
Osten: eine Volksbefragung
von Frau A.
Ich muss es zugeben, ich war noch nie im Osten. Das berührt mich unangenehm, halte ich mich doch für einen weltgewandten, weit gereisten Menschen mit einem Horizont, so breit wie der Ärmelkanal. Aber nein, im „Osten“ war ich noch nicht. Weder im deutschen, noch im ex-sowjetrepublikanischen, noch im nahen Osten. Entsprechend dürftig ist daher meine Kenntnis der Materie.Anderer Leute Wissen zum Thema ist da schon profunder: Im Osten gibt es viel zu viele Arbeitslose und viel zuwenig Bildung. Im Osten ist alles grau und die Wirtschaft ist im Arsch. Aus dem Osten kommen die Nutten mit den auftoupierten Haaren und den billigen Stiefeln, und die Neureichen mit den Pelzmänteln und dem schlechten Geschmack. Im Osten wird dir dein Auto unterm Hintern weggeklaut und die Polizei ist furchtbar korrupt. Im Osten hat es Öl und Atomraketen und alle Männer tragen Palästinensertücher und Bärte.Wie man es auch dreht und wendet, der Osten ist schlecht. Da sollte man nicht hinfahren. Lieber nach Maledivien – heißt doch so, nä? - oder nach Südafrika. „Süden“ ist ja so viel besser. Und wärmer. Und die kleinen Negerlein kriegen so auch mal ein paar Devisen ab und können sich was Hübsches kaufen.Jetzt, wo die Rumänen und die Bulgaren bei der EU sind, da lohnt es sich außerdem gar nicht mehr, zum Einkaufen mal schnell zu denen rüber zu fahren. Die passen über kurz oder lang sowieso ihre Preise an, diese geldgierigen Säcke. Kein Wunder, dass die hier alle mit dem dicken Mercedes anrollen. Immer nur hinter der Kohle sind die her. Und unsereiner arbeiten sich die Finger wund für nichts. Dann lieber gleich Hartz IV. Obwohl, da haben die Ossis ja auch ein Monopol drauf, dieses faule Pack. Die Mauer wär’ mal besser stehen geblieben, aber in dem ganzen Überschwang, naja. Hätte man erstmal ein paar Löcher reinbohren sollen und warten und kucken, wie sich das drüben entwickelt. Die kannten doch nicht mal Bananen, im Osten. Das musste man denen doch erstmal alles mühsam beibringen, das mit der freien Marktwirtschaft und so.Und dann nichts im Kopf als Raketen und Öl und Biowaffen. Das sind doch sowieso alles Terroristen. Wenn die Flugzeuge in irgendwelche Wolkenkratzer fliegen, dann brauchen die sich gar nicht zu wundern, wenn alle Welt von der Achse des Bösen spricht. Kommt sicher nicht von ungefähr. Überhaupt sollten die erstmal dankbar sein, dass man die endlich von ihrem Diktator befreit hat, bevor die da so einen Aufstand machen. Aber vielleicht wäre es wirklich besser, die ganze Bagage in Ruhe zu lassen. Tür zu, Riegel vor; sollen die das doch unter sich ausmachen. Diese Moslems sind doch sowieso ein Volk von Ignoranten, die kann man nicht bekehren. Die essen ja nicht mal Schwein, und dann diese Verschleierei immer. Wenn es nach denen ginge, dann gäbe es bald auf jedem Dorf eine Moschee und für ins Puff gehen gäbe es die Todesstrafe.Und die vermehren sich auch wie die Karnickel, die sind ja jetzt schon in der zehnten Generation, aber Deutsch reden können die immer noch nicht. Da holt man die wegen der Wirtschaft ins Land und dann wollen die sich einfach nicht integrieren. Und wenn das Gastarbeiter sind, wieso sind die dann immer noch da? Hat sie ja keiner drum gebeten, nicht?
Ja, der Osten, das ewige Stiefkind des Westens. Dreckig, faul, korrupt, arm, und am Besten großräumig zu umfahren. Da gibt es nur ein klitzekleines Problem: wo liegt er denn nun eigentlich geografisch gesehen, der „Osten“? Wo fängt er an, wo hört er auf? Hinter Wien? In der Mitte von Deutschland? Im Norden der Türkei? Links, rechts, oben, unten, hinten, vorne, mittendrin?Ach, wenn das Leben doch nur noch einmal so einfach wäre wie damals, in der vierten Klasse Grundschule, als ich angesichts der Weltkarte zu der Erkenntnis kam: „Osten ist dort, wo der Daumen links ist.“ (Also immer rechts von uns).
Ja, der Osten, das ewige Stiefkind des Westens. Dreckig, faul, korrupt, arm, und am Besten großräumig zu umfahren. Da gibt es nur ein klitzekleines Problem: wo liegt er denn nun eigentlich geografisch gesehen, der „Osten“? Wo fängt er an, wo hört er auf? Hinter Wien? In der Mitte von Deutschland? Im Norden der Türkei? Links, rechts, oben, unten, hinten, vorne, mittendrin?Ach, wenn das Leben doch nur noch einmal so einfach wäre wie damals, in der vierten Klasse Grundschule, als ich angesichts der Weltkarte zu der Erkenntnis kam: „Osten ist dort, wo der Daumen links ist.“ (Also immer rechts von uns).
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