Harald Juuuhnke

von Herr V.
„Ja, wir haaaaaben ein Idol – Harald Juuuuuuhnnke!“ dröhnt es neben mir durch die Autoscheibe. Im Inneren vier ich möchte fast sagen Kinder, wohl so Mitte 20, die lautstark und wiederholt beweisen, dass sie diese eine Zeile schon auswendig können.

Die Ampel wird grün, der Motor des vollgepferchten Mazda heult (oder besser:schreit) auf und meine Kreuzungsbekanntschaften sind auf und davon. Ich steige wieder aufs Rad, fahre Richtung Brandstwiete und bekomme schlimmerweise weder die vier Autoinsassen noch die Melodie des Lieds aus dem Kopf. Was mögen ihre Idole wirklich sein? Sie können doch nicht wirklich so sein wollen wir Juhnke, oder? Ich meine ja, ab und zu mal über die Stränge schlagen – aber als alter, zitternder Mann mit allen möglichen Krankheiten im Krankenhaus liegen und bei jeder noch kleinen Sache Hilfe brauchen. Kann jemand Idol sein, der nicht selbstständig Nahrung zu sich nehmen kann? Jemand, der sich selbst kaputt gemacht hat? Das kann ich nicht glauben.

Wer also sind die Idole meiner vier Juhnke-Anhänger? Sind es die Gesichter, die unsere Medien bevölkern? Sind es Merkel, Tokyo Hotel, Bohlen, Klinsmann? Ohne irgendeinem der genannten nahe treten zu wollen, finde ich nicht, dass sie Idol-Potential haben. Natürlich haben sie auf irgendeine Art und Weise einige Dinge richtig, sehr richtig mitunter sogar, gemacht und sind erfolgreich geworden. Aber Idole? Menschen, die man sich aussucht, um von ihnen zu lernen, um zu versuchen, dieselben Dinge richtig zu machen. Wohl kaum.

Dabei mangelt es ja nicht einmal an Begeisterung. Nehmen wir mal als relativ neutrales Beispiel Klinsmann her: War doch gut, was er mit unserer Mannschaft bei der WM gemacht hat, oder? Und bestimmt werden in dieser Minute Bücher geschrieben, die „Die Klinsmann-Methode“ propagieren, aber wann haben Sie zuletzt jemanden sagen gehört, er oder sie wäre gerne so wie Klinsi?
Eben.

Je länger ich darüber schreibe, desto eher kommt mir der Verdacht, dass wir vielleicht zuwenig Idole haben. Nicht auf eine altbackene, fingerhebende „Die Jugend von heute hat keine Idole mehr“-Weise, sondern ganz allgemein. Sie und ich. Der Mensch, der vor meinem Fenster gerade an die Laterne pinkelt und die Dame, die sich heute im Supermarkt vorgedrängt hat. Die Menschen in der Politik und die Menschen bei der Müllabfuhr.

Denn sagen Sie mir mal ganz spontan, wer Ihr Idol ist. Ich kann Ihnen (leider?) so auf die schnelle keine Antwort geben. Und selbstverständlich drehen wir das alle so hin als seien wir unheimlich individuell und sind selbst so toll, dass wir keine Götzenbilder brauchen, die wir nachäffen können.

Nun, für einen gewissen Teil (vielleicht sogar einen recht großen) mag das sogar stimmen. Aber was ist mit den Menschen, die kein Ziel im Leben haben, die ihre Richtung noch nicht gefunden haben? Also insbesondere Jugendliche. An welchen Werten orientieren sich diese Menschen denn, wenn sie jemanden suchen? An der Politik? Wohl kaum. An den Gesichtern aus Funk und Fernsehen? Auch nicht. Denn auch, wenn „unsere Kleinen“ oft für dumm gehalten werden (ich werfe mal das Wort „Pisa“ in die Luft) – so dumm sind sie auch nicht, dass sie nicht wissen, dass Gülcan und Carrie Bradshaw keine Leitbilder sein können. Die Kirche würde diese Leittierrolle wohl ganz gerne übernehmen, die Schäfchen ins Trockene führen und moralisch stützen – aber welches Vertrauen bringt man jemandem schon entgegen, der eine Steuer verlangt?

Vielleicht gibt es zuwenig „Gutmenschen“, die dann ein bisschen angehimmelt werden können. Leute, die einfach vernünftige Ansichten haben (und zwar abseits von rot, grün, schwarz oder gut, böse etc.) und ein bisschen in die Öffentlichkeit gehoben werden.
Das kann jetzt entweder heißen, dass die Medien blöd sind weil sie keine vernünftigen Menschen zeigen oder dass es keine vernünftigen Menschen mehr gibt.
Dass es zwar vernünftige Menschen gibt, die aber stillhalten, glaube ich nicht. Denn ein vernünftiger Mensch macht den Mund auf, wenn er Missstände sieht und darüber sollten sich eigentlich alle freuen.

Aber zurück zu Idolen: Ich glaube, es gibt nicht genug Idole und die paar wenigen guten sind schon vergeben. Gesetz dem Fall man weiß überhaupt, warum Ghandi eigentlich ganz ok war, hat bestimmt schon irgendein hübsches Mädchen auf ihrem Miss-Contest-Fragebogen unter Idol „Gandi“ [sic] vermerkt.

Wahrscheinlich sollte man die Leute dann ganz einfach zwingen, sich mit ihren Idolen zu beschäftigen – das würde bestimmt schon einiges bringen. Dann merken die Leute, die „Ghandi“ geschrieben haben, wie sie vielleicht seine Ideen für sich verwenden können und die Menschen, die „Harald Juhnke“ geschrieben haben, finden dann wohl bald raus, dass sie ein neues Idol brauchen.
Dann müssen wir den Terminus „Idol“ vielleicht alle noch ein bisschen weniger eng sehen (Herrgott, nur weil ich den Dalai Lama toll finde, renne ich doch nicht gleich in orange rum – steht mir doch überhaupt nicht!) und vielleicht – ja vielleicht kommt dann was ganz Gutes dabei raus.

Und jetzt machen Sie mir doch bitte eine Freude und sagen mir Ihr Idol und warum er oder sie so toll ist. Ich bin nämlich gerade auf der Suche.
Idole sind ja grundsätzlich etwas gutes, funktionieren aber nicht mehr so gut wie früher. Eine Art Plädoyer für Idole.
Herr V. schreibt nach wie vor gern, fühlt sich aber in der Blogosphäre noch nicht ganz zuhause. Man kann wohl subsummieren: Herr V. braucht immer ein bisschen länger...
mindestens haltbar 12/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 20
ISSN 1816-8159
Autor: Herr V.
Titel: Harald Juuuhnke
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