
Fremdwörter
von Don Dahlmann
Auf dem katholischen Internat, auf dem ich mal eine recht vergnügliche Zeit verbringen durfte, hatten wir einen sehr merkwürdigen Religionslehrer. Zum einen weigerte er sich zum Priester weihen zu lassen, weil er der Meinung war, dass er bei seinen Studien der Theologie durchaus auch auf den Beweis stoßen könne, dass es keinen Gott geben würde. Denn Theologie ist die Auseinandersetzung mit den Quellen des Glaubens, und da kann man ja so einiges finden, so seine Überzeugung. Eine weitere Eigenheit des Lehrers war die Angewohnheit, die Fragestellung zu seinen Klausuren mit derartig vielen Fremdwörtern vollzustopfen, dass man schon nach drei Wörtern völlig verzweifelte. Immerhin erlaubte der Mann ein Fremdwörterlexikon und die kreative Verwendung weiterer Fremdwörter in der Klausur konnte die Note durchaus um ein paar Punkte anheben, selbst wenn am Ende nur Quatsch zu lesen war. Mit 16 war ich ein wandelndes Fremdwörterlexikon, und ein schwadronierte zur unendlichen Freude meiner Eltern (".... das Kind hat eine merkwürdige Pubertät ...") altklug den lieben langen Tag rum.
Besonders viel Spaß hatte ich dabei, mit theologischen Fremdwörtern wie Adoptianismus, Dyotheletismus oder Perichorese jede Diskussion zum Erliegen zu bringen. Egal bei welchem Thema. Denn verstand mein Diskussionsgegner die Worte nicht, konnte ich jederzeit die Diskussion mit dem Satz abbrechen, dass jedes weitere Wort ja überflüssig sei, da sich die Gegenseite ja im Thema nicht auskennen würde. Extrem praktisch vor allem dann, wenn man völlig im Unrecht war.
Da ich ansonsten wenig zu tun hatte, konnte ich es mir erlauben, mich den lieben langen Tag mit allerlei merkwürdigen Worten zu beschäftigen. Ich hatte mir irgendwann mal ein schönes, in Leder geschlagenes Fremdwörterlexikon zu gelegt und beschlossen, jeden Tag drei Wörter von einer Seite auswendig zu lernen. Dabei sollten es nicht irgendwelche Wörter sein, nein sie mussten ausgefallen, vielleicht sogar vom Vergessen bedroht, am besten aber seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden sein. Stand hinter einem Wort "veralt." ging mein Herz auf und schloss das arme Wort in sich ein. Mit anderen Worten: ich war ziemlich bescheuert, wenn man bedenkt, was andere Jungs in dem Alter Abends vorm schlafen gehen so alles treiben.
Noch schlimmer wurde es, als ich mein Studium der Philosophie anfing. Plötzlich bereicherten Worte wie Eudämonismus, Heteronomie und Konszientialismus meinen Wortschatz. Jedenfalls war ich davon überzeugt, dass ich nicht nur meinen Wortschatz, sondern auch den Rest der Welt damit bereichern würde. Ich hörte mich an, als ob Adorno und Nietzsche ein Kamingespräch auf Seed führten, und hatte deswegen völlig zu Recht kein nennenswertes Sexualleben. Keine Frau interessierte sich länger als fünf Minuten für mich, nicht mal jene, die völlig dem Masochismus verfallen waren. Dafür vertrug ich jede Menge Alkohol, was allerdings ein Phänomen unter Philosophiestudenten darstellt, über dass auch mal einer Buch schreiben sollte.
Nach einer Zeit fiel es mir aber dann doch mal auf, dass mein Leben zwischen Fachbüchern und Bierkrügen etwas einsam war, vor allem, als ein wohl meinender Bekannter mich auf mein Sprachproblem aufmerksam gemacht hatte. Man könne ja kaum mehr ein Wort von mir verstehen, es sei denn, ich würde zwischendurch ein Bier oder was zu essen bestellen. Auf meine Frage, ob die eingestreuten Termini meinen Ductus so weit unterminieren würden, dass es einem Date kontradiktorisch sei, bekam ich um ein Haar ein Bierglas ins Gesicht. Leer versteht sich, man war ja Student und konnte es sich nicht leisten Bier zu verschütten.
Die nächsten Tage habe ich mein Problem noch mal überdacht. Und bin die Erlebnisse einiger Philosophen in Sachen Geschlechtsverkehr durchgegangen. Dabei stellte ich fest, dass die Menge an merkwürdigen Gedanken und Worten nicht zwingend, aber doch häufig mit ebenso merkwürdigen Vorlieben in Sachen Sex einherging. Nietzsche hatte was mit seiner Schwester, Schoppenhauer sicherlich nicht direkt, aber doch in einem gewissen platonischen Rahmen was mit seinem Pudel, Sören Kierkegaard ließ seine Braut vor dem Altar stehen und Francis Bacon hat seine Homosexualität Zeit seines Lebens mehr oder weniger erfolgreich unterdrückt. Auf der anderen Seite stammt von einem der großen Freimauerer des 18. Jahrhunderts der Satz "Ein Philosoph ist, wer sich keiner Lust versagt." Na gut, war Giacomo Casanova. Aber der hat auch mal was über Philosophie geschrieben. Wenn man den Begriff "Philosophie" nicht allzu eng spannt.
Bei meiner Recherche stieß ich dann auch auf den in zu diesem Thema auf den unvermeidlichen Ovid und noch einige andere Philosophen, die es mit der Moral nicht genau genommen haben und das mit sehr vielen klaren Worten ausdrücken konnten. Bald war klar: Fremdwörter sind was für Leute, die zu viel Zeit haben, die Dinger auswendig zu lernen, aber nicht für Menschen, die in ihrem Leben noch was anderes vorhaben. Allerdings war es gar nicht so leicht Worte wie Transsubstantiation oder Hermeneutik zu vergessen, waren sie doch lange meine heimlichen Geliebten gewesen.
Die Position wurde dann von einer Studentin der Archäologie übernommen, die zumindest in Sachen lateinische Fremdwörter eine ebenbürtige Gegnerin war. Erstaunlich, wie sich Archäologen so unterhalten, da können nur noch Mediziner mithalten. Aber am Ende schmiss ich meinen Szientismus dann doch über Bord. Das verkopfte, das rein Intellektuelle ist eine großartige Sache, aber am Ende fehlte mir dann doch was in meiner zwanzigjährigen Welt. Gefühle mögen obsolet sein, aber Fremdwörter sind noch viel mehr.
Besonders viel Spaß hatte ich dabei, mit theologischen Fremdwörtern wie Adoptianismus, Dyotheletismus oder Perichorese jede Diskussion zum Erliegen zu bringen. Egal bei welchem Thema. Denn verstand mein Diskussionsgegner die Worte nicht, konnte ich jederzeit die Diskussion mit dem Satz abbrechen, dass jedes weitere Wort ja überflüssig sei, da sich die Gegenseite ja im Thema nicht auskennen würde. Extrem praktisch vor allem dann, wenn man völlig im Unrecht war.
Da ich ansonsten wenig zu tun hatte, konnte ich es mir erlauben, mich den lieben langen Tag mit allerlei merkwürdigen Worten zu beschäftigen. Ich hatte mir irgendwann mal ein schönes, in Leder geschlagenes Fremdwörterlexikon zu gelegt und beschlossen, jeden Tag drei Wörter von einer Seite auswendig zu lernen. Dabei sollten es nicht irgendwelche Wörter sein, nein sie mussten ausgefallen, vielleicht sogar vom Vergessen bedroht, am besten aber seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt worden sein. Stand hinter einem Wort "veralt." ging mein Herz auf und schloss das arme Wort in sich ein. Mit anderen Worten: ich war ziemlich bescheuert, wenn man bedenkt, was andere Jungs in dem Alter Abends vorm schlafen gehen so alles treiben.
Noch schlimmer wurde es, als ich mein Studium der Philosophie anfing. Plötzlich bereicherten Worte wie Eudämonismus, Heteronomie und Konszientialismus meinen Wortschatz. Jedenfalls war ich davon überzeugt, dass ich nicht nur meinen Wortschatz, sondern auch den Rest der Welt damit bereichern würde. Ich hörte mich an, als ob Adorno und Nietzsche ein Kamingespräch auf Seed führten, und hatte deswegen völlig zu Recht kein nennenswertes Sexualleben. Keine Frau interessierte sich länger als fünf Minuten für mich, nicht mal jene, die völlig dem Masochismus verfallen waren. Dafür vertrug ich jede Menge Alkohol, was allerdings ein Phänomen unter Philosophiestudenten darstellt, über dass auch mal einer Buch schreiben sollte.
Nach einer Zeit fiel es mir aber dann doch mal auf, dass mein Leben zwischen Fachbüchern und Bierkrügen etwas einsam war, vor allem, als ein wohl meinender Bekannter mich auf mein Sprachproblem aufmerksam gemacht hatte. Man könne ja kaum mehr ein Wort von mir verstehen, es sei denn, ich würde zwischendurch ein Bier oder was zu essen bestellen. Auf meine Frage, ob die eingestreuten Termini meinen Ductus so weit unterminieren würden, dass es einem Date kontradiktorisch sei, bekam ich um ein Haar ein Bierglas ins Gesicht. Leer versteht sich, man war ja Student und konnte es sich nicht leisten Bier zu verschütten.
Die nächsten Tage habe ich mein Problem noch mal überdacht. Und bin die Erlebnisse einiger Philosophen in Sachen Geschlechtsverkehr durchgegangen. Dabei stellte ich fest, dass die Menge an merkwürdigen Gedanken und Worten nicht zwingend, aber doch häufig mit ebenso merkwürdigen Vorlieben in Sachen Sex einherging. Nietzsche hatte was mit seiner Schwester, Schoppenhauer sicherlich nicht direkt, aber doch in einem gewissen platonischen Rahmen was mit seinem Pudel, Sören Kierkegaard ließ seine Braut vor dem Altar stehen und Francis Bacon hat seine Homosexualität Zeit seines Lebens mehr oder weniger erfolgreich unterdrückt. Auf der anderen Seite stammt von einem der großen Freimauerer des 18. Jahrhunderts der Satz "Ein Philosoph ist, wer sich keiner Lust versagt." Na gut, war Giacomo Casanova. Aber der hat auch mal was über Philosophie geschrieben. Wenn man den Begriff "Philosophie" nicht allzu eng spannt.
Bei meiner Recherche stieß ich dann auch auf den in zu diesem Thema auf den unvermeidlichen Ovid und noch einige andere Philosophen, die es mit der Moral nicht genau genommen haben und das mit sehr vielen klaren Worten ausdrücken konnten. Bald war klar: Fremdwörter sind was für Leute, die zu viel Zeit haben, die Dinger auswendig zu lernen, aber nicht für Menschen, die in ihrem Leben noch was anderes vorhaben. Allerdings war es gar nicht so leicht Worte wie Transsubstantiation oder Hermeneutik zu vergessen, waren sie doch lange meine heimlichen Geliebten gewesen.
Die Position wurde dann von einer Studentin der Archäologie übernommen, die zumindest in Sachen lateinische Fremdwörter eine ebenbürtige Gegnerin war. Erstaunlich, wie sich Archäologen so unterhalten, da können nur noch Mediziner mithalten. Aber am Ende schmiss ich meinen Szientismus dann doch über Bord. Das verkopfte, das rein Intellektuelle ist eine großartige Sache, aber am Ende fehlte mir dann doch was in meiner zwanzigjährigen Welt. Gefühle mögen obsolet sein, aber Fremdwörter sind noch viel mehr.


alexander r.s.
am 27. Mrz, 21:50
ich bin jetzt 24 und studiere Philosophie in Dresden und las mit Begeisterung diesen Beitrag zum Thema Fremdwörter. Das Phänomen zur Affinität diverser Xenologismen erkläre ich mir selbst als notwendige Vorraussetzung für Explikation. Die Schärfe und Differenzierung soll Fehler in der Begriffsdeutung vermeiden. (-> Sprachphilosophie Frege, Russell usw.). Wie kann ich Erkenntnisse erlangen, wenn ich mich im eklektischen Meer der Vagheit treiben lasse. Kann ich synthetische Urteile a priori formulieren, wenn ich von Gott spreche und jeder Rezipient etwas anderes darunter versteht? Gott in Form von Materie, oder Energie, oder eines polynominösen Quantenstroms... INFORMATIONEN und ihre Grenzen, die sich durch unser kognitives Vermögen konstituieren, kann ich nicht einfach so leger mit sozietätskonformistischen Sexualtrieben verbauen. Ich mag es so sehen, wie Wittgenstein: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ (TLP), heißt pro Genauigkeit des Denkens!!!
Nun zu meiner Größten Bewunderung haben sie das Studium ohne seriösen Szientismus bewerkstelligt: die Frage nach dem WIE?, stellt sich bei mir und vlt. anderen Lesern ganz laut. Das warum scheint mir selbst auch sehr einleuchtend! Man muß aber dazu sagen, daß Aristoteles mit Pythia eine solche "Ideal-normative" Ehe geführt haben und ein kontemplatives Leben führten. Ich verbleib in der Hoffnung ein ebenso verrücktes Huhn zu finden und bedanke mich für die Aufmerksamkeit.
~ myrmikonos