber ein Freund mit dem Computer-Arztk&amp;ouml;fferchen war erst am Morgen bei mir, wegen meiner eigenen Computerprobleme. Nach der Rettung meiner Festplatte haben wir beschlossen, die ambulante Behandlung in einen station&amp;auml;ren Aufenthalt umzuwandeln, die Prognose ist sehr gut. Ich will jetzt nicht geizig sein und &amp;uuml;bertrage ein wenig von meinem Optimismus auf meinen Nachbarn. Zehn Minuten, denke ich. Seine Wohnung ist sparsam m&amp;ouml;bliert, aber der Fernseher ist halb so gro&amp;szlig; wie das Zimmer, in dem auch der Computer steht. R&amp;ouml;hrt die ganze Wohnung voll, dieser gro&amp;szlig;e, gro&amp;szlig;e Fernseher. Der Rechner f&amp;auml;hrt fein hoch, in der Ger&amp;auml;te-Verwaltung sind die Laufwerke problemlos zu finden. Aber die Grafikkarte ist rot durchkreuzt. So als g&amp;auml;b&apos;s da ein Problem. &quot;Also, das ist wohl ein Problem mit der Grafikkarte.&quot; &quot;Was f&amp;uuml;r eine Grafik?&quot; &quot;Na die ... die im Rechner.&quot; Wir schauen uns an. &quot;Grafik ist ok&quot;, sagt er. &quot;Ich wei&amp;szlig; nicht&quot;, meine ich unsicher. Die Zeit l&amp;auml;uft. Ich will nicht hier sein. &quot;Machen Sie doch mal den Rechner auf.&quot; Eine klassische &amp;Uuml;bersprungshandlung, dieser Vorschlag. Er schraubt die Kiste auf und behandelt sie dabei wie einen Pappkarton voller Schrott. Ram! Bamm! Ich traue meinen Augen kaum: Der Prozessorl&amp;uuml;fter baumelt lose vor sich hin, fr&amp;ouml;hlich l&amp;uuml;ftend. &quot;Schalten sie den Rechner doch mal ab&quot;, meine ich leichthin. Er tut es. &quot;Also das ist unsch&amp;ouml;n&quot;, sage ich, auf den L&amp;uuml;fter zeigend. &quot;Da kann der Prozessor &amp;uuml;berhitzen usw. usf. Haben Sie noch Garantie f&amp;uuml;r den Rechner? Dann w&amp;uuml;rde ich das sofort reklamieren.&quot; &quot;Hab ich, Garantie&quot;, sagt er. &quot;Heilbronn&quot;. Ich nehme an, dass er dort den Rechner gekauft hat. Er nimmt den L&amp;uuml;fter in die Hand und sagt: &quot;Kann man das kaufen?&quot; &quot;Sicher kann man. Aber ich w&amp;uuml;rde da sofort ...&quot; Er dreht den L&amp;uuml;fter um. Die abgebrochenen Verbindungsst&amp;uuml;cke zum Board sehen aus wie schlecht geklebt, auch Reste eines Gummibands sind vorhanden. &quot;Haben Sie das selbst gemacht?&quot; Eine saudumme Frage, ich wei&amp;szlig;, aber mir f&amp;auml;llt nichts anderes ein. &quot;Ja, klar. Ist runtergefallen.&quot; &quot;Der Rechner?&quot; &quot;Ja.&quot; &quot;Wann denn?&quot; &quot;Wei&amp;szlig; nicht. Paar Wochen.&quot; Ich stehe auf. &quot;Ja dann ... wird das nat&amp;uuml;rlich auch schwierig mit der Garantie.&quot; Ich komme mir vor wie der Kundenberater bei der Verbraucherzentrale. &quot;Ich geh dann mal&quot;, sage ich. &quot;Schlafen Sie gut&quot;. &quot;Ja, ja&quot;, entgegnet er, ratlos seinen kaputten Computer anstarrend. &quot;Sie auch.&quot; In meiner Wohnung denke ich &amp;uuml;berfl&amp;uuml;ssige Gedanken. Dass ab und zu nicht einmal Windows Millenium das Hauptproblem ist. Dass er keine Garantie mehr hat, weil Rechner mit Windows Millenium daf&amp;uuml;r zu alt sind. Dass das alles so seltsam ist. Immerhin war ich nach zehn Minuten wieder drau&amp;szlig;en.</description>
    <dc:creator>DonDahlmann</dc:creator>
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    <dc:rights>Copyright &#169; 2007 DonDahlmann</dc:rights>
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