Wenn Kippen Kalorien hätten

von Martina Kink
Als Kind war ich dick, als Teenager war ich dick, dann war ich kurz mal dünn, hab nicht aufgepasst, dann war ich wieder dick. Heute bin ich schlank, in meinem Kopf und vor jedem Spiegel werde ich trotzdem immer dick sein, aber das ist eine andere Geschichte.
Weiber. Ich kenne kaum eine, die nicht schlagartig vom gesunden Menschenverstand verlassen wird, wenn es um Kilogramm oder das eigene Spiegelbild geht. Natürlich gibt es überall das ein oder andere elfengleiche Ding, das damit auch meist lautstark rumkokettiert: 'Ich kann machen was ich will ich nehm einfach nicht zu, Penne Quattro Formaggi, bitte'. Der Rest am Tisch starrt währenddessen genervt auf den Salatteller und betrachtet das Messer plötzlich mit ganz anderen Augen. Weil unser Nachname nicht Buendchen lautet, und weil uns ausserdem ein Y Chromosom fehlt, wissen wir um den Kampf, den ein Stoffwechsel auf Valium mit sich bringt. Männern ist der ganze Wahnsinn sowieso rührend naiv egal, solange sie nicht weinerlich 'Schatz, findest Du mich zu dick?' gefragt werden. Es gibt darauf nur eine Antwort, meine Herren: 'Nein'. Schnell, überzeugt, ohne prüfend hinzukucken und mit einem verliebten Lächeln. Wenns sein muss lügen. Dann aber aufpassen, Körpersprache!
Man kann einiges machen, wenn man wochenlanges Frustessen plötzlich glasklar als solches erkennt. Dann denkt man 'unglücklich von mir aus, aber nicht auch noch fett!' und dann fangen die Menschen an, Joghurts zu essen. Zum Abnehmen. Der Joghurt mit der Ecke, knickknack hat man Zucker galore im Becher. Für die, die sich wirklich überhaupt nicht lieb haben gibt es Ersatzmahlzeitspulvershakes, Slimfast und dergleichen. Das ist kein Shake, das ist ekelhaft und kostet so 200 Euro. Shakes müssen Smoothie heissen, oder Frappuccino, da muss ganz schön Zucker rein, und Eis, und manchmal Bananen. Trennkost funktioniert angeblich, ist aber kompliziert. Wenn ich das richtig verstehe, darf man immer nur vollfetten Käse essen, aber ohne Brot. Mein absoluter Liebling aber ist die Pasta Diät. Das geht so: man kocht 20 Gramm Nudeln, am besten Spaghetti, die Kate Moss unter den Nudeln. Dann kommt nichts dran, ausser ein paar Tomaten, mit 2 Tropfen Olivenöl. Wenn ich sowas auf meinem Teller hab reib ich eine halbe Stunde Parmesan drüber, und aus Trotz trink ich 5 Gläser Wein dazu. Alkohol. Völlig aussen vor, selbst bei den Frauen, die alles aus dem effeff mit Kalorienwert versehen können. Alkohol hat so irrsinnig viele Kalorien, man glaubt es kaum. Ein Glas Wein hat ungefähr soviel wie zwei Snickers. Seltsamerweise nimmt man mehr zu, wenn man 10 Snickers am Abend in sich reinstopft. 'Flüssig hat keine Kalorien' behauptet seit Jahren kategorisch eine Freundin, und bestellt sich noch ein Glaserl.
Body Mass Index, Kalorien, Joule. BMI ist zu kompliziert, man braucht einen Taschenrechner und kann dann immer noch nichts damit anfangen. Joule hat sich natürlich auch nicht durchgesetzt, wer will schon hören, dass ein klitzekleiner Joghurt 2 Millionen Joule hat. Als ich ein dicker, weltschmerzgeplagter Teenager war, gabs noch die Mär vom Idealgewicht. Das war Körpergrösse minus 100 minus 20%, Normalgewicht war Körpergrösse minus 100. Am allerliebsten war mir die Geschichte von den schweren Knochen. Jahrelang hab ich das geglaubt. Am besten stellt man sich eine herkömmliche Waage ins Bad, dann kann man auch behaupten, dass die nicht stimmt, und je nach Tagesform mit einem 'Ach, leck mich doch am Arsch' oder einem 'Kill me. Kill me now' wieder runtersteigen.
Das alles kann man sich antun, wenn man glaubt, man sei zu dick. Man kann aber auch einfach seine Koffer packen und in eine andere Stadt ziehen. New York zum Beispiel eignet sich hervorragend, falls Gewichtsverlust erwünscht ist. Es ist nicht nur die Stadt, die niemals schläft, es ist auch die Stadt, in der die Frauen nichts essen. Damit nimmt man relativ schnell ganz schön viel ab. Wenn ich übrigens 'nichts' sage, dann meine ich tatsächlich nichts. 'Ich hab so einen Hunger, ich hab heut noch gar nichts gegessen' heisst in München: 'Zwei Toasts, ein Joghurt, dann waren alle bös zu mir oder ich fühlte mich PMS-bedingt wie eine trächtige Elefantenkuh, deshalb den ganzen Nachmittag Kekse, dafür hasse ich mich jetzt abgrundtief, Pizza mit extra Käse, bitte'. Nothing in New York heisst genau das: Nichts, Nada, Zip.
Umgeben von superschlanken Frauen, die ein einziges Sushi-Stückchen zum Abendessen deklarieren, bestellt sich auch die Selbstbewussteste keinen Teller Nudeln mit Sahnesauce. Denn man lernt schnell: Pasta, Pizza ist gleich Kohlenhydrate, diese werden liebevoll Carbs genannt, ansonsten aber behandelt wie die allerschlimmste Droge auf der ganzen Welt. Selbst im Obst verstecken sie sich – ich kenne Frauen, die würden sich eher erschiessen, als einen Apfel zu essen und es ist ihnen auch ganz egal, dass einer am Tag den Doktor fernhalten würde. Manchmal schleicht sich aber doch eine Pizza in den Speiseplan, in Manhattan allerdings auch nur in Form eines Slice. Dieses wird sorgfältig mit der Serviette abgetupft wie die Nasenspitze nach einem langen Arbeitstag. Dann beisst man einmal ab und lässt den Rest liegen. Vielleicht liegt dieses seltsame Verhalten daran, dass in New York Models einfach so frei rumlaufen dürfen. Da fühlt sich eine schlanke Größe 38 schonmal wie eine sagenhaft fette Kuh.
Andererseits ist zu dünn natürlich auch nicht sexy. Irgendwann muss man sich mal entscheiden, ob man lieber Wangenknochen oder Busen haben möchte, beides geht nicht. Doch, beides geht auch, das kostet dann aber. Ein Glück haben Zigaretten keine Kalorien. Zigaretten haben erst Kalorien, wenn man sie weglässt. Ich war nach Monaten ohne Kippen hysterisch genug, mir wieder eine anzuzünden. Das Nichtrauchen an sich war gar nicht so schwer, nur ich wurde so schwer, obwohl ich 'Ersatzbefriedigung' blind erkenne. Natürlich wollte ich auch unbedingt mal wieder eine rauchen, nur eine, ich dachte, das geht. Das ging auch, und zwar den Bach runter. Wenn Kippen Kalorien hätten, dann wäre wahrscheinlich wenigstens das Problem mit dem Rauchen gelöst.
Wer nicht in der glücklichen Situation ist, einen figurbegünstigenden Stoffwechsel zu haben, der muss in einigen Belangen zurückstecken - außer bei Zigaretten. Zum Glück?
"Man hat nur ein Leben." Das hat Martina Kink irgendwann irgendwo gehört und sich gut gemerkt. Seither versucht sie, mitzunehmen, was es halt so bringt, das Leben. Derzeit in München, davor in Rosenheim, Reit im Winkl und New York. Es klappt immer so mittel.
mindestens haltbar 11/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 19
ISSN 1816-8159
Autor: Martina Kink
Titel: Wenn Kippen Kalorien hätten
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