
Pop, Protest und Sippenhaft
von Nachtschwester
Was qualifiziert mich eigentlich, mich hier zu äußern?
Ich bin unter Popkultur-Verächtern aufgewachsen. Warhol, die Beatles, Che Guevara, Woodstock und Superman-Comics waren cool, aber darüber, was die Massen aktuell- kulturell konsumierten, konnte man nur die Nase rümpfen.
Wahrend der Schulzeit in den 80ern ging es vor allem darum, sich vom Mainstream abzugrenzen, und zwar kollektiv. Deshalb waren wir alle total individuell in unserer Denke, dem Musikgeschmack und dem Kleidungsstil.
Wir waren gegen Atomkraft und die Startbahn West, wenn auch ohne die typischen buttongespickten Bundeswehrparkas. Wir kannten den Ausdruck politisch korrekt noch nicht, hatten aber ausdrücklich nichts gegen Gastarbeiter. Wir gingen kreativen Hobbies nach, wir machten nämlich Musik, strickten Norwegerpullover und bauten Futonbetten. Wir gingen im Winter Skilaufen und lernten im Sommer Windsurfen, denn Snow- oder Kite-Boards waren noch nicht erfunden.
Wir hatten auch an der Hochkultur teil, sofern sie sich uns per Schüler-Theaterabonnement erschloss. Wir hörten Pink Floyd, Manfred Mann, Jethro Tull und Neill Young auf unseren Kassettenrecordern statt AHA, Madonna, Neue Deutsche Welle oder gar Milli Vanilli.
Wobei erstere ja Protagonisten der Popkultur der älteren Geschwister oder gar der Eltern gewesen waren, die ihre Adoleszenz bereits hinter sich gebracht hatten; die Musikauswahl entsprang vermutlich dem Bestreben, uns durch das Vortäuschen von Reife von Gleichaltrigen abzugrenzen.
Was die Klamotte betraf, durfte man sich optisch keinesfalls in die Nähe von Leuten begeben, die womöglich Disney- oder Schwarzenegger-Filme oder gar Eis am Stiel ansahen, die Bravo lasen oder etwa statt unserer Kultkneipen diese neuen Großraumdiscos besuchten, da galt Sippenhaft. Die trugen Cowboystiefel und Sasch-Jeans und waren geschminkt, sofern sie weiblich waren, ersteres war prollig, letzteres tussig. Wenn Schminke, dann höchstens so, dass man sie nicht sah. Ob Levis oder Wrangler, konnte man frei nach Hintern entscheiden, andere Jeansmarken waren inakzeptabel. Ich liebäugelte zwar mit Fiorucci, aber das blieb geheim. Das Taschengeld gab das ohnehin nicht her.
Dann gab es noch die Popper, Teds, Punker, Spontis und Gruftis. Das angestrengte tägliche Nicht-Styling zielte nicht nur darauf ab, mögliche Assoziationen mit diesen Gruppierungen auszuschließen, sondern auch den schmalen Grat zwischen dem total originellen eigenen Stil und Bloßnichtauffallen nicht zu verfehlen.
Kinder des Olymp, Jules und Jim, Fellini, Bertolucci, Kusturica und Wim Wenders waren besser als zeitgenössisches Hollywood. Am Eingang des Programmkinos gesehen zu werden, konnte nie schaden. Hollywood war oberflächlicher Popquark, den wir boykottierten, jedenfalls in der eigenen kleinen Stadt.
Eben hatte man noch Koyanisquatsi im Hinterkopf, da wurde erst Betty Blue – 37,2° am Morgen, dann ausgerechnet Subway, dieser durchdesignte Vollsynthetik-Film, Kult.
Kult! Schließlich waren die Protagonisten beider Filme Außenseiter, die sich als tragische Helden voller Leidenschaft und irrer Ideen aus der Subkultur heraus gegen das Populäre auflehnten, genau wie wir.
Bei Licht betrachtet, war dabei der verachtete Mainstream gar nicht gleichbedeutend mit der Popkultur, gegen den wir zu protestieren glaubten, sondern eine von vielen Facetten derselben. Das heißt, Betty Blue war ebenso Pop wie etwas später Pretty Woman, Friedensmärsche ebenso wie die Love Parade, Impro-Theater ebenso wie Andrew Lloyd Webber, Bundeswehrparkas ebenso wie Fiorucci, VW-Kastenwägen wie auch Golf-Cabrios. Selbst Atomkraft-Nein-Danke war Pop.
Im großen Flussbett der Popkultur warfen und werfen miteinander konkurrierende Strömungen gegeneinander Wellen auf. Die neueren schlagen gegen die älteren, und die vermeintlich alternativen gegen den Mainstream. Röhre gegen Bootcut, Pink gegen Jessica Simpson und Paris Hilton, Indie-Mukke gegen Casting-Shows, YouTube gegen MTV, Print gegen Blogs. Mitschwimmen ist Pop, sich dagegen zu stemmen, ebenso.
Vielleicht liegt es daran, dass ich in einer sehr entspannten Stadt lebe, oder dass ich die Adoleszenz abgeschlossen habe. Womöglich gab es nie einen Mainstream, womöglich stirbt er tatsächlich gerade, wo das mit der Konkurrenz alles zu friedlicher Koexistenz abflacht.
Jedenfalls sehe ich heute von sicherem Felsen aus übers Wasser, und wenn mir eine Welle gefällt, reite ich sie ein bisschen, heute ist das nämlich auch mit über 30 noch o.k.
Ich kann es natürlich nicht mit Sicherheit sagen, aber auch für die Jungen scheint die Selbstfindung heute mit weniger Anstrengung verbunden zu sein als damals. Es sieht eher nach pluralistisch-friedvollem Nebeneinander-Herplätschern als nach gefährlicher Brandung aus.
Alles ist Pop, kein Grund zur Aufregung. Peace.
Ich bin unter Popkultur-Verächtern aufgewachsen. Warhol, die Beatles, Che Guevara, Woodstock und Superman-Comics waren cool, aber darüber, was die Massen aktuell- kulturell konsumierten, konnte man nur die Nase rümpfen.
Wahrend der Schulzeit in den 80ern ging es vor allem darum, sich vom Mainstream abzugrenzen, und zwar kollektiv. Deshalb waren wir alle total individuell in unserer Denke, dem Musikgeschmack und dem Kleidungsstil.
Wir waren gegen Atomkraft und die Startbahn West, wenn auch ohne die typischen buttongespickten Bundeswehrparkas. Wir kannten den Ausdruck politisch korrekt noch nicht, hatten aber ausdrücklich nichts gegen Gastarbeiter. Wir gingen kreativen Hobbies nach, wir machten nämlich Musik, strickten Norwegerpullover und bauten Futonbetten. Wir gingen im Winter Skilaufen und lernten im Sommer Windsurfen, denn Snow- oder Kite-Boards waren noch nicht erfunden.
Wir hatten auch an der Hochkultur teil, sofern sie sich uns per Schüler-Theaterabonnement erschloss. Wir hörten Pink Floyd, Manfred Mann, Jethro Tull und Neill Young auf unseren Kassettenrecordern statt AHA, Madonna, Neue Deutsche Welle oder gar Milli Vanilli.
Wobei erstere ja Protagonisten der Popkultur der älteren Geschwister oder gar der Eltern gewesen waren, die ihre Adoleszenz bereits hinter sich gebracht hatten; die Musikauswahl entsprang vermutlich dem Bestreben, uns durch das Vortäuschen von Reife von Gleichaltrigen abzugrenzen.
Was die Klamotte betraf, durfte man sich optisch keinesfalls in die Nähe von Leuten begeben, die womöglich Disney- oder Schwarzenegger-Filme oder gar Eis am Stiel ansahen, die Bravo lasen oder etwa statt unserer Kultkneipen diese neuen Großraumdiscos besuchten, da galt Sippenhaft. Die trugen Cowboystiefel und Sasch-Jeans und waren geschminkt, sofern sie weiblich waren, ersteres war prollig, letzteres tussig. Wenn Schminke, dann höchstens so, dass man sie nicht sah. Ob Levis oder Wrangler, konnte man frei nach Hintern entscheiden, andere Jeansmarken waren inakzeptabel. Ich liebäugelte zwar mit Fiorucci, aber das blieb geheim. Das Taschengeld gab das ohnehin nicht her.
Dann gab es noch die Popper, Teds, Punker, Spontis und Gruftis. Das angestrengte tägliche Nicht-Styling zielte nicht nur darauf ab, mögliche Assoziationen mit diesen Gruppierungen auszuschließen, sondern auch den schmalen Grat zwischen dem total originellen eigenen Stil und Bloßnichtauffallen nicht zu verfehlen.
Kinder des Olymp, Jules und Jim, Fellini, Bertolucci, Kusturica und Wim Wenders waren besser als zeitgenössisches Hollywood. Am Eingang des Programmkinos gesehen zu werden, konnte nie schaden. Hollywood war oberflächlicher Popquark, den wir boykottierten, jedenfalls in der eigenen kleinen Stadt.
Eben hatte man noch Koyanisquatsi im Hinterkopf, da wurde erst Betty Blue – 37,2° am Morgen, dann ausgerechnet Subway, dieser durchdesignte Vollsynthetik-Film, Kult.
Kult! Schließlich waren die Protagonisten beider Filme Außenseiter, die sich als tragische Helden voller Leidenschaft und irrer Ideen aus der Subkultur heraus gegen das Populäre auflehnten, genau wie wir.
Bei Licht betrachtet, war dabei der verachtete Mainstream gar nicht gleichbedeutend mit der Popkultur, gegen den wir zu protestieren glaubten, sondern eine von vielen Facetten derselben. Das heißt, Betty Blue war ebenso Pop wie etwas später Pretty Woman, Friedensmärsche ebenso wie die Love Parade, Impro-Theater ebenso wie Andrew Lloyd Webber, Bundeswehrparkas ebenso wie Fiorucci, VW-Kastenwägen wie auch Golf-Cabrios. Selbst Atomkraft-Nein-Danke war Pop.
Im großen Flussbett der Popkultur warfen und werfen miteinander konkurrierende Strömungen gegeneinander Wellen auf. Die neueren schlagen gegen die älteren, und die vermeintlich alternativen gegen den Mainstream. Röhre gegen Bootcut, Pink gegen Jessica Simpson und Paris Hilton, Indie-Mukke gegen Casting-Shows, YouTube gegen MTV, Print gegen Blogs. Mitschwimmen ist Pop, sich dagegen zu stemmen, ebenso.
Vielleicht liegt es daran, dass ich in einer sehr entspannten Stadt lebe, oder dass ich die Adoleszenz abgeschlossen habe. Womöglich gab es nie einen Mainstream, womöglich stirbt er tatsächlich gerade, wo das mit der Konkurrenz alles zu friedlicher Koexistenz abflacht.
Jedenfalls sehe ich heute von sicherem Felsen aus übers Wasser, und wenn mir eine Welle gefällt, reite ich sie ein bisschen, heute ist das nämlich auch mit über 30 noch o.k.
Ich kann es natürlich nicht mit Sicherheit sagen, aber auch für die Jungen scheint die Selbstfindung heute mit weniger Anstrengung verbunden zu sein als damals. Es sieht eher nach pluralistisch-friedvollem Nebeneinander-Herplätschern als nach gefährlicher Brandung aus.
Alles ist Pop, kein Grund zur Aufregung. Peace.
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