
Bewegungslos
von C. Araxe
Sport ist Mord . Diese Erkenntnis formte sich schon am Anfang meiner Schulzeit, in der sich der Sportunterricht sehr leistungsorientiert und zudem paramilitärisch durchsetzt gestaltete. Der Größe nach wurde sich zu Beginn der Unterrichtsstunde in einer Reihe aufgestellt und dem Lehrer wurde zackig Meldung gegeben: „Stillgestanden! Richt Euch! Augen geradeaus! Zur Meldung die Augen links! Herr Sowieso, ich melde die Klasse Soundso zum Unterricht bereit! Es fehlt niemand. Spooort frei!“ Was mit einem ebenso zackigem „Sport frei!“ beantwortet wurde. Und dann ging die Trietzerei los. Die Aufwärmübungen hätten schon vollkommen ausgereicht, danach begann aber erst die eigentliche Tortur. Die Erfolge von DDR-Sportlern waren eben nicht nur im Doping zu suchen, sondern auch in der konsequenten Orientierung an Vorgaben des Leistungssports.
Es reichte nicht aus, dass die Besten teilweise schon im Kindergartenalter an die KJS (Kinder- und Jugendsportschule) delegiert wurden. Sondern die Maxime „Der Leistungssport hilft allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeiten zu entwickeln und fördert die Erziehung zum Staatsbewusstsein“ galt überall. Es waren die Zeiten des Kalten Krieges, die sich gar nicht so kalt anfühlten, wenn einem wieder einmal ein schweißtriefender Beitrag zur Festigung des Sozialismus abverlangt wurde. Damit jedem bewusst wurde, dass dieser Sport nicht zur reinen Körperertüchtigung diente, gab es dann auch Disziplinen wie Handgranatenweitwurf. Die Mädchen griffen zu den kugeligen Eierhandgranaten F1 (Limonka), deren maximaler, tödlicher Wirkungsradius 200 Meter beträgt. Wie sich das geriffelte, kühle Metall anfühlt, weiß ich immer noch. Sehr weit sind die 600 Gramm schweren Teile bei mir allerdings nicht geflogen. Und mit Sprengstoff waren sie auch nicht bestückt.
Die Ausübung solcher Tätigkeiten erfolgte dementsprechend nicht in irgendwelchen Sportklamotten. Nein, auch die Kleidung war streng vorgeschrieben. Jede Schule hatte ihre eigenen Farben, ungeachtet des geringen Angebots der Spowa (Abkürzung für Sportwaren, einem Kaufhaus in jeder größeren Stadt, in dem es größtenteils Sportbekleidung gab, aber auch Pionier- und FDJ-Uniformen) und auch ungeachtet dessen, dass die Wahl einer weißen Hose wie in meinem Fall höchst unpraktisch war. Das fanden zumindest die Mütter nach einer Sportstunde, die draußen bei weniger guten Wetterbedingungen stattfand.
Aber nicht genug, dass es den Sportunterricht gab, selbst in der mageren Freizeit wurde man gedrängt, da und dort sportlich in Erscheinung zu treten. Als wenn diese durch Pioniernachmittage und diverse Arbeitsgemeinschaften nicht schon eingeengt genug gewesen wäre. Immer wieder gab es Vorschläge zur gezielten Förderung in einer geeigneten Sportart, nachdem akribisch die Körpermaße ausgewertet wurden. Hatte man es geschafft, sich diesen zu entziehen, stand ganz gewiss die nächste Spartakiade oder sonstige Wettkämpfe bevor. Die gab es auch extra für jene, die nicht zu den Kadern zählten, also keiner Form des organisierten Sports angehörten. Und so fanden sich diverse Medaillen, Urkunden und das alljährlich obligatorisch zu erringende Sportabzeichen bei wirklich jedem ein. So oder so, die Freude an sportlichen Betätigungen wurden bei mir auf diese Weise nicht geweckt. Es wurde das genaue Gegenteil bewirkt.
Dann geschah etwas Erstaunliches. Nicht nur die Mauer fiel, sondern auch noch einige andere Ansichten. Von einem Tag auf den anderen verabschiedete sich der Sportlehrer vom eingeschliffenen Drill, dem er mit sehr viel Freude nachgegangen war. Ja, man könnte behaupten, dass dieser Lehrer durchaus sadistische Neigungen hatte. Aber das war nun plötzlich Vergangenheit. Spiel und Spaß standen jetzt im Vordergrund, bar von jedem Leistungsdruck. Nun ja, es war eine Zeit, in der so mancher eine Drehung um hundertachtzig Grad machte. Die Zeit der Wende und der Wendehälse.
Es nützte aber alles nichts, Sport blieb für mich etwas, dem ich fortan aus dem Weg ging. Durchaus auch sehr weite Wege, denn Gehen erfreut sich bei mir dann doch einiger Beliebtheit. Genaugenommen, sehr großer Beliebtheit. Selbstverständlich aber ohne Nordic-Walking-Stöcke. Zum einen sieht das einfach lächerlich aus, zum anderen könnte man zu leicht meinen, dass es sich um Sport handelt. Und den mag ich ja nicht.
Es reichte nicht aus, dass die Besten teilweise schon im Kindergartenalter an die KJS (Kinder- und Jugendsportschule) delegiert wurden. Sondern die Maxime „Der Leistungssport hilft allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeiten zu entwickeln und fördert die Erziehung zum Staatsbewusstsein“ galt überall. Es waren die Zeiten des Kalten Krieges, die sich gar nicht so kalt anfühlten, wenn einem wieder einmal ein schweißtriefender Beitrag zur Festigung des Sozialismus abverlangt wurde. Damit jedem bewusst wurde, dass dieser Sport nicht zur reinen Körperertüchtigung diente, gab es dann auch Disziplinen wie Handgranatenweitwurf. Die Mädchen griffen zu den kugeligen Eierhandgranaten F1 (Limonka), deren maximaler, tödlicher Wirkungsradius 200 Meter beträgt. Wie sich das geriffelte, kühle Metall anfühlt, weiß ich immer noch. Sehr weit sind die 600 Gramm schweren Teile bei mir allerdings nicht geflogen. Und mit Sprengstoff waren sie auch nicht bestückt.
Die Ausübung solcher Tätigkeiten erfolgte dementsprechend nicht in irgendwelchen Sportklamotten. Nein, auch die Kleidung war streng vorgeschrieben. Jede Schule hatte ihre eigenen Farben, ungeachtet des geringen Angebots der Spowa (Abkürzung für Sportwaren, einem Kaufhaus in jeder größeren Stadt, in dem es größtenteils Sportbekleidung gab, aber auch Pionier- und FDJ-Uniformen) und auch ungeachtet dessen, dass die Wahl einer weißen Hose wie in meinem Fall höchst unpraktisch war. Das fanden zumindest die Mütter nach einer Sportstunde, die draußen bei weniger guten Wetterbedingungen stattfand.
Aber nicht genug, dass es den Sportunterricht gab, selbst in der mageren Freizeit wurde man gedrängt, da und dort sportlich in Erscheinung zu treten. Als wenn diese durch Pioniernachmittage und diverse Arbeitsgemeinschaften nicht schon eingeengt genug gewesen wäre. Immer wieder gab es Vorschläge zur gezielten Förderung in einer geeigneten Sportart, nachdem akribisch die Körpermaße ausgewertet wurden. Hatte man es geschafft, sich diesen zu entziehen, stand ganz gewiss die nächste Spartakiade oder sonstige Wettkämpfe bevor. Die gab es auch extra für jene, die nicht zu den Kadern zählten, also keiner Form des organisierten Sports angehörten. Und so fanden sich diverse Medaillen, Urkunden und das alljährlich obligatorisch zu erringende Sportabzeichen bei wirklich jedem ein. So oder so, die Freude an sportlichen Betätigungen wurden bei mir auf diese Weise nicht geweckt. Es wurde das genaue Gegenteil bewirkt.
Dann geschah etwas Erstaunliches. Nicht nur die Mauer fiel, sondern auch noch einige andere Ansichten. Von einem Tag auf den anderen verabschiedete sich der Sportlehrer vom eingeschliffenen Drill, dem er mit sehr viel Freude nachgegangen war. Ja, man könnte behaupten, dass dieser Lehrer durchaus sadistische Neigungen hatte. Aber das war nun plötzlich Vergangenheit. Spiel und Spaß standen jetzt im Vordergrund, bar von jedem Leistungsdruck. Nun ja, es war eine Zeit, in der so mancher eine Drehung um hundertachtzig Grad machte. Die Zeit der Wende und der Wendehälse.
Es nützte aber alles nichts, Sport blieb für mich etwas, dem ich fortan aus dem Weg ging. Durchaus auch sehr weite Wege, denn Gehen erfreut sich bei mir dann doch einiger Beliebtheit. Genaugenommen, sehr großer Beliebtheit. Selbstverständlich aber ohne Nordic-Walking-Stöcke. Zum einen sieht das einfach lächerlich aus, zum anderen könnte man zu leicht meinen, dass es sich um Sport handelt. Und den mag ich ja nicht.
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