Gestatten, Brötchen, Käse Brötchen

von Petra Schmitz
»Mahlzeit -- du bist, was du isst!« plus »typisch deutsche Sichtweise«, so die Vorgaben fürs Ressort Nabelschau. Da bleibt mir ja nun wirklich nix anderes übrig, als mich gebührend über diesen Unsinn zu beschweren, liebes Team von mindestens haltbar. Wie unfair, meckere ich typisch deutsch. Wie unfair gegenüber Menschen wie mir, die sich Kochorgien verweigern. Denn würde ich nur Spaß am Brutzeln, Backen und Blanchieren haben, würde ich natürlich behaupten, das sei ganz richtig, das mit dem »Du bist, was du isst!« und im Anschluss ekstatisch über die sinnliche Erfahrung der Verspeisung eines guten, selbst zubereiteten Essens güldene Worte der Verzückung fabulieren, um am Ende zu behaupten, dass sich das aufs Wesen überträgt und mich folglich zu einer ungemein sinnlichen Zeitgenossin werden lässt, deren Anwesenheit man nur zu gerne genießt – in großer Runde. Und dann würde ich überraschenderweise den Bogen zu einem wahnsinnig ausufernden Gangbang schlagen. Weil die Leserschaft ja überrascht werden will. Und Sex geht sowieso immer.

Weil ich aber nicht gerne koche, bleibt mir nur Gemeckere: Wenn Wahrheit durch das Sinnsprüchlein »Du bist, was du isst!« wehen würde, wäre ich aktuell ein paar Vollkornbrotscheiben in eine Fertigsuppe getunkt, deren ursprünglich dafür geplantes Wasser zur Hälfte neben dem Topf landete. Wie sollen denn bitte ein paar Vollkornbrotscheiben in Fertigsuppe getunkt, deren ursprünglich dafür geplantes Wasser zur Hälfte neben den Topf ging, an einem Rechner sitzen und einen Text tippen? Aber das allein ist es ja nicht mal, denn vor den labbrigen Vollkornscheiben wäre ich ein Käsebrötchen aus der Kantine gewesen. Ein hübsches, leckeres Käsebrötchen zwar, mit Tomatenschnipsel und Salatblatt optisch und geschmacklich aufgewertet, aber das hätte sicherlich noch größere Probleme gehabt, Wasser in einen Topf zu füllen.

Außerdem: Ich würde mich nicht sonderlich wohl fühlen, wenn sich auf der Autobahn plötzlich der Fahrer im Opel Astra neben mir in einen Popel oder Ohrschorf verwandeln würde. Ich bin mir zwar sehr sicher, dass noch niemand Popel oder Ohrschorf auf Fahrtüchtigkeit überprüft hat, aber mein gesunder Menschenverstand behauptet, dass sei ohnehin sinnlos.
Oder: Wie sollen denn bitteschön ein paar Schluck Wasser und ein Minz-Dragée die neueste Mailänder Mode vorführen? Das geht doch gar nicht. Das muss man doch einsehen!

Jetzt aber mal andererseits typisch praktisch deutsch: Wäre es nicht doch toll, wenn »Du bist, was du isst!« stimmen würde? Man könnte beim Betreten einer Party voller unbekannter Menschen gleich zwischen genormten Hühnchenteilen, Nudeln mit Ketchup, Nusskuchen und Crème Brûlée unterscheiden und sich dann die bevorzugten Gesprächspartner aussuchen. Die Nusskuchen würde ich meiden, ich hab’ eine Nussallergie. Bei den genormten Hühnchenteilen würde ich kurz anhalten und anklagend vegetarisch mit Gurken-Armen wedeln. Die Nudeln mit Ketchup wären für einen schnellen wie befriedigenden Schwatz ganz ausgezeichnet, denke ich. Und bei der Crème Brûlée würde ich den Abend dessert-artig abschließen, mit geistreichen Formulierungen an der Karamellkruste kratzen und hoffen, dass die Crème darunter das Versprechen der köstlichen Kruste darüber hält.

Aber jetzt mal abschließend klugscheißerisch deutsch: Wenn »Du bist, was du isst!« stimmen würde, würde ich mich nur noch von Cate Blanchett oder wunderschönen, langbeinigen sowie rotmähnigen Literaturnobelpreisträgerinnen, die in ihrer Freizeit an der Weltformel schrauben und Klaviersonaten klimpern, ernähren. Aber a-tens hält Frau Blanchett ja auch kein Leben lang und b-tens gibt es sicher keine wunderschönen, langbeinigen sowie rotmähnigen Literaturnobelpreisträgerinnen, die in ihrer Freizeit an der Weltformel schrauben und Klaviersonaten klimpern. Und c-tens könnte ich mir so eine exklusive Ernährung bestimmt auch gar nicht leisten.
Von Popeln, Wasser, das nicht in den Topf wollte, Nudeln mit Ketchup und einem Fast-Gangbang.
tippt seit 2000 vornehmlich Artikel über Killerspiele, bloggt seit Ende 2003 auf Schmitzchen.org und träumt -- wie jeder, der die Tastatur mit einer gewissen Hingabe benutzt -- in der restlichen Freizeit von mehr Freizeit, um endlich mal über die ersten zehn Seiten des schon ewig angedachten Romans hinauszukommen. Dass der dann auch gekauft, gelesen und gut gefunden wird, ist ein anderer Traum.
mindestens haltbar 11/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 19
ISSN 1816-8159
Autor: Petra Schmitz
Titel: Gestatten, Brötchen, Käse Brötchen
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am 24. Nov, 17:58

Ich bin Heute eine Pellkartoffel mit Frühlingsquark. Boah, das mir jetzt keiner an die Pelle geht!

Danke, Frau Schmitz, wie immer alles schön "getroffen". Das Leben, das Universum und eben Käsebrötchen. So jetzt muss ich erst einmal schnell ein Walter Moers essen!

am 25. Nov, 11:51

einen walter moers essen -- oh, darauf hätte ich auch appetit.


am 26. Nov, 09:27

Ein Glück! Ein Glück, dass mir der grauenhaft dilletantische Blocksatz hier, der den ganzen Text aussehen läßt Butter auf zuviel Brot verstrichen, dass mir der Blocksatz nur kurz davon abgehalten hat, den schönen Text zu lesen. Dann hab ich ihr sofort weitergelesen und es nicht bereut. Mein Frühstück sozusagen, denn der sonntag morgendliche Hunger hat sich über das ganze schmunzeln hinweg verflüchtigt. Wozu mich das macht, sei dem Volksmund überlassen.

Danke und schönen Sonntag!

am 26. Nov, 18:56

ich danke zurück, bester ben.
(mittlerweile, so hoffe ich, hast du dann aber doch schon feste nahrung zu dir genommen.)


am 18. Jan, 20:46

Also daran habe ich noch nie geglaubt, blödsinn ... ich habe vor einigen Wochen Lachs gegessen, da war ich was, heute gab es nur Brot und ich bin nix?? Tolle Weisheit!


am 16. Mrz, 12:04

Genau! Also ich halte von dieser Weisheit auch nichts. Vor allem als Vegetarier... wäre man dann weniger wert als ein Schnitzel?
Das kann doch nicht sein.