0306 - Meer und mehr
Editorial
Don Dahlmann
Kaum etwas fasziniert die Menschen mehr als das Meer. Da passiert zwar meist nur sehr wenig, außer das gleichförmig die Wellen ans Ufer schlagen, aber doch gibt es da etwas, was uns mit dem Meer verbindet.
Kaum etwas fasziniert die Menschen mehr als das Meer. Da passiert zwar meist nur sehr wenig, außer das gleichförmig die Wellen ans Ufer schlagen, aber doch gibt es da etwas, was uns mit dem Meer verbindet.
"Am Meer verspüre ich Sehnsucht nach dem Ufer, das ich nicht sehe." Das Zitat stammt vom Schweizer Autor Otto Baumgartner und wenn man einen melancholischen Tag hat, dann ist es wohl ein ähnliches Gefühl. dass man verspürt, wenn man ein paar Stunden die Wellen und die Weite beobachtet. Die Zeiten, in denen man mit dem Meer das große Abenteuer und die Entdeckung eines neuen Landstriches verbunden hat, sind leider lange vorbei. Aber was die eigenen Wünsche und Sehnsüchte angeht, können diese besonders gut mit einem Blick aufs Meer auf die Reise gehen. Die vielen Geschichten dieser Ausgabe, die rechtzeitig zur beginnenden Urlaubssession, erzählen in sehr unterschiedlichen Stilen von den Erlebnissen, die die Autoren am oder mit dem Meer gemacht haben.
An dieser Stelle geht ein großer Dank an die Autoren und die vielen Helfer im Hintergrund, die in diesem Monat dafür gesorgt haben, dass die neue Ausgabe wieder pünktlich erscheinen konnte.
Ein besonderer Dank geht an Herrn Paulsen, der in diesem Monat die Bilder für diese Ausgabe zur Verfügung gestellt hat.
Ich wünsche viel Spaß bei der Lektüre
Don Dahlmann
Don Dahlmann
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein
Blog.
übersetzen - über wasser
Susanne Englmayer
am anderen ufer ist noch licht. fliegen will ich. durch die nacht. die luft. über das wasser. hinüber. mich übersetzen. in eine andere sprache. meine einzige. sprache. schwerelos. bodenlos. fremde welten. betreten. ein anderes land. ich allein. bin mir sicher. das leben ist. am anderen ufer.
am anderen ufer ist noch licht. fliegen will ich. durch die nacht. die luft. über das wasser. hinüber. mich übersetzen. in eine andere sprache. meine einzige. sprache. schwerelos. bodenlos. fremde welten. betreten. ein anderes land. ich allein. bin mir sicher. das leben ist. am anderen ufer.
den weg gehen. der gegangen werden muß. niemand fragt. wie es geht. mir geht. warum ich gehe. oder wann. schon gar nicht wohin. das land. das ist nicht wichtig. kein wort ist wirklich. keine sprache wächst. auf realem boden. am ufer. diesseits. meiner selbst. überlebt mein klang. nicht eine nacht. den klang des wassers. weggehen. ich weiß. den weg. kann fliegen. schweben. jederzeit. über wasser. es ist spät. auch heute wieder. die luft wird dünn. am frühen abend schon. und kühl. die nacht. niemand fragt. wie es geht. wie lange. und warum. trotzdem. immer wieder. eine antwort. ein versuch. an jedem morgen. neu. und nur für mich. allein. es geht mir gut. oder nicht. ich träume. ich lache. manchmal. ich bin müde. jede antwort lügt. es ist traurigkeit. dahinter. verzweiflung. ich kann nicht übersetzen. ich bleibe. ohne worte. was ich auch sage.
fenster öffnen. im licht des tages. in deine richtung. sehen. wollen. sprechen. jedes wort ein schritt. ein weg. ich gehe. entlang der feinen linie. vorwärts. das land. ich lausche dem klang. deine antwort. schwer verständlich. noch. immer. ich bleibe. bodenlos. unerreichbar. das wirklich menschliche. ist mir fremd. lebt. an einem anderen ort. nacht für nacht. am tag. ein licht. das ich nicht finde. nicht kann. nicht sehen. nur ahnen. und wissen. von dir. im schlaf. im traum. das emotionale gedächtnis ruft. rührt durch meine eingeweide. rüttelt an tiefschlafenden speicherzellen. löscht feste datenbanken. im hirn. im knochenmark. unwiederbringlich. verwirft erinnerung. und worte durcheinander. was ich je zu wissen glaubte. ist verloren. verbirgt sich. weiter. tiefer. nimmt mich nicht mit. auf die reise. ohne wiederkehr. das land. es schläft sich gut. am anderen ufer. ruhig. unter dem matten licht des mondes. meiner verzweiflung. fern. niemand lacht. das unerträgliche. die andere seite. unerreichbar. über das wasser. fliegen. ich bleibe.
ich will. beim nächsten vollmond. übermorgen. gehe ich. den weg. über das wasser. setzen. nachts. kein schneller flug. und keine flucht mehr. unberührbar. schwerelos. in den lüften. verborgen. den kopf. in den wolken. verstecken spielen. nein. stehend. im boot. fest. mit beiden beinen. eigenhändig. langsam das ruder. bewegen. im wasser. gleichmäßig. kräftig. vorwärts treiben. leise. über das wasser. dunkel wird weit. schwerer. und leicht. der weg. der klang. eindeutig. jeder moment. jeder schlag. erinnerung. von wasser geprägt. von licht. von beiden ufern. beiden seiten. getragen. das land. niemand fragt. warum. das wasser schlägt.
boote tragen sicher. über wasser. lange schon. auch mich. auf meinem weg. ins licht. ich folge meinen worten. feine linien. klar gezeichnet. vor mir. ich will. muß. übersetzen. mit den worten gehen. doch leben ist. auf beiden seiten. an beiden ufern. schläft die angst. und wartet. ich bleibe. hilflos. immerzu am rand. entlang. der angst. über das wasser. ohne ende. immer weiter. ich träume. das land. im kalten schwarz des neuen mondes. allein. neue träume träumen. gegenüber meiner angst. zum trotz.
doch nur das wasser kennt bewegung. immer schon. wie konnte ich vergessen. seine richtung wirkt. mir entgegen. mein weg vergeht. mein netz von worten. feine linien. vor mir. ausgebreitet. gut verteilt. in alle himmelsrichtungen. verknüpft. schwach. bin ich. mein traum. das land. und alle meine ufer. schwinden. nur ich. muß bleiben. hilflos treiben. zwischen welten. hier nicht. dort nicht. noch nicht. nirgendwo zu hause. ich muß weiter. leben. übersetzen. das allein. bleibt wahr. vielleicht. zum schluß. das meer. der ozean. und kein zurück.
ich folge dem wasser. freiwillig. dem fluß. dem strom. in seine richtung. meine richtung. zeit vergeht. vergißt mich. endlich. und ich träume. alles anders. lasse hinter mir. das land. und alle angst. verzweiflung. traurigkeit. tief in mir. verwurzelt. bleibt. mein weg. bei mir. wohnt mich fest. fühlt sich wohl. im wasser.
jenseits von allen ufern. mitten in der nacht. auf keiner meiner seiten. lebt ein geist. er kennt nur eine richtung. folgt dem fluß des wassers. freiwillig. wie ich. seit tausenden von jahren. schon. immer. neben mir. sein atem spricht. trifft mich. tiefer. wirklicher. als jedes wort. ein geist. geht meinen weg. mit mir. erlebt den gleichen klang. singt mir das lied. den weg. frei. von allen ufern. allen wassern. allen träumen. er weiß den weg. ich weiß. nur bis zur nächsten biegung. ein stück vom weg. ein augenblick. nicht mehr. nicht weniger. ist unser weg.
Cold Water
Frau Klugscheisser
Auf 20 Meter beginnt mein Kopf zu arbeiten. Was, wenn jetzt mein Automat abbläst? Damals im Walchensee habe ich es erlebt. An der Steilwand auf 40 Meter. Umhüllt von Dunkelheit, unter mir unendlicher Abgrund.
Eine schwüle Hitzeglocke hängt schon morgens über dem Mondsee. Als wir mit dem Bus ankommen, schwingt sich uns ein altes Weiblein erstaunlich flink auf Krücken entgegen. Zwei Euro möchte sie haben, pro Kopf versteht sich. Die restlichen Besucher des kleinen Parkplatzes haben sich bereits aus ihren Wohnmobilen geschält und bereiten die Grille für das Mittagsfleisch vor. Die Ausrüstung ist schnell zusammengebaut, doch vor Anziehen des dicken Trockentauchanzuges graut mir ein wenig. Hilft alles nicht, es muss sein, will ich drunten im See nicht frieren. Ich beginne mit der langen Unterhose, Socken, darüber Neoprensocken, schließlich ein Langarmshirt und ein Pullover. Dann steige ich in das dicke Ungetüm, lasse von meiner Kollegin den Reißverschluss am Rücken schließen, schlüpfe in Kopfhaube und Handschuhe. Das restliche Equipment - Jacket mit Flasche, Blei und Lampen - wiegt gut und gerne nochmals 20 Kilo. So schleppe ich mich zum Wasser. An der Oberfläche warte ich auf die Tauchgangsführerin mit ihrem Schüler. Ich hänge mich heute nur hinten dran. Als Tauchlehrer habe ich zwar Erfahrung, in letzter Zeit fehlt mir aber die Routine. Vor eineinhalb Jahren musste ich pausieren, danach war ich nur noch zwei-, dreimal im Wasser. Die Tiefe verlangt Körper und Psyche eine Menge ab. Kleine Fehler können sich verheerend auswirken.
Nach dem Zeichen zum Abtauchen lasse ich alle Luft aus Anzug und Jacket. Ich gleite langsam hinab in die Welt der Schwerelosigkeit. Sobald das Wasser mein Gesicht berührt, verlangsamt sich mein Herzschlag. Mein Innerstes ist vollkommen ruhig. Zunächst wirkt die Kühle erfrischend. Es soll diesmal kein tiefer Tauchgang werden. Ich orientiere mich am Grund, richte den Kompass und schaue mich nach markanten Gegenständen wie Astwurzeln, Erhebungen oder Steinen um, damit ich in der Lage bin, den Ausstieg wieder zu finden. Langsam gewöhnen sich meine Augen an das Dämmerlicht. Kleine Barsche schwimmen in Gruppen Slalom um das Seegras. Der Grund, an dem wir entlanggleiten, fällt seicht ab. Als wir die Sprungschicht erreichen, wird es merklich kälter. Wangen, Kinn und Lippen sind die einzigen Körperstellen, die direkt mit dem kalten Wasser in Berührung kommen. Auf 15 Meter muss ich die Lampe einschalten, um den Grund deutlich zu sehen. Ein kleiner Hecht huscht durch den Lichtkegel. Sonst sehe ich nur Schlamm, Laub und Felsbrocken, doch selbst diese kleinen Dinge besitzen hier unten einen ganz eigenen, bizzarren Charme. Mit der Hand wirble ich ein wenig Schlamm auf und beobachte, wie er sich zeitlupenartig wieder senkt, um ein neues Muster auf den Boden zu zaubern. Zu den anderen Beiden lasse ich lieber Abstand, da der Schüler mit seinem Flossenschlag viel Dreck aufwirbelt, der mir die Sicht trübt.
Auf 20 Meter beginnt mein Kopf zu arbeiten. Was, wenn jetzt mein Automat abbläst? Damals im Walchensee habe ich es erlebt. An der Steilwand auf 40 Meter. Umhüllt von Dunkelheit, unter mir unendlicher Abgrund, im Lichtkegel die bizzarre Felswand. Klettern ohne Anstrengung und ohne den Felsen zu berühren. Ich führe den Tauchgang, will tiefer, mein Partner geht mit. Auf 50 Meter beginnt aufgrund des hohen Umgebungsdruckes eins meiner Ventile zu vereisen. Der Automat bläst die Luft aus der Flasche unkontrolliert ab. Ich deute meinem Partner, das vereiste Ventil abzudrehen und wechsle auf den anderen Automaten. Eine kurze Weile verharren wir frei schwebend. Er vergisst, das Ventil wieder zu öffnen. Ich will jedoch mein alternatives Ventil nicht überlasten, da dieses ebenfalls einfrieren könnte und frage ihn per Zeichen, ob das erste wieder geöffnet ist. Er nickt. Also wechsle ich wieder das Mundstück, doch als ich anziehe, kommt keine Luft. Ich wechsle routiniert wieder auf das geöffnete Mundstück. Womit ich in diesem Moment nicht gerechnet habe, ist die Stickstoffnarkose. Der Kopf reagiert unter Druck verlangsamt, Reize werden von den Nervenzellen nicht mehr korrekt verarbeitet. So bin ich mir nicht mehr im Klaren, in welche Richtung wir müssen. Oben und unten, rechts und links, überall pechschwarze Nacht. An den aufsteigenden Luftblasen könnte ich mich orientieren, doch diese Information gelangt nicht mehr bis in mein Bewusstsein. Mein Partner übernimmt die Führung. Seitdem weiß ich, wieviel ein verlässlicher Tauchpartner wert ist.
Plötzlich kehrt die Tauchgangsführerin mit dem Schüler um. Ich weiß nicht wieso, denke zunächst, sie will irrtümlich in die falsche Richtung, bis ich sehe, dass der Schüler aus dem gelben Oktopus atmet. Sein Automat ist vereist. Langsam steigen wir auf. Der Schüler atmet schnell und ohne Pausen. Sie versucht ihn zu beruhigen. Schließlich vereist auch seine alternative Luftversorgung. Ich halte meine beiden übrigen Mundstücke bereit. Seine Flasche hat sich geleert, doch wir zwei haben noch genügend Reserven, um alle sicher an die Oberfläche zu bringen. Seine Bestrebung, möglichst schnell nach oben zu gelangen, unterbindet sie gekonnt, hält ihn fest, sucht Blickkontakt und beginnt, mit ihm zu atmen, bis sich sein Atemrhythmus normalisiert hat. Kein leichtes Unterfangen, einen Taucher in Panik am unkontrollierten Aufstieg zu hindern. Die Folge wäre für ihn - je nach Stickstoffsättigung - ausperlender Stickstoff in den Blutbahnen und Bläschen, die eventuell Haargefäße verschließen. Nach einer Weile ist er soweit, um den langsamen Aufstieg zu beginnen. Ich bin etwas enttäuscht, dass der Tauchgang so schnell beendet ist, doch der Schüler ist mit Sicherheit sehr froh, wieder frei atmen zu können.
Wir planen den folgenden Tauchgang im benachbarten Attersee. Nach einem Unfall muss man weiterfahren, vom Pferd abgeworfen sofort wieder aufsteigen und der Taucher sofort wieder runter. Die Hemmschwelle wird zu groß, wenn nach einem beängstigenden Ereignis zu viel Zeit vergeht. Ich habe damals einige Monate verstreichen lassen, bis ich wieder ins Wasser bin. Erst fehlte die Möglichkeit, dann wurde ich immer ängstlicher, zuletzt ein ärztliches Verbot. Beim Wiedereinstieg mied ich die Tiefe gänzlich. Für einen Tauchlehrer fatal. Im Grunde ist so ein Vorkommnis nicht schlecht. Man agiert umsichtiger, zollt dem fremden Element den nötigen Respekt. Während wir unsere Ausrüstung einpacken, zum nächsten Platz fahren und uns dort vorbereiten, spricht er fast ununterbrochen vom Vorfall. Er verarbeitet sein Erlebnis durch Sprechen. Wir helfen ihm dabei, indem wir Tipps geben, ihm zuhören und ihm Mut zusprechen.
Inzwischen dringen durch die aufgebrochene Wolkendecke erste Sonnenstrahlen. Ich bin schnell im Wasser und lasse mich an der Oberfläche von den Wellen schaukeln. Beim Abstieg sehe ich die Sonnenstrahlen schräg einfallen. Ich bewege mich in Zeitlupe, hie und da ein Flossenschlag. Dennoch legen wir einen beachtlichen Weg zurück. Als wir umkehren, hat sich die leichte Strömung gedreht und zieht uns langsam an die Einstiegsstelle. Ich bewege mich kaum noch, kontrolliere nur noch die Höhe mit meiner Atmung und werfe ab und zu einen prüfenden Blick auf die Instrumente. Das Laub bewegt sich mit der Strömung, als ob ein leichter Windhauch darüber hinwegbliese. Die Welt unter Wasser spiegelt die darüber, doch nimmt sie ihr jegliche Hektik. Hier unten konnte ich immer entspannen, abschalten, mich hineingeben und vertrauen. Während andere nach besonders prächtigen Exemplaren an Lebewesen oder anderen Kuriositäten (Kriegspatronen, Autowracks, etc.) Ausschau halten, um davon berichten zu können, gilt mein Blick den Unscheinbarkeiten. Für mich gibt es keine langweiligen Tauchgänge. Wenn ich nicht zur Entspannung tauche, dann um die Beherrschung des Geistes zu schulen. An die eigenen Grenzen stoßen, mit Ängsten aktiv umgehen, Grenzen erweitern. Und immer wieder reflektieren, antizipieren, lernen. Kaum einer versteht meine Intention. Deswegen bin ich still geworden, lasse lieber die anderen von ihren Heldentaten berichten und lausche kopfnickend. Auch das gehört zu den Aufgaben eines Tauchlehrers. Denen, die es nicht kennen, brauche ich schon gar nicht ankommen. Warum ich mich absichtlich in Gefahr brächte und wenn ich es dennoch beherrschte, wieso mir nicht wichtig sei, ob ich dort unten Spektakuläres sehe, so lauten die Fragen. Ich kann es ihnen nicht begreiflich machen, meine ganz eigene Form von Meditation.
Auf der Heimfahrt bin ich müde. Gleichzeitig formen sich in meinem Kopf Gedanken. Am gemeinsamen Essen möchte ich nicht mehr teilnehmen, lieber für mich sein. Sie dürfen gerne ihre Geschichten teilen, ich bin in diesem Falle ein schlechter Zuhörer. Jedes einzelne Wort bedeutet Anstrengung, der ich mich bewußt entziehe. Langsam wird es dunkel. Die obere Welt ist nass vom Regen. Ich sitze und starre in die Nacht, ganz ruhig, ganz aufgeräumt. So fühlt sich Zufriedenheit an.
Frau Klugscheisser
Smartass klingt freundlicher als das deutsche Klugscheißer und weniger verbissen. Dennoch hat Frau Klugscheisser diesen Namen gewählt, weil deutsch ihre Muttersprache ist. In ihrem Blog verbeißt sie sich in Nebensächlichkeiten, verschluckt sich an widrigen Umständen und verdaut so Alltägliches. Sie hat wenig Ahnung von Politik, dafür umso mehr von Menschen, die sie studiert. Ob die nun typisch deutsch sind, ist schwer zu beurteilen. Zumindest sind sie typisch menschlich, genau wie sie selbst.
Das Halbe und das Ganze
Modeste
So kehrte die Meerjungfrau Abend für Abend ins Meer zurück, nicht mehr Meerjungfrau, nie Prinzessin geworden, körper- wie stimmloser Geist.
Am Abend, wenn in allen Apfelblüten schon der Mond hing, saß mein Vater in dem Sessel neben meinem Bett und las vor. "Weit draußen im Meer,", las er, "ist das Wasser so blau wie die Blätter der schönsten Kornblume, und so klar wie das reinste Glas....", und ich zog mir die Decke bis unters Kinn und schlief ein, bevor die Meerjungfrau zur Meerhexe kam, und lange bevor sie den glatten, glitschigen, nassen Fischleib eintauschte gegen zwei Beine, die bei jedem Schritt schmerzten in ihrer schlanken Eleganz. Am Ende, dass wusste ich, würde der Prinz eine andere heiraten, die ein Mensch war von Anbeginn, aus einem Guß, und die Meerjungfrau würde ganz vergeblich das Wasserwesen von sich geworfen haben, und erst stumm, und dann zu Schaum werden und schließlich vergehen als ein dienender Geist der Luft.
Weinen hätte ich können über die Vergeblichkeit der Opfer, die Sprachlosigkeit der Meerjungfrau mit der zerschnittenen Zunge, und die Blindheit des Prinzen, der die Liebe nicht bemerkte, die da neben ihm schritt. Mag sein, dachte ich vielleicht, bemerkte der Prinz die Liebe der Nixe sogar, aber roch die erzauberte Natur der Beine, ekelte sich vor der Mühsal und der dunklen Magie, die es gekostet hatte, den schillernden Unterleib der Meerjungfrau zu verwandeln, und so kehrte die Meerjungfrau Abend für Abend ins Meer zurück, nicht mehr Meerjungfrau, nie Prinzessin geworden, körper- wie stimmloser Geist. Am Deck des Schiffes stand der Prinz und sah ihr nach, seine Braut im Arm. Der Prinz, wusste ich, würde sie vergessen.
Die Prinzessinnen verschwanden aus den Büchern, die im Nachttisch lagen und auf die abendliche Lesestunden warteten. Die Tiermenschen blieben, wuchsen, verloren die stumme Ergebenheit der Meerjungfrau mit der Sehnsucht nach den roten Blumen, und rasten als Zentauren durch die Wälder meiner Nächte. Als mächtige Ärzte, Erzieher, Giftmischer flüsterten die Zentauren von menschlicher Klugheit gepaart mit tierhafter Energie, von Wildheit, vom rohen Fleisch, das sie nährte. Der Geruch der nassen Pferde nach einem Ritt durch den Sommerregen den Waldrand entlang musste ihrer sein, aber auch die Zentauren verblassten, und in den Büchern, die sich nunmehr neben dem Bett stapelten, wurden die Tiermenschen weniger, keine wilden Schwäne kreuzten den Abendhimmel und warfen bei Nacht ihre Federn ab, kein Gott verwandelte sich in einen schwarzen Stier, die Welt verlor ihre Verzauberung, und nur selten wurde unter den Füßen unter den gedrechselten Tischen im Kerzenschein ein Bocksfuß sichtbar.
Irgendwo aber, weitab von dieser Stadt aus geborstenen Steinen und dem Staub der Baustellen, irgendwo in den Wäldern kämpfen nach wie vor die Zentauren. Ein Stier mit goldenen Hörnern teilt das Wasser. Und der Schaum, in dem die Meerjungfrau vergehen muss, gebiert ein neues Wasserwesen, unverletzlich, ganz, unteilbar und gepriesen von den Stürmen, die nachts übers Meer kommen.
Modeste
Nach Jahren des Umherziehens lebt und amüsiert sich Frau Modeste seit vier Jahren in Berlin. Ihre Alltags- und Sonntagsgeschichten veröffentlicht sie unter
Melancholie Modeste.
Das Nebelhorn
Maximilian "Merlix" Buddenbohm
Es fehlt mir nicht, im Sommer im Meer zu sein, ich habe als Kind mehr gebadet als die meisten Menschen es im ganzen Leben schaffen werden.
Ich wohne schon seit zwanzig Jahren nicht mehr an der Küste. Das ist meist nicht weiter schlimm, denn ich wohne in Hamburg, der einzigen Großstadt, die nicht am Meer liegt, in der die See aber dennoch überall zu spüren ist. Die Elbe trägt Geruch und Wetter von der Nordsee mit der Tide in die Stadt, die Möwen, die hier schreien, waren eben noch draußen am Strand und wenn man an den Landungsbrücken steht, kann man das Meer zwar nicht sehen, aber es ist doch da. Immer wieder stehen da Touristen an den Fischbrötchenständen, die wirklich meinen, daß da irgendwo, da gleich hinter den riesigen Docks von Blohm & Voss vielleicht, der Fluß münden müßte, so überzeugend ist das Küstengefühl am Hamburger Hafen.
Es fehlt mir nicht, das Meer zu sehen, es fehlt mir nicht, am Strand entlang zu gehen. Ich habe oft genug erlebt, wie grausam langweilig, endlos öde und leblos das Meer in einem norddeutschen Winter aussehen kann, in so einem zähen Winter ohne Schnee, der nichts als bitterkalte Tage bringt mit dem immer schneidendem Wind, mit immergrauen Wolken über dunkelgrauer See an fahlgrauem Strand. So grau ist das dann alles, daß man verrückt werden möchte, vor Sehnsucht nach einer Farbe. Wenn man da überwintert, wenn es da dann nicht März werden will und die leeren Villen an der Promenade Woche um Woche verlassen dastehen wie Geisterhäuser - das vermißt man nicht, nie.
Es fehlt mir nicht, im Sommer im Meer zu sein, ich habe als Kind mehr gebadet als die meisten Menschen es im ganzen Leben schaffen werden. Es fehlt mir nicht, auf heißem Sand zu liegen, ich habe Jahre darauf verbracht, es hat gereicht. Wenn ich heute mal an das Meer fahre, ziehe ich mir nicht mehr die Schuhe aus und gehe barfuß über den Strand, ich setze mich lieber in ein Café und sehe den anderen zu, die das machen und meinen, sie müßten sofort und auf der Stelle dadurch sehr glücklich werden, obwohl sie sich nur blutige Füße laufen, auf den Muschelschalen
Ich denke fast nie an das Meer. Aber wenn es Herbst wird und die ersten diesigen Tage kommen, an denen man etwas von Nebel ahnen kann, der hier in der Großstadt doch nie so ganz richtig zum Nebel wird, dann fehlt mir doch etwas: Das Geräusch des Nebelhorns am Abend.
Das Nebelhorn von Travemünde hörte man mit Beginn des Herbstes nahezu jeden Tag, erst mit dem Frühjahr gab es wieder sonnige Tage mit klarer Luft, an denen es ganz stumm blieb.
Mit der Abenddämmerung der Oktobertage setzte es ein, ein tiefes, sehr tiefes Geräusch, langgezogen, langsam, gewaltig. So tief, daß man es nicht nachmachen konnte, so weit kommt keine menschliche Stimme hinunter. Das Geräusch schob sich durch die Dunkelheit, durch den Dunst, weit auf die See, den Schiffen entgegen. Es war nicht gleichmäßig, es blieben Stücke im Nebel hängen, es franste aus, es waberte durch die dicke Luft und das Ende verlor sich unklar und weit im Osten, drüben in Mecklenburg und draußen, auf dem Meer. Man nahm das Nebelhorn an den Abenden erst gar nicht wahr. Es war immer da, man hörte es aber nicht, wie man den Wind nicht hört oder wie man den Regen an den Scheiben nicht beachtet. Aber wenn man ins Bett ging und das Licht ausmachte, die Augen schloß und sich in die richtige Lage gedreht hatte ? dann war es unüberhörbar da. Ein majestätischer Ton, der die Nacht regierte, von weit, weit weg, nebelverhangen, nachtgedämpft und doch immer so laut, daß es im ganzen Ort zu hören war. Im ganzen Ort, auch noch in den Nachbardörfern und draußen, auf der Fahrrinne, wo die Schiffe aus Schweden oder Finnland auf Travemünde zuliefen. Das Nebelhorn war regelmäßig, es tutete ein paar Sekunden, dann kam eine längere Pause, dann wieder ein Tuten. Man konnte mit dem Rhythmus atmen, man konnte auf das nächste Einsetzen warten und bei diesem Warten in Träume fallen, zwischen zwei Töne fiel man da und wenn man nachts mal aufwachte, war es wieder da. Man lag im warmen Bett und immer mahnte das Horn im Minutentakt, daß es draußen kalt sei, Herbst und Nebel. Durch das offene Fenster kam die Nachtkälte, ein wenig tiefer unter die Decken gerutscht und auf das Nebelhorn gewartet, da war es wieder. Es war an manchen Abenden kaum zu hören, wenn die Luft sehr dick war und die Wolken besonders tief über dem Meer hingen, aber irgendwann fand man den Ton doch in der Nacht, wie man ein großes Gebäude im Dunst eben doch irgendwann sieht. Auf das Nebelhorn war Verlaß und um von den Tagesgedanken zu den Traumbildern zu kommen, war es das Beste, genau hinzuhören, so angestrengt genau hinzuhören, daß man schon meinte, zwischen zwei Einsätzen des Horns den leisen, grauen Wellenschlag am Strand zu hören, da war man aber schon eingeschlafen und die letzte Wahrnehmung war gerade eben noch das nächste Einsetzen des Horns, das einen tiefer in die Dunkelheit schob.
Das wird mir immer fehlen. Das Nebelhorn als meine sichere Brücke in die Nacht.
Maximilian Buddenbohm
Jahrgang 1966, bloggt seit 2004 als
"Merlix" über seine Herzdame und anderes. Lebt in Hamburg und arbeitet als Controller. Um sich auch mit vernünftigen und logischen Dingen zu beschäftigen, ist er nebenbei freiberuflicher Astrologe.
Ich bin eine Miesmuschel
Grete
Schon die Behauptung, eine Muschel zu sein, birgt allerlei Diskretion. Dabei meinte diese Beschreibung weiter nichts, als dass ich den Geruch der Seen liebe, der brandenburgischen und der mecklenburgischen.
Das schrieb ich dem Briefbekannten, den ich über eine Annonce kennen gelernt hatte, und es gefiel ihm. Vermutlich, weil es mein Selbst, von dem ich wohlweislich noch nicht allzu viel preis gegeben hatte, mit einem wabernden Geheimnis umgab. Schon die Behauptung, eine Muschel zu sein, birgt allerlei Diskretion. Dabei meinte diese Beschreibung weiter nichts, als dass ich den Geruch der Seen liebe, der brandenburgischen und der mecklenburgischen. Und den abendlichen Moment, wenn das letzte Kräuseln der Wasseroberfläche zu einem Spiegel wird. Wie trivial. Das wusste der Bekannte damals nicht; er machte sich ein womöglich liebenswertes Bild von mir, das leider nicht deckungsgleich war mit dem Foto, dass ich ihm irgendwann schickte, worauf die Post ausblieb.
Ich hatte noch andere Annoncen-Brieffreunde. Ein paar Frauen schrieben mir, denn ich hatte explizit vermerkt, dass es keine Partnersuche sei, aber es endete in Anfeindungen und Vorwürfen und letztendlich waren die Männer die besseren Briefeschreiber, ob sie nun eine Partnerschaft wollten oder nicht oder etwas ganz anderes.
Natürlich kam irgendwann Post, in die ich hineinlesen konnte, wonach ich mich sehnte. Ich war damals verheiratet. Das bin ich nun nicht mehr, was nicht so dramatisch ist, wie es immer hingestellt wird. Es war, es war gut, und nun ist es vorbei. Aber als neulich die Redakteurin von der örtlichen Zeitung, die so freundlich war, mich für einen Zeitungsartikel, den ich dankend in meine PR-Mappe hefte, zu interviewen, fragte: verheiratet?, sagte ich einfach "ja". Das ergibt keine Erklärungsbedarf. "Geschieden" hingegen ist wie ein Mal auf der Stirn. Schlug er sie oder ging sie fremd? Und dieses Merkmal bleibt gesetzt für den Rest des Lebens. Es verjährt nicht. Es gehen vielleicht zwanzig Jahre ins Land und ich bleibe, so ich mich nicht wieder vereheliche "geschieden". Ich sollte dazu bergehen, wenn jetzt wer fragt "verheiratet?" zu sagen: "Im Moment nicht".
Jedenfalls verliebte ich mich in den Schreiberling Hals über Kopf, alles nur um der schönen Worte willen. Die ich gelesen, er aber so gar nicht geschrieben, oder wenigstens gemeint hatte. Wir trafen uns, aber es passierte nichts, obwohl ich alles daran setzte.
Ich verbrachte einen endlosen Urlaub mit Mann und Kindern; die Gedanken verheddert in Tagträumen. Auf einem Zeltplatz an einem der vorbeschriebenen Seen, saß ich am Abend am Wasser, froh, dass die Kinder schliefen und der Angetraute mich in meiner Trübseligkeit sitzen ließ. Ein junger Mann kam mit einem Boot, einem ferngesteuerten. Ein sehr junger Mann. Als er das Hemd auszog, um das Boot, das weit auf dem Wasser trieb, zu holen, hätte ich über ihn herfallen mögen. Aber ich tat es nicht.
Aber verheiratet bin ich nicht mehr.
Grete
- lebt und arbeitet sehr gerne, sehr anonym in Dresden, lässt die Menschen aber manchmal ein Stückchen in ihr
Leben schauen
Auf dem Mount Baldy
moni
Zwei Tage später erhielt ich das Paket aus Irland. Ich nahm das Kästchen heraus und öffnete es vorsichtig. Da saß ich nun und sah auf die Asche eines mir unbekannten Mannes.
Der Mount Baldy liegt am Lake Michigan, an der Nordwestküste von Indiana, in den USA, und ist gar kein Berg, sondern eine lebendige Düne, die im Jahr vier bis fünf Fuß weit nach Süden wandert. Vom Kopf der Düne bis hinunter zum Strand sind es 37,5 Meter. In einigen Jahren wird der kleine Wald vernichtet sein, den die Düne zum Landinneren hin zu umschließen begonnen hat. Ich sitze ganz oben auf der Düne, in der Abendsonne leuchtet der Strand in sattem Gelb und das Blau des Lake Michigan unterscheidet sich kaum vom Blau des Himmels. Nordwestlich kann ich die Skyline von Chicago sehen. Ich sitze hier aber nicht einfach, weil es so ein perfekter Strandtag ist, die Geschichte begann bereits vor einigen Wochen.
An einem heißen Tag klingelte das Telefon in meinem Büro in einem Vorort Chicagos, von wo ich Reisen nach Europa organisiere. Am anderen Ende fragte eine ältere Frau namens Mrs. McDougal, die für die nächste Gruppe nach Kinsale in Irland gebucht war, ob ihr der Reiseleiter einen Tipp geben könne, wo sie während des Urlaubs die Asche ihres Mannes im Meer beisetzen könne. Ich erfuhr, dass ihr Mann schon seit Jahren verstorben war, sie es aber einfach nicht fertigbrachte, seine Asche wie gewünscht im Wasser beizusetzen. Alle bisherigen Versuche waren gescheitert, immer wieder hatte sie die Urne doch wieder mit nachhause genommen. Da ihr Mann irischen Ursprungs war, hatte sie es sich nun so ausgedacht und hoffte, dass es ihr im Ausland leichter fallen würde, sich von ihm zu trennen.
Am Tag nach der Ankunft der Gruppe in Irland klingelte mein Telefon und unser Reiseleiter Jim berichtete, Mrs. McDougal sei eine liebenswerte, etwas vergessliche alte Dame, die völlig fasziniert sei von Irland, und er habe ihr schon eine geeignete Stelle zur Beisetzung der Asche im Meer gezeigt, alles also kein Problem. Ich freute mich, daß Mr. McDougal nun also in Irland seinen Frieden finden würde und vergaß die Angelegenheit. Bis einen Tag nach der Abreise der Gruppe wieder das Telefon klingelte: der Hotelmanager in Kinsale sagte, die Gruppe sei glücklich abgereist, aber eine Dame in Zimmer 34 habe ein Kästchen im Nachtschrank vergessen, welches er nun an mich geschickt habe und ich könne es dann an sie weiterleiten. Ich sah in meinen Listen nach. In Zimmer 34 hatte natürlich, wie ich es gleich befürchtet hatte, Mrs. McDougal gewohnt.
Ich rief sie an, ihr Redefluß war vor Enthusiasmus über Irland kaum zu stoppen. Vorsichtig fragte ich an, ob sie ein Kästchen im Nachtschrank ihres Hotelzimmers vergessen habe. Es wurde einen Moment still, dann seufzte sie und sagte, sie könne es nicht fassen. Im Kästchen befinde sich tatsächlich die Asche ihres Mannes. Mrs. McDougal war verzweifelt. Sie hatte gedacht, dass sie ihren Mann beigesetzt hatte, müsse es dann vor lauter Begeisterung vielleicht aber wohl doch vergessen haben. Dabei sei sie sich doch eigentlich sicher gewesen, oder vielleicht dann eben doch nicht. So überlegte sie eine Weile vor sich hin. Dann sagte sie ganz unvermittelt, dass sie das Kästchen nun auf keinen Fall zurück wollte, immerhin habe sie bis gerade gedacht, es sei erledigt gewesen. Ob ich nicht den netten Reiseleiter bitten könne, diese Aufgabe nachträglich für sie zu übernehmen?
Ich brachte es nicht übers Herz ihr zu sagen, dass die Asche ihres Mannes schon auf dem Weg nach Chicago war. Und so sagte ich zu, dass Jim das bestimmt angemessen für sie erledigen würde. Sie schien sehr erleichtert und froh. Und ich beschloss, die Asche von Mr. McDougal dem Lake Michigan zu übergeben.
Zwei Tage später erhielt ich das Paket aus Irland. Ich nahm das Kästchen heraus und öffnete es vorsichtig. Da saß ich nun und sah auf die Asche eines mir unbekannten Mannes. Ich musste sofort losfahren, jetzt oder nie. Also nahm ich mir den Rest des Tages frei, setzte mich ins Auto, und mit dem Kästchen auf dem Beifahrersitz fuhr ich zu den Indiana Dunes, Highway 12 und County Line Road, zu meiner Lieblingsstelle, dem Mount Baldy. Ich erklomm die Düne und wollte mich vor der Übergabe ans Meer nur kurz setzen.
Nun also sitze ich hier oben. Aber schon seit drei Stunden. Und das Kästchen mit den Überresten von Mr. McDougal steht noch immer neben mir. Der Strand unten leuchtet wunderschön und ich möchte nicht an das Unmögliche denken. Ich denke stattdessen an den kleinen Wald, den die Düne unmerklich, aber unaufhaltsam einschließt. Ich möchte nicht mit dem Kästchen hinuntergehen. Aber Mr. McDougal mit nachhause nehmen möchte ich auch nicht. Eigentlich nicht. Dann würde es mir vielleicht wie Mrs. McDougal ergehen, die keinen Weg fand sich zu trennen. Ich kann nicht hinuntergehen und ich kann nicht wegfahren. Je länger ich sitze, desto schlimmer wird es.
Moni
- Moni "wasweissich" arbeitet als freiberufliche Übersetzerin, Redakteurin und Referentin im Kulturtourismus. In ihrem Weblog
'gedankenträger' schreibt sie über unterschiedlichste Themen: von Literatur über Episoden aus dem Leben in den USA bis hin zum Alltag mit ihrem schwerbehinderten Sohn, der Autist ist.
Endlich wieder zuhause
Pia Januszek
Seit über sieben Jahren ist sie nicht mehr hier gewesen, an dem Ort, den sie früher mal ihr zuhause nannte. Bis jetzt. Und das Meer heißt sie willkommen.
Er stand zwei Meter von ihr entfernt, sah über die Schulter zu ihr und lächelte. "Los, komm schon. Kneifen gilt nicht." Sie zögerte einen Moment, bevor sie nach der Hand griff, die er ihr hinhielt und sich mitziehen ließ.
Die Sonne war gerade über die Dünen gekrochen und die Luft war feucht und kühl. Sechs Uhr war es höchstens und kein Mensch, außer ihnen, war auf dieser Straße mit dem holprigen Pflasterstein unterwegs. Sie ließ ihren Blick der Straße folgen und wusste, dass an ihrem Ende das Haus lag, in dem sie als Kind glücklich gewesen war. Das Haus, welches sie vor über sieben Jahren klammheimlich verlassen hatte und bisher noch nicht einmal zurückgekehrt war.
Sie spürte, wie er ihre Hand drückte und sah ihn an. "Kommst du?" Finns Augen waren klar und schauten sie ermutigend an. Sie lächelte kurz, sah sich dann zu Lasse, Florian und Malte um, die neben ihnen standen und nickte.
Die ganze Nacht hatten sie im Bandbus der vier Jungs gesessen und geredet, nachdem Lenas Tränen getrocknet waren und ihr Herzschlag sich wieder normalisiert hatte. Sie hatte von ihrer Kindheit gesprochen, von ihrer Familie, von alten Freunden. Sie hatte über all das gesprochen, was sie die letzten sieben Jahre so vehement aus ihrem Leben verdrängt hatte. Zum ersten Mal. Und sie hatte vom Meer erzählt, das sie ebenso lang nicht gesehen hatte. Weder hier, noch an einer anderen Küste. Sie hätte den Anblick nicht ertragen können. Doch jetzt fühlte sie wieder diesen unbändigen Drang ihre nackten Füße in den Sand zu bohren, das Wasser um ihre Knöchel schwappen zu sehen und in die unendliche Weite des Meeres zu starren.
Finn hatte sie angegrinst, war aus der Bank gerutscht und hatte ihr fest in die Augen geschaut. "Na, worauf wartest du dann noch?" Verwirrt hatte sie ihn angesehen und schließlich war es Lasse, der nach ihrer Hand griff und sie auf die Füße gezogen hatte. "Ja, lass uns hingehen und gucken, ob es noch da ist."
Lena sah zum Himmel und erkannte, dass es ein stürmischer Tag werden würde. Die weißen Wolken verrieten ihr, dass die See rau war, noch bevor sie sie sehen konnte. "Wo lang?", fragte Lasse und grinste sie an. Lena hob den Arm und deutete in eine Gasse. "Da hinten ist der Weg durch die Dünen." Lasse lief voraus. Sie folgte ihm schweigend. Jeder schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Immer wieder sah Finn sie aufmunternd von der Seite an und zwinkerte ihr zu.
Er hatte sich als unglaublich stark erwiesen, sie in die Arme genommen, als ihre Gefühle sie nach Beendigen ihrer Geschichte übermannt hatten. Finn hatte ihr zugeflüstert, dass er stolz auf sie sei, dass es das Richtige war, ihnen ihre Geschichte zu erzählen. Und Lena hatte sich sicher gefühlt. Sie fragte sich, wieso ihr nicht früher aufgefallen war, welche Stärke er besaß? Eigentlich war es in den schwierigen Moment immer Finn gewesen, der da gewesen war, zugehört hatte und sie auffing. Er hatte nie nachgebohrt oder verlangt, dass sie mehr erzählte, als sie es ohnehin von sich aus tat. Er hatte sie ganz alleine auf sich zukommen lassen, sie nicht bedrängt und damit wahrscheinlich genau das erreicht, was Lena jetzt empfand: Vertrauen und Sicherheit auf eine ganz bestimmte, unabhängige Art und Weise.
Sie kamen an den Holzplanken an, die im Sand verliefen und hinaus in die Dünen führten. Dahinter lag das Meer. Lena konnte es hören.
Lasse stand bereits oben, reckte sie Arme in die Höhe und rief ihnen zu: "Los, kommt schon. Es ist großartig!" Dann verschwand er auf der anderen Seite und nur noch ein leises Johlen wurde vom Wind über die Dünen zu ihnen getragen. Lena lachte. Sie lachte laut, ehrlich und herzlich.
Die drei Anderen sahen sie ebenfalls lachend an. Da war es wieder, dieses fröhliche Lena Lachen, nachdem sie sich heute Nacht alle so sehr gesehnt hatten.
Lena ließ Finns Hand los, riss sich die Schuhe von den Füßen und rannte die Düne hoch. Oben angekommen blieb sie stehen, starrte in die Ferne und ließ den Wind mit ihren Haaren spielen. Dann drehte sie sich zu den anderen um, die ihr gefolgt waren. "Ist das nicht großartig?" Ihre Stimme war euphorisch und ihre Augen strahlten. Florian nickte und ließ seinen Blick ebenfalls über das Meer wandern, das so groß und gewaltig vor ihnen lag. Wie lange war er nicht mehr am Meer gewesen? Es musste Ewigkeiten her sein.
Im flachen Wasser stand Lasse, der die Schuhe und seine Jeanshose achtlos in den Sand geworfen hatte. Er winkte mit beiden Armen und sprang wie Rumpelstilzchen von einem Bein auf das andere. Das Wasser spritzte.
Lena schloss die Augen, lauschte einem Moment dem rauschenden Meer und dem Wind, der ihr um die Ohren pfiff. Dann rannte sie los, haltlos. Als sie den kühlen Sand unter ihren Füßen spürte, wusste sie, dass sie wieder zu Hause war. Dass dies hier in diesem Moment der glücklichste und schönste Ort der Welt für sie war.
Sie warf ihre Schuhe in den Sand, rannte ohne abzubremsen auf das Wasser zu, spürte es an ihren Beinen hoch spritzen und warf sich dann mit offenen Armen Lasse entgegen. Gemeinsam fielen sie laut lachend ins Wasser und verschwanden für einen Moment in den Wellen.
Als sie wieder auftauchten und nach Luft rangen, sahen sie, wie auch die anderen auf sie zu gerannt kamen. Im Lauf zerrten sie ihre Schuhe von den Füßen und warfen sie in den Sand.
Lena spritze Lasse mit Wasser voll, quiekte und lachte, wie ein kleines Mädchen, als die drei Anderen ebenfalls in die Fluten sprangen und das Wasser aufwirbelten.
Gemeinsam sprangen sie durch das hüfthohe Wasser, warfen einander um, schubsten sich und sprangen dem anderen auf den Rücken, bis der das Gleichgewicht verlor. Keiner der Fünf hatte sich in den vergangenen Jahren so frei und ungezwungen gefühlt. Sie waren wie fünfjährige, die keine Sorgen oder Verpflichtungen hatten.
Lenas T-Shirt klebte an ihrem Körper, ebenso wie ihre Haare und ihre Jeans. Bis auf Lasse hatten sich alle nur ihrer Schuhe entledigt. Sie lief aus dem Wasser, stellte sich mit ausgebreiteten Armen in den Sand und ließ den Wind eiskalt durch ihre Kleidung über ihre nasse Haut wehen. Sofort bekam sie eine dicke Gänsehaut, doch das störte sie nicht. Es war einfach ein zu schönes Gefühl.
Ein Auge geschlossen, eins leicht geöffnet, sah sie, wie Lasse und Finn auf Maltes Rücken hingen und versuchten ihn zu ertränken. Das Bild, das sich ihr bot, ließ sie laut auflachen.
Florian sah grinsen auf, rannte auf sie zu und riss sie an der Hüfte mit sich zu Boden. Lachend und nach Luft ringend lagen beide nebeneinander auf dem Rücken und sahen sich mit einander zugewandten Gesichtern an.
"Du wirst mir fehlen.", lachte Florian leise und zwinkerte ihr zu. "Ihr mir auch.", gab sie ebenfalls leise, aber nicht weniger herzlich zurück. Beide wussten, dass sie nicht gemeinsam zurück fahren würden, auch wenn es noch keiner von ihnen laut ausgesprochen hatte. Denn Lena war angekommen. Endlich wieder zuhause.
Florian griff nach ihrer Hand, zog sie vom Boden hoch, warf sich die laut protestierende Lena über die Schulter und rannte erneut auf die Wellen zu. Noch waren sie alle hier.
Pia Januszek
- auch in Köln geborene und arbeitende Marketing Managerin, Baujahr 80. Ihrem Blog
Daily Me ? bis einer heult ist sie seit 2002 verfallen und befriedigt dort ihre tägliche Schreibsucht. Jedes geschriebene Wort ist für sie wie ein Herzschlag, weshalb sie oft ziemliches Herzrasen hat. Der hier vorliegende Text ist ein Auszug aus einem kommenden Buch.
Sommersonnentage
Isabo
Die Füße im Sand, Schiffe fahren vorbei. Ein Nickerchen am Strand. Möwen, Kinder, Strandkörbe. Den Steg hinausgehen, dann ins Wasser, das Wasser ist eiskalt
Die Füße im Sand, Schiffe fahren vorbei. Ein Nickerchen am Strand. Möwen, Kinder, Strandkörbe. Den Steg hinausgehen, dann ins Wasser, das Wasser ist eiskalt. Zwei ältere Damen mit Bademützen baden mit Wonne, kommen Sie rein, rufen sie, es ist herrlich, und dann suchen sie wieder Quallen für die Kinder auf dem Steg, fischen sie raus, guckt mal, sagen sie, ich hab eine ganz große! Sie stehen ja immer noch so halbtrocken da rum, sagt eine der Damen zu mir, ich habe mich erst bis zur Hüfte reingetraut, das geht doch so nicht, sie spritzt mich nass, und ich ergebe mich, lasse mich ins Wasser fallen, die Kälte raubt mir kurz den Atem. Und dann das Meer. Immer wieder das Wasser, immer wieder kostet es Überwindung, und dann ist es doch ein warmer Arm, auch wenn er kalt ist. Und wenn man rauskommt, ist man für kurze Zeit ganz neu und ganz warm von der Kälte.
Dann die Promenade entlangflanieren, einen großen Eisbecher essen, mehr Schiffe anschauen, eine Mütze kaufen. Erinnerungen an andere Sonnentage. Countrymusik auf der Hedi, irgendeine Musik auf der Hedi, egal, zusammensitzen, reden, lachen. Eine Riesenfrikadelle zum Sonnenuntergang an der Alster. Entspannte Stunden mit Freunden an der Strandperle, räkeln und reden, faul, vertraut, gelassen. Mit den Kindern ein Loch buddeln, wenn man ganz tief buddelt, kommt unten Wasser, wie tief muss man buddeln, bis unten Wasser kommt? Der Mann buddelt ein Loch, das so tief ist wie sein Arm lang, währenddessen steigt das Wasser der Elbe, aber das Loch reicht nicht bis da, wo unten Wasser kommt. Noch ein Bier und eine Frikadelle und eine Brezel und ein Bier. Da kommt eine Riesenwelle, die kommt bestimmt bis hier rauf!, und ein fremder Hund will ein Stück Wurst. Die Elbe fließt so dahin, die Gespräche fließen so dahin, noch ein Bier. Gehst du jetzt mit mir Steine flitschen? Alles ist voll Sand und Sonne, und das Wasser glitzert, ist hier noch frei?, und die Trägheit genießen. Ein letztes Bier. Schäufelchen wieder ausbuddeln, Füße entsanden, kriegen wir das Schiff noch, oder nehmen wir das nächste, kommt, das kriegen wir, und wenn es anlegt, macht es einen Bums. Ihr sollt aber noch mit zu uns kommen, ich will euch mein Fahrrad zeigen und wie ich Fahrrad fahren kann. Wir sind auch voll Sand und Sonne, und der ganze Sommer liegt noch vor uns und glitzert. Und immer das Wasser, die Sonne. Und immer: wie gut es tut, anderes auf der Haut zu spüren als Kleidung. Warme Luft, kaltes Wasser, Sand.
Ich weiß: im Herbst werde ich wieder noch nicht satt sein.
Isabo
Isabo ist Übersetzerin, lebt in Hamburg und bloggt unter
is a blog.
Wellenbezwinger
Herr Paulsen
Wiedergeburt, das ist ja so ein Thema für Leute, die Schiss vor der eigenen Endlichkeit haben.
Wiedergeburt, das ist ja so ein Thema für Leute, die Schiss vor der eigenen Endlichkeit haben und zu selbstverliebt sind, um sich vorstellen zu können, dass sich die Erde auch mal ohne sie dreht. Oder natürlich für kluge Buddhisten mit Durchblick. Ich gehöre momentan keiner dieser beiden Gruppen an, denke aber viel nach in den letzten Tagen. Irgendwas stimmt nicht mit mir. Ich verändere mich.
Ich wollte mich verändern, als ich diesen Job in der Ferienanlage annahm. Arbeiten, wo andere Urlaub machen, und dann feststellen, dass es der Arbeit herzlich egal ist, wo sie stattfindet, sie findet statt. Macht aber nichts, denn die Nachmittage sind frei, jeden Nachmittag stehe ich am Meer. Und da passiert es, ich werde ein Anderer. Ich tauche ein, ich schwimme los, mit kräftigen Zügen. Mein Körper, den ich zu Hause immer ein bisschen ungelenk, verspannt und dicklich finde, bewegt sich geschmeidig. Meine dünnen Arme schaufeln kraftvoll, elegant durch die Wellen, ich schwimme weit hinaus, ich werde nicht müde, und es ist, als hätte ich nie etwas anderes getan. Es ist nicht so, dass ich ein großer Schwimmer wäre. Ich habe seit zwanzig Jahren kein Hallenbad mehr betreten, und der Besuch eines Freibades erscheint mir selbst bei heftigeren Hitzewellen völlig absurd. Muffig riechende Baggerseen mit Algenbefall animieren mich höchstens zum Grillen am Uferrand. Nein, für mich muss es schon das Meer sein.
Jeden Tag schwimme ich eine Stunde, und erst am Strand bemerke ich, dass ich nichts gedacht habe, in der letzten Stunde, nur bemerkt. Die mir eigene Gedankenrastlosigkeit ertrinkt, während ich weiterschwimme.
Die Geräusche des Wassers hören, das weiche Wippen spüren, das Perlen des Wassers durch meine Hände. Unter Wasser lauschen. Das feine Klirren der Ankerketten im entfernten Fischerhafen, wie dünne Glasstäbe, die aneinanderschlagen. Und wie das Meer riecht, wie das Meer schmeckt! Kein Koch würzt so verschwenderisch wie das Meer und doch so elegant. Tauchen, tief eintauchen in die zunehmende Kühle, dem verschwommenen Grund entgegen. Ich huste viel zu Hause, ich rauche ja auch viel. Im Meer habe ich Luft.
Heute brandete das Meer den ganzen Tag schon in hellschaumiger Aufregung. Vom Küchenfenster aus konnte ich sehen, wie sich die Wellen bereits auf dem offenen Meer brachen, eine große Freude erfasste mich. Ja, heute war ein roter Tag!
Ich bin sofort nach der Arbeit, sehr schnell zum Strand gelaufen, und meine Enttäuschung war grenzenlos. Gelb. Die Flaggen am Strand waren gelb. Gelb ist Kinderkacke, das haben wir hier jeden zweiten Tag, gelb machen Whirlpoolbesitzer zu Hause per Knopfdruck, gelb ist nichts für Meeresbezwinger wie mich. Trotzdem stürzte ich mich sehr männlich in die Fluten und bemerkte schnell, holla, das ist aber sehr gelb heute.
Um mich herum nur Wellenberge, kein Horizont mehr zu sehen, überall Wellen, sehr große Wellen, und heute mal nicht nur von vorn, nein auch von links und rechts, dazwischen fließende, saugende Wellentäler mit perlend schäumenden Augen. Na, das ist doch voll mein Ding hier, denke ich noch, überprüfe kurz, ob wenigstens der Strand noch da ist, und wende mich beruhigt wieder dem Meer zu. Ich habe sie nicht kommen sehen. Die Mutterwelle.
Es kommen ja immer so vier-fünf Babywellen, dann zwei-drei Halbstarke und dann folgt immer die eine, die Mutterwelle. Diese hier, vor mir, ist so groß wie eine Gartenlaube und so breit wie acht Getränkeautomaten nebeneinander. Eine Wand aus graugrünem Wasser, die Luft ist flüssiges Salz. Ich habe sie nicht kommen sehen, es ist zu spät. Ich könnte tauchen. Tauchen bei Wellengang ist was für Grün-Schwimmer, ich tue das einzig Richtige. Ich stelle mich der Gefahr. Ich springe seitlich auf die Gartenlaubenwand. Eine gute Entscheidung, sofort werde ich aufs Hausdach getragen, für einen Moment gibt es wieder einen Horizont, sogar mein Po ist jetzt aus dem Wasser! Tolle Sicht. Aber nur kurz, plötzlich bin ich im Inneren der Gartenlaube, Hausbesichtigung, ungefähr zwanzig Sekunden lang, dann spuckt mich die Gischt am Strand aus.
Ich gehe ein bisschen unsicher. Ja, gut, ich wanke. Ich ziehe mir die Badehose wieder hoch und gucke mit brennenden Augen den Strand entlang. Ganz verschwommen sehe ich in der Ferne den Bademeister. Er winkt mir. Meint er mich? Neben dem Bademeister ist frisch beflaggt. Rot. Der kann mich mal, denke ich und kehre selbstverständlich sofort zurück ins Meer. Und es erfasst mich ein Gefühl der Freude, ein tiefer Stolz, als ich erkenne, ich bin nicht allein. Alle anderen Kinder bleiben auch noch im Wasser.
Herr Paulsen
Der gelernte Koch arbeitet als Foodstylist, Redakteur und kulinarischer Berater für Zeitschriften, Werbung, Film und Fernsehen. In seinem
Blog erzählt er, unter anderem, oft vom Leben hinter der Küchentür und der sehr eigenen Gesellschaft der Köche & Gourmets.
Dann geh ich halt ins Wasser
Don Dahlmann
Früher, wenn man sich umbringen wollte, dann sagte man gerne "Ich geh ins Wasser!". Der Tod im Meer war so beliebt, dass es in den 30er und 40er Jahren eine regelrechte Flut an Filmen gab, in denen eine Schauspielerin sich dramatisch ins Meer warf. Zur Zeiten der Nazis gab es eine Schauspielerin namens Kristina Söderbaum, die so oft im Wasser endete, dass ihr das Publikum den nicht eben schmeichelhaften Beinamen "Reichswasserleiche" gab. Mittlerweile ist der Tod im Wasser schwer aus der Mode gekommen. Für mich wäre das auch nichts. Einerseits, weil ich dazu keine Lust habe, andererseits, weil mir das Schwimmen im Meer (und lebend wieder rauskommen um später noch mal schwimmen zu gehen) einfach mehr Spaß macht. Wenn ich denn dazu komme.
Letztes Jahr habe ich es mal wieder getan. Ich dachte, mein letzter Besuch im Meer wäre kaum ein paar Jahre her. Je länger ich darüber nachdenken musste, desto mehr wunderte ich mich. Ich ging mit meinen Erinnerungen ins letzte Jahrtausend, in die 90er, in die 80er, zu meinem Abitur, zu meiner Mittleren Reife und schließlich in die 70er. Ich wollte das gar nicht glauben, also habe ich noch mal von vorne angefangen, aber ich landete wieder in den 70ern. Das kann doch gar nicht sein, dachte ich, dass das so lange her ist. Ich überlegte in den folgenden Stunden weiter. Ich ging alle Jahre akribisch durch, versuchte mich zu erinnern, verscheuchte den ein oder anderen Nebel, der sich über meine Erinnerungen gelegt hatte. Aber es wollte mir nicht einfallen. Ich musste tatsächlich zurück in meine Kindheit. Ganz weit zurück. Wie ich mit meinen Eltern den Sommerurlaub verbracht habe. Wie wir mit dem Auto von Bonn aus, über die Schweiz nach Südfrankreich gefahren sind. Wie ich mir an irgendeiner einer französischen Gaststätte den Magen an einem Brühwürstchen verrenkt hatte. Wie wir durch winzige kleine Orte gefahren sind, wie meine Eltern mir das römische Theater in Nimes gezeigt hatten. Wie wir durch Avignon gelaufen sind und in einem Hotel übernachten mussten, das nur noch Zimmer zu einem winzigen Innenhof hatte, in dem es nach altem Frittenfett stank und in dem die Hitze unerträglich war. Wie ich in unserer Urlaubsstadt das erste Mal einen ganzen Tintenfisch serviert bekam, wirklich einen ganzen, der mich aus seinen toten schwarzen Augen anstarrte und so auf einer Tomatensoße schwamm, dass es aussah, als würde er in seinem eigenen Blut hocken. Wie unsere Zimmernachbarin im Hotel auf der Strasse zum Strand von einem Mofa angefahren wurde, und ihr Fuß in alle erdenklichen, aber sicher nicht gesunden Richtungen abstand und meine Mutter versuchte ihr helfen, während der Mofafahrer hilflos daneben stand und seinen orangefarbenen Schal so festhielt, dass seine Finger weiß wurden. Wie wir in der Mittagshitze an einem kleinen Kiosk diese leckeren Baguette holten, die immer auf ein wenig Eis gelagert waren und so frisch und lecker schmeckten, wie kein Baguette danach. Wie ich mit meinem Vater zum Rennstrecke von Le Castellet gefahren bin, vorbei an niedergebrannten Wäldern die nach Holzkohle stanken, nur um an der leeren Rennstrecke uns die Stellen anzusehen, an denen mal irgendwas passiert war, was wir im Fernsehen gesehen hatten und ich am Ende einen kleinen Formel Eins Wagen geschenkt bekam. Wie wir einmal mit Bekannten weit ins südfranzösische Hinterland gefahren sind, wo es ein winziges Restaurant gab, dass Abends an eine riesigen offenen Kamin ein ganzes Schwein röstete und wir den Salat zum Schwein mit den Händen zerrupften. Wie ich meine Zeit am Strand verbracht habe und einmal einen ganzen, aber toten Seeigel fand, den ich wie einen Schatz ins Hotelzimmer trug nur um am nächsten Tag in einen lebenden zu treten, was ich als Rache der Natur an meiner Freveltat dafür empfunden habe, dass ich dem toten Seeigel kein vernünftiges Begräbnis zugestanden habe. Wie ich unter einem Sonnenbrand litt, den meine Mutter mit irgendeiner Creme und Handtüchern aus dem Kühlschrank linderte. Wie ich den heißen Sand durch meine Zehen habe rieseln lassen. Wie ich mit den Wellen geschwommen bin, stundenlang, immer nur auf und ab, darauf hoffend, dass die nächste Welle noch ein Stück höher sei, damit sie mich noch höher und weiter tragen würde. Wie das Salz so dick auf meiner Haut klebte, dass es Kruste bildete, die ich abklopfen konnte. Wie das Meer auf meinen Lippen geschmeckt hat. Da war ich 12. Ich musste tatsächlich 39 werden, damit ich das erste Mal wieder im Meer schwimmen konnte.
Sollte ich also irgendwann in verzweifelter Stimmung ankündigen, ich würde jetzt oder demnächst ins Wasser gehen, muss man sich keine großen Sorgen machen.
Don Dahlmann
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein
Blog.
Hinterland
Titania Carthaga
Mir fällt wieder ein, dass ich Hilfe suche. Ich kann mir selbst nicht erklären, wie ich lebend und noch dazu unverletzt davon gekommen bin.
Keine Ahnung, wie ich hierher gekommen bin und wie lange ich schon hier stehe: auf einem kleinen Platz, den niedrige, höchstens zweistöckige, gehöftartige Häuser einfassen, inmitten ein Brunnen. In einem Hof kläfft ein Hund. Der Mond betrachtet sich im blanken Kopfsteinpflaster; er legt eine silberne Patina über Gemäuer, vom Wind ausgedünnte Baumkronen, Brunnenwasser. An dessen steinerner Einfassung kniend und im Wasser sich spiegelnd hockt eine Nixe, das Gesicht in den Händen verborgen. Kaum merklich flimmert der Mond auf ihren Handrücken, Schultern und Armen und fließt in ihren Schoß, um dort, in Wasser verwandelt, ins Becken zu fließen. Darin blinkt etwas. Ein Metallstück, vielleicht der Abfluss. Ich beuge mich über den Brunnenrand. Sieht aus wie eine Münze. Eine einzelne Münze in einem Brunnen mit Nixe darüber auf einem leeren Platz. Fast sieht es aus, als blickte mich ein Auge metallisch an. Ich ziehe Jacken- und Hemdärmel hoch, strecke den Arm aus und ins Wasser und versuche, es mit den Fingerspitzen zu erreichen. Ich schiebe mich weiter über den Rand dem Auge entgegen, verliere beinahe das Gleichgewicht dabei - der Brunnen ist zu tief. Richte mich wieder auf, blicke um mich. Dem Brunnen gegenüber ragt frühgotisch und dunkel eine Kirche empor. Wolken verfangen sich an der Spitze des Kirchturms, dessen Uhr ein Viertel schlägt. Aber von welcher Stunde?
Mir fällt wieder ein, dass ich Hilfe suche. Ich kann mir selbst nicht erklären, wie ich lebend und noch dazu unverletzt davon gekommen bin. Mein Auto ein Wrack, das überschlagen am Hang hinter der scharfen Linkskurve liegt, kurz vor dem Ortseingangschild. Was hatte da drauf gestanden - Kindelbrück? Aus einer Gasse, die rechts vom Platz zwischen zwei Hoftoren wegknickt, ein Lichtschein - der einzige in diesem Ort. Zwar gibt es vereinzelt Straßenlampen, jedoch leuchtet keine. Wohl auch hier der finanzielle Lochfraß ländlicher Gebietsverwaltungen, wie überall im Hinterland der Städte.
Ich folge dem Licht. Es dringt aus einem der Fenster. Die Gasse ansonsten dunkel. Über dem Fenster zuckt auf Neonröhrenweiß der Namenszug: eine Kneipe. Einige der schwarzen Frakturbuchstaben fehlen dem Namen, der nach Heimat klingen soll. Sie ist nicht groß und, da es schon spät zu sein scheint, relativ leer. Ein blasser Typ in Lederhose lehnt an der Bar vor einem Bier, das Haar zu einem dürren Pferdeschwanz zusammengebunden; neben ihm eine junge Frau, eher noch Mädchen, auf einem Barhocker. So recht will sie hier nicht hinein passen mit ihrem schwarzfransigen kurzen Haar und bleich geschminktem Gesicht. An einem Tisch neben der Bar ein Ehepaar Ende der Vierzig. Dazwischen, in der Ecke, zwei Doggen. Die eine schwarzweiß gescheckt, sie hebt bei meinem Eintreten müde die Lider. Die andere, offensichtlich noch jung, springt auf und tänzelt um mich herum. In ihrem schwarzen Fell auf der Brust drei weiße Flecken, die eine Diagonale bilden. Ich mag Hunde nicht. Das bleiche Mädchen bemerkt das, ruft nach dem Hund: "Sirius!" Der aber scheint meine Angst zu riechen, "Sirius, bei Fuß!?" jedenfalls denkt er überhaupt nicht daran, von mir abzulassen. "Sirius!" dröhnt es plötzlich über die Bar hinweg. Der Wirt. Augenblicklich dreht das Tier ab und trollt sich in die Ecke.
Der Wirt, über seinem Bauch spannt eine speckige Weste, nickt mir zu und deutet, während er Gläser spült, mit dem Kinn auf den Tisch rechts neben der Tür, auf dem an einem Metallständerchen ein roter Wimpel baumelt: eine 3 prangt weiß darauf.
Die Wände, holzverkleidet und den Ruch rustikaler Gemütlichkeit verbreitend, sind mit Nippes vollgehängt und -gestellt: verstaubte Pokale, Wimpel, Blechteller, vergilbte Fotos. In der Ecke ein altes Röhrenradio. Sweet Home Alabama.
Frage ich gleich nach der Polizei oder erstmal nach einem Telefon, denk ich bei mir, da wälzt sich der Wirt mit einem Glas Bier zum Tisch, neben dem ich noch stehe, und stellt es mir hin.
"Hab gewusst, dass du kommst und schon mal für dich gezapft. Ganz frisch."
Er grinst schmierig.
Unter seinem hochgekrempelten Hemdsärmel kriecht eine Schlange hervor, die eine Kugel im Maul trägt, nein, einen Apfel - der Stiel lugt seitlich hervor.
"Gibt's hier ein Telefon? Ich müsste mal..."
"Nu setz dich erstmal und trink."
Ich schlüpfe also aus meiner Jacke, hänge sie über die Lehne des Stuhls neben mir und setze mich.
"Ich zahl aber gleich."
"Na, mal nich? immer so ne Eile, eins nach'm anderen", sagt er da, diesmal mit einem etwas freundlicheren Tonfall im Grinsen, das ihm wie Fett im Gesicht glänzt. An der Wand neben der Bar ein grünes Notausgangsschildchen. Dort geht's zu den Klos.
Das Mädel lümmelt an der Bar, rührt mit einem Strohhalm im fast leeren Glas Eiswürfel um. Um den Hals trägt sie ein Lederband, daran ein Pentagramm. Verkehrt rum. Ishtars Trauergemeinde.
Das Klingeln eines Telefons tönt durch den Raum. Der Wirt rollt zurück hinter seine Bar. "Ja, gut? Ja? Weiß ich Bescheid." Legt wieder auf. Kopfnicken zu dem Blassen, der daraufhin sein Glas leert, es hart absetzt und nach seiner Jacke greift, die auf dem Barhocker zwischen ihm und dem Mädel liegt. Das bricht in ein krähendes Lachen aus und verfällt in einen Kindersingsang: "Irgendwann sind wir alle dran, irgendwann sind wir alle dran!" Der Blasse zieht eine Münze aus der Tasche und legt sie auf den Tresen. Nickt dem Ehepaar in seiner Ecke zu, ein kurzer Blick zum Wirt, dann verschwindet er zum Notausgang.
Der Wirt kommt hinter der Bar hervor und schiebt sich durch den kleinen Gastraum zur Eingangstür. Die schwarze Dogge springt auf und läuft auf ihn zu. "Aus!", der Wirt, und "Platz!", wobei er mit dem Arm in die Ecke weist. Er holt einen Schlüsselbund aus der Westentasche und schließt ab. "Heut kommt keiner mehr."
"Wie spät ist es eigentlich?" frage ich in seinen Rücken. Er wendet sich schwerfällig um mit routiniert flüchtigem Blick aufs Handgelenk, an dem keine Uhr zu sehen ist. "Gleich zwei. Warum willst du das noch wissen? Der Tag is eh gleich rum!"
Er lacht heiser. Das Mädel an der Bar summt noch immer die Melodie vor sich hin. Das Ehepaar kauert seltsam verschreckt auf der hölzernen Sitzbank.
"Noch ne Beam-Cola, Charlie!" kräht das Mädel an der Bar.
"Für dich is jetz genuch."
"Komm schon!"
Die Stimme schlägt Purzelbäume. Das Telefon klingelt wieder. "Ja, okay." Der Wirt legt auf.
"So, Lili, nu aber husch, husch."
"Ach scheiße, Mann."
Sie mault noch etwas, während sie eine Münze auf das Holz des Tresens legt und der Wirt sie bereits zum Hinterausgang schiebt. Ich nehme einen großen Schluck von meinem Bier, das ich bis jetzt nicht angerührt habe. Sehe über den Glasrand zum Ehepaar hinüber. Die Frau, dünne Fältchen um die Mundwinkel, an die Seite ihres Mannes gedrückt, als versteckte sie sich in seinem schmalen Schatten. Kurz sieht der Mann mich an, reißt seinen Blick weg. Ein einzelnes Bierglas vor den beiden in einer Pfütze. Ich angle nach meiner Jacke. Hole meine Zigaretten hervor. An der Außenseite der Jackentasche hängt der Stoff im Triangel heraus. Nur eine windschiefe lässt sich noch rauchen.
Finde mein Feuerzeug nicht. Es muss beim Unfall durch das Auto und wer weiß wohin geflogen sein. Als ich aufblicke, wirft mir der Wirt eine Schachtel Streichhölzer zu.
"Danke." Zum Ehepaar: "Sind Sie hier aus dem Ort?"
"Nee, Kannawurf."
"Nachbarort, gleich drüben, fünf Kilometer von hier", ergänzt der Wirt und weist mit dem Arm in die Richtung. Auf seinem Unterarm dunkelgrün die Schlange. Und zu den beiden: "Wollt ihr noch was?"
Sie nicken stumm und sind plötzlich ganz grau im Gesicht. Der Wirt spült Gläser und beginnt, ein weiteres Bier zu zapfen.
"Schönes Tattoo haben Sie da", sage ich.
Er brummt geschmeichelt.
"Hab ich noch nie gesehn."
Da klopft es kräftig gegen die Scheibe am Vordereingang.
"Jaja, immer mit der Ruhe!", gibt der Wirt zurück und zapft das Bier fertig. Das Klopfen wird energischer. "Komm ja schon!"
Er bringt den beiden das Bier, schwimmt durch den Raum zur Tür und schließt auf. Eine alte Frau steht davor, auf einen Krückstock gestützt, mit verzerrtem Gesicht.
"Ja, Ilschen! Mit dir hab ich heut aber nicht gerechnet!"
"Ich auch nicht" entgegnet sie knapp und humpelt in den Gastraum.
"Osiris sieht das anders. Gib mir nen Schnaps. Vom guten."
Sie zieht einen Stuhl von einem Tisch, lehnt den Stock an die Tischkante. Auf dem linken Ringfinger hockt ein schwerer, golden eingefasster Schmuckstein und schimmert perlmutt. Ihr zerfurchtes Gesicht kalkweiß, ihr Blick tot.
Ich seh zu dem Ehepaar, zum Wirt, zu der Alten. Das Telefon klingelt abermals, der Wirt schwimmt zum Telefon, lebendig, "ja, gut", legt auf. Die Hunde springen. Sie jagen durch den Raum, hüpfen an der Alten hoch, kläffen, japsen. Das Ehepaar steht auf, die Frau sieht mich mitfühlend an - sie sind beide plötzlich blutüberströmt, die Kleider und das Haar versengt, ihre Gesichter verbrannt, der Mann ist am Bein verletzt, sie stützt ihn. "Gasexplosion", erklärt sie mir im Hinausgehen und drückt dem Wirt zwei Münzen in die Hand. Der drängt mit seinem Körper die Hunde von ihnen ab. "Mintaka! Sirius! Aus!"
Ich seh an mir herunter: Hemd und Jeans sind zerrissen, überall ist Blut, unter dem Stofffetzen am Oberschenkel klafft Fleisch und etwas Weißes hervor. Ich will an meinen Kopf fassen, kann aber nur noch meinen rechten Arm bewegen, die Hand ist verdreht und blutverkrustet.
"Hier kommen alle vorbei, wenn sie gehen", sagt der Wirt.
"Hastes jetz auch kapiert, Junge."
Die Hunde haben sich wieder beruhigt.
"Ich verstehe nicht ganz?"
"Osiris braucht Trauzeugen?, erklärt die Alte konziliant. "Wie jeden Herbst."
Titania Carthaga
...wurde 1978 in Tunis geboren, Vater Diplomat, Mutter Pianistin. Aus Protest gegen die Vernachlässigung durch ihre Eltern vollzog sie die Wandlung in eine körperlose
Cyberfigur. Nennt sich seither Titania Carthaga. Avatarin der
Fiktionäre, lebt. Diese hier zu lesende Geschichte ist Teil eines Buches.
dreizehn
Ally Klein
dreizehn ist meine glückszahl. dreizehn stunden nach unserem ersten gespräch fand ich am ufer des inns einen stein in form eines herzens.
dreizehn ist meine glückszahl. dreizehn stunden nach unserem ersten gespräch fand ich am ufer des inns einen stein in form eines herzens. menschen haben gestaunt. kitsch war nicht die deutung. es war passend. weil sein herz aus metall gemacht war. meines war aus stein. es waren stunden nach seinen ersten buchstaben, schwarz schwamm im unendlichen weiss. er wollte mich gehen lassen. er schrieb, es fiele ihm schwer, aber es war das richtigste, was er tun konnte. es war kokettiert, ich sollte kontern und ich habe es getan. lass mich nicht los. lass. mich. nicht. los. ich war betrunken genug, um sein drama fortzuführen. er schrieb weise reime auf meinen namen. zog mich aus und wieder an. notizen, die meine initialien trugen. träume von stummen küssen. melodien, worte fremder. in meinem sinne. er kannte kilometer besser als ich. er rechnete aus und teilte es mir mit. meilen. stunden. wir waren getrennt. seine stimme in meinen ohren - stalking. ich warte auf donnerstage. fünfhunderttausendschritte. aufwärts. ich bin bei ihm. wir meiden blicke. realität holt ein und zieht uns die schuhe aus. das erste warme wort, die erste berührung. nach dem letzten satz an alle, ein erstes wort an mich. seine finger fahren meinen rücken entlang. er drückt mich an sich, flüstert. ich wehre mich nicht - ich habe vergessen, wie das geht. zehn minuten sind sechshundert sekunden sind... wein und bier. der erste gitarrenriff, der erste ton der dritten erklingt, wir packen unser zeug und hauen ab. draußen ist es kalt. er lehnt sich an mich. kalt. kalt. wir gehen ins auto und drehen a silver mt. zion auf. ohren bluten. wir trinken. er nimmt, was er braucht. ich gebe, was ich brauche. münder sind nicht zum reden da. wir erinnern uns. ich kenne keinen unterschied zwischen knien und ellenbögen. keinen zwischen wein und bier. geschmäcke vermischen sich. songs auf repeat. eine stunde lang. austausch. worte. explosion. implosion. sätze brechen. finger verschwinden. autoscheiben laufen an. das herz aus stein drückt an meine brusttasche. unterbrochen. knochensplitter in fremden augen. der weg zurück ist immer kürzer. wir teilen unseren alkohol, wir teilen unsere heimlichen berührungen in der menge. er kennt meine blicke und weiss, wohin sie gehören. sie gehören unter die oberfläche. unter zwanzig sind wir sekundenlang zu zweit. körperkontakt. flüssigkeiten werden in flaschen abgefüllt und ausgetauscht. blicke vereinigen sich in der luft. ich nagele ihn an die wand und behalte diesen anblick in der erinnerung. ein eingetrockneter schmetterling. er schenkt mir souvenirs. keine abweichungen von meinen schritten. zu fünfzehnt im auto, seine hand fährt meine seite entlang. geht an stellen, wo freundschaft verboten ist. apathie aussenstehender regnet herab, aber alle wissen. wir sehen uns an. ich kenne bedeutung von zentimetern, aber ich habe angst sie zu erfassen. wir verpissen uns und rennen und kriechen. und er hält unerwartet die lauwarme dezemberhand der dritten. das herz aus stein drückt an die brust. ich bin zu einem gegner geworden. ich stelle fragen. seine antworten sind rhetorik. präziser, präziser. er kann meinen namen buchstabieren, aber das aussprechen... du stolperst und fliegst. und im endeffekt verlasse ich mich auf meine würde (woauchimmersiedavorwar). meine flucht ist sein segen. seine lüge ist meine rettung. ich kenne welten viel zu wenig. ich bin ein gedicht. ich bin ein song. ich bin gesagt und gefühlt. ich bin. mein körper steht in den buchstaben. er ruht in seinen worten. er versprach mir jetzt wach zu sein. trotz sekunden und minuten und stunden. folter, schrieb er. stein drückt. ich träume, ich bin am inn. knie mich nieder... und finde überall steine. steine sind herzform. er ist überall und nirgendwo. er sind alle. und alle sind zu finden. er muss sein versprechen erfüllen. und meine ohrmuscheln stehen in der topliste. absurd. er hat seinen namen für mich verloren. aufgelöst in melodien. vier buchstaben ohne körper. eine wolke der sinnlosigkeit. medium für musik. minuten, sekunden und meilen. aber unsere barriere ist mehr als das. fremde hände und küsse. lügen, verpackt und verziert in schönen schachteln. särge. zugeschüttet mit illusionen von beiden seiten. beerdigt.