Wir sind Popkultur

von Herr V.
Noch gar nicht so lange ist es her, da wurden wir Papst, fast waren wir Fußball-Weltmeister und immer wieder mal sind wir PISA-Versager. Aber danach? Was machen wir danach?

Ich finde, wir werden Popkultur. Alle zusammen. Das ist ganz einfach - da muss niemand etwas anderes als vorher machen und trotzdem hat das Ganze einen Namen: Popkultur. Noch dazu so einen schönen prägnanten - passt auf eine Bild-Titelseite und lässt glücklicherweise nicht allzu viel Platz für andere "Nachrichten".

Oder besser noch: Analog zu den diversen Kulturhauptstädten Europas werden wir dann Popkulturhauptland Europas, das muss doch zu schaffen sein. So mit einem hübschen Logo und vielleicht einer Kennmelodie. Grönemeyer oder so. Hat ja bei der WM auch funktioniert. Sonst Tokyo Hotel.
Jedenfalls müssen wir dann lediglich ein bisschen geschickt argumentieren, manche Sachen vielleicht ein bisschen geschickt weglassen und andere Sachen ein bisschen geschickt dazuerfinden. So schwer kann das doch nicht sein. Und ansonsten sind wir einfach wir - quasi lebende Ausstellungs- und Beweisstücke.

Dann interpretieren wir die "Bild" einfach dahingehend, dass wir uns ja völlig bewusst sind, dass sie - sagen wir mal - journalistische Unzulänglichkeiten hat - denn was interessiert uns Politik, Kriege, Wirtschaft?!
In einer Welt, die ständig näher zusammenrückt, ist das unser Statement pro Autarkie, für mehr Leckt-uns-doch-alle-am-Arsch.
Und wenn wir das alle (oder auch nur ein paar wenige, die dafür umso plakativer) gemeinsam machen, können wir das Ganze "Popkultur" nennen und sind nicht nur voll am Puls der Zeit (hey - wir sind schließlich Popkultur!), sondern auch fürchterlich individuell (so wie wir macht das jedenfalls keiner).
Dann lassen wir uns von "Juli" und Consorten die Hymne neu schreiben - und verwenden sie alle zusammen als Klingelton.
Wahlen werden abgeschafft und Dieter Bohlen wird Bundeskanzler. Minister werden nicht mehr mühsam bei Koalitionsgesprächen ausverhandelt, sondern gecastet und jeder darf mal ins Fernsehen. "Deutschland sucht den schönsten Bademeister", "Deutschland sucht die klügste Automechanikerin", "Deutschland sucht den sympathischsten Klavierstimmer mit grünen Augen und einem Leberfleck auf dem rechten Knie" - die Formate werden uns schon nicht ausgehen und irgendein Opium braucht das Volk schließlich.

Kinder und Hunde bekommen eine Supernanny, die dann auch gleich dei Sache mit der Bildung geradebiegt, zumindest auf ein Maß, bei dem die Kleinen keine körperlichen Schmerzen verspüren, wenn sie fernsehen.
Und neue Kultur brauchen wir nicht mehr - die alte ist doch noch gut und wird mit Inbrunst von Prominenten (siehe "jeder darf mal ins Fernsehen") in diversen Musik-Recycling-Shows rauf- und runtergespielt.


Und wer das nicht gut findet, mit dem spielen wir dann einfach nicht mehr.
Deutschland wir jetzt Popkultur. Ausschließlich. Und irgendwie scheint das Ganze aufzugehen.
Herr V. ist Blogjungfrau, sieht sich aber somit als defloriert an. Gut zuhören jetzt.
mindestens haltbar 10/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 17
ISSN 1816-8159
Autor: Herr V.
Titel: Wir sind Popkultur
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