
Schlechte Zeiten für Idole
von Don Dahlmann
Das mit den Idolen ist ja so eine Sache. Auch und weil sie gerade in jungen Jahren mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit kommen und gehen. Ich habe mal versucht, mich an all die Idole zu erinnern, die ich in meinen Leben so hatte und musste feststellen, dass die Suche sehr schwierig und nicht eben erfolgreich war. Meinem Vater erging es da ganz anders.
3 Jahre
In diesem Alter war der klare Favorit in Sachen Idol meine Ur-Großmutter. Diese war am Vormittag für mich verantwortlich, jedenfalls dann, wenn ich wach war und sie Lust hatte. Der Grund für die quasi religiöse Verehrung meiner Ur-Großmutter lag in der Fähigkeit begründet, dass sie mittels eines Messers einen Apfel so schälen konnte, dass sich eine lange Apfelschalenschlange ergab. Und zwar eine durchgehende, von oben bis unten zum letzten Fitzel Apfelschale. Das soll erstmal einer nachmachen. Meine Mutter, von der ich selbstverständlich ähnliche Ergebnisse beim Apfelschälen erwartete, war diesbezüglich völlig untalentiert und so rissen die Apfelschalenschlangen immer durch, was ihr deutliche Minuspunkte einbrachte.
4 bis 5 Jahre
Erstmals entdeckte ich, dass auch Dinge zu einem Idol werden können und so erwählte ich den Staubsauger meiner Mutter zum Idol. Das war nämlich ein ganz besonderer Staubsauger. Zum einen war es, laut meiner Mutter, ein "Klopfstaubsauger" worunter ich mir zwar nichts vorstellen konnte, aber es klang spannend. Zum anderen, und das war das entscheidende, hatte der vorne Licht. Wie bei einem Auto ging vorne am Staubsauger ein Scheinwerfer an, der wahrscheinlich eher zur Schlampigkeit neigende Hausfrauen daran gemahnen sollte, das auch unter den Sesseln und dem Bett hässlicher Staub zu finden sei, der mittels Klopfgeräusche zur Aufgabe gezwungen werden sollte.
5 bis 7 Jahre
Ich beschloss erstmal ein paar Jahre ohne Idolzu leben und erholte mich von dem Schock, dass meine Mutter einen neuen Staubsauger ohne Scheinwerfer hatte.
7 Jahre
Donald Duck trat in mein Leben. Im Grunde war er schon ein paar Jahre länger da, aber so mit sechs oder sieben Jahren konnte ich dann auch einigermaßen lesen und verstehen, was in weißen Feldern über ihm stand. Mir blieb auch nicht verborgen, dass Donald im Grunde ein Verlierer war. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch die sozialistisch-romantische Vorstellung, dass Dagobert ja mal was abgeben könnte, und besprach diese Angelegenheit häufiger mit meiner Mutter, die aber eine konservativ-kapitalistische Denkweise bevorzugte, was zu tränenreichen Auseinandersetzungen führte, bei denen komischerweise immer meine Mutter gewann.
8 Jahre
Der Nachbar von nebenan. Dieser hatte einen sehr, sehr gepflegten Garten und tat den ganzen Tag nichts anderes, als im Garten ein wenig Unkraut zu jäten und die Blumen zu betrachten. Es stand für mich fest, dass ich auf jeden Fall Gärtner werden würde, denn das war ja wohl ein absolut genialer Job. Den ganzen Tag zu Hause, Blumen schubsen und dafür auch noch Geld bekommen. Wahnsinn. Ich unterrichtete alsbald meine Eltern über diesen Entschluss. Die nickten, machten mich aber darauf aufmerksam, dass der Nachbar mit seiner Gartenpflege ja kein Geld verdienen würde, weil er Geld vom Staat bekommen würde. Ich entgegnete verblüfft, dass ich das doch nicht brauchen würde, da sie als meine Eltern ja Geld verdienen würden. Mein Vater beschloss mir das Taschengeld zu kürzen.
9 bis 13 Jahre
Mein Vater. Der war in dieser Zeit als Rennfahrer unterwegs. Weil seine Rennen oft im Rahmenprogramm von größeren Veranstaltungen liefen, konnte die gesamte Familie immer mit "All Areas" Pässen ausgestattet werden. Wenn man bei einem Motorsport begeisterten, ca 10jährigen Jungen Eindruck schinden will, dann ist Kombintion "All Areas" Pass und Mittagessen neben den damals großen Stars wie Klaus Ludwig, Derek Bell und Jacky Ickx sicher nicht die schlechteste.
13 Jahre
Susanne aus der dritten Reihe. Und Nena.
14 Jahre
Susanne aus der dritten Reihe. Und Kim Wilde.
15 Jahre
Herny Miller, wie ich anderer Stelle hier schon mal erwähnte
ab 17 Jahre
Nach einer kurzen politischen Phase landete ich bei Menschen, denen es im Grunde ihres Herzens darum ging, dass sie sich um sich selbst kümmerten. Idole waren passé, auch weil es schlicht und ergreifend keine gab. Es war 1984 und die britische Band Heaven 17 hatte erst ein Album namens „Penthouse and Pavement“ veröffentlicht um dann mit „The Luxury Gap“ nachzulegen. Darum sollte es also jetzt gehen – gelangweilter Luxus im Synthesizer Gewand, statt handgemachte Musik von politisch engagierten Liedermachern. All die ideologischen Grabenkämpfe der letzten Jahre waren so langweilig und ausgelutscht, dass man nicht mal mehr darüber nachdachte, sich mit ihnen auseinander zu setzen. Es machte keinen Spaß mehr, ein Idol zu haben. Aber irgendwas fühlt sich daran bis heute für mich nicht richtig an und daran ist Elvis schuld.
Als am 16.08.1977 Elvis starb, habe ich meinen Vater das erste Mal weinen sehen. Mein Vater war kein Elvis Fan im klassischen Sinne. Er hatte nur ein oder zwei Schallplatten von ihm und er hörte ihn nicht mal besonders oft. Aber da war was anderes, was Elvis für ihn und wahrscheinlich für Millionen andere zu einem Idol werden ließ. Der Sänger stand für viel mehr, als nur für Musik. Er war nicht nur der erste Popstar, er bedeutete viel mehr. Erst stand für die Abgrenzung von den psychisch wie physisch immer noch kriegsversehrten Eltern, deren Erlebnisse man auf Grund des eigenen Geburtsdatums nicht geteilt hat und die sich Ende der 50er Jahre am deutschen Wirtschaftswunder festhielten. Musikalisch gab es keine Alternativen. 1958, dem Jahr, als Elvis nach Deutschland kam um seinen Wehrdienst abzuleisten, belegte Fred Bertelmann mit dem Titel "Der lachende Vagabund" von Januar bis März den ersten Platz in den Hitparaden. So war es auch kein Wunder, das im Hause meines Vaters das laute Hören von Elvis Songs verboten war. Und weil das für meisten Elternhäuser galt, traf man sich in einer Bar die eine Jukebox hatte und drückte die Nummern von Elvis, Chuck Berry und Peter Kraus. Mit Rock 'n Roll und Elvis verband mein Vater seine erste Rebellion, seine Trennung von dem, was seine Eltern ihm vorsetzten. Und verantwortlich dafür war der größte Star von allen: Elvis. Er war der Grund, warum mein Vater immer wieder die Bar ging, er war der Grund, warum er nicht wie seine Eltern Arzt werden wollte. Als der 1977 starb, da starb auch ein Stück seiner Jugend und damit auch ein Lebensgefühl, dass man vielleicht immer exakt gelebt hatte, aber doch in sich trug.
Heute spuckt eine Unterhaltungsindustrie seine Stars nur noch für wenige Momente auf den Markt. Jährlich werden im Fernsehen neue "Popstars" gekürt, die nach wenigen Wochen schon wieder vergessen sind und nicht mal mehr als Klingelton taugen. Um zu einem Idol zu werden muss man etwas Revolutionäres tun. Einen neuen Malstil erfinden, neue Schreibstile, eine neue Musikrichtung. Und man muss damit in die Herzen der Menschen kommen. Doch heute werden monatliche irgendwelche neuen "Stars" und "Revolutionäre Neuigkeiten" propagiert. Heute findet man leider nur noch tote Idole, weil die Schnelligkeit unserer Welt und die der Konsumindustrie nichts anderes mehr zulässt. Wenn irgendwann in der Zukunft mein Radiowecker los geht und mir mitteilt, dass Michael Jackson, Madonna oder Simon le Bon tot ist, werde ich sicher nicht in Tränen ausbrechen, was ich eigentlich viel trauriger ist.
3 Jahre
In diesem Alter war der klare Favorit in Sachen Idol meine Ur-Großmutter. Diese war am Vormittag für mich verantwortlich, jedenfalls dann, wenn ich wach war und sie Lust hatte. Der Grund für die quasi religiöse Verehrung meiner Ur-Großmutter lag in der Fähigkeit begründet, dass sie mittels eines Messers einen Apfel so schälen konnte, dass sich eine lange Apfelschalenschlange ergab. Und zwar eine durchgehende, von oben bis unten zum letzten Fitzel Apfelschale. Das soll erstmal einer nachmachen. Meine Mutter, von der ich selbstverständlich ähnliche Ergebnisse beim Apfelschälen erwartete, war diesbezüglich völlig untalentiert und so rissen die Apfelschalenschlangen immer durch, was ihr deutliche Minuspunkte einbrachte.
4 bis 5 Jahre
Erstmals entdeckte ich, dass auch Dinge zu einem Idol werden können und so erwählte ich den Staubsauger meiner Mutter zum Idol. Das war nämlich ein ganz besonderer Staubsauger. Zum einen war es, laut meiner Mutter, ein "Klopfstaubsauger" worunter ich mir zwar nichts vorstellen konnte, aber es klang spannend. Zum anderen, und das war das entscheidende, hatte der vorne Licht. Wie bei einem Auto ging vorne am Staubsauger ein Scheinwerfer an, der wahrscheinlich eher zur Schlampigkeit neigende Hausfrauen daran gemahnen sollte, das auch unter den Sesseln und dem Bett hässlicher Staub zu finden sei, der mittels Klopfgeräusche zur Aufgabe gezwungen werden sollte.
5 bis 7 Jahre
Ich beschloss erstmal ein paar Jahre ohne Idolzu leben und erholte mich von dem Schock, dass meine Mutter einen neuen Staubsauger ohne Scheinwerfer hatte.
7 Jahre
Donald Duck trat in mein Leben. Im Grunde war er schon ein paar Jahre länger da, aber so mit sechs oder sieben Jahren konnte ich dann auch einigermaßen lesen und verstehen, was in weißen Feldern über ihm stand. Mir blieb auch nicht verborgen, dass Donald im Grunde ein Verlierer war. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch die sozialistisch-romantische Vorstellung, dass Dagobert ja mal was abgeben könnte, und besprach diese Angelegenheit häufiger mit meiner Mutter, die aber eine konservativ-kapitalistische Denkweise bevorzugte, was zu tränenreichen Auseinandersetzungen führte, bei denen komischerweise immer meine Mutter gewann.
8 Jahre
Der Nachbar von nebenan. Dieser hatte einen sehr, sehr gepflegten Garten und tat den ganzen Tag nichts anderes, als im Garten ein wenig Unkraut zu jäten und die Blumen zu betrachten. Es stand für mich fest, dass ich auf jeden Fall Gärtner werden würde, denn das war ja wohl ein absolut genialer Job. Den ganzen Tag zu Hause, Blumen schubsen und dafür auch noch Geld bekommen. Wahnsinn. Ich unterrichtete alsbald meine Eltern über diesen Entschluss. Die nickten, machten mich aber darauf aufmerksam, dass der Nachbar mit seiner Gartenpflege ja kein Geld verdienen würde, weil er Geld vom Staat bekommen würde. Ich entgegnete verblüfft, dass ich das doch nicht brauchen würde, da sie als meine Eltern ja Geld verdienen würden. Mein Vater beschloss mir das Taschengeld zu kürzen.
9 bis 13 Jahre
Mein Vater. Der war in dieser Zeit als Rennfahrer unterwegs. Weil seine Rennen oft im Rahmenprogramm von größeren Veranstaltungen liefen, konnte die gesamte Familie immer mit "All Areas" Pässen ausgestattet werden. Wenn man bei einem Motorsport begeisterten, ca 10jährigen Jungen Eindruck schinden will, dann ist Kombintion "All Areas" Pass und Mittagessen neben den damals großen Stars wie Klaus Ludwig, Derek Bell und Jacky Ickx sicher nicht die schlechteste.
13 Jahre
Susanne aus der dritten Reihe. Und Nena.
14 Jahre
Susanne aus der dritten Reihe. Und Kim Wilde.
15 Jahre
Herny Miller, wie ich anderer Stelle hier schon mal erwähnte
ab 17 Jahre
Nach einer kurzen politischen Phase landete ich bei Menschen, denen es im Grunde ihres Herzens darum ging, dass sie sich um sich selbst kümmerten. Idole waren passé, auch weil es schlicht und ergreifend keine gab. Es war 1984 und die britische Band Heaven 17 hatte erst ein Album namens „Penthouse and Pavement“ veröffentlicht um dann mit „The Luxury Gap“ nachzulegen. Darum sollte es also jetzt gehen – gelangweilter Luxus im Synthesizer Gewand, statt handgemachte Musik von politisch engagierten Liedermachern. All die ideologischen Grabenkämpfe der letzten Jahre waren so langweilig und ausgelutscht, dass man nicht mal mehr darüber nachdachte, sich mit ihnen auseinander zu setzen. Es machte keinen Spaß mehr, ein Idol zu haben. Aber irgendwas fühlt sich daran bis heute für mich nicht richtig an und daran ist Elvis schuld.
Als am 16.08.1977 Elvis starb, habe ich meinen Vater das erste Mal weinen sehen. Mein Vater war kein Elvis Fan im klassischen Sinne. Er hatte nur ein oder zwei Schallplatten von ihm und er hörte ihn nicht mal besonders oft. Aber da war was anderes, was Elvis für ihn und wahrscheinlich für Millionen andere zu einem Idol werden ließ. Der Sänger stand für viel mehr, als nur für Musik. Er war nicht nur der erste Popstar, er bedeutete viel mehr. Erst stand für die Abgrenzung von den psychisch wie physisch immer noch kriegsversehrten Eltern, deren Erlebnisse man auf Grund des eigenen Geburtsdatums nicht geteilt hat und die sich Ende der 50er Jahre am deutschen Wirtschaftswunder festhielten. Musikalisch gab es keine Alternativen. 1958, dem Jahr, als Elvis nach Deutschland kam um seinen Wehrdienst abzuleisten, belegte Fred Bertelmann mit dem Titel "Der lachende Vagabund" von Januar bis März den ersten Platz in den Hitparaden. So war es auch kein Wunder, das im Hause meines Vaters das laute Hören von Elvis Songs verboten war. Und weil das für meisten Elternhäuser galt, traf man sich in einer Bar die eine Jukebox hatte und drückte die Nummern von Elvis, Chuck Berry und Peter Kraus. Mit Rock 'n Roll und Elvis verband mein Vater seine erste Rebellion, seine Trennung von dem, was seine Eltern ihm vorsetzten. Und verantwortlich dafür war der größte Star von allen: Elvis. Er war der Grund, warum mein Vater immer wieder die Bar ging, er war der Grund, warum er nicht wie seine Eltern Arzt werden wollte. Als der 1977 starb, da starb auch ein Stück seiner Jugend und damit auch ein Lebensgefühl, dass man vielleicht immer exakt gelebt hatte, aber doch in sich trug.
Heute spuckt eine Unterhaltungsindustrie seine Stars nur noch für wenige Momente auf den Markt. Jährlich werden im Fernsehen neue "Popstars" gekürt, die nach wenigen Wochen schon wieder vergessen sind und nicht mal mehr als Klingelton taugen. Um zu einem Idol zu werden muss man etwas Revolutionäres tun. Einen neuen Malstil erfinden, neue Schreibstile, eine neue Musikrichtung. Und man muss damit in die Herzen der Menschen kommen. Doch heute werden monatliche irgendwelche neuen "Stars" und "Revolutionäre Neuigkeiten" propagiert. Heute findet man leider nur noch tote Idole, weil die Schnelligkeit unserer Welt und die der Konsumindustrie nichts anderes mehr zulässt. Wenn irgendwann in der Zukunft mein Radiowecker los geht und mir mitteilt, dass Michael Jackson, Madonna oder Simon le Bon tot ist, werde ich sicher nicht in Tränen ausbrechen, was ich eigentlich viel trauriger ist.


Sarah
am 10. Jul, 17:43