Endlich wieder zuhause

von Pia Januszek
Er stand zwei Meter von ihr entfernt, sah über die Schulter zu ihr und lächelte. "Los, komm schon. Kneifen gilt nicht." Sie zögerte einen Moment, bevor sie nach der Hand griff, die er ihr hinhielt und sich mitziehen ließ.

Die Sonne war gerade über die Dünen gekrochen und die Luft war feucht und kühl. Sechs Uhr war es höchstens und kein Mensch, außer ihnen, war auf dieser Straße mit dem holprigen Pflasterstein unterwegs. Sie ließ ihren Blick der Straße folgen und wusste, dass an ihrem Ende das Haus lag, in dem sie als Kind glücklich gewesen war. Das Haus, welches sie vor über sieben Jahren klammheimlich verlassen hatte und bisher noch nicht einmal zurückgekehrt war.

Sie spürte, wie er ihre Hand drückte und sah ihn an. "Kommst du?" Finns Augen waren klar und schauten sie ermutigend an. Sie lächelte kurz, sah sich dann zu Lasse, Florian und Malte um, die neben ihnen standen und nickte.

Die ganze Nacht hatten sie im Bandbus der vier Jungs gesessen und geredet, nachdem Lenas Tränen getrocknet waren und ihr Herzschlag sich wieder normalisiert hatte. Sie hatte von ihrer Kindheit gesprochen, von ihrer Familie, von alten Freunden. Sie hatte über all das gesprochen, was sie die letzten sieben Jahre so vehement aus ihrem Leben verdrängt hatte. Zum ersten Mal. Und sie hatte vom Meer erzählt, das sie ebenso lang nicht gesehen hatte. Weder hier, noch an einer anderen Küste. Sie hätte den Anblick nicht ertragen können. Doch jetzt fühlte sie wieder diesen unbändigen Drang ihre nackten Füße in den Sand zu bohren, das Wasser um ihre Knöchel schwappen zu sehen und in die unendliche Weite des Meeres zu starren.

Finn hatte sie angegrinst, war aus der Bank gerutscht und hatte ihr fest in die Augen geschaut. "Na, worauf wartest du dann noch?" Verwirrt hatte sie ihn angesehen und schließlich war es Lasse, der nach ihrer Hand griff und sie auf die Füße gezogen hatte. "Ja, lass uns hingehen und gucken, ob es noch da ist."

Lena sah zum Himmel und erkannte, dass es ein stürmischer Tag werden würde. Die weißen Wolken verrieten ihr, dass die See rau war, noch bevor sie sie sehen konnte. "Wo lang?", fragte Lasse und grinste sie an. Lena hob den Arm und deutete in eine Gasse. "Da hinten ist der Weg durch die Dünen." Lasse lief voraus. Sie folgte ihm schweigend. Jeder schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Immer wieder sah Finn sie aufmunternd von der Seite an und zwinkerte ihr zu.

Er hatte sich als unglaublich stark erwiesen, sie in die Arme genommen, als ihre Gefühle sie nach Beendigen ihrer Geschichte übermannt hatten. Finn hatte ihr zugeflüstert, dass er stolz auf sie sei, dass es das Richtige war, ihnen ihre Geschichte zu erzählen. Und Lena hatte sich sicher gefühlt. Sie fragte sich, wieso ihr nicht früher aufgefallen war, welche Stärke er besaß? Eigentlich war es in den schwierigen Moment immer Finn gewesen, der da gewesen war, zugehört hatte und sie auffing. Er hatte nie nachgebohrt oder verlangt, dass sie mehr erzählte, als sie es ohnehin von sich aus tat. Er hatte sie ganz alleine auf sich zukommen lassen, sie nicht bedrängt und damit wahrscheinlich genau das erreicht, was Lena jetzt empfand: Vertrauen und Sicherheit auf eine ganz bestimmte, unabhängige Art und Weise.

Sie kamen an den Holzplanken an, die im Sand verliefen und hinaus in die Dünen führten. Dahinter lag das Meer. Lena konnte es hören.

Lasse stand bereits oben, reckte sie Arme in die Höhe und rief ihnen zu: "Los, kommt schon. Es ist großartig!" Dann verschwand er auf der anderen Seite und nur noch ein leises Johlen wurde vom Wind über die Dünen zu ihnen getragen. Lena lachte. Sie lachte laut, ehrlich und herzlich.
Die drei Anderen sahen sie ebenfalls lachend an. Da war es wieder, dieses fröhliche Lena Lachen, nachdem sie sich heute Nacht alle so sehr gesehnt hatten.

Lena ließ Finns Hand los, riss sich die Schuhe von den Füßen und rannte die Düne hoch. Oben angekommen blieb sie stehen, starrte in die Ferne und ließ den Wind mit ihren Haaren spielen. Dann drehte sie sich zu den anderen um, die ihr gefolgt waren. "Ist das nicht großartig?" Ihre Stimme war euphorisch und ihre Augen strahlten. Florian nickte und ließ seinen Blick ebenfalls über das Meer wandern, das so groß und gewaltig vor ihnen lag. Wie lange war er nicht mehr am Meer gewesen? Es musste Ewigkeiten her sein.

Im flachen Wasser stand Lasse, der die Schuhe und seine Jeanshose achtlos in den Sand geworfen hatte. Er winkte mit beiden Armen und sprang wie Rumpelstilzchen von einem Bein auf das andere. Das Wasser spritzte.
Lena schloss die Augen, lauschte einem Moment dem rauschenden Meer und dem Wind, der ihr um die Ohren pfiff. Dann rannte sie los, haltlos. Als sie den kühlen Sand unter ihren Füßen spürte, wusste sie, dass sie wieder zu Hause war. Dass dies hier in diesem Moment der glücklichste und schönste Ort der Welt für sie war.

Sie warf ihre Schuhe in den Sand, rannte ohne abzubremsen auf das Wasser zu, spürte es an ihren Beinen hoch spritzen und warf sich dann mit offenen Armen Lasse entgegen. Gemeinsam fielen sie laut lachend ins Wasser und verschwanden für einen Moment in den Wellen.
Als sie wieder auftauchten und nach Luft rangen, sahen sie, wie auch die anderen auf sie zu gerannt kamen. Im Lauf zerrten sie ihre Schuhe von den Füßen und warfen sie in den Sand.
Lena spritze Lasse mit Wasser voll, quiekte und lachte, wie ein kleines Mädchen, als die drei Anderen ebenfalls in die Fluten sprangen und das Wasser aufwirbelten.
Gemeinsam sprangen sie durch das hüfthohe Wasser, warfen einander um, schubsten sich und sprangen dem anderen auf den Rücken, bis der das Gleichgewicht verlor. Keiner der Fünf hatte sich in den vergangenen Jahren so frei und ungezwungen gefühlt. Sie waren wie fünfjährige, die keine Sorgen oder Verpflichtungen hatten.

Lenas T-Shirt klebte an ihrem Körper, ebenso wie ihre Haare und ihre Jeans. Bis auf Lasse hatten sich alle nur ihrer Schuhe entledigt. Sie lief aus dem Wasser, stellte sich mit ausgebreiteten Armen in den Sand und ließ den Wind eiskalt durch ihre Kleidung über ihre nasse Haut wehen. Sofort bekam sie eine dicke Gänsehaut, doch das störte sie nicht. Es war einfach ein zu schönes Gefühl.
Ein Auge geschlossen, eins leicht geöffnet, sah sie, wie Lasse und Finn auf Maltes Rücken hingen und versuchten ihn zu ertränken. Das Bild, das sich ihr bot, ließ sie laut auflachen.

Florian sah grinsen auf, rannte auf sie zu und riss sie an der Hüfte mit sich zu Boden. Lachend und nach Luft ringend lagen beide nebeneinander auf dem Rücken und sahen sich mit einander zugewandten Gesichtern an.
"Du wirst mir fehlen.", lachte Florian leise und zwinkerte ihr zu. "Ihr mir auch.", gab sie ebenfalls leise, aber nicht weniger herzlich zurück. Beide wussten, dass sie nicht gemeinsam zurück fahren würden, auch wenn es noch keiner von ihnen laut ausgesprochen hatte. Denn Lena war angekommen. Endlich wieder zuhause.

Florian griff nach ihrer Hand, zog sie vom Boden hoch, warf sich die laut protestierende Lena über die Schulter und rannte erneut auf die Wellen zu. Noch waren sie alle hier.
- auch in Köln geborene und arbeitende Marketing Managerin, Baujahr 80. Ihrem Blog Daily Me ? bis einer heult ist sie seit 2002 verfallen und befriedigt dort ihre tägliche Schreibsucht. Jedes geschriebene Wort ist für sie wie ein Herzschlag, weshalb sie oft ziemliches Herzrasen hat. Der hier vorliegende Text ist ein Auszug aus einem kommenden Buch.
mindestens haltbar Juni/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 06
ISSN 1816-8159
Autor: Pia Januszek
Titel: Endlich wieder zuhause
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am 12. Jun, 13:29

Vielen Dank Pia ! ... für diesen wunderbaren Ausblick :-)