0217 - Popkultur

mach deinen fernseher kaputt


Sounds from the past


Pott-Kultur

Jazzer
Im Schmelztiegel des Ruhrgebiets verschwimmen kulturelle Grenzen. Wo die Sonne verstaubt, wird an ehemaligen Orten der Arbeit Kultur geschaffen. Und das ist durchaus populär.
„Tief im Westen, wo die Sonne versinkt, ist es besser, viel besser als man glaubt.“ Wer kennt sie nicht, die berühmten Anfangsworte aus Herbert Grönemeyers Heimathymne „Bochum“. Sie sind, obwohl sicher ein klassisches Stück Pop-Geschichte, ein kleiner Teil dessen, was ich unter dem Begriff „Pott-Kultur“ zusammenfassen würde.

Doch eins nach dem anderen. Es liegt schon einige Jahre zurück, dass im Rahmen einer studentischen Geburtstagsfete im Bekanntenkreis eine heftige Diskussion entbrannte. Entzündet hatte sich diese an der Musikauswahl der Gastgeberin. Auf einmal stand das Wort vom „Mainstream“ im Raum. Wie in studentischen Kreisen – insbesondere den geisteswissenschaftlichen – üblich, distanzierte man sich auf das Schärfste. „Mainstream“ ginge ja gar nicht. Es müsse schon etwas „Anspruchsvolles“ sein. Danach befragt, was denn unter etwas „Anspruchsvollem“ verstanden würde, begann eine wilde Aufzählung von Songs, Interpreten und Genres, von denen ich – trotz meiner grenzenlosen Musikbegeistertheit – bis zu diesem Abend noch nie oder allenfalls beiläufig etwas gehört hatte. Genüsslich machte man sich über die heutige „Pop-Kultur“ her, grenzte sich mit wildesten Thesen und an den Haaren herbei gezogenen Argumenten vom „Mainstream“ ab.
Dabei beschlich mich einmal mehr ein gewisses Unwohlsein. Da war er wieder, der viel bemühte und immer wieder heraufbeschworene Gegensatz zwischen „Kultur“ und „Mainstream“ – in diesem Falle verkörpert durch das, was gemeinhin als Pop-Musik bezeichnet wird. Dazu befragt, wie ich denn zu der Sache stehe, gab ich an, „irgendwie alles zu hören“. Das hatte natürlich nichts mit meinem glänzenden Hörvermögen zu tun sondern mit der Tatsache, dass ich mich keinerlei Genre-Grenzen verpflichtet fühlte. Was mir gefällt, das höre ich eben. Dabei ist es mir egal, ob das ein Radio-Song ist, der 10mal täglich gespielt wird, oder eine CD, die ich im Eigenverkauf vom Künstler selbst auf einem kleinen Jazz-Festival erstanden habe.

Aber vielleicht hat auch das eine Geschichte. Meine eben. Angefangen hat bei mir alles mit der klassischen Ausbildung in der Musikschule. Klassisch ging es dann im Schulorchester weiter. Doch das wurde mir irgendwann zu langweilig, sodass ich mich entschloss, mich der grenzgenialen Schulband „Schreie hinter Klostermauern“ (ich war auf einem ehemaligen Mädchengymnasium) anzuschließen um schließlich in einer kleinen Jazz-Combo zu enden. Je nach Stimmungslage und zu beeindruckendem weiblichen Geschlecht fanden sich in meiner „wilden Zeit“ auch Interpreten wie „Pur“ oder „Chris de Burgh“ in meinen CD-Regalen wieder. Auch wenn ich es heute nur widerwillig zugebe, befanden sich neben diesen sogar noch „Modern Talking“ und „Sandra“ auf Silberlinge gepresst in meinem Besitz. Und dennoch möchte ich deswegen nicht als Kulturbanause bezeichnet werden.

Auf dem Heimweg von der Party führte der Weg durch das nächtliche Ruhrgebiet. Und irgendwie ließ mich dabei ein Gedanke nicht mehr los. Ist es in Ordnung, Pop-Musik pauschal als nicht zur Kultur gehörend abzutun? Noch während ich darüber nachdachte, ging die Fahrt vorbei an großen, verlassenen Kathedralen der Industriegeschichte des Ruhrgebiets. An Musical-Theatern in alten Werkshallen, Diskotheken in stillgelegten Zechengebäuden und Kulturzentren in verlassenen Bahnhofsgebäuden. Eine typische Ruhrgebietsmelange eben. Wo, wenn nicht hier zerfließen die konstruierten Grenzen zwischen populärem Mainstream und Kultur? Das Ruhrgebiet als großer Schmelztiegel. Nicht nur im realen, sondern auch im übertragenen Sinne.

Schon immer war dieser Ballungsraum, von seinen Bewohnern auch liebevoll „Pott“ genannt, geprägt von diesen scheinbaren Widersprüchen. Neben der allseits bekannten und bis heute noch die Vorstellung vieler prägenden Schwerindustrie mit ihren qualmenden Schloten, den Stahlwerken, die den Abendhimmel weithin sichtbar rot färbten und den sich tief in die Erde hinein grabenden Zechen gab es schon immer eine blühende Kulturlandschaft. Bereits früh erwarben sich Kulturinstitutionen wie das Bochumer Schauspielhaus oder das Essener Folkwang-Museum weit über die Grenzen der Ruhrregion hinaus einen glänzenden Ruf.

Nun hätte man befürchten können, dass diese lebendige Kulturlandschaft mit dem massiven Strukturwandel, der seit den 70er Jahren zigtausende Menschen in Arbeitslosigkeit und soziale Not stürzte, ebenfalls vom Zusammenbruch bedroht gewesen wäre.

Aber das Gegenteil war der Fall. Gerade das reichhaltige Kulturangebot war es, was vielen Menschen auch in diesen schweren Zeiten Halt bot. Mit dem Zechensterben und der Krise der Stahlindustrie wandelte sich auch die Kulturlandschaft zusehends. Doch auch im Ruhrgebiet vollzog sich dieser kulturelle Wandel nicht ohne Widerstände. Nur zu gut erinnere ich mich an den Aufschrei, als Ende der achtziger Jahre in meiner Heimatstadt der Neubau eines Musicaltheaters geplant und beschlossen wurde. Die (vermeintlich) intellektuelle Kultur-Szene rund um Schauspielhaus und Bochumer Symphoniker echauffierte sich über die Millionen, die die Stadt doch lieber in die Förderung der „wahren Kultur“ hätte stecken sollen. Von solch Geld verschlingenden, „populären“ Projekten solle man doch lieber die Finger lassen. Doch mit dem Erfolg des Musicals, das mittlerweile ins 18. Jahr geht, wurden die Stimmen immer leiser. Viele Musical-Besucher kamen eben nicht nur für die zweistündige Vorstellung, sondern besuchten auch andere Sehenswürdigkeiten der Region. Ein vermeintlich populäres Projekt brachte auch für andere, weniger populäre Kulturangebote den Aufschwung.

Viele Menschen fanden in diesem Umfeld Arbeit. Ehemalige Werks- und Zechengelände wurden zu Orten der Kultur umfunktioniert, wovon die mittlerweile auch überregional bekannte „Route Industriekultur“ zeugt. Ganzjährig herrscht hier ein lebendiges kulturelles Leben. Sei es im Rahmen von Ausstellungen (Design auf Zeche Zollverein), Jazzfestivals (Traumzeit-Festival im Landschaftspark Duisburg, einem ehemaligen Stahlwerk) der Ruhrtriennale (Spielorte wie die Jahrhunderthalle in Bochum) oder den unzähligen Kleinkunstveranstaltungen (zum Beispiel im Ebertbad in Oberhausen oder der Kaue in Gelsenkirchen). Ehemalige Orte der Arbeit bleiben so lebendig, ihre Geschichte wird in einen neuen Kontext gesetzt.

Und noch etwas fasziniert mich immer wieder. All diese Angebote sind hier tief verwurzelt in der Bevölkerung und stoßen auf breite Resonanz. Sind eben das, was man gemeinhin als „populär“ bezeichnet. Doch was heißt „populär“ denn vom Wortsinn her anderes, als dass sich das Angebot eine breite Bevölkerung richtet und von dieser auch angenommen wird. Hier sitzt im Schauspielhaus eben neben dem Bildungsbürger genauso der Student wie auch der viel beschworene „kleine Mann“.
Das Angebot zwischen Duisburg im Westen und Unna im Osten, Hattingen im Süden und Herten im Norden ist ebenso bunt wie die Bevölkerung in diesem Schmelztiegel. Für jeden ist etwas dabei. Jeden Tag. In jedem Bereich. Kultur ist im besten Sinne „populär“ geworden. Pott-Kultur ist Pop-Kultur im besten Sinne. Kultur für die Menschen.

So kann ich alle Leser nur einladen, starre Wertungs- und Denkmuster aufzubrechen. Mit offenen Augen und weitem Herzen durch die Welt gehen, neugierig sein, Dinge ausprobieren und sich auf Neues einzulassen. Unabhängig davon, ob es populär ist, oder nicht.

Das Ruhrgebiet hat es vorgemacht. „Der Pott kocht“ nicht nur, wie ein alter Werbeslogan es treffend auf den Punkt brachte. Nein, der Pott rockt auch. Ungemein. Ob mit Theater, Kunst, Klassik, Jazz, Pop oder Literatur. Kultur von engagierten Menschen für alle, die sich darauf einlassen. Das Ruhrgebiet ist mit Essen als „Frontstadt“ Kulturhauptstadt Europas für das 2010. Ein Besuch lohnt. Garantiert. Auch vorher schon.
Der Jazzer ist eine echte Ruhrpott-Pflanze des WM-Jahrgangs '74. Wenn er
nicht gerade in der niedersächsischen Provinzhauptstadt Hannover seinem
Tagwerk nachgeht, macht er 1. Werbung für seine Heimat, regt sich 2. über
die Deutsche Bahn auf und beschäftigt sich 3. mit Musik, Musik und nochmals
Musik. Nachzulesen ist all das seit mehr als 2 Jahren in seiner
Jazzlounge.

Pop, Protest und Sippenhaft

Nachtschwester
Aufgewachsen in gruppenzwanghafter Auflehnung gegen die Popkultur der 80er Jahre, stellt sich am Ende heraus, alles war Pop. Vor allem die Auflehnung dagegen.
Was qualifiziert mich eigentlich, mich hier zu äußern?
Ich bin unter Popkultur-Verächtern aufgewachsen. Warhol, die Beatles, Che Guevara, Woodstock und Superman-Comics waren cool, aber darüber, was die Massen aktuell- kulturell konsumierten, konnte man nur die Nase rümpfen.
Wahrend der Schulzeit in den 80ern ging es vor allem darum, sich vom Mainstream abzugrenzen, und zwar kollektiv. Deshalb waren wir alle total individuell in unserer Denke, dem Musikgeschmack und dem Kleidungsstil.
Wir waren gegen Atomkraft und die Startbahn West, wenn auch ohne die typischen buttongespickten Bundeswehrparkas. Wir kannten den Ausdruck politisch korrekt noch nicht, hatten aber ausdrücklich nichts gegen Gastarbeiter. Wir gingen kreativen Hobbies nach, wir machten nämlich Musik, strickten Norwegerpullover und bauten Futonbetten. Wir gingen im Winter Skilaufen und lernten im Sommer Windsurfen, denn Snow- oder Kite-Boards waren noch nicht erfunden.

Wir hatten auch an der Hochkultur teil, sofern sie sich uns per Schüler-Theaterabonnement erschloss. Wir hörten Pink Floyd, Manfred Mann, Jethro Tull und Neill Young auf unseren Kassettenrecordern statt AHA, Madonna, Neue Deutsche Welle oder gar Milli Vanilli.
Wobei erstere ja Protagonisten der Popkultur der älteren Geschwister oder gar der Eltern gewesen waren, die ihre Adoleszenz bereits hinter sich gebracht hatten; die Musikauswahl entsprang vermutlich dem Bestreben, uns durch das Vortäuschen von Reife von Gleichaltrigen abzugrenzen.

Was die Klamotte betraf, durfte man sich optisch keinesfalls in die Nähe von Leuten begeben, die womöglich Disney- oder Schwarzenegger-Filme oder gar Eis am Stiel ansahen, die Bravo lasen oder etwa statt unserer Kultkneipen diese neuen Großraumdiscos besuchten, da galt Sippenhaft. Die trugen Cowboystiefel und Sasch-Jeans und waren geschminkt, sofern sie weiblich waren, ersteres war prollig, letzteres tussig. Wenn Schminke, dann höchstens so, dass man sie nicht sah. Ob Levis oder Wrangler, konnte man frei nach Hintern entscheiden, andere Jeansmarken waren inakzeptabel. Ich liebäugelte zwar mit Fiorucci, aber das blieb geheim. Das Taschengeld gab das ohnehin nicht her.
Dann gab es noch die Popper, Teds, Punker, Spontis und Gruftis. Das angestrengte tägliche Nicht-Styling zielte nicht nur darauf ab, mögliche Assoziationen mit diesen Gruppierungen auszuschließen, sondern auch den schmalen Grat zwischen dem total originellen eigenen Stil und Bloßnichtauffallen nicht zu verfehlen.

Kinder des Olymp, Jules und Jim, Fellini, Bertolucci, Kusturica und Wim Wenders waren besser als zeitgenössisches Hollywood. Am Eingang des Programmkinos gesehen zu werden, konnte nie schaden. Hollywood war oberflächlicher Popquark, den wir boykottierten, jedenfalls in der eigenen kleinen Stadt.
Eben hatte man noch Koyanisquatsi im Hinterkopf, da wurde erst Betty Blue – 37,2° am Morgen, dann ausgerechnet Subway, dieser durchdesignte Vollsynthetik-Film, Kult.
Kult! Schließlich waren die Protagonisten beider Filme Außenseiter, die sich als tragische Helden voller Leidenschaft und irrer Ideen aus der Subkultur heraus gegen das Populäre auflehnten, genau wie wir.

Bei Licht betrachtet, war dabei der verachtete Mainstream gar nicht gleichbedeutend mit der Popkultur, gegen den wir zu protestieren glaubten, sondern eine von vielen Facetten derselben. Das heißt, Betty Blue war ebenso Pop wie etwas später Pretty Woman, Friedensmärsche ebenso wie die Love Parade, Impro-Theater ebenso wie Andrew Lloyd Webber, Bundeswehrparkas ebenso wie Fiorucci, VW-Kastenwägen wie auch Golf-Cabrios. Selbst Atomkraft-Nein-Danke war Pop.

Im großen Flussbett der Popkultur warfen und werfen miteinander konkurrierende Strömungen gegeneinander Wellen auf. Die neueren schlagen gegen die älteren, und die vermeintlich alternativen gegen den Mainstream. Röhre gegen Bootcut, Pink gegen Jessica Simpson und Paris Hilton, Indie-Mukke gegen Casting-Shows, YouTube gegen MTV, Print gegen Blogs. Mitschwimmen ist Pop, sich dagegen zu stemmen, ebenso.

Vielleicht liegt es daran, dass ich in einer sehr entspannten Stadt lebe, oder dass ich die Adoleszenz abgeschlossen habe. Womöglich gab es nie einen Mainstream, womöglich stirbt er tatsächlich gerade, wo das mit der Konkurrenz alles zu friedlicher Koexistenz abflacht.
Jedenfalls sehe ich heute von sicherem Felsen aus übers Wasser, und wenn mir eine Welle gefällt, reite ich sie ein bisschen, heute ist das nämlich auch mit über 30 noch o.k.
Ich kann es natürlich nicht mit Sicherheit sagen, aber auch für die Jungen scheint die Selbstfindung heute mit weniger Anstrengung verbunden zu sein als damals. Es sieht eher nach pluralistisch-friedvollem Nebeneinander-Herplätschern als nach gefährlicher Brandung aus.
Alles ist Pop, kein Grund zur Aufregung. Peace.
Die Nachtschwester lebt als Süddeutsche seit einigen Jahren in Hamburg.
Seit einem halben Jahr nutzt sie ihre Schlafstörungen für ihr Blog nachtaktiv.twoday.net. Hier finden sich Alltagserlebnisse, Erinnerungen, Beziehungsdramen, Konsumwünsche, Enthüllungen aus deutschen Kliniken und eine Anleitung zum Wohnungseinbruch.

pop art und ich

David Ramirer
pop art heute: mehr als eine erinnerung?
heimito von doderer – der mit pop art so gut wie gar nichts am hut hatte – schreibt am beginn seines romans „ein mord den jeder begeht“: „Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder Kostüme wechseln wie er will.“

ich hatte das große glück – so empfinde ich es jedenfalls – in meiner künstlerischen kindheit den kübel pop art über den kopf bekommen zu haben, und die folgen davon sind noch heute spürbar. ein beispiel: erst neulich kam ich versehentlich in die nähe des ringturmes, der derzeit im schwachen licht nicht nur fototechnisch aufgeblasener pinselstriche als don giovanni-haus dasteht. ich senkte möglichst rasch den blick, als ich in die nähe dieser inszenierung kam und suchte meine augenberuhigung in tieferen regionen. kaum tat ich dies, blieben meine augen an einer decollage hängen, die durch den zahn der zeit, aktiv gestaltende mitbürger und schlicht vandalen an einem der baucontainer, die dort herumstehen, entstanden war. heruntergerissene plakate, schriften, die sich überlagerten, informationen die aufeinander einwirkten, inmitten von all dem sogar eine überzeugende komposition, die konzentrische kreisformen andeutete, das ganze noch dazu in einem gewagten blauakkord vorgetragen... ich war versöhnt mit wien. einer stadt, wo solche decollagen möglich sind, einer stadt, wo pop art bisweilen aufleuchtet als bollwerk gegen das pseudo-expressive genuschel daneben. ja, wo die pop art sogar, auch wenn sie ja längst archiviert ist, noch lebt und sich in momenten der not zu behaupten imstande ist.

die pop art ist – objektiv betrachtet – den weg allen fleisches in der welt längst gegangen. sie hängt in den museen, ist „vorbei“ und kein mensch kann sich die bilder heutzutage leisten (das war auch zu ihrer glanzzeit eher schwierig). „pop“ kam einerseits von „populär“, aber auch von „zerplatzen“. auf einer collage von richard hamilton kam das wort vor, es stand auf dem überdimensionierten lolly-pop, den der muskelbepackte herr in der hand hält.

abgesehen von der kunsthistorischen bedeutung einer kunstrichtung (pop art: von ... bis ..., hauptvertreter usw. usf. ... siehe dazu die wikipedia zu dem thema) können derartige bereiche und schlagworte in der vita eines malers erst sensibilitäten öffnen, dinge sichtbar machen und optionen erschließen, wenn der umgang mit der geschichte kein zu demutsvoller ist.

künstler haben in der zeit ihrer ausbildung oft „kinderkrankheiten“. manche laborieren am expressionismus, andere hängen jahrelang im surrealismus herum, wieder andere meinen, der dadaismus ist ihre heimat. derartige kinderkrankheiten sind wesentlich: denn ein kind, das nie krank war, wird später nicht gesund sein; es wird sich die ganzen viren später einfangen, und – im schlimmsten fall – nie mehr loswerden.
fatal ist auch das beibehalten der kinderkrankheiten. doch kommt das eher selten vor: das fieber einer echten infektion überlebt sich selbst relativ rasch, aber es rinnt dann doch... (siehe oben).

bei mir ist es eine emotional sehr tiefe verbundenheit mit ein paar bildern der pop art, die mich immer wieder zurückversetzen in eine zeit, in der ich begann „ich“ zu werden. in eine zeit, in der ich an der kinderkrankheit pop art laborierte.

einer meiner liebsten wegbegleiter unter den pop art-malern war damals roy lichtenstein, der für die meisten anderen betrachter immer nur der comic-maler war, der „raster“-benutzer (weil er auf technisch geniale art mit schablonen die typischen dots aus dem farbdruck der comics auf seine bilder projizierte).
meinen ersten roy sah ich damals im museum moderner kunst in wien, es muss etwa 1986 gewesen sein. es war ein bild aus seiner „spiegel“-serie, in der er mit sehr sparsamen mitteln auf sechs rechteckigen hohen panels den eindruck erweckte, man sähe spiegel vor sich. ich fand im internet einen anderen spiegel aus der serie, der diese idee noch eleganter umsetzt.
ich kann kein bild von roy sehen (und ich kann auch nicht anders, als ihn nur am vornamen zu benennen, obwohl ich ihn nie persönlich kennengelernt habe) ohne an all die anderen zu denken, die mich so inspirierten und ach amüsierten. denn humor ist eine der hervorstechendsten eigenschaften der pop art, die kaum jemand je herausdestilliert hat. und ich kann natürlich auch kein glas, oder keinen spiegel malen, ohne an seine umsetzung zu denken... „wie würde roy das machen?“ – und dann: „wie mache ich es?“

so sind auch die großartigen siebdruckserien von andy warhol zunächst einmal sehr witzig, weil sie auf drastische art und weise die multiplikationsfreude der gegenwart aufzeigen. oder seine berühmten brillo-boxen: erst aus dem supermarkt geholt, auf holz nachgedruckt wird bewußt gemacht, wie wenig ernst diese akkumulationen von quadern eigentlich sind, die uns jeden tag umgeben.

pop art ist bei mir ein teil der lebenseinstellung geworden, so seltsam das klingen mag. ich kann pop art nicht in den 50er oder 60er-jahren lassen. zuviel von dem, was damals thema war, ist es auch heute noch. also bleibe ich dran. auf meine art.
lebt seit 1970 in wien und malt, fotografiert und zeichnet. manchmal schreibt er auch. bisweilen ist er auch am klavier hörbar. als blogger tätig unter provok.antville.org und davidramirer.twoday.net. derzeit arbeitet er an einem umfangreichen collagenprojekt.

Schokoladenschnitzel

Idoru
Wie kommt das "Pop" in "Popkultur"? Oder warum Piccata Milanese doch dasselbe und Goethe doch nicht schuld daran ist.
Ich habe ein Liste Nerviger Worte, abgeschaut aus der Freud-Spezialausgabe des „Zeit“-Magazins. Da stehen Worte drauf wie „Stöckchenspiel“, „Chefdenker“ und „Budgetkonsolidierungsverhandlungen“ - ein Wort, nebenbei bemerkt, das in meinem Notizbuch eine gesamte Zeile einnimmt. Und ich überlege ernsthaft, ob ich das schöne Wort „Popkultur“ nicht auch daraufsetze.

„Popkultur“ ist ein typischer Fall von: Schnitzel ist gut, Schokolade ist gut - wie gut muss erst Schnitzel mit Schokolade sein! Was natürlich nicht heißt, daß dieses Prinzip grundfalsch ist, man denke nur an Piccata Milanese - Schnitzel mit Spaghetti. Im Falle von Schnitzel mit Schokolade allerdings treibt man das Spiel zu weit; und im Falle von Popkultur auch, denke ich. Pop ist populär, also gut. Und Kultur ist kulturell und ethisch wie moralisch toll, also auch gut. Wie gut muss erst Popkultur sein!

Meine Großmutter sagte immer zu mir „Red nicht, wenn du nicht verstehst“. Natürlich rede ich selbstredend andauernd über Dinge, von denen ich nichts verstehe (sonst hätte ich ja gar nichts mehr zu sagen) aber manchmal, manchmal mache ich mich ein wenig schlau und denke tatsächlich nach, bevor ich mich zu einem Thema äußere. Mir wurde klar, daß ich überhaupt nicht wusste, was Popkultur genau ist und ab wann man von Popkultur spricht. Gefühlsmäßig hätte ich gesagt, in der Musik ist, analog zu Popmusik, der Mainstream Popkultur. In der Kunst ist es die Moderne, nicht-alte nicht-hohe Kunst. So in etwa die „jungen Wilden“. Das Problem ist, daß auch die jungen Wilden mittlerweile alte Leute sind.

Fragt man zehn Menschen auf der Straße was Popkultur ist, bekommt man zehn grundverschiedene Antworten. Popkultur ist in den Köpfen der Menschen etwas in den Medien, etwas mit Kunst und Musik, etwas, das gerade irgendwie irgendwo passiert. Aber Popkultur ist viel älter, als man gemeinhin annimmt. Oder jedenfalls, als ich es annahm, denn jetzt weiß ich es besser. Popkultur kam mit der industriellen Revolution auf. Ab diesem Zeitpunkt war es technisch möglich, Inhalte wie etwa Musik, Gedankengut, kulturelle Strömungen oder auch Mode an eine große Masse von Menschen zu verbreiten. Die transportierten Inhalte wurden „populär“, der Großteil der Menschen in einem Kulturkreis konnte daran teilhaben - die Massenmedien waren geboren. Man spricht also schon sehr lange von Popkultur und trotzdem sollte es noch immer niemandem gelungen sein, für wortfixierte Menschen wie mich eine eindeutig fassbare Begriffsdefinition zu liefern - wie kommt das?

Popkultur beschreibt alles, was im 20. Jahrhundert auf irgendeine Art und Weise kulturell und gesamtgesellschaftlich passiert ist. Es ist ein schwammiger Überbegriff. „Popkultur“ heißt nichts. Der Begriff „Popkultur“ triggert keine definierte Response, weil „Popkultur“ Alles und Nichts bezeichnet. Und genauer betrachtet ist exakt diese Tatsache auch das Faszinierende an dem Wort. Popkultur ist ein Begriff, der so weit gefasst ist, dass er alle Gegensätzlichkeiten umfassen kann. So gesehen ist das Wort in seiner Unzulänglichkeit schon wieder genial, weil es etwas umschreibt, was kulturell und gesellschaftlich allübergreifend ist.

Um es mit einem ähnlichen Begriff zu beschreiben könnte man sagen, der Begriff Popkultur fängt den Zeitgeist einer gesamten Epoche ein. Popkultur ist Zeitgeist, Zeitgeist ist Popkultur. Der Begriff Zeitgeist geht übrigens, wie so vieles, auf Goethes Faust zurück, der ja - wiederum nebenbei bemerkt - von Charles Gounod vertont wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.
Frau Idoru ist a) ein wandelndes Wörterbuch, b) keine Jukebox, c) völlig irre und d) stolzes Mitglied im Club der Unausgeschlafenen Verrückten.
Lebt und arbeitet in Wien.

Der Countdown läuft

Jens Schröder
Wie ein uncooler Stuttgarter mit seinem Drumcomputer aus einem kleinen niedersächsischen Jungen einen Junkie machte.
Es muss ein kühler Wintertag gewesen sein. Damals, im Januar 1983 in der niedersächsischen Provinz, unweit der Grenze zur DDR. Es gab nicht viel, was kleine Dorfjungs damals aus dem wohl behüteten Alltag herausreißen konnte. Allenfalls "Captain Future" schaffte das. Die Nachmittage bestanden vornehmlich aus Fußballspielen, im Winter Rodeln. Die Todesbahn auf dem Mühlenberg war legendär. Nur die Härtesten trauten sich dort herunter. Und dazu gehörte natürlich auch der kleine Junge. An diesem Januartag jedoch muss alles anders gewesen sein. Wahrscheinlich war es selbst zum Rodeln zu kalt gewesen und so passierte das, was das Leben des kleinen Jungen für immer ändern sollte.

Schon im Jahr zuvor hatte er erste Kontakte mit ernsthafter Musik gehabt. Also nicht die doofen 70er-Jahre-Schlager-Platten, die die Eltern bei ihren Partys auflegten. Der große Bruder hatte eine neue LP gekauft, auf der sich Lieder wie "Skandal im Sperrbezirk", "Der goldene Reiter" oder "Eisbär" befanden. Die Stücke gefielen dem kleinen Jungen, so sehr, dass er sie auf dem Schulweg vor sich her pfiff. Doch irgendwann hatte der große Bruder keine Lust mehr auf die Platte, wollte sie partout nicht mehr hören. Den Kleinen machte das traurig, hatte er doch kein eigenes Abspielgerät. Bis zum Januar 1983, als ein alter Radio-Cassettenrecorder - später sagte man dann Ghetto-Blaster dazu - als Geschenk den Weg in sein Kinderzimmer fand. Und dann war es soweit: Im Radio lief das Lied eines aus heutiger Sicht relativ uncoolen, unmusikalischen 27-jährigen Stuttgarter namens Pierre Michael Schilling. Da Pierre Michael ein ziemlich doofer Name war, nannte er sich Peter Schilling. Und dieser Peter Schilling sang im Januar 1983 von einem "Major Tom". Nie zuvor hatte der kleine niedersächsische Junge solch unglaubliche Töne gehört, wie gebannt saß er in seinem Kinderzimmer. Moderne Drumcomputer verbanden sich mit einem Killer-Refrain zu einer Melodie, wie sie nur von Gotteshand komponiert worden sein konnte.

"Gründlich durchgecheckt steht sie da und wartet auf den Start - alles klar." Worte, die der damals 8-Jährige auch 23 Jahre später noch nicht vergessen hat. Und Worte, die er in mancher ruhigen Stunde noch heute durch die Lautsprecher schallen lässt. Um sich zu erinnern. Erst viele Jahre später wurde ihm klar, dass "Major Tom" der Startschuss in ein neues Leben war. Von nun an saß der kleine Niedersachse jeden Samstagmorgen am Radio und hörte die "NDR 1 Hitparade", nahm sich die neuesten Songs von Schilling, Nena, Gazebo, Spandau Ballet und all den anderen auf Cassette auf. Entdeckte irgendwann, dass die offizielle deutsche Top 75 über einen Mittelwellen-Sender des Saarländischen Rundfunks bis in den Norden des Landes schallte und schrieb sie fortan Woche für Woche mit. Aus dem Jungen war ein Junkie geworden. Je älter und größer er wurde, desto mehr Musik kam in sein Leben: Zu den aufgenommenen Cassetten gesellten sich viele Vinyl-LPs und -Singles, dann CDs und noch später mp3s. Natürlich änderte sich mit der Zeit der Musikgeschmack: An die Stelle des Herrn Schilling traten im Laufe der Jahre Herr Hansen, Herr Lenz, Herr Cobain und schließlich Herr Yorke. Doch eins änderte sich im Kopf des Jungen nie: Die Erinnerung an jenen Tag im Januar 1983 und an den Song, der sein Leben ändern sollte.
Jens Schröder lebt als Blogger und Journalist in Düsseldorf und schreibt den ganzen Tag lang über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens: Fernsehen, Musik, Kino und Internet.

Badum-Bumm

"Etosha" / Susanne Gritsch
Zwischen Musik und "Badum-Bumm" und warum man sich seine Musik wohl am besten selbst macht.
Wenn ich das dringende Gefühl habe, ich müsse der Welt etwas mitteilen, dann unterlege ich meine Kundgabe zuweilen mit Akkorden: Ich schreibe Songs für meine Band.
Ein neuer entsteht in genau diesem Moment. Die Harmonien tragen meinen zuvor ausformulierten Seelenstriptease durch die Takte, die Strophe schwebt zwischen Major7- und Moll-Akkorden. Dann, im Refrain, ändert sich die Grundtonart zwar nach Dur, aber die Harmonien schleichen in den ersten Zeilen scheu um sie herum, im harmonischen Widerstand gegen die ersehnte Auflösung. Erst in der letzten Zeile des Refrains erlöse ich den Zuhörer - aber nur ganz kurz, er soll ja keinen Glücksrausch kriegen in diesem traurigen Stück. Wunderbar! Und jetzt zur Bridge, da könnte jetzt nochmal die Tonart wechseln, vielleicht nach...
Badum-bumm.
Na toll. Der wahnsinnige Teenager von nebenan ist heimgekommen.
Badum-bumm.
Er hat soeben das bis zum Anschlag aufgedreht, was er versehentlich für Musik hält. Gnade!
Badum-bumm.
Ich kriege einen zornigen Schweißausbruch.

Wozu gebe ich mir hier eigentlich Mühe? Warum anspruchsvolle Musik schreiben, wenn Badum-bumm? Mit seiner Anlage könnte der Nachbar mühelos eine mittelgroße Diskothek beschallen, die Bässe fressen sich so spielend durch die Hauswand wie Holzwürmer durch Fichte. Jedes Stück dauert zwanglose fünfzehn Minuten. Oder zwanzig. Und es ist immer das selbe, immer das selbe, immer Badum-bumm.
Eine kurze Pause entsteht. Meine Endorphine bereiten sich schon zum Andocken vor. Jedoch, zu früh: Die nächste Nummer kommt gleich hinterher. Buzk-buzk-buzk. Es sägt an meinen Nerven. Und an meiner Meinung über den Nachbarteenie. Wie schlicht muss man eigentlich geistig sein, um sich so einen Scheiß in dieser Lautstärke und Häufigkeit reinzuziehen? Henne oder Ei? Fährt man auf diese Musik ab, weil einem von Natur aus ein paar Hirnwindungen fehlen? Oder führt die Musik ihrerseits dazu, dass unbenutzte Areale nach und nach abgebaut werden?

Bei diesem Gedanken hatte ich bislang immer das Stoppschild gezückt. Toleranz! Bestimmt ist an seiner Musik etwas mehr dran als das, was ich davon mitkriege. Schließlich werden mir nur die Mauerbässe serviert. Daran hatte ich eisern festgehalten, bis zu jenem Tag vor vier Wochen, als seine Eltern verreist waren, und er eine Gartenparty gab. Was da aus den Lautsprechern quoll und in unseren Garten herüberschallte, dass ich mein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte, war ebenso anspruchslos wie die Version, die ich bereits kannte - nur um ein Vielfaches lauter. Seine gehörgeschädigten Freunde brüllten einander neben den Boxen anspruchslose Sätze zu. Badum-bumm. Buzk-buzk. Stundenlang. Diese Art von dumpfer Meditation würde bei mir zu infernalischer Langeweile führen mit der Endstation geschlossene Psychiatrie.

Repetitivkacke. So nenne ich auch das, was mich häufig dazu bringt, von unserem österreichischen Alternativ-Radiosender FM4 wegzuzappen.
Komponieren, das muss man wissen, kann nämlich ausgesprochen einfach sein. Man nehme eine Akkordfolge aus maximal drei Akkorden, darunter lege man buzk-buzk oder Vergleichbares, und darüber einen beliebigen Satz, von mir aus 'Leaving for the madhouse.' Wer braucht schon Strophen, Refrain oder gar eine Bridge? Man will ja nichts aussagen. Man lässt den Sänger einfach den gewählten Satz einmal draufsingen. Alles andere ist copy-paste.

Als ob das Gerät mich hören könnte, erkläre ich dem Radio nach dem fünften oder sechsten 'Leaving for the madhouse' meistens sowas wie 'Ja, ich habe das jetzt verstanden', und meine zuvor noch zarte Hoffnung auf Abwechslung wächst ins Unermessliche. Nach dem achten Mal schalte ich gnadenlos um.
Meistens zu spät, denn ich bin überaus anfällig für Ohrwürmer, je dämlicher, umso besser. Gerne auch von Weihnachts- oder Kirchenliedern. Unlängst, nach einem Tagesohrwurm von 'Schnucki, ach Schnucki', einem alten Wiener Kabarettlied, traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz: Dass nämlich ein 'wüder Tippisch' nicht etwa eine Sonderbezeichnung für einen wilden, etwas übergewichtigen Indianer von kleinem Wuchse ist, der einer Squaw nachschleicht, wovon ich bis zu jenem Ohrwurmtage überzeugt war, seit meiner Kindheit, die - wie in diesem Land vielerorts üblich - bis zum zehnten Lebensjahr relativ dialektbefreit abgelaufen war. Nein, es handelt sich vielmehr um das Wort 'typisch' in seiner Dialektform, wodurch auch plötzlich das Adverb nicht mehr fehlte in dem Satz 'Das ist, sprach sie drauf schnippisch, für so an Wüden tippisch.' Toll!

Eine so enorme Erkenntnis aufgrund eines Ohrwurmes ist bei mir aber eher selten. Und das Schnucki spielen sie auf FM4 auch gar nicht, dafür gelegentlich die Repetitivkacke, die sich gleichermaßen als Ohrwurm eignet.

Dabei mag ich FM4, so prinzipiell. Man beneidet uns Österreicher gar um diesen Alternativsender, der auf der Frequenz des früheren multilingualen UN-Senders Blue Danube Radio sendet. Aus dieser Vergangenheit sind dem Sender auch die Nachrichten in englisch und französisch geblieben, dazu die meist englischsprachigen Moderatoren, die in der Morningshow gemeinsam mit deutschsprachigen eine unterhaltsame multilinguale Melange zusammenplaudern. FM4 ist das wohltuende Gegenstück zu Chart-Mainstreamsendern wie beispielsweise Ö3. Wo sonst hört man Tori Amos, Heinz aus Wien, Aqualung oder die Remixes von Kruder & Dorfmeister, aber auch mal alte Jazz-Klassiker?

Auch eine Plattform für heimische Bands gibt es, und das ist schön, denn es wird gute Musik gemacht in diesem Land. Das war übrigens auch schon vor FM4 so. Allerdings wurde da prinzipiell nichts im Radio gespielt, was nicht aus dem Ausland kam, was ja offenbar schon für sich als Qualitätskriterium gilt, oder aber bereits durch alteingesessene Freunderlwirtschaft dort verankert war. Dies beschränkte sich im Schnitt auf etwa 3,7 inländische Interpreten. Was also früher an den gestrengen Schergen der Mainstreamwache nie und nimmer vorbeigekommen wäre, darf sich dem Land heute zuweilen auf FM4 präsentieren. Und der Hörer wärmt sich an dem Schein, ihm würde nicht mehr diktiert, was ihm gefallen darf.

Erfreulich ist die bescheidene Eigenwerbung in Form von Signations. 'F-M-4'. Maximal noch ein 'You're at home, baby' hinterher. Danke, das wars, weiter im Programm. Kein Vergleich zu den Litaneien auf anderen Sendern, in denen dir nach jedem gespielten Titel in quälender Langsamkeit aufgezählt wird, aus welchen Ären - und zwar gesondert nach Jahrzehnten - die tollen Hits, goldenen Oldies und genialen Hyper-Superschlager stammen. Danach werden dir freilich noch die tunlichst vierstimmig gesungenen Frequenzziffern in die Ohren gejagt. Nur mit dem Ausdruck 'die Nuller-Jahre' für das aktuelle Jahrzehnt wurden wir erstaunlicherweise bislang verschont.

Eine wie immer geartete Erlesenheit des FM4-Konsumenten lässt sich aus dem Gesendeten freilich nicht ableiten. Wenngleich es durchaus vorkommt, dass dort ein Stück zu hören ist, das später in die Charts einsteigt, hat es freilich noch niemanden zu einem besseren Menschen gemacht, dass er 'das schon viel früher gekannt hat' als die verachtenswerten Mainstream-Hörer. Wie exquisit müssten sich denn die betreffenden Songwriter da erst fühlen?
Umso beachtlicher ist es, dass mir immer wieder Leute unterkommen, die sich als FM4-Hörer für etwas ganz Besonderes halten und diese Tatsache in ihre oft generelle Mitteilsamkeit beiläufig einfließen lassen. Würde ich in Schubladen denken, dann befände sich diese Möchtegern-Hörerelite nur einen schmalen Wachspapiersaum entfernt von jenen Leuten, die nicht müde werden, mir die Minderwertigkeit von Windows gegenüber Mac mitzuteilen, oder auch die offenbar wissenschaftlich erwiesene Tatsache, dass Genesis mit Peter Gabriel viel besser waren als mit Phil Collins.

Es werden natürlich auf FM4 auch Musikrichtungen gespielt, die mir den letzten Nerv ziehen, Rap zum Beispiel, oder Badum-bumm, und andere, für deren Genre ich gar keine Bezeichnung kenne. Indessen habe ich dort großartige Indie-Bands kennengelernt, Musik, die auf anderen Sendern keinesfalls in den Player darf. Darin wiederum liegt eine Kehrseite verborgen, denn es erscheint mir, als würde bei der FM4-Musikauswahl mitunter allzu eilfertig auf Qualität verzichtet zugunsten dieser einen Begründung: 'Ö3 tät des niemois senden. Des spü ma.' Besonders independent finde ich das nicht.

Völlig unabhängig von diesen Betrachtungen würde ich jetzt aber gern meinen Song zu Ende bringen. Die Bridge. D-Dur ist gut.
Und völlig ausreichend. Ich baue jetzt meine Bridge aus nur einem Akkord und einem einzigen Satz: Leaving for the madhouse. Eigentlich eh net schlecht, denke ich, das steht da schon, ist leicht zu merken, und es sagt zudem aus, was ich empfinde. Zu mehr fehlt mir jetzt echt die Aufmerkdings. Ich kann mich nämlich bei dem Lärm von da drüben einfach nicht Badum-bumm.
Etosha, Jahrgang 1974, lebt mit Ehemann und Hund nahe Wien. Sie purzelt hin und her zwischen knochentrockener Bilanzierungsarbeit und kreativem Schaffen. Das Schreiben dient ihr seit langem zur Innenschau, für das entsprechende Gegenstück sorgt "Etoshas Pfanne".

Wir sind Popkultur

Herr V.
Deutschland und das Grauen Popkultur oder Popkultur und das Grauen Deutschland - warum Popkultur Sache der Deutschen ist.
Noch gar nicht so lange ist es her, da wurden wir Papst, fast waren wir Fußball-Weltmeister und immer wieder mal sind wir PISA-Versager. Aber danach? Was machen wir danach?

Ich finde, wir werden Popkultur. Alle zusammen. Das ist ganz einfach - da muss niemand etwas anderes als vorher machen und trotzdem hat das Ganze einen Namen: Popkultur. Noch dazu so einen schönen prägnanten - passt auf eine Bild-Titelseite und lässt glücklicherweise nicht allzu viel Platz für andere "Nachrichten".

Oder besser noch: Analog zu den diversen Kulturhauptstädten Europas werden wir dann Popkulturhauptland Europas, das muss doch zu schaffen sein. So mit einem hübschen Logo und vielleicht einer Kennmelodie. Grönemeyer oder so. Hat ja bei der WM auch funktioniert. Sonst Tokyo Hotel.
Jedenfalls müssen wir dann lediglich ein bisschen geschickt argumentieren, manche Sachen vielleicht ein bisschen geschickt weglassen und andere Sachen ein bisschen geschickt dazuerfinden. So schwer kann das doch nicht sein. Und ansonsten sind wir einfach wir - quasi lebende Ausstellungs- und Beweisstücke.

Dann interpretieren wir die "Bild" einfach dahingehend, dass wir uns ja völlig bewusst sind, dass sie - sagen wir mal - journalistische Unzulänglichkeiten hat - denn was interessiert uns Politik, Kriege, Wirtschaft?!
In einer Welt, die ständig näher zusammenrückt, ist das unser Statement pro Autarkie, für mehr Leckt-uns-doch-alle-am-Arsch.
Und wenn wir das alle (oder auch nur ein paar wenige, die dafür umso plakativer) gemeinsam machen, können wir das Ganze "Popkultur" nennen und sind nicht nur voll am Puls der Zeit (hey - wir sind schließlich Popkultur!), sondern auch fürchterlich individuell (so wie wir macht das jedenfalls keiner).
Dann lassen wir uns von "Juli" und Consorten die Hymne neu schreiben - und verwenden sie alle zusammen als Klingelton.
Wahlen werden abgeschafft und Dieter Bohlen wird Bundeskanzler. Minister werden nicht mehr mühsam bei Koalitionsgesprächen ausverhandelt, sondern gecastet und jeder darf mal ins Fernsehen. "Deutschland sucht den schönsten Bademeister", "Deutschland sucht die klügste Automechanikerin", "Deutschland sucht den sympathischsten Klavierstimmer mit grünen Augen und einem Leberfleck auf dem rechten Knie" - die Formate werden uns schon nicht ausgehen und irgendein Opium braucht das Volk schließlich.

Kinder und Hunde bekommen eine Supernanny, die dann auch gleich dei Sache mit der Bildung geradebiegt, zumindest auf ein Maß, bei dem die Kleinen keine körperlichen Schmerzen verspüren, wenn sie fernsehen.
Und neue Kultur brauchen wir nicht mehr - die alte ist doch noch gut und wird mit Inbrunst von Prominenten (siehe "jeder darf mal ins Fernsehen") in diversen Musik-Recycling-Shows rauf- und runtergespielt.


Und wer das nicht gut findet, mit dem spielen wir dann einfach nicht mehr.
Herr V. ist Blogjungfrau, sieht sich aber somit als defloriert an. Gut zuhören jetzt.

MTV und der Wandel der Popkultur

Pax
Wie sich Musikfernsehen letztendlich selbst der größte Feind ist und warum der Begriff "Popkultur" so dehnbar ist.
Die Kultur der Massenunterhaltung, nicht zuletzt entstanden aus dem Bedürfnis Geld zu verdienen, die Popkultur also, hat sich in den letzten Jahren massiv verändert. Eine nicht unwesentliche Rolle hat MTV dabei gespielt. Ich kann mich gut an die Zeiten vor MTV erinnern. Popkultur gab es auf dem Land eigentlich nicht. Oder nur verspätet und häppchenweise. Sie sickerte via Wanderdiscos oder das Radio (Hitparade) zu uns, allerdings nur sehr begrenzt. Auch die Bravo dürfte eine gewisse Rolle gespielt haben, oder die Peers, die sich auf die weite Reise nach Zürich machten (es war die Zeit vor der S-Bahn und somit reiste man statt 10 Minuten wie heute deren 45) um den Puls der Zeit zu fühlen.

1979 wurde Radio24 gegründet, der erste private Radiosender der Schweiz. Die Popkultur hatte endlich einen Kanal und ich erinnere mich noch gut, wie viele Menschen damals mit weissen Fähnchen an der Antenne Auto fuhren. Dem Zeichen dafür, dass man pro Radio24 und gegen ein staatliches Monopol war. Der Staat schlug zurück und so ist eine meiner frühen Radioerinnerungen die live übertragene Schliessung von Radio24. Ein paar Jahre später sprang auch der Staat auf den Zug auf und lancierte mit DRS3 den ‚amtlich bewilligten Störsender’, der aber nie auch nur halbwegs so massentauglich war wie die private Konkurrenz. Doch das alles beschränkte sich nur auf die Musik. Es fehlte immer noch etwas, Popkultur fand nur auditiv statt.

Dann kam MTV und alles wurde auf einen Schlag anders. Man hatte vorher schon auf dem SKY-Channel ab und an Musikvideos bewundern können (ich nur bei den Grosseltern, da wir zu Hause kein Kabel-TV hatten). Aber dann gab es einen Sender extra für uns, die Jungen, die, so denke ich, massgeblich zum Konsum der Popkultur beitragen und auch deren Zielgruppe sind. Nun gab es neben auditiver auch visuelle Popkultur und die hat uns schlicht gesagt weggeblasen. Wie Ray Cokes das machte, was ihm Stefan Raab Jahre später nachgemacht hat, das hatte man im TV so noch nicht gesehen.

Gut in Erinnerung hab ich noch, dass die Popkultur über einen hohen Altersrange geteilt wurde. Sogar mein Vater hörte sich diese Musik an, was in den Generationen vorher sicher nicht so war. Die Welt bestand noch mehrheitlich aus Rock und Pop, auch wenn sich in NY bereits die Wende zu anderer Musik abzeichnete. Popkultur, so habe ich es wahrgenommen, war zu Beginn der 80er Jahre etwas, was sich viele Leute geteilt haben. Nischen gab es wenige (oder sie waren nicht sicht- oder hörbar), die grosse Mehrheit liess sich im selben Fluss dahin treiben.

Von dem ist nicht mehr viel geblieben. MTV war des MTV Tod. Wer sich heute durch das Programm von MTV zappt sieht zwar Popkultur, aber eine, deren Zielpublikum mittlerweile noch aus ein paar wenigen Jahrgängen besteht. Das M im Namen verdient schon fast nicht mehr genannt zu werden, Popkultur hat heute nicht mehr viel mit Musik zu tun, zumindest wenn man MTV als Gradmesser nimmt. Das Visuelle hat das Auditive verdrängt, oder lässt es zumindest als Klingeltöne noch knapp am Leben.

Natürlich gibt es auch heute noch Musik. Aber sie hat wieder einen anderen Stellenwert eingenommen. Ende der 70er Jahre gab es zwar Punk, für die meisten Menschen waren die neuen Möglichkeiten, die durch die privaten Radios und MTV in unsere Stuben kamen jedoch so faszinierend, dass darob vergessen wurde, dass die Musik immer ein wichtiges Mittel der Abgrenzung zwischen jung und alt gewesen war. Das weiss die heutige Jugend wieder besser. Ich nehme nicht mehr Teil an ihrer Musik, die dürfen sie für sich alleine haben. Doch rechtfertigt eine solche Programmgestaltung auf MTV noch den Begriff Popkultur? Gibt es sie überhaupt noch, die Masse? Leben wir nicht in einer Zeit, in der es so viele Nischen gibt, dass es vermessen ist von einer Popkultur zu sprechen? Natürlich, die Massen werden weiterhin unterhalten. Dazu tragen wiederum visuelle Mittel wie Superstar oder Starsearch bei, bei denen die Zielgruppe zugleich Akteur ist (mal abgesehen von ein paar älteren Semestern, die sich ‚lose your dreams and you will lose your mind’ von den Stones etwas zu sehr zu Herzen genommen haben und immer noch an ihren Traum glauben, mit Gesang Karriere machen zu können).

Klar ist, dass sich der Begriff der Popkultur sehr ausgeweitet hat. Die schon erwähnten Klingeltöne gehören heute dazu. Und dann sind wir wieder da angelangt, wo alles begann, weswegen es so was wie Popkultur überhaupt gibt. Nämlich beim Geld, dem alles schmierenden Motor in dieser Branche. Und dann bin ich froh, dass Cannonball Adderley und Thelonious Monk keine Popkultur sind. Denn sonst würde es sicher nicht lange dauern bis ‚Mercy, Mercy, Mercy’ oder ‚Abide with me’ als Klingeltöne zu haben sind. Und das fände ich schade.
Pax, 33, Psychologe, mit Konkubine und Tochter in Zürich lebend. Schon immer audiophil, was sich auch am dafür reservierten Platz in der Wohnung bemerkbar macht. Designer eines Web-Riddles, und Blogger der späteren Stunde.

Wer bist du?

ivy
Über das "In"-sein, die Opfer, die man dafür bringen muss und der Zwiespalt des Menschen, sowohl Individuum als auch dazuzugehören.
Wer bist du? Auf diese Frage bekommt man oft Antworten wie „Robbie-Williams-Fan“, „Goth“, „Computerfreak“, „Cola-Süchtler“ oder „Dolce und Gabanna-Anhänger“. Wieso? Weil es so sein muss. Weil es die Gesellschaft von einem verlangt. Man kann nicht anders. Man kann sich dem Ganzen nicht entreißen. Egal, ob man erwachsen oder noch in der Pubertät steckt: man wird gezwungen sich anzupassen.

Wenn man keine coolen Klingeltöne auf dem Handy hat oder nicht weiß, was so bei O.C. California momentan abgeht, dann ist man der Verlierer der Saison. Jugendliche wissen, mit wem Paris Hilton grad herumgemacht hat und um was es bei der neuen Kollektion von Dior geht. Aber wer momentan Bundeskanzler ist, scheint gar nicht so wichtig zu sein. Zumindest nicht fürs alltägliche Leben. Sogar Gruppen, die früher einmal totale „outkasts“ waren, sind jetzt zu Mitläufern mutiert. Bestes Beispiel: Punks. Menschen, die sich oft selbst zu Außenseitern machen um die Anarchie pur zu leben. Arbeit, Konsum und Popzeitschriften waren bei den Anhängern des Punk als out abgestempelt. Und jetzt? Jetzt laufen sie mit iPods, Pseudo-Punk-Retro-Designerhosen herum und wissen nicht einmal, was Anarchie bedeutet. Und noch weniger, wer die Sex Pistols waren. Es ist egal, denn die anderen wissen es schließlich auch nicht. Und im schlimmsten Fall kann man immer noch bei Wikipedia nachsehen. Nur für alle Fälle.

Bewusst ist es uns nicht, dennoch ist es da: Der Druck, der auf uns lastet, damit wir dazugehören. Der Mensch als zoon politicon hat die Aufgabe sich sozial einzufügen. Und in einer Medien- und Informationsgesellschaft ist das gar nicht so einfach zu erfüllen. Erstens muss man es sich leisten können und zweitens muss man dafür sein eigens Ich, das Individuum, das in einem schlummert, oft in den Hintergrund stellen. Denn es zählt nicht, was man will, sondern was von einem verlangt wird zu wollen. Und wer meint, dass er sicher nicht gemeint ist, dann hat er sich getäuscht. An einem einzigen Tag nehmen wir unbewusst so viele Informationen wahr, die sich dann auf unser alltägliches Tun auswirken, dass es uns selber wahrscheinlich erschrecken würde, wenn es uns vor Augen geführt werden würde. Eine Werbung dort aufgeschnappt, eine Werbung dort gesehen – vielleicht nicht einmal registriert – und schon will man auf einmal diesen und jenen (und nämlich genau diesen!) mp3-Player. Weil ihn nämlich alle anderen auch haben. Und wenn ihn die anderen haben, dann ist er sicher toll. Leider kann man sich diesem ganzen Konsumdruck nicht entziehen. Es ist so gut wie unmöglich. Es geht einfach nicht. Und wer meint, er könne es, der ist sich dessen einfach nicht bewusst. Oder er will „anders“ sein. Und das ist heutzutage nun mal niemand.

Im Gegensatz dazu – nämlich zu dieser Massengesellschaft – steht die Informationstechnologie, die das Individuum stark betont. Blogs zum Beispiel. Da ist wieder jeder in seiner eigenen kleinen Welt. Und die anderen dürfen zuschauen. Dem einen beim Kind erziehen und dem anderen beim Hausbauen. Und wer weiß ob das auch nicht ein Druck der modernen Massengesellschaft ist: nämlich sich selbst darzustellen. Um in den Hintergrund zu schieben, dass man eigentlich wie alle anderen ist: man will einfach dazugehören.
bloggt auf http://ivys.twoday.net über das Studieren und Leben mit einem Kind, die Krisen im Elternhaus und wie es ist, wenn man oft zu gar nichts kommt.

kolumne


Taxi zwischen den Welten

Luckystrike
Ein Shamanentaxi - von Kreuzberg nach Kreuzberg, und doch zwischen den
Welten.
Taxifahrer und Berlin passen ja zusammen wie Currywurscht und Pommes Schranke (rot-weiß), wie Molle und Korn und Pfitze und Mira. Eigentlich SIND sie Berlin, und sollten bei Altersmittellosigkeit genauso gehegt und gepflegt werden wie die Knef, als sie alt, hilf- und mittellos war. So als National Treasure.
Schließlich weiß man nur dann genau, daß man in der harten Hauptstadt angekommen ist, wenn man erstmal gleich am Flughafen oder Bahnhof herzhaft vom Taxikutscher angeschnauzt wird. Wenn nicht, könnte man ja meinen, in Köln oder München gelandet zu sein.

Manchmal gerät man aber auch an einen Taxifahrer, der mit Bolle-Jovialität genau den Spruch macht, den man brauchte für die richtige Einstellung, den Tag zu überleben. Herzhaft herzlich, Hartz 4 am richtigen Fleck.

Als ich gestern Nacht in ein Taxi stieg, war das eine ganz neue Erfahrung. Kein Nichtrauchertaxi, im Gegenteil, die Endvierziger wettergegerbte Fahrerin hatte sich ihre Pause mit einem fetten Joint versüßt, gleich vorm Curry 36. So fett, daß das innere des Taxis milchblau schien, und ich sehr bald ebenfalls deutlich entspannte. Sie fuhr dann auch, sagen wir, sehr intuitiv, ging kreativ mit dem Schalten um, brachte mich aber einen Euro billiger heim, als alle ihre Kollegen das jemals vorher geschafft hatten, auf gleicher Strecke.
Nur bei der Bitte um eine Quittung kam sie ins Schleudern: Im breitesten Schwäbisch rätselte sie: 'Als wir losgefahren sind, war noch Gestern, jetzt ist heute, also morgen, welches Datum soll ich denn eintragen? Wir sind ja nur ein paar Minuten gefahren, aber ich hab Sie in einen anderen Tag gebracht, seltsam, nicht? Eine Zeitreise! Zwischen Gestern und Morgen!
Ach ja, und es lief natürlich esoterische Klimper- und Flötenmusik.

Dieser ist is bereits im Weblog des Autors erschienen.
Bei Lucky Strike wird viel geraucht, viel getrunken, viel genossen und viel gearbeitet. Dafür geht es wenig sportlich, wenig mädchenhaft und überhaupt nicht cool zu. A Place for the Sacred and the Profane, mal grob, mal fein, mal hart, mal zart.

Berlin bei Nacht

nberlin
Wie vielfältig eine Stadt ist, zeigt sich besonders bei Nacht - eine spannende Reise durch die Berliner Nacht.
Gestern Nacht (oder heute Morgen) bin ich mal wieder, nach langer Zeit, durch die Stadt gefahren. Unsere Tour began in Kreuzberg zu Hause bei ihr mit Sekt (Geburtstag!) und wir fuhren dann zum Rosa-Luxemburg-Platz um Makali (arabische Teigtasche mit frittierten Gemüse und Salat mit Sesamkischererbsensoße) zu essen. Der Weg dahin führte über den Hackeschen Markt. Dort waren große touristische Menschenmengen versammelt und in der Tram sprach kaum einer deutsch. Irgendwo scheint es ein Gesetz zu geben das Touristen oder Geschäftsreisende sich am Samstag auf dem Hackeschen versammeln müssen. Das Makali war gut und obwohl wir ins White Trash wollten liessen wir uns zu Tante Käthe entführen. Dafür mussten wir nur durch den ganzen Mauerpark rennen und diverse Zäune überklettern. War dann auch nett da, kein Eintritt, großer Vorgarten mit Chilllounge, kleiner Raum mit Dj, Bar und Kicker Bereich. Das Volk dort war angenehm und sehr gemischt, aber im Schnitt etwas jünger, was meiner Freundin, die gerade die große 30 verarbeitet, nicht ganz so gut gefiel.
Also sind wir wieder los, ab durchs Gewerbegebiet und haben uns natürlich verlaufen. Trotzdem kamen wir irgendwo an wo es ein große "H" zu sehen gab und fuhren Richtung Eberswalder. Dort begriff ich dann endlich was der Prenzlauer Berg Schick ist. Wir standen vor dem White Trash, was Eintritt kostete und mittelmässig bei lauter Rockmusik besucht war und konnten uns nicht entscheiden. Schöne Menschen jeden Alters oder solche die sich für schön hielten, gingen ein und aus. Ein Ort der Selbsinszenierung. Prenzlauerberg halt, ein Ort wo jeder aussieht als ob er Modell oder Künstler wär oder zumindestens versucht so auszusehen. Da es mittlerweile nach drei war und uns vier Euro um nur mal reinzugucken viel erschien nahmen wir doch die UBahn heim. Wir waren auch fertig und sahen auch so aus (meine Freundin meinte wir sehen auch aus wie White Trash), zwischen den Modells schlossen wir da schlecht ab. Naja war nach vier zu Hause, habe zum Glück nur einen mittelmässigen Kater, da ich nachts schon Wasser getrunken habe und fand den Abend trotzdem gelungen. Berlin ist halt ne Stadt wo es Leute gibt die es gar nicht gibt...;-)

Dieser ist is bereits im Weblog der Autorin erschienen.
betreibt ihren Gemischtwarenblog "Nadine in Berlin" seit über einem Jahr und schreibt über das Leben und das Universum und den Rest... tiefsinnig, sinnfrei, persönlich, lustig und kritisch.

Eyes On - Ein teures Missgeschick

robert scharfenberg
Ein kleines Missgeschick kann passieren. Auch, wenn diese kleine Missgeschick durchaus große Folgen mit sich zieht. Aber wer in die verzwickte Situation kommt, einen Picasso zu besitzen, sollte sich auch leisten können, einfach mal ein Loch reinzumachen.
Wir stellen uns einen Mann vor, der in Las Vegas Casinos baut - und das recht erfolgreich - und kauft sich mit dem verdienten Geld Kunst. Es kommt der Tag, da möchte er sich von einigen Werken trennen - unter anderem von einem Picasso - und er versteigert das Bild tatsächlich für 139 Millionen Dollar - und was macht er? Er rammt versehentlich seinen Ellenbogen in das Bild....
robert ist auf der suche. nach interessanten autoren, nach faszinierenden grafikern und fotografen, nach dem lächeln oder dem stirnrunzeln, dass einen beim lesen überkommt. deshalb ist er jetzt bei mindestenshaltbar und darf genau diese dinge finden.

Eyes On - Regelwerk

robert scharfenberg
Bedingungslose Liebe war früher. Heute gibt es Regeln.
Man möchte fast sagen: Regeln sind Popkultur.
Wir alle müssen immer wieder Kompromisse machen - im Berufsleben wie privat. Kate Moss geht die Sache anders an: Sie stellte ihrem Pete Doherty einfach 6 Regeln auf, die er zu befolgen hat, wenn er sie ehelichen möchte. Unter anderem: Keine Drogen mehr, kein Kontakt zu bestimmten Freunden und keine Flirts mehr mit Groupies...
robert ist auf der suche. nach interessanten autoren, nach faszinierenden grafikern und fotografen, nach dem lächeln oder dem stirnrunzeln, dass einen beim lesen überkommt. deshalb ist er jetzt bei mindestenshaltbar und darf genau diese dinge finden.

popkultur

verschiedenen flickr-Usern
Was braucht man, um Kultur populär zu machen? Richtig: Medien. Von der LP zur MP3, von der Wochenschau im Kino bis zum Video-Podcast - alles ist erlaubt.

Editorial

robert scharfenberg
Bei Popkultur hat - mehr als bei jedem anderen Thema - jeder seine eigene Vorstellung von der Materie.
Wer bist du? Was ist deine Popkultur?
Popkultur. Was ist eigentlich Popkultur?
An Definitionen mangelt es sicher nicht, aber letztendlich ergeben alle diese Definitionen zusammen einen weitläufigen Begriff, der sich in jede erdenkliche Richtung erstreckt und doch irgendwie nicht greifbar ist. Es ist viel zu einfach geworden für die Meinungsbildner dieser Welt.
MP3s? Popkultur. Convenience-Denken? Popkultur. Straßenbahnfahren? Klar, auch Popkultur.

Eine Definition interessiert mich nicht. Interessant ist, wie andere Menschen Popkultur sehen, was sie damit verbinden und was alles für sie in diesen großen Begriffstopf hineinfällt und was nicht.
Und dass man - wie bei jedem Text - ein kleines bisschen mehr über die Persönlichkeit des Autors erfährt.

Hier liegt für mich der Reiz, über Popkultur zu reden.
Und für die, die noch einen zusätzlichen Grund brauchen:
mindestenshaltbar ist Popkultur. Nicht nur diesmal.
robert ist auf der suche. nach interessanten autoren, nach faszinierenden grafikern und fotografen, nach dem lächeln oder dem stirnrunzeln, dass einen beim lesen überkommt. deshalb ist er jetzt bei mindestenshaltbar und darf genau diese dinge finden.