Idole

von Miaka
Ich hatte in meiner Kindheit nicht viele Freunde; nicht, dass ich nicht gewollt hätte, aber irgendwie schaffte ich es immer wieder, mir die "falschen" auszusuchen und war im Endeffekt dann doch meistens alleine. Weder war ich das beliebteste Mädchen in der Klasse noch Liebling aller Lehrer. Unteres Mittelfeld hätte ich gesagt. Von weitem hab ich sie immer still beobachtet. Die Klassenclowns, die sogar die Lehrer mit ihren Witzen zum Lachen brachten; die beliebten Mädchen, zu denen nie ein Junge jemals etwas Gemeines sagen würde. Was hätte ich damals gegeben, um so zu sein wie die, die von allen gemocht werden!

Aber dem war nicht so, ich habe stets eine auf den Deckel bekommen, sogar Freundschaften stellten sich nach einiger Zeit als nicht beständig heraus.

Irgendwann baute ich dann eine Traumwelt für mich auf, eine, in der ich die Person war, die ich in Wirklichkeit sein wollte; von allen gemocht und auch bewundert für meine vielen Talente. Basis dieser Traumwelt damals war -- und nun halte man sich fest -- Mila Superstar. Das kleine, geschwächte Mädchen, todkrank und neu in der Schule, hat keine Freunde und wird in so gut wie jeder Folge von irgendwen gemobbt. Mit ihr konnte ich mich identifizieren! Ich war begeistert von ihrer Stärke und dem Willen, nicht aufzugeben, tagtäglich bin ich schnell nach Hause geeilt, um ja keine Folge zu verpassen. Ich wollte einfach so sein wie sie und fing teilweise schon an, ihre Gestik und Mimik zu übernehmen.

Das Unverständnis, auf das ich in der Familie gestoßen bin, hat mich in meinem Wunsch nur bestärkt, noch stärker zu werden. Oft bin ich vor der Garage stundenlang mit den Rollschuhen im Kreis gefahren und hab mir aufgenommene Folgen auf Hörkassette angehört.

Mit der Zeit stießen auch noch andere Anime-Charaktere hinzu. Aus jeder Serie pickte ich mir einen heraus, der ich gerne im realen Leben gewesen wäre und es war stets ein Weltuntergang für mich, wenn eine Serie abgesetzt wurde.

Meiner beste Freundin ging es ähnlich wie mir, vielleicht waren ihre Beweggründe, sich in einer anderen Welt zu verstecken, andere. Wir haben Geschichten geschrieben, absolut fiktive, mit aktuellen Lieblingsstars und Zeichentrickfiguren vermischt, und wir mitten drin. Ich erinnere mich noch sehr gut an die erste überhaupt, sie hatte gegen Ende einen Umfang von mehr als 1000 Blatt und wir konnten uns stundenlang über unseren Wahnsinn zerkugeln, den wir da auf Papier gebracht hatten... die anderen in der Klasse bekamen nur mit, das wir uns immer prächtig amüsierten, aber niemand wusste warum. Leider fiel dieses Werk der Putzwut der Mutter meiner Freundin zum Opfer und ward nie mehr gesehen...

Mit der Zeit wurden der Geschichten weniger, die Schule wurde anspruchsvoller, die Zeit wurde knapp und der Zwang, schnell nach Hause zu fahren, um die ganzen Anime sehen zu können, lies nach. Bis er schließlich ganz aufhörte.

Vor einiger Zeit ward ich gezwungen, die Schränke und Schubladen meines Kinderzimmers auszuräumen, da die Einrichtung einer neuen, der Mutter mehr zusagenden, Möblierung weichen sollte. Und so kam es, dass ich auf einige der alten Geschichten gestoßen bin; ich habe einige Stunden damit verbracht, alles durchzulesen und konnte mich oft vor lachen nicht mehr halten.

Ich lache über niemanden, der in den aktuellen Zeichentrick-Serien "aufgeht", stemple diese Serien auch nicht als blöd oder was auch immer ab, ich schaue selbst wieder Gelegentlich welche; aber ich möchte nicht (mehr) so sein wie die Charaktere in den Serien, ich brauche kein Idol oder Vorbild mehr, denn ich bin so wie ich bin.
Kinder können grausam sein. Dieses Faktum hat Miaka hautnah am einsteckenden Ende miterlebt. Aber wie geht man damit um? Was macht man als junger Mensch, um diese schwierige Zeit zu überstehen? Richtig, man sucht sich etwas, woran man sich halten, orientieren kann. Das können Stars aus der „Bravo“ sein, Sportler, Hobbies – oder auch Anime-Comics.
Miaka, mitte Zwanzig und in Wien lebend; Ihr faible für Japan und alles
was dazugehört lässt sich nicht verleugnen.
mindestens haltbar 12/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 20
ISSN 1816-8159
Autor: Miaka
Titel: Idole
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am 15. Dez, 10:29

Also ich würde ja zu gerne die tausendseitige Geschichte lesen, die der Putzwut der Freundinnen-Mutter zum Opfer gefallen ist. :-)

am 15. Dez, 10:58

meine freundin und ich philosophieren sehr oft darüber, wie gerne wir diese geschichte noch mal lesen würden; aber glaube mir: für fremde ohren augen ward die nicht bestimmt, teilweise war sie dann wirklich schon am rande des wahnsinns verfasst... ;-)


am 16. Dez, 17:20

mein bruder war auch mal besessen von diesen figuren. vor allem von denen aus "mila superstar". hat sich auch total reingesteiert. es nahm irgendwann bedenkliche züge an - da musste ein psychologe vorrbeischauen. er hat dann mit ihm ne folge geschaut, ein bissl geredet und dann zu meinem eltern hmhm gesagt. er wusste nicht mehr.

wenige monate später hat sich's dann - ganz ohne therapie oder sonstwas - von selbst gelegt.


am 16. Dez, 20:36

Kinder müssen ihre Phantasien ausleben, sonst tun sie es
als Erwachsener und dann wird es fürchterlich.

Ich musste beim Lesen deiner Zeilen herzlich schmunzeln (danke dafür), denn ich sah meine Mädels vor mir, die mit 14 noch ihr *Plüsch-Biene-Maya* hüteten wie einen Schatz.


am 8. Jan, 23:13

hihi.
auch ich musst grad schmunzeln.
fühlte mich zurückversetzt in die zeit als mein hamster "krümel"
hiess und ich nichts sehnlicher herbeisehnte als die nächste "nils holgerson"-folge*ggg*

capcha: unser
wie passend...


am 25. Jan, 21:57

Die Fantasie Welt die du beschriebst, ich glaube die baut jedes junge Mädchen für sich auf um darin zu wachsen und erwachsen zu werde. Ich tat es, aus anderen Beweggründe als du aber es hat Spaß gemacht. Oft witzel meine Freundinnen und ich noch über diese Zeit! Es war schön so wie es war :-)