Wellenbezwinger

von Herr Paulsen
Wiedergeburt, das ist ja so ein Thema für Leute, die Schiss vor der eigenen Endlichkeit haben und zu selbstverliebt sind, um sich vorstellen zu können, dass sich die Erde auch mal ohne sie dreht. Oder natürlich für kluge Buddhisten mit Durchblick. Ich gehöre momentan keiner dieser beiden Gruppen an, denke aber viel nach in den letzten Tagen. Irgendwas stimmt nicht mit mir. Ich verändere mich.
Ich wollte mich verändern, als ich diesen Job in der Ferienanlage annahm. Arbeiten, wo andere Urlaub machen, und dann feststellen, dass es der Arbeit herzlich egal ist, wo sie stattfindet, sie findet statt. Macht aber nichts, denn die Nachmittage sind frei, jeden Nachmittag stehe ich am Meer. Und da passiert es, ich werde ein Anderer. Ich tauche ein, ich schwimme los, mit kräftigen Zügen. Mein Körper, den ich zu Hause immer ein bisschen ungelenk, verspannt und dicklich finde, bewegt sich geschmeidig. Meine dünnen Arme schaufeln kraftvoll, elegant durch die Wellen, ich schwimme weit hinaus, ich werde nicht müde, und es ist, als hätte ich nie etwas anderes getan. Es ist nicht so, dass ich ein großer Schwimmer wäre. Ich habe seit zwanzig Jahren kein Hallenbad mehr betreten, und der Besuch eines Freibades erscheint mir selbst bei heftigeren Hitzewellen völlig absurd. Muffig riechende Baggerseen mit Algenbefall animieren mich höchstens zum Grillen am Uferrand. Nein, für mich muss es schon das Meer sein.
Jeden Tag schwimme ich eine Stunde, und erst am Strand bemerke ich, dass ich nichts gedacht habe, in der letzten Stunde, nur bemerkt. Die mir eigene Gedankenrastlosigkeit ertrinkt, während ich weiterschwimme.
Die Geräusche des Wassers hören, das weiche Wippen spüren, das Perlen des Wassers durch meine Hände. Unter Wasser lauschen. Das feine Klirren der Ankerketten im entfernten Fischerhafen, wie dünne Glasstäbe, die aneinanderschlagen. Und wie das Meer riecht, wie das Meer schmeckt! Kein Koch würzt so verschwenderisch wie das Meer und doch so elegant. Tauchen, tief eintauchen in die zunehmende Kühle, dem verschwommenen Grund entgegen. Ich huste viel zu Hause, ich rauche ja auch viel. Im Meer habe ich Luft.

Heute brandete das Meer den ganzen Tag schon in hellschaumiger Aufregung. Vom Küchenfenster aus konnte ich sehen, wie sich die Wellen bereits auf dem offenen Meer brachen, eine große Freude erfasste mich. Ja, heute war ein roter Tag!
Ich bin sofort nach der Arbeit, sehr schnell zum Strand gelaufen, und meine Enttäuschung war grenzenlos. Gelb. Die Flaggen am Strand waren gelb. Gelb ist Kinderkacke, das haben wir hier jeden zweiten Tag, gelb machen Whirlpoolbesitzer zu Hause per Knopfdruck, gelb ist nichts für Meeresbezwinger wie mich. Trotzdem stürzte ich mich sehr männlich in die Fluten und bemerkte schnell, holla, das ist aber sehr gelb heute.
Um mich herum nur Wellenberge, kein Horizont mehr zu sehen, überall Wellen, sehr große Wellen, und heute mal nicht nur von vorn, nein auch von links und rechts, dazwischen fließende, saugende Wellentäler mit perlend schäumenden Augen. Na, das ist doch voll mein Ding hier, denke ich noch, überprüfe kurz, ob wenigstens der Strand noch da ist, und wende mich beruhigt wieder dem Meer zu. Ich habe sie nicht kommen sehen. Die Mutterwelle.

Es kommen ja immer so vier-fünf Babywellen, dann zwei-drei Halbstarke und dann folgt immer die eine, die Mutterwelle. Diese hier, vor mir, ist so groß wie eine Gartenlaube und so breit wie acht Getränkeautomaten nebeneinander. Eine Wand aus graugrünem Wasser, die Luft ist flüssiges Salz. Ich habe sie nicht kommen sehen, es ist zu spät. Ich könnte tauchen. Tauchen bei Wellengang ist was für Grün-Schwimmer, ich tue das einzig Richtige. Ich stelle mich der Gefahr. Ich springe seitlich auf die Gartenlaubenwand. Eine gute Entscheidung, sofort werde ich aufs Hausdach getragen, für einen Moment gibt es wieder einen Horizont, sogar mein Po ist jetzt aus dem Wasser! Tolle Sicht. Aber nur kurz, plötzlich bin ich im Inneren der Gartenlaube, Hausbesichtigung, ungefähr zwanzig Sekunden lang, dann spuckt mich die Gischt am Strand aus.

Ich gehe ein bisschen unsicher. Ja, gut, ich wanke. Ich ziehe mir die Badehose wieder hoch und gucke mit brennenden Augen den Strand entlang. Ganz verschwommen sehe ich in der Ferne den Bademeister. Er winkt mir. Meint er mich? Neben dem Bademeister ist frisch beflaggt. Rot. Der kann mich mal, denke ich und kehre selbstverständlich sofort zurück ins Meer. Und es erfasst mich ein Gefühl der Freude, ein tiefer Stolz, als ich erkenne, ich bin nicht allein. Alle anderen Kinder bleiben auch noch im Wasser.
Der gelernte Koch arbeitet als Foodstylist, Redakteur und kulinarischer Berater für Zeitschriften, Werbung, Film und Fernsehen. In seinem Blog erzählt er, unter anderem, oft vom Leben hinter der Küchentür und der sehr eigenen Gesellschaft der Köche & Gourmets.
mindestens haltbar Juni/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 06
ISSN 1816-8159
Autor: Herr Paulsen
Titel: Wellenbezwinger
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am 29. Mai, 18:04

Sehr gute Arbeit