0301 - Osten

Editorial

Philipp Drössler
Nicht erst seit der Osterweiterung fasziniert und spaltet der Osten die Geister - wo auch immer er in Wirklichkeit beginnen oder liegen mag.
Ist schon mal wem aufgefallen, dass Osten, obwohl zumindest am Kompass klar definiert, ein Begriff ist, der in seiner Schwammigkeit nur schwer zu übertreffen ist. Osten, dass muss der Ort sein, wo herzensgute Strassenräuber vor lauter Hunger nicht wissen, ob sie mit Limousinen ihre Plattenbauten umkreisen oder doch auf Schränken voll mit Atomwaffen tanzen. Natürlich alles Ungläubige und unmoralische Heiden, diese erzreligiösen Spießer. Oder so. Wobei immer noch nicht klar ist, ob diese Wilden östlich von Wien oder Vladivostok leben, oder doch schon in Wels?

Jahrzehnte der Trennung zwischen West und Ost durch den kalten Krieg haben ein gigantisches Reservoir an Halbwahrheiten, Vermutungen, Ängsten und Lügen über den Osten geschaffen, das erst langsam seit dem Fall des eisernen Vorhangs verebbt, und die historisch üblichen Animositäten zwischen diversen Landstrichen machen den Prozess auch nicht leichter. Aber es tut sich was. Länder wie Ungarn und Slowenien blühen nach wenigen Jahren der Freiheit auf, und seit kurzem sind auch Rumänien und Bulgarien offiziell Teil des westlich-demokratischen Europas.

Apropos Veränderungen: Drössler, angenehm. Ich trete ab sofort als Chefredakteur von mindestenshaltbar in die schwer zu füllenden Fußstapfen von Robert Scharfenberg, den es in andere Gefilde gezogen hat.

ist mindestens haltbar bis zur nächsten Ausgabe. Bis dahin sucht er wortgewandte Blogger, zielsichere Photographen und andere hochkreative Leute. Privat vloggt er hier und da.

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Johannes Grenzfurthner und Roland Gratzer
Die monochromisten Grenzfurthner und Gratzer mailen. Eine Doppelconference über Lawrence Lessig, Polen, Religion, Web 2.0, Fernsehen, Adorno und ähnliche Schlagwörter. Gehalten in Form eines zeitgemäßen Email-Austausches.
Guter Roland Gratzer, am Chaos Communication Congress im Dezember 2006 wurde von Lawrence Lessig, dem Guru der Creative-Commons-Bewegung und selbstdeklarierten Osteuropa-Forscher, ein Vortrag über Free Culture gehalten. Er verglich in dieser Rede die Copyright-Anwälte mit dem „sturen“ sowjetischen Regime der frühen 1980er Jahre, in dem alle Beteiligte schon wussten, dass das so nicht mehr weitergehen kann, und die Reform-Copyright-Bewegung mit den Leuten von Solidarnosc. Da frage ich mich schon: "Muss das sein?" Gibt es denn keine besseren Dissidenzbeispiele als die polnischen Zicke-Zacke-KatholikInnen?

Zweifellos, lieber Johannes Grenzfurthner. Man muss sich gar nicht weit von den Danziger Werften entfernen, um bessere Beispiele zu finden. Erwähnt sei Alexander Dubcek, Anführer des Prager Frühlings 1968. "Schutz künstlerischer Werke mit humanem Antlitz" sollte die Parole heißen. Außerdem darf man die Nachwirkung nicht außer Acht lassen. Dubcek hat es nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes immerhin zum Präsidenten gebracht. Walesa auch, aber der schied nicht durch Tod aus dem Amt, sondern durch mangelnden Wählerzuspruch. Andererseits schafften es die Polen, innerhalb von 25 Jahren eine kommunistische Fremdherrschaft durch nationalen Fundamental-Katholizismus zu ersetzen. Einer von den Zwillingen hat ob seines ausufernden Doppelkinns übrigens ein Fotografieverbot seines Profils erwirkt. Und auf Krakauer Flohmärkten kann man günstige SS-Devotionalien erwerben. Freispruch durch Geschichte?

Was mich ja an Polen fasziniert ist der 15. August. Das ist der Tag der polnischen Armee. Und gleichzeitig der Feiertag "Mariä Aufnahme in den Himmel". Der Glaube an die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel ist ja seit dem 6. Jahrhundert (Anm.: quasi dem Command-Line-Zeitalter der römisch-katholischen Kirche) bezeugt und wurde 1950 (Anm.: das wäre dann Windows 95) von Papst Pius XII in der Apostolischen Konstitution „Munificentissimus Deus“ für die römisch-katholische Kirche zum Dogma erhoben. Ich liebe Dogmen. Und das Militär ist ja eines meiner Lieblingsdogmen in Zusammenhang mit der nationalstaatlichen bürgerlichen Gesellschaft. Ich frage mich nur, wie das in Polen gehandhabt wird. Mit Militäraufmarsch und Gottesdienstbesuch? Haben Sie Erfahrungswerte, guter Herr Gratzer?

Man liest ja schließlich Zeitung. An den Schnittstellen beginnen erst die Probleme. Man denke nur Stanislaw Wiegus, den nicht mal designierten Erzbischof von Warschau. Ein junger Theologe, begierig nach Wissen, wollte über Grenzen blicken und ließ sich mit dem Geheimdienst ein. Freiheit der Wissenschaft durch Weitergabe von Informationen. Eigentlich Web 2.0. Walesa soll in der Kirche ja applaudiert haben. Wollte aber keiner mitmachen. Das erinnert mich an Alois Mock, als er mit der Zange den Stacheldraht durchzwickte, während Lafontaine tatenlos blieb. Warum eigentlich?

Ja warum eigentlich, Herr Gratzer? Ich weiß es nicht, genauso wenig wie ich weiß, warum Herr Mock gerne kurze Hosen trug. Eine Recherche über „Polen“ und „Lafontaine“ förderte jedenfalls zu Tage, dass die Deutschen endlich anerkennen sollten, dass er der dritte verschollene Kaczynski-Bruder ist. Deswegen bleibe ich jetzt beim Humor - oder ehrlicherweise: beim schlechten Humor. Harald Schmidt, der überall von BildungsbürgerInnen als humorvollster Bildungsbürger gepriesene Stahlbademeister, beherrscht nämlich jene zweideutige Sprechweise meisterlich, die sich gezielt an zwei verschiedene Publika, deren Erwartungshaltungen und Denkweisen richtet. Die Zwangslogik mit der - und da sind wir beim Thema - bei ihm dem Begriff "Polen" der Begriff "Autodiebstahl" folgt, lässt sich vom aufgeklärten StudienrätInnenanteil als satirische Zuspitzung decodieren, während es der andere Teil als lustig gewendete, aber 1:1 funktionierende Thematisierung des Realen nimmt. Oder, Herr Gratzer?

Sicher Grenzfurthner, sicher. Meine Großmutter hat mir schon vor Jahren erklärt, dass Polen Autos stehlen, wohingegen Rumänen in Wohnungen einbrechen. Unlängst sah ich ja in Spiegel TV eine Dokumentation über die Reste heidnischen Lebens in Transsylvanien, das deutsche BildungsbürgerInnen ja nach wie vor gerne Siebenbürgen nennen. Dort wurde die Leiche einer vom Teufel besessenen Frau in der Nacht nach dem Begräbnis aufgeschnitten, das Herz entnommen, verbrannt und die Asche unter Zugabe von Wasser im köchelnden Zustand von den Familienmitgliedern verspeist. Und die Dame von Spiegel TV schloss mit der Abmoderation: „Und dieses Land ist bald in der EU“. Jüngst wollten ja polnische Rechtsparteien verfügen, dass Jesus zum König von Polen ausgerufen wird. Leider wurde der Vorschlag abgelehnt. Großes Humorkapital für die Andracks dieser Welt, nicht wahr?

Durchaus, geschätzter Gratzer, aber freuen kann ich mich darüber nicht, denn die Medien sind leider nur sich selbst am nächsten. Außerdem dachte ich, dass der einzige und wahre König Polens doch der (nomen est omen) Polenkönig Jan Sobieski wäre, ist und auch immer sein wird. Ein Name, der aus meinem Geschichtsstundegedächnis klingelt, als wäre ich taubes Erz! Im selben Erinnerungssubstrat hockt auch der nicht totzukriegende, zutiefst kantige Begriff des „Entsatzheeres“. (Ich bin so was von Heereshistorie!) Jan III Sobieski (was ja jetzt echt was World-Of-Warcraft-Pseudonymistisches hat) beherrschte mehrere Sprachen und soll ein großer Kunstliebhaber gewesen sein. Sein Palast in Wilanów wird für eine der größten Errungenschaften des polnischen Barockstils gehalten. Seine Briefe an seine Frau Marie werden als wichtige Zeugnisse polnischer Epistolografie bezeichnet. Da frage ich Sie, lieber Gratzer, was Sie auf diesem Gebiet zu bieten haben?

Seit dem Briefwechsel von Lotte Tobisch mit Theodor Adorno habe ich diesem Metier abgeschworen. Endgültig. Richten wir unser Augenmerk doch einmal auf das Feld der Metaphorik. Hier bieten die politischen Entwicklungen seit dem Zweiten Weltkrieg ja einen wahren Metaphernfriedhof. Schon allein die Einteilung der Welt in zwei nach Himmelsrichtungen benannte politische Blöcke grenzt an geolinguistischen Wahnsinn! Der "Eiserne Vorhang" ist ja so etwas wie der Alfred Gusenbauer unter den sprachlichen Bildern. Es handelt sich hierbei ja nicht um eine mediale Wortschöpfung, um den Grenzwall des Warschauer Paktes zu bezeichnen. Ursprünglich verstand man unter diesem Terminus die Abtrennung einer Bühne vor dem Zuschauerraum, der im Falle eines Brandes pompös herunter krachte, damit ja kein Theatergast mit Feuer in Berührung kam. Erst später fand der Begriff auch in der Politik Anwendung und wurde ob des exzessiven Gebrauches eine so genannte Ex-Metapher (wie etwa auch die Motorhaube). Verständlich? Gut. Weiter. Damit war aber noch lange nicht Schluss. Mittlerweile ist der "Eiserne Vorhang" ja zu einem Synonym für die Trennung zwischen Welt 1 und Welt 2 geworden. Im Nachhinein entschied man sich, die ursprüngliche Bedeutung (Feuerschutz für's Publikum) orthografisch abzuheben und verzichtet beim Adjektiv "eisern" auf die Großschreibung. Ein Marsch durch sprachwissenschaftliche Institutionen. Absurd eigentlich, oder?

Guter Gratzer! So viele Assoziationen! Eine Paintball-Salve der Bezüge! Da kann ich nur klein bei geben und bleibe in der ersten Zeile hängen, wobei ich geflissentlich die Domina des feinen Geschmacks ignoriere, und mich gleich meinem liebsten Wiesenbesitzer, Herrn Adorno, zuwende. In seiner Minima Moralia schreibt Adorno, dass es zum Mechanismus der Herrschaft gehört, die Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten. Es führe ein „gerader Weg vom Evangelium der Lebensfreude zur Errichtung von Menschenschlachthäusern so weit hinten in Polen, dass jeder der eigenen Volksgenossen sich einreden kann, er höre die Schmerzensschreie nicht mehr“. Dem kann ich nichts mehr hinzufügen.

Mechanismen der Herrschaft, Erkenntnis des Leidens, Menschenschlachthäuser... Sie sprechen also nun die Kulturindustrie an. Erinnern Sie sich doch bitte an die drei jungen Männer, die auf Flugzeugtragflächen über "Lindenblütenliebe" sangen. O-Zone - die drei fidelen Moldawier waren ja Opfer und Nutznießer eines Copyright-Vergehens zugleich. Das muss man sich erst einmal vorstellen! Ihr Liedgut "Dragostea tin Tei" war Nummer 1 in Rumänien, als italienische Produzenten auf das Potential aufmerksam wurden. Prompt holten sie sich eine rumänische Sängerin namens Haiducii, coverten den Song und waren Platz 1 in Italien. Das weckte wiederum das Interesse anderer italienischer Produzenten, die O-Zone einen Plattenvertrag gaben, und das Cover des Covers, das gleichzeitig der Ursprung war, erneut aufzunehmen. Dieses "Recover" eroberte Platz 1 natürlich zurück. Hierbei kommt einem natürlich unweigerlich erneut Lawrence Lassig in den Sinn. Können Revolutionen mit einem Copyright versehen sein? Die Gruppe, die Milosevic in die Schranken wies, gründete im Anschluss eine Agentur für friedliche Umstürze. Das Konzept kam bereits in der Ukraine und Georgien mit unterschiedlichem Erfolg zur Anwendung. Gebrandet durch die weiße Faust. Das soll mir der Lawrence mal in eine fetzige Powerpoint pressen.

Noch ist Powerpoint nicht verloren, solange wir leben. Was uns fremde Übermacht nahm, werden wir uns mit dem Säbel zurückholen!

sind durchaus Mitglieder der international agierenden, in Wien, Graz und Bamberg situierten Kunstneigungsgruppe monochrom, und als solche entscheidend an der Entwicklung und Umsetzung des Abendlandes beteiligt.

Ohne Ziel und Lonely Planet

Axel Beer
Eine quantitativ qualitative Suche nach dem Osten.
Wer sich nicht beirren lässt und ein tiefes Loch gräbt, kommt irgendwo zwischen Australien und Neuseeland im Meer heraus. Oder, wie jugendliche WitzbuchrezipientInnen vielleicht vorschlagen: im Irrenhaus. Wo der landet, der immer nach Osten geht, ist weniger klar. Im Westen? Im Osten? Im Sonnenaufgang? Personen, deren Namen der Redaktion bekannt sind (Anm.: Halt ich für ein Gerücht. -Die Red.), liefern unterschiedliche Reisetipps ab, wenn man sie nach einem guten Ziel fragt, den Osten kennen zu lernen.

St. Petersburg beispielsweise gilt als geeignet. Da könne man sich von korrupten Polizisten bestehlen lassen und sich – wenn man es versteht – ganze Ungarische Lebensgeschichten anhören. Andere meinen, dass den Osten nicht kennt, wer noch nicht in Byzanz gewesen ist. Das sieht auch Y. so, die obwohl selbst noch nie in Byzanz gewesen, eine interessante Gesprächspartnerin ist. Sie arbeitet nämlich am Flughafen. Y. empfiehlt auf der Suche nach dem Osten eine Landkarte zur Hand zu nehmen und sich rechts zu halten. Den Osten würde man dann schon finden. Am liebsten fertigt sie Flüge in Richtung Norden ab. „Da wird am meisten getrunken“. Fluggäste, die Richtung Osten unterwegs sein kultivierter als Westtouristen. Auch wenn ihr zum Zeichen der Wertschätzung ihrer Figur schon einmal ein Kondom nachgeworfen wurde. „Das war wohl als Angebot zu verstehen“.

Markus ist Vorarlberger im Wiener Exil. Als er am Telefon Auskunft gibt, ist er bereits ein wenig angeheitert. Er empfiehlt Ostasien, das er kennt und Mekka, das er nicht kennt. Eine große Rolle Spielt das Ziel für ihn jedoch nicht, so lange die Richtung stimmt. Er reist prinzipiell ohne Ziel und Lonely Planet. Aus Vorarlberger Perspektive sei Wien östlich genug. Im Osten sei generell mehr los als im Westen, dafür müsse man Zugeständnisse beim Lebensstandard machen. „Ich habe in Wien noch keine richtig gute Dusche gesehen. Auch die Bausubstanz und die Küchengeräte sind im Westen viel besser.“

Für uns Mitglieder der so genannten kultivierten und zivilisierten westlichen Welt ist es gar nicht so einfach den Osten kennen zu lernen. Wir nehmen den Westen gewissermaßen mit uns. Kulinarische Vorlieben und sonstige Weltanschaulichkeiten folgen uns nach dem Motto: Westen ist, wo wir sind. Der Osten ist möglicherweise also immer dort, wo wir gerade nicht sind. Der Nahe Osten beispielsweise, dem niemand so wirklich nahe sein will. Englischsprachige Mitmenschen distanzieren sich konsequenterweise auch sprachlich. Der nahe Osten ist für sie ein „mittlerer“, also eigentlich gar nicht so nah.

Für A. beginnt der Osten in Wien. Als Studentin internationaler Beziehungen in Irland darf sie das sagen, ohne sich der Favoritner Engstirnigkeit verdächtig zu machen. Das kann sie sogar geschichtlich begründen.

R. stimmt zu, dass der Osten in Wien beginnt. Präzisiert aber: am Mexikoplatz. Und weil wir gerade bei den Dingen sind, die sich geschichtlich begründen lassen, kommt der gerade Recht. Mexiko hat als einziger Staat der Welt protestiert, als Österreich zur Selbstumbenennung in „Ostmark“ schritt.

Die Wohl klarste Auskunft kann I. geben. Für sie ist das Ufer der Langen Lacke eine Ost-West Demarkationslinie.

Wobei das Ufer noch im Westen ist. Das Wasser aber im Osten.

lernt gerne was dazu. Bis auf weiteres tut er das an dieser Stelle.

How the east was won.

Frau Morgenstern
Was zwei Jahre in der großen Stadt anrichten können.
Jede Erzählung sollte mit „als ich ... Jahre alt war“ beginnen, und so möchte ich auch nun diese Geschichte einleiten:

Als ich 19 Jahre alt war, die Matura überstanden, die Pubertät halbwegs abgeschlossen und die erste Sturm und Drang Phase endlich vorüber, erwachte ich, blickte um mich und erkannte, dass ich in einem miesen Rattenloch gelandet war: Innsbruck, das Herz der Alpen, Innsbruck, einzwängt in einem Talkessel, gekürt vom goldenen Dachl der Dummheit, Innsbruck oh Innsbruck, ich muss dich hassen. Oder eben: lassen.

What to do? war also die nächste Frage. Wohin soll ich hin? Was gibt’s denn sonst so? Berlin, oder besser: Berlin!, München, Graz, ... oder eben: Wien. Wien, die Hauptstadt der Operette und der FM4-Chatter, die Stadt in die alle früher oder später wollen und Wien, das von Christine Nöstlinger allzu oft in den, in meinen Augen, schönsten Farben beschrieben wird. Oder aber auch: in den bösen bösen Osten, denn der Balkan fängt ja bekanntlich nach Jenbach an.

Was kennt man denn nun als kleines Landei von der großen Stadt? Natürlich, das Flex, vielleicht das Trzesniewski, die Fiaker, die Melange und den Wiener Grant. Oder so.

Schnell ins Telefonbuch geblickt und ja, eindeutig, bei den Nicht-tiroler-Telefonnummern überwiegen die wiener und was soll ich groß sagen: weniger als zwei Monate später fand ich mich in einer Hippie-WG irgendwo im vierten Bezirk wieder, vor meiner Haustür einmal mehr: Andreas Hofer. Damit das Heimweh nicht allzu groß wird.

Und nun.
Und nun.

2 ½ Jahre später.
Gereift (ein wenig). Die Rudimente des nie sonderlich ausgeprägten Dialekts abgestreift bestelle ich nun beim Heimaturlaub manches Mal aus versehen ein Krügerl, werde nicht verstanden wenn ich die Semmel mit Leberkäs ordere und krieg des öfteren gesagt dass ich „voll den Wiener Slääng“ angenommen habe und weiß nie so ganz genau wie das denn ist mit Heimat, wo ich hinfahre wenn ich sage ich fahr heim und wo denn nun eigentlich meine Basis ist. Fakt aber ist: Freunde hab ich da wie dort, eine hässliche Katze...meine hässliche Katze! die mich täglich weckt indem sie mir ins Ohr schnauft nur in Wien und ja, man muss wohl das Beste daraus machen. Aus allem. Wehmut bleibt, sowohl wenn ich am Innsbrucker Hauptbahnhof steh als auch wenn ich vom Westbahnhof aus Richtung...ja, Westen, starte.

Conclusio: Und was sagt uns das alles?! Ich weiß es nicht. Höchstens aber: Home ist nun mal where your heart is.

Und dem sind Himmelsrichtungen schließlich scheißegal.

22/f/Wien; führt ein Befindlichkeitsweblog & fühlt sich äußerst wohl im wahllosen zitieren von aufgeschnappten Sätzen/Aussagen/Liedtexten.

Maria

Tina
Wie aus Notwendigkeit manchmal Freundschaft wird - über alle Grenzen hinweg.
In Europa bin ich noch nie östlicher gewesen als Wien, das sich selbst erst als Tor zum Osten sieht. Die Länder des ehemaligen Ostblocks waren für mich lange Zeit nur Namen, die sich geographisch nicht einordnen liessen. So weiss ich (wie ich zu meiner Schande gestehen muss) erst seit heute, dass die neuen EU-Staaten Bulgarien und Rumänien viel eher südlich als östlich liegen, und dass Bulgarien einen Zugang zum Schwarzen Meer hat.

Vielleicht aufgrund meiner mangelhaften Geographiekenntnisse wird 'der Osten' für mich immer eine Person sein. Sie heisst nicht Maria, aber das ist für die Geschichte auch nicht wichtig. Als ich Maria kennen lernte, war sie grade wieder für drei Monate aus ihrem Heimatland Bulgarien nach Wien gekommen: sie musste in regelmässigen Abständen nach Bulgarien zurück, da sie keine österreichische Aufenthaltsgenehmigung hatte. Sie war klein, in meinem Alter und ehrlich gesagt nicht besonders hübsch. Sie schlurfte mit Vorliebe in abgelaufenen Hausschuhen und einem Trainingsanzug herum.

Maria sprach, als ich sie kannte, nur zwei Sätze Deutsch: sie konnte "Ficki-Ficki" sagen und "20 Euro" - der Preis für ihre Dienstleistung. Obwohl meine Bulgarischkenntnisse noch schlechter waren als ihre Deutschkenntnisse, unterhielten wir uns stundenlang mit Händen und Füssen. Sie hatte anscheinend Familie in Bulgarien: zwei Kinder und einen Freund, den sie heiraten wollte. Ihre Art des umgekehrten Sextourismus war für sie die einzige oder sinnvollste Möglichkeit, ihre Familie zu ernähren. Deswegen kam sie für drei Monate, verkaufte sich für wertvolle Euros und ging dann wieder - immer mit Angst vor der Polizei oder dem Grenzbeamten, der ihr grundlos die Einreise verweigern konnte.

Bulgarien ist zusammen mit Rumänien seit dem 1.Januar dieses Jahres das neueste EU-Mitglied. Wird sich für Maria etwas ändern, wenn sie ihre hart verdienten Wiener Euros in Zukunft nicht mehr in Lew umtauschen muss? Wird Bulgarien auch irgendwann zum Schengengebiet gehören, und ihr kann nicht mehr grundlos die Einreise verweigert werden, wenn sie nach Österreich reisen möchte? Wird Maria dann vielleicht sogar die Möglichkeit haben, andere Arbeit in Wien oder sogar Bulgarien anzunehmen, die ihr die Versorgung ihrer Familie ermöglicht, ohne sich prostituieren zu müssen?

Von Bulgarien selbst weiss ich nach meinen Gesprächen mit Maria immer noch so gut wie nichts - nicht mehr als die Fotos, die sie mir zeigte, und den Geschichten, die sie mir erzählen wollte.

Maria passierte regelmässig mehrere Grenzen und fuhr hunderte Kilometer, um von zu Hause nach Wien zu kommen - vielleicht weiss ich deshalb so wenig darüber, weil das Land so unendlich weit weg von allem ist, was ich kenne. Aber die Bildungslücke, die Bulgarien betrifft, lässt sich einfach schliessen: meine nächste Reise geht nach Bulgarien - ich besuche Maria.

pendelt zwischen Regensburg und Wien sowie Pornotheorie und Technik.

Rechts die Berge, links der See.

Yuri Löwenzahn
Über die Unterschiede zwischen Vorarlberg und Balkan.
Der Balkan beginnt hinter dem Arlberg. Das ist bekannt. Und wo der Balkan ist, da sind die Heiden. Auch das ist bekannt. Und das Einzige, bei dem wir und die Ostler uns einig sind, ist: Wir gehören nicht dazu.

Das sieht man ja schon an der Sprache. Während wir das Alemannische sprechen, sind im Rest Österreichs vorwiegend bairische Dialekte zu finden. Umso spannender war daher in meinen Augen Marlene Streeruwitz' Versuch "Österreichisch" als eigene Sprache zu etablieren. Was "Riebel" mit "Griesschmarrn" zu tun hat, oder ein "Gängar" mit einer "Wespe" muss man mir noch erklären. Aber der deutsche Sprachraum ist ohnehin der einzige der Alemannisch noch nicht als eigene Sprache sondern nur als Dialekt sieht.

So sind wir also von Paris nicht nur räumlich gleich weit weg wie von Wien.

Das sieht man ja schon an den Traditionen. Wir haben nämlich welche. Gute, katholische Traditionen die noch auf den römischen Kalender zurück zu führen sind. Den Funken zum Beispiel. Am Sonntag nach Aschermittwoch werden Meter hohe Scheiterhaufen errichtet, und die abgefackelt. Die erste schriftliche Erwähnung geht auf das Jahr 1090 unseres Herrn zurück als das Datum vom römischen Jahresanfang auf das heutige verschoben wurde. Da wurde nämlich aus Versehen ein Kloster niedergebrannt. Schwamm drüber. Manchmal wird an den Funken noch eine Stoffpuppe mit Schießpulver angebracht, die Funkenhexe. Das hat aber nun wirklich nichts mit der Hexenverbrennung zu tun. Der Vorarlberger ehrt die Frau. Das sieht man ja schon daran, dass die Lauteracher sich die Sorgen gewisser feministischer Gruppierungen zu Herzen nahm und seither auch noch einen Hexer in die Luft jagen. Oder so.

Auch die Printmedien sind bei uns fortschrittlicher. Naja. Technisch zumindest. Die "Vorarlberger Nachrichten" war die erste Tageszeitung weltweit die Vierfarbdruck standardisierte. Und die Meinungen der andern Regionalzeitungen auch. Zu diesem Zweck hat die VN einfach auch andere Zeitungen annektiert und sich zum Marktführer in allen Medienbreichen gemacht. Bis aufs Fernsehen. Da kann sich der ORF behaupten. Der Ostsender. Aber den kriegen wir auch noch. Man braucht nur sehen wieviele Landsleute da schon eingesickert sind.

So ist das. Rechts die Berge, links der See.

ist technophile Exilvorarlbergerin mit Hang zu Skurilem. Mit ihrem Interesse für fast alles hat sie es noch zu keiner Spezialisierung gebracht. Die Grosstadtnomadin beweist das man nüchtern emotional und emotional nüchtern sein kann. Eine Leidenschaft fürs Tanzen bringt ihr trotzdem kein Taktgefühl.

Osten: eine Volksbefragung

Frau A.
Wie der Osten ganz sicher vermutlich wirklich ist.
Ich muss es zugeben, ich war noch nie im Osten. Das berührt mich unangenehm, halte ich mich doch für einen weltgewandten, weit gereisten Menschen mit einem Horizont, so breit wie der Ärmelkanal. Aber nein, im „Osten“ war ich noch nicht. Weder im deutschen, noch im ex-sowjetrepublikanischen, noch im nahen Osten. Entsprechend dürftig ist daher meine Kenntnis der Materie.

Anderer Leute Wissen zum Thema ist da schon profunder: Im Osten gibt es viel zu viele Arbeitslose und viel zuwenig Bildung. Im Osten ist alles grau und die Wirtschaft ist im Arsch. Aus dem Osten kommen die Nutten mit den auftoupierten Haaren und den billigen Stiefeln, und die Neureichen mit den Pelzmänteln und dem schlechten Geschmack. Im Osten wird dir dein Auto unterm Hintern weggeklaut und die Polizei ist furchtbar korrupt. Im Osten hat es Öl und Atomraketen und alle Männer tragen Palästinensertücher und Bärte.

Wie man es auch dreht und wendet, der Osten ist schlecht. Da sollte man nicht hinfahren. Lieber nach Maledivien – heißt doch so, nä? - oder nach Südafrika. „Süden“ ist ja so viel besser. Und wärmer. Und die kleinen Negerlein kriegen so auch mal ein paar Devisen ab und können sich was Hübsches kaufen.

Jetzt, wo die Rumänen und die Bulgaren bei der EU sind, da lohnt es sich außerdem gar nicht mehr, zum Einkaufen mal schnell zu denen rüber zu fahren. Die passen über kurz oder lang sowieso ihre Preise an, diese geldgierigen Säcke. Kein Wunder, dass die hier alle mit dem dicken Mercedes anrollen. Immer nur hinter der Kohle sind die her. Und unsereiner arbeiten sich die Finger wund für nichts. Dann lieber gleich Hartz IV. Obwohl, da haben die Ossis ja auch ein Monopol drauf, dieses faule Pack. Die Mauer wär’ mal besser stehen geblieben, aber in dem ganzen Überschwang, naja. Hätte man erstmal ein paar Löcher reinbohren sollen und warten und kucken, wie sich das drüben entwickelt. Die kannten doch nicht mal Bananen, im Osten. Das musste man denen doch erstmal alles mühsam beibringen, das mit der freien Marktwirtschaft und so.

Und dann nichts im Kopf als Raketen und Öl und Biowaffen. Das sind doch sowieso alles Terroristen. Wenn die Flugzeuge in irgendwelche Wolkenkratzer fliegen, dann brauchen die sich gar nicht zu wundern, wenn alle Welt von der Achse des Bösen spricht. Kommt sicher nicht von ungefähr. Überhaupt sollten die erstmal dankbar sein, dass man die endlich von ihrem Diktator befreit hat, bevor die da so einen Aufstand machen. Aber vielleicht wäre es wirklich besser, die ganze Bagage in Ruhe zu lassen. Tür zu, Riegel vor; sollen die das doch unter sich ausmachen. Diese Moslems sind doch sowieso ein Volk von Ignoranten, die kann man nicht bekehren. Die essen ja nicht mal Schwein, und dann diese Verschleierei immer. Wenn es nach denen ginge, dann gäbe es bald auf jedem Dorf eine Moschee und für ins Puff gehen gäbe es die Todesstrafe.

Und die vermehren sich auch wie die Karnickel, die sind ja jetzt schon in der zehnten Generation, aber Deutsch reden können die immer noch nicht. Da holt man die wegen der Wirtschaft ins Land und dann wollen die sich einfach nicht integrieren. Und wenn das Gastarbeiter sind, wieso sind die dann immer noch da? Hat sie ja keiner drum gebeten, nicht?
Ja, der Osten, das ewige Stiefkind des Westens. Dreckig, faul, korrupt, arm, und am Besten großräumig zu umfahren. Da gibt es nur ein klitzekleines Problem: wo liegt er denn nun eigentlich geografisch gesehen, der „Osten“? Wo fängt er an, wo hört er auf? Hinter Wien? In der Mitte von Deutschland? Im Norden der Türkei? Links, rechts, oben, unten, hinten, vorne, mittendrin?

Ach, wenn das Leben doch nur noch einmal so einfach wäre wie damals, in der vierten Klasse Grundschule, als ich angesichts der Weltkarte zu der Erkenntnis kam: „Osten ist dort, wo der Daumen links ist.“ (Also immer rechts von uns).

ist Virologin und Weltenbummlerin. Ihre Bonmots sind in der h0mebase zu finden.

Lebenstraum im Osten

Pango
We drive east, on heaven street!
Mein Name ist Non A Noi. Dies sind meine Erinnerungen an eine Reise, die nie stattgefunden hat.

Ich sitze in meinem alten Wagen, Marke Alfa Romeo. Es stinkt nach kalter Asche und ohne die geringsten Bässe kreischt Burzum aus den scheppernden Lautsprechern. Norsk Arysk Black Metal! Was Herr Vikernes wohl gerade macht, in seiner Gefängniszelle? Die Straße ist dunkel, im Scheinwerferlicht fliegt der Schnee wie Asche auf meine Scheibe; irgendwie haben sie es hier nicht mit Straßenbeleuchtung nach westlichen Standards. Wir sind ja auch im Osten. Kaum zu glauben. Vor zwanzig Jahren noch tiefster Kommunismus und schon in der EU. Von der staatskapitalistischen Beamtenhölle in die konzernkapitalistische Beamtenhölle. Aber aussehen tut es hier noch wie in der prä-sozialistischen Bauernhölle.

Ja, was war hier denn eigentlich einmal? Irgendwie war dieses Land ein blinder Fleck auf meiner geopolitischen Landkarte. Bevor ich losfuhr, habe ich noch Wikipedia bemüht, mir etwas über Rumänien zu erzählen – eigentlich ein sehr untypisches Verhalten für einen desinteressierten Soziopathen wie mich. Außer Medial gehenkten „Ostbanden“, mafiösen Strukturen und minderjährigen Prostituierten, hört man ja nicht viel. Doch, eines: käufliche Beamte. Na, da muss sich Rumänien in der EU ja richtig wohl fühlen. Um mich etwas mehr in historisch-rumänische Stimmung zu bringen, lege ich eine CD mit dem Titel „Death’s Gladsome Wedding: Legionari Movement“ auf und lausche den Kampfliedern der „Eisernen Garde“ oder der „Legion des Erzengel Michaels“, wie sich die nationalfaschisten Rumäniens selbst gerne nannten. Die Zigarette zwischen meinen Lippen wippt im Rhythmus der Marschmusik und ich fahre durch ein (vermutliches) Bauerndorf, dessen einzige Lichtquellen eine flackernde Straßenlaterne sowie die Fenster eines – ich vermute einmal – Gasthauses sind. Da passierte es: Ich bekam Lust, nicht nur das Land, sondern auch die Menschen Rumäniens zu sehen und hielt vor dem Gasthaus an. Ich steige aus, hinterlasse einen Profilabdruck im frischen Schnee und hebe meinen Kopf an. Ich ziehe fest an der Zigarette und starre dabei in das flackernde Licht auf der anderen Straßenseite. Aus dem Haus kommen laute Geräusche, Stimmen, Musik, klirrendes Geschirr. Ich werfe die Zigarette vor mir in den Schnee und trete drauf; knalle die Wagentür zu und überlege kurz, ob ich sie absperren soll. Schlechte Angewohnheiten aus dem Westen. Dort zwingen sie dich, Angst zu haben, dass jemand deine Sachen raubt. Vorwiegend diese ominösen „Ostbanden“, die unaufhaltsam, wie Elstern, in die Wohnungen alter Menschen einfallen und alles mitnehmen, das glänzt. Sagen zumindest die Medien. Man sagt dir von klein auf, dass die Medien dich nicht belügen. Und dann, wenn du das erste Mal dahinter kommst, dass sie dich im großen Stil belügen, hast du nur zwei Optionen: Du lässt dich weiter belügen, damit du dir nicht weiter Gedanken darüber machen musst oder du trittst in eine Fundamentalopposition. Andere Möglichkeiten hast du nicht, vorausgesetzt, du willst nicht den Verstand verlieren. Aber früher oder später wirst du das. Im Westen. Deshalb bin ich jetzt im Osten. „Ich hasse die Zukunft, denn ich lebe im Wald, im finsteren Wald.“

Ich öffne die Tür und ein Schwall warmer Luft, ein Gemisch aus lokaler Hausmannskost, Rauch und „altem Haus“ kommt mir entgegen, prügelt die Schneeflocken von meiner Jacke. Ich trete ein und stehe in einem Vorraum. Eine Menge Mäntel hängen da. Und Schals und Hauben. Hat denn niemand Angst, dass sie bestohlen werden? Ich betrete den Gastraum, niemand bemerkt mich, wie immer. Manchmal glaube ich, ich bin Unsichtbar. In Fällen wie diesen eine praktische Gabe. Oder im 9. Höllenkreis, auf Parties, wenn man eigentlich einfach nur verschwinden will. Ich setze mich an einen leeren Tisch in einem Eck – der letzte freie Platz im Raum. Ich ziehe meine Jacke aus und präsentiere mein T-Shirt: „Where is Vlad the Impaler when we need him?“. Ich, Ich, Ich. Meine Zigaretten sind in der Jackentasche; ich lege die Schachtel auf den Tisch und grabe in der Schenkeltasche meiner Cargohose nach meinem Feuerzeug. Ein simples, orangenfarbenes BIC, wie man es in meiner Heimatstadt um einen Euro an jeder Tankstelle und in jeder Trafik bekommt. Ich teste alle Stunden, ob es noch funktioniert. So auch jetzt. Zip! Mein Blick fällt auf die Oberseite meiner Gürtelschnalle: „Gott mit uns“. Ja, Gott mit mir, ich fühle mich hier Verlassener als im Westen. Eigentlich bin ich dem Westen quasi der Einsamkeit wegen entflohen. Aber was habe ich mir erwartet? Zuhause hatte ich zumindest meine kleine Wohnung, mein Reich im Zigarettenrauch, mit schwarz verklebten Fenstern, deren Griffe ich abgerissen habe.

Ein Mädchen kommt an meinen Tisch, just in dem Moment, als ich eine Zigarette anzünde (das Feuerzeug funktioniert immer noch). Sie spricht mich an, natürlich in der Landessprache, die ich nicht beherrsche. Ich deute ihr mit der Hand (erhobener Finger mit strengem Blick) kurz zu warten und krame wieder in der Cargohose, aus der ich einen Zettel fische, auf dem ich ein paar überlebensnotwendige Phrasen notiert habe, um mit den Eingeborenen zu kommunizieren. „Una Bere“ sage ich, in der Annahme, dass es sich um eine Kellnerin handelt. Sie schaut mich kurz an, vermutlich verstört sie mein „Akzent“, dann nickt sie und trippelt davon und, tatsächlich, sie bringt mir ein großes Glas Bier. Ich nehme einen kräftigen Schluck, es schmeckt bitterer, als ich es gewohnt bin. Aber passabel. Ostbier ist trinkbar, damit haben sie schon fast gewonnen. Das Mädchen kommt wieder her, schaut mich etwas nervös an. Ich blicke zu ihr hoch und hebe eine Augenbraue. Durch den Rauchschleier vor meinem Gesicht kann ich nicht so recht erkennen, ob sie jetzt tatsächlich wortlos vor mir errötet ist oder nicht. Ich kann ihr genau ansehen, dass sie mir etwas sagen möchte. Erneut ziehe ich an meiner Zigarette und nehme sie dann aus meinem Mund und blase unhöflich den Rauch langsam in ihre Richtung. Dann, fast in Zeitlupe, öffnet sie ihren Mund und raus kommt: „Român?“. Ich schüttle den Kopf und sage: „Österreicher“. Sie nickt verständnislos, lächelt noch mal höflich und geht dann wieder. Ich lasse mich etwas mehr die Eckbank sinken, in der einen Hand das Bier in der anderen eine Zigarette und beobachte. Hauptsächlich Männer im oberen Drittel mittleren Alters. Sie spielen Karten, diskutieren lebhaft und einer spielt auf einem Akkordeon und singt dazu – wie ich vermute – lokale Volksweisen. Die meisten Rauchen und auf fast jedem Tisch stehen Schnapsflaschen und Gläser. Man könnte fast von folkloristischer Partystimmung sprechen. Und das, wo man im Westen Rumänien als korrupten Bauernstaat mit maroder Wirtschaft und praktisch nicht vorhandener Industrie kennt, wo Dracula zu Hause war und AIDS zum guten Ton gehört. Ob jemand der älteren Herren im Raum bei der „Eisernen Garde“ war?

Wie aufs Stichwort setzt sich ein alter Mann zu mir an den Tisch, der, wie ich schwören könnte, vor einer Sekunde noch am anderen Ende des Raumes gesessen ist. „Grüß’ Gott, junger Mann!“ sagt er mit leicht zittriger Stimme „Was führt dich denn in unser kleines Dorf?“. Ich ziehe an der Zigarette und bin ehrlich gesagt etwas entsetzt. Ja, ich fühle mich hier (Gott)verlassen, aber das war ja auch irgendwo nichts schlechtes, wenn man aus dem übersozialisierten (nicht übersozialistischen) Westen als quasi hirntotes Medienzombie in ein Land kommt, wo die hiesige Sprache nicht einmal mit dem eigenen Sprachstamm kompatibel ist. „Ich bin auf der Durchreise.“ Der alte Mann nickt schweigend. “Selten, dass sich Ausländer hier her verirren und noch viel seltener, dass sie hier einkehren.“. Ich reagiere nicht. Langsam glaube ich, es war eine dumme Idee, „die Menschen kennen zu lernen“. Es ist irgendwie, als würde man in den Zoo gehen, sich die Tiere ansehen und dann sagen „Ohhh, wie schön, lass und nach Afrika auf Safari gehen und diese edlen Geschöpfe in ihrer ganz natürlichen Umgebung beobachten!“ und schließlich am „Schwarzen Kontinent“ angekommen, nimmt man die Bilder von herumliegenden, Gras fressenden Tieren, bewaffneten Stammesfehden und hermetisch abgeschotteten Touristenbunkern mit nach Hause. So geht es mir hier. Mit „Kennenlernen“ meinte ich „anstarren“. Und jetzt redet einer mit mir. Und dann nicht einmal ein „richtiger“ Einheimischer. Ich frage ihn, was das Bier kostet und er nennt mir einen Betrag in der heimischen Währung. Ich zucke mit den Schultern und lege einen Fünf-Euro-Schein auf den Tisch, trinke aus, verabschiede mich knapp und gehe. Immerhin sind wir ja in der EU. Vermutlich habe ich dem Mädchen das Trinkgeld des Jahres gegeben.

Ich steige in meinen (unverschlossenen) Wagen, zufrieden, dass ich der westlichen Konditionierung widerstanden habe und Recht behielt und mir niemand die Reifen zerstochen (oder gestohlen) hat.. Ich lege von Death In June die „Take Care and Control“ auf, starte den Motor und pflüge im dünnen Schnee aus dem Dorf raus, zurück auf die dunklen, nicht gerade westlichen Straßen. Ich fahre und fahre. Stundenlang. Kein einziger Ort. Ich bilde mir ein, im Scheinwerferlicht am Straßenrand halb eingeschneite Katzen- und sonstige Tierkadaver zu sehen, wie ich sie bisher nur aus Polen kannte. Als wären die Straßen im Osten aus den Leichen niederer Lebewesen gepflastert. This Route leads to Heaven! Dann, praktisch aus dem nichts, gehen hinter mir Scheinwerfer an, fahren aus dem Straßengraben hüpfend hinter mir her und, hurra, eine Sirene ertönt, stilecht mit rotem Licht am Dach. Im dunkel sah das aus wie ein hysterisch lachender Clown, der mir am Auspuff hängt. Ich, braver EU-Bürger der ich bin, bleibe stehen, ebenso der Wagen der Neo-EU-Polizeibeamten hinter mir. Konditioniert von amerikanischen Filmen will ich die Scheibe runterkurbeln, aber der Herr draußen, fuchtelt wild mit den Armen und deutet mir scheinbar, auszusteigen. Ich seufze. Dann geht die Tür zu meiner rechten auf und eine Hand packt mich, schleudert mich raus, noch ehe ich irgendetwas hätte sagen oder tun können (als wäre ich überhaupt motiviert genug zu so was. Ich kaue immer noch an der schockierenden Begegnung in der Gastwirtschaft vorhin.). Ich purzle in den weichen (aller Wahrscheinlichkeit nach von Katzenleichen übersäten) Straßengraben und sehe gerade noch, wie jemand in mein Auto einsteigt, es startet und davonfährt; den „Polizeiwagen“, diesmal ohne Trara, im Schlepptau. Scheiße. Ich stehe auf, klettere auf die Straße hoch. Hat man mich doch tatsächlich aus meiner alten Scheißkarre gezogen und sie gestohlen. Mitten auf der Straße! Ich zünde mir eine Zigarette an. Zip! Setze mich auf die Straße. Ich greife in die andere Schenkeltasche und ziehe meinen iPod heraus. Ich höre „Death to China!“ von Genocide Organ. Wenigstens habe ich alles wichtige am Leib. Nur das Auto ist weg, mitten in der Nacht, mitten im rumänischen Nichts. Im Sommer sollen am Land Kornkäfer wüten, in biblischen Dimensionen. Ich hasse Insekten. Es hat Vorteile, wenn einem im Winter der Wagen gestohlen wird, in Rumänien. Da stinken auch die Tierkadaver nicht. Wie in Stalingrad, bis zum Frühling war es ja nicht so schlimm. Vielleicht hätte ich ja mit dem Mann weiterreden sollen. Dann würde ich vielleicht noch ein mobilisiertes Fortbewegungsmittel besitzen. Ich denke an mein T-Shirt. Wiederhole im Geiste den Aufdruck. Where is Vlad the Impaler when we need him? Ja, Vlad Dracul wäre das so sicherlich nicht passiert. Der hätte die Diebe aller Wahrscheinlichkeit nach walachisch Gepfählt und sich einen runtergeholt, während die armen Teufel wie von Sinnen zuerst nach ihrer Mutter riefen und dann zu Gott, kurz bevor sie den Heiland sehen und ihre starren Augen keinen Zweifel mehr lassen, dass sie gestorben sind; die Gesichter Wahn- und Schmerzverzerrt. Das waren noch Zeiten. Recht und Ordnung, Hand in Hand mit Mord und Folter.

Und wo wir schon beim Thema sind: Wo ist Gott? Sollte er nicht mit mir sein? Hat Gott mich denn völlig vergessen? Herr im Himmel schicke mir ein Zeichen! Stehe mir bei, in dieser Stunde der Not! Ich überlege, wie dieses Zeichen aussehen würde. Dabei beruhigt sich mein Puls langsam und ich spüre, dass ich dem Ruf der Natur folgen sollte. Ich stehe auf, drehe mich um, öffne meine Hose und uriniere in den Straßengraben, schände Katzenleichen. So fühlen sich also Gottes Zeichen an. Keine Marienerscheinungen oder Engel in Form von Rädern. Nein, man muss urinieren. Ich setze mich wieder hin und rauche erneut eine Westzigarette. Am Horizont wird es etwas heller. Ich überlege, diesem Land hier noch eine Chance zu geben. Sind wir uns ehrlich: Arschlöcher sind Systemübergreifend und mittlerweile ist es ja sogar schon das Selbe. Im Westen hätte mir genauso gut jemand den Wagen knacken und davonfahren können. Ich meine, ich bin ja selbst Schuld. Fahre mit einem 25 Jahre alten italienischen Luxuswagen in den ehemaligen Ostblock. Das ist, als würde ich auf der Herrentoilette am Westbahnhof die Hosen runterlassen, mich vornüberbeugen und mich wundern, wenn ich „spontan gepackt“ werde. Es wird immer heller und heller und ich erkenne bereits Strukturen um mich herum. Da liegt tatsächlich allerlei totes Getier. Katzen, Hunde, Igel, Hasen, verdammt, sogar eine halbverweste Ziege. Ich stehe auf, setze mich in Bewegung. Erst jetzt bemerke ich, dass mir nicht kalt ist. Aber das wundert mich nicht wirklich, mir ist ja nie kalt. Wie mein Großvater immer gesagt hat: „Mit Dir hätten wir den Krieg gewonnen!“. Verdammt, und wie wir ihn gewonnen hätten. Ich erreiche das nächste Dörflein und erkenne meinen Wagen. Er ist in eine Mauer geparkt. Nicht davor, sondern hinein. Ein Polizist steht davor. Wenn es ein Polizist ist. Ich gehe zu ihm hin und versuche es mit meinem Euro-Englisch: „What happens? I’m the former owner of this car.“ und drücke ihm meinen Führerschein sowie die Zulassung in die Hand. Fast überrumpelt nimmt er sie, schaut abwechselnd auf mich und die Dokumente, dann auf das schiefe Kennzeichen, neben dem der europäische Hoheitssticker klebt und sagt dann, noch gebrochener als ich: „Did crash. Bad wheels.“ In dem Moment fällt mir ein, dass ich Sommerreifen aufgespannt hatte. Der Osten hat mir das Leben gerettet. There is God when i need him. Zip!

Baujahr 1984 lebt und wirkt in Wien als freier Grafikdesigner, Blogger, Amateurfotograf, Untergrundjournalist und Experimentalmusiker. Auch bekannt unter den Nym's Non, Pango und Scare.

Im Osten was Neues

Don Dahlmann
Auf der Suche nach der Wiedervereinigung. Im wahrsten Sinn des Wortes.
"Das ist nämlich so, " erklärte mir Tom und ließ fachmännisch den billigen Johnny Walker im Glas kreisen, "die im Osten, die sind so lange hinterm Mond gewesen, die wissen gar nicht, wie das geht, mit dem guten Sex." Zufrieden ob seiner Feststellung ließ er sich grinsend noch ein Stück tiefer in sein speckiges, grünes Sofa sinken, dass er unter einem sehr großen Sperrmüllhaufen heraus gezerrt hatte. Tom war groß, schlank, dunkelhaarig und ein wenig schaute er wie der damalige James Bond Darsteller Timothy Dalton aus, was ihm, wie er unbescheiden gerne heraus posaunte, bei "... den Ost-Mädels" die Sache noch leichter machte. Tom hatte gerade eine einwöchige Tour durch die ehemalige DDR hinter sich gebracht. Einfach so, mit seinem steinalten Audi 80, ein paar Kassetten und einem schwarzen Anzug. Tom wollte wissen, wie das so ist, da drüben, wie die Landschaft aussieht und ob die Städte wirklich so kaputt waren, wie sie im Fernsehen immer sagten.

Aber er blieb dann schon in Magdeburg hängen, weil er Abends in der mobilen Diskothek eines DJ aus dem Ruhrgebiet eine Frau kennen lernte, mit der zwei Stunden später in seinem wackligen Hotelbett lag. Am nächsten Abend versuchte er sein Glück in einer anderen mobilen Diskothek, die in Magdeburg offenbar so dicht gedrängt nebeneinander standen, wie heute Brötchenläden und Handyshops. Wieder schleppte er nach kurzer Zeit jemanden ab, und am dritten Tag wurde es dann noch besser: "Zwei! Zwei sind mit mir mitgegangen!" sagte er mit einer triumphierenden Stimme, die obenrum etwas quietschig wurde, und so klang wie auf den alten Schallplatten mit dem Märchen "Das tapfere Schneiderlein" wenn der Sprecher irgendwann "Sieben auf einen Streich" quäkt. Da waren aber Fliegen gemeint. Tatsächlich behauptete er, dass es damals eine Art Sex-Tourismus in die neuen Bundesländer gegeben haben soll. Man fuhr mit seinem Gebrauchtwagen in die ehemalige DDR, verkaufte diesen zu absurden Preisen an einen gutgläubigen Einwohner und knallte am Abend dessen Tochter auf einem Grashügel hinter der mobilen Dorfdiskothek von einem DJ aus dem Hunsrück. Tom zeigte sich noch monatelang von seinem Trip in den Osten begeistert und überlegte, ob er eine Schule für einsame Männer aufmachen sollte, in der die besten Trips weitergeben würde, wie man ein "Ost-Mädel" rum bekommen würde. Mittlerweile ist er mit einer Pfälzerin verheiratet und lebt in Landau.

Mein erster eigener Kontakt mit einer Dame aus dem ehemaligen Osten der Republik fand erst viele Jahre später statt. Ich arbeitete mangels Geld mal wieder hinter der Theke einer Kneipe in Hamburg, war schlecht gelaunt und hatte an dem Abend tatsächlich eine Kellnerin namens Sandy. Sandy aus Eberswalde. Sandy war mit viel gutem Willen vielleicht gerade mal 1,60 Meter, hatte ein vorlautes Mundwerk und eine Tätowierung die sich anscheinend vom Rücken zur linken Brust zog. Fand ich toll. Wir zickten uns den ganzen Abend aus vortrefflichste an. Mal stellte ich das Tablett so voll, dass sie es kaum hoch bekam, mal zerbrach sie "aus Versehen" ein Glas im Ausspülbecken und unterließ es mich davon zu unterrichten. Das ging drei, vier Wochen so, dann tranken wir nach einer Schicht zwei bis acht Bier in großer Runde und landeten später in ihrem Bett.

"Aha", sagte ich, "so fühlt man sich also, wenn man ein Klischee bedient hat."
Sie schaute mich fragend an.
"Dialekt, gepierced, tätowiert, rasiert, DDR, Sandy. Mehr geht ja nun echt nicht."

Statt wie erwartet erschlagen zu werden, lachte Sandy laut auf und sagte: "Arrogant, Übergebildet, ungebräunt, zu dick, unrasiert und keine Ahnung vom Vorspiel. Ich bin genauso reingefallen."

Sie zündete mir eine Zigarette an und legte sich grinsend neben mich.

"Sag mal ehrlich, mit wie vielen Frauen aus dem Osten hast du schon."

Ich nahm einen tiefen Zug.

"Du warst die erste. Ich wüsste jetzt aber auch nicht, ob oder warum es beim Sex einen qualitativen Unterschied zwischen Osten und Westen geben sollte. Wenn ich mit einer Schweizerin knutsche, ist das ja auch nicht anders, mal abgesehen davon, dass ich sie nicht verstehen, sobald sie wieder den Mund aufmacht, aber das geht mir mit Frauen aus Sachsen vermutlich genauso."

"Aber hallo gibt es da einen Unterschied. Also für mich schon," meinte sie leicht überrascht. "Aha, und der wäre?"

"Männer aus dem Osten sind... anders beim Sex. Lebhafter. Offener. Nicht so auf einem Ego-Trip. Angenehmer."Sie stellte den Aschenbecher auf ihren Bauch, überlegte kurz und schaute mich dann lachend an.

"Siehste, da isses wieder. Du warst zufrieden, ich denke, einer aus dem Osten hätte dieses oder jenes anders gemacht." "Du bist halt kommunistisch indoktriniert. Du musst so was sagen" sagte ich und machte eine entrüstetes Gesicht.

"Nein, das meine ich ernst."

Auch nachdem Sandy wieder ihrer Wege gegangen war, dachte ich noch oft über das nach, was sie gesagt hatte. Ob es wirklich einen Unterschied gibt, zwischen Ost und West Sex? Vögelt man im Osten anders, als im Westen? Das Problem konnte nur mittels weiterer Versuche geklärt werden. Aber wie anstellen? Schließlich konnte ich schlecht rum laufen und erstmal fragen, aus welchen Landesteil man herkommen würde. Das Schicksal war mir aber hold. Ich lernte ein paar Monate später bei einem Routinebesuch bei meinem Hausarzt Martina kennen. 27, klein, schwarzhaarig, tätowiert, Zungenpiercing und von einer seltenen Herzlichkeit. Es bereitete mir Mühe, sie anzusprechen, aber als ich bei meinem dritten völlig sinnlosen Besuch endlich mal geröngt wurde und wir alleine waren, nahm ich meinen Mut zusammen und lud zu einem Abendessen ein. Zu meiner Überraschung sagte sie zu, und nach dem zweiten Long Island Ice Tea schaute ich angestrengt auf die Zigarettenpackung zwischen uns und lud meine Frage ab.

"Sach mal, ist es so, dass es zwischen Sex mit Männern aus dem Osten, und Sex mit Männern aus dem Westen, irgendeinen Unterschied gibt"
Sie schaute mich einen Moment erstaunt hat und sagte dann, "Ja, Männer aus dem Westen sind netter nach dem Sex."
"Ach?"

"West-Männer tun wenigstens noch so, als würden sie sich für einen interessieren, wenn es alles gelaufen ist. Ost-Männer sind da unromantischer. Es sei denn man erwischt eine Klette. Es gibt entweder Arschlöcher oder Kletten im Osten. Im Westen gibt es Arschlöcher, die so tun als ob sie nett seien, aber weniger Kletten."

"Jaja, schön, schön, aber das meinte ich nicht. Ich meinte beim Sex, nicht danach." Sie schlürfte lautstark ihren Long Island Ice Tea leer, überlegte kurz und meinte dann: "Nö, können wir gehen, ich hab muss morgen ganz früh die Stuhlproben vom Labor abholen."

Sie kam aus der Küche zurück, in der Hand ein halbes Käsebrot ohne Butter. Aus den Boxen blubberte das VNV Nation Album "Empire" unnatürlich leise. Kauend legte sie sich neben mich, krümmelte ihre Brust voll um sich dann umständlich eine Zigarette anzuzünden.

"Was willst du eigentlich von mir?"
"Ha," sagte ich, "das ist jetzt wie einen Film von Godard oder Truffaut."
Sie schaute mich überrascht an."Was meinst du damit?"

"Ich glaube ich hab es. Den West-Männern geht es immer nur um das danach. In den Filmen von diesen Franzosen ging es nie um das 'davor' sondern immer nur um das 'danach'. Um Fragen wie 'War ich gut' oder 'Was jetzt?' oder im schlimmsten Fall um die Frage 'Konnte ich es ihr besorgen'. Im besten Fall darum nicht ertappt zu werden."

"Achso, Du suchst ne Antwort auf ne dämliche Frage."
"Ne," ich schüttelte den Kopf, " ich such die Wiedervereinigung".

Es sollte ein Witz sein.

Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein Blog.

Immer schön im Kreis herum

Frau A.
Der ewige Krieg zwischen Mensch um Maschine um die Bonusmeile.
Wenn man, so wie ich superwichtig ist viel fliegt, dann besitzt man, habe ich mir sagen lassen, bien sûr ein Miles&More Dingens. Naja, hab ich mir also vor ein paar Monaten gedacht, sowas kann auf keinen Fall was schaden, und habe mir an einem langweiligen Nachmittag einen Meilensammelaccount eingerichtet. War sehr einfach und online und alles. Ein paar Wochen später dann wieder mal einen Flug gebucht und natürlich gehofft, dabei ein paar Meilen abzukassieren. Allein, Miles&More wollte nicht so ganz, wie ich das wollte und erklärte mir hochnäsig, dass ich kleiner Kacker nur im Besitz einer provisorischen Miles&More Karte wäre und daher keine Meilen sammeln könne und sollte ich mich danebenbenehmen i.e. pupsen, rülpsen, mit ungewaschenen Haaren an Bord gehen wollen, dann würde man mir diese provisorische Karte sogleich aus den klammen Fingern winden, notfalls unter Anwendung von Gewalt. Provisorisch ging folglich gar nicht. Ich also schlau die FAQ Abteilung konsultiert, wie ich denn an eine echte Karte kommen könne. Tja.

Bei einem Meilenstand von 3000 Meilen auf Ihrem provisorischen Konto wird Ihnen Ihre Miles&More Karte per Post zugeschickt.

Hm. Sehr hilfreich war das schon mal nicht, und mehr war auch nicht in Erfahrung zu bringen.

Ein paar Flüge später ein erneuter Versuch, weil wenn man schon mal viel fliegt, sollte man neben Thrombosen auch noch was anderes davon haben.

FAQ erklärte mir diesmal, dass ich meine Meilen nachträglich aquirieren könne. Dazu müsse ich lediglich ein Onlineformular mit den Daten aus meinem Boardingpass ausfüllen. Soweit, so gut. Kennt aber irgendjemand jemanden, der den Abschnitt mit der Sitznummer monatelang zur späteren Verwendung aufhebt? Ich nicht. Habs mir aber gemerkt und heute war es dann endlich soweit. Ich habe das besagte Onlineformular ausgefüllt. Mit Daten und allem. Und mich gefreut, dass ich jetzt vielleicht einen verchromten Sektkübel oder ähnlich Nützliches gewonnen habe.

Nein, sagte mir jedoch die freundliche Miles&More Maschine, du kannst nicht nachträglich Meilen gutschreiben lassen. Du hast nämlich nur eine provisorische Karte und bist der Abschaum der Menschheit. Und jetzt geh weg, ich habe zu tun.

Manchmal wär ein Hammer nicht schlecht, um ihn sich und anderen auf den Kopf zu hauen...

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ist Virologin und Weltenbummlerin. Ihre Bonmots sind in der h0mebase zu finden.

gedanken zur kartographie

Georg Wiltschek
Geschichten aus dem Zirkus.
wir sollten uns wieder mehr an der essenz zu schaffen machen. grundlagendforschung mag ja wirklich tolle erkenntnisse an's licht bringen, aber grundlagenmanipulation bringt spass ins leben. oder zumindest spannung. und vielleicht beweisen wir ja sogar etwas damit. zum beispiel, dass unser aller verhalten viel zu sprunghaft, viel zu unvorhersehbar, viel zu verdreht für den beobachter ist, um eine folgeerscheinung einiger, in winzingsten höhlen werkenden, physikalischen und chemischen wunderlichkeiten zu sein. halt. nicht, dass jetzt die in der letzten reihe sitzende und in gebete versunkene fraktion aufwacht und jubelnd einen beweis gottes wittert! dagegen finden wir ja möglicherweise auch einige gegenbeispiele...

trotzdem dürfte es irgendwo zwischen den grundlagen und dem ganzen eine grenze geben, an der sich jede logik von der klippe stürzt; oder, wem das zu drastisch ist: erkennt, dass hier die cocktails am anregesten, das klima am angenehmsten und die arbeitsmoral am annehmbarsten sind, und ausserdem beschliesst, dass sie schon lang genug unterwegs ist und die eingeborenen zudem noch jeden dahergelaufenen fremden als gott ansehen, dann bleibt sie vielleicht auch einfach dort, pflanzt einen baum und trinkt rum an der strandbar.

und dort haben wir dann irgendwie eine staatenfreie zone. das ding zwischen "bis neun bist du o.k." und "bei 10 erst k.o.". das dazwischen müsste auch irgendwie niemandsland sein, haben die sterne das jemals erklärt? also zurück. man sollte sich also aufgrund all dieser vermutungen ein wenig jenseits der grenze aufhalten und sehen, was sich so machen lässt. vielleicht ist es ja nicht viel, bloss unter das karussell kriechen, um mit einem schraubenzieher ein paar zahnräder zu blockieren. es muss ja gar nicht so weit gehen, dass man die rotationsrichtung des den zirkus beherbengenden planeten umkehren muss, um die holzpferdchen stillstehen zu lassen, irgendwie zumindest. nur so ein wenig. schauen, ob ein paar gedrückte knöpfe hier, ein paar umgelegte hebel dort irgendeine auswirkung zeigen.

oder vielleicht muss man ja nicht einmal die ganze grenze überqueren, vielleicht ist die kolonie der logik zwischen den grenzbalken ja der ort, an dem man man handeln kann. also zumindest, wenn sie sich nicht dort von der klippe gestürzt hat. und wahrscheinlich ist das auch keine idylische kleine siedlung am strand, sondern ein ziemlich apokalyptisches kriegsgebiet. so ein bisschen madmax artig oder von mir auch waterworldig, jedenfalls etwas in die richtung, mehr sand oder mehr wasser kann sich jeder aussuchen. nunja, wie auch immer. helm auf, und wo ist bei einem panzer der erste gang? ok, wem das wieder zu drastisch ist: man wandert von strandkorb zu strandkorb und versucht die bewohner mit noch mehr rum zu überreden, ein paar dinge mal testweise etwas anders zu machen. oder man muss sowieso so weit wandern, dass getriebe sabotieren und das universum umzupolen den gleichen aufwand bedeuten. wie auch immer, immer noch im zirkus.

Dieser Beitrag ist bereits im Weblog des Autors erschienen.

lebt im Märchenland und studiert friedlich Informatik.

Eyes On - Rumänien und Bulgarien

Philipp Drössler
Noch sind längst nicht alle notwendigen Reformen in Rumänien und Bulgarien abgeschlossen, aber die bereits erreichten Veränderungen lassen hoffen, das Bilder eines verslummten Osteuropas bald nur noch in Geschichtsbüchern zu finden sind.
Eine „Rückkehr nach Europa“ nannte der bulgarische Präsident Simeon Sakskoburggotski den Beitritt Bulgariens und Rumäniens zur EU. Die Nachbarstaaten sind damit nach Jahrzehnten realsozialistischer Unterdrückung und Jahren des Wiederaufbaus wieder mit dem Rest des Kontinents vereint. Willkommen daheim.
ist mindestens haltbar bis zur nächsten Ausgabe. Bis dahin sucht er wortgewandte Blogger, zielsichere Photographen und andere hochkreative Leute. Privat vloggt er hier und da.

Eyes On - Nichtraucherzonen

Philipp Drössler
Der Krieg der Kulturen kann einpacken: Die heiße Schlacht um den kalten Dunst hält die Welt auch weiterhin in Atem. Kartengesicherte Zigarettenautomaten und die neue Speiselokal-Balkanisierung kippen noch mehr Tabak ins Feuer.
Unlängst war ich mit Freunden in einer kleinen Creperie essen. Da der seit 1. Jänner verpflichtende Raucherbereich vollkommen überfüllt war, wanderten wir ins Reich der Nikotinfreien ab - klar vom schwadengefüllten Sündereck separiert durch kleine Pappkarten auf den Tischen. Der tiefere Sinn solcher Aktionen ist jedem ersichtlich, der keine Ahnung von Diffusion hat.
ist mindestens haltbar bis zur nächsten Ausgabe. Bis dahin sucht er wortgewandte Blogger, zielsichere Photographen und andere hochkreative Leute. Privat vloggt er hier und da.