Gute Nacht

von Fremdschreiber
Ich vermisse das Dorf.
So grausam es auch war, in so einem kleinen, abgegrenzten Sozialraum zu leben - es hatte schon was für sich.

Abendprogramm war, was gerade einfiel - man wusste ja ohnehin, was die anderen Mitglieder der Landjugend am Abend machten und schloss sich eben der Gruppe an, die der momentanen Stimmung am ehesten entsprach. Kein stundenlanges "Sag mal, was machstn du heute?", "Warst du schon in ...?" oder bei denen, die Zeitmangel zum Statussymbol erklärt haben "Sag mal.... im März, hast du da noch was frei? So zwischen 12. und 16?"

Irgendwie stand auch immer der Spaß im Vordergrund. Allenfalls neue Liebschaften, denen man gewisse Freizeitaktivitäten nachahmte oder Phasen in denen man meinte sich jetzt irgendeine besondere Aktivität auf die Fahnen heften zu müssen ("Haste gehört was der soundso jetzt macht? "Repp'n" nennen die das. Früher hätten...") trübten das Bild der ungezwungenen Abendunterhaltung.

Hier in Berlin - seit kurzem meine neue Heimat - scheint das alles anders. Terminplanung für ein oder zwei Bier nach der Arbeit: "frühestens in zwei Wochen", "Heute ist schlecht, da bin ich auf eine Vernissage eingeladen", "Nö, da war ich schon"
Gut, meinetwegen. Habe jetzt den Planungszeitraum für meine Freizeitaktivitäten von so ungefähr einer Stunde auf so ungefähr eine Woche (im Idealfall) raufgeschraubt und das Verabreden funktiniert jetzt eigentlich auch ganz gut. Die Menschen, mit denen ich gerne Zeit verbringen möchte, haben Zeit und auch schon Ideen, was man machen könnte: Lauter Dinge nämlich, die man jetzt einfach machen muss weil man ja dabei sein will bzw. weil man ja im Kielwasser von XY gesehen werden will.

Tja, vielleicht - in gar nicht allzu langer Zeit - wird mir dieser ganze Aufwand zu blöd werden und ich werde darauf bestehen, spontan Dinge zu unternehmen. Und zwar jenseits der Reichen und Schönen - vielleicht sogar zuhause auf dem Sofa, in meiner eigenen, kleinen Biedermeier-Epoche.
Na dann, gute Nacht!
Wie der Name schon sagt, beinhaltet Abendplanung Planung. Und davon nicht zu wenig. Eine Weile lang mag das ja noch gut gehen, aber irgendwann muss auch mal wieder Ruhe einkehren statt der ewigen "Hast du da noch Zeit"-Hektik und "Ich muss das unbedingt auch machen"-Denken.
schreibt eine Menge wenn der Tag lang ist. Auf Servietten, auf die eigene Hand, anderen was vor, sich nicht ab, in Hefte, in Bücher, auf Wände - nur in kein Blog.
mindestens haltbar 11/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 18
ISSN 1816-8159
Autor: Fremdschreiber
Titel: Gute Nacht
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am 9. Okt, 22:01

kenn ich. freizeitstress pur. und wenn man nicht mitmacht wird man blöd angeschaut. nur gut, dass mir das mittlerweile egal ist. lebt sich halt gemütlicher, wenn man sich nicht immer nach den anderen richtet. im endeffekt ist es in zwei wochen sowieso egal, dass man jemandem hinterhergedackelt ist, denn wahrscheinlich ist derjenige dann schon wieder "out"
spontanität wird ja immer großgeschrieben und wir sind alle ziemlich flexibel, nur wenn es drauf ankommt, hat auf einmal keiner zeit. seltsame welt