Der grosse rote Eintrag

von Volker Bonacker
Genau, der Typ mit dem Tiefenschutz, der Melone und Ultra-Violence, Tollshocken und Horrorshow, oh meine Brüder. Well, hier und da sind wir alle ein wenig Alex und das hier ist der große, rote Berlin-Eintrag, the big fat kill, der ich-bin-pissed-bis-sonstwohin-emo-Scheiss, die volle Packung. Weiterlesen auf eigene Gefahr.

Ich wache auf. Der Tag kotzt mich an, noch bevor er beginnt, weil mein Bett nicht mein Bett ist, sondern ein Bett in einem verdammten Rattenloch, in dem ich nicht mal für Geld wohnen würde, stattdessen aber viel zu viel Geld liegen lasse. Einer von diesen City-Cat-Reinigungswagen fährt vorbei, ich bin wach. Es ist sechs Uhr siebenunddreissig. Zeit, aufzuräumen. Der Scheiss geht schon viel zu lange. Also Ludwig-Van rein, Stiefel an, Baseballkeule aus dem Regal und auf Richtung Tür. Ach ja, fast vergessen: Der Soundtrack. Glücklicherweise ist das Ding frisch aufgeladen und mit den Tunes zum Untergang versehen. War allerdings reiner Zufall.

Dort sitzt der Hund, oh meine Brüder, dieses kleine Stück Dreck, diese Töle, der die Bude vollpisst und dank dem es so abartig stinkt, dass ich nicht mal für Geld drin wohnen würde, aber das hatten wir schon. Schlechter Tag für den Hund, denkt er sicherlich, als er nach seinem ersten Hochgeschwindigkeitskontakt mit einer soliden Stahlkappe durch die Wohnzimmerscheibe fliegt und seinen Lebensodem auf dem frisch maschinengekehrten Bürgersteig aushaucht. Das wäre erledigt.

Mein schrottreifes Fahrrad, dessen drei Gänge nur zu einem Drittel funktional sind, lasse ich stehen. Nein, besser noch: Ich überprüfe die Funktionalität der Baseballkeule. Ich wusste, dass es sich nicht um ein Qualitätsprodukt handelt, dafür habe ich lange genug Qualitätsprodukte gefahren, dass man jedoch einen ganzen Rahmen zertrümmern kann, war mir dann doch neu. Netterweise schmeisse ich die Überbleibsel vor meine Wohnungstür, woraufhin prompt der miese Hausmeister seine Hackfresse aus der Tür steckt. Arbeiten tut er ohnehin nichts, insofern vernichte ich mit seiner Existenz lediglich Wohnraumschmarotzertum. Gestärkt von dieser guten Tat wird es Zeit für ein wenig Unterhaltung. Der Tag beginnt mit "The thing I hate" von Stabbing Westward doch gar nicht schlecht. Draußen vor der hässlich besprühten Haustür liegt noch das, was mal ein Hund war. Ich grinse kurz und ziehe meiner Wege.

Auf dem Weg zum Halleschen Tor, in der Bahn. "Hallo Entschuldigung dass ich sie störe aber ich bin obdachlos und das schon seit acht Jahren das Leben auf der Straße ist hart man leidet an Hunger und Armut ich würde sie bitten..." Scheisse verdammtnochmal, warum nölen diese Typen immer ihr gleiches Sprüchlein runter, ohne Pause, Punkt oder Komma? Warum klingen die auch noch alle gleich, sagen beinahe exakt den gleichen Dreck? Wurde das denen von ihren Schieberbanden so eingeprügelt, bevor sie morgens zum Anschaffen rausgelassen werden? Dieses optisch bemittleidenswerte Subjekt wird meine Fragen leider nicht mehr beantworten können, dafür sorgt ein solide gefertigtes Stück Hartholz. Immerhin war er noch ehrlich, als er röchelnd "Du verdammtes Arschloch" ätzte. Nebenbei laufen Nine Inch Nails mit "Only".

Raus aus der Bahn, langsam erregt die Sache wohl Aufsehen, also erstmal untergetaucht. Auf dem Weg nach Mitte kommen zwei Schlipswichser. Die stören mich in meinem ungetrübten Genuss von Blood for Bloods "Ain't like you". Der eine trägt einen dunkelblauen Zweireiher, dazu ein grau kariertes Hemd mit Haifischkragen. Und Sneaker, eklige Rekord in minzgrün. Allright, also high time for show down mit der 2.0-Hurerei. Bevor er die Stufen zur Haltestelle Oranienburger Tor heruntergetreten wird, macht er noch Bekanntschaft mit dem soliden Berliner Bürgersteig. Höchste Zeit, diesen ekligen Nobelkiez zu verlassen.

Richtung Bergmannstrasse. Eine Horde Minderjähriger kommt an, schon 200 Meter, bevor wir uns gegenüberstehen, ist klar, dass es nicht gut ausgehen kann. Sie hören wahrscheinlich Aggro, ich derweil Moses P. mit "Krieg". Hat die Rütli-Schule eben drei Schüler weniger. Das Timing stimmt, der letzte liegt genau dann auf der Straße, als der 30-Tonner, aus dessen Planen demnächst die Taschen gefertigt werden, die smarte Yuppies wie die eben ausgemerzten sie tragen, mit überhöhter Geschwindigkeit das kurze irdische Dasein des Spacken beendet. Die anderen beiden suchen das Weite, einer wird mit einem gezielten Wurf des Baseballprügels niedergestreckt, in einen Hinterhof geschleift und dort gemütlich getollschockt. Die Quote steigt.

Rundgang fast geschafft. Bleiben einige Deutschproll-Kleinwagentuner nahe Treptow, die vor Stolz auf ihren vierfach beendrohrten Corsa vergessen, hinter sich zu blicken. Genügend Zeit, die Sache langsam anzugehen. Wenige Minuten später sind weder Corsa noch Tuner als solche zu erkennen. Dafür ist der "Kategorie C"-Heckscheibenaufkleber nun nich mehr arisch-weiß sondern bittersüß-rot. Slapshot dreschen derweil "Had it with unity" herunter. Ach ja, die Sonne scheint übrigens richtig schön heute, fast zu gut, der Tag.

Irgendwann wieder zu Hause, den Dreck hat mittlerweile wohl wer weggeräumt. Erst mal eine Hollunderbionade kippen und zwei , drei Luckies dazu. Nebenbei zum Runterkommen etwas Nettes hören, Smiths oder Bikini Kill.

Das war er dann, der Alex-Tag. Ich wache auf und begreife einmal mehr, dass es nicht mal ein Traum war, sondern nur ein Blog-Eintrag, der auf freundliche, überzogene Weise zeigen sollte, dass längst nicht alles Gold ist, was auf den Straßen dieser Stadt liegt oder hier geschieht. Ehrlich: In etwa zwei Wochen ist Schluss hier. Langsam gewöhne ich mich an den Gedanken und daran sind oben erwähnte Personengruppen, die täglich meinen Weg kreuzen und meine kostbare Zeit mit ihren nervenden, belanglosen Anliegen vergeuden, durchaus mitschuld.

Volker Bonacker

betätigt sich hauptberuflich mit dem Studium des Online-Journalismus. In seiner Freizeit ist er als Teilzeitrocker, Untergrundchronist und angehender Kettenraucher unterwegs. Was ihm sonst noch relevant erscheint, veröffentlicht er unter Randomnotes
mindestens haltbar Juli/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 07
ISSN 1816-8159
Autor: Volker Bonacker
Titel: Der grosse rote Eintrag
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