0307 - Pop!

Editorial

DonDahlmann
Pop ist gar nicht so alt, ist aber vermutlich schon öfter totgeschrieben worden, als jede andere Kunstrichtung. Was vielleicht auch daran liegt, dass Pop immer nur innerhalb eines sehr engen Zeitfenster funktioniert.
Jede Dekade entdeckt den Pop, und damit seinen Pop neu. In den 60er Jahren war Pop Teil der revolutionären Bewegung der Studenten, in den 70er Jahren mutierte Pop zum Inbegriff des Glam, um dann in den 80er Jahren komplett durch die Werbung und die Musikindustrie deformiert zu werden. In den 90er Jahren gab es zumindest in Deutschland den Begriff "Pop-Literatur", dessen Bedeutung immer noch einer Bewertung harrt. Und heute? Vielleicht ist Bloggen das neue Pop. Vielleicht sind es Fotodienste wie "Flickr". Vielleicht ist es auch das ganze Internet, das unter den Pop-Begriff fällt. Auf jeden Fall findet man Pop mittlerweile in vielen Begriffen, und es gibt sogar Überlegungen, wie neoliberale Kapitalismustheorie mit Pop zusammenpassen könnten.

Das Thema ist, wie man sieht, komplex, und man kann es nicht sicher nicht auf dieser Seite komplett darstellen können. Was wir versucht haben, ist eine Übersicht zu geben. Welche Texte aus dem Netz passen heute auf den klassischen Popbegriff? Welche theoretischen Überlegungen gibt es zum Thema? Und was verbinden die Autoren ganz persönlich mit dem Begriff "Pop" und wie weit läßt er sich abstrahieren?

Ich bin sehr dankbar, dass sich wieder eine Reihe von einzigartigen Autoren bereiterklärt haben, ihre Texte hier zu veröffentlichen. Zu den Autoren gehören: Mercedes Bunz, perkampus, Modeste, Susanne Englmayer, Anke Gröner, Miriam von K., Glamourdick, Volker Bonaker und Dr. Thomas "supatyp" Lau.

Viel Spaß beim Lesen!
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein Blog.

Wie krank ist das denn?

Mercedes Bunz
Pop geht es nicht gut. Und zwar mal ganz abgesehen von dem Trouble der Musikindustrie. Das Problem ist in der Tat durchaus fundamentaler, zumindest auf den ersten Blick hat das den Anschein
Hier geht es nicht einfach nur um Geld. Viel schlimmer. Es herrscht komplettes Chaos. Die Popkultur hat ihre grundlegende Richtung verloren. Links ist man beleidigt, dass Pop nicht mehr kritisch ist. Rechts reklamiert man neoliberal gerüstet dafür die Reste der ehemaligen Rebellion für sich, um sich einen schicken Anstrich zu geben. Man steht also vor jeder Menge Missverständnissen, man kommt mit dem Aufräumen kaum hinterher. Gar nicht eigentlich. Wir versuchen das trotzdem mal.

An der neoliberalen Luftgitarre
Beginnen wir mit Ulf Poschardts neulich geäußertem Vorschlag in "Der Zeit". In seinem Artikel "An der Luftgitarre" (man denkt sich hier irgendwie, dass da ein Zeitredakteur mit Ironie winken wollte, aber vielleicht denkt man sich ja auch zu viel, ganz einfach weil man umgehend die Fassungslosigkeit auffangen muss, die einen später überfällt), in "An der Luftgitarre" also schreibt Ulf Poschardt zunächst ganz richtig: "Teil der Gesellschaft zu werden hieß in der Logik des Pop, sie zu verändern, weil die Leidenschaften, für die man kämpfte, noch keinen Platz in ihr hatten." Um dann hurtig den Linken, die es ja eigentlich eh nicht mehr gibt, noch mal kurz in den Arsch zu treten. Poschardt verpasst also dieser in den letzten Jahren auf dem Boden zertrampelten Leiche der 68er noch einen weiteren Tritt, den es ja nun wirklich nicht mehr braucht (Gähn!), um dann mit dem verschmierten Schuh weitertrabend die rebellischen Leidenschaften siegesstrahlend ganz woanders unterzubringen. Er sondiert: Es gibt ideologische Verschiebungen. In der Popkultur ist man pragmatisch geworden und niemand anderes als unsere sich quer über die Möse rubbelnde Peaches muss als Beispiel herhalten, auch wenn es eine altlinkere, hippiehaftere Position wohl kaum gibt. Doch Peaches wundert sich laut Poschardt über die verwöhnten bundesrepublikanischen Jugendlichen. Ruft sie gar nach mehr Eigenverantwortung? Egal. Nächstes Poschardt-Beispiel: Lieblingsrapper Sido erklärt, dass Sozialhilfe abrippen im Ghetto ein Sport ist. Pop, so sondiert Poschardt damit, verlässt so die altlinken Positionen. Aha. Und damit kommt das wirklich Großartige: Frei, frei vom lahmen, linken Leichengeruch wird damit wieder das rebellische Potential von Pop und frei werden kann es: bei der FDP. Ab also mit Pop, von einer Leiche zur anderen: "Wie sähe Pop in Deutschland aus, der unangepasst, mutig, rebellisch wäre? Wenn Blumfeld auf dem Parteitag der FDP 'Diktatur der Angepassten' singen würde." Also wirklich: Wie krank ist das denn? Und das meint er leider eben nicht ironisch, sondern sehr ernst: "Es würde für beide Seiten eine Herausforderung und Zumutung bedeuten, aber eben auch eine fruchtbare Dynamisierung verklebter Fronten. Versteht man Pop und seine Sehnsucht nach ungebremstem Freiheitsdrang essenzialistisch (und nicht phänomenologisch), dann gibt es für seine Anhänger nur eine Wahlempfehlung: die FDP." Denn so Poschardt: "Sie steht für eine sich ausdifferenzierende Gesellschaft und damit für mehr Polarisierung. Sie steht für einen Kapitalismus mit mehr Chancen für alle - der freilich auch mehr Risiken birgt." Rebellion durch Kapitalismus mit mehr Chancen. Okay. Da muss man sich wohl mal fragen, wie es soweit kommen konnte.

Mehr als eine Jugendkultur
Rückblick: Früher, man kann eigentlich sagen vor ziemlich langer Zeit, war Pop mal eine Jugendkultur und das bedeutete damals immer, nicht denen ihr Spiel zu spielen. Daher die Rebellion. Damals hörten Mutter und Tochter auch noch nicht zusammen Beyoncé, damals war das mit den Generationen auch noch anders. Man musste sich auflehnen. Heute ist das anders, na ja, jedenfalls: Dass Popkultur nicht mehr automatisch an Jugend gekoppelt ist und schon gar nicht an eine Jugend, die für Rebellion steht, ist ja schon zu Beginn der Neunziger festgestellt worden (Diedrich Diederichsen entfachte damals die Debatte mit "The Kids are not alright"). Trotzdem hört das Gespenst der popkulturellen Rebellion nicht auf zu spuken. Nur ist eben die Rebellion nicht mehr unbedingt da, wo man sie sucht. Die Form des politischen Momentes hat sich verändert. Für eine politische Äußerung ging es früher darum, der herrschenden Meinung, d.h. der älteren Generation, etwas entgegenzusetzen. Bildet eine Gegenöffentlichkeit. Entwerft eine Gegenwelt aus Zeichen. Auf der Ebene des Mainstreams funktioniert das immer noch so, beispielsweise wenn Rapper Kayne West angesichts des Hurrikan-Katrina-Elends live im US-Fernsehen einen Satz sagt wie: "George Bush doesn't care about black people." Skandal, weil Gegenöffentlichkeit.

Am klassischen Ort des Widerstands, also in dem, was man mal Subkultur genannt hat, hat man die Gegenöffentlichkeit jedoch um ein weiteres Moment ergänzt. Das widerständige Moment von Pop geht hier über das Zeichen hinaus. Denn Pop, das ist dort heute keine Subkultur mehr, sondern eine Kultur der Nischen. Und jede dieser Nischen ist (im besten Falle) eine Alternative zur bestehenden Welt und als Alternative damit auch Veränderung, Verschiebung des Bestehenden. Ganz in alter Tradition. Anstelle Rebellion ist Pop also heute eher Irritation, zugleich aber mehr als ein idealistischer Lebensentwurf. Denn diese Kultur der Nischen ist eine Alternative mit realexistierenden Ausmaßen. Eine eigene Ökonomie. Die Folge: Für Musik wird man nicht mehr zu alt. Pop wird - zumindest für einige - zum Leben selbst, im besten Falle zu einer Art selbst bestimmter Arbeit. Und genau weil es nicht mehr Jugendkultur, sondern realexistierende Alternative ist, seine eigene Mini-Industrie, die genauso gut oder schlecht funktioniert wie die da draußen, nur eben nach den eigenen Regeln, ist es auch für alle anderen nicht mehr peinlich, auch über dreißig noch Pop zu hören und zu lieben. Man liest ja auch keine Bücher, weil man an seine Schullektüren denken möchte. Pop ist also nicht mehr automatisch links, dafür aber erwachsen geworden.

Zusammenhang vs. Zwangsindividualisierung
Und an dieser Stelle wird es wieder politisch, weil wir uns in einer diskursiven Kultur geradezu zwanghafter Individualisierung befinden - und zwar links wie rechts. Die Frage, wohin man die Rebellion bei Pop packt, ist also letzten Endes politisch. Es gibt hier durchaus Konkurrenzmodelle. Pop verstanden als individuelle Rebellion steht für eine Politik der Vereinzelung. Pop verstanden als eine Politik der Nische steht dagegen für eine Kultur des Zusammenhangs. Hier geht es eben nicht um ?das mutige Individuum, das nach oben will? (Pop bei Poschardt). Hier geht es immer um mehrere Ohren, nicht nur um zwei. Auf der Produzentenebene geht es um Zusammenarbeit, auf der Rezipientenebene geht es um Zusammengehörigkeit. Was sich also in einer handfesten bundesrepublikanischen Midlife Crisis befindet, das ist nicht die Popkultur, sondern vielmehr die politische Kultur in diesem Land - und das ist es, was dann über Poschardt in Pop eingespeist einem wieder in die Quere kommt.
Machen wir uns nichts vor: Die Neoliberalität hat überall zugeschlagen, in jeder Partei. Konservative wollen schon lange keine gesellschaftlichen Traditionen mehr bewahren, sondern mehr Eigenverantwortung für alle, und selbst die Linke/PDS ist als radikal-linke Partei nichts anderes als ein Haufen unsexy Frustrierter, die wenig mehr als das Individuum grundabsichern wollen. Zur Zwangsindividualisierung gibt es links wie rechts keine Alternative. Nicht mal den Hauch einer Debatte findet man. Der politische Diskurs kennt keine Gemeinschaft mehr, er kennt keinen Gemeinsinn und schon gar keine Solidarität. Das ist offensichtlich der Preis, den diese Gesellschaft bereit ist zu zahlen, um den Traum der kompletten Vollbeschäftigung weiterhin träumen zu können. Weniger Rente, mehr Alte, länger Arbeiten, aber weniger Arbeitsplätze und mehr internationale Konkurrenz, weil höher gebildete Drittweltländer. Tja, was in diesem Bild ist falsch? Alles?

Popkultur hat also heute durchaus eine politische Aufgabe, die da lautet: Den Zusammenhang und die Solidarität bei uns zu pflegen und überwintern zu lassen, hier in der Nische, bis die Welt endlich wagt, die Augen zu öffnen. Eines Tages wird man das dann als diskursive Rebellion entdecken können und wie 68 als politische Kulturrevolution in Welt einspeisen. Die Welt wird dann vielleicht etwas besser. Und dazwischen entsteht gute Musik.

Mercedes Bunz

heißt wirklich so, ist Mitbegründerin der de:bug und Online Chefin des Tagesspiegel. Und zwischendurch führt sie auch noch ihr Weblog

Pop

suptyp
Ich weiß das!
(abgelehnter Claim für die Imagekampagne einer Tageszeitung)
Tank Girl in Taka-Tuka-Land ? Über die Mutter und die Großmutter aller Girlies
(Aufsatz, 1993)

Abba, Abitur, Abrüstung, AC/DC, AC Mailand, Acid House,
Douglas Adams, Addams Family, Konrad Adenauer, Adidas,
Theodor W. Adorno, Aerobic, ätzend,
(...)
(aus einer Seminarankündigung, 1994)

"Chaostage sind wie Weihnachten?" Eine Soziologie der Gewaltkultur
(Seminar, Sommersemester 1996)

die bewegungen der bewegungen? zusammenhänge zwischen musik, tanz und subversion
(Vortrag, 1996)

Neben der Barbie ist sie das zweite magische B der Kinderzimmer: echt super erfolgreich und kein Erwachsener weiß, warum.
(zum hundertsten Geburtstag von Enid Blyton, 1997)

Mir österreicht's
(Überschrift zu einer Rezension, 1997)

Trauer Power um Fünf nach Di
(5. September 1997)

Komm poppen. Die eilige Messe für Popmusik und Entertainment
(über die Popkomm, 1998)

von vorne & von hinten
(Mitherausgeber eines 3 Nummern dauernden Magazines, 1998)

Zap Culture: The Style of Meaning. The Applicability of the Concept of Social World on a Postmodern Phenomenon
(Vortrag, 1999)

Legal? Illegal? Portugal
(über ein Fußballspiel, 2000)

"Looks like it's time to kill!" ? Einige Level zur visuellen Soziologie der Video- und Computerspiele.
(Vortrag, 2000)

Titten, Tore und Twin Towers
(Jahresrückblick 2001)

die 25 filme, die ein kind mit 16 gesehn haben muss (sorry! kein citizen kane + kein titanic!):
(in einem Weblog, 2003)

Wirrtuelle Räume - simulierte Welten. Kommunikationskultur im Internet
(Titel und Untertitel eines nie erschienenen Buches, 2003)

Diskutiert werden die Risiken und Chancen kultureller, medialer, sozialer sowie politischer Prozesse der Gegenwart mit besonderem Fokus auf Jugend- und Populärkultur.
- Gibt es eine globale Vernetzung jugendlicher Szenen?
- Wie verändern Neue Medien popkulturelle Produktion und jugendkulturelle Rezeption?
- Wie formiert sich Protest unter den Bedingungen von
- Globalisierung und Politikverdrossenheit?
- Wie werden die aktuellen Veränderungen jenseits des
wissenschaftlichen Mainstream reflektiert?
(Podiumsdiskussion, 2003)

Internet killed the Videostar. Einige Bemerkungen zur populären Ikonographie
(Aufsatz, 2003)

es geht über den dress code sowohl gegen die biologischen als auch gegen die stylehistorischen Eltern, nämlich gegen die hyperaktiven, tatkräftigen und lauffreudigen Jungs und Mädels von der Startbahn West bis zu den Chaostagen. Dort hätte man mit Rucksack, baggy trousers und offenen Turnschuhen keine Chance gehabt.
(Schluß eines dann doch nicht veröffentlichten Beitrages, Titel: Style Wars? Angriff der Rucksackkrieger, 2004)

Grundstudium:
V/S Theorie und Geschichte der elektronischen Medien I
S Visuelle Haushalte
Hauptstudium:
S Tintoretto und Lara Croft ? Zur Renaissance in der Ästhetik der Videospiele
S Kommunikationstheorie für Künstler und Gestalter I
(Semesterplan, aus einer Bewerbung, 2004)

Pop hat in den letzten Jahre eine ganze Menge seiner bis dato doch dominierenden kulturellen Deutungshoheit eingebüsst. Wichtigster Mitschuldiger ist dabei MTV gewesen, das ohne wirkliche Not mit seiner Regionalisierungsstrategie die globale Trumpfkarte aus der Hand gegeben hat. Zudem machten die saublöden Klingeltonwerbungen das Programm selbst für äußerst gutmütige Menschen immer unerträglicher. Klingelton killed the Popstar - aber am Samstag schlug Pop zurück. Und wie!
(über Live 8, 2005)

Pimp my Papst
(über "Popetown" auf MTV, 2006)

Lordi waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort und haben ihre von Andy Warhol zugestandenen 15 Minuten im Rampenlicht spätestens am Samstagabend verbraucht.
Glam-Rock wird deshalb leider nicht zurückkehren. Für Paillettenjeans und Federboas braucht man doch etwas mehr Mut. Und Songs wie «Mama Weer All Crazee Now» oder «Children of the Revolution» sind bereits geschrieben.
(zum Eurovision Song Contest, 2006)

Kick it like Feuerbach!? Elf Thesen über Klinsmann
(zur Fußball-WM, 2006)

Klinsi, hast du das gesehen?
(zum Finale der Hockey-WM, 2006)

Sabine Christiansen kann nicht bloggen.
(über bloggende Frauen, 2006)

Wie ich vorgestern so durchs Bundeskanzleramt schlendere, dachte ich auf einmal, "Mensch, das kennst Du doch!". Sofort die Kamera gezückt und alles für die Nachwelt festgehalten. Daheim wieder angekommen, gab mir ein Blick in die erweiterte (und fast komplette) Sammlung des Magazins THE FACE Recht: Die Wandmalerei in der ersten Etage des architektonisch beeindruckenden Kanzleramtes ist die vergrößerte Darstellung der Titeltypo einer Zeitschrift, die im Untertitel Super Fashion, Shiny Art verspricht. Jetzt gehe ich erst einmal googlen, was sich Gerhard Schröder und der Künstler dabei gedacht haben.
(in einem Weblog, 2007)

Supatyp

Aufgewachsen als In-Betweenie (?Für Hippie zu jung, für Punk zu alt!?), jünger aussehend, bekommt Autorenrabatt bei Reclam, spielt am liebsten Fußball oder mit der Playstation, bloggt seit ?mehr wie fünf Jahre? bei Antville, lebt und arbeitet im Ruhrgebiet.

Zehn Jahre Faserland

Modeste
Wir hatten sowas von nichts zu tun den ganzen Sommer. Wir lagen im Garten der Eltern eines Freundes am See, und ab und zu ging einer ins Haus und holte etwas Kaltes zu trinken.
Ich lag auf dem Steg, war sogar zum Baden zu träge, und die Sonne hatte mir den Bikini strahlend weiß auf die Haut gemalt, weil ich monatelang kaum etwas anderes trug, bis die Schule wieder anfing. Ich muss den "Mephisto" gelesen haben, und mindestens ein Buch von W. S. Maugham, und die Erinnerungen der Lady Diana Cooper dazu, aber meine Erinnerung weiß das nicht mehr, nur in den Büchern steht auf dem Vorsatzblatt ?1995? und mein Name, weil ich damals Bücher noch Leuten auslieh, die sie dann nie zurückgaben.

Von der Ödnis der zeitgenössischen Literatur war ich so überzeugt, dass ich noch nicht einmal darüber nachdachte, und so werde ich Faserland trotz der emphatischen Empfehlungen von irgendeinem dieser längst verwehten Freunde skeptisch begonnen haben, die Füße im kühlen Wasser und langsam die Seiten umschlagend. An die Skepsis kann ich mich indes nicht mehr erinnern, nur noch an die Euphorie des Wiederfindens, die "Faserland" bei uns allen auf dem Steg auslöste, denn es war unser eigenes Spiegelbild, unsere Traurigkeiten, der Ekel und der Überdruß und die Angst vor etwas Ungenanntem in der Gier. Vor unseren Augen wurde die Reise durch die Republik von Gosch auf Sylt bis Zürich zu einer Höllenfahrt, einem Panoptikum aus Einsamkeit und Verwesung, in dem der Tod in den Falten eines Lebens saß, das ein gutes wäre, wenn es denn nur auf die Umstände eines Lebens ankäme. Jenem namenlosen Erzähler, den Christian Kracht einen nüchtern anmutenden Bericht über eine Reise durch die übersättigte Republik schildern ließ, vorbei an der Hybris und der kalten Lust, umgeben von unendlich einsamen Menschen, waren wir durch eine Selbstreflexion überlegen, von der wir ahnten, dass sie uns nicht zu besseren Menschen machen würde, sondern nur zu abwechslungsreicherer Gesellschaft.

Das schmale Buch, keine 200 Seiten lang, war unsere Hymne, und ich las es auf der Stelle vier- oder fünfmal. Dass "Faserland" aber unsere Sicht der Welt verändert hätte, war schon deswegen nicht wahr, weil es genau das ausdrückte, was wir schon jahrelang unausgesprochen gespürt hatten: Nicht jenseits der Gärten unserer Welt, sondern in den komfortablen Räumen unserer Kindheit und in jenen Kleidungsstücken, die eine Dauerhaftigkeit vortäuschten, die es nicht mehr geben sollte, brütete ein Untergang, dessen feine Erschütterungen wir spürten. Den Dingen unseres Lebens gab die Vorahnung dieser Vergeblichkeit ein fremdes und vorläufiges Aussehen, und dass ganz am Ende dieser Höllenfahrt in den Wassern des Bodensees nicht Reinheit und ein neues Leben wartet, sondern nur der sinnlose Tod eines Mannes, der ein ?Jedermann? sein könnte, wenn es denn Gott gäbe, erschien uns folgerichtig. Wir waren schon so weit ab von den Träumen eines neuen Lebens auf den Trümmern einer alten Welt, den unsere Eltern folgenlos geträumt hatten.

Ein Jahr später war keiner von uns mehr vor Ort.

Manchmal bekomme ich noch E-Mails von den Freunden vom See. Meistens sind es Umzugsmeldungen, und unentwegt ziehen die Freunde von einst durch die Republik. Viel weiß ich nicht mehr von ihrem Tun und Treiben, und kann nicht sagen, was sie treibt. Treffe ich den einen oder anderen, so erzählen wir uns ein wenig von unseren Leben, in denen alles da sein dürfte, was die Welt noch über ihre Lieblinge auszuschütten pflegt.

Aber zwischen den Sätzen beim Wiedersehen in Cafés, in der Stille der abgebrochenen Wortanfänge und dem kurzen Schweigen bei einem Treffen in Eile auf Flughäfen schwingt mit, dass die Welt auch jene Erwartung nicht enttäuscht hat, von denen dieses Buch einen ersten Schatten auf unsere Welt geworfen hat, die Ahnung, dass wir nicht mehr sein würden, als ein nervöses, feines Geäder auf einer langsam abgewaschenen Goldschicht, dahinter nichts als die Leere, die Einsamkeit und alle Häßlichkeit der Welt.

Modeste

Nach Jahren des Umherziehens lebt und amüsiert sich Frau Modeste seit vier Jahren in Berlin. Ihre Alltags- und Sonntagsgeschichten veröffentlicht sie unter Melancholie Modeste.

The Teens

Anke Gröner
Die erste Band, an die ich mein unschuldiges Herz verloren habe, waren The Teens.
Ich erinnere mich, dass ihre Musik auf unseren Kracherpartys (ohne Jungs, aber mit Mama nebenan) immer der Knaller war. Ihre Kassetten waren meine erste Quelle für englische Vokabeln, auch wenn es ein Jahr gedauert hat, bis ich kapiert hatte, was 'gonna' bedeutet. Und ich war hemmungslos verknallt: in Robby, den schnuckeligen Sänger. Als er die Band verließ (er war sozusagen der Ur-Robbie), habe ich brennend heiße Tränen vergossen, am Strand von Büsum, wo wir gerade im Urlaub waren. Während meine Schwester sich mit einem Ganzkörper-Sonnenbrand in den Mittelpunkt drängen musste, war ich mit meinem Kummer ganz alleine. Ich blickte auf die plätschernde Nordsee und wusste, die Welt wird nie wieder gut.

Aber es gab ja noch andere Schnuffis in der Band. Zweiter Favorit war 'natürlich' der Basser. Alex. Eher der Schüchterne, wie die Basser halt so sind, eher im Hintergrund, aber mit diesem beseelten Blick, der mein Jungmädchenherz hoffen ließ - darauf, dass mein Leben vielleicht doch wieder einen Sinn bekäme.

The Teens waren relativ schnell wieder von der Bühne der Popmusik verschwunden, nachdem Robby weg und der Rest aus der Pubertät raus war. Aber meine Geschichte mit ihnen war noch nicht zu Ende.

Ungefähr 15 Jahre später, nämlich 1996, erzählte mir eine Freundin, dass ihre Bekannte C. Besuch bekäme - irgendein Musiker aus Berlin, den sie werweißwo kennengelernt hatte. Ob ich Lust hätte, zum gemeinsamen Frühstück vorbeizukommen. Ich hatte und kam. Und wer saß am Tisch und plauderte fröhlich mit den Anwesenden? Alex. DER Alex.

Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich die Labernase vor dem Herrn bin. Es gibt kaum ein Thema, zu dem ich nicht wenigstens ein paar Allgemeinplätze beitragen kann, um in der Konversation zu bleiben. Gib mir ein Stichwort, und ich monologisiere vor mich hin (so wie jetzt). Aber an dem Morgen war ich wieder zwölf. Ich hab zuerst meinen Mund nicht wieder zu- und dann nicht wieder aufgekriegt. Ich hab nur dagesessen wie ein Idiot und ihn angeglotzt. Der Rest der Truppe hat die ganze Zeit Witze gemacht und mir in die Rippen gehauen, aber ich hab's echt nicht fertig gekriegt, auch nur "Hallo" zu sagen. Das Idol meiner Jugend, einer der ersten Kerle, mit denen ich feuchte Träume hatte - und da sitzt der Typ einfach neben mir und redet wie ein ganz normaler Mensch. Ich hab's einfach nicht fassen können.

Ein paar Wochen später war Alex wieder in der Gegend, und wir haben uns mit ein paar Leuten bei mir getroffen. Inzwischen hatte ich meine Sprache wiedergefunden und ihm ein wenig peinlich berührt die Story erzählt, was er grinsend zur Kenntnis genommen hat. Er hat mir geduldig dutzende von Geschichten über die Teens erzählt, wollte aber logischerweise lieber über Big Light reden, bei denen er inzwischen spielte. Das hat mich zwar nicht die Bohne interessiert, aber egal.
Ich hab ihm andächtig zugehört und die ganze Zeit gedacht: Alex von den Teens redet mit mir. Zwölf eben.

An dem Abend bei mir haben wir unter anderem ein Kino-Quiz gespielt, was sein Autogramm erklärt, das er mir etwas unwillig auf meine alte Teens-Kassette gegeben hat, denn eine CD von Big Light hatte und habe ich bis heute nicht.

Ich habe ihn noch ein paar Mal gesehen, aber seitdem die Freundschaft zwischen C. und ihm in die Brüche gegangen ist, haben wir auch keinen Kontakt mehr. Dafür habe ich noch ein Buch im Schrank stehen, das er mir zum Geburtstag geschenkt hat: "Wassermusik" von T.C. Boyle. Fühlt
sich an wie eine intellektuelle Backstagetrophäe.

Manchmal glaube ich, ich bin immer noch zwölf.
ist 38 Jahre alt und bloggt seit fünf Jahren beständig auf www.ankegroener.de

POP ist doch scheisse

Miriam von K.
szenage:
zwei liegestühle am meer,-auf dem einen der MB,(MitBewohner)auf dem anderen I (Ich),
zwischen uns auf einem handtuch:das K(Kind).
35°C.
die liegebestuhlten mit bier und guter laune,
das kind :unausgelastet.
I.:"scheisse,jetzt habe ich den 'pop ist tot' text nicht abgeschickt!mist,mist,mist!"
MB:"wie,pop ist tot?und wieso schreibst DU was darüber?
davon hast DU doch gar keine ahnung.MICH müsste man mal dazu interviewen!"
I.:"ach ja stimmt,jahrzehntelang hast du ja versucht auszusehen wie dave gahan,
der pseudo-junkie...
aber ok,erzähl mir mal was tolles über den beschissenen pop der 80er.
wie hiessen zB nochmal die zwei fetten,die immer nur von monströsen felsen runtersangen,
um schlanker zu wirken?irgendwas mit M,oder?wer depeche mode toll fand,
der hat die fetten doch bestimmt auch geliebt!"
MB:"tears for fears.und du hast echt keine ahnung!depeche mode waren synthi-pop und das
ganze pop business muss man von vorn aufrollen.AB DEM KING,verstehste?der war schliesslich der
erste weisse,der negermusik machte.und hätten seine koteletten nicht unsere seelen berührt,
hätte die ganze pop entwicklung niiiie stattgefunden!!"
fast ganz wie der king schaut der MB aufs wasser und summt:"we're caught in a trap..."
und macht die nächste flasche bier auf.
er streicht sein haar zurück und ich wette,
er fühlt sich dabei mindestens wie morrissey. zerrissen.unverstanden.tragisch,aber mit geballter faust.
das kind schreit dazwischen:"ich will eine luftmatratze!"
unverständlich entgegne ich :"music should be your first love."
MB fällt mit ein:"...and it will be my laaaaaast! warum eigentlich schon wieder'pop ist tot'?
da hat doch dietrich diederichsen
bereits alles zu geschrieben."
I :"du willst mir doch nicht ernsthaft erklären,dass du die fiesen gelben wälzer gelesen hast??!"
auf dem anderen liegestuhl wird unverständliches über den king in korrepondenz zu den beatles
gebrabbelt. aus bierseliger euphorie springt der MB hoch und brüllt die küste entlang:
"verdammt nochmal!schreib,dass Mc Laren ein geldgeiles arschloch war und DANACH ALLES pop wurde
und steve strange geklaut hat,
wo er nur konnte!!"
mir fehlen leider einige bier,um dieser assoziationskette zu folgen. er setzt noch einen drauf:
"und erwähne bloss fat gadget.collapsing new people!!"
I :"ich finde,du bewegst dich in die falsche richtung.mit fat gadget hatte ich nie was am hut."
MB:"ich sag' ja:du hast keine ahnung!"
das kind ruft:"guckt mal!"und zeigt auf ein motorboot,welches einen paraglider
hinter sich herzieht.
I :"jaja,wie jesus.genau so hat der das auch gemacht.vielleicht issers sogar."
( tags zuvor war die 'über-wasser-wandlung
nämlich ein grosses diskussionsthema,bei dem ich nur schwammige argumente wie:
"der see war halt zugefroren."parat hatte)
MB:"lass doch mal deinen ewigen jesus weg.
schreib lieber was über die einfachen mittel des pop,
z B immer den refrain auf inhaltslosen ohrwurm gebürstet!"
dazu singt er laut 'look of love'.

das kind ruft:"ihr habt die musik lieber als mich!"
ich rufe:"'love is the drug!'"
der MB ruft:"POP ist doch scheisse!"
lebt ob ihrer menschenscheuheit am liebsten auf bahnhöfen und flughäfen. Ihre hobbies sind das drama, die liebe, zeltplanen imprägnieren und das ABC. Das kann sie aus dem effeff, nur mit der reihenfolge haperts, aber wen scherts? Lesen kann man sie hier

Pop kommt von Poppen

René Walter
Pop kommt von Poppen und wenn Pop für Poppen steht, dann steht der Rock für Ficken. Klingt logisch, nä?
Tenacious Ds "Fuck her hard" ist demzufolge ja sowas von Rock mit einem ganz großen R, im gleichen Song singt Jack Black aber auch, man solle die Liebste doch bitteschön ab
und an auch mal sanfter mit den Lenden schubsen und nennt dieses Stück auf der selben Platte ganz konsequent "Fuck her gently". Rock'n'Roll fickt, Pop macht Liebe und der Pop-Rock ist der Latin-Lover der musikalischen Schubladen. Der kann von hart bis zart, unheimlich flexibel, der Motherfucker, und so populär.

Es ist ja ein allgemein immer wieder hervorgetragener Irrtum, das Wörtchen ?Pop" käme vom oben erwähnten "Populär". Das ist Quatsch und wo wir diesen Blödsinn nun ein für allemal aus der Welt geschafft haben, dann können wir auch noch gleich mit wegschaffen: Britney Spears und die Aguillera, der Iglesias Enrique und der Timberlake Justin, die machen ja gar keinen Pop, wie so oft behauptet wird, sondern die machen Scheiße. Millionenschwer produzierte, mit aller Marketing-Power in die Hirne von unschuldigen Teenagern und unwissenden Mitmeschen gedrückte Scheiße. Mit ihrem Rezept, aus Nichts Scheiße zu machen, sollten sie sich mal bei der Zunft der Biogasbauern melden, die würden sich ehrlich und aufrichtig freuen ob dieses Scheißrezeptes und Justin und Britney könnten mit ihren Exkrementen so richtig viel Geld scheffeln, wenn sie das nicht sowieso schon getan hätten. Populär reimt sich nicht umsonst auf Vulgär.

Halten wir uns also nicht weiter mit Scheiße auf.

Die Beatles haben ja, das ist allgemein bekannt, den Pop erfunden. Sogar Menschen aus Klein-Hintertutzingen haben davon bereits gehört. Die, also nicht die Klein-Hintertutzinger, sondern die Beatles, die haben sich damals in Hamburg im Starclub folgendes gedacht: "Hey, Beat ist doch irgendwie blöd, auch wenn wir so heißen, ab heute machen wir Pop, schließlich haben wir uns nicht umsonst durch die komplette Herbertstraße gevögelt". Das ist natürlich nicht genauso abgelaufen,
aber John und Paul und Ringo und George ist der Pop ja nicht einfach so zugevögelt worden, nicht wahr? Ein Masterplan muss da schon dahintergesteckt haben. Ich schätze mal, das Gespräch lief irgendwie so ab:

John: "Jungs, wir sollten mehr Drogen nehmen. Beat ist ja ganz lustig und wir legen reihenweise die Weiber flach, aber ich will Visionen!"
Ringo: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!"

Ein Spruch übrigens, den der damals noch blutjunge Helmut Schmidt, der damals als Backstage-Alkoholreiche-Aushilfs-Jobber zufälligerweise mit anhörte, während er grade einen Gin-Tonic für Paul McCartney mixte, und den er Jahre später einfach so mopsen sollte, auf dass der Satz
"Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!" auf immer mit dem Kettenrauchenden Ex-Kanzler verwebt sei, was, wie nun auch Menschen aus Hinter-Oberranzlingen wissen, einer der größten Irrtümer der Geschichte ist, gleich nach Napoleons Exil. Das ist nämlich auch komplett erstunken und erlogen: Napoleon wohnt in unserer Nachbarschaft und die Hand steckt nicht im Revers sondern im Schritt.

So.

Wo war ich? Ach ja:

George: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!"
John: "Ich meine das ganz ernst, mich zieht es nach Indien, ich brauche Instant Karma, verdammt. Paul, sag doch auch mal was?"
Paul: "Na dann los", warf die dreibeinige Blondine zurück in die erste Reihe, nahm vier brünette Achtzehnjährige Pferdeschwanzmädchen Huckepack und hüpfte nach Bombay.
George: "Hmkay."

Dann fuhren die vier überall auf der Welt herum, ließen sich tierische Bärte wachsen und nahmen Sergeant Pepper auf, das erste Pop-Album der Musikgeschichte. Alle albernen Verkleidungen von Kiss bis zu den Flaming Lipps gehen auf Sergeant Pepper zurück, und wer etwas anderes
behauptet, muss dreimal das Album "Travelling Without Moving" von Jamiroquai anhören. Ich weiß, für manche mag das nicht grade wie eine Strafe klingen. Denen sei folgendes gesagt: hört man dieses Album dreimal hintereinander, erschließen sich die geheimen Botschaften dieses Albums, das einem ab da nur noch "Du bist jung, Du bist hip und Du bist so verdammt trendy!" ins Ohr flüstert, was erstens massenweise riesige Pickel und zweitens ein Zucken an der linken Schläfe
hervorruft, die man Zeitlebens nicht mehr losbekommt. Ich habe Euch gewarnt, nicht dass nachher hunderte Mittdreißiger meine Heimstatt belagern und sich über die Rückkehr der Pubertät beschweren.

Sowieso: Pubertät. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass man als Mensch Musik erst mit dem Erwachen der Libido wirklich entdeckt. Es liegt auf der Hand, hihi, dass mit dem ersten Orgasmus die Leidenschaft für den Rock erwacht. Steht ja auch für Ficken, der Rock, und für viel mehr interessiert man sich in dem Alter ja sowieso nicht. Ob man nun mit 16 poppt oder rockt ist dabei einerlei, hauptsache der Schlüpfer fällt. Und wer sich in diesem Alter dabei schon wie Gene Simmons bemalt oder als Sergeant Pepper verkleidet oder noch besser: als Sergeant Pepper
kostümiert die Zunge wie Gene Simmons gebraucht, dem steht mit Sicherheit ein sehr buntes Sexleben bevor.

Meine Lieblingsplatten derzeit sind übrigens "Flock" von Bell X1, einer hierzulande leider fast gänzlich unbekannten Pop-Band aus England, und "Era Vulgaris" der Queens of the Stone Age. Was sagte ich vorhin noch gleich über Pop-Rock?

Rene Walter

René Walter blogt bei Nerdcore, Spreeblick und
Fuenf-Filmfreunde
, ist nebenbei noch Webdesigner und Grafiker. Er hat eine popkulturelle Bandbreite von Mashups bis Metall, von B-Film bis Dokumentation, von den 50er Jahren bis 2057.
Kernkompetenzen liegen bei Musik, Film und Design, am liebsten gepoppten Punk oder gepunkteten Pop. Und Reggea ist eine Seifenmarke auf Norderney, oder nicht?

My life with Kate

Glamourdick
1978. War mit Katrin L. spielen, weil die sich mit Manuela P. gestritten hat. Sonst wollen die nie mit mir spielen, hatte ich also Glück. Bei Katrin L. haben wir dann das Zimmer ihres großen Bruders durchsucht und alle seine neuen Platten gehört.
Da war eine Single dabei, und ich glaube ich habe mich verliebt. Die Sängerin kommt aus England und heißt Kate Bush. Sie ist auch noch ganz jung.
Habe mir von meinem Taschengeld die LP-Schallplatte von Kate Bush gekauft und mir dann von meiner Schwester die Englischbücher geholt. Will wissen, was die singt, aber eigentlich ist es egal, weil die Stimme ist ja auch so sehr schön. Was wohl "I´m 2D after a push and pull-feeling" bedeutet?
Habe mit Bleistift das Cover abgemalt. Ist ganz gut geworden. Tante Rosa freut sich, dass ich junge Frauen male.

Nochmal 1978. War mit Mutti in der Metro. Kate Bushs neue Platte gekauft. "Lionheart". Ist ganz toll. Ich könnte mich vielleicht mal als Kate Bush verkleiden und mit "Coffee Homegound" auftreten. Tante Rosa hat ja bald Geburtstag.

1980."Babooshka" war heute im Fernsehen. Ich hatte eine richtige Gänsehaut, wie Kate Bush das Lied gesungen hat. Es war ein Video-Clip! Schade, dass es kaum Sendungen gibt, wo man solche Video-Clips sehen kann.

1982. Andrea W. ist von ihrem Freund sitzen gelassen worden und wir haben den ganzen Nachmittag in ihrem Zimmer geraucht und "The Dreaming" gehört. Alle finden die Platte doof, nur Andrea und ich nicht.

1985. Höre schon seit Wochen nichts anderes als "Hounds of Love". Bei "Cloudbusting" muss ich jedes Mal an Edward denken, der jetzt auch schon lange nicht mehr geschrieben hat. "I´ts you and me... Eddie..." Ich glaub ich färbe mir mal die Haare rot wie im "Hounds of Love" Video.

1988. Anke hat mir die komplette "Sensual World" Deko aus dem Plattenladen geschenkt. Was soll ich mit dreißig LP-Covern?? Aber ist ja nett gemeint. Bei "This woman´s work" muss ich heulen. Das Lied, wo jemand, den ganzen Tag nur vorm Computer sitzt find ich ziemlich albern. Aber wie Kate durch diesen Wald läuft und einen Text singt, bei dem ich GAR nichts verstehe - traumhaft schön. Man weiß nicht wo sie ist und was sie da macht, aber man will da unbedingt auch hin. Stepping out of the page into a sensual world.

1993. Ich liebe Kate Bush. Was haben die Leute gegen "The Red Shoes" ? Okay, dieser permanente Glitzerstaub in den Videos nervt, aber hallo - wer macht seit 15 Jahren eine geniale Platte nach der anderen, wenn nicht sie? Take me up to the top of the city... You´re the only one I want. I think about us lying, lying on a beach somewhere... Und wenn ich 15 Jahre auf die nächste Platte warten müsste, die Frau ist und bleibt in meinem Herzen.

2005. Manuela P. trafen meine Eltern dieses Jahr bei ihrem Ostseeurlaub. Andrea W. ist verheiratet und lebt in Goslar. Tante Rosa verstarb 1985. Edward, meine erste große Liebe, rief mich zuletzt im vergangenen Sommer an - der Kontakt ist nie abgerissen, and I WON´T forget. Auch aus ihm ist nichts geworden. Kate Bush´s "Aerial" erscheint im November. Katrin L., die immer meine Lieblings-Spielkameradin war, vielleicht, weil ich durch sie zu Kate Bush kam, ist vor ein paar Jahren gestorben. Sie ist nicht einmal 30 geworden.

GlamourDick

betreibt seine Informationskunst unter Glamourdick seit zwei Jahren. Bevor das ganze ein Blog war hat er einfach nur so geschrieben und veröffentlicht oder auch nicht. Er lebt als Bloggger und (Geister-)Schreiber in Berlin."

Pop ist ein Geräusch

Susanne Englmayer
Pop, das ist ein kurzer, einschneidender Klang, ein Moment nur, eine Art Plopp vielleicht, so könnte man sagen.
Dieses ganz andere, aber doch irgendwie ähnliche Geräusch, das man mit dem Finger machen kann, indem man ihn aus dem Mund ploppen läßt. Oder aus einer Flasche, ich kann es auch mit meinen Ohren, habe ich neulich zu meiner Überraschung festgestellt. Aus allem eben, wo ein bißchen Unterdruck zu vermuten ist.

Pop ist wie Plopp, eindeutig, da ist kaum ein Unterschied. Auch Pop ist nicht, Pop war. Pop ist immer schon gewesen, gerade eben möglicherweise. Genau wie ein Plopp. Pop ist eigentlich schon wieder vorbei, kaum daß Pop begonnen hat. Denn Pop ist aus Luft gemacht. Pop lebt in einer Blase im Wasser. Pop wartet auf den Moment, den einen, den einzigen, in dem Pop an die Oberfläche tritt.

Dieser Augenblick des Auftauchens, ein Übergang, im Grunde unvermeidlich, beinah wie eine Erleuchtung. Das ist Pop. Dann, und nur dann, macht Pop dieses einmalige, unverwechselbare Geräusch. Dieses eindringliche, aufbubbelnde, überschäumende, unverwechselbare, alles verschlingende ... ja, was eigentlich? Es ist immer so schnell, dieses Pop, schon ist es wieder weg. Man kann es einfach nicht erfassen.

Wie soll man also sagen, wie es beschreiben? Außer eben mitPop? Pop allein ist das einzig wahre Wort für Pop. Da muß man doch nur mal hinhören. Pop ist ein Geräusch, sogar noch als Wort. Wobei Pop als Wort, ausgerechnet, ganz nah bei Flop liegt. Um den Gedanken komme ich irgendwie nicht herum, wenn es hier schon um Klang geht. Aber das ist vielleicht nur ein blödes Wortspiel, das ich an dieser exponierten Stelle nicht weiter ausführen mag.

Pop ist halt Pop. Und: Stop!
dümpelt seit Jahren durchs Netz. Derzeit kann man ihr in den Blogs engl@absurdum und over the bones auf den Fersen bleiben. Sie hat aber auch einen Roman veröffentlicht.

Eine kleine Geschichte des Pop

Ally Klein
im grunde war pop kein sonderbarer mensch. er schlief oft gelangweilt auf bänken in verschiedenen parks ein, hatte niemals einen dostojewski zu ende gelesen (ab der hälfte zerbrach ihm alles das herz) und beschrieb sich als einen begnadeten rhetoriker, der seinen pathetischen höhepunkt in den missetaten anderer fand.
er war kein schönling, irgendwas durchschnittliches, manchmal auch besser, aber diverse geschlechtsteile fremder passanten fühlten sich zu ihm hingezogen. so fickte* er alles, was ihm wohlwollend auf zwei beinen begegnete.

pop hasste es, wenn ihn irgendwelche menschen grundlos anlächelten. er fühlte sich oft davon provoziert, weil er sich entweder schadenfreude oder mitleid** einbildete und zu allem übel beides durcheinanderbrachte. diese tatsache verschlimmerte das eine oder das andere komplex von ihm und ärgerte ihn bis tief in die nacht hinein. er war faul und hat kaum gearbeitet, aber er hatte das vermögen seines fast toten onkels vierten grades geerbt und so konnte er problemlos bis zu seinem lebensende (voraussichtlich, man hat es nur grob geschätzt) über die runden kommen und sich ab und zu einen kleinen luxus gönnen. was sein überaus leicht einprägbares gesicht anging, so hasste er jegliche vergleiche seiner nase mit der von mozart, deren gemeinsamkeit einfach zu offensichtlich war. er hatte keine ahnung vom krieg und noch weniger von friedenserklärungen, kannte sich aber ausgezeichnet mit dialektischen abläufen aus (man vermutet, er hatte einfach ein händchen für sowas; manche nannten es sogar talent). jeder, aber auch jeder (außer manchen) kam mit ihm aus. solange er nicht zu viel trank, denn wenn er besoffen herumstolperte und der himmel violett war, hypertrophierte seine seele (was das zeug hielt). ja, direkt in einer riesigen menschenmasse, und er fing an zu glucksen und rülpsen und bekam einen schluckauf... und irgendwann wurde es zu abstrakt für die meisten. einmal zogen sogar zwei paar frösche einen revolver hinter seinem rücken, aber sie gingen in die andere richtung und alles endete in einem kompromiss (die rebellen mussten tantiemen an pop zahlen).

das glückselige im lächeln anderer (was oft an dämlichkeit grenzte), chemische fabriken (die die umwelt verpesteten), verständliche ellipsen und ja, wieder das werk von amadeus hielt er für eine farce, aber sein mund war seit seiner geburt von heuchlerischer freundlichkeit verzerrt und gegen den ungerechten lauf des lebens wehrt man sich (nun mal) kaum. mit dem alter erfuhr pop viele tragische ereignisse (die halbe familie wurde durch permanente zufälle ausgerottet) und absurde, kaum erdenkbare begebenheiten, die er seitdem irgendwie für sich zu behalten versucht. heute lebt er in einer einrichtung für opfer von blitzeinschlägen und genießt jeden morgen einen kakao aus kuba. gerüchten zufolge hat er bei all seinem hass auf das künstliche nie, niemals stromdosen und neologismen verabscheut.



* falls jemanden ein gutes synonym für den ausdruck eingefallen ist: man will seinem leser ja doch nicht alles so leicht machen.
** er hatte keine ahnung von schopenhauer, man möge ihm sein irrtum verzeihen.

Ally Klein

hört gerne Knochen unter ihren Füßen knacksen. Auf der Suche nach den richtigen fünfzehn Minuten: me i'm a sucker just a slave to sound.

Bloggen ist Pop

DonDahlmann
Als ich Ende 2001 das Bloggen entdeckte, was das für mich nicht mehr als ein netter elektronischer Zettelkasten. Eigentlich verstand ich zu dem Zeitpunkt das gesamte Internet immer noch als eine Art ziemlich großen unsortierten Zettelkasten, und meine Annahme, dass das Netz nie mehr als das war, wurde durch das große "Plopp" bestätigt, mit dem sich die Internetblase gerade verabschiedet hatte. Aber mittlerweile ist das Netz das Bloggen quasi die Speerspitze einer ganzen neuen Philosophie.
Als Mitte der 60er Jahre der Begriff "Pop" in der Literatur auftauchte, passierte eigentlich nicht viel. Wer las schon Fichte oder Artmann? Aber gerade wenn man die Texte von Artmann heute noch einmal liest, stellt man fest, wie sehr sich manche Empfindungen von damals mit denen von heute vergleichen lassen. Vor allem die Zuwendung des Autors an seine eigene Person ist erstaunlich. Viele Texte von damals lesen sich wie Blogeinträge von heute. Pop fiel in eine Zeit, als sich scheinbar alles unwiderruflich änderte. Die Musik, der Sex, die Selbstbestimmung, die Politik. Vorher war das Leben fest verpackt in einem Adenauerschen Regel- und Lebenskonzept. Pop war ein Teil der Revolution, genauso wie lange Haare oder die Explosion der Musikindustrie. Es stand für eine Veränderung der Denkkultur.

Lustigerweise ist die Musikindustrie auch das erste Opfer der jetzigen Veränderungen. Die Musikindustrie war es, die in den 60er Jahren davon lebte, dass sie die neugierigen Massen mit Stoff versorgte, die neue Vertriebswege erfand, das Radio fütterte und damit das Gedankengut der Musiker weit verbreitete. Und heute ist die verknöcherte Musikindustrie der erste Wirtschaftszweig, der, weil er unbeweglich geworden ist wie die damaligen Autoritäten, in die Knie gezwungen wird. Weil für die Industrie Musik keine Botschaft, sondern eine Ware ist. Aber ironischerweise ist die Musik auch heute wieder ein wichtiger Teil der Revolution, die gerade stattfindet.

Die Individualisierung findet in Blogs im Moment vermutlich den höchsten Grad, den sie erreichen kann. Nach dem man sich nicht mehr durch Mode und kaum noch mit Musik von anderen abheben kann, wendet man sich eben vom "Außen" ab und schaut nach Innen. Die eigenen Gedanken zu diesem oder jenem zu veröffentlichen - mehr Individualismus kann man kaum leben. Paradoxerweise führt das aber gleichzeitig wieder dazu, dass sich Netzwerke aus Menschen bilden, die in ihren Individualismus in anderen wiederentdecken.

Diese Netzwerke der Blogger sind es, die viel verändern. Wer seine Texte einer größeren Öffentlichkeit vorstellen will, der braucht keinen Verlag mehr, der ihm eine Lesereise finanziert. Der Zusammenschluss von ein paar Bloggern, das Hinterzimmer eines Lokals und eine Ankündigung in ein paar Blogs - mehr braucht es nicht. Sämtliche Lesungen auf denen ich in den letzten zwei Jahren war, als Gast oder als Vortragender, waren brechend voll und diejenigen, die ihre Bücher im Selbstverlag verkauften, hatten zufriedene Gesichter.

Während es vor zwei oder drei Jahren noch fast ausschließlich die Literatur war, um die sich in Blogs viel drehte, ist es heute die Politik, die immer mehr Raum einnimmt. Die diesjährige Konferenz "re:publica" zeigte deutlich, dass sich ein (noch) diffuses politisches Bewusstsein innerhalb der Blogszene manifestiert. Das kommt nicht mal durch eine große Unzufriedenheit mit der herrschenden Politik, sondern mehr dadurch, dass man bemerkt hat, dass man den durch die Medien verbreiteten Informationen nicht immer ganz trauen kann. Schönes Beispiel waren die Demos zum G8 Gipfel in diesem Jahr, als Blogs massiv darüber berichteten, wie weit der Staat sich hier und da von seinen demokratischen Grundsätzen entfernt hat und die klassischen Medien diese Berichterstattung zum Teil aufgriffen.

Blogs haben die Fanzines abgelöst, Blogs haben die Musik und die Filmkritik aufs Korn genommen, weil man in ihnen auch mal wieder etwas lesen kann, was man in den klassischen Medien nicht findet: eine negative Kritik. Und jetzt sind Blogs dabei, die Gatekeeping Funktion der "alten Medien" anzugreifen. Es wird nicht mehr alles geglaubt, was die Medien berichten, und manche Falschdarstellung in einer Meldung wurde erst korrigiert, nach dem ein Blog darüber berichtet hat. Die Informationen, die durch das Netzwerk nach draußen getragen wird, verändert langsam aber sicher auch die Denkkulturen, genauso, wie es der Pop als Teil einer Bewegung in den 60er Jahren getan hat. Das Netz ist die Revolution, Blogs sind die Gedankenträger, die den Platz der Literatur und teilweise auch der Musik eingenommen haben. Das Netz liefert die Information, die Blogs verarbeiten sie und tragen sie weiter, wie früher das Radio die Musik. Deswegen sind Blogs für mich Pop. Die Frage bleibt allerdings, was daraus wird. Verpufft alles wie die Ideen der 68er in einem großen Nichts, oder bildet sich tatsächlich durch das Netz und die Blogs ein politischer Gegenentwurf zum herrschenden Neoliberalismus?
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein Blog.

Der grosse rote Eintrag

Volker Bonacker
Hi, mein Name ist Alex. Sie kennen mich wahrscheinlich aus diesem Kubrick-Film, der sich in manchen Jugendsubkulturen selbst heute noch unergründlicherweise großer Beliebtheit erfreut. Na, klingelt's?
Genau, der Typ mit dem Tiefenschutz, der Melone und Ultra-Violence, Tollshocken und Horrorshow, oh meine Brüder. Well, hier und da sind wir alle ein wenig Alex und das hier ist der große, rote Berlin-Eintrag, the big fat kill, der ich-bin-pissed-bis-sonstwohin-emo-Scheiss, die volle Packung. Weiterlesen auf eigene Gefahr.

Ich wache auf. Der Tag kotzt mich an, noch bevor er beginnt, weil mein Bett nicht mein Bett ist, sondern ein Bett in einem verdammten Rattenloch, in dem ich nicht mal für Geld wohnen würde, stattdessen aber viel zu viel Geld liegen lasse. Einer von diesen City-Cat-Reinigungswagen fährt vorbei, ich bin wach. Es ist sechs Uhr siebenunddreissig. Zeit, aufzuräumen. Der Scheiss geht schon viel zu lange. Also Ludwig-Van rein, Stiefel an, Baseballkeule aus dem Regal und auf Richtung Tür. Ach ja, fast vergessen: Der Soundtrack. Glücklicherweise ist das Ding frisch aufgeladen und mit den Tunes zum Untergang versehen. War allerdings reiner Zufall.

Dort sitzt der Hund, oh meine Brüder, dieses kleine Stück Dreck, diese Töle, der die Bude vollpisst und dank dem es so abartig stinkt, dass ich nicht mal für Geld drin wohnen würde, aber das hatten wir schon. Schlechter Tag für den Hund, denkt er sicherlich, als er nach seinem ersten Hochgeschwindigkeitskontakt mit einer soliden Stahlkappe durch die Wohnzimmerscheibe fliegt und seinen Lebensodem auf dem frisch maschinengekehrten Bürgersteig aushaucht. Das wäre erledigt.

Mein schrottreifes Fahrrad, dessen drei Gänge nur zu einem Drittel funktional sind, lasse ich stehen. Nein, besser noch: Ich überprüfe die Funktionalität der Baseballkeule. Ich wusste, dass es sich nicht um ein Qualitätsprodukt handelt, dafür habe ich lange genug Qualitätsprodukte gefahren, dass man jedoch einen ganzen Rahmen zertrümmern kann, war mir dann doch neu. Netterweise schmeisse ich die Überbleibsel vor meine Wohnungstür, woraufhin prompt der miese Hausmeister seine Hackfresse aus der Tür steckt. Arbeiten tut er ohnehin nichts, insofern vernichte ich mit seiner Existenz lediglich Wohnraumschmarotzertum. Gestärkt von dieser guten Tat wird es Zeit für ein wenig Unterhaltung. Der Tag beginnt mit "The thing I hate" von Stabbing Westward doch gar nicht schlecht. Draußen vor der hässlich besprühten Haustür liegt noch das, was mal ein Hund war. Ich grinse kurz und ziehe meiner Wege.

Auf dem Weg zum Halleschen Tor, in der Bahn. "Hallo Entschuldigung dass ich sie störe aber ich bin obdachlos und das schon seit acht Jahren das Leben auf der Straße ist hart man leidet an Hunger und Armut ich würde sie bitten..." Scheisse verdammtnochmal, warum nölen diese Typen immer ihr gleiches Sprüchlein runter, ohne Pause, Punkt oder Komma? Warum klingen die auch noch alle gleich, sagen beinahe exakt den gleichen Dreck? Wurde das denen von ihren Schieberbanden so eingeprügelt, bevor sie morgens zum Anschaffen rausgelassen werden? Dieses optisch bemittleidenswerte Subjekt wird meine Fragen leider nicht mehr beantworten können, dafür sorgt ein solide gefertigtes Stück Hartholz. Immerhin war er noch ehrlich, als er röchelnd "Du verdammtes Arschloch" ätzte. Nebenbei laufen Nine Inch Nails mit "Only".

Raus aus der Bahn, langsam erregt die Sache wohl Aufsehen, also erstmal untergetaucht. Auf dem Weg nach Mitte kommen zwei Schlipswichser. Die stören mich in meinem ungetrübten Genuss von Blood for Bloods "Ain't like you". Der eine trägt einen dunkelblauen Zweireiher, dazu ein grau kariertes Hemd mit Haifischkragen. Und Sneaker, eklige Rekord in minzgrün. Allright, also high time for show down mit der 2.0-Hurerei. Bevor er die Stufen zur Haltestelle Oranienburger Tor heruntergetreten wird, macht er noch Bekanntschaft mit dem soliden Berliner Bürgersteig. Höchste Zeit, diesen ekligen Nobelkiez zu verlassen.

Richtung Bergmannstrasse. Eine Horde Minderjähriger kommt an, schon 200 Meter, bevor wir uns gegenüberstehen, ist klar, dass es nicht gut ausgehen kann. Sie hören wahrscheinlich Aggro, ich derweil Moses P. mit "Krieg". Hat die Rütli-Schule eben drei Schüler weniger. Das Timing stimmt, der letzte liegt genau dann auf der Straße, als der 30-Tonner, aus dessen Planen demnächst die Taschen gefertigt werden, die smarte Yuppies wie die eben ausgemerzten sie tragen, mit überhöhter Geschwindigkeit das kurze irdische Dasein des Spacken beendet. Die anderen beiden suchen das Weite, einer wird mit einem gezielten Wurf des Baseballprügels niedergestreckt, in einen Hinterhof geschleift und dort gemütlich getollschockt. Die Quote steigt.

Rundgang fast geschafft. Bleiben einige Deutschproll-Kleinwagentuner nahe Treptow, die vor Stolz auf ihren vierfach beendrohrten Corsa vergessen, hinter sich zu blicken. Genügend Zeit, die Sache langsam anzugehen. Wenige Minuten später sind weder Corsa noch Tuner als solche zu erkennen. Dafür ist der "Kategorie C"-Heckscheibenaufkleber nun nich mehr arisch-weiß sondern bittersüß-rot. Slapshot dreschen derweil "Had it with unity" herunter. Ach ja, die Sonne scheint übrigens richtig schön heute, fast zu gut, der Tag.

Irgendwann wieder zu Hause, den Dreck hat mittlerweile wohl wer weggeräumt. Erst mal eine Hollunderbionade kippen und zwei , drei Luckies dazu. Nebenbei zum Runterkommen etwas Nettes hören, Smiths oder Bikini Kill.

Das war er dann, der Alex-Tag. Ich wache auf und begreife einmal mehr, dass es nicht mal ein Traum war, sondern nur ein Blog-Eintrag, der auf freundliche, überzogene Weise zeigen sollte, dass längst nicht alles Gold ist, was auf den Straßen dieser Stadt liegt oder hier geschieht. Ehrlich: In etwa zwei Wochen ist Schluss hier. Langsam gewöhne ich mich an den Gedanken und daran sind oben erwähnte Personengruppen, die täglich meinen Weg kreuzen und meine kostbare Zeit mit ihren nervenden, belanglosen Anliegen vergeuden, durchaus mitschuld.

Volker Bonacker

betätigt sich hauptberuflich mit dem Studium des Online-Journalismus. In seiner Freizeit ist er als Teilzeitrocker, Untergrundchronist und angehender Kettenraucher unterwegs. Was ihm sonst noch relevant erscheint, veröffentlicht er unter Randomnotes

Baracke

Perkampus
Ich sitze wie ein Hund vor deiner Tür Frau Nachbarin, das Wasser halte ich gerade noch, weil ich mich erinnere, als Mensch geboren zu sein. Dir Duftmarken setzen wäre mir dennoch ein Vergnügen.
Er brachte sie mit, der alte versoffene Herr, brachte sie ins Fichtelgebirge hinein, dorthin, wo es keinen Strom gab und sie konnte sich von den Sitten und Gebräuchen selbst überzeugen: wie die Schweine zu hausen. Gefrustet kam ich eines Tages an, weil die beiden aus Tirschenreuth nicht ein einziges Mal ihre Titten zeigen wollten und sah sie da hocken, während der Alte mit seiner Analphabetin Bier holen waren. Hockte da in ihrem Blond, verleitete mich, mit ihr zu knutschen und ein Rohr herumzuschleppen. Das war es also! Diese neunzehnjährige Bestie wollte mich verführen! Drei Jahre älter, eine Vergewaltigung!
"Gefällt es dir hier?" fragte ich sie.
"Sieht merkwürdig aus."
Ich nickte. "Sieht nicht nur merkwürdig aus, ist der allerletzte angelsächsische Kerker. Wo sind die beiden Schweine hin?" Ich grinste profund, als ich die Schaltschwäche bemerkte.
Sie sagte es mir. Dann sagte sie, dass sie nicht mitwollte, weil sie hoffte, ich würde in der Zwischenzeit auftauchen.
"Kein gutes Verhältnis?"
"Verhältnis? Hast du bemerkt, dass es hier überall stinkt wie der Hinterleib der Gliederfüßer?"
Wenn man das Badezimmer betrat, sah man Plastikeimer und Plastikschüssel voller kaltem Wasser mit aufgeweichter Wäsche darin, die schon halb vergammelt Schaum schlug. Licht gab es keines, woher sollte also heißes Wasser kommen? Wenn ein von Spelunke zu Spelunke ziehender Säufer sich mit einer minderjährigen und geistig behinderten, weil im Vollsuff gezeugten Tucke einlässt- oh ihr Herren! Sie war gerade einmal ein Jahr älter als ich, hatte zusammengewachsene Zehen und verwachsene Zähne - wird man nicht viel vorfinden, als mit Alufolie tapezierte Wände, die so dick waren, dass die mit einer Kanonenkugel nicht zu Einsturz gebracht werden konnten und Obstkisten, die als Schränke dienten. Das ist mein Ambiente, ihr freudigen Geister. Jetzt kommt dieser Scharlach und will mich aus dem Fichtelgebirge zerren, wo ich meine Ahnen begraben hatte, meine ersten Fensterscheiben eingeschlagen, schlicht: mein Leben verbarrikadiert hatte.
"Und dann bringt er dich mit und du siehst: das Mittelalter ist gar kein so schrecklicher Ort, schließlich haben wir verschließbare Türen. Alles was wichtig gewesen wäre ist weg oder war, viel besser gesagt, niemals da."
Gott! Und weißt du, wie er es angestellt hatte, dieses arme Geschöpf in sein stinkendes Bett zu zerren? Er schlug ihrem Vater die Fresse ein. Einmal, zweimal war er in der Nacht angekommen und zeigte mir seine aufgesprungenen Knöchel, nahm sie schließlich mit, der gute Samariter, damit er sie an seiner statt pimpern konnte.
Die ganze Familie hauste in Baracken am Rande der Stadt, dort, wo man heute die Ausländer hinschickt. Daß die Väter ihre Töchter ficken, ich muss doch sehr bitten, hat höchsten kulturellen Stellenwert. Babalon und das Tier vereinigt, scharlachrote Frau der Apokalypse! In Assyrien versuchten sie Inzest wie auch in Ägypten. Die Ägyptern versuchten auch Brüder und Schwestern, die Assyrer Mütter und Söhne, die Phönizier versuchten Väter und Töchter, Griechen und Syrer meist Sodomie, diese indische Idee. Die Juden versuchten es durch Invokationsmethoden, auch durch Paedicatio Feminarum. Die Mohammedaner versuchten Homosexualität, mittelalterliche Philosophen versuchten durch chemische Experimente mit Samen Homunculi zu produzieren, aber die grundlegende Idee ist, daß irgendeine andere Form der Fortpflanzung als die normale geeignet ist, Resultate von magischem Charakter zu erbringen. Der Sexualakt kann in solchen Fällen von dem Standard eines tierischen Aktes erhöht werden und durch den humanisierenden Einfluss der Mutter, welche, indem sie das tierische Feuer umwandelt, ein Kind produziert, das sowohl die tierischen als auch die menschlichen Qualitäten seiner Eltern transzendiert. Maria und die Taube. Da gelang es, einen Messias zu machen. Das Tier als Verkörperung des Logos. Und darauf bezieht sich Babalon und das Tier vereinigt. Schaust'n so? Ich sinniere! Du kannst dir ja vorstellen, dass ich viel sinniere. Es geht nicht darum, daß man verliert, sondern wie man es verliert. Hättest du nicht auch lieber eine verständliche Schusswunde zu ertragen als durch den Stich der Inflationsbremse von Loa-Loa-Würmern sprichwörtlich unterwandert zu werden.

test

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