
Mein Ahnenkult
Der eine war ein Glasmacher im Rheinland, der andere Glaser in Lübeck. Beide waren sehr trinkfreudig und ihre Frauen hatten es, wie die Familie überlieferte, nicht ganz leicht mit ihnen. Ohne von einander zu wissen, sie haben sich nie kennengelernt, kehrten die beiden Großväter oft spät und angetrunken aus Kneipen heim, der aus Lübeck still lächelnd, der aus dem Rheinland lauthals singend.
Die nächtlichen Wege des Rheinländers führten durch Gerresheim bei Düsseldorf. Vor der ehelichen Wohnung lehnte er dann gefährlich schräg mit dem Rücken an einer Laterne und sang in endloser Folge die beiden Worte „Wieder allein“. Er sang diesen kurzen, aber auch treffenden Text zu einer sich spontan ändernden Melodie. Er zog die Wörter lang, er sang mal sehr tief und mal sehr hoch, er wechselte die Tonlagen wie es ihm gerade einfiel, er sang die Sterne und den Mond an, trällerte, schmetterte und spielte jaulend mit den Tönen - bis in der Arbeitersiedlung, in der er wohnte, irgendwo ein Fenster aufflog und ihn eine keifende Stimme, halb deutsch und halb polnisch fluchend, wütend wegschickte, woraufhin er lachend ein paar Laternen weiterzog und sich dort erneut anlehnte, um den Kopf zum Himmel zu recken. Er hatte einen silbernen Flachmann dabei, aus dem er von Zeit zu Zeit einen großen Schluck nahm, um die Stimme zu verbessern. Der Flachmann des Großvaters, ein damals sicherlich ungeheuer teures Stück, wird heute noch in männlicher Linie weitervererbt. Diese nächtlichen Gesangsauftritte hat sich meine Familie so gut gemerkt, daß sie immer weiter und weiter erzählt wurden. Meine polnischstämmigen Großtanten machten noch im hohen Alter, als sie schon nicht mehr ganz so gut auf den Tischen tanzen konnten, ihren längst verstorbenen Bruder nach, lehnten sich auf Familienfeiern mangels Laternen ersatzweise an Türrahmen oder Schränke und spielten kichernd und aus Leibeskräften singend die berühmte Laternenszene nach, wozu sie bereitwillig sehr viel Wodka tranken, um es möglichst echt wirken zu lassen. Diese Inszenierungen fanden alle sehr komisch, außer meiner Großmutter natürlich. Die Großtanten machten das so oft und so einprägsam, daß ich heute noch, wenn ich nachts aus Kneipen nach Hause komme, mich gerne unterwegs an Laternen lehne und „Wieder allein“ vor mich her singe, um meinen unbekannten Großvater zu ehren. Es ist mir ein ganz natürliches Verhalten geworden. So lebt er in mir weiter, wenn ich zuviel trinke und singe - und sich die Herzdame fragt, wo ich bleibe.
Der Großvater aus Lübeck verhielt sich auf der Straße nicht ganz so auffällig, es hätte auch nicht in die norddeutsche Gegend gepaßt. Er war aber sehr geübt darin, einen deutlich schickeren Lebenswandel vorzutäuschen, als er sich jemals leisten konnte. Er schenkte meiner Mutter, die in den Fünfziger Jahren aus Düsseldorf zu seinem Sohn nach Lübeck kam, jede Woche heimlich rote Rosen. Er bewunderte wortreich ihre rotlackierten Fingernägel, Farbsignale aus dem lebensfrohen Rheinland, in Lübeck meist argwöhnisch beäugt, so etwas trug man nicht, Hände waren doch zum Arbeiten da. Mein Großvater schäkerte und schwenkte die Rosen, die er nur bezahlen konnte, in dem er das Geld dafür heimlich aus dem knappen Haushaltsgeld meiner Großmutter entwendete. Er hatte, sagt meine Mutter, sehr viel Charme und überhaupt ein Auftreten wie Graf Koks. Rosen und Geschenke gab es nicht nur für meine Mutter, sondern auch noch für seine Geliebte, von der alle wußten, ohne sie aber jemals zu erwähnen. Die Geliebte war von geradezu mondäner Erscheinung, trug übermäßig große Hüte mit Seidenblumen am Rand und ging, es war wirklich befremdlich, regelmäßig in das Theater. So eine Frau war das. Die Familie hat jahrzehntelang versucht, ihre Existenz durch pure Nichtachtung auszulöschen, es ist ihr nicht gelungen.
Um diesem Großvater nachzufolgen, muß ich schönen Frauen Blumen schenken, sie zum Essen und ins Theater einladen und ihre Hüte oder Hände bewundern. Auch diesem Großvater folge ich gerne und zwanglos nach. Das Haushaltsgeld allerdings verwalte ich sicherheitshalber alleine, denn man muß den Ahnen natürlich auch nicht alles nachmachen.
Sicherlich waren die beiden Großväter viel mehr, sie hatten natürlich noch andere Eigenschaften, Geschichten und Umstände, aber davon weiß ich nichts. Ich muß mich an das Wenige halten, was mir überliefert ist, ich muß annehmen, das es kein Zufall sein kann, was da durch Erzähltradition ausgewählt wurde und es für das Ganze nehmen. Ich finde es verblüffend leicht, die beiden zu ehren.
Ich hoffe, sie sind stolz auf mich.


frank
am 15. Mai, 23:48