Wie krank ist das denn?

von Mercedes Bunz
Hier geht es nicht einfach nur um Geld. Viel schlimmer. Es herrscht komplettes Chaos. Die Popkultur hat ihre grundlegende Richtung verloren. Links ist man beleidigt, dass Pop nicht mehr kritisch ist. Rechts reklamiert man neoliberal gerüstet dafür die Reste der ehemaligen Rebellion für sich, um sich einen schicken Anstrich zu geben. Man steht also vor jeder Menge Missverständnissen, man kommt mit dem Aufräumen kaum hinterher. Gar nicht eigentlich. Wir versuchen das trotzdem mal.

An der neoliberalen Luftgitarre
Beginnen wir mit Ulf Poschardts neulich geäußertem Vorschlag in "Der Zeit". In seinem Artikel "An der Luftgitarre" (man denkt sich hier irgendwie, dass da ein Zeitredakteur mit Ironie winken wollte, aber vielleicht denkt man sich ja auch zu viel, ganz einfach weil man umgehend die Fassungslosigkeit auffangen muss, die einen später überfällt), in "An der Luftgitarre" also schreibt Ulf Poschardt zunächst ganz richtig: "Teil der Gesellschaft zu werden hieß in der Logik des Pop, sie zu verändern, weil die Leidenschaften, für die man kämpfte, noch keinen Platz in ihr hatten." Um dann hurtig den Linken, die es ja eigentlich eh nicht mehr gibt, noch mal kurz in den Arsch zu treten. Poschardt verpasst also dieser in den letzten Jahren auf dem Boden zertrampelten Leiche der 68er noch einen weiteren Tritt, den es ja nun wirklich nicht mehr braucht (Gähn!), um dann mit dem verschmierten Schuh weitertrabend die rebellischen Leidenschaften siegesstrahlend ganz woanders unterzubringen. Er sondiert: Es gibt ideologische Verschiebungen. In der Popkultur ist man pragmatisch geworden und niemand anderes als unsere sich quer über die Möse rubbelnde Peaches muss als Beispiel herhalten, auch wenn es eine altlinkere, hippiehaftere Position wohl kaum gibt. Doch Peaches wundert sich laut Poschardt über die verwöhnten bundesrepublikanischen Jugendlichen. Ruft sie gar nach mehr Eigenverantwortung? Egal. Nächstes Poschardt-Beispiel: Lieblingsrapper Sido erklärt, dass Sozialhilfe abrippen im Ghetto ein Sport ist. Pop, so sondiert Poschardt damit, verlässt so die altlinken Positionen. Aha. Und damit kommt das wirklich Großartige: Frei, frei vom lahmen, linken Leichengeruch wird damit wieder das rebellische Potential von Pop und frei werden kann es: bei der FDP. Ab also mit Pop, von einer Leiche zur anderen: "Wie sähe Pop in Deutschland aus, der unangepasst, mutig, rebellisch wäre? Wenn Blumfeld auf dem Parteitag der FDP 'Diktatur der Angepassten' singen würde." Also wirklich: Wie krank ist das denn? Und das meint er leider eben nicht ironisch, sondern sehr ernst: "Es würde für beide Seiten eine Herausforderung und Zumutung bedeuten, aber eben auch eine fruchtbare Dynamisierung verklebter Fronten. Versteht man Pop und seine Sehnsucht nach ungebremstem Freiheitsdrang essenzialistisch (und nicht phänomenologisch), dann gibt es für seine Anhänger nur eine Wahlempfehlung: die FDP." Denn so Poschardt: "Sie steht für eine sich ausdifferenzierende Gesellschaft und damit für mehr Polarisierung. Sie steht für einen Kapitalismus mit mehr Chancen für alle - der freilich auch mehr Risiken birgt." Rebellion durch Kapitalismus mit mehr Chancen. Okay. Da muss man sich wohl mal fragen, wie es soweit kommen konnte.

Mehr als eine Jugendkultur
Rückblick: Früher, man kann eigentlich sagen vor ziemlich langer Zeit, war Pop mal eine Jugendkultur und das bedeutete damals immer, nicht denen ihr Spiel zu spielen. Daher die Rebellion. Damals hörten Mutter und Tochter auch noch nicht zusammen Beyoncé, damals war das mit den Generationen auch noch anders. Man musste sich auflehnen. Heute ist das anders, na ja, jedenfalls: Dass Popkultur nicht mehr automatisch an Jugend gekoppelt ist und schon gar nicht an eine Jugend, die für Rebellion steht, ist ja schon zu Beginn der Neunziger festgestellt worden (Diedrich Diederichsen entfachte damals die Debatte mit "The Kids are not alright"). Trotzdem hört das Gespenst der popkulturellen Rebellion nicht auf zu spuken. Nur ist eben die Rebellion nicht mehr unbedingt da, wo man sie sucht. Die Form des politischen Momentes hat sich verändert. Für eine politische Äußerung ging es früher darum, der herrschenden Meinung, d.h. der älteren Generation, etwas entgegenzusetzen. Bildet eine Gegenöffentlichkeit. Entwerft eine Gegenwelt aus Zeichen. Auf der Ebene des Mainstreams funktioniert das immer noch so, beispielsweise wenn Rapper Kayne West angesichts des Hurrikan-Katrina-Elends live im US-Fernsehen einen Satz sagt wie: "George Bush doesn't care about black people." Skandal, weil Gegenöffentlichkeit.

Am klassischen Ort des Widerstands, also in dem, was man mal Subkultur genannt hat, hat man die Gegenöffentlichkeit jedoch um ein weiteres Moment ergänzt. Das widerständige Moment von Pop geht hier über das Zeichen hinaus. Denn Pop, das ist dort heute keine Subkultur mehr, sondern eine Kultur der Nischen. Und jede dieser Nischen ist (im besten Falle) eine Alternative zur bestehenden Welt und als Alternative damit auch Veränderung, Verschiebung des Bestehenden. Ganz in alter Tradition. Anstelle Rebellion ist Pop also heute eher Irritation, zugleich aber mehr als ein idealistischer Lebensentwurf. Denn diese Kultur der Nischen ist eine Alternative mit realexistierenden Ausmaßen. Eine eigene Ökonomie. Die Folge: Für Musik wird man nicht mehr zu alt. Pop wird - zumindest für einige - zum Leben selbst, im besten Falle zu einer Art selbst bestimmter Arbeit. Und genau weil es nicht mehr Jugendkultur, sondern realexistierende Alternative ist, seine eigene Mini-Industrie, die genauso gut oder schlecht funktioniert wie die da draußen, nur eben nach den eigenen Regeln, ist es auch für alle anderen nicht mehr peinlich, auch über dreißig noch Pop zu hören und zu lieben. Man liest ja auch keine Bücher, weil man an seine Schullektüren denken möchte. Pop ist also nicht mehr automatisch links, dafür aber erwachsen geworden.

Zusammenhang vs. Zwangsindividualisierung
Und an dieser Stelle wird es wieder politisch, weil wir uns in einer diskursiven Kultur geradezu zwanghafter Individualisierung befinden - und zwar links wie rechts. Die Frage, wohin man die Rebellion bei Pop packt, ist also letzten Endes politisch. Es gibt hier durchaus Konkurrenzmodelle. Pop verstanden als individuelle Rebellion steht für eine Politik der Vereinzelung. Pop verstanden als eine Politik der Nische steht dagegen für eine Kultur des Zusammenhangs. Hier geht es eben nicht um ?das mutige Individuum, das nach oben will? (Pop bei Poschardt). Hier geht es immer um mehrere Ohren, nicht nur um zwei. Auf der Produzentenebene geht es um Zusammenarbeit, auf der Rezipientenebene geht es um Zusammengehörigkeit. Was sich also in einer handfesten bundesrepublikanischen Midlife Crisis befindet, das ist nicht die Popkultur, sondern vielmehr die politische Kultur in diesem Land - und das ist es, was dann über Poschardt in Pop eingespeist einem wieder in die Quere kommt.
Machen wir uns nichts vor: Die Neoliberalität hat überall zugeschlagen, in jeder Partei. Konservative wollen schon lange keine gesellschaftlichen Traditionen mehr bewahren, sondern mehr Eigenverantwortung für alle, und selbst die Linke/PDS ist als radikal-linke Partei nichts anderes als ein Haufen unsexy Frustrierter, die wenig mehr als das Individuum grundabsichern wollen. Zur Zwangsindividualisierung gibt es links wie rechts keine Alternative. Nicht mal den Hauch einer Debatte findet man. Der politische Diskurs kennt keine Gemeinschaft mehr, er kennt keinen Gemeinsinn und schon gar keine Solidarität. Das ist offensichtlich der Preis, den diese Gesellschaft bereit ist zu zahlen, um den Traum der kompletten Vollbeschäftigung weiterhin träumen zu können. Weniger Rente, mehr Alte, länger Arbeiten, aber weniger Arbeitsplätze und mehr internationale Konkurrenz, weil höher gebildete Drittweltländer. Tja, was in diesem Bild ist falsch? Alles?

Popkultur hat also heute durchaus eine politische Aufgabe, die da lautet: Den Zusammenhang und die Solidarität bei uns zu pflegen und überwintern zu lassen, hier in der Nische, bis die Welt endlich wagt, die Augen zu öffnen. Eines Tages wird man das dann als diskursive Rebellion entdecken können und wie 68 als politische Kulturrevolution in Welt einspeisen. Die Welt wird dann vielleicht etwas besser. Und dazwischen entsteht gute Musik.

Mercedes Bunz

heißt wirklich so, ist Mitbegründerin der de:bug und Online Chefin des Tagesspiegel. Und zwischendurch führt sie auch noch ihr Weblog
mindestens haltbar Juli/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 07
ISSN 1816-8159
Autor: Mercedes Bunz
Titel: Wie krank ist das denn?
Metadaten im BibTeX Format
Creative Commons-Lizenzvertrag

Dieser Text ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.


am 6. Jul, 10:34

Funky formuliert und sehr amüsant zu lesen, wie immer. Allerdings auch von meiner Sicht der Dinge stellenweise sehr weit entfernt, wie immer.

am 7. Jul, 10:59

pop ist flüchtig ,aber nicht funky ;funk ist nicht flüchtig.

"was glaube ich wohin der funk gehen wird ? funk geht nirgendwohin ,funk kommt immer nur. er geht nicht ,er kommt!" (george clinton)


am 10. Jul, 09:37

...pop kommt von populär!
bitte im lexikon ( gern auch wikipedia ) nachlesen, artikel erneut lesen und ggf. löschen.

am 12. Jul, 13:34

wikipedia ist überbewertet


am 5. Aug, 14:23

Gähn ... Ich denk immer: die 68er, die vielbeschworenen, die sind 40 Jahre vorbei. Wenn ich mich Anfang der 80er, als ich in dem Alter war, in dem man Pop hörte und vielleicht meinte, dass sich damit etwas bewegen sollte, wenn ich mich also in dieser Zeit an etwas hätte orientieren wollen, was 40 Jahre her ist, dann wäre das ja glatt die Zeit des Nationalsozialismus gewesen. Und jetzt bitte, ihr Soziologen, nicht den Widerstand beschwören. Eine Zeit hat die Kultur, die sie sich selber formt. Das Gerede, das früher alles besser war, hat mich schon 1980 genervt. Heute nerven die 68er damit. Ist auch klar, warum: weil SIE lost in space sind, aber nicht die Jugend.
Und hallo, Pop war nie automatisch links. Das ist heute wie früher: auch heute gibt es einen Untergrund. Nur den nehmen die Opa-Revoluzzer der 68er vermutlich gar nicht mehr wahr, weil sie selbst vollkommen eingelullt in die Segungen der Ökonomie leben, gegen die sie früher einmal meinten aufbegehren zu müssen.

am 7. Sep, 09:57

gute musik und eventuell gute pop-kultur geschieht verdichtet immer nur in kurzen phasen. von einer hauptsächlich konsumorientierten gesellschaft kann man nicht gerade innovativen tiefgang erwarten - in keinem bereich. das beste geschieht immer in den subkulturen.