
Maria
von Tina
In Europa bin ich noch nie östlicher gewesen als Wien, das sich selbst erst als Tor zum Osten sieht. Die Länder des ehemaligen Ostblocks waren für mich lange Zeit nur Namen, die sich geographisch nicht einordnen liessen. So weiss ich (wie ich zu meiner Schande gestehen muss) erst seit heute, dass die neuen EU-Staaten Bulgarien und Rumänien viel eher südlich als östlich liegen, und dass Bulgarien einen Zugang zum Schwarzen Meer hat.Vielleicht aufgrund meiner mangelhaften Geographiekenntnisse wird 'der Osten' für mich immer eine Person sein. Sie heisst nicht Maria, aber das ist für die Geschichte auch nicht wichtig. Als ich Maria kennen lernte, war sie grade wieder für drei Monate aus ihrem Heimatland Bulgarien nach Wien gekommen: sie musste in regelmässigen Abständen nach Bulgarien zurück, da sie keine österreichische Aufenthaltsgenehmigung hatte. Sie war klein, in meinem Alter und ehrlich gesagt nicht besonders hübsch. Sie schlurfte mit Vorliebe in abgelaufenen Hausschuhen und einem Trainingsanzug herum.Maria sprach, als ich sie kannte, nur zwei Sätze Deutsch: sie konnte "Ficki-Ficki" sagen und "20 Euro" - der Preis für ihre Dienstleistung. Obwohl meine Bulgarischkenntnisse noch schlechter waren als ihre Deutschkenntnisse, unterhielten wir uns stundenlang mit Händen und Füssen. Sie hatte anscheinend Familie in Bulgarien: zwei Kinder und einen Freund, den sie heiraten wollte. Ihre Art des umgekehrten Sextourismus war für sie die einzige oder sinnvollste Möglichkeit, ihre Familie zu ernähren. Deswegen kam sie für drei Monate, verkaufte sich für wertvolle Euros und ging dann wieder - immer mit Angst vor der Polizei oder dem Grenzbeamten, der ihr grundlos die Einreise verweigern konnte.Bulgarien ist zusammen mit Rumänien seit dem 1.Januar dieses Jahres das neueste EU-Mitglied. Wird sich für Maria etwas ändern, wenn sie ihre hart verdienten Wiener Euros in Zukunft nicht mehr in Lew umtauschen muss? Wird Bulgarien auch irgendwann zum Schengengebiet gehören, und ihr kann nicht mehr grundlos die Einreise verweigert werden, wenn sie nach Österreich reisen möchte? Wird Maria dann vielleicht sogar die Möglichkeit haben, andere Arbeit in Wien oder sogar Bulgarien anzunehmen, die ihr die Versorgung ihrer Familie ermöglicht, ohne sich prostituieren zu müssen?Von Bulgarien selbst weiss ich nach meinen Gesprächen mit Maria immer noch so gut wie nichts - nicht mehr als die Fotos, die sie mir zeigte, und den Geschichten, die sie mir erzählen wollte.Maria passierte regelmässig mehrere Grenzen und fuhr hunderte Kilometer, um von zu Hause nach Wien zu kommen - vielleicht weiss ich deshalb so wenig darüber, weil das Land so unendlich weit weg von allem ist, was ich kenne. Aber die Bildungslücke, die Bulgarien betrifft, lässt sich einfach schliessen: meine nächste Reise geht nach Bulgarien - ich besuche Maria.
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