Ohne Ziel und Lonely Planet

von Axel Beer
Wer sich nicht beirren lässt und ein tiefes Loch gräbt, kommt irgendwo zwischen Australien und Neuseeland im Meer heraus. Oder, wie jugendliche WitzbuchrezipientInnen vielleicht vorschlagen: im Irrenhaus. Wo der landet, der immer nach Osten geht, ist weniger klar. Im Westen? Im Osten? Im Sonnenaufgang? Personen, deren Namen der Redaktion bekannt sind (Anm.: Halt ich für ein Gerücht. -Die Red.), liefern unterschiedliche Reisetipps ab, wenn man sie nach einem guten Ziel fragt, den Osten kennen zu lernen.

St. Petersburg beispielsweise gilt als geeignet. Da könne man sich von korrupten Polizisten bestehlen lassen und sich – wenn man es versteht – ganze Ungarische Lebensgeschichten anhören. Andere meinen, dass den Osten nicht kennt, wer noch nicht in Byzanz gewesen ist. Das sieht auch Y. so, die obwohl selbst noch nie in Byzanz gewesen, eine interessante Gesprächspartnerin ist. Sie arbeitet nämlich am Flughafen. Y. empfiehlt auf der Suche nach dem Osten eine Landkarte zur Hand zu nehmen und sich rechts zu halten. Den Osten würde man dann schon finden. Am liebsten fertigt sie Flüge in Richtung Norden ab. „Da wird am meisten getrunken“. Fluggäste, die Richtung Osten unterwegs sein kultivierter als Westtouristen. Auch wenn ihr zum Zeichen der Wertschätzung ihrer Figur schon einmal ein Kondom nachgeworfen wurde. „Das war wohl als Angebot zu verstehen“.

Markus ist Vorarlberger im Wiener Exil. Als er am Telefon Auskunft gibt, ist er bereits ein wenig angeheitert. Er empfiehlt Ostasien, das er kennt und Mekka, das er nicht kennt. Eine große Rolle Spielt das Ziel für ihn jedoch nicht, so lange die Richtung stimmt. Er reist prinzipiell ohne Ziel und Lonely Planet. Aus Vorarlberger Perspektive sei Wien östlich genug. Im Osten sei generell mehr los als im Westen, dafür müsse man Zugeständnisse beim Lebensstandard machen. „Ich habe in Wien noch keine richtig gute Dusche gesehen. Auch die Bausubstanz und die Küchengeräte sind im Westen viel besser.“

Für uns Mitglieder der so genannten kultivierten und zivilisierten westlichen Welt ist es gar nicht so einfach den Osten kennen zu lernen. Wir nehmen den Westen gewissermaßen mit uns. Kulinarische Vorlieben und sonstige Weltanschaulichkeiten folgen uns nach dem Motto: Westen ist, wo wir sind. Der Osten ist möglicherweise also immer dort, wo wir gerade nicht sind. Der Nahe Osten beispielsweise, dem niemand so wirklich nahe sein will. Englischsprachige Mitmenschen distanzieren sich konsequenterweise auch sprachlich. Der nahe Osten ist für sie ein „mittlerer“, also eigentlich gar nicht so nah.

Für A. beginnt der Osten in Wien. Als Studentin internationaler Beziehungen in Irland darf sie das sagen, ohne sich der Favoritner Engstirnigkeit verdächtig zu machen. Das kann sie sogar geschichtlich begründen.

R. stimmt zu, dass der Osten in Wien beginnt. Präzisiert aber: am Mexikoplatz. Und weil wir gerade bei den Dingen sind, die sich geschichtlich begründen lassen, kommt der gerade Recht. Mexiko hat als einziger Staat der Welt protestiert, als Österreich zur Selbstumbenennung in „Ostmark“ schritt.

Die Wohl klarste Auskunft kann I. geben. Für sie ist das Ufer der Langen Lacke eine Ost-West Demarkationslinie.

Wobei das Ufer noch im Westen ist. Das Wasser aber im Osten.

Wenn wir schon eine ganze Ausgabe mit dem Thema füllen, können wir uns auch gleich die Frage stellen, wo den dieser vermaledeite Osten überhaupt sein soll. Axel Beer fragt nach.
lernt gerne was dazu. Bis auf weiteres tut er das an dieser Stelle.
mindestens haltbar 02/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 01
ISSN 1816-8159
Autor: Axel Beer
Titel: Ohne Ziel und Lonely Planet
Metadaten im BibTeX Format
Creative Commons-Lizenzvertrag

Dieser Text ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.




Kommentar:

Bitte gib das verzerrt angezeigte Wort ein


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild