Lebenstraum im Osten

von Pango
Mein Name ist Non A Noi. Dies sind meine Erinnerungen an eine Reise, die nie stattgefunden hat.

Ich sitze in meinem alten Wagen, Marke Alfa Romeo. Es stinkt nach kalter Asche und ohne die geringsten Bässe kreischt Burzum aus den scheppernden Lautsprechern. Norsk Arysk Black Metal! Was Herr Vikernes wohl gerade macht, in seiner Gefängniszelle? Die Straße ist dunkel, im Scheinwerferlicht fliegt der Schnee wie Asche auf meine Scheibe; irgendwie haben sie es hier nicht mit Straßenbeleuchtung nach westlichen Standards. Wir sind ja auch im Osten. Kaum zu glauben. Vor zwanzig Jahren noch tiefster Kommunismus und schon in der EU. Von der staatskapitalistischen Beamtenhölle in die konzernkapitalistische Beamtenhölle. Aber aussehen tut es hier noch wie in der prä-sozialistischen Bauernhölle.

Ja, was war hier denn eigentlich einmal? Irgendwie war dieses Land ein blinder Fleck auf meiner geopolitischen Landkarte. Bevor ich losfuhr, habe ich noch Wikipedia bemüht, mir etwas über Rumänien zu erzählen – eigentlich ein sehr untypisches Verhalten für einen desinteressierten Soziopathen wie mich. Außer Medial gehenkten „Ostbanden“, mafiösen Strukturen und minderjährigen Prostituierten, hört man ja nicht viel. Doch, eines: käufliche Beamte. Na, da muss sich Rumänien in der EU ja richtig wohl fühlen. Um mich etwas mehr in historisch-rumänische Stimmung zu bringen, lege ich eine CD mit dem Titel „Death’s Gladsome Wedding: Legionari Movement“ auf und lausche den Kampfliedern der „Eisernen Garde“ oder der „Legion des Erzengel Michaels“, wie sich die nationalfaschisten Rumäniens selbst gerne nannten. Die Zigarette zwischen meinen Lippen wippt im Rhythmus der Marschmusik und ich fahre durch ein (vermutliches) Bauerndorf, dessen einzige Lichtquellen eine flackernde Straßenlaterne sowie die Fenster eines – ich vermute einmal – Gasthauses sind. Da passierte es: Ich bekam Lust, nicht nur das Land, sondern auch die Menschen Rumäniens zu sehen und hielt vor dem Gasthaus an. Ich steige aus, hinterlasse einen Profilabdruck im frischen Schnee und hebe meinen Kopf an. Ich ziehe fest an der Zigarette und starre dabei in das flackernde Licht auf der anderen Straßenseite. Aus dem Haus kommen laute Geräusche, Stimmen, Musik, klirrendes Geschirr. Ich werfe die Zigarette vor mir in den Schnee und trete drauf; knalle die Wagentür zu und überlege kurz, ob ich sie absperren soll. Schlechte Angewohnheiten aus dem Westen. Dort zwingen sie dich, Angst zu haben, dass jemand deine Sachen raubt. Vorwiegend diese ominösen „Ostbanden“, die unaufhaltsam, wie Elstern, in die Wohnungen alter Menschen einfallen und alles mitnehmen, das glänzt. Sagen zumindest die Medien. Man sagt dir von klein auf, dass die Medien dich nicht belügen. Und dann, wenn du das erste Mal dahinter kommst, dass sie dich im großen Stil belügen, hast du nur zwei Optionen: Du lässt dich weiter belügen, damit du dir nicht weiter Gedanken darüber machen musst oder du trittst in eine Fundamentalopposition. Andere Möglichkeiten hast du nicht, vorausgesetzt, du willst nicht den Verstand verlieren. Aber früher oder später wirst du das. Im Westen. Deshalb bin ich jetzt im Osten. „Ich hasse die Zukunft, denn ich lebe im Wald, im finsteren Wald.“

Ich öffne die Tür und ein Schwall warmer Luft, ein Gemisch aus lokaler Hausmannskost, Rauch und „altem Haus“ kommt mir entgegen, prügelt die Schneeflocken von meiner Jacke. Ich trete ein und stehe in einem Vorraum. Eine Menge Mäntel hängen da. Und Schals und Hauben. Hat denn niemand Angst, dass sie bestohlen werden? Ich betrete den Gastraum, niemand bemerkt mich, wie immer. Manchmal glaube ich, ich bin Unsichtbar. In Fällen wie diesen eine praktische Gabe. Oder im 9. Höllenkreis, auf Parties, wenn man eigentlich einfach nur verschwinden will. Ich setze mich an einen leeren Tisch in einem Eck – der letzte freie Platz im Raum. Ich ziehe meine Jacke aus und präsentiere mein T-Shirt: „Where is Vlad the Impaler when we need him?“. Ich, Ich, Ich. Meine Zigaretten sind in der Jackentasche; ich lege die Schachtel auf den Tisch und grabe in der Schenkeltasche meiner Cargohose nach meinem Feuerzeug. Ein simples, orangenfarbenes BIC, wie man es in meiner Heimatstadt um einen Euro an jeder Tankstelle und in jeder Trafik bekommt. Ich teste alle Stunden, ob es noch funktioniert. So auch jetzt. Zip! Mein Blick fällt auf die Oberseite meiner Gürtelschnalle: „Gott mit uns“. Ja, Gott mit mir, ich fühle mich hier Verlassener als im Westen. Eigentlich bin ich dem Westen quasi der Einsamkeit wegen entflohen. Aber was habe ich mir erwartet? Zuhause hatte ich zumindest meine kleine Wohnung, mein Reich im Zigarettenrauch, mit schwarz verklebten Fenstern, deren Griffe ich abgerissen habe.

Ein Mädchen kommt an meinen Tisch, just in dem Moment, als ich eine Zigarette anzünde (das Feuerzeug funktioniert immer noch). Sie spricht mich an, natürlich in der Landessprache, die ich nicht beherrsche. Ich deute ihr mit der Hand (erhobener Finger mit strengem Blick) kurz zu warten und krame wieder in der Cargohose, aus der ich einen Zettel fische, auf dem ich ein paar überlebensnotwendige Phrasen notiert habe, um mit den Eingeborenen zu kommunizieren. „Una Bere“ sage ich, in der Annahme, dass es sich um eine Kellnerin handelt. Sie schaut mich kurz an, vermutlich verstört sie mein „Akzent“, dann nickt sie und trippelt davon und, tatsächlich, sie bringt mir ein großes Glas Bier. Ich nehme einen kräftigen Schluck, es schmeckt bitterer, als ich es gewohnt bin. Aber passabel. Ostbier ist trinkbar, damit haben sie schon fast gewonnen. Das Mädchen kommt wieder her, schaut mich etwas nervös an. Ich blicke zu ihr hoch und hebe eine Augenbraue. Durch den Rauchschleier vor meinem Gesicht kann ich nicht so recht erkennen, ob sie jetzt tatsächlich wortlos vor mir errötet ist oder nicht. Ich kann ihr genau ansehen, dass sie mir etwas sagen möchte. Erneut ziehe ich an meiner Zigarette und nehme sie dann aus meinem Mund und blase unhöflich den Rauch langsam in ihre Richtung. Dann, fast in Zeitlupe, öffnet sie ihren Mund und raus kommt: „Român?“. Ich schüttle den Kopf und sage: „Österreicher“. Sie nickt verständnislos, lächelt noch mal höflich und geht dann wieder. Ich lasse mich etwas mehr die Eckbank sinken, in der einen Hand das Bier in der anderen eine Zigarette und beobachte. Hauptsächlich Männer im oberen Drittel mittleren Alters. Sie spielen Karten, diskutieren lebhaft und einer spielt auf einem Akkordeon und singt dazu – wie ich vermute – lokale Volksweisen. Die meisten Rauchen und auf fast jedem Tisch stehen Schnapsflaschen und Gläser. Man könnte fast von folkloristischer Partystimmung sprechen. Und das, wo man im Westen Rumänien als korrupten Bauernstaat mit maroder Wirtschaft und praktisch nicht vorhandener Industrie kennt, wo Dracula zu Hause war und AIDS zum guten Ton gehört. Ob jemand der älteren Herren im Raum bei der „Eisernen Garde“ war?

Wie aufs Stichwort setzt sich ein alter Mann zu mir an den Tisch, der, wie ich schwören könnte, vor einer Sekunde noch am anderen Ende des Raumes gesessen ist. „Grüß’ Gott, junger Mann!“ sagt er mit leicht zittriger Stimme „Was führt dich denn in unser kleines Dorf?“. Ich ziehe an der Zigarette und bin ehrlich gesagt etwas entsetzt. Ja, ich fühle mich hier (Gott)verlassen, aber das war ja auch irgendwo nichts schlechtes, wenn man aus dem übersozialisierten (nicht übersozialistischen) Westen als quasi hirntotes Medienzombie in ein Land kommt, wo die hiesige Sprache nicht einmal mit dem eigenen Sprachstamm kompatibel ist. „Ich bin auf der Durchreise.“ Der alte Mann nickt schweigend. “Selten, dass sich Ausländer hier her verirren und noch viel seltener, dass sie hier einkehren.“. Ich reagiere nicht. Langsam glaube ich, es war eine dumme Idee, „die Menschen kennen zu lernen“. Es ist irgendwie, als würde man in den Zoo gehen, sich die Tiere ansehen und dann sagen „Ohhh, wie schön, lass und nach Afrika auf Safari gehen und diese edlen Geschöpfe in ihrer ganz natürlichen Umgebung beobachten!“ und schließlich am „Schwarzen Kontinent“ angekommen, nimmt man die Bilder von herumliegenden, Gras fressenden Tieren, bewaffneten Stammesfehden und hermetisch abgeschotteten Touristenbunkern mit nach Hause. So geht es mir hier. Mit „Kennenlernen“ meinte ich „anstarren“. Und jetzt redet einer mit mir. Und dann nicht einmal ein „richtiger“ Einheimischer. Ich frage ihn, was das Bier kostet und er nennt mir einen Betrag in der heimischen Währung. Ich zucke mit den Schultern und lege einen Fünf-Euro-Schein auf den Tisch, trinke aus, verabschiede mich knapp und gehe. Immerhin sind wir ja in der EU. Vermutlich habe ich dem Mädchen das Trinkgeld des Jahres gegeben.

Ich steige in meinen (unverschlossenen) Wagen, zufrieden, dass ich der westlichen Konditionierung widerstanden habe und Recht behielt und mir niemand die Reifen zerstochen (oder gestohlen) hat.. Ich lege von Death In June die „Take Care and Control“ auf, starte den Motor und pflüge im dünnen Schnee aus dem Dorf raus, zurück auf die dunklen, nicht gerade westlichen Straßen. Ich fahre und fahre. Stundenlang. Kein einziger Ort. Ich bilde mir ein, im Scheinwerferlicht am Straßenrand halb eingeschneite Katzen- und sonstige Tierkadaver zu sehen, wie ich sie bisher nur aus Polen kannte. Als wären die Straßen im Osten aus den Leichen niederer Lebewesen gepflastert. This Route leads to Heaven! Dann, praktisch aus dem nichts, gehen hinter mir Scheinwerfer an, fahren aus dem Straßengraben hüpfend hinter mir her und, hurra, eine Sirene ertönt, stilecht mit rotem Licht am Dach. Im dunkel sah das aus wie ein hysterisch lachender Clown, der mir am Auspuff hängt. Ich, braver EU-Bürger der ich bin, bleibe stehen, ebenso der Wagen der Neo-EU-Polizeibeamten hinter mir. Konditioniert von amerikanischen Filmen will ich die Scheibe runterkurbeln, aber der Herr draußen, fuchtelt wild mit den Armen und deutet mir scheinbar, auszusteigen. Ich seufze. Dann geht die Tür zu meiner rechten auf und eine Hand packt mich, schleudert mich raus, noch ehe ich irgendetwas hätte sagen oder tun können (als wäre ich überhaupt motiviert genug zu so was. Ich kaue immer noch an der schockierenden Begegnung in der Gastwirtschaft vorhin.). Ich purzle in den weichen (aller Wahrscheinlichkeit nach von Katzenleichen übersäten) Straßengraben und sehe gerade noch, wie jemand in mein Auto einsteigt, es startet und davonfährt; den „Polizeiwagen“, diesmal ohne Trara, im Schlepptau. Scheiße. Ich stehe auf, klettere auf die Straße hoch. Hat man mich doch tatsächlich aus meiner alten Scheißkarre gezogen und sie gestohlen. Mitten auf der Straße! Ich zünde mir eine Zigarette an. Zip! Setze mich auf die Straße. Ich greife in die andere Schenkeltasche und ziehe meinen iPod heraus. Ich höre „Death to China!“ von Genocide Organ. Wenigstens habe ich alles wichtige am Leib. Nur das Auto ist weg, mitten in der Nacht, mitten im rumänischen Nichts. Im Sommer sollen am Land Kornkäfer wüten, in biblischen Dimensionen. Ich hasse Insekten. Es hat Vorteile, wenn einem im Winter der Wagen gestohlen wird, in Rumänien. Da stinken auch die Tierkadaver nicht. Wie in Stalingrad, bis zum Frühling war es ja nicht so schlimm. Vielleicht hätte ich ja mit dem Mann weiterreden sollen. Dann würde ich vielleicht noch ein mobilisiertes Fortbewegungsmittel besitzen. Ich denke an mein T-Shirt. Wiederhole im Geiste den Aufdruck. Where is Vlad the Impaler when we need him? Ja, Vlad Dracul wäre das so sicherlich nicht passiert. Der hätte die Diebe aller Wahrscheinlichkeit nach walachisch Gepfählt und sich einen runtergeholt, während die armen Teufel wie von Sinnen zuerst nach ihrer Mutter riefen und dann zu Gott, kurz bevor sie den Heiland sehen und ihre starren Augen keinen Zweifel mehr lassen, dass sie gestorben sind; die Gesichter Wahn- und Schmerzverzerrt. Das waren noch Zeiten. Recht und Ordnung, Hand in Hand mit Mord und Folter.

Und wo wir schon beim Thema sind: Wo ist Gott? Sollte er nicht mit mir sein? Hat Gott mich denn völlig vergessen? Herr im Himmel schicke mir ein Zeichen! Stehe mir bei, in dieser Stunde der Not! Ich überlege, wie dieses Zeichen aussehen würde. Dabei beruhigt sich mein Puls langsam und ich spüre, dass ich dem Ruf der Natur folgen sollte. Ich stehe auf, drehe mich um, öffne meine Hose und uriniere in den Straßengraben, schände Katzenleichen. So fühlen sich also Gottes Zeichen an. Keine Marienerscheinungen oder Engel in Form von Rädern. Nein, man muss urinieren. Ich setze mich wieder hin und rauche erneut eine Westzigarette. Am Horizont wird es etwas heller. Ich überlege, diesem Land hier noch eine Chance zu geben. Sind wir uns ehrlich: Arschlöcher sind Systemübergreifend und mittlerweile ist es ja sogar schon das Selbe. Im Westen hätte mir genauso gut jemand den Wagen knacken und davonfahren können. Ich meine, ich bin ja selbst Schuld. Fahre mit einem 25 Jahre alten italienischen Luxuswagen in den ehemaligen Ostblock. Das ist, als würde ich auf der Herrentoilette am Westbahnhof die Hosen runterlassen, mich vornüberbeugen und mich wundern, wenn ich „spontan gepackt“ werde. Es wird immer heller und heller und ich erkenne bereits Strukturen um mich herum. Da liegt tatsächlich allerlei totes Getier. Katzen, Hunde, Igel, Hasen, verdammt, sogar eine halbverweste Ziege. Ich stehe auf, setze mich in Bewegung. Erst jetzt bemerke ich, dass mir nicht kalt ist. Aber das wundert mich nicht wirklich, mir ist ja nie kalt. Wie mein Großvater immer gesagt hat: „Mit Dir hätten wir den Krieg gewonnen!“. Verdammt, und wie wir ihn gewonnen hätten. Ich erreiche das nächste Dörflein und erkenne meinen Wagen. Er ist in eine Mauer geparkt. Nicht davor, sondern hinein. Ein Polizist steht davor. Wenn es ein Polizist ist. Ich gehe zu ihm hin und versuche es mit meinem Euro-Englisch: „What happens? I’m the former owner of this car.“ und drücke ihm meinen Führerschein sowie die Zulassung in die Hand. Fast überrumpelt nimmt er sie, schaut abwechselnd auf mich und die Dokumente, dann auf das schiefe Kennzeichen, neben dem der europäische Hoheitssticker klebt und sagt dann, noch gebrochener als ich: „Did crash. Bad wheels.“ In dem Moment fällt mir ein, dass ich Sommerreifen aufgespannt hatte. Der Osten hat mir das Leben gerettet. There is God when i need him. Zip!

In jahrelanger, selbstgewähler Isolation lebend kannte Non A Noi! den Osten nur aus der Kronenzeitung. Wenn er in seinen Wagen steigt und alle Hoffnung fahren lässt, den Aschenbecher nicht ausleert und am Beifahrersitz eine Straßenkarte aus dem Jahre 1987 liegen hat, kann die misanthropische Odysee auf schlecht befestigten Landstraßen ihren Lauf nehmen.
Baujahr 1984 lebt und wirkt in Wien als freier Grafikdesigner, Blogger, Amateurfotograf, Untergrundjournalist und Experimentalmusiker. Auch bekannt unter den Nym's Non, Pango und Scare.
mindestens haltbar 02/2007
Jahrgang 03
Ausgabe 01
ISSN 1816-8159
Autor: Pango
Titel: Lebenstraum im Osten
Metadaten im BibTeX Format
Creative Commons-Lizenzvertrag

Dieser Text ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.