0303 - Reibung

Editorial

Philipp Drössler
Wo Bewegung ist, ist Reibung. Und das ist gut so. Denn neben neuen Ideen und einem Weg zur Meinungsbildung ist Reibung ja schliesslich die Quelle allen Lebens. Und noch einiges mehr...
Reibung ist eine physikalische Kraft, die einer Relativbewegung zwischen zwei einander berührenden Körpern entgegenwirkt. Soviel zur Theorie. In der Praxis reicht ihr Effekt in jeder Kommunikation, jeder Gesellschaft und jeder Handlung. Manchmal kann das schon recht aufreibend sein, andererseits schützt uns die Reibung davor, dass alles ein bisschen zu glatt läuft, und das würzt ja bekanntermassen das Leben.

In dieser Aussage findet sich neben der bewährten Kolumne von Don Dahlmann, und ausgesuchten Meinungen auch ein Stück Meinung vom eSeL zur Lage des Kunstmarktes. Bebildert wird das, wie bereits letztes Mal, von erlesenen Flickeristas (fieldsbh, tallkev, oefe, RobertFrancis, mag3737, redjar, ozjimbob, yuksing und Elsie esq.).

Und nun, gutes Gelesen!
war mindestens haltbar bis zu dieser Ausgabe.

Sünde

Yuri Löwenzahn
Warum sich zwischen den eigenen Bedürfnissen und fatalistischem Christentum zerreiben nichts bringt, wenn man nicht mal Mitglied des eingetragenen Vereins ist. Und überhaupt, Sünde ist nur so lange sündig, wenn man sich zu sehr den Kopf darüber zerbricht.
„Hey.“
„Hey.“
„Ich fühl mich heut so sündig.“
„...“
„Du mußt jetzt sagen: Nein, lieber Lindwurm. Das bist du gar nicht!“
„Was isn los?“
„Ich war wieder auf kreuz.net.“
„Was machstn sowas.“
„Ich weiß auch nicht...“
„Du willst es dir holen!“
„Nein. Ich will doch nur eigentlich... Ich will Gegenargumente finden. Und es gelingt mir nicht.“
„Mit denen kann man nicht argumentieren. Das würde voraussetzen dass sie sachlich diskutieren.“
„Yuri, werd ich zur Hölle fahren?“
„Du glaubst nicht mal an Gott!“
„Aber an die Kirche.“
„Schon, aber das ist ein eingetragener Verein im besten Fall.“
„Von dem du Mitglied bist.“
„In meiner Freizeit kann ich machen was ich will.“
„Eh.“
„Eben.“
„Und?“
„Was und.“
„Werd ich zur Hölle fahren?“
„Schon möglich. Dann fahr ich gleich mit dir.“
„Das ist nicht lustig.“
„Was willst du hören?“
„Du sollst einem Mann nicht beiliegen...das ist dem Herren ein Greuel.“
„So wie Maultiere. Und Mischgewebe. Irgendwie liest das Buch keiner bis zum Ende.“
„Mischgewebe?“
„Du sollst kein aus zweierlei Fäden gewebtes Kleid tragen.“
„Nicht dein Ernst.“
„Doch. Levitikus 19,19“
„Du kannst das auswendig.“
„Was glaubst du wievielen Zeugen Jehovas ich das schon an den Kopf geschossen habe?“
„Hm... Was haben sie gesagt?“
„Sehen Sie,... darüber hab ich noch nie nachgedacht...“
„Hm...“
„Süßer, ich weiß du willst hören: Alles was du tust ist richtig. Du brauchst dich nicht fürchten. Sünde ist was ganz anderes. Tatsache ist: Ich hab doch wirklich keine Ahnung. Ich habe nicht mit Gott gesprochen. Ich weiß nicht mal ob es ihn gibt. Ich glaube an ihn. Aber Beweis ist mein Gehirn noch lange keiner. Und wenn es Ihn gibt, woher soll ich bitte wissen was er will? Ich versuchs halt, nach bestem Wissen. Aber keine Sorge. Wenn du zur Hölle fährst, fahr ich gleich mit. Das war kein Scherz. Denn nach dem alten Testament fährst du zur Hölle fahre ich zur Hölle, und der und der und die da fährt auch zur Hölle.“ Ich scheine etwas zu laut gesprochen zu haben denn das alte Pelzhutweiblein dreht sich empört zu uns um.
„Meinst du?“
„Mein ich. Und nach dem neuen Testament schaffst du es eh nicht allein und kannst dich darauf verlassen dass er genau weiß wie er uns gemacht hat und du brauchst nur auf ihn vertrauen.“
„Hm. Und woran soll man sich halten?“
„Ich sag mal: Es bleibt spannend. Und in der nächsten Zeit kein kreuz.net mehr, okay?“
„Du sprichst wie zu einem Süchtigen.“
„Hum...“
„Danke.“
„Gern geschehen.“
Technophile Exilvorarlbergerin mit Hang zu Skurilem. Mit ihrem Interesse für fast alles hat sie es noch zu keiner Spezialisierung gebracht. Die Grosstadtnomadin beweist das man nüchtern emotional und emotional nüchtern sein kann. Eine Leidenschaft fürs Tanzen bringt ihr trotzdem kein Taktgefühl.

Physik macht das leben einfach.

Frau Hasin
Wenn Physik und Gefühl aufeinanderprallen, kann das schon ganz schön verwirrend sein. Aber es kann auch ganz reizvoll sein - manchmal sogar erotisch...
quer über meinen körper spannt sich ein seil.
erhitzt mein gemüt.
straff gezogen.
hält mich fest.
prickelt und spannt bei jeder bewegung.
violettes nylon.
weich.
nicht das erste mal.
aber das erste mal dass es mit meiner haut eine einheit bilden wird. einige stunden lang.
macht mich nervös, ja. aber nicht ängstlich.
wie weit wollen wir gehen?
welche erwartungen hast du an mich?
und welche forderungen stelle ich an dich?
die rollen sind nicht so verteilt wie es aussehen mag..
obwohl ich mich hingebe habe ich die kontrolle.
ich sage genug.
ich sage wie weit.
ich bestimme die regeln.
sehr kompliziert also dieses spiel zwischen zwei vertrauten.
erfordert ein hohes maß an einfühlungsvermögen, selbstbeherrschung und vertrauen.
und, in meinem fall, ein violettes seil.
aber das ist es nicht.
es ist das gefühl dass es vermittelt.
und die art wie es geschlungen wird.
mich berührt und hält.
und.. wenn es richtig gemacht wird, in der richtigen art, bei der richtigen bewegung, in eine richtung nachgibt während es in die andere richtung fließt.
die haut nicht aufscheuert.
aber vielleicht rot aufreibt.

es gibt viele verschiedene varianten.
in denen man erotische phantasien verwirklichen kann.
im prinzip ist es sehr einfach.
so wie alles zwischenmenschliche ja im prinzip so einfach ist. zumindest wenns um körperlichkeit geht. in der theorie.
weil es geht ja hauptsächlich um reibung.
und wie für alles was theoretisch ja ganz einfach ist, aber bei längerem hinschauen lang nicht so wie gedacht erfinden wir naturgesetze. dinge wie sie sein sollten wenn sie so wären wie wir das jetzt aber ganz genau, weltumfassend und allgemein gültig festgelegt haben.
reibung.
eine, wenn ich die wiki zitieren darf: "physikalische kraft, die einer relativbewegung zwischen zwei einander berührenden körpern entgegenwirkt."
klingt simpel.
aber schauen wir uns das im detail doch mal an.
physikalische kraft. ..ist ja nicht so unbedingt der bringer an der bar. baby, laß uns die physik erforschen. kriegt vielleicht einen kreativitätspunkt. wenn gut im folgenden ausgeführt (ja, man kann auch mit wirklichem wissen beeindrucken.) möglicherweise sogar mehr.
aber:
punkt eins: "relativbewegung"
ja genau, weil wie denn nun?
nach oben und unten? nach vor und nach hinten? kreisen? und dann gleich nämlich sozusagen eigentlich mit den vorigen fragen schon fest verbunden: wie schnell oder langsam?
der nächste punkt scheint nicht weniger zwiespältig.
zweitens: "zwei einander berührender"
wir lassen mal die grundfrage "warum denn nur zwei??" aus und beschränken uns auf die schwierigkeit des berührens. wo? wie fest? wie lange? und dabei dann wieder, im hinterkopf behaltend für die fortgeschrittenen, die kombination mit punkt eins (relativbewegung)
nicht nur dass das jetzt sowieso schon schwer genug ist, kommt jetzt gleich das unfassbare.
punkt vier: körper
und wieder lassen wir uns von der simplen sprache täuschen, denken uns, ha! zwei silben, was kann denn das schon ausrichten und vergessen was denn nun alles so kompliziert macht. was wir bei jedem andern punkt vorher auch schon ausgelassen haben.
die menschliche wahrnehmung.
wem ist was zu langsam oder zu schnell, zu fest, zu leicht, zuviel hier, zuviel aber ein stückchen weiter links, nein, ein stückchen weiter .. in die richtung.. ja.. ja..
ja..
ja?
.. nein.
das einzige dass nun wirklich wie von selbst geht ist die anziehungskraft. zwischen körpern. das merkt man gleich. ob man den körper bei seinem haben mag. angeblich wird das in der ersten sekunde schon geklärt.
zumindest ein punkt der keine probleme zu machen scheint.
in der modernen welt von wonderbra, po-push-up, und mieder allerdings..

egal.
wir haben unsere gesetze. unkompliziert. einfache gschichteln in die wir zahlen einsetzen. die auf fast allen besiedelten flecken der erde gelten sollen. danach hat sich ja auch bitte jederman zu richten.
weil: macht alles einfacher.
macht alles überschaubarer.
wir glauben es bloß kompliziert.
wir verschnörkseln es sogar noch zusätzlich! machen uns gedanken um uns. um den oder diejenigen mit denen wir unsere phantasien umsetzen möchten. und dann.. dann wird alles noch schwieriger. dann mischt die gesellschaft mit. wie in jedem von uns die vorstellungen und vor allem die erwartungen der sozialen umwelt mit unseren hoffnungen und träumen uno spielen bis einer schreit und dann.. dann wirds richtig stressig.
denn das ist nun wirklich überall anders. ich brauch nur von einem ende wiens ans andere fahren und werde hunderte meinungen sammeln können wie das alles zu sein hat. was erlaubt ist und was nicht, auch wenn ich nur zwanzig menschen befrage.
aber wir haben unsere naturgesetze um uns daran festzuhalten.
es könnte alles so einfach sein.
wir haben es uns angsehen.
wir haben es zerlegt.
wir haben folgendes draus gemacht:

Wenn die Relativgeschwindigkeit \vec{v}_{\rm rel} = \vec{v}_1 - \vec{v}_2 zwischen Körper 1 und Körper 2 am Kontaktpunkt ungleich Null ist, reiben die Körper an diesem Kontaktpunkt.
Für die auf Körper 1 wirkende Reibkraft \vec{F}_{\rm R1} gilt nach Coulomb:
\vec{F}_{\rm R1} = - \mu_{\rm R} |\vec{F}_{\rm N}| \frac{\vec{v}_{\rm rel}}{|\vec{v}_{\rm rel}|},
wobei \vec{F}_{\rm N} die Normalkraft (senkrecht zur Berührebene am Kontaktpunkt) ist und μR als Reibbeiwert oder Reibungskoeffizient bezeichnet wird.


(in meinem fall die euler-eytelwein formel.)


alles ganz einfach.
lebt und bemuttert in Wien.

A und B

Axel Beer
A und B, L und S, und lauter andere lustige Buchstaben, hinter denen sich Menschen verbergen. Menschen mit Meinungen, Ideen und Wünschen. Manchmal kompatibel, manchmal diametral. Und das kann ganz schön aufreibend werden...
Vor einiger Zeit haben sich A und B ins Badezimmer absentiert. Zum
reden. Nach dem Verlassen des Badezimmers gingen sie getrennter Wege.
Heute reden sie wieder miteinander. Mehr noch: Sie werden wieder
„Hörnchen“ genannt, A und B. Wo das Problem liegt verstehen alle, die
gute Freunde haben. B hat so genannten Erfolg, ist hörbar musikalisch
begabt und um ihren Finger ist meist ein gut aussehender junger Mann
gewickelt. As Vorstellungen von „Erfolg“ liegen eher im Psychedelischen
und Gemütlichen. Äpfel und Birnen kann man eben nicht vergleichen,
besonders wenn es sich um eng befreundetes Gemüse handelt. Menschen, die
aneinander reiben, dass es raucht und sich doch immer wieder
zusammenraufen, lösen immer wieder Kopfschütteln aus.

Als euer Autor B kennen lernte, steckte er selbst in einer
Zweierfreundschaft mit Hang zur Rauchentwicklung. Er und L wissen also
auch bescheid. B steckte damals mit N unter einer Decke. Beide Paare
verband das Ziel etwas anders zu sein. Und etwas anders waren sie alle.
JedeR für sich. Was der einen in Sachen Musik oder Abstraktionsfähigkeit
in die Wiege gelegt war, machten der andere mit Witz und anderem
Geschlecht wett.

Fein, könnte man sich denken. Alle wie sie können und wollen. Und wenn
schon Fallobst nicht vergleichbar ist, wie soll das dann mit Menschen
klappen. Nur dass das eben leichter gesagt ist, als gelebt. Wenn
Hörnchen eine enge Beziehung leben kann es schon vorkommen, dass diese
Beziehung „verhornt“. Man kennt sich schon so lange, sieht sich im
Anderen und hat sich aneinander gewöhnt. Nur ans Projizieren kann man
sich nicht gewöhnen. Die eigenen Wünsche scheinen sich für den anderen
zu erfüllen, die eigenen Schwächen werden ihm oder ihr dafür
zugeschrieben. Ausgleichende Gerechtigkeit, die so lange geht, bis
nichts mehr geht. Nichts außer Eifersucht. Die geht immer. Ns Urteil
über Bs Lebenswandel: „Hippiescheiß“.

Gut, dass es S gibt. S Mag Hippiescheiß, Autostoppen und Wollefärben.
Trefflich?! L und Euer Autor haben in der Zwischenzeit das Kriegsbeil
mit der feinen Klinge begraben, nachdem sie maturiert haben und sich nur
noch sehen müssen, wenn ihnen gerade danach ist.
Dumm nur, das enge Freundschaften nichts für S sind. Und Menschen dazu
neigen nicht loslassen zu können. A und B absentieren sich also wieder
ins Badezimmer. Der Rest wartet vor der Tür. Weil Schadenfreude die
schönste Freude ist?
Student in Wien, König im Gedankenschrott.

Auf gute Nachbarschaft

Philipp Drössler
Für manche ist es eine Mietskaserne, für mich die unterhaltsamste Reality-Show der Welt.
Abgedroschene Phrasen bekam man zu jeder Zeit im Dutzend billiger. Die hierzustadt vermutlich bekannteste ist "Wien ist anders." Und immer wieder gern wird auch geäußert, "Wo Menschen sind, da menschelts." Beide Aussagen haben eine absolute Grundwahrheit, nur will man die nicht immer wahrhaben müssen.

Wer in der Stadt wohnt, hat fast automatisch Nachbarn. Und im Gegensatz zu ihren Artverwandten am Land zeichnen sich ihre Urbanen Kollegen grundsätzlich dadurch aus, dass man sie nicht kennt. Das ist die wunderbare Anonymität der Großstadt - einzig der Umstand, dass viele Häuser nicht schalldicht gebaut sind, macht einem immer wieder einen Strich durch diese Rechnung. Ein paar Tage nach meinem Einzug lag ich friedlich auf dem Sofa und freute mich auf eine ausgiebige Portion Schlaf - aus der nichts wurde, da von links plötzlich eine kakophone Mischung aus Baulärm, Gelächter und Helge Schneiders "Fitze Fitze Fatze" dröhnte - ein Afront, der von den Nachbarn vor mir binnen Minuten mit trashigem 90er Jahre-Eurodance und fühlbar donnernden Tanzschritten beantwortet wurde. Das gute an der Sache ist, dass ein nahmhafter Hersteller von Subwoofern und Lautsprechern tags darauf um ein paar Euro reicher war, und seit ich beim kleinen Anzeichen von musikalischer Entartung die J-Pop-Keule schwinge, herrscht zumindest in dieser Hinsicht Friede.

Das alles tangiert den 17-jährigen Metaller in unserem Stock natürlich nicht, denn seine Kopfhörer sind inzwischen eine unheilige Symbiose mit dem fettigen Haupthaar um sie herum eingegangen, die jedliches Geräusch von aussen abblockt. Das ist auch gut so, den schräg über ihm wohnt ein junges Paar, dass sich alle paar Tage gegenseitig aus der Wohnung wirft, was den gerade delogierten Part natürlich zu einer halbstündigen Klopforgie an der ja doch eigentlich gemeinsamen Tür motiviert. Und auch der Monarchist am anderen Ende des Ganges hat sich noch nicht dazu geäußert - aber das österreichisch-ungarische Wappen an seiner Tür wehrt vermutlich nicht nur demokratische Geister, sondern auch postmoderne Realitäten ab. Schick, eigentlich.

Den ersten Stock teilen sich eine Firma, deren Türschild deutlich darauf hinweist, dass sie eigentlich im 14. Bezirk sitzt, also ganz wo anders, ein junger Hippie mit einem vergilbten 80er-Jahre-Piratensticker an der Tür und eine etwa 400 jahre alte Frau mitsamt Tochter und Enkelin.

Im Erdgeschoss finden sich ein Farradabstellplatz, der auch gerne zur Entsorgung von überflüssigen Büchern, Möbeln und Kleidungsstücken verwendet wird. Besonders hervorheben möchte ich da den mitfühlenden und bedachten Zeitgenossen, der mir fast jeden zweiten Tag ein Kleinod auf den Sattel legt - mal ein abgerissener Kopfhörer, dann wieder ein vollständig totgesessenes Kissen. Ob er identisch oder nur seelenverwandt mit dem menschlichen Wirbelsturm ist, der sämtliche in die Hausbriefkästen gesteckte Werbeprospekte mit viel Liebe zum Detail quer über den Gang verteilt, werde ich wohl so schnell nicht rausfinden.

Der Charme der ganzen Sache liebt aber nicht nur im sozialvoyeristischen Potential, sondern auch in der Tatsache, dass das Haus direkt an ein Hotel grenzt - und im Frühling vergeht nicht eine Woche, in der sich nicht irgendeine gottverlassene Touristengruppe in unser kleines Feuchtbiotop verirrt - die reagieren dann meistens auf die gleiche Art, die sie auch an den Tag legen, wenn der Herr Ober im Café Hawelka ihnen nahe legt, sie mögen sich doch zu anderen Gästen an den Tisch setzen - mit nacktem Entsetzen und weltrekordverdächtiger Flucht.

Aber manche zeigen sich interess- und fasziniert, und wenn sie Glück haben, bekommen sie von der Hausmeisterin neben der Wegbeschreibung ("Naaa, ausse müssts, und dann ums Eck!") noch ein Kochrezept mit. Und das ist ja auch schon was wert.
War mindestens haltbar.

Der Kern

Don Dahlmann
Man muss sich am Leben reiben – solange, bis man den Kern findet. Von sich selbst.
Dinge ändern sich mit der Zeit, das ist eine Binsenweisheit, ein Partysatz, den man sich eigentlich nur heimlich selber sagen kann. Aber man ist froh, dass sich viele Dinge von alleine verabschieden. Die ganzen Sachen, die einen unruhig haben sein lassen, weil man sie noch ausprobieren musste, weil man Angst hatte, dass man etwas verpasst und man lieber noch die nächsten drei Bier trinkt, weil es könnte ja noch was passieren, diese Sachen sind zum größten Teil weg. Das ist gut, weil man keine Zeit mehr damit verschwendet, sich mit Dingen zu messen. Man findet heraus, was man wirklich kann, merkt, dass es keinen Sinn macht, sich mit Dingen zu schmücken, die man nicht wirklich beherrscht.

Man erkennt, dass man nie so schreiben kann, wie Autor X oder Autor Y, weil einem dieser Blick fehlt. Man kann nur versuchen sie zu imitieren, und hoffen, dass man nicht dabei erwischt wird, aber selbst eine gelungene, nie entdeckte Imitation bleibt doch eben auch nur eine Imitation und die Kraft, die man auf so etwas verwendet, die kann man genauso gut in eigene Projekte stecken. Man beschließt, kein Fotograf zu werden. Vielleicht kann man ein wenig fotografieren, vielleicht gelingt einem unter tausend Fotos auch mal ein guter Schuss, aber man ist einfach nicht gut. Man beschließt, keine klassische Karriere in einem Büro machen zu wollen. Weil man eingesehen hat, dass man einfach nicht stressresistent ist. Und weil sich permanent fragt, ob das, was man da macht, einen wirklich interessiert. Schlechte Voraussetzungen für eine Karriere. Man beschließt doch keine akademische Karriere zu machen, auch wenn der Politik- und der Geschichtsprofessor einem noch vor dem Magister eine Doktorandenstelle anbieten, weil man Angst davor hat, in einem Reihenhaus in Bonn-Meckenheim zu enden. Man wirft mindestens zwei journalistische Karrieren weg, weil sie einen langweilen und weil man wieder diese vorgefertigte Zukunft nachts vor Augen hat. Und so folgt ein Ding nach dem anderen.

Eine Zeitlang habe ich gedacht, dass das schlecht sei, dieser Verlust der unbändigen Kraft, alles tun zu wollen und sich einzubilden und es auch zu können. Am Anfang fühlte sich das bei mir so an, als würde ich versagen. Ich konnte mir doch vorstellen, dieses oder jenes zu tun, aber ich konnte es nicht umsetzen. Führte am Ende zu einer merkwürdigen Lethargie, in der ich gar nichts mehr gemacht habe, weil ich dachte, das wenn ich das eine nicht kann, es auch keinen Sinn macht, andere Sachen zu tun. Klingt komisch, Melancholiker werden mich verstehen.

Natürlich kann man nicht einfach alles beiseiteschieben, weil viele Träume oder Wünsche oder Ideen am Ende schlimme Wunden hinterließen. Manche Verletzungen, gerade jene, die aus Liebe entstanden sind, bleiben hängen, andere perlen an einem ab. Am schlimmsten sind natürlich die Verletzungen, die aus heiterem Himmel kamen. Jene, die einem Erdbeben gleich, alles auseinandergerissen haben, und einen verstört in rauchenden Trümmern haben stehen lassen. Und man nicht mal eine Erklärung hatte, und so monatelang torkelnd durch die Gegend ging, nur aufrecht erhalten durch das Korsett des Alltags mit all seinen grausamen Verpflichtungen wie Miete, Strom, Wasser, Gas. Manchmal war das gut, weil man Zeit hatte und beim Durchstöbern der Reste festgestellt hat, dass man bei der Statik ein paar grundlegende Fehler begangen hatte. "Aha", dachte man, "wie dumm, das machen wir aber das nächste Mal anders." Und ganz bewusst schließt man ein Ding nach dem anderem aus seinem Leben aus. Manche aus Angst, manche aus mangelnder Kraft.

Eine Zeit lang hat mir dass richtig Spaß gemacht, diese Reduktion, sich dran reiben, bis die Ecken glatt sind. Alles rauswerfen, das Leben entkernen, wie ein altes Haus, bis man nur noch das nackte Mauerwerk sieht, bis alles Überflüssige weg ist und man erleichtert aufatmen kann und denkt "Das bin ich, ganz ohne alles. Das ist sehr schön." Aber irgendwo klebt immer noch eine Erinnerung, an die man nicht rankommt, denn genauso, wie man nicht alles perfekt können kann, genauso wenig gibt es die perfekte Reduktion. Ein Phänomen, das man im Übrigen in manchen Blogs beobachten kann. Wenn das Layout im Laufe der Zeit immer mehr reduziert wird, bis am Ende fast nur noch die nackten Buchstaben auf dem einfarbigen Hintergrund stehen, bis der Autor den Gedanken bekommt, das selbst die Buchstaben zuviel sind, und eigentlich eine komplett weiße, grüne, rote oder schwarze Seite reichen würde, und man froh wäre, wenn die Leser einen so gut kennen könnten, dass sie erspüren könnten, was man an dem Tag gerade sagen will.
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein Blog.

Auf dem Postamt

Georg Wiltschek
Geschichten aus dem Zirkus. Heute: Ein Brief ist ein Brief ist ein Brief. Da hängen natürlich auch Aspekte des Phönix mit drin. Und in den Regalen lauern die Karusselpferdchen mit Luftdruckgewehren. Aber das ist nun mal Alltag - zumindest mit der Post.
menschen einpacken und mitnehmen. vielleicht gar keine so dumme idee. vielleicht liegen sie sogar schon verpackt unter den karusselpferdchen. oder in den regalen der mit luftdruckgewehren bewaffneten trickbetrüger? ich hätte meinen menschen bitte gern per post nach hause geschickt. um mir die suche zu ersparen. andererseits. würde man dann nicht zögern? das paket auch wirklich aufmachen? schliesslich kommt da irgendwer per post zu irgendwem. ob das menschlein im paket wirklich so erfreut darüber ist? vielleicht in einem grossen karton? vielleicht selbstöffnende kartons? oder vor dem öffnen beruhigungsmittel durch den karton spritzen? pakete öffnen ist zerstörung. sollte man deshalb nie wieder etwas öffnen? das könnte über kurz oder lang zum problem werden. aber im prinzip ist es so. ende und anfang. zerstörung und neubeginn. phönix aus der box? schachteln und kisten als neues trauma für die menschheit? gibt es dafür irgendein gut klingendes und auf -phobie endendes wort? was solls.

irgendein psychiater wird eines erfinden. darin sind die mittlerweile ganz gut, denke ich. trotzdem wäre die idee nett. menschen sollten einfach kommen und nicht erst gefunden werden müssen, doch selbst wenn dem so wäre, wer würde die verteilung übernehmen? irgendwie hat die ganze sache einen haken. einen, der mir gar nicht gefällt. wir brauchen mehr schicksalshafte zufälle im hauptpostamt des lebens. welches irgendwo im kopf des grünen pferdchens versteckt ist. mehr unmotiviertes öffnen von interessant aussehenden kästchen. auch wenn diese von seltsamen maschinen und sehr wahllos befüllt worden sind. wer weiss was darin ist. vielleicht völlig neue möglichkeiten, nie begangene wege und niemals gedachte gedanken. eine völlig neue welt im kleinen standardkarton der post. vielleicht auch jenes etwas, dass immer zu fehlen scheint, keinen namen und keine form hat und sich hauptsächlich durch eines hervortut: dem nichtvorhandensein. und sind diese schachteln für jeden da, oder steht auf jeder ein name? darf sich jeder soviele nehmen, wie er tragen kann, oder gibt es die dinger nur in begrenzter stückzahl und solange der vorrat reicht?

verkörpert so ein kleines päckchen wirklich das absolut mystische? das absolut unbekannte? die ultimative überraschung, wenn es dann mit einem lauten knall in die luft geht? und doch sind wir neugierig. nicht neugierig genug um alles zu öffnen, aber neugierig genug um uns hunderte mal zu fragen: was wäre wenn? und genau das ist der fehler. der gedanke des öffnens ohne die absicht es auch zu tun. klassische eigenschaft des menschen? vermutlich. menschen sind pakete. ziemlich gut verpackte pakete. oder es gibt nur noch stumpfe scheren, das kann auch sein. ich will es gar nicht wissen. ich will post.
lebt im Märchenland und studiert friedlich Informatik.

Eyes On - ARTmART

Philipp Drössler
Kunst zum Einheitspreis.
Vom 25. April bis zum 1. Mai 2007 rennt im Wiener Künstlerhaus der ARTmART. Hier kann man bei freiem Eintritt Werke von fast 200 österreichischen und griechischen Künstlern begutachten und zum Fixpreis von 70.- pro Stück auch gleich mitnehmen. Nie war Kultur leistbarer!

Reibung

verschiedenen Flickr-Usern
In der Kommunikation kommt es gerne zu Reibungen - besonders, wenn man nicht etwa mit einem Freund oder Kollegen, sondern mit sich selbst im Clinch ist.

Inner conflict

mudkat