
Bloggen ist Pop
von DonDahlmann
Als Mitte der 60er Jahre der Begriff "Pop" in der Literatur auftauchte, passierte eigentlich nicht viel. Wer las schon Fichte oder Artmann? Aber gerade wenn man die Texte von Artmann heute noch einmal liest, stellt man fest, wie sehr sich manche Empfindungen von damals mit denen von heute vergleichen lassen. Vor allem die Zuwendung des Autors an seine eigene Person ist erstaunlich. Viele Texte von damals lesen sich wie Blogeinträge von heute. Pop fiel in eine Zeit, als sich scheinbar alles unwiderruflich änderte. Die Musik, der Sex, die Selbstbestimmung, die Politik. Vorher war das Leben fest verpackt in einem Adenauerschen Regel- und Lebenskonzept. Pop war ein Teil der Revolution, genauso wie lange Haare oder die Explosion der Musikindustrie. Es stand für eine Veränderung der Denkkultur.
Lustigerweise ist die Musikindustrie auch das erste Opfer der jetzigen Veränderungen. Die Musikindustrie war es, die in den 60er Jahren davon lebte, dass sie die neugierigen Massen mit Stoff versorgte, die neue Vertriebswege erfand, das Radio fütterte und damit das Gedankengut der Musiker weit verbreitete. Und heute ist die verknöcherte Musikindustrie der erste Wirtschaftszweig, der, weil er unbeweglich geworden ist wie die damaligen Autoritäten, in die Knie gezwungen wird. Weil für die Industrie Musik keine Botschaft, sondern eine Ware ist. Aber ironischerweise ist die Musik auch heute wieder ein wichtiger Teil der Revolution, die gerade stattfindet.
Die Individualisierung findet in Blogs im Moment vermutlich den höchsten Grad, den sie erreichen kann. Nach dem man sich nicht mehr durch Mode und kaum noch mit Musik von anderen abheben kann, wendet man sich eben vom "Außen" ab und schaut nach Innen. Die eigenen Gedanken zu diesem oder jenem zu veröffentlichen - mehr Individualismus kann man kaum leben. Paradoxerweise führt das aber gleichzeitig wieder dazu, dass sich Netzwerke aus Menschen bilden, die in ihren Individualismus in anderen wiederentdecken.
Diese Netzwerke der Blogger sind es, die viel verändern. Wer seine Texte einer größeren Öffentlichkeit vorstellen will, der braucht keinen Verlag mehr, der ihm eine Lesereise finanziert. Der Zusammenschluss von ein paar Bloggern, das Hinterzimmer eines Lokals und eine Ankündigung in ein paar Blogs - mehr braucht es nicht. Sämtliche Lesungen auf denen ich in den letzten zwei Jahren war, als Gast oder als Vortragender, waren brechend voll und diejenigen, die ihre Bücher im Selbstverlag verkauften, hatten zufriedene Gesichter.
Während es vor zwei oder drei Jahren noch fast ausschließlich die Literatur war, um die sich in Blogs viel drehte, ist es heute die Politik, die immer mehr Raum einnimmt. Die diesjährige Konferenz "re:publica" zeigte deutlich, dass sich ein (noch) diffuses politisches Bewusstsein innerhalb der Blogszene manifestiert. Das kommt nicht mal durch eine große Unzufriedenheit mit der herrschenden Politik, sondern mehr dadurch, dass man bemerkt hat, dass man den durch die Medien verbreiteten Informationen nicht immer ganz trauen kann. Schönes Beispiel waren die Demos zum G8 Gipfel in diesem Jahr, als Blogs massiv darüber berichteten, wie weit der Staat sich hier und da von seinen demokratischen Grundsätzen entfernt hat und die klassischen Medien diese Berichterstattung zum Teil aufgriffen.
Blogs haben die Fanzines abgelöst, Blogs haben die Musik und die Filmkritik aufs Korn genommen, weil man in ihnen auch mal wieder etwas lesen kann, was man in den klassischen Medien nicht findet: eine negative Kritik. Und jetzt sind Blogs dabei, die Gatekeeping Funktion der "alten Medien" anzugreifen. Es wird nicht mehr alles geglaubt, was die Medien berichten, und manche Falschdarstellung in einer Meldung wurde erst korrigiert, nach dem ein Blog darüber berichtet hat. Die Informationen, die durch das Netzwerk nach draußen getragen wird, verändert langsam aber sicher auch die Denkkulturen, genauso, wie es der Pop als Teil einer Bewegung in den 60er Jahren getan hat. Das Netz ist die Revolution, Blogs sind die Gedankenträger, die den Platz der Literatur und teilweise auch der Musik eingenommen haben. Das Netz liefert die Information, die Blogs verarbeiten sie und tragen sie weiter, wie früher das Radio die Musik. Deswegen sind Blogs für mich Pop. Die Frage bleibt allerdings, was daraus wird. Verpufft alles wie die Ideen der 68er in einem großen Nichts, oder bildet sich tatsächlich durch das Netz und die Blogs ein politischer Gegenentwurf zum herrschenden Neoliberalismus?
Lustigerweise ist die Musikindustrie auch das erste Opfer der jetzigen Veränderungen. Die Musikindustrie war es, die in den 60er Jahren davon lebte, dass sie die neugierigen Massen mit Stoff versorgte, die neue Vertriebswege erfand, das Radio fütterte und damit das Gedankengut der Musiker weit verbreitete. Und heute ist die verknöcherte Musikindustrie der erste Wirtschaftszweig, der, weil er unbeweglich geworden ist wie die damaligen Autoritäten, in die Knie gezwungen wird. Weil für die Industrie Musik keine Botschaft, sondern eine Ware ist. Aber ironischerweise ist die Musik auch heute wieder ein wichtiger Teil der Revolution, die gerade stattfindet.
Die Individualisierung findet in Blogs im Moment vermutlich den höchsten Grad, den sie erreichen kann. Nach dem man sich nicht mehr durch Mode und kaum noch mit Musik von anderen abheben kann, wendet man sich eben vom "Außen" ab und schaut nach Innen. Die eigenen Gedanken zu diesem oder jenem zu veröffentlichen - mehr Individualismus kann man kaum leben. Paradoxerweise führt das aber gleichzeitig wieder dazu, dass sich Netzwerke aus Menschen bilden, die in ihren Individualismus in anderen wiederentdecken.
Diese Netzwerke der Blogger sind es, die viel verändern. Wer seine Texte einer größeren Öffentlichkeit vorstellen will, der braucht keinen Verlag mehr, der ihm eine Lesereise finanziert. Der Zusammenschluss von ein paar Bloggern, das Hinterzimmer eines Lokals und eine Ankündigung in ein paar Blogs - mehr braucht es nicht. Sämtliche Lesungen auf denen ich in den letzten zwei Jahren war, als Gast oder als Vortragender, waren brechend voll und diejenigen, die ihre Bücher im Selbstverlag verkauften, hatten zufriedene Gesichter.
Während es vor zwei oder drei Jahren noch fast ausschließlich die Literatur war, um die sich in Blogs viel drehte, ist es heute die Politik, die immer mehr Raum einnimmt. Die diesjährige Konferenz "re:publica" zeigte deutlich, dass sich ein (noch) diffuses politisches Bewusstsein innerhalb der Blogszene manifestiert. Das kommt nicht mal durch eine große Unzufriedenheit mit der herrschenden Politik, sondern mehr dadurch, dass man bemerkt hat, dass man den durch die Medien verbreiteten Informationen nicht immer ganz trauen kann. Schönes Beispiel waren die Demos zum G8 Gipfel in diesem Jahr, als Blogs massiv darüber berichteten, wie weit der Staat sich hier und da von seinen demokratischen Grundsätzen entfernt hat und die klassischen Medien diese Berichterstattung zum Teil aufgriffen.
Blogs haben die Fanzines abgelöst, Blogs haben die Musik und die Filmkritik aufs Korn genommen, weil man in ihnen auch mal wieder etwas lesen kann, was man in den klassischen Medien nicht findet: eine negative Kritik. Und jetzt sind Blogs dabei, die Gatekeeping Funktion der "alten Medien" anzugreifen. Es wird nicht mehr alles geglaubt, was die Medien berichten, und manche Falschdarstellung in einer Meldung wurde erst korrigiert, nach dem ein Blog darüber berichtet hat. Die Informationen, die durch das Netzwerk nach draußen getragen wird, verändert langsam aber sicher auch die Denkkulturen, genauso, wie es der Pop als Teil einer Bewegung in den 60er Jahren getan hat. Das Netz ist die Revolution, Blogs sind die Gedankenträger, die den Platz der Literatur und teilweise auch der Musik eingenommen haben. Das Netz liefert die Information, die Blogs verarbeiten sie und tragen sie weiter, wie früher das Radio die Musik. Deswegen sind Blogs für mich Pop. Die Frage bleibt allerdings, was daraus wird. Verpufft alles wie die Ideen der 68er in einem großen Nichts, oder bildet sich tatsächlich durch das Netz und die Blogs ein politischer Gegenentwurf zum herrschenden Neoliberalismus?
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