
Das Schweigen der Dinge
von Susanne Englmayer
Zeit ist eine Illusion. So lautet ein gängiger esoterischer Grundsatz, die spirituelle Relativitätstheorie quasi: Ich und die Zeit, wir springen im Quadrat, was eine unglaublich starke Energie freisetzt. Aber nein, ich sollte mich nicht lustig machen, denn bin durchaus geneigt, diesen Gedanken nicht unattraktiv zu finden. Zeit wird schließlich von jedem Menschen anders interpretiert, anders empfunden sogar. Anders gefüllt sowieso. Zeit öffnet ungeahnte Möglichkeiten, und es ist ein überaus bemerkenswerter Vorgang, wie durch eine leichte Verschiebung von einem Hirn ins nächste derselbe Augenblick vollkommen anders daherkommen kann.
Mit den Dingen verhält es sich diesbezüglich grundlegend anders. Zeit geschieht um sie herum, ohne daß sie persönlich daran beteiligt wären. Im Gegenteil, sie ruhen in sich, sie können gar nicht anders. Oft stehen sie jahrelang an ein und demselben Platz und werden alt, älter, uralt mitunter. Manchmal auch wesentlich älter als Menschen und das mit stoischer Leichtigkeit. So sammeln die Dinge die Zeit in sich, sparen sie auf, ohne große Anstrengung. Sie geben sie aber nicht wieder her. Die Erinnerungen, die Geschichten, Fragen ohne Antworten, die Vergangenheit. Denn die Dinge sprechen eine eigene Sprache, im Grunde schweigen sie beharrlich. Verschweigen ihre unendliche Erfahrung. Dinge sind die schwarzen Löcher der Welt.
So auch das Gesellenstück meines Vaters. Eine kleine Kommode auf hohen Beinen, mit zwei Schiebetüren und zwei Schubladen, wie in der Prüfungsordnung vorgesehen. Kirschholzfurniert. Ihren Erbauer hat sie nun schon um Jahre überlebt. Bald wird sie älter sein als er, bis dahin ist es nicht mehr allzu lang. Sie wird auch mich überleben, denke ich manchmal. Wenn ich eilig die frisch gewaschene Wäsche in sie hineinwerfe. Dieses kleine, inzwischen recht unansehnlich gewordene Ding, voller Flecken und mit abgesplitterten Kanten, gebrochenen Griffen. Die Zeit ist nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Soweit ich weiß war die olle Kirschholzkommode meines Vaters viel auf Reisen in ihrem Leben. Weit mehr als es normal ist, selbst für ein derart solide gebautes Möbel. Ich persönlich erinnere mich, wie wir das gute Stück aus Zürich mitgenommen haben. Das war Anfang der 80er. Damals muß sie in ihren besten Jahren gewesen sein, so um die 30, schätze ich. Zuvor ist sie unter anderem in Frankfurt und Genf, irgendwo in Afrika und möglicherweise sogar in Singapur gewesen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Genau kann das niemand mehr sagen. Ganz besonders ich nicht, das alles war vor meiner Zeit. Doch es ist zu vermuten, daß die oben angeführte Reiseliste nur beispielhaft und mit ziemlicher Sicherheit unvollständig ist. Die Kommode selbst äußert sich natürlich so gut wie gar nicht dazu. Sie trägt die Zeichen der Zeit nicht ohne Stolz, das ist offensichtlich. Aber niemand, außer ihr, kennt die Ursachen der vielen Macken und Beschädigungen.
Aus der Schweiz haben wir die Kommode nach Düsseldorf geschafft, wo sie dann, unter Altpapier verborgen, ein paar Jahre bei ihrem Schöpfer verbracht hat. Seine letzten Jahre. Anschließend ist sie zu mir nach Wuppertal gezogen, beinah zwangsläufig. Wer sonst hätte sie nehmen sollen? Die vorerst letzte Reise, wiederum mit mir, gab es erst vor kurzem. Eine Reise nach Berlin. Wie es von hier aus weitergeht, kann ich noch nicht sagen. Das kann niemand, zu keiner Zeit. Vielleicht sollte ich das arme Möbelstück endlich einmal restaurieren, dachte ich gestern zum ich-weiß-nicht-zum-wievielten-Mal. Das täte ihm sicherlich gut. Nein, halt! Ich selbst sollte das natürlich nicht tun. Ich sollte es machen lassen, da muß zweifellos eine Fachkraft ran. Einstweilen geben meine Finanzen das aber nicht her. Und ich wüßte auch nicht, in welche Hände ich es vertrauensvoll geben könnte. Immerhin ist es das Gesellenstück meines Vaters, angefertigt unter erschwerten Bedingungen. Ende der 40er Jahre, kurz nach dem Krieg. Materialmangel, auch bei Holz. Vielleicht darum die Kirsche? Weil es die gerade gab? Oder deshalb nur furniert? Möglich. Doch wer weiß das schon?
Es sieht also schlecht aus, könnte man meinen. Außerdem handelt es sich nur um eine heruntergekommene Kommode, die da in meinem Schlafzimmer herumsteht. Wertlos und alt, längst verbraucht. Man sieht es, auf den ersten Blick. Das heißt, ich sehe das natürlich ganz anders. Sie weiß von der Zeit. Vor mir, mit mir. Und nach mir.
Mit den Dingen verhält es sich diesbezüglich grundlegend anders. Zeit geschieht um sie herum, ohne daß sie persönlich daran beteiligt wären. Im Gegenteil, sie ruhen in sich, sie können gar nicht anders. Oft stehen sie jahrelang an ein und demselben Platz und werden alt, älter, uralt mitunter. Manchmal auch wesentlich älter als Menschen und das mit stoischer Leichtigkeit. So sammeln die Dinge die Zeit in sich, sparen sie auf, ohne große Anstrengung. Sie geben sie aber nicht wieder her. Die Erinnerungen, die Geschichten, Fragen ohne Antworten, die Vergangenheit. Denn die Dinge sprechen eine eigene Sprache, im Grunde schweigen sie beharrlich. Verschweigen ihre unendliche Erfahrung. Dinge sind die schwarzen Löcher der Welt.
So auch das Gesellenstück meines Vaters. Eine kleine Kommode auf hohen Beinen, mit zwei Schiebetüren und zwei Schubladen, wie in der Prüfungsordnung vorgesehen. Kirschholzfurniert. Ihren Erbauer hat sie nun schon um Jahre überlebt. Bald wird sie älter sein als er, bis dahin ist es nicht mehr allzu lang. Sie wird auch mich überleben, denke ich manchmal. Wenn ich eilig die frisch gewaschene Wäsche in sie hineinwerfe. Dieses kleine, inzwischen recht unansehnlich gewordene Ding, voller Flecken und mit abgesplitterten Kanten, gebrochenen Griffen. Die Zeit ist nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Soweit ich weiß war die olle Kirschholzkommode meines Vaters viel auf Reisen in ihrem Leben. Weit mehr als es normal ist, selbst für ein derart solide gebautes Möbel. Ich persönlich erinnere mich, wie wir das gute Stück aus Zürich mitgenommen haben. Das war Anfang der 80er. Damals muß sie in ihren besten Jahren gewesen sein, so um die 30, schätze ich. Zuvor ist sie unter anderem in Frankfurt und Genf, irgendwo in Afrika und möglicherweise sogar in Singapur gewesen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Genau kann das niemand mehr sagen. Ganz besonders ich nicht, das alles war vor meiner Zeit. Doch es ist zu vermuten, daß die oben angeführte Reiseliste nur beispielhaft und mit ziemlicher Sicherheit unvollständig ist. Die Kommode selbst äußert sich natürlich so gut wie gar nicht dazu. Sie trägt die Zeichen der Zeit nicht ohne Stolz, das ist offensichtlich. Aber niemand, außer ihr, kennt die Ursachen der vielen Macken und Beschädigungen.
Aus der Schweiz haben wir die Kommode nach Düsseldorf geschafft, wo sie dann, unter Altpapier verborgen, ein paar Jahre bei ihrem Schöpfer verbracht hat. Seine letzten Jahre. Anschließend ist sie zu mir nach Wuppertal gezogen, beinah zwangsläufig. Wer sonst hätte sie nehmen sollen? Die vorerst letzte Reise, wiederum mit mir, gab es erst vor kurzem. Eine Reise nach Berlin. Wie es von hier aus weitergeht, kann ich noch nicht sagen. Das kann niemand, zu keiner Zeit. Vielleicht sollte ich das arme Möbelstück endlich einmal restaurieren, dachte ich gestern zum ich-weiß-nicht-zum-wievielten-Mal. Das täte ihm sicherlich gut. Nein, halt! Ich selbst sollte das natürlich nicht tun. Ich sollte es machen lassen, da muß zweifellos eine Fachkraft ran. Einstweilen geben meine Finanzen das aber nicht her. Und ich wüßte auch nicht, in welche Hände ich es vertrauensvoll geben könnte. Immerhin ist es das Gesellenstück meines Vaters, angefertigt unter erschwerten Bedingungen. Ende der 40er Jahre, kurz nach dem Krieg. Materialmangel, auch bei Holz. Vielleicht darum die Kirsche? Weil es die gerade gab? Oder deshalb nur furniert? Möglich. Doch wer weiß das schon?
Es sieht also schlecht aus, könnte man meinen. Außerdem handelt es sich nur um eine heruntergekommene Kommode, die da in meinem Schlafzimmer herumsteht. Wertlos und alt, längst verbraucht. Man sieht es, auf den ersten Blick. Das heißt, ich sehe das natürlich ganz anders. Sie weiß von der Zeit. Vor mir, mit mir. Und nach mir.


Monika Paulsen
am 11. Mai, 16:30
Herzliche Grüsse aus Brasilien!
Monika