
Die Allesfresser-Problematik
von Schnatterliese
Ich habe großes Glück gehabt. Ich mag und esse theoretisch alles. Kalbshirn und Pferdefleisch inbegriffen. Aber es gibt Dinge, auf die ich verzichten kann, Saubohnen, beispielsweise, und Auberginen. Essig hat in meiner Linsensuppe nichts verloren, Kindheitstrauma eben. Und es gibt Speisen, die ich moralisch bedenklich finde, wie Fois-Gras und Froschschenkel, oder sättigungstechnisch wenig sinnvoll, wie Weinbergschnecken. Im Gegensatz zu Woody Allen, der sagt 'I will not eat oysters. I want my food dead – not sick, not wounded – dead', schrecke ich selbst vor Lebendem nicht zurück.
Möglich (und Glückssache), dass in Suppenhühnern, die man bei einem Bauern kauft, nebst Innereien auch ein Ei im Huhn zu finden ist. Es ist normal, dass es im Dezember keine hiesigen frischen Tomaten gibt. Weidevieh frisst Gras und Heu. Es ist hingegen nicht normal, wenn Kühe quasi mit Kühen gefüttert werden, es ist nicht normal, dass Zuchtlachse genetisch so modifiziert werden, dass ihnen problemlos Körnerkraftfutter verabreicht werden kann. Und Schweine sind, wie Menschen und Ratten, Allesfresser. Für mich ist Essen die Transformation von Natur in Kultur, und ich habe ein Problem. Ich möchte wissen, was ich esse, wo es herkommt, warum und wie es gemacht wurde.
Vertreter der konventionellen Landwirtschaft, und ganz besonders der industriellen Nahrungsmittelwirtschaft, werden, auf ihre Produktionsmethoden angesprochen, nicht müde zu betonen, dass sie vorrangig einen wichtigen Beitrag zum Wohle der Menschheit und zur Beendigung des Hungers auf der Welt leisten würden. Ich nenne es die Hölle, und die Hölle hat einige Namen: Industrieller Ackerbau. Massentierhaltung. Genetische Manipulation. Monopolwirtschaft. Mais.
Mais ist dufte, Mais ist praktisch, lässt sich nahezu überall anbauen und wächst mit ein wenig Dünger wie doof. Außerdem kann man aus Mais so gut wie alles herstellen. Wir essen und trinken Mais, wir laufen auf, in und mit Mais, unsere Autos sind aus und fahren mit Mais, unsere Magazincover glänzen ebenso wegen Mais, wie frische grüne Gurken. Chicken Nuggets und eine Cola beispielsweise sind wenig mehr als ein wunderbares Potpourri aus Mais in Mais mit Mais, verpackt in – tja, wer hätte das gedacht – Mais. Schnitzel, Steaks, Eier, Lachsfilet – alles (in unterschiedlicher Konzentration) Mais. Da kann man schnell hysterisch werden. Wenn es um Mais geht, dann gilt, was nicht passt, wird passend gemacht. Mehr Ernte -> mehr Dünger. Mehr Produkte -> mehr Technik. Mehr Schädlinge –> mehr Genmanipulation. Mehr Kosten –> mehr Profit. Viel ist gut, besser ist mehr.
Und wer hat's erfunden? Wir können uns bei den Herren Haber und Bosch bedanken, die im Sinne der nationalen Verteidigung eine Lösung fanden, dringend benötigten Sprengstoff – Salpeter aus Chile war grade nicht zu kriegen, Krieg eben - auf dem Wege der Ammoniaksynthese zu gewinnen. Welcher unerfreulicher Weise nach Kriegsende nutzlos in den Sprengstofffabriken herumlagerte. Also nichts wie die Umwandlung in Stickstoffdünger in Gang gesetzt und das 'Wundermittel' ans Bauernvolk verteilt. Ähnlich verfuhr man mit den Restbeständen an Giftgas aus dem Ersten Weltkrieg, der Logik folgend, was wir haben, haben wir und was Menschen tötet, tötet auch Insekten. Wundert es da noch, dass das Unternehmen, das sich seinen weltweiten Ruhm mit 'Agent Orange' erworben hat, heute Marktführer und Quasimonopolist in Sachen Saatgut, gerne auch genetisch manipuliert, ist?
Ich persönlich finde zwar die Vorstellung grotesk, dass die Verwendung konventionellen Sprengstoffes in der Landwirtschaft ein billiges Hochglanzcover für ein teures Magazins sichert. Alfred E. Neumann kann man ja bei der Gelegenheit auch wieder mal zitieren: 'We are living in a world today where lemonade is made from artificial flavors and furniture polish is made from real lemons.' Aber das ist mein geringstes Problem.
Womit wir immer noch beim Mais wären. Und in den Mast- und Zuchtbetrieben, ebenso wie in den Hühnerfarmen. Wo unter enorm hohem Einsatz an fossilen Brennstoffen reine Fütterungsfabriken betrieben werden, um in möglichst kurzer Zeit, maximal vielen Tieren unter anderem Unmengen an Mais (und Soja) einzutrichtern, was ja so nett billig ist. Zwei Kilo Futtermittel generieren ein Kilo Lebendhuhn. Dieses scheinbar vertretbare Umwandlungsverhältnis von Kalorien in Materie (2:1) verringert sich auf den Faktor 18:1, wenn der komplette Energieaufwand der Zucht und Haltung sowie der Futtermittelproduktion einberechnet werden, und dennoch, mit diesem absurden Verhältnis ist ein Kilo Huhn immer noch deutlich kostengünstiger als ein Kilo Schwein, Kuh, Kalb oder Rind. Zur Verbesserung des Ertragsfaktors werden – folgerichtig - Schlachtabfälle aufbereitet und dem Viehfutter wieder beigemischt, oder landen in der lustig-lachenden Kinderwurst in heimischen Supermarktkühltheken. So wird aus der Überwindung des Welthungers schnell die Institutionalisierung eines Weltekels.
Mir scheint, solche Produktionsprozesse können nicht einmal im Ansatz kostendeckend sein. Wie kommt es dennoch zu Suppen- und Brathühnern, die an den Endverbraucher für € 1,50 verscheuert werden? Um das wirtschaftliche Abkacken der Branche sowie der Zulieferer zu verhindern, wird der komplette kommerzielle Agrarbereich bis in die Steinzeit und zurück durchunddurchsubventioniert. Je größer das Unternehmen, je 'monopolitischer' dessen Position, desto geballter werden Fördermittel kassiert. Bäuerliche Familienbetriebe und auch traditionelle Landwirtschaftszweige werden auf der Strecke bleiben, weltweit. Die Maisfarmer in Iowa ebenso, wie die Sojabauern in Brasilien, trotz alljährlicher Rekordernten, die ihre Preisanpassungen allesamt an der Börse erfahren. Monokulturen, Terminatorgene, Hybrid - Hühner, alles gegen den Welthunger? Nicht wirklich...
Wie gesagt, wenig ist weiter weg von einem Huhn, als ein Chicken Nugget, und darin liegt der Witz. Eine manichäische Sichtweise auf – industrialisierte und zunehmend auch auf Bio - Nahrung ist extra für uns Allesfresser wegtechnokratisiert worden. Kein Blut ist in Schokolade. Ruckedigu.
Welcome to the Church of Holy Cabbage. Lettuce pray. Ich darf alles essen, was mich nicht umbringt. Aber ich bin kein Idiot. Ich lasse mich nicht verarschen oder für dumm verkaufen. Geiz ist nicht geil. There is no such thing as a free lunch. Es ist nicht das Fleisch- oder Fischessen, das abgeschafft werden sollte, sondern der Hamburger für 99 Cent oder Suppenhühner für unter 2 Euro. Genetisch durchmendeltes Saatgut empfinde ich als Angriff auf meine, unsere Gesundheit und unser Gemeinwesen. Und warum ist eigentlich unpolierter Reis teurer als polierter Reis, wenn doch das Polieren den zusätzlichen Kostenfaktor darstellt? Wieso soll man mehr für das unbehandelte, leichter verderbliche aber bessere Produkt bezahlen, als für das behandelte, nährstoffärmere aber haltbarere?
Nur weil an jeder x-beliebigen Börse Wachstumsraten erst bei 5%-10% relevant werden, hat sich das Gros der Esser daran nicht zu halten, denn wir Menschen wachsen eben nur zwischen 1% und 2% weltweit. Und weil ihr Industriefraßhersteller nicht aufhören wollt, mir eure teuer produzierten nutzlosen Kalorien unverschämt und raffiniert, zudem auf Kosten anderer, unterzujubeln, kauf' ich bei euch nichts mehr. Ich geh' auf den Markt. Mein Suppen- und mein Brathuhn hatten ein nettes Leben, sie durften sogar Gras fressen, dafür kosten sie drei- bis viermal so viel, wie in euren Supermärkten und wenn ich ein Maishuhn haben will, dann wird es richtig teuer. Ein Maishuhn wäre in dem Fall übrigens quietschgelb.
Ja, höre ich den ein oder anderen denken, aber diesen ganz Biokram kann ja kein Schwein bezahlen. 12% des durchschnittlichen Einkommens auf Nahrung zu verwenden muss reichen, gelle, aber ein Premiere-Decoder im Haus sollte schon drin sein, oder wie? Gut, man kann auch überlegen, nicht mehr so viel Fleisch in sich zu schaufeln, und mal ganz ehrlich, es geht ja nicht verloren, ich schätze irgendein freundlicher Mensch mit einer wirklich großen Tiefkühltruhe wird sich schon finden, der den ganzen Mist für das ein oder andere Jahrzehnt einfriert.
Möglich (und Glückssache), dass in Suppenhühnern, die man bei einem Bauern kauft, nebst Innereien auch ein Ei im Huhn zu finden ist. Es ist normal, dass es im Dezember keine hiesigen frischen Tomaten gibt. Weidevieh frisst Gras und Heu. Es ist hingegen nicht normal, wenn Kühe quasi mit Kühen gefüttert werden, es ist nicht normal, dass Zuchtlachse genetisch so modifiziert werden, dass ihnen problemlos Körnerkraftfutter verabreicht werden kann. Und Schweine sind, wie Menschen und Ratten, Allesfresser. Für mich ist Essen die Transformation von Natur in Kultur, und ich habe ein Problem. Ich möchte wissen, was ich esse, wo es herkommt, warum und wie es gemacht wurde.
Vertreter der konventionellen Landwirtschaft, und ganz besonders der industriellen Nahrungsmittelwirtschaft, werden, auf ihre Produktionsmethoden angesprochen, nicht müde zu betonen, dass sie vorrangig einen wichtigen Beitrag zum Wohle der Menschheit und zur Beendigung des Hungers auf der Welt leisten würden. Ich nenne es die Hölle, und die Hölle hat einige Namen: Industrieller Ackerbau. Massentierhaltung. Genetische Manipulation. Monopolwirtschaft. Mais.
Mais ist dufte, Mais ist praktisch, lässt sich nahezu überall anbauen und wächst mit ein wenig Dünger wie doof. Außerdem kann man aus Mais so gut wie alles herstellen. Wir essen und trinken Mais, wir laufen auf, in und mit Mais, unsere Autos sind aus und fahren mit Mais, unsere Magazincover glänzen ebenso wegen Mais, wie frische grüne Gurken. Chicken Nuggets und eine Cola beispielsweise sind wenig mehr als ein wunderbares Potpourri aus Mais in Mais mit Mais, verpackt in – tja, wer hätte das gedacht – Mais. Schnitzel, Steaks, Eier, Lachsfilet – alles (in unterschiedlicher Konzentration) Mais. Da kann man schnell hysterisch werden. Wenn es um Mais geht, dann gilt, was nicht passt, wird passend gemacht. Mehr Ernte -> mehr Dünger. Mehr Produkte -> mehr Technik. Mehr Schädlinge –> mehr Genmanipulation. Mehr Kosten –> mehr Profit. Viel ist gut, besser ist mehr.
Und wer hat's erfunden? Wir können uns bei den Herren Haber und Bosch bedanken, die im Sinne der nationalen Verteidigung eine Lösung fanden, dringend benötigten Sprengstoff – Salpeter aus Chile war grade nicht zu kriegen, Krieg eben - auf dem Wege der Ammoniaksynthese zu gewinnen. Welcher unerfreulicher Weise nach Kriegsende nutzlos in den Sprengstofffabriken herumlagerte. Also nichts wie die Umwandlung in Stickstoffdünger in Gang gesetzt und das 'Wundermittel' ans Bauernvolk verteilt. Ähnlich verfuhr man mit den Restbeständen an Giftgas aus dem Ersten Weltkrieg, der Logik folgend, was wir haben, haben wir und was Menschen tötet, tötet auch Insekten. Wundert es da noch, dass das Unternehmen, das sich seinen weltweiten Ruhm mit 'Agent Orange' erworben hat, heute Marktführer und Quasimonopolist in Sachen Saatgut, gerne auch genetisch manipuliert, ist?
Ich persönlich finde zwar die Vorstellung grotesk, dass die Verwendung konventionellen Sprengstoffes in der Landwirtschaft ein billiges Hochglanzcover für ein teures Magazins sichert. Alfred E. Neumann kann man ja bei der Gelegenheit auch wieder mal zitieren: 'We are living in a world today where lemonade is made from artificial flavors and furniture polish is made from real lemons.' Aber das ist mein geringstes Problem.
Womit wir immer noch beim Mais wären. Und in den Mast- und Zuchtbetrieben, ebenso wie in den Hühnerfarmen. Wo unter enorm hohem Einsatz an fossilen Brennstoffen reine Fütterungsfabriken betrieben werden, um in möglichst kurzer Zeit, maximal vielen Tieren unter anderem Unmengen an Mais (und Soja) einzutrichtern, was ja so nett billig ist. Zwei Kilo Futtermittel generieren ein Kilo Lebendhuhn. Dieses scheinbar vertretbare Umwandlungsverhältnis von Kalorien in Materie (2:1) verringert sich auf den Faktor 18:1, wenn der komplette Energieaufwand der Zucht und Haltung sowie der Futtermittelproduktion einberechnet werden, und dennoch, mit diesem absurden Verhältnis ist ein Kilo Huhn immer noch deutlich kostengünstiger als ein Kilo Schwein, Kuh, Kalb oder Rind. Zur Verbesserung des Ertragsfaktors werden – folgerichtig - Schlachtabfälle aufbereitet und dem Viehfutter wieder beigemischt, oder landen in der lustig-lachenden Kinderwurst in heimischen Supermarktkühltheken. So wird aus der Überwindung des Welthungers schnell die Institutionalisierung eines Weltekels.
Mir scheint, solche Produktionsprozesse können nicht einmal im Ansatz kostendeckend sein. Wie kommt es dennoch zu Suppen- und Brathühnern, die an den Endverbraucher für € 1,50 verscheuert werden? Um das wirtschaftliche Abkacken der Branche sowie der Zulieferer zu verhindern, wird der komplette kommerzielle Agrarbereich bis in die Steinzeit und zurück durchunddurchsubventioniert. Je größer das Unternehmen, je 'monopolitischer' dessen Position, desto geballter werden Fördermittel kassiert. Bäuerliche Familienbetriebe und auch traditionelle Landwirtschaftszweige werden auf der Strecke bleiben, weltweit. Die Maisfarmer in Iowa ebenso, wie die Sojabauern in Brasilien, trotz alljährlicher Rekordernten, die ihre Preisanpassungen allesamt an der Börse erfahren. Monokulturen, Terminatorgene, Hybrid - Hühner, alles gegen den Welthunger? Nicht wirklich...
Wie gesagt, wenig ist weiter weg von einem Huhn, als ein Chicken Nugget, und darin liegt der Witz. Eine manichäische Sichtweise auf – industrialisierte und zunehmend auch auf Bio - Nahrung ist extra für uns Allesfresser wegtechnokratisiert worden. Kein Blut ist in Schokolade. Ruckedigu.
Welcome to the Church of Holy Cabbage. Lettuce pray. Ich darf alles essen, was mich nicht umbringt. Aber ich bin kein Idiot. Ich lasse mich nicht verarschen oder für dumm verkaufen. Geiz ist nicht geil. There is no such thing as a free lunch. Es ist nicht das Fleisch- oder Fischessen, das abgeschafft werden sollte, sondern der Hamburger für 99 Cent oder Suppenhühner für unter 2 Euro. Genetisch durchmendeltes Saatgut empfinde ich als Angriff auf meine, unsere Gesundheit und unser Gemeinwesen. Und warum ist eigentlich unpolierter Reis teurer als polierter Reis, wenn doch das Polieren den zusätzlichen Kostenfaktor darstellt? Wieso soll man mehr für das unbehandelte, leichter verderbliche aber bessere Produkt bezahlen, als für das behandelte, nährstoffärmere aber haltbarere?
Nur weil an jeder x-beliebigen Börse Wachstumsraten erst bei 5%-10% relevant werden, hat sich das Gros der Esser daran nicht zu halten, denn wir Menschen wachsen eben nur zwischen 1% und 2% weltweit. Und weil ihr Industriefraßhersteller nicht aufhören wollt, mir eure teuer produzierten nutzlosen Kalorien unverschämt und raffiniert, zudem auf Kosten anderer, unterzujubeln, kauf' ich bei euch nichts mehr. Ich geh' auf den Markt. Mein Suppen- und mein Brathuhn hatten ein nettes Leben, sie durften sogar Gras fressen, dafür kosten sie drei- bis viermal so viel, wie in euren Supermärkten und wenn ich ein Maishuhn haben will, dann wird es richtig teuer. Ein Maishuhn wäre in dem Fall übrigens quietschgelb.
Ja, höre ich den ein oder anderen denken, aber diesen ganz Biokram kann ja kein Schwein bezahlen. 12% des durchschnittlichen Einkommens auf Nahrung zu verwenden muss reichen, gelle, aber ein Premiere-Decoder im Haus sollte schon drin sein, oder wie? Gut, man kann auch überlegen, nicht mehr so viel Fleisch in sich zu schaufeln, und mal ganz ehrlich, es geht ja nicht verloren, ich schätze irgendein freundlicher Mensch mit einer wirklich großen Tiefkühltruhe wird sich schon finden, der den ganzen Mist für das ein oder andere Jahrzehnt einfriert.




Olli
am 24. Nov, 16:04
Grüße, Olli
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