Rechts die Berge, links der See.

von Yuri Löwenzahn
Der Balkan beginnt hinter dem Arlberg. Das ist bekannt. Und wo der Balkan ist, da sind die Heiden. Auch das ist bekannt. Und das Einzige, bei dem wir und die Ostler uns einig sind, ist: Wir gehören nicht dazu.

Das sieht man ja schon an der Sprache. Während wir das Alemannische sprechen, sind im Rest Österreichs vorwiegend bairische Dialekte zu finden. Umso spannender war daher in meinen Augen Marlene Streeruwitz' Versuch "Österreichisch" als eigene Sprache zu etablieren. Was "Riebel" mit "Griesschmarrn" zu tun hat, oder ein "Gängar" mit einer "Wespe" muss man mir noch erklären. Aber der deutsche Sprachraum ist ohnehin der einzige der Alemannisch noch nicht als eigene Sprache sondern nur als Dialekt sieht.

So sind wir also von Paris nicht nur räumlich gleich weit weg wie von Wien.

Das sieht man ja schon an den Traditionen. Wir haben nämlich welche. Gute, katholische Traditionen die noch auf den römischen Kalender zurück zu führen sind. Den Funken zum Beispiel. Am Sonntag nach Aschermittwoch werden Meter hohe Scheiterhaufen errichtet, und die abgefackelt. Die erste schriftliche Erwähnung geht auf das Jahr 1090 unseres Herrn zurück als das Datum vom römischen Jahresanfang auf das heutige verschoben wurde. Da wurde nämlich aus Versehen ein Kloster niedergebrannt. Schwamm drüber. Manchmal wird an den Funken noch eine Stoffpuppe mit Schießpulver angebracht, die Funkenhexe. Das hat aber nun wirklich nichts mit der Hexenverbrennung zu tun. Der Vorarlberger ehrt die Frau. Das sieht man ja schon daran, dass die Lauteracher sich die Sorgen gewisser feministischer Gruppierungen zu Herzen nahm und seither auch noch einen Hexer in die Luft jagen. Oder so.

Auch die Printmedien sind bei uns fortschrittlicher. Naja. Technisch zumindest. Die "Vorarlberger Nachrichten" war die erste Tageszeitung weltweit die Vierfarbdruck standardisierte. Und die Meinungen der andern Regionalzeitungen auch. Zu diesem Zweck hat die VN einfach auch andere Zeitungen annektiert und sich zum Marktführer in allen Medienbreichen gemacht. Bis aufs Fernsehen. Da kann sich der ORF behaupten. Der Ostsender. Aber den kriegen wir auch noch. Man braucht nur sehen wieviele Landsleute da schon eingesickert sind.

So ist das. Rechts die Berge, links der See.

Warum Vorarlberg das einzige Zentraleuropa ist, Wien am Balkan liegt und selbst unsinnige Traditionen wichtig sind.
ist technophile Exilvorarlbergerin mit Hang zu Skurilem. Mit ihrem Interesse für fast alles hat sie es noch zu keiner Spezialisierung gebracht. Die Grosstadtnomadin beweist das man nüchtern emotional und emotional nüchtern sein kann. Eine Leidenschaft fürs Tanzen bringt ihr trotzdem kein Taktgefühl.
mindestens haltbar 02/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 01
ISSN 1816-8159
Autor: Yuri Löwenzahn
Titel: Rechts die Berge, links der See.
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