95 Jahre

von DonDahlmann
I.

Das Problem lag zur Abwechslung mal ganz klar vor mir und was noch überraschender war: Ich konnte es sehen. Normalerweise gehen die Probleme und ich immer sehr nebeneinander her, ohne dass ich sie wahrnehme. Es ist nicht so, dass die Probleme sich nicht zu Wort melden würden. Sie benehmen sich manchmal wie ein schlecht gelaunter Kindergeburtstag, machen viel Krach und zerdeppern sehr laut Dinge. Aber ich hatte schon immer das Glück einer äußerst selektiven Wahrnehmung. Alles, was mich nicht interessiert, findet einfach nicht statt. Egal, ob der laute Staubsauger der Nachbarin ist, der mich um den Schlaf bringen sollte, oder eben die drei Gläser Wein zu viel am Abend vor einem wichtigen Termin. Der Termin und somit das Problem ist ja erst morgen. Reicht doch.

Aber hier lag die Sache dann von Anfang an anders. Mir war schon beim ersten Treffen klar: Das gibt Probleme. Große Probleme. Man schläft nicht einfach so mit einer verheirateten Frau, die zu dem ein Kind hat und ihrer Umwelt seit Jahren erfolgreich vorgauckelt, dass alles in schönster Ordnung sei. Sie lachte nicht mal, wenn sie von ihren Lügen an meinem Küchentisch erzählte. Es war auch kein Vorwurf in ihrer Stimme, dass doch irgendjemand ihr emotionales Elend sehen müsse. Es sie erzählte es ohne das die Stirn sich in Falten legte, ohne auch nur einmal die Zigarette mit einer harten Bewegung des Handgelenks auszudrücken und ohne die Stimme zu erheben. Es war keine Abrechnung, es war eine nüchterne Bilanz nach soundsovielen Jahren Ehe.

Nach dem ich sie dreimal nach Hause geschickt habe, meinte sie beim vierten Mal, dass sie ihrem Mann erzählt habe, dass sie heute bei mir sei. Und dass es spät werden würde. Vielleicht würde sie auch gar nicht kommen. Er habe es zur Kenntnis genommen und genickt. In dem Moment sah ich dann die Wut in ihren Augen.

"Der glaubt nicht, dass ich mit dir ins Bett gehe," sagte sie.
"Sind wir ja auch noch nicht," erwiderte ich besorgt, um in der gleichen Sekunde festzustellen, dass meine Antwort ein Geständnis war.
"..." machte sie.

II.

Zwei Monate lang stahl sie sich einmal in der Woche Zeit. Zwei Monate lang vögelten wir in meinem nicht mehr ganz taufrischen Bett aus dem "Dänischen Bettenlager". Zwei Holzlatten des Lattenrostes gingen zu Bruch. Nicht beim Sex, sondern immer vorher, weil sie wie ein Teenager aufs Bett sprang, so bald sie in meine winzige Wohnung kam. Es war unkompliziert, es war einfach Sex, es funktionierte tatsächlich. Bis zu dem Tag, an dem einen Beißfleck auf ihrer Schulter hinterließ. Sie meinte, das sei auch egal, er würde sie kaum noch nackt sehen, ich erschrak, weil ich wusste, dass ich das bewusst unbewusst etwas gemacht hatte. Reviermarkierung. Und wenn man so was bei einer so scheinbar unkomplizierten Sache macht, dann geht was schief.

"Ach was," dachte ich, "Es ist doch nur Spaß." Und biss bei dem Gedanken auf meine Unterlippe.

Ich schaffte es tatsächlich, mir die Sache auszureden. Die Probleme meinte ich analysiert zu haben, sie lagen klar auf dem Tisch, meine Chancen waren gleich Null und außerdem: Wollte ich das eigentlich? Als nichtsnutziger Schreiberling, der sich am Monatsende immer entscheiden musste, ob er eine Flasche Wein oder was zu essen kaufen sollte, konnte ich mir wohl kaum eine etwas ältere, brav in der Mittelschicht lebende Frau mit einem Kind leisten. Wenn die Probleme vor mir zeterten, dann wischte ich sie mit dem Satz "Ich weiß, wir sind ja hier nicht im Kino" vom Tisch. Und entkorkte eine der Weinflaschen, die sie immer mitbrachte.

III.

"Was ist denn das für eine Tasche, die du da hast?"
"Meine Klamotten"
"Warum..."
"Ich zieh für ein paar Tage bei dir ein."
"Äh... aber...dein Sohn, ich hab doch..."
"Sind Schulferien, der ist bei meiner Mutter. Ich hab mich in dich verliebt und du in mich. Was soll ich machen?"

IV.

Wir machten halt die Dinge zusammen, die man halt so macht, wenn man was völlig unverantwortliches macht und sich in einer Euphorie verliert, von der man weiß, dass sie nur ein flüchtiger Moment ist. Sie muss einfach vorbei gehen, sie darf nicht andauern, weil sie falsch ist, und weil bei so Konstellationen immer drei Leute verlieren und in diesem Fall war auch noch eine unbeteiligte vierte Person mit reingerissen wurde. Und je länger die Euphorie andauerte, desto klarer wurde mir, dass der Kater danach schrecklich sein würde. Aber noch war alles ein Nebel aus Sommerferien, Hitze, Wein und sehr vielen Beißflecken auf ihrer Schulter. Es waren zehn perfekte Tage bis zu diesem einem Abend. Diesem einen perfekten Abend. Ich hatte gekocht, sie den Wein besorgt, einen schweren Rotwein aus Sardinien. Wir saßen auf meinem Balkon, es war warm, sie hatte ein Bein auf meine gelegt und meine Hand lag auf ihrem. Es war so still, dass ich das leise Knacken der Kerzen hören konnte aber das Einzige, was mir durch den Kopf ging, war ein Gedanke: "Das war es. So wird nie mehr wieder sein. Denn schon morgen weiß sie, dass sie übermorgen ihren Sohn abholen muss, und dann geht das Karussell der Gedanken los und alle Dinge, die wir miteinander tun, werden ein Ring aus Blei mit sich rumtragen, den wir in jedem Moment spüren werden und der schwerer wird."

V.

Ich hätte ihr genauso gut eine Pistole an den Kopf setzen können. Sie schaute mich völlig ungläubig an und ich fing an, meine kleine einstudierte Rede erklären zu wollen. Man denkt sich das ja vorher immer so schön zurecht. Was man sagt, wie es betont, welche Worte man benutzt, welcher Dramaturgie die Rede folgen soll. Und dann erzählt man alles und es geht in Hose. Dass das alles nicht gehen würde. Dass es nicht gut sei. Dass wir keine Zukunft haben würden, weil die Vergangenheit einfach zu stark sein. Es gab zu viel "davor" und zu wenig Hoffnung auf ein "danach". "Das ist," sagte ich am Ende, "als ob Du schon 95 Jahre gelebt hast." Sie formulierte als Antwort halbe Sätze, erst, weil sie es nicht verstand, dann, weil sie es nicht mehr verstehen wollte. Dann, weil sie zu wütend war.

"Wie hast du dir das gedacht? Das geht doch nicht, ich würd ja wollen, aber es geht doch nicht." stammelte ich irgendwann hilflos, als mir das Drehbuch ausging. Um dann den schlimmen Satz "Es tut mir ja auch leid" hinterher zu hängen, der fast immer einer moralischen Bankrotterklärung gleich kommt.

Und es war eine Bankrotterklärung für mich. Vorher dachte ich immer, dass Liebe alles besiegen kann. Was halt so denkt, wenn das Leben bisher immer nur geradeaus gegangen ist. Jetzt musste ich feststellen, dass das Leben auch in dem Punkt grausamer sein kann, als ich es mir jemals vorgestellt hatte. Man trifft sich, man verliebt sich, alles geht dann eben eine Zeit gut. Das man sich treffen und lieben kann, ohne eine Zukunft zu haben, weil zu viel in der Vergangenheit passiert war, das war eine Niederlage, deren Schwere mir erst klar wurde, als ich ihr dabei zu sah, wie sie ihre Tasche packte.
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein Blog.
mindestens haltbar 05/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 05
ISSN 1816-8159
Autor: DonDahlmann
Titel: 95 Jahre
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am 10. Mai, 11:51

Wunderschöner Text. Spricht mir sowas von aus der Seele, weil ich die Situation ziemlich gut kenne.

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am 11. Mai, 13:38

das kenn ich nur zu genau aus der anderen perspektive...
das fazit war das selbe!
btw. wars nun ein sohn oder eine tochter? ;-)

gruß
norma


am 28. Mai, 16:51

gehört wohl zu den dingen, die man erlebt haben muß... aber. hurts like hell.

guter letzter absatz.