Ich bin eine Miesmuschel

von Grete
Das schrieb ich dem Briefbekannten, den ich über eine Annonce kennen gelernt hatte, und es gefiel ihm. Vermutlich, weil es mein Selbst, von dem ich wohlweislich noch nicht allzu viel preis gegeben hatte, mit einem wabernden Geheimnis umgab. Schon die Behauptung, eine Muschel zu sein, birgt allerlei Diskretion. Dabei meinte diese Beschreibung weiter nichts, als dass ich den Geruch der Seen liebe, der brandenburgischen und der mecklenburgischen. Und den abendlichen Moment, wenn das letzte Kräuseln der Wasseroberfläche zu einem Spiegel wird. Wie trivial. Das wusste der Bekannte damals nicht; er machte sich ein womöglich liebenswertes Bild von mir, das leider nicht deckungsgleich war mit dem Foto, dass ich ihm irgendwann schickte, worauf die Post ausblieb.

Ich hatte noch andere Annoncen-Brieffreunde. Ein paar Frauen schrieben mir, denn ich hatte explizit vermerkt, dass es keine Partnersuche sei, aber es endete in Anfeindungen und Vorwürfen und letztendlich waren die Männer die besseren Briefeschreiber, ob sie nun eine Partnerschaft wollten oder nicht oder etwas ganz anderes.

Natürlich kam irgendwann Post, in die ich hineinlesen konnte, wonach ich mich sehnte. Ich war damals verheiratet. Das bin ich nun nicht mehr, was nicht so dramatisch ist, wie es immer hingestellt wird. Es war, es war gut, und nun ist es vorbei. Aber als neulich die Redakteurin von der örtlichen Zeitung, die so freundlich war, mich für einen Zeitungsartikel, den ich dankend in meine PR-Mappe hefte, zu interviewen, fragte: verheiratet?, sagte ich einfach "ja". Das ergibt keine Erklärungsbedarf. "Geschieden" hingegen ist wie ein Mal auf der Stirn. Schlug er sie oder ging sie fremd? Und dieses Merkmal bleibt gesetzt für den Rest des Lebens. Es verjährt nicht. Es gehen vielleicht zwanzig Jahre ins Land und ich bleibe, so ich mich nicht wieder vereheliche "geschieden". Ich sollte dazu bergehen, wenn jetzt wer fragt "verheiratet?" zu sagen: "Im Moment nicht".

Jedenfalls verliebte ich mich in den Schreiberling Hals über Kopf, alles nur um der schönen Worte willen. Die ich gelesen, er aber so gar nicht geschrieben, oder wenigstens gemeint hatte. Wir trafen uns, aber es passierte nichts, obwohl ich alles daran setzte.

Ich verbrachte einen endlosen Urlaub mit Mann und Kindern; die Gedanken verheddert in Tagträumen. Auf einem Zeltplatz an einem der vorbeschriebenen Seen, saß ich am Abend am Wasser, froh, dass die Kinder schliefen und der Angetraute mich in meiner Trübseligkeit sitzen ließ. Ein junger Mann kam mit einem Boot, einem ferngesteuerten. Ein sehr junger Mann. Als er das Hemd auszog, um das Boot, das weit auf dem Wasser trieb, zu holen, hätte ich über ihn herfallen mögen. Aber ich tat es nicht.

Aber verheiratet bin ich nicht mehr.
- lebt und arbeitet sehr gerne, sehr anonym in Dresden, lässt die Menschen aber manchmal ein Stückchen in ihr Leben schauen
mindestens haltbar Juni/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 06
ISSN 1816-8159
Autor: Grete
Titel: Ich bin eine Miesmuschel
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am 17. Jun, 23:33

Kurz und schmerzlos. Aber sehr dicht geschrieben. Gefällt mir gut.