
Im Osten was Neues
von Don Dahlmann
"Das ist nämlich so, " erklärte mir Tom und ließ fachmännisch den billigen Johnny Walker im Glas kreisen, "die im Osten, die sind so lange hinterm Mond gewesen, die wissen gar nicht, wie das geht, mit dem guten Sex." Zufrieden ob seiner Feststellung ließ er sich grinsend noch ein Stück tiefer in sein speckiges, grünes Sofa sinken, dass er unter einem sehr großen Sperrmüllhaufen heraus gezerrt hatte. Tom war groß, schlank, dunkelhaarig und ein wenig schaute er wie der damalige James Bond Darsteller Timothy Dalton aus, was ihm, wie er unbescheiden gerne heraus posaunte, bei "... den Ost-Mädels" die Sache noch leichter machte. Tom hatte gerade eine einwöchige Tour durch die ehemalige DDR hinter sich gebracht. Einfach so, mit seinem steinalten Audi 80, ein paar Kassetten und einem schwarzen Anzug. Tom wollte wissen, wie das so ist, da drüben, wie die Landschaft aussieht und ob die Städte wirklich so kaputt waren, wie sie im Fernsehen immer sagten.Aber er blieb dann schon in Magdeburg hängen, weil er Abends in der mobilen Diskothek eines DJ aus dem Ruhrgebiet eine Frau kennen lernte, mit der zwei Stunden später in seinem wackligen Hotelbett lag. Am nächsten Abend versuchte er sein Glück in einer anderen mobilen Diskothek, die in Magdeburg offenbar so dicht gedrängt nebeneinander standen, wie heute Brötchenläden und Handyshops. Wieder schleppte er nach kurzer Zeit jemanden ab, und am dritten Tag wurde es dann noch besser: "Zwei! Zwei sind mit mir mitgegangen!" sagte er mit einer triumphierenden Stimme, die obenrum etwas quietschig wurde, und so klang wie auf den alten Schallplatten mit dem Märchen "Das tapfere Schneiderlein" wenn der Sprecher irgendwann "Sieben auf einen Streich" quäkt. Da waren aber Fliegen gemeint. Tatsächlich behauptete er, dass es damals eine Art Sex-Tourismus in die neuen Bundesländer gegeben haben soll. Man fuhr mit seinem Gebrauchtwagen in die ehemalige DDR, verkaufte diesen zu absurden Preisen an einen gutgläubigen Einwohner und knallte am Abend dessen Tochter auf einem Grashügel hinter der mobilen Dorfdiskothek von einem DJ aus dem Hunsrück. Tom zeigte sich noch monatelang von seinem Trip in den Osten begeistert und überlegte, ob er eine Schule für einsame Männer aufmachen sollte, in der die besten Trips weitergeben würde, wie man ein "Ost-Mädel" rum bekommen würde. Mittlerweile ist er mit einer Pfälzerin verheiratet und lebt in Landau.Mein erster eigener Kontakt mit einer Dame aus dem ehemaligen Osten der Republik fand erst viele Jahre später statt. Ich arbeitete mangels Geld mal wieder hinter der Theke einer Kneipe in Hamburg, war schlecht gelaunt und hatte an dem Abend tatsächlich eine Kellnerin namens Sandy. Sandy aus Eberswalde. Sandy war mit viel gutem Willen vielleicht gerade mal 1,60 Meter, hatte ein vorlautes Mundwerk und eine Tätowierung die sich anscheinend vom Rücken zur linken Brust zog. Fand ich toll. Wir zickten uns den ganzen Abend aus vortrefflichste an. Mal stellte ich das Tablett so voll, dass sie es kaum hoch bekam, mal zerbrach sie "aus Versehen" ein Glas im Ausspülbecken und unterließ es mich davon zu unterrichten. Das ging drei, vier Wochen so, dann tranken wir nach einer Schicht zwei bis acht Bier in großer Runde und landeten später in ihrem Bett."Aha", sagte ich, "so fühlt man sich also, wenn man ein Klischee bedient hat."
Sie schaute mich fragend an.
"Dialekt, gepierced, tätowiert, rasiert, DDR, Sandy. Mehr geht ja nun echt nicht."Statt wie erwartet erschlagen zu werden, lachte Sandy laut auf und sagte: "Arrogant, Übergebildet, ungebräunt, zu dick, unrasiert und keine Ahnung vom Vorspiel. Ich bin genauso reingefallen."Sie zündete mir eine Zigarette an und legte sich grinsend neben mich."Sag mal ehrlich, mit wie vielen Frauen aus dem Osten hast du schon."Ich nahm einen tiefen Zug."Du warst die erste. Ich wüsste jetzt aber auch nicht, ob oder warum es beim Sex einen qualitativen Unterschied zwischen Osten und Westen geben sollte. Wenn ich mit einer Schweizerin knutsche, ist das ja auch nicht anders, mal abgesehen davon, dass ich sie nicht verstehen, sobald sie wieder den Mund aufmacht, aber das geht mir mit Frauen aus Sachsen vermutlich genauso.""Aber hallo gibt es da einen Unterschied. Also für mich schon," meinte sie leicht überrascht. "Aha, und der wäre?""Männer aus dem Osten sind... anders beim Sex. Lebhafter. Offener. Nicht so auf einem Ego-Trip. Angenehmer."Sie stellte den Aschenbecher auf ihren Bauch, überlegte kurz und schaute mich dann lachend an."Siehste, da isses wieder. Du warst zufrieden, ich denke, einer aus dem Osten hätte dieses oder jenes anders gemacht." "Du bist halt kommunistisch indoktriniert. Du musst so was sagen" sagte ich und machte eine entrüstetes Gesicht."Nein, das meine ich ernst."Auch nachdem Sandy wieder ihrer Wege gegangen war, dachte ich noch oft über das nach, was sie gesagt hatte. Ob es wirklich einen Unterschied gibt, zwischen Ost und West Sex? Vögelt man im Osten anders, als im Westen? Das Problem konnte nur mittels weiterer Versuche geklärt werden. Aber wie anstellen? Schließlich konnte ich schlecht rum laufen und erstmal fragen, aus welchen Landesteil man herkommen würde. Das Schicksal war mir aber hold. Ich lernte ein paar Monate später bei einem Routinebesuch bei meinem Hausarzt Martina kennen. 27, klein, schwarzhaarig, tätowiert, Zungenpiercing und von einer seltenen Herzlichkeit. Es bereitete mir Mühe, sie anzusprechen, aber als ich bei meinem dritten völlig sinnlosen Besuch endlich mal geröngt wurde und wir alleine waren, nahm ich meinen Mut zusammen und lud zu einem Abendessen ein. Zu meiner Überraschung sagte sie zu, und nach dem zweiten Long Island Ice Tea schaute ich angestrengt auf die Zigarettenpackung zwischen uns und lud meine Frage ab."Sach mal, ist es so, dass es zwischen Sex mit Männern aus dem Osten, und Sex mit Männern aus dem Westen, irgendeinen Unterschied gibt"
Sie schaute mich einen Moment erstaunt hat und sagte dann, "Ja, Männer aus dem Westen sind netter nach dem Sex."
"Ach?""West-Männer tun wenigstens noch so, als würden sie sich für einen interessieren, wenn es alles gelaufen ist. Ost-Männer sind da unromantischer. Es sei denn man erwischt eine Klette. Es gibt entweder Arschlöcher oder Kletten im Osten. Im Westen gibt es Arschlöcher, die so tun als ob sie nett seien, aber weniger Kletten.""Jaja, schön, schön, aber das meinte ich nicht. Ich meinte beim Sex, nicht danach." Sie schlürfte lautstark ihren Long Island Ice Tea leer, überlegte kurz und meinte dann: "Nö, können wir gehen, ich hab muss morgen ganz früh die Stuhlproben vom Labor abholen."Sie kam aus der Küche zurück, in der Hand ein halbes Käsebrot ohne Butter. Aus den Boxen blubberte das VNV Nation Album "Empire" unnatürlich leise. Kauend legte sie sich neben mich, krümmelte ihre Brust voll um sich dann umständlich eine Zigarette anzuzünden."Was willst du eigentlich von mir?"
"Ha," sagte ich, "das ist jetzt wie einen Film von Godard oder Truffaut."
Sie schaute mich überrascht an."Was meinst du damit?""Ich glaube ich hab es. Den West-Männern geht es immer nur um das danach. In den Filmen von diesen Franzosen ging es nie um das 'davor' sondern immer nur um das 'danach'. Um Fragen wie 'War ich gut' oder 'Was jetzt?' oder im schlimmsten Fall um die Frage 'Konnte ich es ihr besorgen'. Im besten Fall darum nicht ertappt zu werden.""Achso, Du suchst ne Antwort auf ne dämliche Frage."
"Ne," ich schüttelte den Kopf, " ich such die Wiedervereinigung".Es sollte ein Witz sein.
Sie schaute mich fragend an.
"Dialekt, gepierced, tätowiert, rasiert, DDR, Sandy. Mehr geht ja nun echt nicht."Statt wie erwartet erschlagen zu werden, lachte Sandy laut auf und sagte: "Arrogant, Übergebildet, ungebräunt, zu dick, unrasiert und keine Ahnung vom Vorspiel. Ich bin genauso reingefallen."Sie zündete mir eine Zigarette an und legte sich grinsend neben mich."Sag mal ehrlich, mit wie vielen Frauen aus dem Osten hast du schon."Ich nahm einen tiefen Zug."Du warst die erste. Ich wüsste jetzt aber auch nicht, ob oder warum es beim Sex einen qualitativen Unterschied zwischen Osten und Westen geben sollte. Wenn ich mit einer Schweizerin knutsche, ist das ja auch nicht anders, mal abgesehen davon, dass ich sie nicht verstehen, sobald sie wieder den Mund aufmacht, aber das geht mir mit Frauen aus Sachsen vermutlich genauso.""Aber hallo gibt es da einen Unterschied. Also für mich schon," meinte sie leicht überrascht. "Aha, und der wäre?""Männer aus dem Osten sind... anders beim Sex. Lebhafter. Offener. Nicht so auf einem Ego-Trip. Angenehmer."Sie stellte den Aschenbecher auf ihren Bauch, überlegte kurz und schaute mich dann lachend an."Siehste, da isses wieder. Du warst zufrieden, ich denke, einer aus dem Osten hätte dieses oder jenes anders gemacht." "Du bist halt kommunistisch indoktriniert. Du musst so was sagen" sagte ich und machte eine entrüstetes Gesicht."Nein, das meine ich ernst."Auch nachdem Sandy wieder ihrer Wege gegangen war, dachte ich noch oft über das nach, was sie gesagt hatte. Ob es wirklich einen Unterschied gibt, zwischen Ost und West Sex? Vögelt man im Osten anders, als im Westen? Das Problem konnte nur mittels weiterer Versuche geklärt werden. Aber wie anstellen? Schließlich konnte ich schlecht rum laufen und erstmal fragen, aus welchen Landesteil man herkommen würde. Das Schicksal war mir aber hold. Ich lernte ein paar Monate später bei einem Routinebesuch bei meinem Hausarzt Martina kennen. 27, klein, schwarzhaarig, tätowiert, Zungenpiercing und von einer seltenen Herzlichkeit. Es bereitete mir Mühe, sie anzusprechen, aber als ich bei meinem dritten völlig sinnlosen Besuch endlich mal geröngt wurde und wir alleine waren, nahm ich meinen Mut zusammen und lud zu einem Abendessen ein. Zu meiner Überraschung sagte sie zu, und nach dem zweiten Long Island Ice Tea schaute ich angestrengt auf die Zigarettenpackung zwischen uns und lud meine Frage ab."Sach mal, ist es so, dass es zwischen Sex mit Männern aus dem Osten, und Sex mit Männern aus dem Westen, irgendeinen Unterschied gibt"
Sie schaute mich einen Moment erstaunt hat und sagte dann, "Ja, Männer aus dem Westen sind netter nach dem Sex."
"Ach?""West-Männer tun wenigstens noch so, als würden sie sich für einen interessieren, wenn es alles gelaufen ist. Ost-Männer sind da unromantischer. Es sei denn man erwischt eine Klette. Es gibt entweder Arschlöcher oder Kletten im Osten. Im Westen gibt es Arschlöcher, die so tun als ob sie nett seien, aber weniger Kletten.""Jaja, schön, schön, aber das meinte ich nicht. Ich meinte beim Sex, nicht danach." Sie schlürfte lautstark ihren Long Island Ice Tea leer, überlegte kurz und meinte dann: "Nö, können wir gehen, ich hab muss morgen ganz früh die Stuhlproben vom Labor abholen."Sie kam aus der Küche zurück, in der Hand ein halbes Käsebrot ohne Butter. Aus den Boxen blubberte das VNV Nation Album "Empire" unnatürlich leise. Kauend legte sie sich neben mich, krümmelte ihre Brust voll um sich dann umständlich eine Zigarette anzuzünden."Was willst du eigentlich von mir?"
"Ha," sagte ich, "das ist jetzt wie einen Film von Godard oder Truffaut."
Sie schaute mich überrascht an."Was meinst du damit?""Ich glaube ich hab es. Den West-Männern geht es immer nur um das danach. In den Filmen von diesen Franzosen ging es nie um das 'davor' sondern immer nur um das 'danach'. Um Fragen wie 'War ich gut' oder 'Was jetzt?' oder im schlimmsten Fall um die Frage 'Konnte ich es ihr besorgen'. Im besten Fall darum nicht ertappt zu werden.""Achso, Du suchst ne Antwort auf ne dämliche Frage."
"Ne," ich schüttelte den Kopf, " ich such die Wiedervereinigung".Es sollte ein Witz sein.
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