pop art und ich

von David Ramirer
heimito von doderer – der mit pop art so gut wie gar nichts am hut hatte – schreibt am beginn seines romans „ein mord den jeder begeht“: „Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder Kostüme wechseln wie er will.“

ich hatte das große glück – so empfinde ich es jedenfalls – in meiner künstlerischen kindheit den kübel pop art über den kopf bekommen zu haben, und die folgen davon sind noch heute spürbar. ein beispiel: erst neulich kam ich versehentlich in die nähe des ringturmes, der derzeit im schwachen licht nicht nur fototechnisch aufgeblasener pinselstriche als don giovanni-haus dasteht. ich senkte möglichst rasch den blick, als ich in die nähe dieser inszenierung kam und suchte meine augenberuhigung in tieferen regionen. kaum tat ich dies, blieben meine augen an einer decollage hängen, die durch den zahn der zeit, aktiv gestaltende mitbürger und schlicht vandalen an einem der baucontainer, die dort herumstehen, entstanden war. heruntergerissene plakate, schriften, die sich überlagerten, informationen die aufeinander einwirkten, inmitten von all dem sogar eine überzeugende komposition, die konzentrische kreisformen andeutete, das ganze noch dazu in einem gewagten blauakkord vorgetragen... ich war versöhnt mit wien. einer stadt, wo solche decollagen möglich sind, einer stadt, wo pop art bisweilen aufleuchtet als bollwerk gegen das pseudo-expressive genuschel daneben. ja, wo die pop art sogar, auch wenn sie ja längst archiviert ist, noch lebt und sich in momenten der not zu behaupten imstande ist.

die pop art ist – objektiv betrachtet – den weg allen fleisches in der welt längst gegangen. sie hängt in den museen, ist „vorbei“ und kein mensch kann sich die bilder heutzutage leisten (das war auch zu ihrer glanzzeit eher schwierig). „pop“ kam einerseits von „populär“, aber auch von „zerplatzen“. auf einer collage von richard hamilton kam das wort vor, es stand auf dem überdimensionierten lolly-pop, den der muskelbepackte herr in der hand hält.

abgesehen von der kunsthistorischen bedeutung einer kunstrichtung (pop art: von ... bis ..., hauptvertreter usw. usf. ... siehe dazu die wikipedia zu dem thema) können derartige bereiche und schlagworte in der vita eines malers erst sensibilitäten öffnen, dinge sichtbar machen und optionen erschließen, wenn der umgang mit der geschichte kein zu demutsvoller ist.

künstler haben in der zeit ihrer ausbildung oft „kinderkrankheiten“. manche laborieren am expressionismus, andere hängen jahrelang im surrealismus herum, wieder andere meinen, der dadaismus ist ihre heimat. derartige kinderkrankheiten sind wesentlich: denn ein kind, das nie krank war, wird später nicht gesund sein; es wird sich die ganzen viren später einfangen, und – im schlimmsten fall – nie mehr loswerden.
fatal ist auch das beibehalten der kinderkrankheiten. doch kommt das eher selten vor: das fieber einer echten infektion überlebt sich selbst relativ rasch, aber es rinnt dann doch... (siehe oben).

bei mir ist es eine emotional sehr tiefe verbundenheit mit ein paar bildern der pop art, die mich immer wieder zurückversetzen in eine zeit, in der ich begann „ich“ zu werden. in eine zeit, in der ich an der kinderkrankheit pop art laborierte.

einer meiner liebsten wegbegleiter unter den pop art-malern war damals roy lichtenstein, der für die meisten anderen betrachter immer nur der comic-maler war, der „raster“-benutzer (weil er auf technisch geniale art mit schablonen die typischen dots aus dem farbdruck der comics auf seine bilder projizierte).
meinen ersten roy sah ich damals im museum moderner kunst in wien, es muss etwa 1986 gewesen sein. es war ein bild aus seiner „spiegel“-serie, in der er mit sehr sparsamen mitteln auf sechs rechteckigen hohen panels den eindruck erweckte, man sähe spiegel vor sich. ich fand im internet einen anderen spiegel aus der serie, der diese idee noch eleganter umsetzt.
ich kann kein bild von roy sehen (und ich kann auch nicht anders, als ihn nur am vornamen zu benennen, obwohl ich ihn nie persönlich kennengelernt habe) ohne an all die anderen zu denken, die mich so inspirierten und ach amüsierten. denn humor ist eine der hervorstechendsten eigenschaften der pop art, die kaum jemand je herausdestilliert hat. und ich kann natürlich auch kein glas, oder keinen spiegel malen, ohne an seine umsetzung zu denken... „wie würde roy das machen?“ – und dann: „wie mache ich es?“

so sind auch die großartigen siebdruckserien von andy warhol zunächst einmal sehr witzig, weil sie auf drastische art und weise die multiplikationsfreude der gegenwart aufzeigen. oder seine berühmten brillo-boxen: erst aus dem supermarkt geholt, auf holz nachgedruckt wird bewußt gemacht, wie wenig ernst diese akkumulationen von quadern eigentlich sind, die uns jeden tag umgeben.

pop art ist bei mir ein teil der lebenseinstellung geworden, so seltsam das klingen mag. ich kann pop art nicht in den 50er oder 60er-jahren lassen. zuviel von dem, was damals thema war, ist es auch heute noch. also bleibe ich dran. auf meine art.
pop art ist eine möglichkeit, dinge anders zu sehen. das kann bisweilen sehr hilfreich sein: vor allem, wenn klotzende ringtürme bedrohlich mit gigantischen fast-expressiven pinselstrichen die augen beleidigen. roy hätte und hat das besser gemacht, soviel steht fest.
lebt seit 1970 in wien und malt, fotografiert und zeichnet. manchmal schreibt er auch. bisweilen ist er auch am klavier hörbar. als blogger tätig unter provok.antville.org und davidramirer.twoday.net. derzeit arbeitet er an einem umfangreichen collagenprojekt.
mindestens haltbar 10/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 17
ISSN 1816-8159
Autor: David Ramirer
Titel: pop art und ich
Metadaten im BibTeX Format
Creative Commons-Lizenzvertrag

Dieser Text ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.

User Status

Du bist nicht angemeldet.


am 28. Feb, 12:54

Halo.......ir seit dof

am 29. Apr, 18:27

wer von uns ist den doof?????????????????????????????? =)


am 30. Apr, 02:03

kein einziges wort ohne tippfehler... reife leistung :-)


am 27. Apr, 16:45

Versucht da gerade jemand, Street-Art mit irgend einem Hauch von Mozart und Hochschulmässigen Gerede zu umschreiben???!!!

am 30. Apr, 02:01

nein