MTV und der Wandel der Popkultur

von Pax
Die Kultur der Massenunterhaltung, nicht zuletzt entstanden aus dem Bedürfnis Geld zu verdienen, die Popkultur also, hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Eine nicht unwesentliche Rolle hat MTV dabei gespielt. Ich kann mich gut an die Zeiten vor MTV erinnern. Popkultur gab es auf dem Land eigentlich nicht. Oder nur verspätet und häppchenweise. Sie sickerte via Wanderdiscos oder das Radio (Hitparade) zu uns, allerdings nur sehr begrenzt. Auch die Bravo dürfte eine gewisse Rolle gespielt haben, oder die Peers, die sich auf die weite Reise nach Zürich machten (es war die Zeit vor der S-Bahn und somit reiste man statt 10 Minuten wie heute deren 45) um den Puls der Zeit zu fühlen.

1979 wurde Radio24 gegründet, der erste private Radiosender der Schweiz. Die Popkultur hatte endlich einen Kanal und ich erinnere mich noch gut, wie viele Menschen damals mit weissen Fähnchen an der Antenne Auto fuhren. Dem Zeichen dafür, dass man pro Radio24 und gegen ein staatliches Monopol war. Der Staat schlug zurück und so ist eine meiner frühen Radioerinnerungen die live übertragene Schliessung von Radio24. Ein paar Jahre später sprang auch der Staat auf den Zug auf und lancierte mit DRS3 den ‚amtlich bewilligten Störsender’, der aber nie auch nur halbwegs so massentauglich war wie die private Konkurrenz. Doch das alles beschränkte sich nur auf die Musik. Es fehlte immer noch etwas, Popkultur fand nur auditiv statt.

Dann kam MTV und alles wurde auf einen Schlag anders. Man hatte vorher schon auf dem SKY-Channel ab und an Musikvideos bewundern können (ich nur bei den Grosseltern, da wir zu Hause kein Kabel-TV hatten). Aber dann gab es einen Sender extra für uns, die Jungen, die, so denke ich, massgeblich zum Konsum der Popkultur beitragen und auch deren Zielgruppe sind. Nun gab es neben auditiver auch visuelle Popkultur und die hat uns schlicht gesagt weggeblasen. Wie Ray Cokes das machte, was ihm Stefan Raab Jahre später nachgemacht hat, das hatte man im TV so noch nicht gesehen.

Gut in Erinnerung hab ich noch, dass die Popkultur über einen hohen Altersrange geteilt wurde. Sogar mein Vater hörte sich diese Musik an, was in den Generationen vorher sicher nicht so war. Die Welt bestand noch mehrheitlich aus Rock und Pop, auch wenn sich in NY bereits die Wende zu anderer Musik abzeichnete. Popkultur, so habe ich es wahrgenommen, war zu Beginn der 80er Jahre etwas, was sich viele Leute geteilt haben. Nischen gab es wenige (oder sie waren nicht sicht- oder hörbar), die grosse Mehrheit liess sich im selben Fluss dahin treiben.

Von dem ist nicht mehr viel geblieben. MTV war des MTV Tod. Wer sich heute durch das Programm von MTV zappt sieht zwar Popkultur, aber eine, deren Zielpublikum mittlerweile noch aus ein paar wenigen Jahrgängen besteht. Das M im Namen verdient schon fast nicht mehr genannt zu werden, Popkultur hat heute nicht mehr viel mit Musik zu tun, zumindest wenn man MTV als Gradmesser nimmt. Das Visuelle hat das Auditive verdrängt, oder lässt es zumindest als Klingeltöne noch knapp am Leben.

Natürlich gibt es auch heute noch Musik. Aber sie hat wieder einen anderen Stellenwert eingenommen. Ende der 70er Jahre gab es zwar Punk, für die meisten Menschen waren die neuen Möglichkeiten, die durch die privaten Radios und MTV in unsere Stuben kamen jedoch so faszinierend, dass darob vergessen wurde, dass die Musik immer ein wichtiges Mittel der Abgrenzung zwischen jung und alt gewesen war. Das weiss die heutige Jugend wieder besser. Ich nehme nicht mehr Teil an ihrer Musik, die dürfen sie für sich alleine haben. Doch rechtfertigt eine solche Programmgestaltung auf MTV noch den Begriff Popkultur? Gibt es sie überhaupt noch, die Masse? Leben wir nicht in einer Zeit, in der es so viele Nischen gibt, dass es vermessen ist von einer Popkultur zu sprechen? Natürlich, die Massen werden weiterhin unterhalten. Dazu tragen wiederum visuelle Mittel wie Superstar oder Starsearch bei, bei denen die Zielgruppe zugleich Akteur ist (mal abgesehen von ein paar älteren Semestern, die sich ‚lose your dreams and you will lose your mind’ von den Stones etwas zu sehr zu Herzen genommen haben und immer noch an ihren Traum glauben, mit Gesang Karriere machen zu können).

Klar ist, dass sich der Begriff der Popkultur sehr ausgeweitet hat. Die schon erwähnten Klingeltöne gehören heute dazu. Und dann sind wir wieder da angelangt, wo alles begann, weswegen es so was wie Popkultur überhaupt gibt. Nämlich beim Geld, dem alles schmierenden Motor in dieser Branche. Und dann bin ich froh, dass Cannonball Adderley und Thelonious Monk keine Popkultur sind. Denn sonst würde es sicher nicht lange dauern bis ‚Mercy, Mercy, Mercy’ oder ‚Abide with me’ als Klingeltöne zu haben sind. Und das fände ich schade.
Alles fing an mit Radio24, dem ersten privaten Radiosender der Schweiz. Das brachte einen Stein ins Rollen - vor allem in den Ohren der Jugend - und man "arbeitete" sich hoch: Über den SKY-Channel und schließlich MTV wurde man von Pop und der Kultur drumherum mitgerissen.
Pax, 33, Psychologe, mit Konkubine und Tochter in Zürich lebend. Schon immer audiophil, was sich auch am dafür reservierten Platz in der Wohnung bemerkbar macht. Designer eines Web-Riddles, und Blogger der späteren Stunde.
mindestens haltbar 10/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 17
ISSN 1816-8159
Autor: Pax
Titel: MTV und der Wandel der Popkultur
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am 25. Nov, 14:57

Gratulation! Ich habe selten einen so ehrlichen und flotten Artikel über den Wandel unserer (Pop-)Musik gelesen! Ich finde es auch mehr als traurig, dass sich im Laufe der Zeit das Geld selbst über unsere Musik gestellt hat, wie man es leider Gottes in den Werbepausen der großen Musiksender sehen kann. Ein Klingelton nach dem anderen. Andererseits sollte man das ganze auch nicht zu eng sehen, denn die Sänger/Gruppen die sich auf diese Art der Monetarisierung einlassen sind meistens gesanglich alles andere als große Klasse und greifen deshalb auf solche Möglichkeiten des Geld verdienens zurück.

am 21. Mrz, 10:55

Na wenigstens sind die Klingeltonspots weniger geworden. Ich denke das hat MTV ganz schön viel Zuschauer, vor allen alte Zuschauer gekostet.