Auf dem Mount Baldy

von moni
Der Mount Baldy liegt am Lake Michigan, an der Nordwestküste von Indiana, in den USA, und ist gar kein Berg, sondern eine lebendige Düne, die im Jahr vier bis fünf Fuß weit nach Süden wandert. Vom Kopf der Düne bis hinunter zum Strand sind es 37,5 Meter. In einigen Jahren wird der kleine Wald vernichtet sein, den die Düne zum Landinneren hin zu umschließen begonnen hat. Ich sitze ganz oben auf der Düne, in der Abendsonne leuchtet der Strand in sattem Gelb und das Blau des Lake Michigan unterscheidet sich kaum vom Blau des Himmels. Nordwestlich kann ich die Skyline von Chicago sehen. Ich sitze hier aber nicht einfach, weil es so ein perfekter Strandtag ist, die Geschichte begann bereits vor einigen Wochen.
An einem heißen Tag klingelte das Telefon in meinem Büro in einem Vorort Chicagos, von wo ich Reisen nach Europa organisiere. Am anderen Ende fragte eine ältere Frau namens Mrs. McDougal, die für die nächste Gruppe nach Kinsale in Irland gebucht war, ob ihr der Reiseleiter einen Tipp geben könne, wo sie während des Urlaubs die Asche ihres Mannes im Meer beisetzen könne. Ich erfuhr, dass ihr Mann schon seit Jahren verstorben war, sie es aber einfach nicht fertigbrachte, seine Asche wie gewünscht im Wasser beizusetzen. Alle bisherigen Versuche waren gescheitert, immer wieder hatte sie die Urne doch wieder mit nachhause genommen. Da ihr Mann irischen Ursprungs war, hatte sie es sich nun so ausgedacht und hoffte, dass es ihr im Ausland leichter fallen würde, sich von ihm zu trennen.
Am Tag nach der Ankunft der Gruppe in Irland klingelte mein Telefon und unser Reiseleiter Jim berichtete, Mrs. McDougal sei eine liebenswerte, etwas vergessliche alte Dame, die völlig fasziniert sei von Irland, und er habe ihr schon eine geeignete Stelle zur Beisetzung der Asche im Meer gezeigt, alles also kein Problem. Ich freute mich, daß Mr. McDougal nun also in Irland seinen Frieden finden würde und vergaß die Angelegenheit. Bis einen Tag nach der Abreise der Gruppe wieder das Telefon klingelte: der Hotelmanager in Kinsale sagte, die Gruppe sei glücklich abgereist, aber eine Dame in Zimmer 34 habe ein Kästchen im Nachtschrank vergessen, welches er nun an mich geschickt habe und ich könne es dann an sie weiterleiten. Ich sah in meinen Listen nach. In Zimmer 34 hatte natürlich, wie ich es gleich befürchtet hatte, Mrs. McDougal gewohnt.
Ich rief sie an, ihr Redefluß war vor Enthusiasmus über Irland kaum zu stoppen. Vorsichtig fragte ich an, ob sie ein Kästchen im Nachtschrank ihres Hotelzimmers vergessen habe. Es wurde einen Moment still, dann seufzte sie und sagte, sie könne es nicht fassen. Im Kästchen befinde sich tatsächlich die Asche ihres Mannes. Mrs. McDougal war verzweifelt. Sie hatte gedacht, dass sie ihren Mann beigesetzt hatte, müsse es dann vor lauter Begeisterung vielleicht aber wohl doch vergessen haben. Dabei sei sie sich doch eigentlich sicher gewesen, oder vielleicht dann eben doch nicht. So überlegte sie eine Weile vor sich hin. Dann sagte sie ganz unvermittelt, dass sie das Kästchen nun auf keinen Fall zurück wollte, immerhin habe sie bis gerade gedacht, es sei erledigt gewesen. Ob ich nicht den netten Reiseleiter bitten könne, diese Aufgabe nachträglich für sie zu übernehmen?
Ich brachte es nicht übers Herz ihr zu sagen, dass die Asche ihres Mannes schon auf dem Weg nach Chicago war. Und so sagte ich zu, dass Jim das bestimmt angemessen für sie erledigen würde. Sie schien sehr erleichtert und froh. Und ich beschloss, die Asche von Mr. McDougal dem Lake Michigan zu übergeben.
Zwei Tage später erhielt ich das Paket aus Irland. Ich nahm das Kästchen heraus und öffnete es vorsichtig. Da saß ich nun und sah auf die Asche eines mir unbekannten Mannes. Ich musste sofort losfahren, jetzt oder nie. Also nahm ich mir den Rest des Tages frei, setzte mich ins Auto, und mit dem Kästchen auf dem Beifahrersitz fuhr ich zu den Indiana Dunes, Highway 12 und County Line Road, zu meiner Lieblingsstelle, dem Mount Baldy. Ich erklomm die Düne und wollte mich vor der Übergabe ans Meer nur kurz setzen.
Nun also sitze ich hier oben. Aber schon seit drei Stunden. Und das Kästchen mit den Überresten von Mr. McDougal steht noch immer neben mir. Der Strand unten leuchtet wunderschön und ich möchte nicht an das Unmögliche denken. Ich denke stattdessen an den kleinen Wald, den die Düne unmerklich, aber unaufhaltsam einschließt. Ich möchte nicht mit dem Kästchen hinuntergehen. Aber Mr. McDougal mit nachhause nehmen möchte ich auch nicht. Eigentlich nicht. Dann würde es mir vielleicht wie Mrs. McDougal ergehen, die keinen Weg fand sich zu trennen. Ich kann nicht hinuntergehen und ich kann nicht wegfahren. Je länger ich sitze, desto schlimmer wird es.
- Moni "wasweissich" arbeitet als freiberufliche Übersetzerin, Redakteurin und Referentin im Kulturtourismus. In ihrem Weblog 'gedankenträger' schreibt sie über unterschiedlichste Themen: von Literatur über Episoden aus dem Leben in den USA bis hin zum Alltag mit ihrem schwerbehinderten Sohn, der Autist ist.
mindestens haltbar Juni/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 06
ISSN 1816-8159
Autor: moni
Titel: Auf dem Mount Baldy
Metadaten im BibTeX Format
Creative Commons-Lizenzvertrag

Dieser Text ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.


am 11. Jun, 18:19

Was für eine schwere Aufgabe! Sehr schön beschrieben.