Glück im Epizentrum der Waschbeton-Tristesse

von Elle
Ich lernte Becky beim Sprachkurs in Florenz kennen. Becky war Engländerin. Sie hatte vor fast zwei Jahren das Kunststudium an einem renommierten College ihrer Heimat abgebrochen und arbeitete seitdem als Kindermädchen bei einer reichen englischen Familie.

Offensichtlich in Anlehnung an ihr ehemaliges Studienfach ließ sie sich von den wenig begabten Portraitkünstlern
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auf dem Domplatz ansprechen. Mit dem einen oder anderen kam sie auch zusammen aber die Beziehungen hielten nie lange, denn die Maler lernten in ihrem Beruf einfach zu viele Frauen kennen.

Schließlich landete sie bei Gennaro, einem Maurer, der ursprünglich aus Neapel kam.
Bevor ich ihn kennen lernte, erwartet ich einen zudringlichen Kerl, der sich von den Portraitmalern nur dadurch unterschied, dass er mit einer Kelle und nicht mit einem Bleistift arbeitete. Zu meiner Überraschung war Gennaro eher ruhig und zurückhaltend und hatte einen sehr bissigen Humor, wenn er während des Gesprächs zwischen Becky und mir mal was sagte.

Ich verließ Florenz. Becky blieb. Auch bei Gennaro. Ein paar Jahre später studierte ich in Neapel und wir verabredeten uns, als sie zu Besuch bei seinen Eltern waren. Ich war etwas überrascht, als sie mir vorschlugen, uns bei den Eltern zu treffen. Ich hatte eher an ein Café gedacht. Aber immer wieder offen Neuem gegenüber setzte ich mich in die Circumvisuviana (S-Bahn, die am Rand des Vesuvs von Neapel nach Sorrent fährt) und fuhr in Richtung Pompei.

Gennaros Familie wohnte in einem kleinen Ort am Fuße Vesuvs. Das klingt romantisch. Hoffnungslose Tristesse trifft es aber eher. Die Vororte Neapels, die man auf dem Weg nach Sorrent passiert, sind von einer Trostlosigkeit, die sich selbst Wim Wenders nicht besser hätte ausdenken können. Wer einmal im Winter vor den geschlossenen Toren der Grabungsstätte Herulaneum, zwischen öden grauen verfallenen Betonhochhäusern stand, wundert sich nicht mehr, warum die dort lebenden Menschen im Wesentlichen Drogen konsumieren und verkaufen. Das Blut der Mafia ist hier der einzige Farbklecks.

Die beiden holten mich von der Haltstelle ab. Wir fuhren mit dem Auto tiefer ins Grau und standen irgendwann vor einem Betonklotz, durch dessen Tor wir in einen Betonhof gelangten.

Beim Anblick einer Waschbetontreppe ohne Geländer, die in die Wohnung der Gennaros führte, bereitete ich mich mental darauf vor, an diesem Abend noch Kokain und Heroin für die lokale Mafia in kleine Plastiksäckchen zu füllen.

Der erste Schritt ins Haus führte in die Küche, in der Mutter und Vater Gennaro kochten und mich, ohne Zwiebelmesser und Fleischklöppel aus der Hand zu nehmen, umarmten und willkommen hießen. Schüchtern sagte ich Buona sera.

Während Becky und Gennaro nur zu Besuch waren, lebten neben den Eltern noch seine jüngere, 22jährige Schwester, ihr zweijähriger Sohn und der kleine Bruder in der Wohnung.

Während die Eltern nach meiner Begrüßung weiterkochten, schoben mich die anderen Familienmitglieder ins Wohnzimmer und drückten mich aufs Sofa. Dort saß ich und beobachtete apathisch, wie alle um mich herumwuselten, mich zwangen sitzen zu bleiben, einen Tisch herzauberten, diesen deckten, mich zwangen sitzen zu bleiben, laut redeten, köstliche Vorspeisen auf den Tisch stellten und mich zwangen, sitzen zu bleiben.

Von meinem Sofaplatz aus versuchte ich, die Wohnung zu verstehen. Besser gesagt versuchte ich zu verstehen, wo all die anwesenden Personen in der Wohnung Platz zum Schlafen finden würden. Ich sah aber nur drei Türen – eine zur Küche, eine zum Bad und eine in ein kleines Schlafzimmer.

Das Essen war köstlich. Nur die Zubereitung der Steaks fand ich etwas befremdlich. Sie wurden auf einem selbstgebauten Bronxstyle-Grill – Metalltonne mit Rost – im Hof zubereitet.

Vor der Nachspeise entschuldigte ich mich und ging auf Toilette. Ich musste gar nicht, Aber ich hegte den Verdacht, dass vom Badezimmer aus noch weitere Zimmer abgehen würden. Das Badezimmer war groß und grün, hatte ein Fenster – aber keine weiteren Türen.

Nach dem Espresso gab es eine Hausführung und endlich sah ich den Moment gekommen, in dem sich das Rätsel des Wohnraums lösen würde. Ich war mir mittlerweile sicher, dass es eine Fernbedienung geben würde, die einen Mechanismus auslöst, der die Schrankwand öffnet um den Wohnraum dahinter zugänglich zu machen.

Da ich ja bereits im Badezimmer gewesen war, zeigte man mir zuerst das Schlafzimmer. Es war klein und beherbergte ein Doppelbett sowie ein Kinderbett. Die Wohnungsführung war beendet.
Wo schlaft Ihr denn alle?
fragte ich schließlich die Eltern.
Das ist doch ganz einfach – wir schlafen im Schlafzimmer, das Kind im Kinderbett und aus dem Sofa wird ein Bett für Becky und Gennaro. Im Wohnzimmerschrank steckt das Nachtlager für die kleine Schwester und der kleine Bruder schläft auf einem Klappbett. Wenn Du möchtest, kannst Du auch gern hier schlafen, wir gehen dann ins Wohnzimmer und Du kannst im Schlafzimmer übernachten. Das Bett ist wirklich sehr bequem.
Und nicht ohne Stolz wurde mir erzählt:
Vor ein paar Jahren als unser Ältester geheiratet hat, haben in dieser Wohnung dreizehn Personen übernachtet. Das ist überhaupt kein Problem. Wir haben genug Platz.
Natürlich weiß man, dass in Afrika die Kinder hungern, dass es uns in Deutschland sehr gut geht und dass man Lebensstandards nicht miteinander vergleichen darf. Aber ich war in Italien – zwar im Süden, aber nicht in Timbuktu. Ich war bei einer ganz normalen, sehr gastfreundlichen und fröhlichen Familie. Eine Familie aber, der es egal war, dass sie immer – und zwar nicht im nur Urlaub oder zu den Feiertagen – zu fünft oder mehr nur ein Bad, eine Küche, ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer bewohnten.

Offensichtlich angestachelt von meiner unübersehbaren Überraschung über die effiziente Nutzung des Wohnraums, wurde mir mittels gefühlter zehn Fotoalben gezeigt, welche Feste in der kleinen Herberge schon gefeiert wurden. Während ich mir die Alben ansah (Oh! Ah! Interessant!) und dazu gleichzeitig den Kommentar von drei Personen hörte, holte der Vater mehrere Gläser, zwei große Pfirsiche und eine Karaffe Weißwein. Er setzte sich hin, kramte ein altes Schweizer Taschenmesser aus der Hosentasche und schnitt – nachdem er die Klinge sorgsam an der Tischdecke gereinigt hatte – die Pfirsiche in dünne Scheiben. Diese lies er in vorsichtig in die mit Weißwein gefüllten Gläser fallen.

Als jeder ein Glas hatte, hob er seines und sagte:
Auf unser schönes Leben, auf diesen Abend und auf Elle, unseren Gast! Salute.
Ich saß im Epizentrum der Waschbeton-Tristesse. Aber statt Drogen in Tütchen abzufüllen, Augenzeuge eines Mafia-Mordes am Rande der Stadt zu werden oder mir Geschichten darüber anzuhören, wie sehr die Regierung die kleinen Leute vergessen würde, stellte ich fest, dass Zufriedenheit und Glück nichts mit Wohnraum, Reichtum und gesellschaftlicher Position zu tun hat.

Einen Toast auf Familie Gennaro.
Dass man auch auf wenig Platz viele Menschen unterbringen kann wissen wir spätestens seit diversen mehr oder weniger amüsanten Nummern wie dem VW-Käfer, aus dem 10 Clowns steigen oder einigen „Wetten dass“-Wetten. Dass man aber durch diese Erfahrung bisweilen so geprägt werden kann, dass sich die eigene Sichtweise – positiv! – verändert, das ist, wenn schon nicht neu, dann zumindest sehr selten. Elle ist es passiert. In einer kleinen Wohnung einer großen Familie in Florenz.
Rechtsrheinisch-kölsche Bloggerin im hanseatischen Exil mit einer
Vorliebe für Schuhe, Ökotest, Kosmetik und andere Länder.

www.journelle.com
mindestens haltbar 12/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 20
ISSN 1816-8159
Autor: Elle
Titel: Glück im Epizentrum der Waschbeton-Tristesse
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