
von zeitkapseln und büroklammern
von Georg Wiltschek
man sollte einmal ein paar dinge zum web 1.0 klarstellen. zu aller erst, es gab nie ein web 1.0. man nannte es world wide web. und es war nicht das internet, sondern nur ein teil davon. der bunteste sogar, auch wenn vermutlich viele menschen eine ähnliche vorstellung davon haben, wie profilschreiberling peter sempelmann von linux heute, sprich grüne schrift auf schwarzem grund. nein, ganz im gegenteil. das web 1.0 (nennen wir es jetzt einfach so, um verwirrungen vorzubeugen) war bis an die grenzen der erträglichkeit quietschbunt. um eine vorstellung davon zu bekommen, sollte man einmal kurz an den schriftzug von google denken. fertig? es gab damals ein programm namens cappuccino (die genaue schreibweise ist in vergessenheit geraten und google spuckt auch nur dutzende produktblätter von saeco aus, das eigentliche programm scheint verschollen) mit dem jeder nach lust und laune farbverläufe generieren konnte. da wurde dann aus „willkommen auf meiner homepage“ eine elends lange schlange von „font color=“-tags, die man fröhlich in den eigenen html code einbauen konnte und schon hatte man vom ersten „w“ bis zum letzten „e“ jeden buchstaben in einem anderen farbton, von blassgrün über tiefviolett bis knallrot. weil html konnte man damals übrigens auch. also nicht w3c-konform, aber nachdem wir sowieso alle den ziemlich gutmütigen internet explorer 4 verwendet haben, war das eh egal. und nein, das web 1.0 war nicht nur bunt, es war auch hochgradig animiert, sodass youtube dagegen ungefähr soviel bewegung zeigt, wie ein pflasterstein im wind. ja genau. animierte gifs. überall. zu jeder gelegenheit, wenn auch grossteils für blinkende „under construction“-schilder, schliesslich war ja auch ständig alles im umbruch. und auch für den guten ton war gesorgt, sofern der browser das unterstützte (zu dieser zeit war netscape schon ziemlich tot und es mangelte ein wenig an alternativen). zwar war das mit der musik auf der eigenen seite noch nicht allzu weit entwickelt, aber midi sei dank konnte man bei bedarf die eigene homepage durchaus mit bizarren karaokeversionen (gut, ausser depeche mode, die klingen auch als midi immer wie von cd) der eigenen lieblingslieder ausstatten...
aber darum geht’s ja eigentlich nicht.
1939 wurde im zuge der new yorker weltausstellung eine zeitkapsel vergraben. irgendwann gegen ende des 7. jahrtausends nach christus werden unsere nachfahren also möglicherweise nichts wirklich wichtiges vom zweiten weltkrieg erfahren, sich dafür aber an weckern, kugelschreibern und zahnbürsten im unwiderstehlich charmanten 30er jahre design erfreuen können. ebenso über 5000 jahre alten tabak nebst pfeife (kein feuerzeug), golfbälle (keine schläger) und pokerchips, die aber mit karten. der ganze kram mag zwar im nachhinein ein sehr verzerrtes bild des 20ten jahrhunderts geben, aber die geste ist hübsch.
aber auch das nur nebenbei.
worauf das ganze hinausläuft: wie können wir all den schönen webplunder für nachfolgende generationen aufbewahren? wie lang hält so eine dvd? oder gleich eines der neuen formate? bloss: blu-ray oder hd-dvd? wie bringt man animierte gifs auf mikrofilm? sollen wir statistiken beilegen oder sollen wir die tatsache, dass 90% des internettraffics aus pornographie bestanden, unter den teppich kehren? und, aus aktuellem anlass: sollten wir nicht auch eine büroklammer mit aufgeklebten kulleraugen vergraben, damit später einmal in den geschichtsbüchern steht, wer uns lange zeit beim verfassen von lebensläufen und liebesbriefen geholfen hat?
aber darum geht’s ja eigentlich nicht.
1939 wurde im zuge der new yorker weltausstellung eine zeitkapsel vergraben. irgendwann gegen ende des 7. jahrtausends nach christus werden unsere nachfahren also möglicherweise nichts wirklich wichtiges vom zweiten weltkrieg erfahren, sich dafür aber an weckern, kugelschreibern und zahnbürsten im unwiderstehlich charmanten 30er jahre design erfreuen können. ebenso über 5000 jahre alten tabak nebst pfeife (kein feuerzeug), golfbälle (keine schläger) und pokerchips, die aber mit karten. der ganze kram mag zwar im nachhinein ein sehr verzerrtes bild des 20ten jahrhunderts geben, aber die geste ist hübsch.
aber auch das nur nebenbei.
worauf das ganze hinausläuft: wie können wir all den schönen webplunder für nachfolgende generationen aufbewahren? wie lang hält so eine dvd? oder gleich eines der neuen formate? bloss: blu-ray oder hd-dvd? wie bringt man animierte gifs auf mikrofilm? sollen wir statistiken beilegen oder sollen wir die tatsache, dass 90% des internettraffics aus pornographie bestanden, unter den teppich kehren? und, aus aktuellem anlass: sollten wir nicht auch eine büroklammer mit aufgeklebten kulleraugen vergraben, damit später einmal in den geschichtsbüchern steht, wer uns lange zeit beim verfassen von lebensläufen und liebesbriefen geholfen hat?
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