Wilhelm, das alte Arschloch

von Träf
Wissen Sie, wir Schweizer sind ja ganz genau, wie Sie sich das immer vorstellen. Wir essen ausschließlich Rösti, klettern ständig auf Berge und sprechen komisch. Und natürlich sind wir ein bisschen detailverliebt, sehr genau und vollkommen unlocker, „odr“?
Und natürlich, um auch recht schön ins Bild zu passen, finden wir (ich meine das tatsächlich im Sinne von „ausnahmslos“) Wilhelm Tell gut. Das liegt uns quasi im Blut.

Kurz zur Erinnerung für die, denen die Geschichte nicht bekannt ist: Wilhelm Tell beschließt, eine als Vogt verkleidete Stange mit Hut nicht zu grüßen, was den tatsächlichen Vogt ärgert. Dieser lässt Herrn Tell festnehmen und verspricht ihm die Freiheit wenn Tell es schafft, einen Apfel auf eine gewisse Entfernung mit der Armbrust zu treffen. Tell ist erleichtert, Vogt stellt unter den Apfel Walther, den Sohn von Tell, Tell ist nicht mehr erleichtert. Tell trifft aber doch mehr Apfel als Sohn und die Sache ist vorerst vorbei.

Und warum ist jetzt Wilhelm Tell mein (unser?) Idol? Weil er im Grunde genommen so ein wunderbarer Idiot ist. Weil er gerade das nicht ist, was uns Schweizern ja auf die Fahne geschrieben ist, nämlich neutral. Vielleicht ist Tell unser aller Wunschdenken, unsere subtile „aber wir können auch anders“-Warnung, unser Pfeifen im Dunkeln.

Denn nicht nur, dass er zuerst meint, eine Stange mit Hut anpöbeln zu müssen und anschließend auch noch den dazugehörigen Vogt, fällt er das nächste Mal ungut auf, als er sich und seinen Sohn eigentlich schon gerettet hat. Eigentlich.
Denn nach dem Schuss durch den Apfel verrät er dem Vogt noch schnell, dass er im Todesfalle seines Sohnes, den Vogt erarmbrustet hätte.
Der Vogt ist natürlich von der Idee seines eigenen Ablebens wenig begeistert, beschließt also, Tell einzukerkern. Tell wiederum ist nicht sonderlich angetan von einem Leben im Kerker, flüchtet also im Bewusstsein, den eigentlich bis jetzt noch relativ geduldigen Vogt nun endgültig sauer gemacht zu haben.

Aber das hier soll ja keine Nachhilfestunde in Schweizer Geschichte sein – und eigentlich geht es auch gar nicht darum, wer jetzt wem einen Apfel vom Kopf geschossen hat, wer ihn gegessen hat und ob der Apfel einen Wurm hatte. Nein, es geht vielmehr darum, dass wir Schweizer uns so einen netten Nationalhelden ausgesucht haben.

Selbstverständlich entsprechen wir nicht den Vorurteilen aus dem ersten Absatz – nicht völlig zumindest. Aber weil wir in unserer Gesamtheit (und bitte entschuldigen Sie die Verallgemeinerung, in meinem subjektiven Empfinden ist es so) eben doch sehr neutral und zurückgehalten sind, finde ich es geradezu wundervoll, ein totales Arschloch zum kollektiven Idol auszuerküren.

Und genau da sind wir an dem Punkt angelangt, wo zumindest ich versuche, meinem Idol ein bisschen gerecht zu werden. Erstens kann man Nicht-Schweizer auf diese Weise wunderbar schockieren und zweitens lebt sich mein Leben angenehmer, seit mir bewusst ist, wie Tell mein Leben verändern kann.

Neulich beim Einkaufen habe ich zum Beispiel der altem Dame vor mir, die den Betrag unbedingt in kleinstmöglichen Münzen zahlen wollte, einfach einen Apfel auf den Kopf gesetzt, habe meine Armbrust…. nein, natürlich nicht.
Es sind die kleinen Gelegenheiten, wo ich den Tell rauslasse. Seitdem finde ich, ein „Nein“ völlig ausreichend wenn ein Kollege Schicht tauschen möchte und ich bin auch in der Lage einem Menschen am Telefon zu sagen, dass wir sein Produkt a) nicht brauchen b) nicht von der Qualität überzeugt sind und c) gerade einfach nicht wollen.
Alles freundlich, versteht sich, aber doch bestimmt. Wilhelm Tell hätte sich nicht eine halbe Stunde lang über einen Kopierer berichten lassen – ich schon.

Und deswegen werde ich morgen wieder ein Stückchen mehr wie Wilhelm Tell sein.
Raus mit den Äpfeln – hier komm ich!
Wilhelm Tell schoss laut der Legende seinem Sohn einen Apfel vom Kopf. Soweit die mehr oder weniger harten Fakten. Aber dass Wilhelm eigentlich ein ziemliches Arschloch war, das ist kaum bekannt. Ein Blick hinter die Kulissen.
"Träf" ist einerseits ein runder, harter Holzklotz und andererseits ein Mensch, der zwar nicht aktiv bloggt, aber gerne liest. Viel Vergnügen mit dem Text!
mindestens haltbar 12/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 20
ISSN 1816-8159
Autor: Träf
Titel: Wilhelm, das alte Arschloch
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am 19. Dez, 15:59

Sehr schöne Geschichte, hat echt spaß gemacht es zu lesen. Bitte mehr von den schweizerischen Eigenschaften. ;)


am 29. Mai, 15:44

bumm


am 1. Jun, 19:57

Hey Träf!

Danke für den lustigen Bericht!
Ich sollte eigentlich ein Referat über Tell halten, und war schon kurz vorm einschlafen, aber das war mal wirklich eine Lachnummer!

Thanks!


am 14. Sep, 12:23

Erklären Sie uns Deustchen auch mal die Feinheiten des "Hornussen"?


am 6. Apr, 16:24

Echt cool,

ich sollte über die Osterferien den Tell lesen und was habe ich in den Ferien gemacht? Natürlich mich ausgeruht und jeglichen "Tell" von mir ferngehalten! (: Morgen geht's ab in die Schule und ich werde trotz Lesefaulheit mitreden können!

Vielen Dank (=