0220 - Idole

Editorial

robert scharfenberg
Na, haben Sie ein Idol? Nein? Ja? Interessant. Denn es scheint kein "dazwischen" zu geben - Idole hat man oder nicht. Finden wir heraus, warum...
Ich glaube, Idole zu haben ist etwas gutes. Solange es unverkrampft ist und man sich die richtigen aussucht.
Mir gefällt die Idee, die dahintersteckt - die Idee einer Inspiration, eines role models, an dem man sich im Zweifel richten kann. Und zwar gefällt mir die Idee gleichermaßen wie sie mich abschreckt.
Denn jemanden zu haben, hinter dem man herlaufen kann, macht nicht sicher, sondern denkfaul.

Eine eindeutige Antwort auf das Problem "Idol: ja/nein" gibt es wohl nicht. Sehr wohl aber gibt es sehr viele interessante Meinungen dazu - viel Spaß mit der Lektüre der neuen Ausgabe von mindestenshaltbar!

PS: Bei mindestenshaltbar gibt es ab der aktuellen Ausgabe eine Neuerung, über die wir uns sehr freuen: Zukünftig wird Don Dahlmann die Kolumne für mindestenshaltbar schreiben - wir freuen uns sehr über diesen Neuzugang!
robert ist auf der suche. nach interessanten autoren, nach faszinierenden grafikern und fotografen, nach dem lächeln oder dem stirnrunzeln, dass einen beim lesen überkommt. deshalb ist er jetzt bei mindestenshaltbar und darf genau diese dinge finden.

Glück im Epizentrum der Waschbeton-Tristesse

Elle
Idole müssen nicht immer Berühmtheiten sein. Auch eine Familie kann Idol, Vorbild sein. Und manchmal muss das noch nicht mal die eigene sein….
Ich lernte Becky beim Sprachkurs in Florenz kennen. Becky war Engländerin. Sie hatte vor fast zwei Jahren das Kunststudium an einem renommierten College ihrer Heimat abgebrochen und arbeitete seitdem als Kindermädchen bei einer reichen englischen Familie.

Offensichtlich in Anlehnung an ihr ehemaliges Studienfach ließ sie sich von den wenig begabten Portraitkünstlern
Bild füre 20.000 Lire von Deine schöne Gesichte?
auf dem Domplatz ansprechen. Mit dem einen oder anderen kam sie auch zusammen aber die Beziehungen hielten nie lange, denn die Maler lernten in ihrem Beruf einfach zu viele Frauen kennen.

Schließlich landete sie bei Gennaro, einem Maurer, der ursprünglich aus Neapel kam.
Bevor ich ihn kennen lernte, erwartet ich einen zudringlichen Kerl, der sich von den Portraitmalern nur dadurch unterschied, dass er mit einer Kelle und nicht mit einem Bleistift arbeitete. Zu meiner Überraschung war Gennaro eher ruhig und zurückhaltend und hatte einen sehr bissigen Humor, wenn er während des Gesprächs zwischen Becky und mir mal was sagte.

Ich verließ Florenz. Becky blieb. Auch bei Gennaro. Ein paar Jahre später studierte ich in Neapel und wir verabredeten uns, als sie zu Besuch bei seinen Eltern waren. Ich war etwas überrascht, als sie mir vorschlugen, uns bei den Eltern zu treffen. Ich hatte eher an ein Café gedacht. Aber immer wieder offen Neuem gegenüber setzte ich mich in die Circumvisuviana (S-Bahn, die am Rand des Vesuvs von Neapel nach Sorrent fährt) und fuhr in Richtung Pompei.

Gennaros Familie wohnte in einem kleinen Ort am Fuße Vesuvs. Das klingt romantisch. Hoffnungslose Tristesse trifft es aber eher. Die Vororte Neapels, die man auf dem Weg nach Sorrent passiert, sind von einer Trostlosigkeit, die sich selbst Wim Wenders nicht besser hätte ausdenken können. Wer einmal im Winter vor den geschlossenen Toren der Grabungsstätte Herulaneum, zwischen öden grauen verfallenen Betonhochhäusern stand, wundert sich nicht mehr, warum die dort lebenden Menschen im Wesentlichen Drogen konsumieren und verkaufen. Das Blut der Mafia ist hier der einzige Farbklecks.

Die beiden holten mich von der Haltstelle ab. Wir fuhren mit dem Auto tiefer ins Grau und standen irgendwann vor einem Betonklotz, durch dessen Tor wir in einen Betonhof gelangten.

Beim Anblick einer Waschbetontreppe ohne Geländer, die in die Wohnung der Gennaros führte, bereitete ich mich mental darauf vor, an diesem Abend noch Kokain und Heroin für die lokale Mafia in kleine Plastiksäckchen zu füllen.

Der erste Schritt ins Haus führte in die Küche, in der Mutter und Vater Gennaro kochten und mich, ohne Zwiebelmesser und Fleischklöppel aus der Hand zu nehmen, umarmten und willkommen hießen. Schüchtern sagte ich Buona sera.

Während Becky und Gennaro nur zu Besuch waren, lebten neben den Eltern noch seine jüngere, 22jährige Schwester, ihr zweijähriger Sohn und der kleine Bruder in der Wohnung.

Während die Eltern nach meiner Begrüßung weiterkochten, schoben mich die anderen Familienmitglieder ins Wohnzimmer und drückten mich aufs Sofa. Dort saß ich und beobachtete apathisch, wie alle um mich herumwuselten, mich zwangen sitzen zu bleiben, einen Tisch herzauberten, diesen deckten, mich zwangen sitzen zu bleiben, laut redeten, köstliche Vorspeisen auf den Tisch stellten und mich zwangen, sitzen zu bleiben.

Von meinem Sofaplatz aus versuchte ich, die Wohnung zu verstehen. Besser gesagt versuchte ich zu verstehen, wo all die anwesenden Personen in der Wohnung Platz zum Schlafen finden würden. Ich sah aber nur drei Türen – eine zur Küche, eine zum Bad und eine in ein kleines Schlafzimmer.

Das Essen war köstlich. Nur die Zubereitung der Steaks fand ich etwas befremdlich. Sie wurden auf einem selbstgebauten Bronxstyle-Grill – Metalltonne mit Rost – im Hof zubereitet.

Vor der Nachspeise entschuldigte ich mich und ging auf Toilette. Ich musste gar nicht, Aber ich hegte den Verdacht, dass vom Badezimmer aus noch weitere Zimmer abgehen würden. Das Badezimmer war groß und grün, hatte ein Fenster – aber keine weiteren Türen.

Nach dem Espresso gab es eine Hausführung und endlich sah ich den Moment gekommen, in dem sich das Rätsel des Wohnraums lösen würde. Ich war mir mittlerweile sicher, dass es eine Fernbedienung geben würde, die einen Mechanismus auslöst, der die Schrankwand öffnet um den Wohnraum dahinter zugänglich zu machen.

Da ich ja bereits im Badezimmer gewesen war, zeigte man mir zuerst das Schlafzimmer. Es war klein und beherbergte ein Doppelbett sowie ein Kinderbett. Die Wohnungsführung war beendet.
Wo schlaft Ihr denn alle?
fragte ich schließlich die Eltern.
Das ist doch ganz einfach – wir schlafen im Schlafzimmer, das Kind im Kinderbett und aus dem Sofa wird ein Bett für Becky und Gennaro. Im Wohnzimmerschrank steckt das Nachtlager für die kleine Schwester und der kleine Bruder schläft auf einem Klappbett. Wenn Du möchtest, kannst Du auch gern hier schlafen, wir gehen dann ins Wohnzimmer und Du kannst im Schlafzimmer übernachten. Das Bett ist wirklich sehr bequem.
Und nicht ohne Stolz wurde mir erzählt:
Vor ein paar Jahren als unser Ältester geheiratet hat, haben in dieser Wohnung dreizehn Personen übernachtet. Das ist überhaupt kein Problem. Wir haben genug Platz.
Natürlich weiß man, dass in Afrika die Kinder hungern, dass es uns in Deutschland sehr gut geht und dass man Lebensstandards nicht miteinander vergleichen darf. Aber ich war in Italien – zwar im Süden, aber nicht in Timbuktu. Ich war bei einer ganz normalen, sehr gastfreundlichen und fröhlichen Familie. Eine Familie aber, der es egal war, dass sie immer – und zwar nicht im nur Urlaub oder zu den Feiertagen – zu fünft oder mehr nur ein Bad, eine Küche, ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer bewohnten.

Offensichtlich angestachelt von meiner unübersehbaren Überraschung über die effiziente Nutzung des Wohnraums, wurde mir mittels gefühlter zehn Fotoalben gezeigt, welche Feste in der kleinen Herberge schon gefeiert wurden. Während ich mir die Alben ansah (Oh! Ah! Interessant!) und dazu gleichzeitig den Kommentar von drei Personen hörte, holte der Vater mehrere Gläser, zwei große Pfirsiche und eine Karaffe Weißwein. Er setzte sich hin, kramte ein altes Schweizer Taschenmesser aus der Hosentasche und schnitt – nachdem er die Klinge sorgsam an der Tischdecke gereinigt hatte – die Pfirsiche in dünne Scheiben. Diese lies er in vorsichtig in die mit Weißwein gefüllten Gläser fallen.

Als jeder ein Glas hatte, hob er seines und sagte:
Auf unser schönes Leben, auf diesen Abend und auf Elle, unseren Gast! Salute.
Ich saß im Epizentrum der Waschbeton-Tristesse. Aber statt Drogen in Tütchen abzufüllen, Augenzeuge eines Mafia-Mordes am Rande der Stadt zu werden oder mir Geschichten darüber anzuhören, wie sehr die Regierung die kleinen Leute vergessen würde, stellte ich fest, dass Zufriedenheit und Glück nichts mit Wohnraum, Reichtum und gesellschaftlicher Position zu tun hat.

Einen Toast auf Familie Gennaro.
Rechtsrheinisch-kölsche Bloggerin im hanseatischen Exil mit einer
Vorliebe für Schuhe, Ökotest, Kosmetik und andere Länder.

www.journelle.com

Sixpack

derbaron
Von einem, der sich immer weigerte Idole zu haben, bis ausgerechnet Herr Idol dafür sorgte, es ihm gleich zu tun
Eigentlich dachte ich bis vor kurzem, mein Leben sei zur Gänze idolfrei. Zugegeben, jeder hat Vorbilder und bewundert die eine oder andere Person. So fand ich dazumals zum Beispiel Grisu den feuerwehrmannwerdenwollenden Drachen cool, lachte stundenlang über Pierre Richard, um mich wenig später unsterblich in Sophie Marceau zu verlieben und beendete schließlich meine frühe Jugendzeit mit dem stundenlangen Anhören alter Genesis-Platten.

Natürlich kann man bei diesen meine Zeit des Heranreifens begleitet habenden Figuren schwerlich davon sprechen, daß es sich bei diesen um Idole gehandelt hat, denn Idolen versucht man in der Regel nachzueifern oder ihnen ähnlich zu werden, doch wollte ich weder Feuerwehrmann noch grün werden (auch wenn ich derzeit ein drachengrünes Auto fahre), so tollpatschig wie Pierre Richard werden (auch wenn mir manchmal eine gewisse Tollpatschigkeit beschieden wird), ich wollte auch nicht so weiblich und sinnlich wie Sophie Marceau werden, lediglich so gut Schlagzeug spielen zu können wie Phil Collins wäre mein Traum gewesen. Zumindest gelang es mir im Lauf der Jahre, mir seine Frisur anzueignen.

Wirkliche Idole hatte ich allerdings nie. Nun wuchs ich also idollos heran, studierte, begann zu arbeiten und das Leben zu genießen. Dazu frönte ich der Devise, daß Sport Mord wäre, ich als friedfertiger Mensch diesen also ablehnte. Und so kam es, daß ich eines Tages bemerkte, daß ich einen kleinen Wohlstandsbauch angesetzt hatte und beim Stiegensteigen außer Atem geriet. Ich kaufte mir einen Hometrainer, der fortan als Kleiderständer fungierte, und ging, statt diesen seinem ursprünglichen Verwendungszweck zu unterziehen, lieber und regelmäßig mit Freunden auf ein Bier.

Doch dann kam jener denkwürdige Tag im heurigen Sommer, der meinem Leben eine fundamentale Wendung bescheren sollte. Ich besuchte das "Lovely Days"-Rockfestival in der beschaulichen Provinzlandeshauptstadt St. Pölten, um dort einen ganzen Konzerttag lang dem Höhepunkt, einem Auftritt von "The Who", entgegenzufiebern und nahm dafür neben einer Reihe von guten anderen Bands auch ein paar Auftritte von Musikern in Kauf, die ich mir freiwillig nicht anhören würde. So stand unter anderem ein einstündiges Set von Billy Idol auf dem Programm.

Billy Idol, dachte ich bei mir, das ist doch dieser Halbstarke, der ein paar seichte Hits fabriziert hatte, die mich schon in meiner Jugend regelmäßig genervt hatten. Auf der Bühne jedoch erschien zu meinem Erstaunen ein charismatischer, gutgelaunter und vor Energie strotzender Sänger, der mit seinem Image selbstironisch umging, der eine gewinnende Ausstrahlung und sein Publikum fest im Griff hatte.

Ich war positiv überrascht und warf meine Vorurteile umgehend über Board. Billy Idol warf im Gegenzug sein Hemd ins Publikum, und was ich nun sah, hätte mir den Verstand geraubt, wäre ich eine Frau oder mit homophilen Zügen ausgestattet. Wenige Meter vor und über mir stand ein Mann von 51 Jahren, der einen durchtrainierten Oberkörper hatte, wie ich ihn noch selten gesehen habe. Nicht übertrainiert wie ein Bodybuilder sondern ausgewogen und schön anzusehen, kein Gramm zu viel, sondern so, daß man jeden einzelnen Muskel wie in einem Anatomielehrbuch erkennen konnte.

Ich ertastete meinen durch den Genuss unzähliger Sixpacks Bier geformten Onepack und blickte neiderfüllt auf Billy Idols Sixpack. Und ehe das Konzert zu Ende war, fasste ich den Entschluss, ebenfalls über eine derartige Körperstatur verfügen zu wollen.

Wenig später schrieb ich mich in einem Fitnessstudio ein, wo ich mich seither quäle und versuche, meinem Idol Idol Ebenbild zu werden. Auf der Haben-Seite des Lebens werde ich demnächst den Körper von Billy Idol und die Haarpracht von Phil Collins besitzen, Schlagzeug spielen werde ich dann aber immer noch nicht g'scheit können.
Der Baron wurde zu spät, nämlich 1 Jahr nach Woodstock geboren. Er lebt abseits der Welt in Wien. Aufgrund seines trockenen Jobs als Techniker verfügt er über Gedankenüberschüsse, die er aus therapeutischen Gründen in seinem Weblog namens "My Castle is my Home" zwischenlagert.

Idole

Miaka
Es gibt viele Wege sich durch das schwierige Alter der Jugend zu kämpfen. Einer davon sind Anime-Comics. Und wie sich herausstellt: Es gibt definitiv schlechtere Arten, diesen Alter zu meistern.
Ich hatte in meiner Kindheit nicht viele Freunde; nicht, dass ich nicht gewollt hätte, aber irgendwie schaffte ich es immer wieder, mir die "falschen" auszusuchen und war im Endeffekt dann doch meistens alleine. Weder war ich das beliebteste Mädchen in der Klasse noch Liebling aller Lehrer. Unteres Mittelfeld hätte ich gesagt. Von weitem hab ich sie immer still beobachtet. Die Klassenclowns, die sogar die Lehrer mit ihren Witzen zum Lachen brachten; die beliebten Mädchen, zu denen nie ein Junge jemals etwas Gemeines sagen würde. Was hätte ich damals gegeben, um so zu sein wie die, die von allen gemocht werden!

Aber dem war nicht so, ich habe stets eine auf den Deckel bekommen, sogar Freundschaften stellten sich nach einiger Zeit als nicht beständig heraus.

Irgendwann baute ich dann eine Traumwelt für mich auf, eine, in der ich die Person war, die ich in Wirklichkeit sein wollte; von allen gemocht und auch bewundert für meine vielen Talente. Basis dieser Traumwelt damals war -- und nun halte man sich fest -- Mila Superstar. Das kleine, geschwächte Mädchen, todkrank und neu in der Schule, hat keine Freunde und wird in so gut wie jeder Folge von irgendwen gemobbt. Mit ihr konnte ich mich identifizieren! Ich war begeistert von ihrer Stärke und dem Willen, nicht aufzugeben, tagtäglich bin ich schnell nach Hause geeilt, um ja keine Folge zu verpassen. Ich wollte einfach so sein wie sie und fing teilweise schon an, ihre Gestik und Mimik zu übernehmen.

Das Unverständnis, auf das ich in der Familie gestoßen bin, hat mich in meinem Wunsch nur bestärkt, noch stärker zu werden. Oft bin ich vor der Garage stundenlang mit den Rollschuhen im Kreis gefahren und hab mir aufgenommene Folgen auf Hörkassette angehört.

Mit der Zeit stießen auch noch andere Anime-Charaktere hinzu. Aus jeder Serie pickte ich mir einen heraus, der ich gerne im realen Leben gewesen wäre und es war stets ein Weltuntergang für mich, wenn eine Serie abgesetzt wurde.

Meiner beste Freundin ging es ähnlich wie mir, vielleicht waren ihre Beweggründe, sich in einer anderen Welt zu verstecken, andere. Wir haben Geschichten geschrieben, absolut fiktive, mit aktuellen Lieblingsstars und Zeichentrickfiguren vermischt, und wir mitten drin. Ich erinnere mich noch sehr gut an die erste überhaupt, sie hatte gegen Ende einen Umfang von mehr als 1000 Blatt und wir konnten uns stundenlang über unseren Wahnsinn zerkugeln, den wir da auf Papier gebracht hatten... die anderen in der Klasse bekamen nur mit, das wir uns immer prächtig amüsierten, aber niemand wusste warum. Leider fiel dieses Werk der Putzwut der Mutter meiner Freundin zum Opfer und ward nie mehr gesehen...

Mit der Zeit wurden der Geschichten weniger, die Schule wurde anspruchsvoller, die Zeit wurde knapp und der Zwang, schnell nach Hause zu fahren, um die ganzen Anime sehen zu können, lies nach. Bis er schließlich ganz aufhörte.

Vor einiger Zeit ward ich gezwungen, die Schränke und Schubladen meines Kinderzimmers auszuräumen, da die Einrichtung einer neuen, der Mutter mehr zusagenden, Möblierung weichen sollte. Und so kam es, dass ich auf einige der alten Geschichten gestoßen bin; ich habe einige Stunden damit verbracht, alles durchzulesen und konnte mich oft vor lachen nicht mehr halten.

Ich lache über niemanden, der in den aktuellen Zeichentrick-Serien "aufgeht", stemple diese Serien auch nicht als blöd oder was auch immer ab, ich schaue selbst wieder Gelegentlich welche; aber ich möchte nicht (mehr) so sein wie die Charaktere in den Serien, ich brauche kein Idol oder Vorbild mehr, denn ich bin so wie ich bin.
Miaka, mitte Zwanzig und in Wien lebend; Ihr faible für Japan und alles
was dazugehört lässt sich nicht verleugnen.

Heute bastel' ich mir ein Idol

mao
Mao hat im Grunde keine Idole. mao hat stattdessen Vorbilder. Oder auch nicht. Auf jeden Fall aber hat er Old Shatterhand – der weiß bestimmt Rat.
Als ich noch klein war hatte ich keines, da mir die richtige Dosis Muttermilch zur Lebensbewältigung durchaus ausreichend schien. Dann kam Old Shatterhand; schließlich die Erkenntnis, dass ich keine Idole habe und dieser Text.
Man kann es sich ja leicht machen und behaupten, Idole wären nur etwas für Kinder, die zwecks hormonell bedingter Lösung aus dem Familienband ihre Altvorderen gerne mit den Fratzen von Doherty, Spears, Williams oder Schwarzenegger schrecken.Auch ich konnte mich der Faszination eines Mannes, der Bärentatzen bevorzugt wurmstichig genießt und aus christlichem Großmut seine Feinde nur zu Krüppeln macht, nicht erwehren (eher un-rebellisch, sieht man von einer tiefenpsychologischen Analyse ab). Old Shatterhand und seine Haberer verloren jedoch ziemlich schnell viel von ihrer Anziehungskraft, als ich feststellen musste, dass es heutzutage zur Bestreitung des Lebensunterhalts wenig beiträgt, sich auf ein Pferd zu setzen und irgendwo in der Prärie wahlweise auf Bären oder Kniescheiben zu schießen. Diese Entwicklung war zweifellos dem Fortschreiten meines Alterungsprozesses geschuldet; trotzdem heißt das nicht, dass man ab einem gewissen Alter keine Idole mehr hat, auch die von Erwachsenen produzierte Kleine Zeitung hat ja auch ihren „Arnie“. Also liegt es nicht am Alter.

Weichen wir aus: Was ist denn ein Idol überhaupt? Ein Vorbild, möchte man meinen, klarer Fall von Synonym. Allerdings behauptet der Duden: „Jemand, Etwas als Gegenstand schwärmerischer Verehrung“ mit dem kleinen Nachsatz „meist als Wunschbild von Jugendlichen“. Ein Vorbild hingegen ist lediglich eine „Person/Sache, die als (idealisiertes) Muster, als Beispiel angesehen wird, nach dem man sich richtet“. Schön, wenn man sich nicht mehr selbst den Kopf zerbrechen muss, sondern sich einfach auf eine Autorität berufen kann; da müßte sich doch ein schönes Vorbild dazu finden lassen und gelöst ist mein Problem. Dummerweise ist es mittlerweile nicht mehr en vogue, den Autoritätsgläubigen heraushängen zu lassen, man denkt natürlich selbst. Daher bildet man sich eine eigene Meinung, am besten, indem man sich die Meinungen anderer ansieht und sich das Bekömmlichste aussucht. Faustformel für eigene Meinung pro Thema: Einen Monat Leitartikel lesen, mindestens in zwei verschiedenen Zeitungen, abwägen ob man Links oder Rechts sein möchte (Könner machen das schon vor der Lektüre), fertig. In der Folge sucht man sich noch einen Proponenten der erlesenen Meinung und erwählt sie/ihn sich zum Vorbild.

Jetzt weiß ich zwar, wie ich zu einem Vorbild komme, eigentlich wollte ich aber ein Idol. So ein Vorbild ist ja eine ziemlich verkopfte – Obacht auf die treffende Vorsilbe – Angelegenheit und appelliert lediglich an den Verstand, beziehungsweise das, was an dessen Stelle getreten ist. Ist es oft fragwürdig, sich strikt an sein Vorbild zu halten, werden die Dinge wirklich suspekt, wenn das Vorbild in Personalunion mit dem Idol besteht. Einem „Gegenstand schwärmerischer Verehrung“ glaubt man freilich jeden Unsinn. Drum trennt man idealerweise, was sich nur ungut bindet, und kombiniert nach Herzenslust. KHG muss kein Widerspruch zu Herrn Guevara sein! Wichtig ist allein, dass man sich in seinen Vorbildern und Idolen wiederfindet, stilmäßig, schiefe Optik auf den ersten Blick verleiht der Mischung erst einen gewissen Reiz und macht interessant. Das bietet darüber hinaus den Vorteil, dass man flexibel bleibt, je nach Laune und Milieu mal der Eine, mal der Andere das Idol sein kann. Quintessenz: Sind Hirn und Herz erst einmal outgesourct, steigt die Lebensqualität mangels eigener Anstrengungen erheblich.


Woher krieg ich jetzt mein Idol? Ich weiß nicht, ich lese wohl besser erst einmal nach, wie Old Shatterhand das angestellt hätte.
mao lebt und... wirkt in Wien. Er blogt nicht und
schreibt trotzdem. Er kann aber auch ganz anders, zum Beispiel farblos.

Idolize me

Idoru
Idole. Wer sind sie, woher kommen sie, haben wir überhaupt welche, wie stehen wir zu ihnen und weisen sie uns wirklich den Weg? Eine kritische Betrachtung.
Erinnert ihr euch auch, früher an diese Büchlein die man mit seinen Freunden getauscht hat, damit die etwas hineinschreiben? Ich meine nicht die echten Stammbücher die dem Schreibenden jede Freiheit lassen, sondern diese Quiz-Bücher, die eine Million nerviger Fragen stellen die man eigentlich nicht beantworten kann und vor allem nicht beantworten will - und sie selbstverständlich, unserem schulantrainierten Verlangen Fragen zu beantworten, Tests zu bestehen und Lückentexte zu füllen, doch nach bestem Wissen und Gewissen auszufüllen, damals wie heute. Ich mochte diese Quiz-FreundschaftsBücher damals schon nicht, hatte aber natürlich trotzdem eines, zusätzlich zum althergebrachten Stammbuch, wie die meisten bei uns, am Stadtrand von Wien, Anfang der 90er Jahre. Die schlimmsten Fragen waren die nach dem Lieblingsbuch, Lieblingsessen, LieblingsmusikerIn - zu viele Antworten! Unmöglich, auf der kurzen zumeist gepunkteten Linie alles unterzubringen - und die nach „meinem Idol“. Schon damals konnte ich das nicht zufriendenstellend beantworten und ließ das Feld meist leer. In mein eigenes Freundschaftsbuch schrieb ich im zarten Alter von zehn Jahren neben „Mein Idol“ - „brauche keins“.

Ich kann mich auch wirklich nicht daran erinnern, jemals ein Idol gehabt zu haben. Klar habe ich Vorbilder - aber für die verschiedensten Dinge. Die Frau die ich vorige Woche auf der Straße gesehen habe ist mein Vorbild, was den Plastikschmuck den sie trug betrifft. Meine Gesangslehrerin ist mein Vorbild in Bezug auf Technik und mein Interpretationslehrer ist mein Vorbild in Bezug auf Sprache. Angelika Kirchschlager ist mein Vorbild als junge österreichische Sängerin und Christa Ludwig ist mein Vorbild, was Gesang im allgemeinen betrifft. Siegfried Lenz ist mein Vorbild bei Sprache im Roman, Umberto Eco mein Vorbild beim Erzählen. Ich könnte noch lange, lange weiter meine Vorbilder aufzählen, meine Eltern, meine Granny, meine Kollegen und Freunde nennen; Musiker, Maler, Schauspieler, Bildhauer, die mich inspiriert und berührt haben, Künstler, Wissenschaftler und andere Menschen, die mich beeindruckt haben und trotzdem wäre ich der Frage nach meinem Idol nicht näher. Zum einen, weil Idole und Vorbilder nicht das gleiche sind - ein Idol ist eine einzelne Person, ein echtes So-möchte-ich-gern-sein-Mädchen, um mit Christine Nöstlinger zu sprechen. Und ich denke, genau da liegt auch mein Problem mit dem Konzept. Ich verstehe den Begriff „Idol“ so, daß das eben jemand ist, dem ich nacheifere, den ich nachahmen möchte. „Du bist mein Idol“ heißt „Ich wär gern genau wie du“.

Für mich stimmt das nicht. Ich wäre nicht gerne genau wie jemand anders, ich wäre gerne genau wie ich. Und das ist schon schwierig genug, auch ohne daß ich versuche, jemand anderem gerecht zu werden. Natürlich bin ich dafür, Ziele anzustreben, Ideale zu haben und immer zu versuchen, besser zu werden. Und dann noch besser. Und selbst wenn ich einmal die Beste wäre, würde ich immer noch besser werden wollen, einfach, um mich immer weiterzuentwickeln und immer etwas Neues zu lernen. Würde mir ein Idol dabei helfen, hätte ich vermutlich eines, aber so ist es nicht. Ich habe keines und ich will auch keines - „brauche keins“, genau wie damals.
Frau Idoru ist a) ein wandelndes Wörterbuch, b) keine Jukebox, c) völlig irre und d) stolzes Mitglied im Club der Unausgeschlafenen Verrückten.
Lebt und arbeitet in Wien.

Harald Juuuhnke

Herr V.
Es gibt zuwenig Idole. Nein. Es gibt nicht genug gute Idole. Nnnnnein, auch nicht. Aber man sollte jedenfalls ein Idol haben. Oder mehrere. Oder am besten gar keins. Ach, das ist alles schwierig...
„Ja, wir haaaaaben ein Idol – Harald Juuuuuuhnnke!“ dröhnt es neben mir durch die Autoscheibe. Im Inneren vier ich möchte fast sagen Kinder, wohl so Mitte 20, die lautstark und wiederholt beweisen, dass sie diese eine Zeile schon auswendig können.

Die Ampel wird grün, der Motor des vollgepferchten Mazda heult (oder besser:schreit) auf und meine Kreuzungsbekanntschaften sind auf und davon. Ich steige wieder aufs Rad, fahre Richtung Brandstwiete und bekomme schlimmerweise weder die vier Autoinsassen noch die Melodie des Lieds aus dem Kopf. Was mögen ihre Idole wirklich sein? Sie können doch nicht wirklich so sein wollen wir Juhnke, oder? Ich meine ja, ab und zu mal über die Stränge schlagen – aber als alter, zitternder Mann mit allen möglichen Krankheiten im Krankenhaus liegen und bei jeder noch kleinen Sache Hilfe brauchen. Kann jemand Idol sein, der nicht selbstständig Nahrung zu sich nehmen kann? Jemand, der sich selbst kaputt gemacht hat? Das kann ich nicht glauben.

Wer also sind die Idole meiner vier Juhnke-Anhänger? Sind es die Gesichter, die unsere Medien bevölkern? Sind es Merkel, Tokyo Hotel, Bohlen, Klinsmann? Ohne irgendeinem der genannten nahe treten zu wollen, finde ich nicht, dass sie Idol-Potential haben. Natürlich haben sie auf irgendeine Art und Weise einige Dinge richtig, sehr richtig mitunter sogar, gemacht und sind erfolgreich geworden. Aber Idole? Menschen, die man sich aussucht, um von ihnen zu lernen, um zu versuchen, dieselben Dinge richtig zu machen. Wohl kaum.

Dabei mangelt es ja nicht einmal an Begeisterung. Nehmen wir mal als relativ neutrales Beispiel Klinsmann her: War doch gut, was er mit unserer Mannschaft bei der WM gemacht hat, oder? Und bestimmt werden in dieser Minute Bücher geschrieben, die „Die Klinsmann-Methode“ propagieren, aber wann haben Sie zuletzt jemanden sagen gehört, er oder sie wäre gerne so wie Klinsi?
Eben.

Je länger ich darüber schreibe, desto eher kommt mir der Verdacht, dass wir vielleicht zuwenig Idole haben. Nicht auf eine altbackene, fingerhebende „Die Jugend von heute hat keine Idole mehr“-Weise, sondern ganz allgemein. Sie und ich. Der Mensch, der vor meinem Fenster gerade an die Laterne pinkelt und die Dame, die sich heute im Supermarkt vorgedrängt hat. Die Menschen in der Politik und die Menschen bei der Müllabfuhr.

Denn sagen Sie mir mal ganz spontan, wer Ihr Idol ist. Ich kann Ihnen (leider?) so auf die schnelle keine Antwort geben. Und selbstverständlich drehen wir das alle so hin als seien wir unheimlich individuell und sind selbst so toll, dass wir keine Götzenbilder brauchen, die wir nachäffen können.

Nun, für einen gewissen Teil (vielleicht sogar einen recht großen) mag das sogar stimmen. Aber was ist mit den Menschen, die kein Ziel im Leben haben, die ihre Richtung noch nicht gefunden haben? Also insbesondere Jugendliche. An welchen Werten orientieren sich diese Menschen denn, wenn sie jemanden suchen? An der Politik? Wohl kaum. An den Gesichtern aus Funk und Fernsehen? Auch nicht. Denn auch, wenn „unsere Kleinen“ oft für dumm gehalten werden (ich werfe mal das Wort „Pisa“ in die Luft) – so dumm sind sie auch nicht, dass sie nicht wissen, dass Gülcan und Carrie Bradshaw keine Leitbilder sein können. Die Kirche würde diese Leittierrolle wohl ganz gerne übernehmen, die Schäfchen ins Trockene führen und moralisch stützen – aber welches Vertrauen bringt man jemandem schon entgegen, der eine Steuer verlangt?

Vielleicht gibt es zuwenig „Gutmenschen“, die dann ein bisschen angehimmelt werden können. Leute, die einfach vernünftige Ansichten haben (und zwar abseits von rot, grün, schwarz oder gut, böse etc.) und ein bisschen in die Öffentlichkeit gehoben werden.
Das kann jetzt entweder heißen, dass die Medien blöd sind weil sie keine vernünftigen Menschen zeigen oder dass es keine vernünftigen Menschen mehr gibt.
Dass es zwar vernünftige Menschen gibt, die aber stillhalten, glaube ich nicht. Denn ein vernünftiger Mensch macht den Mund auf, wenn er Missstände sieht und darüber sollten sich eigentlich alle freuen.

Aber zurück zu Idolen: Ich glaube, es gibt nicht genug Idole und die paar wenigen guten sind schon vergeben. Gesetz dem Fall man weiß überhaupt, warum Ghandi eigentlich ganz ok war, hat bestimmt schon irgendein hübsches Mädchen auf ihrem Miss-Contest-Fragebogen unter Idol „Gandi“ [sic] vermerkt.

Wahrscheinlich sollte man die Leute dann ganz einfach zwingen, sich mit ihren Idolen zu beschäftigen – das würde bestimmt schon einiges bringen. Dann merken die Leute, die „Ghandi“ geschrieben haben, wie sie vielleicht seine Ideen für sich verwenden können und die Menschen, die „Harald Juhnke“ geschrieben haben, finden dann wohl bald raus, dass sie ein neues Idol brauchen.
Dann müssen wir den Terminus „Idol“ vielleicht alle noch ein bisschen weniger eng sehen (Herrgott, nur weil ich den Dalai Lama toll finde, renne ich doch nicht gleich in orange rum – steht mir doch überhaupt nicht!) und vielleicht – ja vielleicht kommt dann was ganz Gutes dabei raus.

Und jetzt machen Sie mir doch bitte eine Freude und sagen mir Ihr Idol und warum er oder sie so toll ist. Ich bin nämlich gerade auf der Suche.
Herr V. schreibt nach wie vor gern, fühlt sich aber in der Blogosphäre noch nicht ganz zuhause. Man kann wohl subsummieren: Herr V. braucht immer ein bisschen länger...

Wilhelm, das alte Arschloch

Träf
Wilhelm Tell, unser Nationalheld, war ein ziemlich unangenehmer Mensch. Aber gerade das macht ihn a) sympathisch und b) zum perfekten Schweiz-Maskottchen.
Wissen Sie, wir Schweizer sind ja ganz genau, wie Sie sich das immer vorstellen. Wir essen ausschließlich Rösti, klettern ständig auf Berge und sprechen komisch. Und natürlich sind wir ein bisschen detailverliebt, sehr genau und vollkommen unlocker, „odr“?
Und natürlich, um auch recht schön ins Bild zu passen, finden wir (ich meine das tatsächlich im Sinne von „ausnahmslos“) Wilhelm Tell gut. Das liegt uns quasi im Blut.

Kurz zur Erinnerung für die, denen die Geschichte nicht bekannt ist: Wilhelm Tell beschließt, eine als Vogt verkleidete Stange mit Hut nicht zu grüßen, was den tatsächlichen Vogt ärgert. Dieser lässt Herrn Tell festnehmen und verspricht ihm die Freiheit wenn Tell es schafft, einen Apfel auf eine gewisse Entfernung mit der Armbrust zu treffen. Tell ist erleichtert, Vogt stellt unter den Apfel Walther, den Sohn von Tell, Tell ist nicht mehr erleichtert. Tell trifft aber doch mehr Apfel als Sohn und die Sache ist vorerst vorbei.

Und warum ist jetzt Wilhelm Tell mein (unser?) Idol? Weil er im Grunde genommen so ein wunderbarer Idiot ist. Weil er gerade das nicht ist, was uns Schweizern ja auf die Fahne geschrieben ist, nämlich neutral. Vielleicht ist Tell unser aller Wunschdenken, unsere subtile „aber wir können auch anders“-Warnung, unser Pfeifen im Dunkeln.

Denn nicht nur, dass er zuerst meint, eine Stange mit Hut anpöbeln zu müssen und anschließend auch noch den dazugehörigen Vogt, fällt er das nächste Mal ungut auf, als er sich und seinen Sohn eigentlich schon gerettet hat. Eigentlich.
Denn nach dem Schuss durch den Apfel verrät er dem Vogt noch schnell, dass er im Todesfalle seines Sohnes, den Vogt erarmbrustet hätte.
Der Vogt ist natürlich von der Idee seines eigenen Ablebens wenig begeistert, beschließt also, Tell einzukerkern. Tell wiederum ist nicht sonderlich angetan von einem Leben im Kerker, flüchtet also im Bewusstsein, den eigentlich bis jetzt noch relativ geduldigen Vogt nun endgültig sauer gemacht zu haben.

Aber das hier soll ja keine Nachhilfestunde in Schweizer Geschichte sein – und eigentlich geht es auch gar nicht darum, wer jetzt wem einen Apfel vom Kopf geschossen hat, wer ihn gegessen hat und ob der Apfel einen Wurm hatte. Nein, es geht vielmehr darum, dass wir Schweizer uns so einen netten Nationalhelden ausgesucht haben.

Selbstverständlich entsprechen wir nicht den Vorurteilen aus dem ersten Absatz – nicht völlig zumindest. Aber weil wir in unserer Gesamtheit (und bitte entschuldigen Sie die Verallgemeinerung, in meinem subjektiven Empfinden ist es so) eben doch sehr neutral und zurückgehalten sind, finde ich es geradezu wundervoll, ein totales Arschloch zum kollektiven Idol auszuerküren.

Und genau da sind wir an dem Punkt angelangt, wo zumindest ich versuche, meinem Idol ein bisschen gerecht zu werden. Erstens kann man Nicht-Schweizer auf diese Weise wunderbar schockieren und zweitens lebt sich mein Leben angenehmer, seit mir bewusst ist, wie Tell mein Leben verändern kann.

Neulich beim Einkaufen habe ich zum Beispiel der altem Dame vor mir, die den Betrag unbedingt in kleinstmöglichen Münzen zahlen wollte, einfach einen Apfel auf den Kopf gesetzt, habe meine Armbrust…. nein, natürlich nicht.
Es sind die kleinen Gelegenheiten, wo ich den Tell rauslasse. Seitdem finde ich, ein „Nein“ völlig ausreichend wenn ein Kollege Schicht tauschen möchte und ich bin auch in der Lage einem Menschen am Telefon zu sagen, dass wir sein Produkt a) nicht brauchen b) nicht von der Qualität überzeugt sind und c) gerade einfach nicht wollen.
Alles freundlich, versteht sich, aber doch bestimmt. Wilhelm Tell hätte sich nicht eine halbe Stunde lang über einen Kopierer berichten lassen – ich schon.

Und deswegen werde ich morgen wieder ein Stückchen mehr wie Wilhelm Tell sein.
Raus mit den Äpfeln – hier komm ich!
"Träf" ist einerseits ein runder, harter Holzklotz und andererseits ein Mensch, der zwar nicht aktiv bloggt, aber gerne liest. Viel Vergnügen mit dem Text!

MM, Kalifornia

Glamourdick
Sie war Ikone für Unzählige, das Idealbild einer Frau, der Inbegriff von Glamour, Idealbesetzung für viele Rollen ihrer und auch der Zeit nach ihr. Heute liegt sie ein einem Grab, das von all dem nichts vermuten ließe – Marilyn….
Kai reicht mir in meiner bunt gestrichenen Küche ein bunt verpacktes Geschenk in der Größe eines schmalen Taschenbuchs. Ich bin überrascht-verwundert (meist schenkt er in Deutschland nicht erhältliche DVDs, Bücher usw) und packe aus. Es ist ein schmales Taschenbuch! Ein Travel Guide. Los Angeles.
"Mach mal auf!"
Ich falle angesichts eines Business Class Tickets nach LA in Ohnmacht.

Zeitsprung. Nikotinpflaster pflastern meinen Flug. Ich deriliere angesichts meiner Sozialphobie (12 Stunden Reisen in Transportmitteln, die mit Fremden besetzt sind), des Zigaretten-Entzugs und des Lebenstraumes, der wahr werden wird, der so albern ist, aber existiert, seit ich 9 Jahre alt bin: Ihr Grab besuchen. Kai hat diesen Traum wahr gemacht. Drei Tage Los Angeles und Silvester 03/04 zurück nach FFM und B. Das Hotel ist in Torrance, aber wir haben einen Mustang und cruisen die Highways entlang. LA scheint gar nicht so groß wie ich mir vorgestellt habe. Sogar der Smog riecht für mich gut. Venice, Santa Monica, Abstecher nach Bel Air, Melrose. Sunset Boulevard, Mulholland Drive, Hollywood and Vine. Jede Straße Celluloid. Wie in jeder Stadt in der ich bin überlege ich, ob ich hier leben könnte und denke "Ja". (Opportunist). Und dann suchen wir den Westwood Memorial Friedhof. Und finden ihn nicht. Er liegt ganz versteckt, irgendwo hinterm Wilshire Blvd. Da ist ein Kino, in dem "Mona Lisa Smile" läuft und ein Film mit Owen Wilson. Büro-Hochhäuser. Wir parken den Mustang (im Halteverbot, wie sich später herausstellt) und suchen. Finden. Leer, kaum jemand da, außer Kai und mir. Ein völlig undramatischer, geradezu peinlich kleiner Vorstadt-Friedhof mitten in LA. Rasenflächen mit identisch gestalteten Grabplatten. Kuck ma - Jack Lemmon! Truman Capote. Dann die "Schränke", die Leichenschubladen. Wo man nicht verrottet sondern vertrocknet. Mein Blick wandert und ich werde ganz traurig - ich muss es doch auf Anhieb finden, das Grab meiner Kindheitskönigin... Aber nee. Und es gab keinen Blumenladen. Ich mein, hey - jeder Scheißfriedhof hat einen Blumenladen. Dann ärgere ich mich über meine blöde Idee, mir die Haare über Weihnachten unbedingt rot tönen zu müssen. Ich bin in LA! Auf ihrem Friedhof! Und nicht mal blond!! Dann sehe ich auf einem Grab einen Tinker Bell Aufkleber. Heather O´ Rourke, "Carol Ann" aus den "Poltergeist"-Filmen. Da wird mein Herz warm. Für Tink stand SIE Modell. Und dann, paar Schritte weiter, sehe ich einen Sargschrank, einen Fläche mit Plaketten, und eine Grabkammer ist viel dunkler als die anderen. Weil alle sie berühren wollen. Ich gehe, schaue - ihr Name, 1926-1962. Lippenstiftabdrücke von bescheuerten Fans. Geschmacklose Blumen, teils vergammelt. Joe DiM.´s Dauerauftrag "jeden Tag eine frische rote Rose" lief 1982 aus. 20 Jahre waren gebucht, 20 Jahre reichen, er ist Pragmatiker. Und trotzdem gelten seine letzten Worte ihr. Er hat nach ihr nie wieder geheiratet.
Und ich hab nichts dabei. Keine Blume. Nichts. Für die Leiche meiner Heldin. Und dieses abgefummelte Grab schlägt mir aufs Gemüt und ich setz die Sonnenbrille auf, damit Kai nicht sieht, dass es dahinter zu fließen beginnt. Und will dem Scheiß-Governor Schwarzenegger einen Brief schreiben "Sie da - so ruht Hollywod-Royalty aber nicht! Schafffen Sie ein Mausoleum für die Dame, und zwar heute und nicht manana!" Aber wir gehen einfach wieder, zupfen das Strafticket von der Windschutzscheibe, setzen uns in den Mustang und fahren schweigsam nach Torrance.


FINAL ADDRESS TO MARILYN MONROE

Wilshire Boulevard, East Rhode Island Street
North El Centro Avenue
Odessa, Archwood, Arbol Street.
Nebraska, Franklin, Fountain Ave
West Olympic Boulevard
Cold cold cold Stone Canyon Road
Crescent Heights and Kelton Way
Beverly Glen, Castilian Drive
Hilldale Ave, North Lodi Street
Delongpre Avenue
North Palm Drive
West Sunset
North Doheny. Doheny...

12305 Helena Drive
12305 Helena Drive

2.

Brentwood
Los Angeles
Helena Drive
My spanish-style dream house
barely saw me alive

Brentwood
Los Angeles
Helena Drive
The first house I owned
saw me barely alive
one two three o five Helena Drive

3.

Twelve fifteen South Glendon Ave:
Westwood Memorial Park,
My Grave.
GlamourDick lebt und schreibt in Berlin. Sein blogbetrachtet er als Informationskunst. Seine Leser schätzen seine Besessenheit und seinen Hang zum emotionalen Exhibitionismus. Und die ganzen Sexgeschichten natürlich.

Schlechte Zeiten für Idole

Don Dahlmann
Idole zu finden, ist gar nicht so einfach. Ein Idol will weise gewählt sein, damit man nicht auf die schiefe Bahn kommt. Über eine schwierige Suche in der Kindheit und warum es heute keine Idole mehr gibt.
Das mit den Idolen ist ja so eine Sache. Auch und weil sie gerade in jungen Jahren mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit kommen und gehen. Ich habe mal versucht, mich an all die Idole zu erinnern, die ich in meinen Leben so hatte und musste feststellen, dass die Suche sehr schwierig und nicht eben erfolgreich war. Meinem Vater erging es da ganz anders.

3 Jahre
In diesem Alter war der klare Favorit in Sachen Idol meine Ur-Großmutter. Diese war am Vormittag für mich verantwortlich, jedenfalls dann, wenn ich wach war und sie Lust hatte. Der Grund für die quasi religiöse Verehrung meiner Ur-Großmutter lag in der Fähigkeit begründet, dass sie mittels eines Messers einen Apfel so schälen konnte, dass sich eine lange Apfelschalenschlange ergab. Und zwar eine durchgehende, von oben bis unten zum letzten Fitzel Apfelschale. Das soll erstmal einer nachmachen. Meine Mutter, von der ich selbstverständlich ähnliche Ergebnisse beim Apfelschälen erwartete, war diesbezüglich völlig untalentiert und so rissen die Apfelschalenschlangen immer durch, was ihr deutliche Minuspunkte einbrachte.

4 bis 5 Jahre
Erstmals entdeckte ich, dass auch Dinge zu einem Idol werden können und so erwählte ich den Staubsauger meiner Mutter zum Idol. Das war nämlich ein ganz besonderer Staubsauger. Zum einen war es, laut meiner Mutter, ein "Klopfstaubsauger" worunter ich mir zwar nichts vorstellen konnte, aber es klang spannend. Zum anderen, und das war das entscheidende, hatte der vorne Licht. Wie bei einem Auto ging vorne am Staubsauger ein Scheinwerfer an, der wahrscheinlich eher zur Schlampigkeit neigende Hausfrauen daran gemahnen sollte, das auch unter den Sesseln und dem Bett hässlicher Staub zu finden sei, der mittels Klopfgeräusche zur Aufgabe gezwungen werden sollte.

5 bis 7 Jahre
Ich beschloss erstmal ein paar Jahre ohne Idolzu leben und erholte mich von dem Schock, dass meine Mutter einen neuen Staubsauger ohne Scheinwerfer hatte.

7 Jahre
Donald Duck trat in mein Leben. Im Grunde war er schon ein paar Jahre länger da, aber so mit sechs oder sieben Jahren konnte ich dann auch einigermaßen lesen und verstehen, was in weißen Feldern über ihm stand. Mir blieb auch nicht verborgen, dass Donald im Grunde ein Verlierer war. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch die sozialistisch-romantische Vorstellung, dass Dagobert ja mal was abgeben könnte, und besprach diese Angelegenheit häufiger mit meiner Mutter, die aber eine konservativ-kapitalistische Denkweise bevorzugte, was zu tränenreichen Auseinandersetzungen führte, bei denen komischerweise immer meine Mutter gewann.

8 Jahre
Der Nachbar von nebenan. Dieser hatte einen sehr, sehr gepflegten Garten und tat den ganzen Tag nichts anderes, als im Garten ein wenig Unkraut zu jäten und die Blumen zu betrachten. Es stand für mich fest, dass ich auf jeden Fall Gärtner werden würde, denn das war ja wohl ein absolut genialer Job. Den ganzen Tag zu Hause, Blumen schubsen und dafür auch noch Geld bekommen. Wahnsinn. Ich unterrichtete alsbald meine Eltern über diesen Entschluss. Die nickten, machten mich aber darauf aufmerksam, dass der Nachbar mit seiner Gartenpflege ja kein Geld verdienen würde, weil er Geld vom Staat bekommen würde. Ich entgegnete verblüfft, dass ich das doch nicht brauchen würde, da sie als meine Eltern ja Geld verdienen würden. Mein Vater beschloss mir das Taschengeld zu kürzen.

9 bis 13 Jahre
Mein Vater. Der war in dieser Zeit als Rennfahrer unterwegs. Weil seine Rennen oft im Rahmenprogramm von größeren Veranstaltungen liefen, konnte die gesamte Familie immer mit "All Areas" Pässen ausgestattet werden. Wenn man bei einem Motorsport begeisterten, ca 10jährigen Jungen Eindruck schinden will, dann ist Kombintion "All Areas" Pass und Mittagessen neben den damals großen Stars wie Klaus Ludwig, Derek Bell und Jacky Ickx sicher nicht die schlechteste.

13 Jahre
Susanne aus der dritten Reihe. Und Nena.

14 Jahre
Susanne aus der dritten Reihe. Und Kim Wilde.

15 Jahre
Herny Miller, wie ich anderer Stelle hier schon mal erwähnte

ab 17 Jahre
Nach einer kurzen politischen Phase landete ich bei Menschen, denen es im Grunde ihres Herzens darum ging, dass sie sich um sich selbst kümmerten. Idole waren passé, auch weil es schlicht und ergreifend keine gab. Es war 1984 und die britische Band Heaven 17 hatte erst ein Album namens „Penthouse and Pavement“ veröffentlicht um dann mit „The Luxury Gap“ nachzulegen. Darum sollte es also jetzt gehen – gelangweilter Luxus im Synthesizer Gewand, statt handgemachte Musik von politisch engagierten Liedermachern. All die ideologischen Grabenkämpfe der letzten Jahre waren so langweilig und ausgelutscht, dass man nicht mal mehr darüber nachdachte, sich mit ihnen auseinander zu setzen. Es machte keinen Spaß mehr, ein Idol zu haben. Aber irgendwas fühlt sich daran bis heute für mich nicht richtig an und daran ist Elvis schuld.

Als am 16.08.1977 Elvis starb, habe ich meinen Vater das erste Mal weinen sehen. Mein Vater war kein Elvis Fan im klassischen Sinne. Er hatte nur ein oder zwei Schallplatten von ihm und er hörte ihn nicht mal besonders oft. Aber da war was anderes, was Elvis für ihn und wahrscheinlich für Millionen andere zu einem Idol werden ließ. Der Sänger stand für viel mehr, als nur für Musik. Er war nicht nur der erste Popstar, er bedeutete viel mehr. Erst stand für die Abgrenzung von den psychisch wie physisch immer noch kriegsversehrten Eltern, deren Erlebnisse man auf Grund des eigenen Geburtsdatums nicht geteilt hat und die sich Ende der 50er Jahre am deutschen Wirtschaftswunder festhielten. Musikalisch gab es keine Alternativen. 1958, dem Jahr, als Elvis nach Deutschland kam um seinen Wehrdienst abzuleisten, belegte Fred Bertelmann mit dem Titel "Der lachende Vagabund" von Januar bis März den ersten Platz in den Hitparaden. So war es auch kein Wunder, das im Hause meines Vaters das laute Hören von Elvis Songs verboten war. Und weil das für meisten Elternhäuser galt, traf man sich in einer Bar die eine Jukebox hatte und drückte die Nummern von Elvis, Chuck Berry und Peter Kraus. Mit Rock 'n Roll und Elvis verband mein Vater seine erste Rebellion, seine Trennung von dem, was seine Eltern ihm vorsetzten. Und verantwortlich dafür war der größte Star von allen: Elvis. Er war der Grund, warum mein Vater immer wieder die Bar ging, er war der Grund, warum er nicht wie seine Eltern Arzt werden wollte. Als der 1977 starb, da starb auch ein Stück seiner Jugend und damit auch ein Lebensgefühl, dass man vielleicht immer exakt gelebt hatte, aber doch in sich trug.

Heute spuckt eine Unterhaltungsindustrie seine Stars nur noch für wenige Momente auf den Markt. Jährlich werden im Fernsehen neue "Popstars" gekürt, die nach wenigen Wochen schon wieder vergessen sind und nicht mal mehr als Klingelton taugen. Um zu einem Idol zu werden muss man etwas Revolutionäres tun. Einen neuen Malstil erfinden, neue Schreibstile, eine neue Musikrichtung. Und man muss damit in die Herzen der Menschen kommen. Doch heute werden monatliche irgendwelche neuen "Stars" und "Revolutionäre Neuigkeiten" propagiert. Heute findet man leider nur noch tote Idole, weil die Schnelligkeit unserer Welt und die der Konsumindustrie nichts anderes mehr zulässt. Wenn irgendwann in der Zukunft mein Radiowecker los geht und mir mitteilt, dass Michael Jackson, Madonna oder Simon le Bon tot ist, werde ich sicher nicht in Tränen ausbrechen, was ich eigentlich viel trauriger ist.
Don Dahlmann geht nicht gerne raus, aber gerne schwimmen. Für letzteres hat er sich eine Wohnung in unmittelbarer Nähe eines Hallenbads in Berlin gesucht, und um möglichst oft und gerne zu Hause zu bleiben, hat er 1996 das Internet entdeckt. Das ist natürlich alles gelogen, denn im Grunde hat er dauernd Fernweh, meist Richtung USA. Um sich selber endlich mal darüber klar zu werden, was er denn nun wirklich will, führt er seit 2001 sein Blog.

video

david ramirer
Wir sind gläsern - soweit nichts neues. Aber wenn wir gläsern sind, haben wir doch auch gute Aussichten nach draußen - drehen wir den Spieß um!
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wir sind ja so gläsern!
der große bruder hat seine augen ja überall. wir steigen in u-bahnen ein, bzw. warten auf solche, und irgendwo schaut uns eine videokamera zu, ganz verträumt in ihrem digitalen halbschlaf. die bilder, die sie filmt laufen alle irgendwo in einem zentralen rechner zusammen, der irgendwann mittels gesichtskontrolle (oder sogar iris-abstimmung, wie in "minority report") jeden aus der menge filtern kann; dann wird es mit dem zeitungsfladern am sonntag haarig. da aber die zeitungen ja auch in papierkontainern zu finden sind (und auch eine woche später noch langweilig sind) geht da wenig verloren.
der große bruder muss sehr gelangweilt sein: da stehen leute am bahnsteig und fotografieren die monitore, die sie selber zeigen, gähn! naja, es ist ja auch schon fast halb zwölf uhr nachts, die stadt legt sich zur ruhe, aber die monitore und die videokameras laufen weiter. die ganze nacht lang.

manchmal tut sich was: ein plastiksackerl fliegt irgendwo durch die luft, ganz einsam tanzt es seinen tanz, nur aufgezeichnet von einer einsamen videokamera, die traurig diesem tanz zuschaut, dieses ereignis registriert.
dem großen bruder ist nachts sicher sehr langweilig. vielleicht sieht er sich ein paar nette videos an, von unter tags, wenn was los ist. menschen die in trauben vor geschäften stehen, menschenmassen, die über einkaufsstraßen hetzen... unmöglich, einen herauszupicken.

der große bruder ist gelangweilt. es ist so vieles zu registrieren, dass nichts hängenbleibt.

Dieser Beitrag ist bereits im Weblog des Autors erschienen.
lebt seit 1970 in wien und malt, fotografiert und zeichnet. manchmal schreibt er auch. bisweilen ist er auch am klavier hörbar. als blogger tätig unter provok.antville.org und davidramirer.twoday.net. derzeit arbeitet er an einem umfangreichen collagenprojekt.

herr bertelskamp, der in einem laubhaufen hockte

Christian Schwab
...über ein Flammeninferno, Sushikutter, Schleckmuscheln, Zipfelprüfung und Vorhängeschlossnäpfe. Lassen Sie sich überraschen.
“hallo herr bertelskamp”, sagte der kleine timmy und kletterte von seinem dreirad. “was machst du da?”
herr bertelskamp, der in einem laubhaufen hockte und bis eben dachte, nicht gesehen werden zu können, zog seinen kopf ein stück weiter ein.
“ich… äh, verstecke mich”, flüsterte er gerade so laut, dass der kleine timmy ihn verstehen konnte.
“oh. vor einem bären?”, wollte der kleine timmy wissen, und herr bertelskamp sagte nur “ja, vor einem bären”, da er so hoffte, den kleinen timmy schnell los werden zu können.
“aber hier gibt es doch gar keine bären”, behauptete der kleine timmy, was allerdings nicht stimmte. denn frau schmuse aus dem achten stock, deren vater 1965 in dem fürchterlichen flammeninferno von gogelshausen ums leben kam, hatte einen kleinen bären. wenn auch einen gut getrimmten.
“doch, hier gibt es sehr wohl bären”, flüsterte herr bertelskamp, der frau schmuse recht gut kannte.
“hmm”, meinte der kleine timmy und kletterte auf sein dreirad. “das glaube ich nicht.”
dann radelte davon.
“hallo herr bertelskamp”, sagte der olle hinrich, der ein schlauchboot auf seinem kopf balancierte und vor dem laubhaufen stehen blieb.
“hallo oller hinrich”, sagte herr bertelskamp. “wieso kannst du mich sehen? und wieso zur hölle balancierst du ein schlauchboot auf deinem kopf?”
“das ist kein schlauchboot”, behauptete der olle hinrich. “das ist ein sushikutter.”
“quatsch”, sagte herr bertelskamp. “das ist kein sushikutter. sushikutter sind aus holz.”
“oder aus gummi.”
“so ein blödsinn. sushikutter sind doch nicht aus gummi.”
“doch, der olle hinrich hat recht. sushikutter können auch aus gummi sein”, krächzte die alte frau dosenfuß, die neben dem ollen hinrich stehen blieb und mit zusammengekniffenen augen auf den laubhaufen blickte. “herr bertelskamp, sind sie das da in dem laubhaufen?”
“ich… äh, ja”, gab dieser entnervt zu und beschloss, dass es keinen sinn mehr machte, sich weiterhin in dem laubhaufen zu verstecken, wenn ihn jeder, ja sogar die fast blinde frau dosenfuß, sehen konnte.
“meine güte”, begann frau dosenfuß zu schreien, als herr bertelskamp aus den laubhaufen kletterte und jede menge laub aufwirbelte. “herr bertelsmann, sie… sie sind ja nackt.”
“das ist so nicht richtig”, sagte herr bertelskamp und deutete mit einer hand auf das ding vor seinem zipfel, das er mit seiner anderen hand festhielt.
“was ist das”, wollte der olle hinrichwissen. “eine schleckmuschel?!”
“nein, das ist eine badewanne”, sagte herr bertelskamp, dem natürlich bewusst war, dass es sich bei dem ding vor seinem zipfel um eine schleckmuschel handelte.
“oh. aber eine sehr kleine badewanne”, meinte der olle hinrich, während herr bertelskamp nur die augen verdrehte und leise stöhnte.
“du meine güte. ach, du meine güte”, wiederholte sich frau dosenfuß immer und immer wieder, konnte aber ihren blick nicht von der schleckmuschel nehmen.
“wieso haben sie eine schleckmuschel vor ihrem penis, herr bertelskamp?”, wollte der kleine timmy, der plötzlich zwischen dem ollen hinrich und frau dosenfuß stand, wissen.
“das ist eine badewanne”, belehrte ihn der olle hinrich.
“das ist eine lange geschichte”, sagte herr bertelskamp.
“hat sie was mit der großen zipfelprüfung zu tun?”, fragte der kleine timmy.
“aber… woher weißt du…?”
“ach, mein vater…”, begann der kleine timmy, als plötzlich die erde zu beben anfing und etwas überaus massiges langsam aber unaufhaltsam um die ecke walzte.
“oho”, meinte der olle hinrich und warf sich blitzschnell zur seite, wobei der sushikutter aus gummi beinahe von seinem kopf gefallen wäre. und auch frau dosenduß machte einen für ihr alter ziemlich eleganten satz aus der laufbahn des elefantenartigen wesens, während der kleine timmy schon längst wieder auf seinem dreirad davongedüst war. nur herr bertelskamp, dem vor schreck beinahe die schleckmuschel hinunter gefallen wäre, reagierte zu spät. und so wurde er von dem ding aus schwerem fleisch gerammt und mit in den laubhaufen gerissen.
“bo…bonita…”, stöhnte herr bertelskamp und hatte recht. es war tatsächlich die dicke bonita aus dem fünften stock, die sich mit vorliebe in laubhaufen warf und deren schwammige brüste nun wie zwei vorhängeschlossnäpfe herrn bertelskamp die luft nahmen. dass er langsam das bewusstsein verlor, fand er in diesem augenblick nicht sonderlich schlimm.


Dieser Beitrag ist bereits im Weblog des Autors erschienen.
studierte sechs Jahre lang Ostasiatische Kunstgeschichte, bevor er merkte, dass er gar nicht Ostasiatische Kunstgeschichte studierte, sondern Molekulare Biotechnologie, worüber er sehr erschrak. Nun lebt er zurückgezogen auf einem nicht sonderlich hohen Baum in Mokunana, direkt neben einem anderen, etwas höheren Baum, in dem ein kleiner, putziger Elefant wohnt, dessen Namen er aber leider nicht kennt. In seinem Blog veröffentlicht Christian seine geistigen Ergüsse, über die zumeist nur er selbst lachen kann. Manchmal können das aber auch andere. Dann freut er sich.

Grillen grillen...

robert scharfenberg
Manchmal muss man sich nur ein bisschen überwinden - manchmal mehr. Angelina Jolie zum Beispiel isst gerne Grillen und auch ihr fünfjähriger Adoptivsohn scheint ein Faible für knuspriges Getier zu haben. Angenommen, man hätte Angelina Jolie als Idol - müsste man dann auch Grillen essen?
...aber Angelina macht keinen Halt bei Grillen - auch Kakerlaken und Bienenlarven standen schon auf dem Speiseplan. Jetzt will sie die Zubereitung von Insekten für den Hausgebrauch lernen - klingt nach einem Weihnachtsfest abseits von Karpfen und Gans....
robert ist auf der suche. nach interessanten autoren, nach faszinierenden grafikern und fotografen, nach dem lächeln oder dem stirnrunzeln, dass einen beim lesen überkommt. deshalb ist er jetzt bei mindestenshaltbar und darf genau diese dinge finden.

Gefährliche Zimtsterne

robert scharfenberg
Ausgerechnet vor Weihnachten wird gemeldet, dass der zum Beispiel für Kekse verwendete Zimt nicht besonders gesund ist. Bei einer Überdosierung können Leberschäden entstehen.
Endlich ist es möglich: Sich Weihnachten ohne jeglichen Alkoholeinfluss einen dauerhaften Leberschaden zufügen. Aber ganz ehrlich: Sind Zimtsterne nicht einfach zu gut, um aufzuhören...?
robert ist auf der suche. nach interessanten autoren, nach faszinierenden grafikern und fotografen, nach dem lächeln oder dem stirnrunzeln, dass einen beim lesen überkommt. deshalb ist er jetzt bei mindestenshaltbar und darf genau diese dinge finden.

Theotokos Glykophilousa

zenosaurus

Bacchus Statue, Boboli Gardens, Florence

Amyesg

Idole

verschiedenen flickr-Usern
Idole treten in vielen Formen auf - auch wenn viele davon Zeugnisse aus alten Zeiten sind, ist es doch immer wieder interessant zu sehen, wer vor langer Zeit einmal angehimmelt wurde.