
Ernsthaft.
von Herr Paulsen
Na gut. Sie ist etwas dick, dachte ich, aber ich liebe sie, dachte ich, etwas überrascht von dem kleinen Bäuchlein, das ich unter Verenas weitem Pullover entdeckt hatte. Der Fiat Panda war die Mitte der Welt. Hier würde ich mit meiner neuen Königin leben. Draußen fiel dichter Schnee, und durch die beschlagenen Fensterscheiben war mein Elternhaus nur noch verschwommen zu erkennen, wie durch ein eben geleertes Glas Milch. Die letzten Lichter im Haus verloschen, die Standheizung arbeitete verlässlich, und wir zogen uns aus. Schneeflocken deckten uns zu, wohlig wälzte ich mich in Verenas Umarmungen, als gäbe es kein Morgen. Doch es gab ein Morgen. Die Nacht davor dauerte zwei spannende Jahre und begann mit der Entdeckung des Bauches.
Sie ließ sich Zeit. Ich liebte sie sehr und mit einer mir neuen, vorsichtigen Ernsthaftigkeit, als sie befand, die Zeit sei gekommen, über den kleinen Bauch zu sprechen. Das stört mich nicht, sagte ich. Ich bekomme ein Kind, sagte sie. Ich dachte an unsere Liebesnacht im Milchglas und überschlug hektisch die vergangene Zeit. Vierzehn Tage. Ich war unschuldig. Im dritten Monat sagte sie, und ich möchte, dass du aus meinem Leben verschwindest. Das geht jetzt noch, sagte sie, verschwinde. Sie stieg aus dem Fiat, umrundete den Wagen und öffnete die Beifahrertür. Verschwinde. Sie weinte. Ich blieb. Es ging nicht anders.
Immer wieder stach der Erzeuger, so nannte Verena den Vater des Kindes, nachts die Reifen des Fiats auf. Irgendwann erfuhr er von mir, wartete vor der Diskothek auf mich, schlug mir die Nase ein, die Augen blau und trat mir in den Bauch, bis ich kotzte. Ich schaffte es irgendwie zu Verena. Sie saß neben mir auf dem Sofa, mit Eisbeuteln in der Rechten und dem Telefonhörer in der Linken. Sie hatte erst meine Wunden versorgt, dann den Erzeuger angerufen, und der hatte dummerweise abgenommen. Und außerdem wollte ich dir noch sagen, dass du einen kümmerlichen Schwanz hast, brüllte sie in den Hörer, Minipimmel, echt, endlich werde ich mal richtig gefickt, endlich ein Mann im Haus, nicht so ein Eichhörnchenschwanz auf Halbmast wie bei dir, du Wichser. Ich hätte noch stundenlang zuhören können, leider musste ich plötzlich noch mal kotzen. Verena legte auf und holte den Teppichreiniger.
Der Erzeuger wartete auch in der nächsten Woche vor dem Club auf mich. Schwanzvergleich! Es war unfair, er hatte eine wirklich große Latte in der Hand. Ich hatte mich aber auch vorbereitet und erschien in Begleitung des örtlichen Footballteams. Olaf, der Quarterback, war von Natur aus allergisch gegen Baseballschläger und konfiszierte die Latte. Henning und Volker warfen sich derweil abwechselnd den Erzeuger zu. Prima, Jungs, lobte Olaf seine Mannschaft, erst aufhören, wenn er kotzt, ich habe das unserem jungen Freund hier versprochen.
Der Fiat fuhr jetzt einen schlanken Fuß, und meine Nase verheilte sehr schön in den nächsten Wochen. Ich besuchte regelmäßig die Schwangerschaftsgymnastik und sah mir mit Verenas Vater Tennisspiele im Fernsehen an. Ich traute mich nicht, ihm zu sagen, dass ich Tennis irgendwie langweilig und langwierig fand. Ich traute mich so einiges nicht. Verena war mittlerweile im achten Monat und ich hatte es bis dato versäumt, sie meinen Eltern vorzustellen. Das erledigte eine Patientin meiner Mutter beim nächsten Praxisbesuch. Sie kannte mich schon von Kindheit an, hatte mich beim Kinderwagenkauf gesehen und gratulierte meiner Mutter recht herzlich zum Omaglück. Sie entschuldigen mich kurz, bat meine Mutter, verließ das Behandlungszimmer, ging nach oben in die Wohnung und stürmte in mein Zimmer ohne anzuklopfen.
Als Max geboren wurde, sprachen meine Eltern wieder das Nötigste mit mir, und ich hatte inzwischen verstanden, dass es nicht Verena oder Max waren, sondern mein Misstrauen, das meine Eltern bis ins Mark verletzt hatte. Sie wollten Verena nicht kennen lernen und auch Max nicht sehen. Über Pro Familia erfuhren wir von den Möglichkeiten, den Erzeuger doch noch zur Überweisung des Unterhalts zu bewegen, eine erneute Intervention durch Olaf, Henning und Volker lehnte die Pro Familia-Beraterin als unüblich ab.
Verena liebte mich, ich liebte Verena, und zur Bestätigung dieser Tatsache liebten wir uns ständig. Das übrige Leben schien nur eine ärgerliche Unterbrechung bis zur nächsten verschwitzten Bettenakrobatik. Wir waren jung und immer gut durchblutet. In meiner Erinnerung ist sie nackt. Weiche, geschwungene Füße mit Zehen wie Perlen und kleinen Zehennägeln aus Perlmutt. Samtene, muskulöse Beine, das spitze Becken. Der flache Bauch, ganz hart vom atemlosen Heben und Senken, die festen Brüste, die immer mit einer feinen Gänsehaut überzogen waren, ein langer Hals, ein fordernder Mund, klare braune Augen, kein Make-up, nie, wozu, und der strenge Bürstenschnitt, so kurz, kein Halt. Ein schönes Leben zwischen Windelnwechseln, Kinderwagen schieben, Sex und Arbeit. Es hätte so weitergehen können. Ich war zufrieden. Ich war 18 Jahre alt, Vater, Liebhaber und Freund. Mein Leben war vorbestimmt, und ich wollte diese Bestimmung annehmen, Verantwortung übernehmen.
Verenas Leben hingegen war vorbei, erklärte sie mir an einem Sonntagmorgen durch die Gegensprechanlage der Haustür, und nein, ich könne jetzt nicht hochkommen, sie habe noch Besuch, und ja, sie hätten miteinander geschlafen und ich solle bitte gar nicht mehr zu ihr kommen, ich würde sie erdrücken mit meiner Ernsthaftigkeit, ihr Leben sei so vorbestimmt, so vorbei, dass könne sie nicht, sie sei doch noch jung und es gäbe so viel mehr da draußen als das. Das, das war ich, damit war ich gemeint. Ich ging und weinte ein bisschen, und ich kehrte nie mehr zurück. Geblieben ist mir in den folgenden Jahren das Gefühl der Ernsthaftigkeit in Beziehungen, trotzig habe ich immer mein ganzes Herz in Liebesdinge investiert, habe mir dadurch immer wieder Schrammen, Verletzungen, Ablehnung und Betrug eingehandelt und die Leichtigkeit der Liebe in diesem Leben erst sehr spät entdeckt.
Sie ließ sich Zeit. Ich liebte sie sehr und mit einer mir neuen, vorsichtigen Ernsthaftigkeit, als sie befand, die Zeit sei gekommen, über den kleinen Bauch zu sprechen. Das stört mich nicht, sagte ich. Ich bekomme ein Kind, sagte sie. Ich dachte an unsere Liebesnacht im Milchglas und überschlug hektisch die vergangene Zeit. Vierzehn Tage. Ich war unschuldig. Im dritten Monat sagte sie, und ich möchte, dass du aus meinem Leben verschwindest. Das geht jetzt noch, sagte sie, verschwinde. Sie stieg aus dem Fiat, umrundete den Wagen und öffnete die Beifahrertür. Verschwinde. Sie weinte. Ich blieb. Es ging nicht anders.
Immer wieder stach der Erzeuger, so nannte Verena den Vater des Kindes, nachts die Reifen des Fiats auf. Irgendwann erfuhr er von mir, wartete vor der Diskothek auf mich, schlug mir die Nase ein, die Augen blau und trat mir in den Bauch, bis ich kotzte. Ich schaffte es irgendwie zu Verena. Sie saß neben mir auf dem Sofa, mit Eisbeuteln in der Rechten und dem Telefonhörer in der Linken. Sie hatte erst meine Wunden versorgt, dann den Erzeuger angerufen, und der hatte dummerweise abgenommen. Und außerdem wollte ich dir noch sagen, dass du einen kümmerlichen Schwanz hast, brüllte sie in den Hörer, Minipimmel, echt, endlich werde ich mal richtig gefickt, endlich ein Mann im Haus, nicht so ein Eichhörnchenschwanz auf Halbmast wie bei dir, du Wichser. Ich hätte noch stundenlang zuhören können, leider musste ich plötzlich noch mal kotzen. Verena legte auf und holte den Teppichreiniger.
Der Erzeuger wartete auch in der nächsten Woche vor dem Club auf mich. Schwanzvergleich! Es war unfair, er hatte eine wirklich große Latte in der Hand. Ich hatte mich aber auch vorbereitet und erschien in Begleitung des örtlichen Footballteams. Olaf, der Quarterback, war von Natur aus allergisch gegen Baseballschläger und konfiszierte die Latte. Henning und Volker warfen sich derweil abwechselnd den Erzeuger zu. Prima, Jungs, lobte Olaf seine Mannschaft, erst aufhören, wenn er kotzt, ich habe das unserem jungen Freund hier versprochen.
Der Fiat fuhr jetzt einen schlanken Fuß, und meine Nase verheilte sehr schön in den nächsten Wochen. Ich besuchte regelmäßig die Schwangerschaftsgymnastik und sah mir mit Verenas Vater Tennisspiele im Fernsehen an. Ich traute mich nicht, ihm zu sagen, dass ich Tennis irgendwie langweilig und langwierig fand. Ich traute mich so einiges nicht. Verena war mittlerweile im achten Monat und ich hatte es bis dato versäumt, sie meinen Eltern vorzustellen. Das erledigte eine Patientin meiner Mutter beim nächsten Praxisbesuch. Sie kannte mich schon von Kindheit an, hatte mich beim Kinderwagenkauf gesehen und gratulierte meiner Mutter recht herzlich zum Omaglück. Sie entschuldigen mich kurz, bat meine Mutter, verließ das Behandlungszimmer, ging nach oben in die Wohnung und stürmte in mein Zimmer ohne anzuklopfen.
Als Max geboren wurde, sprachen meine Eltern wieder das Nötigste mit mir, und ich hatte inzwischen verstanden, dass es nicht Verena oder Max waren, sondern mein Misstrauen, das meine Eltern bis ins Mark verletzt hatte. Sie wollten Verena nicht kennen lernen und auch Max nicht sehen. Über Pro Familia erfuhren wir von den Möglichkeiten, den Erzeuger doch noch zur Überweisung des Unterhalts zu bewegen, eine erneute Intervention durch Olaf, Henning und Volker lehnte die Pro Familia-Beraterin als unüblich ab.
Verena liebte mich, ich liebte Verena, und zur Bestätigung dieser Tatsache liebten wir uns ständig. Das übrige Leben schien nur eine ärgerliche Unterbrechung bis zur nächsten verschwitzten Bettenakrobatik. Wir waren jung und immer gut durchblutet. In meiner Erinnerung ist sie nackt. Weiche, geschwungene Füße mit Zehen wie Perlen und kleinen Zehennägeln aus Perlmutt. Samtene, muskulöse Beine, das spitze Becken. Der flache Bauch, ganz hart vom atemlosen Heben und Senken, die festen Brüste, die immer mit einer feinen Gänsehaut überzogen waren, ein langer Hals, ein fordernder Mund, klare braune Augen, kein Make-up, nie, wozu, und der strenge Bürstenschnitt, so kurz, kein Halt. Ein schönes Leben zwischen Windelnwechseln, Kinderwagen schieben, Sex und Arbeit. Es hätte so weitergehen können. Ich war zufrieden. Ich war 18 Jahre alt, Vater, Liebhaber und Freund. Mein Leben war vorbestimmt, und ich wollte diese Bestimmung annehmen, Verantwortung übernehmen.
Verenas Leben hingegen war vorbei, erklärte sie mir an einem Sonntagmorgen durch die Gegensprechanlage der Haustür, und nein, ich könne jetzt nicht hochkommen, sie habe noch Besuch, und ja, sie hätten miteinander geschlafen und ich solle bitte gar nicht mehr zu ihr kommen, ich würde sie erdrücken mit meiner Ernsthaftigkeit, ihr Leben sei so vorbestimmt, so vorbei, dass könne sie nicht, sie sei doch noch jung und es gäbe so viel mehr da draußen als das. Das, das war ich, damit war ich gemeint. Ich ging und weinte ein bisschen, und ich kehrte nie mehr zurück. Geblieben ist mir in den folgenden Jahren das Gefühl der Ernsthaftigkeit in Beziehungen, trotzig habe ich immer mein ganzes Herz in Liebesdinge investiert, habe mir dadurch immer wieder Schrammen, Verletzungen, Ablehnung und Betrug eingehandelt und die Leichtigkeit der Liebe in diesem Leben erst sehr spät entdeckt.
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