Eine ganz gewöhnliche ICE-Geschichte

von neuro
Eine ganz gewöhnliche ICE strecke mitten in Deutschland.
Ich sitze auf meinem Gangplatz und beobachte die Leute. Ich fokussiere die nächste Umgebung und behalte sie für einen Augenblick im Kopf. Ich drucke während dessen auf den Speicherkopf und schaue mich weiter um. Auf den Speicherknopf hab ich keinen Einfluss, da steht irgendeine Mechanik dahinter, die ich nicht kapiere. Anders/verständlicher: ich kann das Speicherverhalten nicht steuern. Es hat wohl Macht über mich.

In unmittelbarer nähe sehe ich : einen Junge im Grundschulalter, ein Frau die ein Buch liest, eine Gruppe von zwei Ehepaaren, leicht angetrunken, ein Geschäftsmann mit einem Handy, ein Pärchen, das sich offensichtlich nichts zu sagen hat.

Der Junge im Grundschulalter sieht aus, als ob die Klamotten seines älteres Bruders tragen muss. Die Jeanshose zu kurz, die Öko-Sandalen zu alt, die Ärmel des rotes Sweatshirts ausgeleiert. Er sitzt neben der Frau mit dem Buch, die aber nicht seine Mutter zu sein scheint. Sagt mir mein inneres Gefühl. Über meine innere Gefühle hab ich auch keine Macht, übrigens. Die Frau liest in einem Buch und beachtet den Jungen nicht. Er fragt sie, ob er ein Apfel essen darf und sie sagt „ja“. Nicht mehr und nicht weniger. Der Junge holt sich einen Apfel aus seinem Rucksack ( der übrigens so aussieht, als ob ein älterer Bruder ihn schon jahrlang benutzt hätte) aus, wischt den Apfel mit dem ausgeleiertem Ärmel seines T-Shirts, und legt den Apfel auf die Seite. Er streckt plötzlich seinen rechten arm grade, vor sich hin, dreht den Arm, so dass die Innenhand nach oben zeigt. Dann knick er den Arm um 90 grad nach innen, so dass er die Innenfläche seiner Hand sehen kann. Direkt vor den Augen. Er betrachtet die Hand, ne Weile so, als ob er sich darin spiegeln könnte.

Dann knickt er den Arm um 25 grad nach links und sagt zu mir: „ das ist ein Backslash“. „ und das ist ein Slash“ sagt er, während er den Arm nach rechts um 25 grad biegt. Ich finde das nett, und sage „ Ah so“. Vermutlich fühlte er sich durch mein Beobachten dazu verpflichtet, irgendwas außergewöhnliches zu machen. Einen Augenblick lang dachte ich daran, ihm auch was außergewöhnliches zu zeigen, ( ich habe Gummiarme und kann sie in alle Richtungen drehen/knicken, eine riesige Gruselnummer für die Kindern, damit verschaff ich mir immer Respekt), verwarf die Idee aber schließlich, weil sonst zu viele Blicke auf mich ziehen würde.
Ich denke, was wäre , wenn der Junge eine große Schwester hätte. Ob er die Klamotten der Schwester tragen würde?

Die Frau mit dem Buch reagiert nicht. Der Junge führt vielleicht regelmäßig Selbstgespräche .
Ich fokussiere die Frau. Sie hat dunkles Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hat, eine beigefarbene Hemdbluse, die etwas zu altmodisch für ihren alter scheint und braune Cordhose. Sie sieht aus wie eine asiatische Studentin, die aber europäische Gesichtszüge hat. Sie sitzt am Fenster, wobei sie den Kopf seitlich an die ICE-Fensterscheibe anlehnt. Im Hintergrund sieht man in Schnelldurchlauf die Landschaft, wo man nur die Strommäste erkennen kann. Und mitten drin, wie in einem surrealistischem Gemälde, der Kopf der Frau. Ich muss an „lost in translation „denken. Vielleicht ist das eine Asiatin, die aber total europäisch aussieht. Ich wende mich ab, weil mich das Bild ein bisschen müde macht. Bei „lost in translation“ schlief ich übrigens ein.

Ich schaue mir die zwei angetrunkene Pärchen an, die einen Dialekt sprechen, den ich kaum verstehen kann. Noch nie gehört. Vielleicht Franke-Dialekt oder so was. Ich habe noch nie den fränkischen Dialekt gehört, ich habe nur davon gehört. Die Frauen und Männer, vermutlich Ehepaare, sind angezogen, als ob vorhätten, direkt aus dem ICE in einen Kegelklub zu gehen, oder irgendein Turnverein, wo man einen großen Wert auf den Partnerlook legt.

Paar_1 ist so um die 60. Der Mann leicht alkoholisiert aber eh ruhig, ein Typ vom Mann, der im betrunkenen Zustand nicht aggressiv ist sondern eh sanft Die Frau deutlich mehr alkoholisiert und mehr der Typ der zur Aggressionen neigt. Sie meiden es, sich beim Namen zu nennen. Die Frau erzählt Witze, die aus folgenden Worten bestehen: sauf`n, bier, pils, nen halben, da haben wir schon gesoffen, krumbacher. Die Frau lacht sehr laut, wobei sie dabei grunzt wie ein Schwein.

Paar_2 ist ebenfalls um die 60. Der Mann ist so ein „Vital-Typ“ , ein Typ den man gerne als rüstigen Rentner bezeichnen würde Er hat eine markenlose Jeans an, ein gelbes Hemd und seine Lesebrille ist an einem Band befestigt. Er findet die Alkohol Witze sehr witzig und lacht sehr laut, ohne zu grunzen.

Seine Partnerin ist wohl die älteste der Gruppe. Sie hat graues Haar, pastellfarbene Kleidung und sie könnte in einer chirurgischen Arztpraxis arbeiten, als der Arzthelferoberdrache. Um es kurz zu beschreiben, die sah aus wie ein Drache. Man sagt wohl, mit solchen Leuten ist nicht gut Kirschen essen.

Ich muss dran denken, ob bei den Leuten noch was im Bett läuft, ob sie vielleicht alle zu viert was drehen und ob der Drache auf die Grunzsau eifersüchtig ist. Ich will nicht mehr darüber nachdenken, stöpsle Kopfhörer und stelle die Lautstärke auf 27 in der Skala von 1 bis 30. Und drehe mich um.

Der Geschäftsmann, grauer Anzug, Standarduniform eines ICE-Reisendes IT’ler, mittleres Management schätz ich, sonst würde er first-class fahren. Vielleicht ein Junior-key-account-manager. Er checkt alle 20 sek sein Handy, ob der Empfang da ist. Sonst keine besondere Vorkommnisse. Ich starre ihn offensichtlich komisch an, weswegen er um einen Sitzplatz weiterrutscht, so dass er aus meiner Blicksicht verschwindet. Ist mir recht.

Ich fokussiere jetzt das junge Paar, das sich wohl nichts zu sagen hat. Sie sind gemeinsam zugestiegen, die Frau zog gleich, nach dem sie den Fensterplatz eingenommen hat, ihre Schuhe aus, setzte sich quer auf den Sitz und legte ihre Füße über die Beine des Mannes. Der Mann streichelte die Füße dann ab und zu. Die Frau schaut den Mann fragend an, als ob sie was nettes hören will z.B. ich habe dich lieb oder ich bin froh dass wir zusammen sind. Aber der Mann sagt nichts, er streichelt ab und zu ihre Füße und blickt irgendwo in die Ferne. Ich habe versucht den Punkt zu finden, wo seine Augen zu ruhen schienen, aber ich fand nichts, wo es sich für die Augen lohnen würde. Er blickte wohl in die Leere. Die Leere spiegelte sich dann in seinen Augen. Einmal hab ich gesehen, hat sie nach seiner Hand gesucht, fand sie aber nicht. Irgendwie fanden ihre Hände nicht zu einander. Die Frau will bestimmt auch immer einen Fensterplatz im Flugzeug haben, überlege ich, vielleicht findet er das ungerecht und vielleicht ist das der Grund, wieso ihre Hände nicht zueinander finden.

Ich drehe mich um und versuche auch in die Leere zu starren. Ich sehe Strommäste, die an mir vorbei fahren, was unmöglich ist, weil ich an ihnen vorbei fahre. Ich mache die Augen zu. Ich versuche die Zuggeräusche des ICE zu unterdrücken, die trotz des MP3players in der Lautstärke 27 von 30 , nicht aus dem Innenohr verschwinden wollen. Ich versuche die Musik von dem Zuggeräusch zu trennen, aber das geht auch nicht. Ich gebe auf , versuche gar nichts mehr und lass mich in die Geräuschewolke fallen, die mich wie gas umhüllt.

Und auf 3 .. hab ich die Augen wieder aufgemacht
..auf 2.. hab ich gar keine Geräusche mehr gehört
und auf 1 war ich wach.

Fast jeden morgen treffen sich die verschiedensten Menschen bei der Ausübung einer ganz bestimmten Bewegung: dem Weg zur Arbeit. Und obwohl sie alle das selbe machen - nämlich im Zug sitzen - und zum Teil vielleicht sogar das selbe Ziel haben, gehen sie doch alle völlig unterschiedlich mit dieser Bewegung von A nach B um.
Neuro (33) lebt oberflächlich. Ausserdem ist Neuro folgendes: Vollwertiger Ersatz für jede Geselligkeit. Obladii and Obladaa. Inbegriff der Kunst. Arme Sau. And my momma always told me "my baby`s a genius". Nur--für--Verrückte. Nicht für jedermann. Wunder der Menschendressur. Soziale Dysfunktion. Like a monkey in the bank. Gegen die Lüge von ewigem Glück und Zufriedenheit. Runtime Error .
mindestens haltbar 09/2006
Jahrgang 02
Ausgabe 16
ISSN 1816-8159
Autor: neuro
Titel: Eine ganz gewöhnliche ICE-Geschichte
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am 30. Sep, 15:47

Ich hatte gestern auch ein lustiges Erlebniss im Zug.

Ich kam vom Klo wieder in den Wagen, es war schon spät. Alle versuchten irgendwie zur Ruhe zu kommen. So auch ein Mädel die völlig verträumt Musik hörte. Dabei hat sie ganz vergesen das die ein Gummitier auf den Lippen liegen hatte. Als ich sie so anschaute, wurde es ihr wieder bewusst - und wir mussten beide anfangen zu lachen...

am 2. Okt, 17:09

@ robert
hm "Gummitier auf den Lippen liegen hatte" wenn das ein orangener gummibärchen wäre, dann könnte ichs sein, wobei ich dann nicht lachen würde, sondern eh rot angelaufen wäre... grml


am 20. Okt, 15:44

Nett geschrieben.
Wobei mir ICE-Fahren ab und an auch schon vermiest wurde. Z. B. von MP3-Player-Trägern, die auf Lautstärkeeinstellung 27 von 30 den gesammten Großraumwagen mit Restfragmenten undefinierbarer "Musik ähnlicher Geräusche" berieseln.

am 19. Apr, 18:02

Ich fahre nie ICE. Ist mir zu teuer. Lieber fahre ich Fahrrad, wenn's nicht so weit ist. Ist viel billiger, weil ich ein Fahrrad hab', das schon amortisiert ist. Was ist denn ein MP3 Player auf 27 von 30? Ist das der, wo der Mann von Verena Pooth (oder Irina Pooth?) mal versucht hat, Geschäfte mit zu machen, solche Dinger mit Strippen, die man sich in's Ohr steckt? Soh'n modernen Kram mag ich auch nicht. Oder darf man ohne MP3 nicht ICE fahren? Wie auch immer, da ich sowieso nie ICE fahre, ist das auch egal, und mit MP3 Playern hab' ich auch nichts am Hut. Was solls also? Komische Geschichten, die man da so im Netz findet. Dabei wollte ich mir nur 'ne Jeans kaufen, für unter 10?. War auch nichts, schade.