
mauvais gout
von suna
am samstag bin ich mit einem indianerhäuptling ohne schuhen und einer dame mit fön-turm-frisur und traubenohrringen durch die nacht gegangen. ich trug ein neonpinkes band im haar, viel glitter auf den augen und rosa lippenstift, ein bisschen davon auf den zähnen. von roten gummischuhen und pinken netzstrümpfen abgesehen, bot der mantel den betrachtern vor weiteren grausamkeiten zunächst schutz. sämtliche uns entgegen kommende menschen grüßten und wünschten lachend einen schönen abend, zwei autos hupten laut, ein weiteres mit licht. in kleinen wohnungen wird es schnell voll. auf der innenseite der wohnungstür klebte ein puzzlebild von lady di, das zeigte, wie sie aufgereihten, aufgeputzten kindern die hand schüttelt. sie trägt ein kurzes, tailliertes kostüm in grün und schwarze stöckelschuhe mit keilabsatz. an der stelle zwischen ihren beinen fehlte ein puzzlestück, dort befand sich das gucklock der tür.
von lady di's tragischem tod hatte ich im radio gehört, als ich gerade ins handtuch gewickelt aus dem kleinen bad kam, das zu meinem zimmer gehörte. ich erinnere mich, es war ein schöner morgen, die sonne ging damals immer auf und direkt im anschluss in mein zimmer hinein. die nachricht vom tod ayrton sennas ein paar jahre früher erfuhr ich auf genau dieselbe art, ich war gerade ins handtuch gewickelt aus dem dampfend heißen bad gekommen und im radio wurde in ehrwürdigem ton von tod, unfall und leben des verunglückten berichtet. den tod ayrton sennas hatte ich in meinem tagebuch vermerkt. ich war dreizehn und beschrieb die seiten in enger und gedrängter schrift, manchmal hörte ich mitten im satz auf und störte mich nicht daran, manchmal belügte ich mich seitenlang selbst und vermerkte später an den seitenrändern sanftmütig "tagtraum", noch später tadelnd mit bleistift "lüge". zu ayrton sennas tod schrieb ich nur, dass ich mich fragte, wie sich alain prost fühlen müsse und ich tippte auf: doppelt schlecht.
am samstag nachmittag begab ich mich auf der suche nach eindrücklichen beispielen für schlechten geschmack in die genfer einkaufsstraßen und glaubte plötzlich, alain prost zu sehen. mir fiel die unterstellung in meinem tagebuch ein und ich bemerkte, dass ich überhaupt keine vorstellung mehr davon habe, wie ayrton senna ausgesehen hat. sofort überprüfte ich mein bildergedächtnis und beruhigte mich schnell, ich weiß immer noch, wie onkel s und mein großvater ausgesehen haben, ich habe j und t ganz klar vor augen, aber es sind immer diesselben bilder, die kommen, immer dieselben erinnerungen, alle sehen immer so aus, wie sie kurz vor ihrem tod ausgesehen haben, ich kann sie mir nicht mehr jünger denken. onkel s war der onkel meines vaters und unter anderem dafür zuständig, uns kinder an die frische luft zu bringen, lange bevor ich in die schule ging. die spaziergänge führten nicht selten in ein kleines landgasthaus, das mit seinen dunklen möbeln selbst an den sonnigsten wintertagen eine finstere spelunke blieb, die mir einzig durch die spendierten pistazien und die nähe der molligen schafe hinterm haus erträglich war. an der theke standen immer dieselben männer, die jeder für sich immer dieselbe reihenfolge auf ihrer tour durch die gasthäuser des ortes einhielten. einer von ihnen griff sich mit auffälliger regelmäßigkeit in den schritt. den onkel danach befragt, hieß es, der mache das halt so. onkel s war kein großer redner. er stellte keine fragen und wusste selten antwort. wenn er sich ärgerte, hielt er die luft an, bis seine hellen augen aus seinem rot angelaufenen kopf hervorzuspringen drohten und stieß dann ein leises, mit einem brummen beginnendes "meingott,na!" aus, dann steckte er sich eine HB an.
auf dem fest des schlechten geschmacks kam ein mädchen als mann der widerlichen sorte verkleidet mit aufgeklebten brusthaaren, goldketten und heraushängendem hemd. zur begrüßung fasste sie mir an die brust, über die auf grellpinkem untergrund in großen weißen lettern MAGIC geschrieben stand. zwischen den knöpfen ihrer rissigen jeans blitze ein verkrümmtes, hartes würstchen hervor, das sie sich kaugummikauend und mit großer geste immer wieder zurecht rückte. als später ganz mauvais gout ein grease-medley gespielt wurde, hatte sie längst auf ihre rolle vergessen und tanzte die hüften schwingend, die hand aufs herz, mit schmollmund und papas-liebling-blicke werfend durch die küche, in der es nach bier und rauch und nicht mehr nach der salami roch, die man in scheiben auf dem unterkörper einer schaufensterpuppe kunstvoll angerichtet hatte. mit ebenso großer wahrscheinlichkeit, wie menschen unmittelbar nachdem eine filmkamera auf sie gerichtet wird, zu winken beginnen, gibt es bei jeder gelegenheit, sich zu verkleiden, männer geschminkt und in frauenkleidern zu bewundern. die freiwillige feuerwehr meines heimatortes war da keine ausnahme, als sie zu fasching in rosa trikots und heidi-wangen den donauwalzer tanzte, in einer tragenden rolle jener herr, der gerne an den theken der wirtshäuser schmalzbrote bestellt und im jahr davor einen authentischen obelix gegeben hatte.
ich hatte mir überlegt, mich superachtziger in ein aerobic-trikot zu zwängen, den gedanken aber schnell verworfen. nachdem madonna, zu der ich ca. 94 in meinem tagebuch vorausahnend vermerkt hatte, ich wüsste nicht wieso, aber irgendwie widere sie mich an, das aerobic-trikot salonfähig gemacht hat, blieb als ausdruck des schlechten geschmacks nur noch die unvereinbarkeit mit meinem körper übrig, zu dem ich – anders als der feuerwehrmann - ein absolut ironiefreies verhältnis pflege. zudem wollte ich mir nicht nehmen lassen, auch weiterhin mit schlangenbissigem mitleid über die dicken mädchen zu schimpfen, die ihre bäuche aus zu optimistischen hosen hängen lassen. mitleid, weil ich ihnen eine mir selbst in gedanken unzumutbare ernährung unterstelle, die nach nichts schmeckt, wodurch sich geschmack erst gar nicht entwickeln kann (giftschlangenzahnbissig ganz von natur aus). am fest des schlechten geschmacks wurden ganz ansehliche bäuche gezeigt, von grellen hawaihemden umflattert, von haaren bewachsen. die beiden bauchzeigenden jungs trugen ein wenig puder, wimperntusche und lippenstift, was genügte, um ihre weiblichen seiten zu betonen. wenn sie sich nicht zu etwas tuntigen bewegungen verleiten lassen hätten, wären sie auch nicht weiter von den überschminkten fernsehshow-männern zu unterscheiden gewesen, was als ausdruck des schlechten geschmack genauso gut durchgegangen wäre.
ich habe mich noch nie als mann verkleidet, wollte weder cowboy noch indianer sein. als sich meine mutter einmal einen schnurrbart aufgemalt hatte, gab ich ihr (vielleicht war ich vier, fünf) so viele feuchte küsse, bis sie sich den bart wegwischen musste (und ihn wieder neu auftrug, was ich nicht verstand, aber akzeptierte). früher fand ich mich im anzug toll, weil fremd und entkörpert, heut finde ich mich im anzug toll, weil er mir lange beine macht und distanziert. in pinken netzstrümpfen und einer blitzblauen leggin darüber hat man nicht die schönsten beine und keine taschen, in die man etwas stecken könnte. ich las einmal eine kurzgeschichte über einen mann, der aus einem fenster stürzte und starb. nur der inhalt seiner hosentaschen gab auskunft über seine identität - eine packung streichhölzer, ein hemdknopf, eine zusammengefaltete rechnung. das fest des schlechten geschmacks fing ganz langsam an, wurde erst spät zu einem rauschenden fest. einige gingen so früh, dass sie es nicht mehr mitbekamen, wie die leute nach und nach die rollen ablegten, die sie sich zu spielen vorgenommen hatten. ich fragte mich, ob diejenigen, die zu früh gingen, menschen, die sie noch nie zuvor gesehen hatten, in der rolle eines machos, als hängebrüstige hausfrau oder als discomaus in erinnerung behalten würden. was bleibt? warum bleibt manches, anderes nicht? es bleibt die erinnerung an einen vergnüglichen abend und die ermunterung, manchmal die bilder zu überprüfen, die man sich so zusammen gereimt hat, mit dem wenigen, das einem manchmal zu verfügung steht. es blieb zum glück nicht der dreck der straße an den fußsohlen haften, weil ich mit den schuhen in der hand nachhause ging. es wäre bestimmt auch nichts von dem neongelben nagellack zurück geblieben, hätte ich gestern daran gedacht, ihn zu entfernen.
von lady di's tragischem tod hatte ich im radio gehört, als ich gerade ins handtuch gewickelt aus dem kleinen bad kam, das zu meinem zimmer gehörte. ich erinnere mich, es war ein schöner morgen, die sonne ging damals immer auf und direkt im anschluss in mein zimmer hinein. die nachricht vom tod ayrton sennas ein paar jahre früher erfuhr ich auf genau dieselbe art, ich war gerade ins handtuch gewickelt aus dem dampfend heißen bad gekommen und im radio wurde in ehrwürdigem ton von tod, unfall und leben des verunglückten berichtet. den tod ayrton sennas hatte ich in meinem tagebuch vermerkt. ich war dreizehn und beschrieb die seiten in enger und gedrängter schrift, manchmal hörte ich mitten im satz auf und störte mich nicht daran, manchmal belügte ich mich seitenlang selbst und vermerkte später an den seitenrändern sanftmütig "tagtraum", noch später tadelnd mit bleistift "lüge". zu ayrton sennas tod schrieb ich nur, dass ich mich fragte, wie sich alain prost fühlen müsse und ich tippte auf: doppelt schlecht.
am samstag nachmittag begab ich mich auf der suche nach eindrücklichen beispielen für schlechten geschmack in die genfer einkaufsstraßen und glaubte plötzlich, alain prost zu sehen. mir fiel die unterstellung in meinem tagebuch ein und ich bemerkte, dass ich überhaupt keine vorstellung mehr davon habe, wie ayrton senna ausgesehen hat. sofort überprüfte ich mein bildergedächtnis und beruhigte mich schnell, ich weiß immer noch, wie onkel s und mein großvater ausgesehen haben, ich habe j und t ganz klar vor augen, aber es sind immer diesselben bilder, die kommen, immer dieselben erinnerungen, alle sehen immer so aus, wie sie kurz vor ihrem tod ausgesehen haben, ich kann sie mir nicht mehr jünger denken. onkel s war der onkel meines vaters und unter anderem dafür zuständig, uns kinder an die frische luft zu bringen, lange bevor ich in die schule ging. die spaziergänge führten nicht selten in ein kleines landgasthaus, das mit seinen dunklen möbeln selbst an den sonnigsten wintertagen eine finstere spelunke blieb, die mir einzig durch die spendierten pistazien und die nähe der molligen schafe hinterm haus erträglich war. an der theke standen immer dieselben männer, die jeder für sich immer dieselbe reihenfolge auf ihrer tour durch die gasthäuser des ortes einhielten. einer von ihnen griff sich mit auffälliger regelmäßigkeit in den schritt. den onkel danach befragt, hieß es, der mache das halt so. onkel s war kein großer redner. er stellte keine fragen und wusste selten antwort. wenn er sich ärgerte, hielt er die luft an, bis seine hellen augen aus seinem rot angelaufenen kopf hervorzuspringen drohten und stieß dann ein leises, mit einem brummen beginnendes "meingott,na!" aus, dann steckte er sich eine HB an.
auf dem fest des schlechten geschmacks kam ein mädchen als mann der widerlichen sorte verkleidet mit aufgeklebten brusthaaren, goldketten und heraushängendem hemd. zur begrüßung fasste sie mir an die brust, über die auf grellpinkem untergrund in großen weißen lettern MAGIC geschrieben stand. zwischen den knöpfen ihrer rissigen jeans blitze ein verkrümmtes, hartes würstchen hervor, das sie sich kaugummikauend und mit großer geste immer wieder zurecht rückte. als später ganz mauvais gout ein grease-medley gespielt wurde, hatte sie längst auf ihre rolle vergessen und tanzte die hüften schwingend, die hand aufs herz, mit schmollmund und papas-liebling-blicke werfend durch die küche, in der es nach bier und rauch und nicht mehr nach der salami roch, die man in scheiben auf dem unterkörper einer schaufensterpuppe kunstvoll angerichtet hatte. mit ebenso großer wahrscheinlichkeit, wie menschen unmittelbar nachdem eine filmkamera auf sie gerichtet wird, zu winken beginnen, gibt es bei jeder gelegenheit, sich zu verkleiden, männer geschminkt und in frauenkleidern zu bewundern. die freiwillige feuerwehr meines heimatortes war da keine ausnahme, als sie zu fasching in rosa trikots und heidi-wangen den donauwalzer tanzte, in einer tragenden rolle jener herr, der gerne an den theken der wirtshäuser schmalzbrote bestellt und im jahr davor einen authentischen obelix gegeben hatte.
ich hatte mir überlegt, mich superachtziger in ein aerobic-trikot zu zwängen, den gedanken aber schnell verworfen. nachdem madonna, zu der ich ca. 94 in meinem tagebuch vorausahnend vermerkt hatte, ich wüsste nicht wieso, aber irgendwie widere sie mich an, das aerobic-trikot salonfähig gemacht hat, blieb als ausdruck des schlechten geschmacks nur noch die unvereinbarkeit mit meinem körper übrig, zu dem ich – anders als der feuerwehrmann - ein absolut ironiefreies verhältnis pflege. zudem wollte ich mir nicht nehmen lassen, auch weiterhin mit schlangenbissigem mitleid über die dicken mädchen zu schimpfen, die ihre bäuche aus zu optimistischen hosen hängen lassen. mitleid, weil ich ihnen eine mir selbst in gedanken unzumutbare ernährung unterstelle, die nach nichts schmeckt, wodurch sich geschmack erst gar nicht entwickeln kann (giftschlangenzahnbissig ganz von natur aus). am fest des schlechten geschmacks wurden ganz ansehliche bäuche gezeigt, von grellen hawaihemden umflattert, von haaren bewachsen. die beiden bauchzeigenden jungs trugen ein wenig puder, wimperntusche und lippenstift, was genügte, um ihre weiblichen seiten zu betonen. wenn sie sich nicht zu etwas tuntigen bewegungen verleiten lassen hätten, wären sie auch nicht weiter von den überschminkten fernsehshow-männern zu unterscheiden gewesen, was als ausdruck des schlechten geschmack genauso gut durchgegangen wäre.
ich habe mich noch nie als mann verkleidet, wollte weder cowboy noch indianer sein. als sich meine mutter einmal einen schnurrbart aufgemalt hatte, gab ich ihr (vielleicht war ich vier, fünf) so viele feuchte küsse, bis sie sich den bart wegwischen musste (und ihn wieder neu auftrug, was ich nicht verstand, aber akzeptierte). früher fand ich mich im anzug toll, weil fremd und entkörpert, heut finde ich mich im anzug toll, weil er mir lange beine macht und distanziert. in pinken netzstrümpfen und einer blitzblauen leggin darüber hat man nicht die schönsten beine und keine taschen, in die man etwas stecken könnte. ich las einmal eine kurzgeschichte über einen mann, der aus einem fenster stürzte und starb. nur der inhalt seiner hosentaschen gab auskunft über seine identität - eine packung streichhölzer, ein hemdknopf, eine zusammengefaltete rechnung. das fest des schlechten geschmacks fing ganz langsam an, wurde erst spät zu einem rauschenden fest. einige gingen so früh, dass sie es nicht mehr mitbekamen, wie die leute nach und nach die rollen ablegten, die sie sich zu spielen vorgenommen hatten. ich fragte mich, ob diejenigen, die zu früh gingen, menschen, die sie noch nie zuvor gesehen hatten, in der rolle eines machos, als hängebrüstige hausfrau oder als discomaus in erinnerung behalten würden. was bleibt? warum bleibt manches, anderes nicht? es bleibt die erinnerung an einen vergnüglichen abend und die ermunterung, manchmal die bilder zu überprüfen, die man sich so zusammen gereimt hat, mit dem wenigen, das einem manchmal zu verfügung steht. es blieb zum glück nicht der dreck der straße an den fußsohlen haften, weil ich mit den schuhen in der hand nachhause ging. es wäre bestimmt auch nichts von dem neongelben nagellack zurück geblieben, hätte ich gestern daran gedacht, ihn zu entfernen.
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