
Auf gute Nachbarschaft
von Philipp Drössler
Abgedroschene Phrasen bekam man zu jeder Zeit im Dutzend billiger. Die hierzustadt vermutlich bekannteste ist "Wien ist anders." Und immer wieder gern wird auch geäußert, "Wo Menschen sind, da menschelts." Beide Aussagen haben eine absolute Grundwahrheit, nur will man die nicht immer wahrhaben müssen.
Wer in der Stadt wohnt, hat fast automatisch Nachbarn. Und im Gegensatz zu ihren Artverwandten am Land zeichnen sich ihre Urbanen Kollegen grundsätzlich dadurch aus, dass man sie nicht kennt. Das ist die wunderbare Anonymität der Großstadt - einzig der Umstand, dass viele Häuser nicht schalldicht gebaut sind, macht einem immer wieder einen Strich durch diese Rechnung. Ein paar Tage nach meinem Einzug lag ich friedlich auf dem Sofa und freute mich auf eine ausgiebige Portion Schlaf - aus der nichts wurde, da von links plötzlich eine kakophone Mischung aus Baulärm, Gelächter und Helge Schneiders "Fitze Fitze Fatze" dröhnte - ein Afront, der von den Nachbarn vor mir binnen Minuten mit trashigem 90er Jahre-Eurodance und fühlbar donnernden Tanzschritten beantwortet wurde. Das gute an der Sache ist, dass ein nahmhafter Hersteller von Subwoofern und Lautsprechern tags darauf um ein paar Euro reicher war, und seit ich beim kleinen Anzeichen von musikalischer Entartung die J-Pop-Keule schwinge, herrscht zumindest in dieser Hinsicht Friede.
Das alles tangiert den 17-jährigen Metaller in unserem Stock natürlich nicht, denn seine Kopfhörer sind inzwischen eine unheilige Symbiose mit dem fettigen Haupthaar um sie herum eingegangen, die jedliches Geräusch von aussen abblockt. Das ist auch gut so, den schräg über ihm wohnt ein junges Paar, dass sich alle paar Tage gegenseitig aus der Wohnung wirft, was den gerade delogierten Part natürlich zu einer halbstündigen Klopforgie an der ja doch eigentlich gemeinsamen Tür motiviert. Und auch der Monarchist am anderen Ende des Ganges hat sich noch nicht dazu geäußert - aber das österreichisch-ungarische Wappen an seiner Tür wehrt vermutlich nicht nur demokratische Geister, sondern auch postmoderne Realitäten ab. Schick, eigentlich.
Den ersten Stock teilen sich eine Firma, deren Türschild deutlich darauf hinweist, dass sie eigentlich im 14. Bezirk sitzt, also ganz wo anders, ein junger Hippie mit einem vergilbten 80er-Jahre-Piratensticker an der Tür und eine etwa 400 jahre alte Frau mitsamt Tochter und Enkelin.
Im Erdgeschoss finden sich ein Farradabstellplatz, der auch gerne zur Entsorgung von überflüssigen Büchern, Möbeln und Kleidungsstücken verwendet wird. Besonders hervorheben möchte ich da den mitfühlenden und bedachten Zeitgenossen, der mir fast jeden zweiten Tag ein Kleinod auf den Sattel legt - mal ein abgerissener Kopfhörer, dann wieder ein vollständig totgesessenes Kissen. Ob er identisch oder nur seelenverwandt mit dem menschlichen Wirbelsturm ist, der sämtliche in die Hausbriefkästen gesteckte Werbeprospekte mit viel Liebe zum Detail quer über den Gang verteilt, werde ich wohl so schnell nicht rausfinden.
Der Charme der ganzen Sache liebt aber nicht nur im sozialvoyeristischen Potential, sondern auch in der Tatsache, dass das Haus direkt an ein Hotel grenzt - und im Frühling vergeht nicht eine Woche, in der sich nicht irgendeine gottverlassene Touristengruppe in unser kleines Feuchtbiotop verirrt - die reagieren dann meistens auf die gleiche Art, die sie auch an den Tag legen, wenn der Herr Ober im Café Hawelka ihnen nahe legt, sie mögen sich doch zu anderen Gästen an den Tisch setzen - mit nacktem Entsetzen und weltrekordverdächtiger Flucht.
Aber manche zeigen sich interess- und fasziniert, und wenn sie Glück haben, bekommen sie von der Hausmeisterin neben der Wegbeschreibung ("Naaa, ausse müssts, und dann ums Eck!") noch ein Kochrezept mit. Und das ist ja auch schon was wert.
Wer in der Stadt wohnt, hat fast automatisch Nachbarn. Und im Gegensatz zu ihren Artverwandten am Land zeichnen sich ihre Urbanen Kollegen grundsätzlich dadurch aus, dass man sie nicht kennt. Das ist die wunderbare Anonymität der Großstadt - einzig der Umstand, dass viele Häuser nicht schalldicht gebaut sind, macht einem immer wieder einen Strich durch diese Rechnung. Ein paar Tage nach meinem Einzug lag ich friedlich auf dem Sofa und freute mich auf eine ausgiebige Portion Schlaf - aus der nichts wurde, da von links plötzlich eine kakophone Mischung aus Baulärm, Gelächter und Helge Schneiders "Fitze Fitze Fatze" dröhnte - ein Afront, der von den Nachbarn vor mir binnen Minuten mit trashigem 90er Jahre-Eurodance und fühlbar donnernden Tanzschritten beantwortet wurde. Das gute an der Sache ist, dass ein nahmhafter Hersteller von Subwoofern und Lautsprechern tags darauf um ein paar Euro reicher war, und seit ich beim kleinen Anzeichen von musikalischer Entartung die J-Pop-Keule schwinge, herrscht zumindest in dieser Hinsicht Friede.
Das alles tangiert den 17-jährigen Metaller in unserem Stock natürlich nicht, denn seine Kopfhörer sind inzwischen eine unheilige Symbiose mit dem fettigen Haupthaar um sie herum eingegangen, die jedliches Geräusch von aussen abblockt. Das ist auch gut so, den schräg über ihm wohnt ein junges Paar, dass sich alle paar Tage gegenseitig aus der Wohnung wirft, was den gerade delogierten Part natürlich zu einer halbstündigen Klopforgie an der ja doch eigentlich gemeinsamen Tür motiviert. Und auch der Monarchist am anderen Ende des Ganges hat sich noch nicht dazu geäußert - aber das österreichisch-ungarische Wappen an seiner Tür wehrt vermutlich nicht nur demokratische Geister, sondern auch postmoderne Realitäten ab. Schick, eigentlich.
Den ersten Stock teilen sich eine Firma, deren Türschild deutlich darauf hinweist, dass sie eigentlich im 14. Bezirk sitzt, also ganz wo anders, ein junger Hippie mit einem vergilbten 80er-Jahre-Piratensticker an der Tür und eine etwa 400 jahre alte Frau mitsamt Tochter und Enkelin.
Im Erdgeschoss finden sich ein Farradabstellplatz, der auch gerne zur Entsorgung von überflüssigen Büchern, Möbeln und Kleidungsstücken verwendet wird. Besonders hervorheben möchte ich da den mitfühlenden und bedachten Zeitgenossen, der mir fast jeden zweiten Tag ein Kleinod auf den Sattel legt - mal ein abgerissener Kopfhörer, dann wieder ein vollständig totgesessenes Kissen. Ob er identisch oder nur seelenverwandt mit dem menschlichen Wirbelsturm ist, der sämtliche in die Hausbriefkästen gesteckte Werbeprospekte mit viel Liebe zum Detail quer über den Gang verteilt, werde ich wohl so schnell nicht rausfinden.
Der Charme der ganzen Sache liebt aber nicht nur im sozialvoyeristischen Potential, sondern auch in der Tatsache, dass das Haus direkt an ein Hotel grenzt - und im Frühling vergeht nicht eine Woche, in der sich nicht irgendeine gottverlassene Touristengruppe in unser kleines Feuchtbiotop verirrt - die reagieren dann meistens auf die gleiche Art, die sie auch an den Tag legen, wenn der Herr Ober im Café Hawelka ihnen nahe legt, sie mögen sich doch zu anderen Gästen an den Tisch setzen - mit nacktem Entsetzen und weltrekordverdächtiger Flucht.
Aber manche zeigen sich interess- und fasziniert, und wenn sie Glück haben, bekommen sie von der Hausmeisterin neben der Wegbeschreibung ("Naaa, ausse müssts, und dann ums Eck!") noch ein Kochrezept mit. Und das ist ja auch schon was wert.
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