0305 - Vor meiner Zeit

Editorial

Don Dahlmann
Wir sind gewöhnt, dass wir nach vorne schauen und immer unsere Zukunft im Blick haben. Dabei sind fast ausschließlich von Menschen und Dingen umgeben, die eine Vergangenheit und vor allem eine eigene Geschichte haben.
Wo mag der Tisch, den man irgendwann mal auf einem Flohmarkt erworben hat, vorher gestanden haben? Wer hat an ihm gesessen? Welche Geschichten wurden an ihm erzählt? Auch die Menschen, die uns begleiten, haben ihre eigenen Geschichten. Wissen wir alles von unseren Partnern, welche Dinge werden uns verheimlicht? Diese Ausgabe versammelt Geschichten, die unter dem Thema "Vor meiner Zeit" gesammelt wurden.

Noch ein paar Worte in eigener Sache. Seit einigen Wochen habe ich die Chefredaktion für mindestenshaltbar.net übernommen und ich habe mir einiges vorgenommen. Doch diese Dinge lassen sich nicht von heute auf morgen umsetzen. Wir werden im Laufe der nächsten Ausgaben langsam aber sicher das Magazin verändern und - so hoffe ich - auch verbessern können. Ich möchte mich an dieser Stelle schon mal beim Team von Knallgrau und ganz besonders bei Kristina Mittendorfer bedanken, ohne deren Hilfe diese Ausgabe nicht so reibungslos hätte erscheinen können.

Ein weiterer Dank geht an die Autoren: Mrs.Marla, Susanne Englmayer, suna, Stevan Paulsen, Merlix und Herrn Hilbig, die in dieser Ausgabe die Texte geliefert haben.
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein Blog.

Ernsthaft.

Herr Paulsen
Vom Annähern, Schlagen, Verabschieden, Kindern und all den Dingen mit denen man nicht rechnet, wenn man eine schöne Frau kennenlernt.
Na gut. Sie ist etwas dick, dachte ich, aber ich liebe sie, dachte ich, etwas überrascht von dem kleinen Bäuchlein, das ich unter Verenas weitem Pullover entdeckt hatte. Der Fiat Panda war die Mitte der Welt. Hier würde ich mit meiner neuen Königin leben. Draußen fiel dichter Schnee, und durch die beschlagenen Fensterscheiben war mein Elternhaus nur noch verschwommen zu erkennen, wie durch ein eben geleertes Glas Milch. Die letzten Lichter im Haus verloschen, die Standheizung arbeitete verlässlich, und wir zogen uns aus. Schneeflocken deckten uns zu, wohlig wälzte ich mich in Verenas Umarmungen, als gäbe es kein Morgen. Doch es gab ein Morgen. Die Nacht davor dauerte zwei spannende Jahre und begann mit der Entdeckung des Bauches.

Sie ließ sich Zeit. Ich liebte sie sehr und mit einer mir neuen, vorsichtigen Ernsthaftigkeit, als sie befand, die Zeit sei gekommen, über den kleinen Bauch zu sprechen. Das stört mich nicht, sagte ich. Ich bekomme ein Kind, sagte sie. Ich dachte an unsere Liebesnacht im Milchglas und überschlug hektisch die vergangene Zeit. Vierzehn Tage. Ich war unschuldig. Im dritten Monat sagte sie, und ich möchte, dass du aus meinem Leben verschwindest. Das geht jetzt noch, sagte sie, verschwinde. Sie stieg aus dem Fiat, umrundete den Wagen und öffnete die Beifahrertür. Verschwinde. Sie weinte. Ich blieb. Es ging nicht anders.

Immer wieder stach der Erzeuger, so nannte Verena den Vater des Kindes, nachts die Reifen des Fiats auf. Irgendwann erfuhr er von mir, wartete vor der Diskothek auf mich, schlug mir die Nase ein, die Augen blau und trat mir in den Bauch, bis ich kotzte. Ich schaffte es irgendwie zu Verena. Sie saß neben mir auf dem Sofa, mit Eisbeuteln in der Rechten und dem Telefonhörer in der Linken. Sie hatte erst meine Wunden versorgt, dann den Erzeuger angerufen, und der hatte dummerweise abgenommen. Und außerdem wollte ich dir noch sagen, dass du einen kümmerlichen Schwanz hast, brüllte sie in den Hörer, Minipimmel, echt, endlich werde ich mal richtig gefickt, endlich ein Mann im Haus, nicht so ein Eichhörnchenschwanz auf Halbmast wie bei dir, du Wichser. Ich hätte noch stundenlang zuhören können, leider musste ich plötzlich noch mal kotzen. Verena legte auf und holte den Teppichreiniger.

Der Erzeuger wartete auch in der nächsten Woche vor dem Club auf mich. Schwanzvergleich! Es war unfair, er hatte eine wirklich große Latte in der Hand. Ich hatte mich aber auch vorbereitet und erschien in Begleitung des örtlichen Footballteams. Olaf, der Quarterback, war von Natur aus allergisch gegen Baseballschläger und konfiszierte die Latte. Henning und Volker warfen sich derweil abwechselnd den Erzeuger zu. Prima, Jungs, lobte Olaf seine Mannschaft, erst aufhören, wenn er kotzt, ich habe das unserem jungen Freund hier versprochen.

Der Fiat fuhr jetzt einen schlanken Fuß, und meine Nase verheilte sehr schön in den nächsten Wochen. Ich besuchte regelmäßig die Schwangerschaftsgymnastik und sah mir mit Verenas Vater Tennisspiele im Fernsehen an. Ich traute mich nicht, ihm zu sagen, dass ich Tennis irgendwie langweilig und langwierig fand. Ich traute mich so einiges nicht. Verena war mittlerweile im achten Monat und ich hatte es bis dato versäumt, sie meinen Eltern vorzustellen. Das erledigte eine Patientin meiner Mutter beim nächsten Praxisbesuch. Sie kannte mich schon von Kindheit an, hatte mich beim Kinderwagenkauf gesehen und gratulierte meiner Mutter recht herzlich zum Omaglück. Sie entschuldigen mich kurz, bat meine Mutter, verließ das Behandlungszimmer, ging nach oben in die Wohnung und stürmte in mein Zimmer ohne anzuklopfen.

Als Max geboren wurde, sprachen meine Eltern wieder das Nötigste mit mir, und ich hatte inzwischen verstanden, dass es nicht Verena oder Max waren, sondern mein Misstrauen, das meine Eltern bis ins Mark verletzt hatte. Sie wollten Verena nicht kennen lernen und auch Max nicht sehen. Über Pro Familia erfuhren wir von den Möglichkeiten, den Erzeuger doch noch zur Überweisung des Unterhalts zu bewegen, eine erneute Intervention durch Olaf, Henning und Volker lehnte die Pro Familia-Beraterin als unüblich ab.
Verena liebte mich, ich liebte Verena, und zur Bestätigung dieser Tatsache liebten wir uns ständig. Das übrige Leben schien nur eine ärgerliche Unterbrechung bis zur nächsten verschwitzten Bettenakrobatik. Wir waren jung und immer gut durchblutet. In meiner Erinnerung ist sie nackt. Weiche, geschwungene Füße mit Zehen wie Perlen und kleinen Zehennägeln aus Perlmutt. Samtene, muskulöse Beine, das spitze Becken. Der flache Bauch, ganz hart vom atemlosen Heben und Senken, die festen Brüste, die immer mit einer feinen Gänsehaut überzogen waren, ein langer Hals, ein fordernder Mund, klare braune Augen, kein Make-up, nie, wozu, und der strenge Bürstenschnitt, so kurz, kein Halt. Ein schönes Leben zwischen Windelnwechseln, Kinderwagen schieben, Sex und Arbeit. Es hätte so weitergehen können. Ich war zufrieden. Ich war 18 Jahre alt, Vater, Liebhaber und Freund. Mein Leben war vorbestimmt, und ich wollte diese Bestimmung annehmen, Verantwortung übernehmen.

Verenas Leben hingegen war vorbei, erklärte sie mir an einem Sonntagmorgen durch die Gegensprechanlage der Haustür, und nein, ich könne jetzt nicht hochkommen, sie habe noch Besuch, und ja, sie hätten miteinander geschlafen und ich solle bitte gar nicht mehr zu ihr kommen, ich würde sie erdrücken mit meiner Ernsthaftigkeit, ihr Leben sei so vorbestimmt, so vorbei, dass könne sie nicht, sie sei doch noch jung und es gäbe so viel mehr da draußen als das. Das, das war ich, damit war ich gemeint. Ich ging und weinte ein bisschen, und ich kehrte nie mehr zurück. Geblieben ist mir in den folgenden Jahren das Gefühl der Ernsthaftigkeit in Beziehungen, trotzig habe ich immer mein ganzes Herz in Liebesdinge investiert, habe mir dadurch immer wieder Schrammen, Verletzungen, Ablehnung und Betrug eingehandelt und die Leichtigkeit der Liebe in diesem Leben erst sehr spät entdeckt.
Der gelernte Koch arbeitet als Foodstylist, Redakteur und kulinarischer Berater für Zeitschriften, Werbung, Film und Fernsehen. In seinem Blog erzählt er, unter anderem, oft vom Leben hinter der Küchentür und der sehr eigenen Gesellschaft der Köche & Gourmets.

Mein Ahnenkult

Maximilian "Merlix" Buddenbohm
Auch die Vorfahren hatten ein ereignisreiches Leben, und deren Geschichten sollten nicht verloren gehen.
Vor meiner Zeit gab es zwei Großväter, die habe ich nie kennengelernt. Der eine wurde nur einen Tag vor Kriegsende irgendwo in Polen erschossen, der andere war zwar gar nicht im Krieg, starb aber zu Hause an Lungenkrebs, bevor es mich gab. Von beiden Großvätern weiß ich fast nichts. Kinder kommen aber oft nach den Großeltern sagt man. Ich suche also aus den Erzählungen der Älteren zusammen, was ich weiß, sehe in den zersplitterten Spiegel der Familiengeschichte und folge den Ahnen nach:

Der eine war ein Glasmacher im Rheinland, der andere Glaser in Lübeck. Beide waren sehr trinkfreudig und ihre Frauen hatten es, wie die Familie überlieferte, nicht ganz leicht mit ihnen. Ohne von einander zu wissen, sie haben sich nie kennengelernt, kehrten die beiden Großväter oft spät und angetrunken aus Kneipen heim, der aus Lübeck still lächelnd, der aus dem Rheinland lauthals singend.

Die nächtlichen Wege des Rheinländers führten durch Gerresheim bei Düsseldorf. Vor der ehelichen Wohnung lehnte er dann gefährlich schräg mit dem Rücken an einer Laterne und sang in endloser Folge die beiden Worte „Wieder allein“. Er sang diesen kurzen, aber auch treffenden Text zu einer sich spontan ändernden Melodie. Er zog die Wörter lang, er sang mal sehr tief und mal sehr hoch, er wechselte die Tonlagen wie es ihm gerade einfiel, er sang die Sterne und den Mond an, trällerte, schmetterte und spielte jaulend mit den Tönen - bis in der Arbeitersiedlung, in der er wohnte, irgendwo ein Fenster aufflog und ihn eine keifende Stimme, halb deutsch und halb polnisch fluchend, wütend wegschickte, woraufhin er lachend ein paar Laternen weiterzog und sich dort erneut anlehnte, um den Kopf zum Himmel zu recken. Er hatte einen silbernen Flachmann dabei, aus dem er von Zeit zu Zeit einen großen Schluck nahm, um die Stimme zu verbessern. Der Flachmann des Großvaters, ein damals sicherlich ungeheuer teures Stück, wird heute noch in männlicher Linie weitervererbt. Diese nächtlichen Gesangsauftritte hat sich meine Familie so gut gemerkt, daß sie immer weiter und weiter erzählt wurden. Meine polnischstämmigen Großtanten machten noch im hohen Alter, als sie schon nicht mehr ganz so gut auf den Tischen tanzen konnten, ihren längst verstorbenen Bruder nach, lehnten sich auf Familienfeiern mangels Laternen ersatzweise an Türrahmen oder Schränke und spielten kichernd und aus Leibeskräften singend die berühmte Laternenszene nach, wozu sie bereitwillig sehr viel Wodka tranken, um es möglichst echt wirken zu lassen. Diese Inszenierungen fanden alle sehr komisch, außer meiner Großmutter natürlich. Die Großtanten machten das so oft und so einprägsam, daß ich heute noch, wenn ich nachts aus Kneipen nach Hause komme, mich gerne unterwegs an Laternen lehne und „Wieder allein“ vor mich her singe, um meinen unbekannten Großvater zu ehren. Es ist mir ein ganz natürliches Verhalten geworden. So lebt er in mir weiter, wenn ich zuviel trinke und singe - und sich die Herzdame fragt, wo ich bleibe.

Der Großvater aus Lübeck verhielt sich auf der Straße nicht ganz so auffällig, es hätte auch nicht in die norddeutsche Gegend gepaßt. Er war aber sehr geübt darin, einen deutlich schickeren Lebenswandel vorzutäuschen, als er sich jemals leisten konnte. Er schenkte meiner Mutter, die in den Fünfziger Jahren aus Düsseldorf zu seinem Sohn nach Lübeck kam, jede Woche heimlich rote Rosen. Er bewunderte wortreich ihre rotlackierten Fingernägel, Farbsignale aus dem lebensfrohen Rheinland, in Lübeck meist argwöhnisch beäugt, so etwas trug man nicht, Hände waren doch zum Arbeiten da. Mein Großvater schäkerte und schwenkte die Rosen, die er nur bezahlen konnte, in dem er das Geld dafür heimlich aus dem knappen Haushaltsgeld meiner Großmutter entwendete. Er hatte, sagt meine Mutter, sehr viel Charme und überhaupt ein Auftreten wie Graf Koks. Rosen und Geschenke gab es nicht nur für meine Mutter, sondern auch noch für seine Geliebte, von der alle wußten, ohne sie aber jemals zu erwähnen. Die Geliebte war von geradezu mondäner Erscheinung, trug übermäßig große Hüte mit Seidenblumen am Rand und ging, es war wirklich befremdlich, regelmäßig in das Theater. So eine Frau war das. Die Familie hat jahrzehntelang versucht, ihre Existenz durch pure Nichtachtung auszulöschen, es ist ihr nicht gelungen.

Um diesem Großvater nachzufolgen, muß ich schönen Frauen Blumen schenken, sie zum Essen und ins Theater einladen und ihre Hüte oder Hände bewundern. Auch diesem Großvater folge ich gerne und zwanglos nach. Das Haushaltsgeld allerdings verwalte ich sicherheitshalber alleine, denn man muß den Ahnen natürlich auch nicht alles nachmachen.

Sicherlich waren die beiden Großväter viel mehr, sie hatten natürlich noch andere Eigenschaften, Geschichten und Umstände, aber davon weiß ich nichts. Ich muß mich an das Wenige halten, was mir überliefert ist, ich muß annehmen, das es kein Zufall sein kann, was da durch Erzähltradition ausgewählt wurde und es für das Ganze nehmen. Ich finde es verblüffend leicht, die beiden zu ehren.

Ich hoffe, sie sind stolz auf mich.

Maximilian Buddenbohm

Jahrgang 1966, bloggt seit 2004 als "Merlix" über seine Herzdame und anderes. Lebt in Hamburg und arbeitet als Controller. Um sich auch mit vernünftigen und logischen Dingen zu beschäftigen, ist er nebenbei freiberuflicher Astrologe.

Das Schweigen der Dinge

Susanne Englmayer
Nicht nur die Menschen haben ihre eigenen Geschichten. Auch die Möbel in unserer Wohnung können uns viel erzählen.
Zeit ist eine Illusion. So lautet ein gängiger esoterischer Grundsatz, die spirituelle Relativitätstheorie quasi: Ich und die Zeit, wir springen im Quadrat, was eine unglaublich starke Energie freisetzt. Aber nein, ich sollte mich nicht lustig machen, denn bin durchaus geneigt, diesen Gedanken nicht unattraktiv zu finden. Zeit wird schließlich von jedem Menschen anders interpretiert, anders empfunden sogar. Anders gefüllt sowieso. Zeit öffnet ungeahnte Möglichkeiten, und es ist ein überaus bemerkenswerter Vorgang, wie durch eine leichte Verschiebung von einem Hirn ins nächste derselbe Augenblick vollkommen anders daherkommen kann.

Mit den Dingen verhält es sich diesbezüglich grundlegend anders. Zeit geschieht um sie herum, ohne daß sie persönlich daran beteiligt wären. Im Gegenteil, sie ruhen in sich, sie können gar nicht anders. Oft stehen sie jahrelang an ein und demselben Platz und werden alt, älter, uralt mitunter. Manchmal auch wesentlich älter als Menschen und das mit stoischer Leichtigkeit. So sammeln die Dinge die Zeit in sich, sparen sie auf, ohne große Anstrengung. Sie geben sie aber nicht wieder her. Die Erinnerungen, die Geschichten, Fragen ohne Antworten, die Vergangenheit. Denn die Dinge sprechen eine eigene Sprache, im Grunde schweigen sie beharrlich. Verschweigen ihre unendliche Erfahrung. Dinge sind die schwarzen Löcher der Welt.

So auch das Gesellenstück meines Vaters. Eine kleine Kommode auf hohen Beinen, mit zwei Schiebetüren und zwei Schubladen, wie in der Prüfungsordnung vorgesehen. Kirschholzfurniert. Ihren Erbauer hat sie nun schon um Jahre überlebt. Bald wird sie älter sein als er, bis dahin ist es nicht mehr allzu lang. Sie wird auch mich überleben, denke ich manchmal. Wenn ich eilig die frisch gewaschene Wäsche in sie hineinwerfe. Dieses kleine, inzwischen recht unansehnlich gewordene Ding, voller Flecken und mit abgesplitterten Kanten, gebrochenen Griffen. Die Zeit ist nicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Soweit ich weiß war die olle Kirschholzkommode meines Vaters viel auf Reisen in ihrem Leben. Weit mehr als es normal ist, selbst für ein derart solide gebautes Möbel. Ich persönlich erinnere mich, wie wir das gute Stück aus Zürich mitgenommen haben. Das war Anfang der 80er. Damals muß sie in ihren besten Jahren gewesen sein, so um die 30, schätze ich. Zuvor ist sie unter anderem in Frankfurt und Genf, irgendwo in Afrika und möglicherweise sogar in Singapur gewesen. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Genau kann das niemand mehr sagen. Ganz besonders ich nicht, das alles war vor meiner Zeit. Doch es ist zu vermuten, daß die oben angeführte Reiseliste nur beispielhaft und mit ziemlicher Sicherheit unvollständig ist. Die Kommode selbst äußert sich natürlich so gut wie gar nicht dazu. Sie trägt die Zeichen der Zeit nicht ohne Stolz, das ist offensichtlich. Aber niemand, außer ihr, kennt die Ursachen der vielen Macken und Beschädigungen.

Aus der Schweiz haben wir die Kommode nach Düsseldorf geschafft, wo sie dann, unter Altpapier verborgen, ein paar Jahre bei ihrem Schöpfer verbracht hat. Seine letzten Jahre. Anschließend ist sie zu mir nach Wuppertal gezogen, beinah zwangsläufig. Wer sonst hätte sie nehmen sollen? Die vorerst letzte Reise, wiederum mit mir, gab es erst vor kurzem. Eine Reise nach Berlin. Wie es von hier aus weitergeht, kann ich noch nicht sagen. Das kann niemand, zu keiner Zeit. Vielleicht sollte ich das arme Möbelstück endlich einmal restaurieren, dachte ich gestern zum ich-weiß-nicht-zum-wievielten-Mal. Das täte ihm sicherlich gut. Nein, halt! Ich selbst sollte das natürlich nicht tun. Ich sollte es machen lassen, da muß zweifellos eine Fachkraft ran. Einstweilen geben meine Finanzen das aber nicht her. Und ich wüßte auch nicht, in welche Hände ich es vertrauensvoll geben könnte. Immerhin ist es das Gesellenstück meines Vaters, angefertigt unter erschwerten Bedingungen. Ende der 40er Jahre, kurz nach dem Krieg. Materialmangel, auch bei Holz. Vielleicht darum die Kirsche? Weil es die gerade gab? Oder deshalb nur furniert? Möglich. Doch wer weiß das schon?

Es sieht also schlecht aus, könnte man meinen. Außerdem handelt es sich nur um eine heruntergekommene Kommode, die da in meinem Schlafzimmer herumsteht. Wertlos und alt, längst verbraucht. Man sieht es, auf den ersten Blick. Das heißt, ich sehe das natürlich ganz anders. Sie weiß von der Zeit. Vor mir, mit mir. Und nach mir.
dümpelt seit Jahren durchs Netz. Derzeit kann man ihr in den Blogs engl@absurdum und over the bones auf den Fersen bleiben. Sie hat aber auch einen Roman veröffentlicht.

rum ist die woche

Miriam von K.
da heisst es alles schöne ,gute und wahre einzustampfen,
so wie ich am liebsten vor dem indischen kellner mein falafel sandwich zerstampft hätte
aber stattdessen nur wütend 20 euro auf den tisch schmiss und dazu wetterte:
"für den rest kann er sich einen runterholen,der arsch!!!"
"ach,....",sprach da der mann,der mich heute in aller herrgottsfrühe zu den 1.mai kundgebungen am rathausplatz genötigt hatte,
"lass uns doch auf teufel komm raus gerade heut' an unserem letzten tag alles geniessen und irre gute laune haben."
ts.
vorhin noch hatte er mir zugeraunt,weinende mädchen mit existenzängsten täten ihn überfordern.
das eine hysterische SPÖ politikerin mit übersteuertem megaphon uns vor 10 uhr morgens wörter wie:
'freundschaft' und 'internationale solidarität' entgegenkreischte,
überforderte trotz und wegen eines 0,5 liter becher biers ebenfalls VOR 10 uhr MICH,
me,myself and I.
ich möcht' doch einfach nur mal bleiben,baby.
und das 1000km entfernte parallelleben integrieren in wohlige wien kulisse,wo abgeschabte prachtbauten aussehen wie meine kindertraumwelt und mir vorgaukeln,
hier,nur hier allein,-da sei ein moment gut genutzt.
Bei gestrig nachmittäglicher wien-beschlenderung durch leergefegtes rosig-weiches
licht begann bereits das politische engagement meines begleiters:
"DA!",rief er und zeigte auf dem heldenplatz wirr in irgendeine richtung,
"DA hat hitler gestanden!und DA wir, als wir gegen die regierung protestierten!"
das formuliert er geschickt in einem rutsch,als ob er 1939 bereits dick mit im protestgeschäft gesteckt hätte.
da manche groschen bei mir sehr langsam fallen,war ich kurz verwirrt.
Und dann wieder beeindruckt.
Allein von diesen prächtigen gebäuden,die so ruhig,klar und souverän genau da stehen,wo sie hingehören.
Mir war nach ehrfürchtigem niederknien.
allen,die daran gabaut haben wollte ich freudig entgegenschmettern:
„leute,was habt ihr das schön gemacht!!!!"
die gesamte opulenz der sehr unbescheidenen gebäudemachart setzte ein klischeetriefendes wortabteil in meinem kopf in gang - besonders,als eine touristenbestückte pferdekutsche klassisch kopsteinpflaster betrabte,
konnte ich nicht umhin (zum glück sehr leise) zu rufen:
„o ihr edlen rösser,geschmeidiges muskelspiel unter stolz glänzendem fell,erhabener atem aus ungebrochenen nüstern..."
bullshit.
In der nacht zum 1.mai geträumt,wien sei ein riesiger sahnebaiser,
der mir einer eisenkette an einem granitklotz verankert sei,
dabei hüpfte ich durch staubige schaufenster, es war frühling,ich war 8 jahre alt,trug rote kniestrümpfe
und zerrieb zwischen den fingern tagetes-blätter.
Gefühlskater.

unsensibel schmeisst sich der wohnungseigner in sein cordjackett
(gestern noch jammerte er:"ich sehe aus wie mein vater!nur dicker!!")
und laviert sich fadenscheinig weg aus meiner gesellschaft.
angeblich 'filme' zurück in die videothek bringen...
bateman,ick hör' dir trapsen!

wien,du bist die schönste stadt der welt.
lebt ob ihrer menschenscheuheit am liebsten auf bahnhöfen und flughäfen. Ihre hobbies sind das drama, die liebe, zeltplanen imprägnieren und das ABC. Das kann sie aus dem effeff, nur mit der reihenfolge haperts, aber wen scherts? Lesen kann man sie hier

95 Jahre

DonDahlmann
Zu viel Vergangenheit, zu viele Gefühle
I.

Das Problem lag zur Abwechslung mal ganz klar vor mir und was noch überraschender war: Ich konnte es sehen. Normalerweise gehen die Probleme und ich immer sehr nebeneinander her, ohne dass ich sie wahrnehme. Es ist nicht so, dass die Probleme sich nicht zu Wort melden würden. Sie benehmen sich manchmal wie ein schlecht gelaunter Kindergeburtstag, machen viel Krach und zerdeppern sehr laut Dinge. Aber ich hatte schon immer das Glück einer äußerst selektiven Wahrnehmung. Alles, was mich nicht interessiert, findet einfach nicht statt. Egal, ob der laute Staubsauger der Nachbarin ist, der mich um den Schlaf bringen sollte, oder eben die drei Gläser Wein zu viel am Abend vor einem wichtigen Termin. Der Termin und somit das Problem ist ja erst morgen. Reicht doch.

Aber hier lag die Sache dann von Anfang an anders. Mir war schon beim ersten Treffen klar: Das gibt Probleme. Große Probleme. Man schläft nicht einfach so mit einer verheirateten Frau, die zu dem ein Kind hat und ihrer Umwelt seit Jahren erfolgreich vorgauckelt, dass alles in schönster Ordnung sei. Sie lachte nicht mal, wenn sie von ihren Lügen an meinem Küchentisch erzählte. Es war auch kein Vorwurf in ihrer Stimme, dass doch irgendjemand ihr emotionales Elend sehen müsse. Es sie erzählte es ohne das die Stirn sich in Falten legte, ohne auch nur einmal die Zigarette mit einer harten Bewegung des Handgelenks auszudrücken und ohne die Stimme zu erheben. Es war keine Abrechnung, es war eine nüchterne Bilanz nach soundsovielen Jahren Ehe.

Nach dem ich sie dreimal nach Hause geschickt habe, meinte sie beim vierten Mal, dass sie ihrem Mann erzählt habe, dass sie heute bei mir sei. Und dass es spät werden würde. Vielleicht würde sie auch gar nicht kommen. Er habe es zur Kenntnis genommen und genickt. In dem Moment sah ich dann die Wut in ihren Augen.

"Der glaubt nicht, dass ich mit dir ins Bett gehe," sagte sie.
"Sind wir ja auch noch nicht," erwiderte ich besorgt, um in der gleichen Sekunde festzustellen, dass meine Antwort ein Geständnis war.
"..." machte sie.

II.

Zwei Monate lang stahl sie sich einmal in der Woche Zeit. Zwei Monate lang vögelten wir in meinem nicht mehr ganz taufrischen Bett aus dem "Dänischen Bettenlager". Zwei Holzlatten des Lattenrostes gingen zu Bruch. Nicht beim Sex, sondern immer vorher, weil sie wie ein Teenager aufs Bett sprang, so bald sie in meine winzige Wohnung kam. Es war unkompliziert, es war einfach Sex, es funktionierte tatsächlich. Bis zu dem Tag, an dem einen Beißfleck auf ihrer Schulter hinterließ. Sie meinte, das sei auch egal, er würde sie kaum noch nackt sehen, ich erschrak, weil ich wusste, dass ich das bewusst unbewusst etwas gemacht hatte. Reviermarkierung. Und wenn man so was bei einer so scheinbar unkomplizierten Sache macht, dann geht was schief.

"Ach was," dachte ich, "Es ist doch nur Spaß." Und biss bei dem Gedanken auf meine Unterlippe.

Ich schaffte es tatsächlich, mir die Sache auszureden. Die Probleme meinte ich analysiert zu haben, sie lagen klar auf dem Tisch, meine Chancen waren gleich Null und außerdem: Wollte ich das eigentlich? Als nichtsnutziger Schreiberling, der sich am Monatsende immer entscheiden musste, ob er eine Flasche Wein oder was zu essen kaufen sollte, konnte ich mir wohl kaum eine etwas ältere, brav in der Mittelschicht lebende Frau mit einem Kind leisten. Wenn die Probleme vor mir zeterten, dann wischte ich sie mit dem Satz "Ich weiß, wir sind ja hier nicht im Kino" vom Tisch. Und entkorkte eine der Weinflaschen, die sie immer mitbrachte.

III.

"Was ist denn das für eine Tasche, die du da hast?"
"Meine Klamotten"
"Warum..."
"Ich zieh für ein paar Tage bei dir ein."
"Äh... aber...dein Sohn, ich hab doch..."
"Sind Schulferien, der ist bei meiner Mutter. Ich hab mich in dich verliebt und du in mich. Was soll ich machen?"

IV.

Wir machten halt die Dinge zusammen, die man halt so macht, wenn man was völlig unverantwortliches macht und sich in einer Euphorie verliert, von der man weiß, dass sie nur ein flüchtiger Moment ist. Sie muss einfach vorbei gehen, sie darf nicht andauern, weil sie falsch ist, und weil bei so Konstellationen immer drei Leute verlieren und in diesem Fall war auch noch eine unbeteiligte vierte Person mit reingerissen wurde. Und je länger die Euphorie andauerte, desto klarer wurde mir, dass der Kater danach schrecklich sein würde. Aber noch war alles ein Nebel aus Sommerferien, Hitze, Wein und sehr vielen Beißflecken auf ihrer Schulter. Es waren zehn perfekte Tage bis zu diesem einem Abend. Diesem einen perfekten Abend. Ich hatte gekocht, sie den Wein besorgt, einen schweren Rotwein aus Sardinien. Wir saßen auf meinem Balkon, es war warm, sie hatte ein Bein auf meine gelegt und meine Hand lag auf ihrem. Es war so still, dass ich das leise Knacken der Kerzen hören konnte aber das Einzige, was mir durch den Kopf ging, war ein Gedanke: "Das war es. So wird nie mehr wieder sein. Denn schon morgen weiß sie, dass sie übermorgen ihren Sohn abholen muss, und dann geht das Karussell der Gedanken los und alle Dinge, die wir miteinander tun, werden ein Ring aus Blei mit sich rumtragen, den wir in jedem Moment spüren werden und der schwerer wird."

V.

Ich hätte ihr genauso gut eine Pistole an den Kopf setzen können. Sie schaute mich völlig ungläubig an und ich fing an, meine kleine einstudierte Rede erklären zu wollen. Man denkt sich das ja vorher immer so schön zurecht. Was man sagt, wie es betont, welche Worte man benutzt, welcher Dramaturgie die Rede folgen soll. Und dann erzählt man alles und es geht in Hose. Dass das alles nicht gehen würde. Dass es nicht gut sei. Dass wir keine Zukunft haben würden, weil die Vergangenheit einfach zu stark sein. Es gab zu viel "davor" und zu wenig Hoffnung auf ein "danach". "Das ist," sagte ich am Ende, "als ob Du schon 95 Jahre gelebt hast." Sie formulierte als Antwort halbe Sätze, erst, weil sie es nicht verstand, dann, weil sie es nicht mehr verstehen wollte. Dann, weil sie zu wütend war.

"Wie hast du dir das gedacht? Das geht doch nicht, ich würd ja wollen, aber es geht doch nicht." stammelte ich irgendwann hilflos, als mir das Drehbuch ausging. Um dann den schlimmen Satz "Es tut mir ja auch leid" hinterher zu hängen, der fast immer einer moralischen Bankrotterklärung gleich kommt.

Und es war eine Bankrotterklärung für mich. Vorher dachte ich immer, dass Liebe alles besiegen kann. Was halt so denkt, wenn das Leben bisher immer nur geradeaus gegangen ist. Jetzt musste ich feststellen, dass das Leben auch in dem Punkt grausamer sein kann, als ich es mir jemals vorgestellt hatte. Man trifft sich, man verliebt sich, alles geht dann eben eine Zeit gut. Das man sich treffen und lieben kann, ohne eine Zukunft zu haben, weil zu viel in der Vergangenheit passiert war, das war eine Niederlage, deren Schwere mir erst klar wurde, als ich ihr dabei zu sah, wie sie ihre Tasche packte.
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein Blog.

mauvais gout

suna
auf dem fest des schlechten geschmacks kam ein mädchen als mann der widerlichen sorte verkleidet mit aufgeklebten brusthaaren, goldketten und heraushängendem hemd.
am samstag bin ich mit einem indianerhäuptling ohne schuhen und einer dame mit fön-turm-frisur und traubenohrringen durch die nacht gegangen. ich trug ein neonpinkes band im haar, viel glitter auf den augen und rosa lippenstift, ein bisschen davon auf den zähnen. von roten gummischuhen und pinken netzstrümpfen abgesehen, bot der mantel den betrachtern vor weiteren grausamkeiten zunächst schutz. sämtliche uns entgegen kommende menschen grüßten und wünschten lachend einen schönen abend, zwei autos hupten laut, ein weiteres mit licht. in kleinen wohnungen wird es schnell voll. auf der innenseite der wohnungstür klebte ein puzzlebild von lady di, das zeigte, wie sie aufgereihten, aufgeputzten kindern die hand schüttelt. sie trägt ein kurzes, tailliertes kostüm in grün und schwarze stöckelschuhe mit keilabsatz. an der stelle zwischen ihren beinen fehlte ein puzzlestück, dort befand sich das gucklock der tür.

von lady di's tragischem tod hatte ich im radio gehört, als ich gerade ins handtuch gewickelt aus dem kleinen bad kam, das zu meinem zimmer gehörte. ich erinnere mich, es war ein schöner morgen, die sonne ging damals immer auf und direkt im anschluss in mein zimmer hinein. die nachricht vom tod ayrton sennas ein paar jahre früher erfuhr ich auf genau dieselbe art, ich war gerade ins handtuch gewickelt aus dem dampfend heißen bad gekommen und im radio wurde in ehrwürdigem ton von tod, unfall und leben des verunglückten berichtet. den tod ayrton sennas hatte ich in meinem tagebuch vermerkt. ich war dreizehn und beschrieb die seiten in enger und gedrängter schrift, manchmal hörte ich mitten im satz auf und störte mich nicht daran, manchmal belügte ich mich seitenlang selbst und vermerkte später an den seitenrändern sanftmütig "tagtraum", noch später tadelnd mit bleistift "lüge". zu ayrton sennas tod schrieb ich nur, dass ich mich fragte, wie sich alain prost fühlen müsse und ich tippte auf: doppelt schlecht.

am samstag nachmittag begab ich mich auf der suche nach eindrücklichen beispielen für schlechten geschmack in die genfer einkaufsstraßen und glaubte plötzlich, alain prost zu sehen. mir fiel die unterstellung in meinem tagebuch ein und ich bemerkte, dass ich überhaupt keine vorstellung mehr davon habe, wie ayrton senna ausgesehen hat. sofort überprüfte ich mein bildergedächtnis und beruhigte mich schnell, ich weiß immer noch, wie onkel s und mein großvater ausgesehen haben, ich habe j und t ganz klar vor augen, aber es sind immer diesselben bilder, die kommen, immer dieselben erinnerungen, alle sehen immer so aus, wie sie kurz vor ihrem tod ausgesehen haben, ich kann sie mir nicht mehr jünger denken. onkel s war der onkel meines vaters und unter anderem dafür zuständig, uns kinder an die frische luft zu bringen, lange bevor ich in die schule ging. die spaziergänge führten nicht selten in ein kleines landgasthaus, das mit seinen dunklen möbeln selbst an den sonnigsten wintertagen eine finstere spelunke blieb, die mir einzig durch die spendierten pistazien und die nähe der molligen schafe hinterm haus erträglich war. an der theke standen immer dieselben männer, die jeder für sich immer dieselbe reihenfolge auf ihrer tour durch die gasthäuser des ortes einhielten. einer von ihnen griff sich mit auffälliger regelmäßigkeit in den schritt. den onkel danach befragt, hieß es, der mache das halt so. onkel s war kein großer redner. er stellte keine fragen und wusste selten antwort. wenn er sich ärgerte, hielt er die luft an, bis seine hellen augen aus seinem rot angelaufenen kopf hervorzuspringen drohten und stieß dann ein leises, mit einem brummen beginnendes "meingott,na!" aus, dann steckte er sich eine HB an.

auf dem fest des schlechten geschmacks kam ein mädchen als mann der widerlichen sorte verkleidet mit aufgeklebten brusthaaren, goldketten und heraushängendem hemd. zur begrüßung fasste sie mir an die brust, über die auf grellpinkem untergrund in großen weißen lettern MAGIC geschrieben stand. zwischen den knöpfen ihrer rissigen jeans blitze ein verkrümmtes, hartes würstchen hervor, das sie sich kaugummikauend und mit großer geste immer wieder zurecht rückte. als später ganz mauvais gout ein grease-medley gespielt wurde, hatte sie längst auf ihre rolle vergessen und tanzte die hüften schwingend, die hand aufs herz, mit schmollmund und papas-liebling-blicke werfend durch die küche, in der es nach bier und rauch und nicht mehr nach der salami roch, die man in scheiben auf dem unterkörper einer schaufensterpuppe kunstvoll angerichtet hatte. mit ebenso großer wahrscheinlichkeit, wie menschen unmittelbar nachdem eine filmkamera auf sie gerichtet wird, zu winken beginnen, gibt es bei jeder gelegenheit, sich zu verkleiden, männer geschminkt und in frauenkleidern zu bewundern. die freiwillige feuerwehr meines heimatortes war da keine ausnahme, als sie zu fasching in rosa trikots und heidi-wangen den donauwalzer tanzte, in einer tragenden rolle jener herr, der gerne an den theken der wirtshäuser schmalzbrote bestellt und im jahr davor einen authentischen obelix gegeben hatte.

ich hatte mir überlegt, mich superachtziger in ein aerobic-trikot zu zwängen, den gedanken aber schnell verworfen. nachdem madonna, zu der ich ca. 94 in meinem tagebuch vorausahnend vermerkt hatte, ich wüsste nicht wieso, aber irgendwie widere sie mich an, das aerobic-trikot salonfähig gemacht hat, blieb als ausdruck des schlechten geschmacks nur noch die unvereinbarkeit mit meinem körper übrig, zu dem ich – anders als der feuerwehrmann - ein absolut ironiefreies verhältnis pflege. zudem wollte ich mir nicht nehmen lassen, auch weiterhin mit schlangenbissigem mitleid über die dicken mädchen zu schimpfen, die ihre bäuche aus zu optimistischen hosen hängen lassen. mitleid, weil ich ihnen eine mir selbst in gedanken unzumutbare ernährung unterstelle, die nach nichts schmeckt, wodurch sich geschmack erst gar nicht entwickeln kann (giftschlangenzahnbissig ganz von natur aus). am fest des schlechten geschmacks wurden ganz ansehliche bäuche gezeigt, von grellen hawaihemden umflattert, von haaren bewachsen. die beiden bauchzeigenden jungs trugen ein wenig puder, wimperntusche und lippenstift, was genügte, um ihre weiblichen seiten zu betonen. wenn sie sich nicht zu etwas tuntigen bewegungen verleiten lassen hätten, wären sie auch nicht weiter von den überschminkten fernsehshow-männern zu unterscheiden gewesen, was als ausdruck des schlechten geschmack genauso gut durchgegangen wäre.

ich habe mich noch nie als mann verkleidet, wollte weder cowboy noch indianer sein. als sich meine mutter einmal einen schnurrbart aufgemalt hatte, gab ich ihr (vielleicht war ich vier, fünf) so viele feuchte küsse, bis sie sich den bart wegwischen musste (und ihn wieder neu auftrug, was ich nicht verstand, aber akzeptierte). früher fand ich mich im anzug toll, weil fremd und entkörpert, heut finde ich mich im anzug toll, weil er mir lange beine macht und distanziert. in pinken netzstrümpfen und einer blitzblauen leggin darüber hat man nicht die schönsten beine und keine taschen, in die man etwas stecken könnte. ich las einmal eine kurzgeschichte über einen mann, der aus einem fenster stürzte und starb. nur der inhalt seiner hosentaschen gab auskunft über seine identität - eine packung streichhölzer, ein hemdknopf, eine zusammengefaltete rechnung. das fest des schlechten geschmacks fing ganz langsam an, wurde erst spät zu einem rauschenden fest. einige gingen so früh, dass sie es nicht mehr mitbekamen, wie die leute nach und nach die rollen ablegten, die sie sich zu spielen vorgenommen hatten. ich fragte mich, ob diejenigen, die zu früh gingen, menschen, die sie noch nie zuvor gesehen hatten, in der rolle eines machos, als hängebrüstige hausfrau oder als discomaus in erinnerung behalten würden. was bleibt? warum bleibt manches, anderes nicht? es bleibt die erinnerung an einen vergnüglichen abend und die ermunterung, manchmal die bilder zu überprüfen, die man sich so zusammen gereimt hat, mit dem wenigen, das einem manchmal zu verfügung steht. es blieb zum glück nicht der dreck der straße an den fußsohlen haften, weil ich mit den schuhen in der hand nachhause ging. es wäre bestimmt auch nichts von dem neongelben nagellack zurück geblieben, hätte ich gestern daran gedacht, ihn zu entfernen.

suna

suna kommt aus Kärnten, auch der Name. Wohin sie geht, weiß sie weniger genau. Zurzeit steht sie in Genf selten still und im diffusen Glück der Geschäftigkeit. Sie ist so Mitte 20, begrenzt ruhig, beherzt einsam, mag große Zahlen, Bauernbrot und Gewitter, hat Wissensdurst, einen Nebenjob, ein Blog und Zuversicht.

die nacht

Herr Hilbig
die nacht...
eine veränderung
sagt sie
die staubsaugerpreise
sagt sie
nichts ist überflüssiger
sagt sie
sie sagt
wenn ich daran denke dass ich jahrelang..
er keucht
stellt den teller ab
schaut gegen die wand
sie sagt
iß nur
morgen gibt es nichts mehr
(lacht)
ich mache scherze wie immer
du kennst sie bereits
du hast sie schon erwähnt
all meine scherze
du sehnst dich nach ihnen
so eine lustige frau
sagst du
in der wirtsstube
alle lästern über ihre frauen
alle sind unzufrieden
nur du
du sagst immer
ich habe das glück gehabt
sie im richtigen moment
nach der anderen strassenseite zu fragen
das war lustig
sagst du
sie nach der anderen strassenseite zu fragen
ich fand es nicht lustig
ich war damals mit klaus zusammen
klaus war ein seher
er konnte alles voraussehen
er sah auch voraus dass ich ihn verlasse
er sagte
du wirst vergebens darauf warten dass ich dir verzeihe
er hatte recht
klaus ist ein seher
er ist auch wenn er nackt ist ein seher
ich sehe ihn oft nackt
und selbst da ist er ein seher
die meisten sind nackt eher blind
blinde taubennester finden ihren geräumigen ort immer nur nachts
das hat meine großmutter ein einziges mal gesagt
ich habe mir alles aufgeschrieben was sie ein einziges mal sagte
was sie ein einziges mal sagte war immer von bedeutung
meine großmutter vor dem grab meines großvaters
großvater
fragte sie
warum sitzt du in der tiefe zwischen schneedecken begraben ohne mich zu kennen
warum reifen die wüsten wie sandperlen
warum betrachten wir alles so als könnten wir dadurch in not geraten....
es fehlt der wein vom letzten jahr
weißt du noch
wir aßen rotkraut und waren fröhlich
du fragtest alle ob sie schon genug haben
alle das waren fritz und ich
fritz ist tot
du weißt es
du hast ihn erwürgt
er flüsterte mir zu
dass er mich abscheulich finde
dass er mein
lustig sein abstoßend finde
und ich sagte zu dir
erwürge ihn
er lachte so lange bis er nicht mehr lachen konnte
es war das erste mal dass er mich erstaunt ansah
nie werde ich diesen blick vergessen
schade dass man diesen blick nicht zurückholen kann
ich hätte es gerne wenn er hier mit uns am tisch sitzen würde
aber man kann sich auch damit trösten dass er nicht mehr ist
auch damit kann man sich trösten wenn man will
wenn man will kann man alles
wenn man so will

Herr Hilbig

früher einmal Lagerarbeiter, jetzt zwischen den Worten zuhause, manchmal auch mittendrin. Veröffentlichungen in der Schweizer Lifestylzeitschrift Kult (damals herausgegeben von Sibylle Berg), Hörbuch "Elke erzählt" gesprochen von der Schauspielerin Jo Kern, Gedichtband "Es gibt keine Zeit mehr", Hörspiel im Hessischen Rundfunk "Zufällige Bekanntschaften" und ein paar Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften. Sein Blog ist hier zu finden