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von Johannes Grenzfurthner und Roland Gratzer
Guter Roland Gratzer, am Chaos Communication Congress im Dezember 2006 wurde von Lawrence Lessig, dem Guru der Creative-Commons-Bewegung und selbstdeklarierten Osteuropa-Forscher, ein Vortrag über Free Culture gehalten. Er verglich in dieser Rede die Copyright-Anwälte mit dem „sturen“ sowjetischen Regime der frühen 1980er Jahre, in dem alle Beteiligte schon wussten, dass das so nicht mehr weitergehen kann, und die Reform-Copyright-Bewegung mit den Leuten von Solidarnosc. Da frage ich mich schon: "Muss das sein?" Gibt es denn keine besseren Dissidenzbeispiele als die polnischen Zicke-Zacke-KatholikInnen?Zweifellos, lieber Johannes Grenzfurthner. Man muss sich gar nicht weit von den Danziger Werften entfernen, um bessere Beispiele zu finden. Erwähnt sei Alexander Dubcek, Anführer des Prager Frühlings 1968. "Schutz künstlerischer Werke mit humanem Antlitz" sollte die Parole heißen. Außerdem darf man die Nachwirkung nicht außer Acht lassen. Dubcek hat es nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes immerhin zum Präsidenten gebracht. Walesa auch, aber der schied nicht durch Tod aus dem Amt, sondern durch mangelnden Wählerzuspruch. Andererseits schafften es die Polen, innerhalb von 25 Jahren eine kommunistische Fremdherrschaft durch nationalen Fundamental-Katholizismus zu ersetzen. Einer von den Zwillingen hat ob seines ausufernden Doppelkinns übrigens ein Fotografieverbot seines Profils erwirkt. Und auf Krakauer Flohmärkten kann man günstige SS-Devotionalien erwerben. Freispruch durch Geschichte?Was mich ja an Polen fasziniert ist der 15. August. Das ist der Tag der polnischen Armee. Und gleichzeitig der Feiertag "Mariä Aufnahme in den Himmel". Der Glaube an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel ist ja seit dem 6. Jahrhundert (Anm.: quasi dem Command-Line-Zeitalter der römisch-katholischen Kirche) bezeugt und wurde 1950 (Anm.: das wäre dann Windows 95) von Papst Pius XII in der Apostolischen Konstitution „Munificentissimus Deus“ für die römisch-katholische Kirche zum Dogma erhoben. Ich liebe Dogmen. Und das Militär ist ja eines meiner Lieblingsdogmen in Zusammenhang mit der nationalstaatlichen bürgerlichen Gesellschaft. Ich frage mich nur, wie das in Polen gehandhabt wird. Mit Militäraufmarsch und Gottesdienstbesuch? Haben Sie Erfahrungswerte, guter Herr Gratzer?Man liest ja schließlich Zeitung. An den Schnittstellen beginnen erst die Probleme. Man denke nur Stanislaw Wiegus, den nicht mal designierten Erzbischof von Warschau. Ein junger Theologe, begierig nach Wissen, wollte über Grenzen blicken und ließ sich mit dem Geheimdienst ein. Freiheit der Wissenschaft durch Weitergabe von Informationen. Eigentlich Web 2.0. Walesa soll in der Kirche ja applaudiert haben. Wollte aber keiner mitmachen. Das erinnert mich an Alois Mock, als er mit der Zange den Stacheldraht durchzwickte, während Lafontaine tatenlos blieb. Warum eigentlich?Ja warum eigentlich, Herr Gratzer? Ich weiß es nicht, genauso wenig wie ich weiß, warum Herr Mock gerne kurze Hosen trug. Eine Recherche über „Polen“ und „Lafontaine“ förderte jedenfalls zu Tage, dass die Deutschen endlich anerkennen sollten, dass er der dritte verschollene Kaczynski-Bruder ist. Deswegen bleibe ich jetzt beim Humor - oder ehrlicherweise: beim schlechten Humor. Harald Schmidt, der überall von BildungsbürgerInnen als humorvollster Bildungsbürger gepriesene Stahlbademeister, beherrscht nämlich jene zweideutige Sprechweise meisterlich, die sich gezielt an zwei verschiedene Publika, deren Erwartungshaltungen und Denkweisen richtet. Die Zwangslogik mit der - und da sind wir beim Thema - bei ihm dem Begriff "Polen" der Begriff "Autodiebstahl" folgt, lässt sich vom aufgeklärten StudienrätInnenanteil als satirische Zuspitzung decodieren, während es der andere Teil als lustig gewendete, aber 1:1 funktionierende Thematisierung des Realen nimmt. Oder, Herr Gratzer?Sicher Grenzfurthner, sicher. Meine Großmutter hat mir schon vor Jahren erklärt, dass Polen Autos stehlen, wohingegen Rumänen in Wohnungen einbrechen. Unlängst sah ich ja in Spiegel TV eine Dokumentation über die Reste heidnischen Lebens in Transsylvanien, das deutsche BildungsbürgerInnen ja nach wie vor gerne Siebenbürgen nennen. Dort wurde die Leiche einer vom Teufel besessenen Frau in der Nacht nach dem Begräbnis aufgeschnitten, das Herz entnommen, verbrannt und die Asche unter Zugabe von Wasser im köchelnden Zustand von den Familienmitgliedern verspeist. Und die Dame von Spiegel TV schloss mit der Abmoderation: „Und dieses Land ist bald in der EU“. Jüngst wollten ja polnische Rechtsparteien verfügen, dass Jesus zum König von Polen ausgerufen wird. Leider wurde der Vorschlag abgelehnt. Großes Humorkapital für die Andracks dieser Welt, nicht wahr?Durchaus, geschätzter Gratzer, aber freuen kann ich mich darüber nicht, denn die Medien sind leider nur sich selbst am nächsten. Außerdem dachte ich, dass der einzige und wahre König Polens doch der (nomen est omen) Polenkönig Jan Sobieski wäre, ist und auch immer sein wird. Ein Name, der aus meinem Geschichtsstundegedächnis klingelt, als wäre ich taubes Erz! Im selben Erinnerungssubstrat hockt auch der nicht totzukriegende, zutiefst kantige Begriff des „Entsatzheeres“. (Ich bin so was von Heereshistorie!) Jan III Sobieski (was ja jetzt echt was World-Of-Warcraft-Pseudonymistisches hat) beherrschte mehrere Sprachen und soll ein großer Kunstliebhaber gewesen sein. Sein Palast in Wilanów wird für eine der größten Errungenschaften des polnischen Barockstils gehalten. Seine Briefe an seine Frau Marie werden als wichtige Zeugnisse polnischer Epistolografie bezeichnet. Da frage ich Sie, lieber Gratzer, was Sie auf diesem Gebiet zu bieten haben?Seit dem Briefwechsel von Lotte Tobisch mit Theodor Adorno habe ich diesem Metier abgeschworen. Endgültig. Richten wir unser Augenmerk doch einmal auf das Feld der Metaphorik. Hier bieten die politischen Entwicklungen seit dem Zweiten Weltkrieg ja einen wahren Metaphernfriedhof. Schon allein die Einteilung der Welt in zwei nach Himmelsrichtungen benannte politische Blöcke grenzt an geolinguistischen Wahnsinn! Der "Eiserne Vorhang" ist ja so etwas wie der Alfred Gusenbauer unter den sprachlichen Bildern. Es handelt sich hierbei ja nicht um eine mediale Wortschöpfung, um den Grenzwall des Warschauer Paktes zu bezeichnen. Ursprünglich verstand man unter diesem Terminus die Abtrennung einer Bühne vor dem Zuschauerraum, der im Falle eines Brandes pompös herunter krachte, damit ja kein Theatergast mit Feuer in Berührung kam. Erst später fand der Begriff auch in der Politik Anwendung und wurde ob des exzessiven Gebrauches eine so genannte Ex-Metapher (wie etwa auch die Motorhaube). Verständlich? Gut. Weiter. Damit war aber noch lange nicht Schluss. Mittlerweile ist der "Eiserne Vorhang" ja zu einem Synonym für die Trennung zwischen Welt 1 und Welt 2 geworden. Im Nachhinein entschied man sich, die ursprüngliche Bedeutung (Feuerschutz für's Publikum) orthografisch abzuheben und verzichtet beim Adjektiv "eisern" auf die Großschreibung. Ein Marsch durch sprachwissenschaftliche Institutionen. Absurd eigentlich, oder?Guter Gratzer! So viele Assoziationen! Eine Paintball-Salve der Bezüge! Da kann ich nur klein bei geben und bleibe in der ersten Zeile hängen, wobei ich geflissentlich die Domina des feinen Geschmacks ignoriere, und mich gleich meinem liebsten Wiesenbesitzer, Herrn Adorno, zuwende. In seiner Minima Moralia schreibt Adorno, dass es zum Mechanismus der Herrschaft gehört, die Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten. Es führe ein „gerader Weg vom Evangelium der Lebensfreude zur Errichtung von Menschenschlachthäusern so weit hinten in Polen, dass jeder der eigenen Volksgenossen sich einreden kann, er höre die Schmerzensschreie nicht mehr“. Dem kann ich nichts mehr hinzufügen.Mechanismen der Herrschaft, Erkenntnis des Leidens, Menschenschlachthäuser... Sie sprechen also nun die Kulturindustrie an. Erinnern Sie sich doch bitte an die drei jungen Männer, die auf Flugzeugtragflächen über "Lindenblütenliebe" sangen. O-Zone - die drei fidelen Moldawier waren ja Opfer und Nutznießer eines Copyright-Vergehens zugleich. Das muss man sich erst einmal vorstellen! Ihr Liedgut "Dragostea tin Tei" war Nummer 1 in Rumänien, als italienische Produzenten auf das Potential aufmerksam wurden. Prompt holten sie sich eine rumänische Sängerin namens Haiducii, coverten den Song und waren Platz 1 in Italien. Das weckte wiederum das Interesse anderer italienischer Produzenten, die O-Zone einen Plattenvertrag gaben, und das Cover des Covers, das gleichzeitig der Ursprung war, erneut aufzunehmen. Dieses "Recover" eroberte Platz 1 natürlich zurück. Hierbei kommt einem natürlich unweigerlich erneut Lawrence Lassig in den Sinn. Können Revolutionen mit einem Copyright versehen sein? Die Gruppe, die Milosevic in die Schranken wies, gründete im Anschluss eine Agentur für friedliche Umstürze. Das Konzept kam bereits in der Ukraine und Georgien mit unterschiedlichem Erfolg zur Anwendung. Gebrandet durch die weiße Faust. Das soll mir der Lawrence mal in eine fetzige Powerpoint pressen.Noch ist Powerpoint nicht verloren, solange wir leben. Was uns fremde Übermacht nahm, werden wir uns mit dem Säbel zurückholen!
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